Die Musiker und die 20 Jahre

Ewa Maria Slaska

Zwanzig und nicht die Zwanzigern! Die Musiker und die 20 Jahre. Eine Bestandsaufnahme aus der Filmindustrie der letzten Jahre und meinem eigenem Leben, aufgeschrieben 20 Jahre nachdem ich in Berlin zwei unbekannte Musiker traf, die in der Wohnung meines Sohnes wohnen sollten. Der Sohn war weg. Ich traf die zwei junge Kanadier auf der U-Bahn, brachte ihnen die Wohnungsschlüssel und führte sie in die kleinen Geheimnisse ein, die jede Wohnung verbirgt. Die beiden waren sehr blass und sehr schlank, oder eigentlich dünn. Sie hatten unglaublich viel Gepäck – das erste mal sah ich damals jemanden, der zwei Rücksäcke trug – einen riesigen auf den Rücken und einen nicht zu kleinen vorne auf der Brust. Handtaschen und Plastiktüten ergänzten den Eindruck, zwei solche vor sich zu haben, die nach Berlin für immer kamen, alles mitbrachten, was sie Mal hatten (viele Musikinstrumente), dass sie sich in Berlin nur der Kunst widmen werden und, na ja, nie zu etwas bringen werden. Sie sahen so aus, wie so viele andere, die mit demselben Ziel nach Berlin kamen und nie zu etwas brachten. Der Trend, der jetzt das ganze Stadtleben prägt, hat gerade angefangen, aber man sah schon genug von denen, um zu wissen…
Wir verabschiedeten uns damit, dass sie ab morgen im Klub Berlin Tokyo spielen werden und ich sei eingeladen. Den Klub kannte ich, er befand sich in einem langem dunklem Hof in der Mitte, direkt neben den anderen Hof, wo sich das Literaturbüro befand, in dem ich damals arbeitete. Relativ oft ging ich ins Kino neben dem Klub. Immer wenn ich dabei den Klubeingang sah, dachte ich, ich soll Mal da reinschauen und sehen, wie es den beiden geht, es kam aber nie dazu. Ein paar Jahre später fragte mich mein Sohn, ob ich mich an die beiden erinnere, ich bejahte, er erzählte, sie machen jetzt Kariere. Wir belassen es dabei.

Erfolgreiche Geschichte nach 20 Jahren.

Gestern zeigte er mir im TIP eine Filmbesprechung: Biopic Shut up and play the piano über Chilly Gonzales. Das ist er, sagte er. Wer? Der Kanadier von damals. Und sie?, fragte ich. Weisst du es nicht? Gonzales und Peaches.
Berlin, schon vereint, im Osten ramponiert, billig, faszinierend. Die Stadt arm aber sexy, noch keine Hipsters, es kommen alle, denken an die große Kariere und versagen, die beiden aber nicht. Elektro-Sound, Spiel mit sexuellen Identitäten, Clubs überall, Chilly Gonzales und Peaches. Und ein Film.

Der kommt heute ins Kino.

Überall im Kino gibt es jetzt Filme über die Musiker. Ich dachte, es begann mit Sugar man, der Sohn wusste (natürlich) besser – Walking the line über Johnny Cash… Klar, ja, aber trotzdem bleibe ich bei der Reihe, die ich gestern angesammelt hatte, der Film über Gonzales eingeschlossen. Dokus, Biopics, Fiction, egal. Die Musiker und die 20 Jahre, auch wenn 20 etwas symbolisch oder gar biblisch ist. Zwanzig Jahre. Noch unsere Zeiten, aber schon Geschichte, schon vergessen.

Gundermann von Andreas Dresen, 20 Jahre nach dem Tod des noch jungen Musikers gedreht. Ein Musiker der zu einem gewissen Ruhm in der DDR gebracht hatte und von dem im Westen kaum jemand kaum was weisst.

Sugar man, ein Film von Sixto Rodriguez, ein Musiker der mit dem Album Cold fact in den Staaten so gefeiert wurde wie Bob Dylan. Und danach als Bauarbeiter in vollkommener Vergessenheit lebt, bis Anfang der Zehnerjahre Malik Bendjelloul ein Film über ihn drehte.
Niko, 1988 alias die Mondgöttin alias Christa Päffgen, die Muse von Andy Warhol – auch hier sind die symbolischen 20 Jahre in der Tat 40. Muse? Göttin? Quatch. Fragen sie auf der Strasse. Niemand weisst was…

Das sind alles wahre Musiker gewesen. Es gibt aber auch Features darüber. Ein Chancon für dich mit Isabelle Huppert und Kévin Azais – eine Geschichte einer Sängerin und ihr coming back nach Jahren… Ein Drama.
Juliet, naked, ein Film nach der Buch Vorlage von Nick Hornby über einen Rockmusiker (gespielt von Ethan Hawke), der vor 20 Jahren plötzlich von der Oberfläche verschwand und erst gerade jetzt auftaucht. Eine Komödie oder, wie man es jetzt sagt, eine romantische Komödie über Liebe und Patchwork-Families.

Den Film habe ich gerade gestern gesehen und schon bei der Vorführung dachte ich über all die anderen Filme nach. Ein wahrer Trend, oder? All diese verschwundene, vergessene, unbekannte Musiker…

Es war eine Pressevorführung dh früh. Die sind immer ziemlich früh, diese Pressevorführungen. Um 13 Uhr gehe aus dem Kino Filmkunst 66 und gehe unter die S-Bahn-Brücke. Jemand spielt Gitarre. Ich gehe zu dem Musiker. Er heisst Leo. Ich frage, ob ich ihn fotografieren darf. Ich erkläre, worüber ich schreiben werde und dass er mit seiner Gitarre einen Abschluss meines Beitrags bilden wird.

OK, sagt er. Kannst schreiben. Ich spiele seit 22 Jahren Gitarre…

Verdammte 20 Jahre.

In Juliet, naked sitzt ein Unidozent mit seiner neuer Arbeitskollegin in der Kantine. Sie sagt, sie glaubt an Kunst, daran, dass die Kunst den Menschen heilt. Er schaut auf die Leute an den Tischen und sagt: die hier… die lassen sich nicht heilen, auch wenn Bob Dylan hier käme und für sie spielte, würden sie den Kopf nicht von ihrem Sudoku heben…

Ich weiss es doch. Ein weltberühmter Geiger spielte letztens unter einer Brücke (In Paris? Ich weiss es nicht). Seine Geige war ein Stradivarius. Er sammelte vielleicht 2 Euro…

Leo

Geschichter Berlins

Polnische Gräber in Berlin
historische Stadtführung

16. September 2018, 15-19 Uhr
Treffpunkt Cafe Strauss um 15 Uhr
am Eingang des Friedrichswerderschen Friedhofs
Bergmannstr. 42
10961 Berlin–Kreuzberg

In Berlin gibt es 270 Friedhöfe, darunter ca. 30 sog. historische, die man also als Kulturdenkmal betrachtet und wiederum auch ca. 30, die, wie der Friedhof wo Prof. Brückner begraben liegt, aufgelöst werden. Wie man auf diesen Friedhöfen die polnische Gräber sucht, wie man sie identifiziert, obwohl die dort begrabenen manchmal deutschen Namen tragen und Polen sind, manchmal aber polnische Namen haben und die Familien ihre polnische Abstammung abstreiten. Welche Schicksale erzählen uns die Gräber, über die Menschen, aber auch über die Deutsch-Polnischen Beziehungen. Dies und mehr erzählt uns Ewa Maria Slaska bei unserem Spaziergang in den historischen Friedhöfen auf der Bergamnnstrasse iun Kreuzberg.

Abschliessend gehen wir Kaffee trinken und leckere Kuchen Essen im Café Strauss auf dem Friedrichwerderschen Friedhof.

Ewa Maria Slaska organisierte vor ein paar Jahren eine erfolgreiche Aktion zur Rettung des Grabes von Professor Aleksander Brückner (1856-1939) auf dem Tempelhofer Parkfriedhof in Berlin und seit 2011 organisiert sie immer am Tag der Allerheiligen die Treffen der Polonia und Sympathisanten bei dem Grab diesen berühmten Wissenschaftlers, Sprachhistorikers und Linguist, der an der Berliner Universität das Slawistik Institut gegründet und 44 Jahre geleitet hat.

Professor Brückner ist in einer deutschen Familie in Ukraina geboren, die im 18. Jahrhundert nach Polen ausgewandert ist. Obwohl die Familie den deutschen Namen beibehielt, hat sie sich gänzlich polonisiert und der junge Wissenschaftler der aus Russischpolen nach Breslau und danach na Berlin ausgewandert ist verstand sich als Pole in Deutschland. Man hat ihn in diesem Blog schon zig Mal getroffen.

Heiraten wie ein Kirgise

Über Zeitler schrieb ich vor einer Woche. Inzwischen finde ich Freude daran, seine Erinnerungen zu lesen.

Carl Ludwig Zeitler

Wie ich meine Ehefrau kennengelernt und geheiratet habe?

In der ruhigen Winterszeit 1863/64 besuchte ich zufällig ein Musik- und Ballfest, welches mir befreundete Familien veranstaltet hatten. Ich fand drei gleichmassig in weiss gekleidete, junge Damen mit grünen Besatz und Schärpen an ihren Kleidern. Zweien derselben, Kinder der Eos, war ich schon früher vorgestellt worden, der Dritten mit rundlichen Armen, kleinen blendend weissen Zähnen, wohlgeformten Kopfe, Ohren und Kinn wurde ich vorgestellt. Sie war die Schwestei einer Offiziersfrau, deren Mann, wie ich später hörte, ein Patenkind Kaiser Nicolaus wegen def überaus schlechten Karriere, zu langsamen Aufrüekens in Preussen, nach Petersburg gegangen war. Ich sah die Dame zum ersten Male. Sie wurde später meine Frau. Ich sah sie dann noch einige Male im Konzertsaal, verzichtete aber aus Furcht, meine Freiheit zu verlieren, auf ein Wiedersehen, die beginnennde Arbeit an den Neubauten vorschützend. Erst nach mehr als Jahresfrist sah ich sie wieder.

Ich hatte die Gewohnheit, meine Mitmenschen, wenn ich mit ihnen sprach, mehr noch wenn ich sie stillsitzend betrachten konnte, darauf hin anzusehen, ob und wie ihre Kopfform, der scheinbare Inhalt, das Fassungsvermögen des Schädels, ob die Ohren oval, die innere Rundung derselben mit dem Aussenrand gleichlaufend; ob die Zipfel angewachsen, freihängend oder schippenartig nach vorn oder nach hinten gerichtet, fleichig oder durchsichtig seien. Ob »und wieviel an der Nase und an den Augen symmetrisch oder mongoloid oder mandelförmig; ob die Nase grade oder adler- oder henkelartig sei, und wie das Verhältnis der geraden oder zurückfliehenden Stirnhöhe zur Nasen- und Oberlippenlänge und zum Kinn sei.
Menschen, die für einander bestimmt sind, haben ebenso wie die, welche lange bei und miteinander leben und gleiche Nahrung, gleiche Sorgen haben, eine Anzahl gleicher Gesichtszüge. Jeder hat, sei es beim Lachen oder Weinen, Sprechen oder Schweigen einen Gesichtszug, der den Gegenübersitzenden sympatisch oder abstossend erscheint. Menschen mit gleichem sympathischen Zug scheinen für einander vorher bestimmt zu sein.
Die Eltern der jungen Dame waren durch den 1857 von Amerika ausgehenden, in Deutschland an dem Uebermass der auf schwachen Füssen stehenden Neugründungen nach dem beendeten Krimkriege, reichliche Nahrung findenden Börsenkrach, verarmt. Die Mutter, schon einmal Witwe und ein zweites Mal geschieden, hatte in Magdeburg ein blühendes Bettfedern-Geschäft gehabt, welches zu der Beschãftigung ihres dritten Mannes, eines zwar begabten, aber nur seiner Musik lebenden, unpraktischen Musikers und Organisten durchaus nicht passte. Auch scheint die Verbindung ihrer Tochter aus zweiter Ehe mit einem armen Offizier der Familie zu viel gekostet zu haben, genug, das Geschäft wurde aufgelöst, das Haus verkauft, die Familie ging auseinander. Die jüngste Tochter musste die oberste Kiasse der höheren Tochterschule verlassen, ging mit Hilfe einer befreundeten Lehrerin auf das Lans, um auf einem Gute bei Brandenbburg die Wirtschaft zu erlernen und für sich selber zu sorgen. Sie hat für alle, welche ihr damals Hilfe leisteten, immer Anhänghchkeit und 0ffene Hand bewahrt. Sie hatte eine ausgezeichnete Altstimme, welche die Kirche und grösstenn Konzertsaal füllte, dabei feinstes musikalisches Gehör, Klavierfingerfertigkeit und war auch in Küche und Hausarbeit nicht bloss bewandert, sondern auch gern tätig. Ihre und später meine Wasche war nur von ihrer Hand genaht. Dasjenige, was der Mensch mit seiner Hand und mit Muhe selbst macht und erwirbt, wird vielmehr in acht genommen, als dasjenige, was er fertig gekauft oder gar als Geschenk erhalten hat.
Ich wünschte, dass meine Braut nichts von ihren Eltern erhielte. Wenn ein junger Kirgise heiraten will, verabredet er, wie man sagt, mit seinem Mädchen, dass es sich an der Türe des Zeltes ihres Vaters aufstelle, damit er sie von da rauben könne. Er darf sich natürlich nicht erwischen lassen. Nach einiger Zeit geht er zum Vater seiner Frau und fragt, wieviel er für das geraubte Eigentum zu zahlen habe; ich wollte nicht weniger als ein solcher Kirgise sein.
Es hat mich immer unheimlich berührt, dass Eltern ihre Töchter grossziehen und mit allen guten Eigenschaften des Geistes und des Gemütes ausstatten, bis sie 100 oder 120 Pfund und mehr schwer werden und nur zu dem Zwecke, dass ein fremder, junger Fant kommt, sich daran zu erfreuen. Er erhält dann noch mehr oder weniger Gold oder Werte dazu, je nach dem Vermögen der Eltern.

***

Die Zustimmung meines Vaters zu erlangen, den ich nicht fragen wollte, machte ich mir schwer. Ich hatte zu viel junge und schöne Damen, auch reiche und wirtschaftliche feingebildete Damen, auch unvermutet in der Häuslichkeit mit der Küchenschürze vor kennen gelernt. Mein Vater konnte nicht begreifen, warum ich ein so so leichtes Geschaft bei dem hunderflausend Taler spielend zu gewìnnen waren, nicht machen wolle. Er warnte mich, in eine Familie zu heiraten, deren Mitglieder ich nicht kenne; sie könnten mir später, wie auch  geschehen und noch geschieht, zur Last fallen. Solche Erwägungen nutzen bekanntlich selten. Nach der Militärzeit (…) hatte ich als meines Vaters Generalbevollmächtiger, ihm meinen gesamten Grundbesitz grundbuchlich übertragen, um ihn die Befürchtung zu überheben, mich möglicherweise beerben zu müssen und mit Dritten zu tun zu haben. Um jede Anfrage, jede Einwilligung zu vermeiden, schob ich die Verbbindung lange hinaus, auf die baldige Einführung der Zivil-Ehe hoffend. Erst durch das, zwei Stunden vor der Trauung meinem Vater gegeben Versprechen, dass ich das nächste, dritte Haus noch für Rechnung der Gesamtfamilie errichten wolle und nach dessen Vermietung erst zwischen ihm und mir geteilt werden solle, erhielt ich die Zusischerung, dass er mich zum Traualtar begleiten würde.

Der biblische Jakob habe nicht schwerer um seine Rahel arbeiten müssen. Nachher war mein Vater, wie schon vorher meine Mutter mit ihrere neuen Schwiegertochter sehr zufrieden. Er half mir noch bei dem Umzuge aus dem alten ins neue Haus.

Kino für den Herbst!!!

Meine Lieben! Es ist sicher DER Film des Jahres!

WERK OHNE AUTOR feierte seine Weltpremiere im Wettbewerb der 75. Internationalen Filmfestspiele von Venedig.

 

Regie und Drehbuch: Florian Henckel von Donnersmarck

mit: Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer, Saskia Rosendahl, Oliver Masucci

Produktion: Pergamon Film und Wiedemann & Berg Film
Deutscher Kinostart: 3. Oktober 2018
im Verleih von Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Inspiriert von wahren Begebenheiten, erzählt WERK OHNE AUTOR über drei Epochen deutscher Geschichte von dem dramatischen Leben des Künstlers Kurt (Tom Schilling), seiner leidenschaftlichen Liebe zu Elisabeth (Paula Beer) und dem folgenschweren Verhältnis zu seinem undurchsichtigen Schwiegervater Professor Seeband (Sebastian Koch), dessen wahre Schuld an den verhängnisvollen Ereignissen in Kurts Leben letztlich in seiner Kunst und seinen Bildern ans Licht kommt.

WERK OHNE AUTOR ist eine emotionale Achterbahnfahrt durch drei Epochen deutscher Geschichte, die den Wahnsinn und die Tragik des 20. Jahrhunderts anhand von drei Schicksalen beleuchtet.

Tom Schilling („Oh Boy“), Sebastian Koch („Das Leben der Anderen“) und Paula Beer („Frantz“) spielen die Hauptrollen in diesem fesselnden Drama, das tragische Familiengeschichte, flammender Thriller und eine Hommage an die befreiende Kraft der Kunst in einem ist – ein packender Kinostoff, der mitreißt und bewegt.


Geht unbedingt ins Kino, um den Film zu sehen. Er ist so gut, so rührend, so menschlich, so wahr… Im Film wird ein paar Mal wiederholt, dass wenn die Geschichte stimmig ist, in sich stimmig, ist sie auch wahr. Und wenn sie wahr ist – ist sie schön.

Es ist ein schöner Film…


Interessanterweise hat das deutsche Kino in diesem Herbst zwei weitere Filme zum Thema DDR hergestellt:

Gundermann

und

Ballon

Sie sind beide gut und interessant. Der Gundermann ist ein Bisschen wie Searching for a Sugarman. Der Ballon ist rührend und spannend.

Das Märchen von der gesegneten Mahlzeit

Heute ist Rosh Hashana. Es beginnt das Jahr 5779. Überall, wo es gefeirt wird, wird heute nacht gut gegessen. 

L’Shanah Tovah!

(c) Peter Wortsman

Folgendes erzählte man sich im dem KZ Hoffnungslos: Eines Tages war der SS-Unterscharführer Haselbeck, ein Mann der sich nur selten über seine Umwelt wunderte, sehr verwundert, als er bemerkte, dass die Häftlinge in seinem Block sich immer die Finger leckten nach jedem Eintauchen in ihren kärglichen Eintopf.
„Juden, Affen und Freimaurer haben doch keinen Geschmack“, sagte er halblaut zu sich. Da flüsterte ihm eine Stimme ins Ohr: “Gesegnete Mahlzeit!” In seiner Kindheit, bevor er in die Partei eintrat, war er gläubig erzogen worden. Jeden Abend hatte die Mutter zu ihm gesagt: “Der liebe Gott denkt an Dich, auch wenn du nicht an Ihn denkst.” Haselbeck schüttelte seinen Schädel, um seine Gedanken wieder zu ordnen.
Als das Fingerlecken sich aber immer wieder wiederholte, wurde der Unterscharführer neugierig. Er fragte den Stubenältesten: “Warum schleckt ihr Saujuden euch die dreckigen Finger?”
“Weil uns das Essen so gut schmeckt, Herr Unterscharführer”, bekam er als Antwort.
Da wurde Haselbeck erst recht neugierig. Den Häftlingen gab man nämlich nichts als schäbige Fleischreste und Knochen, die man einem Haushund nicht überlassen würde, verfaulten Kohl und Kartoffeln zum Essen. In der Schule hatte Haselbeck gelernt, dass die Juden schlau seien und gar manche schwarze Magie kannten. Der Jude könne aus Mist Gold machen, hatte der Lehrer gesagt.
So versteckte sich Haselbeck hinter einem riesigen Kessel, wenn die Männer morgens den wöchentlichen Vorrat geliefert bekamen, von dem er dann selbst seinen Teil abzweigte, um ihn danach an die Schweinehunde zurück zu verkaufen, denn der Jude hat immer einen Vorrat an Geld und Wertsachen, die er in den Arschbacken oder sonst wo versteckt hält. Die Nahrungsmittel wurden von einem kleinen Mann mit zarter Miene und langer Nase entgegengenommen, der das Gelieferte wie ein Hund beschnüffelte und sich höflich dafür bedankte. Und als die Anderen wieder weg waren und der kleine Mann nach dem riesigen Kessel griff, schlich der Unterscharführer hinter einen noch größeren Kessel. Erstaunt sah er zu, wie der kleine kuriose Kerl alles sorgfältig sortierte, mit der stumpfen Klinge seines abgebrochenen Taschenmessers das Verfaulte von Fleisch und Gemüse entfernte und den Rest in gleichmäßigen Häufchen auf einem zerbrochenen Holzbrett aufreihte. Aus beiden Hosentaschen holte er eine Handvoll Unkraut heraus und legte das Zeug daneben auf das Brett.
Und als der kleine Mann dann nach dem Kessel griff und der Unterscharführer sich nirgendwo mehr verstecken konnte, da sprang er hervor und sagte: “So, jetzt habe ich dich erwischt, du mieser Teufel. Was für Schwarze Magie treibst du mit deinem Unkraut? Wen willst du damit vergiften?”
Etwas erschrocken aber immerhin gefasst, lächelte der kleine Mann zum Unterscharführer gutmütig zurück. “Das ist keine Schwarze Magie, Herr Unterscharführer. Ich war früher Koch im Hotel Adlon!”
“Und was für Unkraut mischst du da in die Brühe hinein?”
“Auf den Feldern um das Lager herum wachsen wilde Kräuter. Ich bitte die Häftlinge in den Arbeitsgruppen, die außerhalb des Lagers arbeiten, sie für mich einzusammeln.”
Nun sah der Unterscharführer, der niemals in seinem Leben einen Fuß, geschweige denn seine Nase, in eine feine Gaststätte gesetzt hatte, wie der kleine Mann Fleisch und Gemüse feingeschnitten in den Kessel gab, in Margarine andünstete, Wasser eingoss, die trockenen Kräuter zwischen seinen Hände zerrieb, so dass die zerbröselten Blätter hinein fielen und ihm nur die Rispen übrigblieben und dann das Ganze zum Kochen brachte. Und immer wieder steckte er seinen Löffel hinein, um zu kosten, bis er endlich zufrieden war.
“Wollen Sie mal einen Löffel kosten, Herr Unterscharführer?” fragte er den Haselbeck.
Verängstigt hielt sich der SS-Mann zuerst zurück. Der Gauner will mich sicherlich vergiften, dachte er sich. Als er aber den kleinen Mann selbst seinen Löffel mit Genuss ablecken sah, nahm er auch seinen Dienstlöffel aus der Tasche, steckte ihn erst an der Oberfläche in den Kessel herein, holte sich eine kleine Kostprobe und traute erst nicht recht seiner Zunge. Das Zeug schmeckte ihm so gut, er tauchte noch ein Mal tief hinein und holte sich einen vollen Löffel heraus.
“Das ist recht lecker!” sagte er dem kleinen Mann. “Viel besser als das, was wir in der Kantine zu fressen bekommen!”
“Freut mich sehr”, lächelte der Koch.
Solch ein Geheimnis wollte der Unterscharführer zuerst für sich halten und daraus später seinen Nutzen ziehen, so dachte er sich. Jede Woche zur Anlieferungszeit war Haselbeck nun dabei, wenn der Koch seinen Vorrat bekam, kam dann wieder zurück, wenn alles fertig war, und lieβ es sich gut schmecken.

Eines Tages hörte Haselbeck, dass die Frau des Kommandanten eine Weihnachtsfeier halten wolle wie zu den guten alten Zeiten, dass aber ihre junge Köchin schwanger sei, jeden Tag ein Kind erwarte und daher nicht in der Lage sei, ein richtiges Festessen vorzubereiten. Da trat der Unterscharführer Haselbeck vor und sagte: “Gnädige Frau Kommandant, ich kenne einen Koch, der Zaubereien in der Küche hervorbringen kann.”
“Lassen Sie ihn mal zu mir kommen!” erwiderte die Frau erfreut.
Der Unterscharführer Haselbeck wagte es natürlich nicht, der Frau Kommandantin zu gestehen, dass es ein Häftling war – und noch dazu ein Jude!
Und als er das nächste Mal den Koch zur Anlieferungszeit in der Häftlingsküche besuchte, brachte er ihm einen Anzug mit, den er aus dem Entkleidungsspeicher der Neuankömmlinge genommen hatte.
“So, jetzt wäschst du dich, dass du nicht stinkst und ziehst dich anständig an! Du hast eine wichtige Verabredung.”
“Ich muss aber erst das Essen für die Häftlinge kochen, Herr Unterscharführer! Pflicht ist Pflicht!” protestierte der kleine Mann.
“Die Schweinehunde können mal auf ihren Fraß warten!” schrie Haselbeck.
“Zu Befehl, Herr Unterscharführer!” erwiderte der Häftling.
Also achtete der SS-Mann darauf, dass es keiner bemerkte und nahm den verkleideten Häftling mit zum Besuch bei der Frau des Kommandanten.
“Sprich nur, wenn man dich anredet. Du darfst aber niemals verraten, dass du ein Häftling bist, und schon gar nicht ein Jude. Sonst gibt es Krach!”
Nun stellte der Unterscharführer Haselbeck der Frau Kommandantin den kleinen Mann vor. Sie servierte ihm Tee und Kuchen. Und nachdem sie ein wenig das Wetter erörtert und gefragt hatte, ob es morgen regnen würde, fragte sie ihn höflich, was sein Lieblingsgericht sei.
Worauf er erwiderte: “Erwürgte Gans von Himmel und Erde.”
“Komischer Name für ein Gericht”, meinte sie.
“Das war die meistbestellte Hauptspeise zur Weihnachtszeit im großen Restaurant des Hotel Adlon. Damals war ich nur ein Lehrling in der Küche. Die Kochkunst habe ich von dem Chef de Cuisine, Monsieur Delivrance, gelernt, einem Franzosen.”
“Ach, das Hotel Adlon!” seufzte die Frau. “Ein Mal in meiner Kindheit hat mich mein lieber Opa dort zu Kaffee und Kuchen mitgenommen. Er zog zufrieden an seiner Pfeife, strich sich den Schnurrbart und lachte, wie ich die letzten Tropfen meiner heißen Schokolade aus dem Becher ausschleckte. Es war und blieb mir ein Wunschtraum, von Rauch umweht. – Erwürgte Gans? Warum denn nicht?” erwiderte sie, völlig ergriffen von der Erinnerung. “Es muss aber besonders gut schmecken! Mein Mann arbeitet so schwer. Ich will ihm damit das Leben ein wenig verschönern.”
“Es wäre für mich eine besondere Freude, Gnädige Frau, Ihren Wunsch zu erfüllen.”
Nun lieβ der SS-Mann den Häftling eine Liste machen und bestellte alles, was er verlangte. Und an dem Tag vor dem Heiligen Abend beschaffte der Unterscharführer Haselbeck dem Häftling einen weißen Kittel mit einer weißen Kochmütze. Und der Koch kochte ein so sagenhaftes Weihnachtsessen, dass der Kommandant mehrmals vor Freude und Genuss die Augenbrauen hob und sich sogar die Lippen leckte.

Am folgenden Tag wurde der Koch zum Kommandanten bestellt. Der Unterscharführer war etwas besorgt. Es ist nämlich eine Sache, eine Komödie vor der Frau des Kommandanten zu spielen, es beängstigte ihn aber doch, eine Maskerade vor dem Kommandanten zu wagen. Nun hatte er aber keine Wahl mehr. Einmal vorgelogen, könnte die Wahrheit ihn jetzt die Haft oder gar noch Schlimmeres einbringen.
“Wegtreten!” Befahl der Kommandant dem Unterscharführer, worauf er dem verkleideten Häftling die Hand reichte und ihn höflich fragte: “Mit wem habe ich die Ehre?”
Unterscharführer Haselbeck zitterte, als er durch das Schlüsselloch guckte und folgendes Gespräch mitbekam:
“Der Name ist Riesig.”
Der SS-Mann musste, trotz aller Aufregung, dabei lächeln. Komischer Name für einen kleinen Judenkerl.
“Sie sind ein Zauberer der Küchenkunst, Herr Riesig”, sagte der Kommandant. “Nun hätte ich eine groβe Bitte. Bald habe ich einen ganz besonders wichtigen Besuch. Obwohl es geheim ist, sage ich es Ihnen: Es geht um den Reichsführer Himmler. Ich möchte, dass Sie etwas Feines für ihn vorbereiten, nur ist er Vegetarier!”
“Kein Problem, Herr Kommandant”, erwiderte der Koch. “Ich bereite ihm meine Erwürgte Gans von Himmel und Erde ohne die Gans. Nur brauche ich dazu besondere Kräuter.”

Der Kommandant lieβ den verängstigten Unterscharführer wieder hereintreten und befahl ihm: “Sammeln Sie sofort ein Ackerbau-Kommando und lassen Sie sie alles anpflanzen, was der Herr Riesig verlangt!”
Haselbeck tat wie befohlen. Ein Feld wurde mit allerlei Kräutern und Gemüse bepflanzt. Darauf sagte ihm der kleine Mann: “Ich brauche aber auch einen Hof mit Gänsen.”
“Wieso Gänse? Der Reichsführer ist doch Vegetarier!” protestierte der Unterscharführer.
“Die Gänse sind nur dazu da, um mit ihrem Dünger die Kräuter, Kartoffeln und Äpfel zu stärken.”
“Schade wäre es um das verschwendete Fleisch!” winkte ihm der Unterscharführer zu.
Darauf lieβ der Haselbeck einen Hof neben dem Haus des Kommandanten aufbauen und mit fetten Gänsen aus Ungarn bestücken.
Das Gänsegeschnatter störte aber den Kommandanten bei der Arbeit. “Das Geflügel muss schleunigst verschwinden!” befahl er dem verunsicherten Unterscharführer.
“Gestatten Sie, mein Kommandant, der Koch braucht sie, um sein Gericht für Ihren großen Gast vorzubereiten”, erwiderte der Unterscharführer.
“Bauen Sie den Hof sofort ab und legen Sie ihn im Lager an. Der Lärm ist mir unerträglich und stört meine Konzentration!”
“Sofort, Herr Kommandant”, erwiderte der Unterscharführer und besorgte noch ein Arbeitskommando, um den Gänsehof am Haus des Kommandanten abzubauen und im Lager wieder aufzubauen.
Der Eintopf der Häftlinge wurde täglich leckerer. Gerüche und Gerüchte gingen durch das ganze Lager.
Nun kam der Tag des wichtigen Besuches. Der kleine Häftling wurde wieder als Chef de Cuisine verkleidet und in eine vom Kommandanten eigens ausgestattete Küche gebracht, um das Gericht vorzubereiten.
Folgendes erzählte man sich: Die Vorspeisen schmeckten den Reichsführer Himmler ganz gut. Als er aber das Hauptgericht kostete, fiel er fast in Ohnmacht, so gut schmeckte es ihm, er lieβ sich sogar eine zweite Portion servieren.
“Den Koch möchte ich kennenlernen!” befahl er.
“Sofort!” erwiderte der mit Freude erfüllte Kommandant, und lieβ den kleinen Mann aus der Küche holen.
“Ich gratuliere!” sagte der Reichsführer, die Brille noch vom Dampf der Brühe beschlagen. “Das war ein sagenhaftes Essen. Wie heißt denn das Gericht?”
“Erwürgte Gans von Himmel und Erde, mein Führer”, erklärte der Häftling.
Auf diese Worte erstickte der hohe Herr fast. “Jeder weiβ, dass ich Vegetarier bin, so wie der Führer selbst.”
“Der Dünger und das Schnattern der Gänse dienen nur dazu, die Kartoffeln, Äpfel und Kräuter ein wenig zu kräftigen, Herr Reichsführer.”
“Sie kommen mir irgendwie bekannt vor. Wo haben Sie Ihre Kochkunst gelernt?”
“Vor dem Krieg im Hotel Adlon, mein Führer”, erwiderte der Häftling.
Beeindruckt bat der Reichsführer um das Rezept und einen ‘Proviantbeutel’ für die Rückreise nach Berlin – das, was die Amerikaner ein ‘Doggybag’ nennen.
“Gern, mein Führer!”
Und was war in dem Doggybag?
Gänsemist natürlich!
So wurde es unter den Häftlingen in dem Konzentrationslager Hoffnungslos, wo es eine Zeit lang Gänseeintopf zu essen gab, erzählt. Ob es wirklich wahr ist, kann kein Schwein sagen und schon gar keine erwürgte Gans.

Und was ist aus dem Koch geworden? Hat er die Haft überlebt?
Nach dem Krieg soll er eine kleine Gaststätte in Berlin geleitet haben. Und einst erschien dort der Kommandant, der inzwischen Leiter eines groβen Getreidehandels geworden war.
Wurde er nicht verhaftet und verurteilt?
Das KZ Hoffnungslos ist nirgends in den Akten erwähnt.
Als der Koch von der Küche aus ihn mit seiner Gattin die Gaststätte betreten sah, war er erst etwas verängstigt.
Als er aber hinschaute und den Gesichtsausdruck der Gäste sah, wie sie „Erwürgte Gans von Himmel und Erde“ auf der Speisekarte lasen, lächelte er ruhig.
Die Gans wurde bestellt, gebraten und serviert. Der Getreidehändler stocherte nur auf seinem Teller herum. Seine Gattin dagegen, die in der Zwischenzeit recht wohlbeleibt geworden war, leckte sich heimlich die Finger ab und war gerade dabei, einen kleinen Knochen abzuknabbern.
Da trat der Koch aus der Küche heraus und stellte sich seinen Gästen vor. “Wir kennen uns von früher.”
“Unmöglich!” murmelte fassungslos der Getreidehändler.
“Doch! Doch!” erwiderte der Koch und wandte sich an die Gattin. “Ich begrüße Sie, Gnädige Frau!”
“Herr Riesig aus dem Hotel Adlon!” lächelte sie etwas nervös.
“Klein, aus dem KZ Hoffnungslos!” korrigierte der Koch.
Worauf die Frau wie eine Gans mit dem Kopf zuckte und schnatterte und an dem verschluckten Knochen im Hals erstickte.

Im Märchen soll es aber doch ein gutes Ende geben.
Was soll dabei nicht gut sein?
Der Große Getreidehändler ist pleite gegangen. Der Klein kaufte das Geschäft.

Und die Menschheit, was soll sie aus all dem entnehmen?
Gar nichts.
Bei den Gänsen aber kann man bis heute immer noch ein zufriedenes Schnattern hören.

***

PS. Ein solches Gericht, “Himmel und Erde”, gibt es tatsächlich. Es ist schon seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Seinen Namen hat es daher, dass seine Grundbestandteile Äpfel und Kartoffeln sind: Erstere wachsen bekanntermaßen in den Himmel, Letztere in die Erde hinein (und heißen daher und wegen ihrer rundlichen Form auch “Erdäpfel”). Dazu kommt noch Zwiebel, Speck oder gebratene Blut- oder Leberwurst. Ob es  ein Rezept mit Gans geben soll, dazu noch “erwürgte” habe ich nicht gefunden…

Der Tod eines Dissidenten

40 Jahre nach dem Regenschirm-Attentat
“Ich werde sterben, Sie können nichts mehr tun”

7. September 1978. Georgi Markow wartet auf einen Bus in London, als der Fremde mit dem Regenschirm kommt. Ein Rempler, ein Stich, Tage später ist der bulgarische Dissident tot. Die Geschichte eines rätselhaften, wieder aktuellen Giftmords.

17. März 2018

Bulgarian defector Georgi Markov, 49, in an undated photo, whose murder is being investigated by military intelligence, anti-terrorist specialists from Scotland Yard and scientists at Porton Down erm warfare center near Salisbury, Wiltshire. Markov died on Sept. 11, 1978, believing he had been poisoned by the point of an umbrella jabbed in his right thigh. (AP Photo/Press Association)

Er hat ihn verspottet und beleidigt, immer wieder: in den bulgarischen Programmen der BBC, der Deutschen Welle, von Radio Free Europa.
Anzeige

Jetzt ist für den Verspotteten, Bulgariens kommunistischen Diktator Todor Schiwkow, der Tag der Rache gekommen. Ein besonderer Tag, der 7. September 1978. Schiwkows 67. Geburtstag. Dieser Tag, so ordnet er an, soll seinem verhassten Gegenspieler Georgi Markow den Tod bringen.

Längst trennen die beiden Männer Welten. Markow, einst ein glühender Kommunist und beliebter Schriftsteller in Bulgarien, hat sich mit dem Regime überworfen und ist 1969 ins Exil geflohen. Erst nach Italien, dann nach London. Hier wettert der Dissident und Journalist ab 1972 in seinen “Reportagen über Bulgarien aus der Ferne” scharfzüngig gegen seinen alten Freund Schiwkow und dessen Tyrannei. Hier fühlt er sich sicher.

Also denkt er sich nichts dabei, als ihn am 7. September 1978 ein Mann an der Londoner Bushaltestelle Waterloo Bridge anrempelt. Der Fremde murmelt ein paar Entschuldigungen und eilt dann mit seinem Regenschirm davon. Markow wundert sich nur kurz über den Stich, den er beim Zusammenprall in seinem rechten Oberschenkel verspürt hat.

Alles halb so wild. Bis ihn hohes Fieber packt. Und sein Blutdruck völlig verrückt spielt.
In der Notaufnahme, kurz bevor er ins Koma fällt, erzählt Markow dem Arzt von dem Fremden mit dem Schirm. “Er seufzte und lachte und sagte: Ich bin vom KGB vergiftet worden und werde sterben, da können Sie nichts mehr tun”, wird der Arzt Jahrzehnte später dem deutschen Filmemacher Klaus Dexel erzählen. Vier Tage später stirbt Markow an Herzversagen.

Der Zucker bringt den Tod

Erst die Obduktion liefert die Erklärung für seinen Tod, der bald als “Regenschirmattentat” weltbekannt wird: In Markows Bein steckt ein Platinkügelchen mit einem Durchmesser von 1,7 Millimetern. Es hat zwei winzige Öffnungen, in denen Spuren des Pflanzengiftes Rizin nachgewiesen werden. Offenbar waren die Löcher der Kugel mit Zuckerguss verschlossen – ein raffinierter, biologischer Zeitzünder: Durch die Körperwärme löste sich der Zuckerguss auf und gab das Gift frei.

Das alles wirft Berge an Fragen auf: Wer sind die Täter und Hintermänner? Wurde die Giftkapsel per Schirm in Markows Körper injiziert oder geschossen? Steckt tatsächlich der KGB dahinter?

Knapp 40 Jahre später erschüttert wieder ein rätselhafter Mordanschlag Großbritannien: Der einstige russische Spion Sergej Skripal, der später für den britischen Geheimdienst arbeitete, und seine Tochter sind vergiftet worden. Beide schweben seit Tagen in Lebensgefahr, während ihr Fall eine schwere internationale Krise entfacht hat. Die britische Regierung behauptet, die hochtoxische Substanz sei Nowitschok, ein einst in der Sowjetunion entwickeltes Nervengift. London wirft russische Diplomaten raus, auch die USA, Frankreich und Deutschland machen Russland verantwortlich. Moskau streitet alles ab.

Auffällig morden

Die Fälle trennt vieles. Und doch gibt es Parallelen, etwa die Frage: Warum wurden beide Attentate derart kompliziert ausgeführt, dass zwangsläufig Geheimdienste in Verdacht geraten mussten? Natürlich gibt es in London nichts Unauffälligeres als einen Regenschirm. Aber eben auch nichts Auffälligeres als einen Mord mit einem Schirm.

Ähnlich verhält es sich mit dem Gift, mit dem die Familie Skripal in einer Pizzeria in Kontakt kam: Es war den Ermittlern zufolge derart massiv verteilt, dass der kontaminierte Essenstisch und andere Gegenstände zerstört werden mussten. Entweder wollten die Täter alles versuchen, damit ihre Opfer sterben. Oder dafür sorgen, dass man ihren Gift-Fingerabdruck findet.

Sollten die Attentate auf Skripal, Markow (und auf den 2006 mit Polonium ermordeten russischen Ex-Spion Litwinenko) bewusst abschrecken? Sollten sie Angst verbreiten, mit einer Botschaft, die kein Diplomat sagen kann: Seht her, wir verschonen Verräter nicht? Oder hat jemand falsche Fährten gelegt, wie Moskau gern suggeriert?

Der Fall Markow lehrt zumindest: Mit einer schnellen Aufklärung ist nicht zu rechnen. Es dauerte Jahrzehnte und benötigte eine politische Revolution, bis die Umstände der Ermordung langsam deutlicher wurden. Und immer noch sind nicht alle Details geklärt – selbst die vermeintliche Mordwaffe wirft Fragen auf.

“Brüderliche Hilfe” aus Moskau

Fest steht immerhin: Die Spur führt, trotz vieler Dementis, direkt nach Moskau. Dokumente, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gesichtet werden konnten, und die Aussagen des ehemaligen KGB-Agenten Oleg Kalugin belegen, dass spätestens 1977 “alle Mittel” genehmigt waren, um Regimekritiker wie Markow zu liquidieren. Weil der bulgarische Geheimdienst dazu nicht allein in der Lage war, bat er Kalugin zufolge beim KGB um “brüderliche Hilfe”. Der Wunsch zum Anschlag kam dabei vom bulgarischen Diktator Schiwkow.

Der KGB zögerte und machte nur unter der Bedingung mit, nicht richtig mitzumachen: Man schickte Berater, lieferte Gift und Know-how – aber stellte nicht den Mörder.

So begann Kalugin zufolge eine “Komödie” voller “Fehler”, der den Tod Markows zu einem Zufallsprodukt machte. Der bulgarische Geheimdienst setzte offenbar auf einen zweifelhaften Agenten, den er selbst als “kleinen internationalen Betrüger ohne jegliche Aufklärungsmöglichkeiten” eingestuft hatte. Wenn der Mann mit dem Tarnnamen “Piccadilly” schon nicht ordentlich spionieren konnte, sollte er nun wenigstens töten.

Ein Mann, ein Werk, ein Grab (und die Frauen)

Ich gehe, o, Herr, in deine Hand zurück, schrieb man auf der Gruft-Mosaik über Eheleute Zeitler.

Carl Ludwig Zeitler und Agnes

Hand aufs Herz – nie gehört, oder?

Natürlich nicht, dabei bewirkten sie beiden so viel, das ich als Chronikarin gar nicht weiß, wo beginnen?

Auf dem Foto rechts ist es vielleicht nicht genug deutlich. Schauen wir genauer:

Stiftung für Weber und Wirker. Stiftung für Mathematiker und Naturkundestudierende. Stiftung für Theologen und Philologen. Aber auch: Stiftung für  Witwen und Weisen. Stiftung für Handwerker und Kunstschüler.

Zeitler war im Vorstand der heute so berühmten Urania. Für seine Studenten errichtete auf dem Studienhaus Friedenstraße/Büschingstraße eine Sternwarte mit Drehkuppel (im 2. Weltkrieg zerstört), im ersten Stockwerk einen Konzertsaal und im Untergeschoss eine Kochschule für Mädchen.

Klar. XIX Jahrhundert. Jahrhundert der Vereine und Stiftungen, der Philantropie, der sozialen Verantwortung. Aber auch ein Jahrhundert, in dem es noch keine Gesetze gab, die für Wohlergehen der Arbeiter, der Handwerker, der Bürger sorgten. Es herrschte wilder Kapitalismus, die Zeit der unglaublicher Armut und unvorstelbarer Ausbeutung. Zeit, dass manche halfen und die anderen für soziale Gerechtigkeit kämpften. Und die Reichen wurden immer reicher und die Armen immer ärmer.

Es war Zeit für Gutmenschen und Bösmenschen. Die Zeitler waren gut. Auf dem Mosaik trug sie ein Diadem, er einen Einstecker mit Edelweiß. Bevor ich im Google die Symbolik von Edelweiß finde, weiß ich schon, dass wenn etwas mit den Worten “edel” und “weiß” zu bezeichnen ist, muss es edelweiß sein, das edelste, was es gibt.

Ach, na ja, bevor ich in der Wikipedia zu der Pflanze komme, zeigt sie mir die militarische Edelweiß-Operation während des 2. Weltkrieges:
Es war der Deckname für den ab 23. Juli 1942 durchgeführten zweiten Teil der deutschen Sommeroffensive in Russland. Ziel der Operation war es, die Ölvorkommen in und um Baku zu sichern.

So ist es im Leben – nichts kann sich von dem Bösen retten, kein Symbol, kein Wort, keine Farbe. Denken wir nur an das Wort “Sicherheit”.

Die Blume aber, das Alpen-Edelweiß, ist eine der bekanntesten und symbolträchtigsten Blumen überhaupt.

Eine Polin in mir fragt sich, wie es sein kann, dass diesselbe Blume auf Polnisch – szarotka – etwas kleines, graues und belanglosen bedeuten kann?

Bekannt wurde die Pflanze zuerst als Symbol der österreichischen Kaiserin Elisabeth (Sissi). Ein 1865 gemaltes Porträt des Malers Franz Xaver Winterhalter zeigt die Kaiserin Elisabeth mit neun in ihr Haar geflochtenen künstlichen Edelweiß-Sternen. Der Schmuck aus Edelmetall und Diamanten wurde in den Jahren nach 1850 vom damaligen Hof- und Kammerjuwelier Alexander Emanuel Köchert entworfen und gestaltet. Um die alpine Pflanze ranken sich in der k. u. k Monarchie mit der zunehmenden Verehrung der Kaiserin Sissi immer mehr romantische Mythen. Nur verwegenen Kletterern gelänge es, ein Edelweiß zu pflücken. Es verkörpere Werte wie Mut, Treue und Gemeinschaft. Das Edelweiß solle gemäß solchen Mythen aus Tränen entstanden sein, welche die Eisjungfrau über die Untreue ihres geliebten Jägers vergoss. Vor ihrem Todessprung zauberte sie darauf Tränen in Form von Edelweißsternen an den dortigen Felsen. Jeder, der nach dem Edelweiß in den Felsen greife, solle fortan zu Tode kommen. Um ein Aussterben der symbolträchtigen Art zu verhindern, wurde sie schon früh unter Naturschutz gestellt. Bald wurde das Edelweiß als Symbol von zahlreichen alpinen Vereinen und Verbänden übernommen.

Und tatsächlich, auf Polnisch bedeutet die Blume gar nicht so viel, ausser, dass sie, wie in jedem Alpinen Gebiet, ein Motiv in Auszeichnungen und Souvenirs der Region ist. Aber immerhin schreibt man in Polnischer Wikipedia, dass die Blume in der Schweiz eine Nationalblume und Symbol der Unberürtheit und Reinheit ist.

Über Bedeutung des Grabesschmuck Zeitlers habe ich nirgendwo Antwort gefunden. Ich vermute, es ging um Mut, Treue und Gemeinschaft und nicht um Reinheit und Unberürtheit.

Der Baumeister und Architekt Carl Ludwig Zeitler (1835-1910), Sprössling einer zu großem Reichtum gekommenen Weberfamilie, betätigte sich gemeinsam mit seinen Brüdern Zeit seines Lebens als Förderer der Wissenschaften und Begründer verschiedener wohltätiger Stiftungen. Hierzu gehörten etwa eine Weberstiftung (1889), das Wilhelm-Zeitler-Frauenheim (1894) und ein Studienhaus mit Sternwarte und Konzertsaal (Ludwig-Zeitler-Studienhaus, 1901). Nach dem Tod ihres Vaters Johann Jakob Zeitler (1807-1871) ließen die Söhne nach eigenem Entwurf Carl Ludwig Zeitlers ein neugotisches, äußerlich in hohem Maße auch antiken Vorbildern folgendes Mausoleum errichten. Der granitverkleidete, hohe Gruftbau mit seitlichen, durch gotisierende Gusseisengitter abgegrenzten Gärtchen fällt besonders durch seine Fassadeninschriften auf, die die Familiengeschichte erhellen und an der linken Seitenwand – als kulturgeschichtliche Besonderheit – eine Art Bauurkunde enthalten. Diese berichtet in dreizehn Zeilen von den Veränderungen, die sich nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und während der Bauzeit der Grabanlage (1871-75) ereigneten: Detailliert wird auf Arbeitslöhne und Materialkosten hingewiesen sowie auf die einschneidende Umstellung der bislang üblichen Maßnormen (Länge, Volumen und Gewicht), beispielsweise wurden Ruthe, Fuß und Zoll vom Meter verdrängt. Ebenso wird die Einführung der neuen Gold(mark)-Währung erwähnt, die den Taler ablöste, sowie die Entstehung neuer Gesetze. Das Innere des Bauwerkes ist mit einem farbenprächtigen Mosaik geschmückt, das die Bildnisse des Erbauers und seiner Ehefrau zeigt, sowie mit einem gusseisernen Relief mit der Darstellung der drei Frauen am Grabe.

Im Jahr 2004 ließ die Arbeitsgemeinschaft für die historischen Friedhöfe und Kirchhöfe e.V. Erhaltungsmassnahmen und die Erneuerung der Inschriften an den Wänden des Mausoleums durchführen.
Der Innenraum des Mausoleums wurde in ihrem Auftrag 2018 restauriert. Die Arbeitsgemeinschaft veröffentlichte ausserdem im Oktober 2012 anlässlich ihres 30-jährigen Bestehens die Memoiren von Carl Ludwig Zeitler. Und dies ist eine ausserordentlich interessante Lektüre. In einer Woche veröffentliche ich hier ein Fragment dieses Buches. Über Agnes…

Und die Frauen.

Zuerst natürlich Agnes, die Ehefrau von Carl Ludwig, die Frau im Edelweiß-Diadem.
Dann die Hanna Wilhelmine Zeitler mit Ihren drei Söhnen am Sarg des Johann Jakob Zeitler, der 1871 verstorben war und für den das Mausoleum errichtet wurde.


Aber  auch im 21. Jahrhundert sind es die Frauen, die sich um das Mausoleum kümmern. Man muss hier unbedingt Doris Tüsselmann erwähnen, die langjährige Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für die historischen Friedhöfe und Kirchhöfe Berlins e.V. (auf dem Foto unten steht sie rechts).

Die Renovierungsarbeiten im Innenraum des Mausoleums übernahm mit ihren Mitarbeiterinnen die schöne Restauratorin, Joana Pomm.


Mausoleums Zeitler
Georgen-Parochial-Friedhof I, Greifswalder Straße 229 – 234
10405 Berlin-Prenzlauer Berg

Im Mausoleum sind beerdigt worden: Johann Jakob Zeitler (†1871) und seine Ehefrau Wilhelmine (1809–1893) – die Eltern von Carl Ludwig, sein Bruder Emil (1845–1891), sein Halbbruder Carl Ferdinand Gläser (1829–1883), Zeitlers Frau Agnes (1843–1901) und er selbst.

Der Friedhof – von einer der ältsten evangelischen Gemeinde Berlins auf einem früheren Weinberg angelegt – wurde 1814 eingeweiht, war bald belegt und wurde 1832 und 1842 erweitert.

Er wurde in klassischer Kreuzform mit Alleen entlang der Hauptwege auf einem Hang – früher ein Weinberg – angelegt. 1970 wurde er auf Beschluss des Magistrats geschlossen und erst nach der Wende 1991 wieder eröffnet. In der Zwischenzeit war der etwa 40 Hektar große Friedhof stark verwildert und verfallen, weshalb seit der Wiedereröffnung umfangreiche Instandsetzungsmaßnahmen vorgenommen wurden. Auf dem Friedhof ruhen einige Berliner Größen und schöpferische Persönlichkeiten: darunter der Komponist und Kapellmeister August Eduard Moritz Conrady (†1873), der Baumeister Carl Ludwig Zeitler (†1910), der Theaterintendant Franz Wallner (†1876) und der Gründer der ersten Blindenschule Deutschlands, Johann August Zeune (†1853).

Leben, Tod und Schlaf / życie, śmierć, sen

Ein paar Bilder und ein Lied, die ganz zufällig oder gar nicht zufällig an meinem Geburtstag (oder Tag danach) angekommen sind / Zdjęcia i piosenka, które, przypadkowo lub nie, dotarły do mnie w dniu urodzin (lub dzień później).

Foto: Dorota Cygan

Cmentarz Ruhleben (Spokojne życie): życie – uśmiech – radość
Dzień cmentarza, 15 września, od godz. 14 do 22

Foto: Facebook

Wanted dead & alive!

Fotos (3): Christine Ziegler

Song discovered by Lidia Głuchowska

Es singt / wykonanie: Paweł Matyja

Jarosław (Jarek) Kaczyński schlief…

Der Song ist schon zwei Jahre alt, ist aber jetzt wieder aktuell geworden. Es geht um den Diktator, der am 13. Dezember 1981, als in Polen das Kriegsrecht begann, als die anderen inhaftiert oder interniert wurden, einfach in eigenem Bett schlief, heut aber die Allüren des Heldens vorzeigt. Das Lied ist eine bewusste Anspielung an einen sehr berühmten Song aus der Zeit der VRP – Janek Wiśniewski padł / Jan (Janek) Wisniewski ist gefallen

Wieder Seiten eines Buches auf der Straße

Ewa Maria Slaska

Was ist mit uns passiert?

Es ist schon meine Tradition, dass ich über die Bücher schreibe, die ich irgendwo bekommen (oder nicht bekommen), gefunden oder, naja, entwendet habe, in schierer Hoffnung kein Mensch wird sich dafür interessieren.

Nein, nein, seien Sie beruhigt, ich habe sie nicht aus den Bibliotheken entwendet, auch nicht aus Euren Bibliotheken.

In Berlin gibt es so viele Möglichkeiten, Bücher umsonst zu bekommen. Oder sie unbemerkt zu entwenden, Cafees etwa, die über Bücher verfügen…

In der ganzen Stadt gibt es vor allem verschiedene Büchertische, die zum Teil schon ganz schön groß geworden sind und den Raum einnehmen, die man eigentlich Laden oder Buchladen nennen wird und nicht Tisch.
Aber was soll es?

In einem von diesen Läden, in denen man Bücher einfach so bekommt, habe ich die Bücher nicht bekommt, weil man sie gerade schön im Ladenfenster ausgelegt hatte. Ein Gehabe, das man gewöhnt ist zu akzeptieren, wenn es  die Fenster grossen Läden und Konzernen sind. In einem Laden wie Zara wird dir niemand das Kleid von der Fensterpuppe abnehmen. Es ist nicht erlaubt, manchmal gar verboten, manchmal unter der Strafe… Manchmal behauptet man, man muss dem Chef anrufen, dann zeigt sich aber, dass der Chef es doch nicht erlaubt.

In kleinem Laden wird anders umgegangen. Im kleinem Laden wißen die Verkäufer(Innen), dass nichts besser gefällt, als das, was man in voller Fülle an einem Kunstkörper sieht, viel besser als das, was sich auf den Auslagen stappelt oder auf den Stangen aneinanderreibt.
Aber in diesem großen Büchertisch, der doch einfach ein klein Laden war, im Karl-May-Jahr hat mir die Verkäuferin (Buch-Abgeberin? sie verkaufte doch nichts!) nicht erlaubt, mir ein Buch vom May auszusuchen, weil sie gerade alle May-Bücher so schön “drapiert” hat. Das Wort machte mich total stutzig. Ich weiss, dass man in der neudeutschen Sprache die Steine auf dem Kaminsims und Obst in der Schale drapieren kann. Für mich ist jedoch drapieren bei seinem Ursprung geblieben und bedeutet ausschliesslich etwas weiches, fliessendes kunstvoll in Falten oder Plisses zu legen. Ich glaube, man benutzt es jetzt in steifen und hartkantigen Kontext, weil es elegant und salonhaft klingt, und die Buch-Abgeberin hat es gerade so elegant im Fenster aufgebaut.

Aber sonst sind Bücher überall zu bekommen, dh. auch zu abgeben. Man kann sie im Metro finden oder liegenlassen, auf einer Parkbank, in einer Kiste neben der Türeingang, auf den Fenstersimse in Treppenhäuser… Im Krankenhäuser gibt es massenweise alte Hardcover-Romane, offensichtlich aus verschiedenen Bibliotheken aussortiert (zugegeben – da bediente ich mich auch ein paar mal). Manchmal liegen sie auch in Bibliotheken und sind für einem symbolischen Obulus zu haben…

Ein grosser Teil meiner Bibliothek bilden die Bücher, die ich gefunden und manchmal gerettet habe. Seit ein oder zwei Jahren finde ich aber auf den Strassen die Bücherseiten… Bücherseiten eines Paperback, eines Taschenbuches… Offensichtlich Hardcover schützt vom Wandalismus. Kann sein. Als wir mit Monika Wrzosek Müller im Mai in Lemberg waren, hat uns ein Verleger gesagt hat, dass er alle Bücher als Hardcover herausgibt. In Ukraine, sagte er, sind Paperbacks keine Bücher.

Ist das die Erklärung?

Bis vor kurzem war ich eigentlich zufrieden, als ich auf der Strasse ein paar Seiten gefunden habe, weil es für mich ein Test meiner Geschicklichkeit war, als ich aus diesen ein paar Seiten rekonstruiert habe, WAS für ein Buch es war. Immer habe ich die Bücher dann auch gekauft, gelesen, über sie geschrieben…

Jetzt aber, bei dem neuen Fund – es ist Der Duft der Kaffeeblüte, ein Roman von Ana Veloso – bin ich eigentlich erschrocken. Wer macht das? Weshalb? Auch wenn ihm das Buch nicht gefällt. Muss nicht, ist eine langweilige Liebesgeschichte, wo die Bäuerin die schönste ist und Zeit hat, blühenden Kaffezweige zu bewundern. Aber auch dann…Warum kann er/sie es nicht einfach igendwo ablegen, damit es die Andere lesen? Wieso reist er/sie die Seiten aus, wieso verstreut er/sie sie über die Strassen…

Schauet nur:

Der neuste Fund, gefunden als ich den obigen Text schon fertig hatte – 26. August 2018, Fremdwörter Lexikon, Berlin-Friedrichshain

August 2018, Ana Veloso, Der Duft der Kaffeeblüte, Berlin-Schöneberg

Mai 2018,  Antonio Skármeta, Die Hochzeit des Dichters, Berlin Tempelhof, direkt vor meinem Haus

Februar 2017, Max Frisch, Andorra, Berlin-Charlottenburg

Juni 2016, Hermann Kasack, Die Stadt hinter dem Strom, Berlin-Kreuzberg

Juni 2013, Lutz van Dijk, Verdammt starke Liebe, Berlin Ku_Damm

Es sind meistens gute Bücher, kein Schund, den man einmal liest und wegwirft. Wer macht das mit den Büchern? Weshalb?
Was ist mit uns passiert?