Diese Katzen (es sind zwei Katzen, das sieht Ihr, hoffe ich, weil zuerst denkt man, sie ist nur eine) sind so süß und so real, dass man ernsthaft überlegen muß, ob es nicht eine Situation im Liliputland ist. Unsere Augen glauben, dass, der Künstler das Haus, die Mauer, Blätter und Zweigen, sogar den Menschen warheitsgetreu malen könnte, aber nicht die Katzen. Nicht so!
Und es stimmt. Auf den anderen Photos sieht man es ganz genau. Die Wirklichkeitselemente sind real und die Katzen auch, der Künstler verbindet sie und verarbeitet im Photoshop.
Auf der Seite odnoboko findet man viel mehr Fotos.
Wie würde die Welt aussehen, fragt sich eine Journalistin, wenn sie von Katzen geführt würde? Eine lustige und faszinierende Fantasie, die in den kuriosen fotografischen Schöpfungen des russischen Künstlers Andrey Scherbak eine Antwort findet, der auf seinem Instagram Profil mehr als 150 Bilder von über 3 Meter hohen Katzen hochgeladen hat, in denen die heute winzige Gestalt des Menschen nichts anderes tun kann, als sich an die neuen Meister des Planeten Erde anzupassen. Und in gewisser Weise könnte es auch die beste Lösung für die Zukunft unserer Welt sein!
Alles mag ich, die Katzen, die Idee, den Künstler, der ein sympatischer Mensch zu sein scheint, man sieht ihn immer wieder auf den Fotos, er sitzt mit der Katze in einem Café, er geht dorthin spazieren, wo sich eine andere Katze eingenistet hat, sie umarmen sich, die Katze und der Mensch. Und wenn es alles so schön ist, wieso habe ich die ganze Zeit ein mulmiges Gefühl, als ob ich etwas Unangenehmes oder gar Unanständiges gemacht habe. Nicht gewollt, nicht geplant, es ist halt so passiert. Wie als ob du auf einem goldenem Strand am Meer sitzen würdesr, zufrieden, relaxiert, glücklich, du buddelst leicht mit der Hand im goldenen Sand und steckst die Finger in dort versteckten Scheisse. Ist nichts passiert, nicht tragisches, du läufst Hände Waschen, kannst darüber lachen aber das Gefühl bleibt. Zäh, hartnäckig. Der Tag, das Los, oder vielleicht jemand absichtig hat dir den goldenen Tag verdorben.
Und plötzlich weiß ich es ganz genau. Es ist nur eine Frage: Weshalb habe ich es gerade jetzt gesehen? Wieso hat mir der berühmte Algorhythmus es vorgeschoben? Es war klar, dass ich den Köter schlucke, die Katzen und Kunst. Jeder weißt, dass es mich interessiert, und wenn ja, da auch ev. reblogge. Trage weiterhin die Kunde interessaner Kunst aus Russland, des Landes der großen Kultur!
Ich glaube der Scherbakow muss dies überhaupt nicht wissen, auch die Person, die dieses Bild der auf der Mauer schlafende Katzen mir empfahl, weiß es nicht. Aber doch, es ist Haufenscheiße, dass man uns hier schön verpackt vorgeschoben hat. Es stinkt.
Och fuck you alle! Ich hasse es! Diese verdammte Fähigkeit unsere Vorlieben gegen uns zu drehen! Och shit, idi na ch*j. Idi na ch*j.
Das habe ich hergestellt.
Ja, du russischer Troll, so sehen jetzt die süßen Katzen-Bilder aus, wenn sie Bucha oder Mariupol als Hintergrund haben werden! So oder viel viel schlimmer!
In Combray wurde jeden Tag bereits am späten Nachmittag, lange bevor jener Augenblick kam, in dem ich würde zu Bett gehen und fern von meiner Mutter und meiner Großmutter daliegen müssen, ohne zu schlafen, mein Schlafzimmer von neuem zum schmerzlichen Angelpunkt meiner bangen Erwartungen.
(…)
Wenn ich hinaufging, um mich schlafen zu legen, so war mein einziger Trost, dass Maman, wenn ich im Bett läge, kommen würde, um mir einen Gutenachtkuss zu bringen. Doch dieses Gutenachtsagen währte so kurz, sie ging schon so bald wieder hinunter, dass der Augenblick, in dem ich hörte, wie sie heraufkam, dann, wie das leichte Rauschen ihres Gartenkleides aus blauem Musselin, an dem kleine Quasten aus geflochtenem Stroh baumelten, den Flur mit der Doppeltür entlangwanderte, für mich ein schmerzvoller Augenblick war. Er kündigte jenen an, der ihm folgen musste, jenen, in dem sie mich verlassen haben, in dem sie wieder hinuntergegangen sein würde. Das ging so weit, dass ich schließlich wünschte, dieses von mir allzu geliebte Gutenachtsagen möge so spät wie möglich stattfinden, damit sich die Gnadenfrist, in der Maman noch nicht erschienen war, verlängern würde. Manchmal, wenn sie, nachdem sie mich geküsst hatte, die Tür öffnete, um davonzugehen, wollte ich sie zurückrufen, sie bitten: »Gib mir noch einen Gutenachtkuss«, aber ich wusste, dass sie sogleich ihr verstimmtes Gesicht aufsetzen würde, denn das Zugeständnis, das sie meinem Kummer und meiner Erregung machte, indem sie heraufkam, mich in den Arm zu nehmen, mir diesen Friedenskuss zu bringen, ärgerte meinen Vater, der dieses Ritual lächerlich fand, und eher hätte sie getrachtet, mir diese Gewohnheit auszutreiben, als mich diejenige annehmen zu lassen, sie um einen weiteren Kuss anzubetteln, während sie schon auf der Türschwelle stand. Doch sie verstimmt zu sehen machte all die Besänftigung wieder zunichte, die sie mir gerade gebracht hatte, als sie ihr liebevolles Antlitz über mein Bett beugte und es mir darreichte wie die Hostie nach dem Friedensgruß bei der Kommunion, während meine Lippen aus ihrer leiblichen Anwesenheit die Kraft zum Einschlafen schöpften.
Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 1, Auf dem Weg zu Swann, Teil 1, Combray Übersetzung von Bernd-Jürgen Fischer
Mit dem Buch habe ich mich sehr lange herumgeschlagen, immer wieder darin gelesen, nachgedacht; war wütend und empört, manchmal habe ich gelacht. Also, es hat mich doch beschäftigt. Klar, Yoga ist auch mein Weg durchs Leben gewesen, oder ich gehe ihn immer noch, auf meine Art und Weise.
Damals vor Jahren, als ich aus Italien nach Deutschland zurückkehrte, hat mich Yoga gerettet. Es brauchte viel Zeit und etliche Anläufe, aber es hat mir geholfen, den Alltag und mein Leben zu bewältigen. Ich las alles, was mir über Yoga in die Hände fiel: Patanjali, Upanishaden, Veden (Ausschnitte) und dann die Sekundärliteratur, alle von Anna Trökes und von T.K.V. Desikachar, A.G. Mohan, David Frawley, E. Wolz-Gottwald, Mathias Tietke und viele mehr. Aber wirklich geholfen hat mir die Matte – die Übungen und Regelmäßigkeit und Disziplin und dass ich mich in keinerlei Sektenkreise habe hineinziehen lassen, weder in die, die nur an brutalste Verrenkungen glaubten, noch in diejenigen, welche Yoga nur als Business verstanden.
Jetzt kommt mir dieses Buch Yoga vor, wie eine Reise zurück in die Jahre der Ausbildung, meiner intensiven Beschäftigung mit Yoga. Auf jeden Fall ist es ein unverschämt ehrliches Buch, ehrliches Erzählen, hauptsächlich über die Tiefen des Verfassers. Ob das unbedingt interessant ist und unseren Horizont erweitert, ist andere Frage. Da ich immer angenommen habe, Yoga solle der Vernichtung oder wenigstens der Verminderung des eigenen Egos dienen, überrascht es mich, so viel ausgeprägtes Ego in dem Buch zu finden, neben all den Behauptungen, auf dem Yoga-Weg zu sein. Klar, die Wege zur Konzentration durch Meditation und letztendlich zu höheren Formen des Bewusstseins auf dem achtgliedrigen Pfad (Dhyana, Dharana und Samadhi) waren auch für mich damals fast der wichtigste Teil der theoretischen Yoga-Lehren von Patanjali, doch ich habe sie für mich anders ausgelegt. Das kann ich am besten am Beispiel des Verständnisses von Karma Yoga erklären: Karma Yoga, einer der sechs Wege des Yoga, wird in der indischen Philosophie als der Dienst an den Anderen verstanden. Bei vielen Adepten des westlichen Yoga wird er dagegen als meditativer Weg der Ausübung vieler alltäglicher Verrichtungen wahrgenommen; z.B. wird die Tätigkeit des Putzens der eigenen Wohnung in meditativer Weise, mit Achtsamkeit, als Karma Yoga angesehen. Das ist auch nicht schlimm, das konzentrierte, bewusste, achtsame Putzen kann ein guter Weg für die Bekämpfung der eigenen Misere oder des Unwohlseins sein. Doch das als den Yoga-Weg zu verklären, halte ich für völlig übertrieben. Überhaupt liefert mir das Buch ein Beweis dafür, wieviel Narzissmus und Selbstverliebtheit in dem westlichen Verständnis des Yoga-Wegs steckt. Vielleicht war eben dieser gesteigerte Narzissmus auch der Grund für die Nervenzusammenbrüche des Autors. Das sieht er auch selbst ein und kommentiert ironisch: „Eine Abschieds- und Verlusterfahrung, ein Moment, an dem das Leben kippt, genau das erlebe ich ja gerade. Doch wie soll ich unseren Schülern gegenüber zugeben, dass ich mir diese selbst aufbürde? Ich habe oft gesagt, man müsse das eigene Leid respektieren und nicht relativieren, und das neurotische Elend sei nicht weniger grausam als das gemeine Unglück, trotzdem: im Vergleich zu der kompletten Entwurzelung, die diese sechzehn-, siebzehnjährigen Jungen1 erlebt haben und erleben, ist ein Typ, der alles, absolut alles hat, um glücklich zu sein, und der sich abmüht, um dieses Glück und das seiner Angehöriger zu zerstören, eine Obszönität, die zu verstehen ich ihnen schwer abverlangen kann und die dem Standpunkt meiner Eltern recht gibt, dem zufolge man in Kriegszeiten nicht genug Freizeit hat, um neurotisch zu sein“. Leider ist der Tenor des Buches genau entgegengesetzt, der Autor kokettiert mit dem eigenen Leiden und macht es zum Hauptthema.
Diese absolute Konzentration auf sich selbst im Leben war für mich ein Novum, mit dem ich lange in der westlichen Welt zu kämpfen hatte. Und ich finde es fast pervers, den Yoga-Gedanken so umzukehren, ihn so zu verdrehen, dass er den Anforderungen der coolen, hochgebildeten, gutsituierten und selbstverliebten Menschen in der westlichen Welt dient und dienen soll. Irgendwann habe ich mich damit abgefunden – und da kam der Überfall auf die Ukraine und die alte Ordnung wurde wieder aufgehoben. Das Buch hat aber an erstaunlicher Aktualität gerade jetzt gewonnen, auch wenn es vor einigen Jahren geschrieben wurde. Es verdeutlicht nämlich die erwähnte Selbstverliebtheit und Denkweise einer westlichen Konsumgeneration, die vor allem auf der Suche nach dem eigenen Glück und Wohlbefinden ist. Die aus Angst um den eigenen Wohlstand nicht gewillt ist, der Ukraine zu helfen, sogar bereit ist, der Ukraine das Recht auf Selbstverteidigung abzusprechen. Würde die Ukraine sich Putin beugen, die Annexion einige Gebiete durch Russland in Kauf nehmen, dann hätten wir endlich wieder Ruhe und Frieden – diese Logik des Denkens kann man durch die Lektüre dieses Buchs besser nachvollziehen. Deswegen hat es mich auch gefesselt und zum Nachdenken gebracht, denn die Geschichte eines ungefähr sechzigjährigen Mannes, der mit eigenem Leben nicht klarkommt, scheint an sich nicht besonders faszinierend. Was das Buch aber bietet, ist radikale und verblüffende Offenheit bei der Beschreibung dieses „Kampfes“, z.B. in den Vipassana-Kursen, die „Kampftraining der Meditation seien. Zehn Tage lang, zehn Stunden schweigend von allem abgeschnitten: the real shit. In Internetforen berichten viele, diese Hardcoreerfahrungen habe sie bereichert und verändert, andere verurteilen sie als sektenhafte Vereinnahmung. Sie beschreiben den Ort als Konzentrationslager und die tägliche Zusammenkunft als Gehirnwäsche. Nordkorea sozusagen“; er ist bereit, dies zu absolvieren, auch andere Methoden der Meditation, um den eigenen Dämonen zu entkommen.
Auf dieser Sinnsuche vergessen viele, dass die Texte der Upanischaden, auch der Veden und die von Patanjali deshalb verfasst wurden, um den wirklich Leidenden zu helfen, ihnen einen Platz in der Kastengesellschaft zu geben und das sehr bescheidene Überleben zu ermöglichen, und dass sie spirituelle, fast biblische Texte sind.
Was dem Autor letztlich hilft, ist die Beschäftigung mit den jungen Flüchtlingen, die Abkehr von der eigenen Person, der Perspektivwechsel, durch den er in den Hintergrund tritt und wirklich über die anderen und deren Leben demütig nachdenkt. Insofern ist das Ende des Buches vielleicht hoffnungsvoll; das „freundliche Wasser“ heißt das letzte Kapitel, in dem er zum Schluss kommt: „Kein feierliches, meditatives Yoga, das der Auslöschung der Vritti, dem Ausweg aus dem Samsara oder dem lebenslangen Hinwirken auf einen Zustand der Gelassenheit und des Staunens gilt. Nicht das Yoga, über das ich dieses Buch schreiben und weihevoll behaupten wollte, man dürfe es nicht mit vulgärer Gymnastik verwechseln, sondern das, was junge Frauen auf der ganzen Welt machen, die genau wie diese hier finden, dass es eine wunderbare Gymnastik ist, die nichts von Patanjali halten und nicht die geringste Lust haben, dem Samsara zu entkommen, weil man das Samsara auch Leben nennen kann und weil, auch wenn Patanjali und Konsorten das Gegenteil sagen, das Leben gut ist. Nicht nur, das ist klar, aber auch.“2 Belassen wir es dabei und denken wir immer wieder an die Anderen.
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1 Es sind Jungs aus Afghanistan und Syrien, die er auf der griechischen Insel Leros in einem Schreibkurs unterrichtet und kennenlernt, wohin ihn sein umtriebiges Leben verschlagen hat.
2 Vritti, Samsara: beides Begriffe aus dem Yoga; der erste bedeutet Gedankenwellen, Gedankenbewegungen, der zweite wird auch im Buddhismus verwendet und bezeichnet den Lebensrad, den Kreislauf der Wiedergeburten.
Seit genau Hundert Jahren zelebriert man den Vergissmeinnicht-Tag in den USA am 10. November. Man erinnert damit die Soldaten, die mit schweren Verwundungen oder Behinderungen aus dem Krieg zurückkehren. Erstmals wurde dieser Tag im Jahr 1922 begangen. Mit Hilfe der Feierlichkeiten sollten finanzielle Mittel zur Unterstützung der Soldaten gesammelt werden, die mit Behinderungen aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrten. Spenden wurden unter anderem durch den Verkauf der blauen Pflanze Vergissmeinnicht gesammelt. Diese gilt generell als Symbol des Erinnerns. Am Vergissmeinnicht-Tag kann sie an andere verschenkt werden, um ihnen zu signalisieren, dass sie niemals in Vergessenheit geraten werden.
Vor 20 Jahren
Ungeachtet dessen hat man sich in Polen einen anderen Tag ausgesucht, der nun als der Tag der Vergissmeinnicht gilt: den 15. Mai. Den feiert man in Polen seit 2002. Die Idee des Tages ist, Menschen an den Wert der Natur zu erinnern, Bedeutung des Umweltschutzes zu unterstreichen und die biologische Vielfalt Polens zu erhalten. Darüber hinaus soll der Feiertag darauf abzielen, wichtige Momente im Leben, Menschen, Orte und Situationen vor dem Vergessen zu bewahren.
15. Mai 2022
Ich denke mir, dass wir 2022 die beiden Feiertagen gemeinsam zelebrieren können. Es blühen die Vergissmeinnicht überall. Es ist Krieg, Soldaten kehren mit schweren Verwundungen oder Behinderungen aus dem Krieg zurück. Sie fallen. Sie sind für unsere und Eure Freiheit in Ukraine gefallen. Wir wollen sie vor dem Vergessen zu bewahren.
Alice Schwarzer und andere wurden für ihren Brief an Olaf Scholz heftig kritisiert. Mehrere Prominente schreiben dem Kanzler nun ebenfalls – mit einem ganz anderen Appell. Intellektuelle um den Publizisten Ralf Fücks plädieren für die kontinuierliche Lieferung von Waffen an die Ukraine – nachdem eine Gruppe um Alice Schwarzer davor gewarnt hatte.
Anm. der. Administratorin: Wie gut es einem tut, dass es nicht nur Alice Schwarzer und Julie Zeh gibt, sondern auch Herta Müller und Maxim Biller, Olga und Vladimir Kaminer oder Daniel Kehlmann.
auf der Maikundgebung in Düsseldorf haben Sie gegen Pfiffe und Protestrufe Ihren Willen bekräftigt, die Ukraine auch mit Waffenlieferungen zu unterstützen, damit sie sich erfolgreich verteidigen kann. Wir möchten Ihnen auf diesem Weg Beifall für diese klaren Worte zollen und Sie ermutigen, die Entschließung des Bundestags für Waffenlieferungen an die Ukraine rasch in die Tat umzusetzen.
Angesichts der Konzentration russischer Truppen im Osten und Süden der Ukraine, der fortgesetzten Bombardierung der Zivilbevölkerung, der systematischen Zerstörung der Infrastruktur, der humanitären Notlage mit mehr als zehn Millionen Flüchtlingen und der wirtschaftlichen Zerrüttung der Ukraine infolge des Krieges zählt jeder Tag. Es bedarf keiner besonderen Militärexpertise, um zu erkennen, dass der Unterschied zwischen “defensiven” und “offensiven” Rüstungsgütern keine Frage des Materials ist: In den Händen der Angegriffenen sind auch Panzer und Haubitzen Defensivwaffen, weil sie der Selbstverteidigung dienen.
Wer einen Verhandlungsfrieden will, der nicht auf die Unterwerfung der Ukraine unter die russischen Forderungen hinausläuft, muss ihre Verteidigungsfähigkeit stärken und die Kriegsfähigkeit Russlands maximal schwächen. Das erfordert die kontinuierliche Lieferung von Waffen und Munition, um die militärischen Kräfteverhältnisse zugunsten der Ukraine zu wenden. Und es erfordert die Ausweitung ökonomischer Sanktionen auf den russischen Energiesektor als finanzielle Lebensader des Putin-Regimes.
Es liegt im Interesse Deutschlands, einen Erfolg des russischen Angriffskriegs zu verhindern. Wer die europäische Friedensordnung angreift, das Völkerrecht mit Füßen tritt und massive Kriegsverbrechen begeht, darf nicht als Sieger vom Feld gehen. Putins erklärtes Ziel war und ist die Vernichtung der nationalen Eigenständigkeit der Ukraine. Im ersten Anlauf ist dieser Versuch aufgrund des entschlossenen Widerstands und der Opferbereitschaft der ukrainischen Gesellschaft gescheitert. Auch das jetzt ausgerufene Ziel eines erweiterten russischen Machtbereichs von Charkiw bis Odessa kann nicht hingenommen werden.
Die gewaltsame Verschiebung von Grenzen legt die Axt an die europäische Friedensordnung, an deren Grundlegung Ihre Partei großen Anteil hatte. Sie beruht auf Gewaltverzicht, der gleichen Souveränität aller Staaten und der Anerkennung der Menschenrechte als Grundlage für friedliche Koexistenz und Zusammenarbeit in Europa. Es widerspricht deshalb nicht der Ostpolitik Willy Brandts, die Ukraine heute auch mit Waffen zu unterstützen, um diese Prinzipien zu verteidigen.
Russlands Angriff auf die Ukraine ist zugleich ein Angriff auf die europäische Sicherheit. Die Forderungen des Kremls für eine Neuordnung Europas, die im Vorfeld der Invasion formuliert wurden, sprechen eine klare Sprache. Wenn Putins bewaffneter Revisionismus in der Ukraine Erfolg hat, wächst die Gefahr, dass der nächste Krieg auf dem Territorium der Nato stattfindet. Und wenn eine Atommacht damit durchkommt, ein Land anzugreifen, das seine Atomwaffen gegen internationale Sicherheitsgarantien abgegeben hat, ist das ein schwerer Schlag gegen die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen.
Was die russische Führung fürchtet, ist nicht die fiktive Bedrohung durch die Nato. Vielmehr fürchtet sie den demokratischen Aufbruch in ihrer Nachbarschaft. Deshalb der Schulterschluss mit Lukaschenko, deshalb der wütende Versuch, den Weg der Ukraine Richtung Demokratie und Europa mit aller Gewalt zu unterbinden. Kein anderes Land musste einen höheren Preis bezahlen, um Teil des demokratischen Europas werden zu können. Die Ukraine verdient deshalb eine verbindliche Beitrittsperspektive zur Europäischen Union.
Die Drohung mit dem Atomkrieg ist Teil der psychologischen Kriegführung Russlands. Dennoch nehmen wir sie nicht auf die leichte Schulter. Jeder Krieg birgt das Risiko einer Eskalation zum Äußersten. Die Gefahr eines Nuklearkrieges ist aber nicht durch Konzessionen an den Kreml zu bannen, die ihn zu weiteren militärischen Abenteuern ermutigen. Würde der Westen von der Lieferung konventioneller Waffen an die Ukraine zurückscheuen und sich damit den russischen Drohungen beugen, würde das den Kreml zu weiteren Aggressionen ermutigen. Der Gefahr einer atomaren Eskalation muss durch glaubwürdige Abschreckung begegnet werden. Das erfordert Entschlossenheit und Geschlossenheit Europas und des Westens statt deutscher Sonderwege.
Es gibt gute Gründe, eine direkte militärische Konfrontation mit Russland zu vermeiden. Das kann und darf aber nicht bedeuten, dass die Verteidigung der Unabhängigkeit und Freiheit der Ukraine nicht unsere Sache sei. Sie ist auch ein Prüfstein, wie ernst es uns mit dem deutschen “Nie wieder” ist. Die deutsche Geschichte gebietet alle Anstrengungen, erneute Vertreibungs- und Vernichtungskriege zu verhindern. Das gilt erst recht gegenüber einem Land, in dem Wehrmacht und SS mit aller Brutalität gewütet haben.
Heute kämpft die Ukraine auch für unsere Sicherheit und die Grundwerte des freien Europas. Deshalb dürfen wir, darf Europa die Ukraine nicht fallen lassen.
Erste Unterzeichner unten – als ich es gestern um 15 Uhr unterzeichnet habe, war ich circa 6000. Bei dem Unterzeichnen sieht man die ganze Liste und auch die Zahl der schon geleisteten Unterschrifte.
Stephan Anpalagan Gerhart Baum Marieluise Beck Maxim Biller Marianne Birthler Wigald Boning Prof. Tanja Börzel Hans Christoph Buch Mathias Döpfner Prof. Sabine Döring Thomas Enders Fritz Felgentreu Michel Friedman Ralf Fücks Marjana Gaponenko Eren Güvercin Rebecca Harms Wolfgang Ischinger Olga Kaminer Wladimir Kaminer Dmitrij Kapitelman Daniel Kehlmann Thomas Kleine-Brockhoff Gerald Knaus Gerd Koenen Ilko-Sascha Kowalczuk Remko Leemhuis Sabine Leutheusser-Schnarrenberger Igor Levit Sascha Lobo Wolf Lotter Ahmad Mansour Marko Martin Jagoda Marinić Prof. Carlo Masala Markus Meckel Eva Menasse Herta Müller Prof. Armin Nassehi Ronya Othmann Ruprecht Polenz Gerd Poppe Antje Rávik Strubel Prof. Hedwig Richter Prof. Thomas Risse Prof. Gwendolyn Sasse Prof. Karl Schlögel Peter Schneider Linn Selle Constanze Stelzenmüller Funda Tekin Sebastian Turner Helene von Bismarck Marie von den Benken Marina Weisband Deniz Yücel Prof. Michael Zürn
ViSdP: Ralf Fücks, Zentrum Liberale Moderne, Reinhardtstr. 15, 10117 Berlin
Berlin offowy widziany oczami Polaka / OffBerlin von einem Polen gesehen
To my, Ela Kargol, Krysia Koziewicz i ja, Ewa Maria Slaska. Zapraszamy.
Kolejne nasze spotkanie w SprachCafé Polnisch (Polskiej Kafejce Językowej), (nie)zawsze w trzeci piątek miesiąca.
29 kwietnia 2022 o godzinie 19.30 Schulzestr. 1 /13187 Berlin Pankow. Stacja kolejki Wollankstraße.
Achtung! Es gelten aktuelle Covid-Regeln!
Marek Defée i jego alternatywny przewodnik po Berlinie –Offberlin. Fantastyczne czytanie.
OffBerlin. Przewodnik alternatywny nie opisuje miejsc znanych i typowych, znajdujących się na trasie standardowych wycieczek. Autor proponuje w nim wędrówkę po jego ulubionych dzielnicach i mało znanych zakątkach. Perełki street foodu, kawiarnie, bary, weekendowe ryneczki, pchle targi, miejsca z designem, squaty, graffiti, muzyka uliczna, tańce nad Szprewą, plaże w środku miasta, życie nocne – to tylko część atrakcji, które opisuje ten nietypowy przewodnik. Przewodnik stanowi subiektywne spojrzenie na Berlin, które w zamyśle autora ma być inspiracją do odkrywania własnych ścieżek w wyjątkowym mieście, jakim jest Berlin.
Autor przybędzie na spotkanie!
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Marek Defée und sein alternativer Berlin-Führer. Lesevergnügen A1. OffBerlin. Der alternative Reiseführer beschreibt nicht die bekannten und typischen Orte der Berliner Standardtouren.
Autor schlägt eine Reise durch seine Lieblingsviertel und wenig bekannten Ecken vor. Streetfood-Locations, Cafés, Bars, Wochenendmärkte, Flohmärkte, Design und Graffiti, Squats, Straßenmusik, Tanzen auf der Spree, Strände mitten in der Stadt, Nachtleben – das sind nur einige der Attraktionen, die in diesem ungewöhnlichen Führer beschrieben werden. Defées Reiseführer ist ein subjektiver Blick auf Berlin, der dazu anregen soll, eigene Wege in der einzigartigen Stadt Berlin zu entdecken.
Der Autor wird zu dem Treffen aus Stettin kommen. Wir freuen uns schon darauf!
Masha Pryven
Der Weg nach Combray
16,5 x 22 cm, 40 Seiten, 26 Abb., Klappenbroschur, Fadenheftung
ISBN 978-3-9820807-9-6
Liebe Freundinnen und Freunde!
Ich will euch herzlich zur Präsentation meines ersten Fotobuches einladen. Es heißt „Der Weg nach Combray”. Prousts Roman Auf die Suche nach der verlorenenen Zeit hat mich vor zwei Jahren zutiefst beeindruckt und bewegt, selber auf die Suche zu gehen. Am Abend gibt es unter anderem ein Gespräch zwischen mir und der Fotografin Angela Giebner. Die Bilder aus dem Band sind auch in der Ausstellung zu sehen. Das Buch kann man im Shop meines Verlages bestellen oder am Abend direkt kaufen. Würde mich auf die Unterstützung meiner Arbeit freuen.
Ohne weiteres: Ich lade euch alle herzlich zu dem Abend ein und würde mich freuen, euch zu sehen. Ich bin froh, dass ich in diesen sehr dunklen Zeiten für die Ukraine und für mich an einem Tag mit euch zusammen feiern darf.
WO: SPACE B23, Greifswalder Straße 23
WANN: 29. April, 18 Uhr
***
Ewa Maria Slaska
Masha, Proust und ich
Er hat uns zusammengebracht, der Marcel Proust. Wir haben uns genau vor einem Jahr getroffen, an dem Osternsamstag 2021. Sie hatte Fotos für eine Ausstellung gebracht, ich sollte ein Text dazu schreiben. Habe ich, ja.
Am 19. Mai 2021 stellte Masha ihre Foto-Collagen im Fenster des Antiquariats Mutabor in der Immanuelkirchstraße in Berlin; mein Text hat sie mittels eines Kinderstempelsets per Hand gedruckt und im Türfenster plaziert.
Fünftes Band von Marcel Proust Zyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Die Gefangene, auf Ukrainisch; Masha aber las Proust auf Russisch
Dafür, dass ich es für sie geschrieben habe, dürfte ich ihre Proust-Fotos auf meinem Blog präsentieren. Hier.
Ihre Proust Fotos. Ja, der Name hat uns verbunden. Die Fotos. Der Proust. Wir sprachen erst eine Stunde miteinander, als wir an Proust kamen. Sie kommt aus Ukraina, und ich wußte schon, dass es dort noch nicht alle sieben Bände übersetzt wurden und dass es für die Menschen dort ein jedes neue Band ein großes Fest ist. Sie warten darauf, vielleicht Jahre, bis sie endlich wissen, was mit Albertine passiert ist oder wo Gilberta nach der Hochzeit wohnte. Bis heute, wenn wir über Proust miteinander sprechen, bittet sie darum, dass ich ihr dies und das von Proust nicht verrate. Als ob es der neuste Matthias Nawrat wäre und nicht ein Dichter, der vor 100 Jahren gestorben ist. Geboren am 10. Juli 1871 in Auteuil bei Paris, gestorben am 18. November 1922 in Paris.
Vor zwei Jahren ist Masha nach Frankreich gefahren, auf den Spuren der verlorenen Person – Marcel Proust. In der Einladung zur morgigen Abend schrieb sie, dass sie vor zwei Jahren auf der Suche gefahren ist …geografisch nach Normandie, wo die manche Szenen aus dem Buch sich abspielen, und innerlich an die Orte der Kindheit, der Jugend und damit verbundenem Gefühl des Erwachens und Spüren der Freiheit. Ich als Erwachsene tauchte in die Welt der Fantasien ein, die dann meine eigenen Erinnerungen hervorbrachte.
Ein Jahr später schauten wir uns beide ihre Fotos von dieser Reise an. Schwarz-weiße Fotos, analog aufgenommen. Selten erinnerten sie an Proust selber. Wenn ja, da sagte sie mir, dass es der Bahnhof in Combray ist. – Combray?, fragte ich. Du meinst Illiers, so heißt doch die Stadt wirklich? – Nein, sie hat sich den Namen geändert, die Stadt, sie heißt jetzt Illiers-Combray. Ich schaue sie an und will es nicht glauben, als ob London jetzt nach Terry Pratchett in Ankh Morpork umgenannt wurde. Es ist aber schon lange Geschichte. Die heutige zusammengesetzte Namensgebung der Stadt, schreibt Wikipedia, wurde 1971 beschlossen und als Dekret im Journal Officiel veröffentlicht. Anlass war der 100. Geburtstag von Marcel Proust. Illiers-Combray, fügt Wikipedia dazu ein, ist die einzige französische Kommune, die einen aus einem literarischen Werk hervorgegangenen Namen trägt.
In Polen gibt es auch so ein Konstrukt, ein Dorf und Gemeinde Lipce Reymontowskie. Der Roman Chłopi (Bauern) in den Jahren 1904-1909 von polnischen Nobelpreisträger, Władysław Reymont geschrieben, spielt im Dorf Lipce. Der heutige Name (mit dem Zusatz Reymontowskie dh. von Reymont ) ist seit dem 1. April 1983 in Kraft.
– Das ist der Armsessel im Haus von Tante Leonie, sagt Masha. Ich schaue mir das Foto an und weiß, dass ich mich verliebt habe. Dieser verschwommener Sessel, von dem doch niemand weiß, ob er tatsächlich aus dem Hausinventar der Tante Leonie stammt und sogar wenn ja, ob Proust auf ihm / in ihm je Mal gesessen hat, ist ausgesprochen ein Proustsches Objekt. Ich muss ihn haben! – Und die Tasse?, fragt Masha. Provokativ.
Ja, natürlich die Tasse, aus der Proust von der Tante ein Schluckchen Lindentee mit einem Biss ‘Madeleine’ bekommen hatte, als er morgens zu ihr ging, um sie zu begrüßen. Die ganze Konstruktion dieses gewältigen Romans, eines der wichtigsten in der Literaturgeschichte, wurde auf dem Fundament von diesem ausgeweichten Biss eines Küchlein errichtet, eines jener, schrieb Proust, dicken ovalen Sandtörtchen, die man ‘Madeleine’ nennt und die aussehen, als habe man als Form dafür die gefächerte Schale einer St.-Jakobs-Muschel benutzt.
Eine ‘Madeleine’ wurde tatsächlich seit eh so gemacht, als ob man sie immer noch für die Pilgern auf dem Weg nach Santiago di Compostella in den Saint-Jakob-Muscheln gebacken hätte. Illiers lag auf dem Weg und seit Jahrhunderten spezialisierte sich in Herstellung dieser Küchlein. Und die Muschel war ein Symbol dieser Pilgerfahrt.
Ja, Masha hatte recht, für eine wahnsinnige Leserin von Proust, wie ich es bin, genauso wie Masha, sollte vielleicht diese Tasse wichtiger sein als alle andere Fotos, die sie gemacht hatte. Kann sein. Nun ja, ich habe mich in den Sessel verliebt.
Aber diese Proust Fotos im Zyklus sind nicht nur die, die sie in Illiers gemacht hate. Dies wäre zu einfach, zu plump, zu unbeholfen. Dafür ist Masha selber zu sehr Künstlerin, um sich mit solchen Platitüden zu begnügen. Was sie in der Normandie und Bretagne suchte, war nicht (oder nicht nur) der Proust selber, sonder der Proustsche Effekt, dieser Moment, der auch Ort sein kann, in dem einem plötzlich seine eigene Gefühle klar werden. Das Buch war fertig eine Woche, bevor der Krieg in meiner Heimat Ukraine ausgebrochen ist, schrieb sie in der Einladung. Und plötzlich war es klar. Für mich hat dieses Buch diese, noch weitere Bedeutung: Es geht um die verlorene „alte” Welt, in der es für mich noch möglich war, mich mit dem Thema der Suche nach der Vergangenheit, mit Leichtigkeit und Unbekümmertheit, zu beschäftigen.
Jetzt sind diese Leichtigkeit und Unbekümmertheit nicht mehr möglich. Jetzt ist der Krieg da. Die russischen Panzertanks hätten sowohl den Dichter, als auch seine Mutter und seine Tante, hätten sie noch gelebt, zerfahren. So wie sie so viele Ukrainer, unter ihnen auch Künstler, ermordet haben. Der litauische Regisseur Mantas Kvedaravicius wurde in Mariupol getötet, der Film- und Synchronsprecher und Fernsehmoderator Pasha Lee in Irpien. Der Cellist der polnisch-ukrainischen Band Taraka, Dmitrij, wurde bei den Kämpfen ebenfalls getötet.
Wer noch? Wer ist gestorben im Angriff auf den Bahnhof von Kramatorsk? Während der Belagerung und Luftangriffe von Mariupol? Bei der Bombardierung in Tschernihiw, Massaker von Butscha, Schlacht um Charkiw und Kiiw?
Vor fast hundert, genau vor einundneunzig Jahren schrieb die amerikanische Schriftstellerin Pearl S. Buck:
„Daran glaube ich
Ich liebe das Leben, weil mich die Menschen und ihr Werden unendlich interessieren. Durch mein Interesse wächst mein Wissen um sie beständig. Und dieses wiederum läßt mich glauben, daß das gewöhnliche menschliche Herz von Natur aus gut ist. Das heißt, es ist von Natur aus empfindsam und zart, es möchte sich bestätigt sehen und bestätigen, es sehnt sich nach Glück und nach dem Leben. Es will weder getötet werden noch will es töten. Wenn besondere Umstände dazu führen, daß es dem Bösen anheimfällt, wird es doch nie ganz böse. Ein guter Kern bleibt erhalten – und mag es noch so sehr im Verborgenen sein -, aus ihm kann das Gute sich immer wieder nähren.
Ich glaube an die Menschlichkeit, aber mein Glaube ist ohne Sentimentalität. Ich weiß, daß der Mensch in einer Atmosphäre von Unsicherheit, Angst und Hunger verkrüppelt, daß er geformt wird, ohne daß er es merkt. Es ist mit ihm wie mit einer Pflanze, die sich unter einem Stein hervordrängt und ihre eigenen Lebensbedingungen nicht kennt. Nur wenn der Stein weggerollt wird, kann sie frei dem Licht entgegenwachsen. Aber die Kraft dazu ist ihr angeboren, und nur der Tod setzt dem ein Ende.
Ich brauche keinen anderen Glauben als den an die Menschheit. Wie einst Konfuzius nimmt mich das Wunder dieser Welt und das Leben darauf so gefangen, daß ich für Himmel und Engel keine Gedanken mehr habe. Dieses Leben bietet mir genug. Gäbe es kein anderes – es hat sich gelohnt, geboren zu werden, ein Mensch zu sein.
Ich glaube fest an das menschliche Herz und seine Kraft, dem Licht zuzustreben. Und dieser Glaube läßt mich auf die Zukunft der Menschheit hoffen und vertrauen. Der gesunde Menschenverstand wird der Welt eines Tages sicherlich beweisen, daß gegenseitige Hilfe und Zusammenarbeit für die Sicherheit und das Glück aller nur vernünftig sind.
Dieser Glaube gibt mir immer wieder Kraft, alles zu tun, was ein Mensch nur tun kann, um die Lebensverhältnisse so zu formen, daß man sich in Freiheit entwickeln kann. Diese Lebensverhältnisse, glaube ich, müssen unbedingt auf Sicherheit und Freundschaft aufgebaut sein.
Die hoffnungsvolle Tatsache, daß die Welt genug Nahrungsmittel für alle Menschen hat, gibt mir Mut. Unser medizinisches Wissen ist schon so weit vorgeschritten, um die Gesundheit der ganzen menschlichen Rasse zu heben. Die Mittel, die uns für die Erziehung zur Verfügung stehen, können – in weltweitem Rahmen angewandt- die Intelligenz aller steigern. Nur dies eine bleibt uns noch zu tun: Wir müssen herausfinden, wie wir die Vorteile, die einige von uns genießen, aller Welt zugänglich machen. Mit anderen Worten, um auf mein Gleichnis zurückzukommen: wir müssen den Stein wegrollen.
Auch das können wir schaffen, denn genügend Menschen werden den Glauben an sich und die anderen finden. Zwar nicht zur gleichen Zeit. Aber die Zahl derer, die den Glauben haben, wächst. Vor einem halben Jahrhundert noch dachte niemand an Welternährung, Weltgesundheit, Welterziehung. Viele denken heute daran. Inmitten eines möglichen Weltkrieges, einer Massenvernichtung, ist dies meine einzige Frage: Gibt es genug Leute, die den Glauben haben? Bleibt uns Vernünftigen noch genug Zeit zum Handeln? Es ist ein Kampf auf Leben und Tod, ein Kampf zwischen Wissen und Unwissen. Mein Glaube an die Menschheit ist unerschütterlich.“
Unterschrieben: Pearl S. Buck
Im Jahr 1932 erhielt sie für den Roman Die gute Erde den Pulitzer-Preis und 1938 den Literaturnobelpreis. Es war der erste Roman aus einer Trilogie, es folgten Söhne und Das geteilte Haus, die ihr Leben in China sehr anschaulich beschrieben. Um ihren Nobelpreis wurde auch heftig gestritten, denn viele hielten ihre Schreiberei für Trivialliteratur und man sprach sogar von einer Lex Buck im Blick auf die Unstimmigkeiten in der Nobelkommission; Intellektuelle ereiferten sich in Diskussionen über die Frage, was wahre und höhere Literatur leisten muss, um einen solchen Preis zu verdienen.
Es stimmt schon, dass Buck sehr einfach und direkt beschreibt, doch ist die Geschichte mit so viel Menschenkenntnis und Menschenliebe, mit einem Humanismus angefüllt, dass sie sich eher wie eine große Metapher, ein Symbol oder ein Lobgesang an die richtige Lebensführung liest. Die Lebensgeschichte des einfachen Bauers Wang Lung (sie schrieb grundsätzlich über China, wo sie fast ihr ganzes Leben verbracht hatte) fließt vor unseren Augen mit den Nöten und den Bedürfnissen von einfachen Menschen vorbei, die hart arbeiten müssen, um ihr Überlebensminimum zu sichern. Immer wieder kommen Zeiten des Hungers, verursacht durch harte Winter oder lange Dürreperioden, und irgendwann muss die kleine Familie in den Süden des Landes flüchten, in eine große Stadt, wo sie durch Betteln und Rikscha-Fahren etwas Geld ergattert und überlebt. Es kommt dann zu Aufständen und Plünderungen in der Stadt und Wang Lungs Frau erbeutet einen versteckten Schatz, den sie als ehemalige Sklavin in einem raffinierten Versteck findet. Die Familie geht daraufhin zurück in den Norden, Wang Lung kauft immer wieder ein Stück Land mit „guter Erde“, das er dann beackert. Die Ernte wird gut, sie können immer mehr Land kaufen, die Bauern aus den umliegenden Hütten helfen gegen Bezahlung, immer mehr Land zu bestellen. So wird die Familie reich, baut erst ihr Bauernhaus aus; irgendwann zieht sie, auf Zureden des ältesten Sohnes, in das große Haus der Familie Hwang, wo die Ehefrau von Wang Lung als Sklavin gearbeitet hatte, mit vielen Höfen und Häusern, mit Anlagen mit Teichen und goldenen Fischen. Die Kinder gründen inzwischen eigene Familien, viele Enkel werden geboren. Wang Lung bringt auch eine Konkubine ins Haus, die er dann zu seiner zweiten Frau macht.
Die Beschreibungen des Lebens haben für mich etwas Spirituelles, eben Symbolisches, obwohl erstaunlich wenig von Religion die Rede ist; ab und zu macht sich der Hauptheld Wang Lung auf, um ein paar Räucherstäbchen im Tempel anzuzünden, aber das ist auch alles. Immer wieder, wenn Wang Lung Probleme hat, zieht er sich aufs Land zurück, um die Erde, die „gute Erde“ zu spüren, um den Kontakt zu den Wurzeln, zur Einfachheit, zum richtigen Leben nicht zu verlieren. Er muss viele schwierige Entscheidungen als Oberhaupt der großen Familie, des Klans, treffen. Den Zusammenhalt, das Fundament bildet für ihn die „gute Erde“, die man nicht verkaufen, nicht zerstückeln solle. Doch am Ende des Buches, als der alte Herr Wang Lung entkräftet, krank und alt darniederliegt, sagen seine Söhne: „Sei beruhigt, Vater, sei beruhigt! Wir werden das Land nicht verkaufen.“ Aber über den Kopf des alten Mannes hinweg blickten sie einander an und lächelten.
Interessant, dass das Buch in den Jahren 1931-32 als der meist verkaufte Roman in Amerika galt; das lag wohl an der Exotik des fernen Landes oder auch an der Beschreibung der Konkubinen und Sklavinnen. Die Zustimmung und Ablehnung seitens der Literaturkritiker und der Leser schwankte heftig. Später, nach Maos Revolution in China, wurde Pearl S. Buck wegen ihres sozialen Engagements vom FBI überwacht; dieses trug eine 300 Seiten starke Dokumentation zusammen, in der sie kommunistischer Sympathien beschuldigt wurde.
Heute ist das Buch für mich mehr als aktuell, auch seine Rezeption in unterschiedlichen politischen Kontexten lehrreich. Das, was für immer bleibt, ist ihr Glaube an die Menschlichkeit, daran, dass es doch eine Kraft gibt, die uns über die Geldgier hinweg, jenseits von wirtschaftlichen und politischen Interessen zu richtigen Entscheidungen, Ansichten und letztlich zum richtigen Leben führt. Das ist, gerade heutzutage so wenig und doch so viel.
Ein substanzieller Teil der Friedensbewegung ist in seiner Selbstgerechtigkeit das Beste, was Putin passieren kann. Leider hat er in der Politik und besonders in der SPD mächtige Partner.
Transparent mit der Aufschrift »Wer Waffen liefert, sollte selbst Menschen töten!« beim Hamburger Ostermarsch: Zutiefst egozentrische Ideologie Foto: Markus Scholz / dpa
»Ich wage es zu behaupten, daß, wenn die Juden die Seelenkraft, die allein aus der Gewaltfreiheit entspringt, zu ihrer Unterstützung aufböten, Herr Hitler sich vor einem Mut, wie er ihn im Umgang mit Menschen bisher noch nie in nennenswertem Maße erfahren, verbeugen würde.« Diese Zeilen wurden Ende 1938 geschrieben, und zwar von einem Pazifisten, von dem Pazifisten, nämlich Mahatma Gandhi. Kurz darauf erklärte er noch, es könne wohl keinen jüdischen Gandhi in Deutschland geben, weil der »höchstwahrscheinlich nicht länger als fünf Minuten wirken« könne, »ehe er unverzüglich zur Guillotine geschleift würde«. Was bedeutet, dass Gandhi wusste, was Juden in Deutschland passieren konnte. Gandhi ist nicht nur bis heute ein Vorbild für viele Pazifisten, sondern war auch eine sagenhafte Knalltüte.
Die deutsche Friedensbewegung schien zu ihrem diesjährigen Hochamt, den Ostermärschen für den Frieden, grob zweigeteilt. Auf der einen Seite stehen die Vernunftorientierten, die es natürlich auch gibt, die einen aufgeklärten, realistischen Pazifismus verfolgen. Darunter kann man verstehen: Skepsis gegen Militarismus, Brechung kriegspositiver Erzählungen, Radikalität bei der Schaffung der Voraussetzungen für Frieden, aber eben auch Akzeptanz des Wunsches von Angriffsopfern, sich zu verteidigen.
Auf der anderen Seite steht ein substanzieller Teil der Friedensbewegung, die ich den deutschen Lumpen-Pazifismus nennen möchte. Es handelt sich dabei um eine zutiefst egozentrische Ideologie, die den eigenen Befindlichkeitsstolz über das Leid anderer Menschen stellt.
Lumpen-Pazifisten mögen mit der Realität nicht besonders viel anfangen können, aber sie sind nicht in erster Linie naiv, wie ihnen oft vorgeworfen wird. Naivität ist unangenehm, aber keine Schande. Lumpen-Pazifisten sind zuvorderst selbstgerecht. Es sind Menschen, die sich eine Jacke anziehen und sofort vergessen, was es heißt zu frieren. Menschen, die ihren Stuhlkreis-Prinzipien auch um den Preis des Lebens Dritter folgen. Menschen, die im Angesicht des russischen Angriffshorrors in der Ukraine nichts tun wollen, genau: nichts. Kurz, es sind Menschen wie der Friedensbeauftragte der evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Friedrich Kramer. Er sagt auf die Frage, wie man auf die Kriegsverbrechen des Diktators Putin in der Ukraine reagieren solle: »Manchmal können wir alle nur hilflose Zuschauer sein. Und das ist vielleicht gut so.« Es scheint mir kaum möglich, die eigene Ungerührtheit im Angesicht tot gebombter Kinder noch maliziöser zu feiern. Aber gut, es ist ein Bischof.
Dem russischen Faschistenführer Putin kann gar nichts Besseres passieren als solche westlichen Führungsfiguren, die direkt oder indirekt sagen, dass uns die Ukraine nichts angeht. Die Lumpen-Pazifisten haben speziell in der Politik und noch spezieller in der SPD, der Friedenspartei, einige mächtige Partner. Man erkennt sie an der Parallelität der Argumente. Bischof Kramer steht nämlich nicht nur selig hilflos daneben, er schreibt der Regierung auch vor, wie sie mit dem Konflikt umgehen soll. Waffenlieferungen sind natürlich tabu, vor allem aber sagt Kramer: »Wir dürfen da nicht gesinnungsethisch reingehen, wir müssen nüchtern draußen bleiben«. Wann um alles in der Welt soll man gesinnungsethisch sein, wenn nicht jetzt? Mit ermordeten und vergewaltigten Zivilist*innen sonder Zahl? Gesinnungsethik bedeutet hier, dass man rote Linien zieht, deren Überschreitung Folgen haben müssen: das Gegenteil von Appeasement. Zumal es nicht darum geht, dass die Nato in der Ukraine aktiv mitkämpft. Sondern um Waffenlieferungen. Der klügste, lustigste und traurigste Tweet dazu: »Weil wir nicht genau wissen, was Russland alles als Kriegserklärung verstehen könnte, habe ich mich entschieden die Spülmaschine heute nicht auszuräumen.«
Jetzt lieber nüchtern, keine nervige Ethik, die Putin womöglich »missverstehen« könnte, sondern pragmatisch zuschauen, sagt der Bischof. Wir schalten zu Michael Müller (SPD), dem früheren Regierenden Bürgermeister von Berlin, inzwischen Bundestagsabgeordneter. Der sagt bei n-tv: »Ich staune bei einigen, die sich auch die Situation vor Ort angeguckt haben, wie schnell man jetzt nach schweren Waffen ruft.« Schnell? Also bereits nach wenigen Zehntausend Toten, gefolterten, vergewaltigten, ermordeten Zivilist*innen, massenhaften Kriegsverbrechen? Die angegriffenen Ausschussvorsitzenden des Bundestags, die in der letzten Woche in Lwiw vor Ort waren, mussten sich schon von Olaf Scholz als »Jungs und Mädels« verspotten lassen, und jetzt mahnt Exbürgermeister Müller sie zur Langsamkeit in Sachen Waffen.
Die Organisatoren der pazifistischen, traditionellen Ostermärsche fühlten sich leider nicht in der Lage, den russischen Angriffskrieg zu verurteilen, aber glaubten trotzdem, für den Frieden zu demonstrieren. Besonders plakativ stellten diejenigen ihre Lostheit zur Schau, die ernsthaft gegen die Nato – und nur die Nato – »klare Kante« zeigen wollten.
Wenn man von den deutschen Lumpen-Pazifisten die vielen Schichten des platten Antiamerikanismus entfernt, dann bleibt ein Kern übrig. Nämlich die Mischung aus dem Recht des Stärkeren und der Täter-Opfer-Umkehr, die schon Gandhi zusammengemanscht hat: »Wenn die Juden, anstatt hilflos und notgedrungen gewaltlos zu sein, sich wohlüberlegt Gewaltfreiheit, das heißt Mitgefühl, für die nichtjüdischen Deutschen zu eigen machten, so könnten sie den Deutschen nicht nur keinen Schaden zufügen, sondern würden – da bin ich mir so sicher, wie ich diese Zeilen diktiere – das härteste deutsche Herz schmelzen.« Und als bizarro-antisemitische Vorrede dazu: »Laßt die Juden, die den Anspruch erheben, das auserwählte Volk zu sein, ihren Anspruch dadurch beweisen, daß sie den Weg der Gewaltfreiheit wählen, um ihre irdische Existenz zu verteidigen.« Da liegt der Lumpen-Pazifismus ausgestreckt und zeigefingert den Angegriffenen nicht nur, dass sie selbst schuld sind, wenn ihre Gewaltfreiheit nicht funktioniert. Sondern auch, dass sie nicht besser sind als die Angreifer, wenn sie vor der Vernichtung stehend nicht so richtig Bock haben auf Gewaltfreiheit. Okay, Gandhi – aber das gibt es in dieser spektakulär realitätsaversen, menschenverachtenden Form doch heute nicht mehr?
Leider doch. In der »taz« erklärt eine Friedensforscherin den Ukrainer*innen, wie sie »das Regime des Besatzers dazu bringen, sich mit ihnen an einen Tisch zu setzen und einen Kompromiss zu finden.« Abgesehen davon, dass vollkommen offen bleibt, wie ein »Kompromiss« überhaupt aussehen kann, wenn eine Partei die andere vernichten möchte, sind die Mittel, die sie ernsthaft aufzählt, folgende:
Massendemonstrationen, um den Invasoren zu zeigen, dass sie nicht willkommen sind
das Austauschen von Straßenschildern und die Verwendung von Verkehrsschildern, um die einmarschierende Armee zu beleidigen oder abzulenken
mit Menschenketten russische Panzer stoppen
Boykott russischer Waren, weil so die Besatzung auch viel teurer wird
Finanzmittel, Schulungen, andere Ressourcen bereitstellen, um Ukrainern zu helfen, ihre Fähigkeit zu massenhaftem zivilem Ungehorsam und gewaltfreiem Widerstand auszubauen
Dann bezeichnet sie es als wichtiges Instrument, im Fall einer Besatzung die Stromrechnung nicht zu bezahlen. Wer sich die Bilder der zerbombten Städte und zivilen Einrichtungen, der Leichen in den Straßen und die Berichte von Massenvergewaltigungen angesehen hat, muss den Ansatz, mit vertauschten Straßenschildern Soldaten zu verwirren, nicht einmal mehr argumentativ widerlegen. Die aufgezählten Mittel sind eine Farce, sie entsprechen der Empfehlung, der Schwerkraft zu entkommen, indem man einfach neben den Boden fällt.
Veröffentlicht wird das alles einen Tag, nachdem Putin die Truppen, die in Butscha Menschen gefoltert und ermordet haben, mit schönen Orden als Mitschlächter des Monats ausgezeichnet hat. Und dabei en passant seine Strategie der absichtsvollen Kriegsverbrechen bestätigt hat. Das ist nicht mehr naiv, sondern boshaft kalt. Waffenlieferungen hingegen lehnt die Pazifismus-freudige Friedensforscherin ab, weil wir »die weitere Militarisierung des Konflikts nicht verstärken sollten.« Das wird die in zerbombten Kellern ausharrenden, verdurstenden Menschen in Mariupol sicher arg freuen, dass ihre Stadt nicht noch weiter militarisiert wird. Wenn sie sich etwas Mühe geben und ein paar Gandhi-Kacheln auf Instagram posten, können aus ihnen bestimmt doch noch Pazifisten werden. Vielleicht nicht so porentief reingewaschene, zu 100 Prozent enthitlerte Superpazifisten wie wir hier in Deutschland, aber immerhin.
Tłumaczenie Ula Ptak na FB, 21.04.2022 (fragmenty):
Jeśli usunie się wiele warstw frazesów antyamerykańskich z niemieckich lumpenpacyfistów, pozostaje tylko rdzeń. Chodzi mianowicie o mieszankę: prawo silniejszego i odwrócenie zasady sprawca-ofiara, którą Gandhi już wcześniej sklecił: "Gdyby Żydzi, zamiast być bezradnymi i z konieczności nieagresywnymi, z rozmysłem przyjęli zasadę nieagresji, to znaczy współczucia, wobec nieżydowskich Niemców, nie tylko nie byliby w stanie wyrządzić Niemcom żadnej krzywdy, ale - jestem tego tak pewien, jak tego, że dyktuję te słowa - stopiliby najtwardsze niemieckie serce". A jako antysemicki wstęp do tego: "Niech Żydzi, którzy twierdzą, że są narodem wybranym, udowodnią swoją tezę, wybierając drogę bez przemocy, aby bronić swojej ziemskiej egzystencji". To właśnie tam rozciąga się lumpenpacyfizm, wciskając ofiarom nie tylko to, że to ich własna wina, jeśli ich niestosowanie przemocy nie przynosi rezultatów. Ale także, że nie są lepsi od napastników, jeśli w obliczu zagłady nie są w nastroju do niestosowania przemocy. No dobrze, to Gandhi - ale czy na pewno nie istnieje już w tej spektakularnie oderwanej od rzeczywistości, pogardzającej człowiekim formie coś do dziś?
W "taz" badaczka pokoju wyjaśnia Ukraińcom, jak mogą "skłonić reżim okupanta, by usiadł z nimi do stołu i znalazł kompromis". Pomijając fakt, że nie wiadomo, jak w ogóle może wyglądać "kompromis", gdy jedna strona chce zniszczyć drugą, środki, które poważnie wymienia, są następujące:
- masowe demonstracje, aby pokazać najeźdźcom, że nie są mile widziani
- wymiana szyldow z nazwami ulic i używanie znaków drogowych do obrażania lub odwracania uwagi armii najeźdźców
- wykorzystanie łańcuchów ludzkich do zatrzymania rosyjskich czołgów
- bojkotowanie rosyjskich towarów, bo to także zwiększa koszty okupacji
- Zapewnienie środków finansowych, szkoleń i innych zasobów, które pomogą Ukraińcom w budowaniu zdolności do masowego obywatelskiego nieposłuszeństwa i oporu bez użycia przemocy.
Następnie uznaje za ważne, aby nie płacić rachunku za prąd w przypadku okupacji. Każdy, kto oglądał zdjęcia zbombardowanych miast i obiektów cywilnych, trupy na ulicach i doniesienia o masowych gwałtach, nie musi nawet odpierać argumentów o wprowadzaniu w błąd żołnierzy przestawionymi znakami drogowymi. Wymienione środki to farsa; są one równoznaczne z zaleceniem, aby unikając prawa grawitacji upaść obok ziemi.
Wszystko to ukazuje się dzień po tym, jak Putin odznaczył żołnierzy, którzy torturowali i mordowali ludzi w Buczy, pięknymi medalami jako rzeźników miesiąca i w ten sposób potwierdził swoją strategię celowego popełniania zbrodni wojennych.
(...) pacyfistycznie nastawiona badaczka pokoju odrzuca dostawy broni, ponieważ "nie powinniśmy zwiększać dalszej militaryzacji konfliktu". Mieszkańcy Mariupola, którzy czekają w zbombardowanych piwnicach i umierają z pragnienia, z pewnością bardzo się ucieszą, że ich miasto nie jest dalej militaryzowane. Jeśli włożą trochę wysiłku i opublikują kilka myśli Gandhiego na Instagramie, z pewnością mogą stać się pacyfistami. Może nie będą to tak dogłębnie wypłukani, stuprocentowo entuzjastyczni superpacyfiści jak my tutaj w Niemczech, ale jednak.
Von der Administratorin: Am Ostersamstag machte ich in einer kleinen englischen Stadt (Garden City) einen Spaziergang. Das Wetter war schön und die Straßen waren voller Menschen. Ich ging in die St.-Franziskus-Kirche, wo mehrere Frauen Blumen banden und pflanzten. Wir sind hier nicht in Polen. Am Karsamstag wird in einer anglikanischen Kirche noch nichts gefeiert. Auf der anderen Straßenseite stand ein riesiger Müll-Container, der bis zum Rand mit Kirchenmusik-CDs gefüllt war. Hunderte, vielleicht Tausende von CDs. Zwei dunkelhäutige Personen mit dem Aussehen von Musiklehrern standen in der Nähe des Containers. – Das ist eine Schande, sagten sie. Sie nahmen sich eine CD nach dem Zufallsprinzip. Das tat ich auch. Ich zog Te Deum (Got sei gelobt) von Hector Berlioz.
Es ist ein Kirchenlied aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., das immer wieder von Grund auf neu komponiert und anlässlich großer kirchlicher Feste aufgeführt wurde, ursprünglich vermutlich am Vorabend von Ostern. Das ist genau der Tag, an dem ich es aus dem Müll gezogen habe. Musik für das große, traurige Osterfest 2022, wenn ein großer, schrecklicher Krieg in der Welt herrscht.
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Ela Kargol
Welttag des Buches
Das Buch habe ich auf meinem Hof im Müllcontainer gefunden. Zwischen Kaffeesatz und Eierschalen lagen noch andere Bücher. Die sauberen habe ich herausgeholt und daneben auf eine kleine Mauer hingelegt. Wenn es nicht regnet, vielleicht überleben sie, bis jemand wie ich ihnen ein neues Leben im neuen Zuhause schenkt. Mir läuft es jedes mal den Rücken kalt runter, wenn ich Bücher in Abfallkörben, Mülltonnen oder auf Müllhalden sehe. Dasselbe fühle ich bei weggeschmissenem Brot. Es gibt doch genug Möglichkeiten die Bücher wegzugeben. Es gibt genug Lebensfenster („Babyklappen“) so wie für ungewollte Kinder, es gibt Büchertelefonzellen, Bibliotheken, Bücherbasare und schließlich Menschen, die sich über weitere Bücher freuen, bei denen es noch Platz in den Regalen gibt. Was für ein Unterschied besteht zwischen Bücherverbrennung und Bücher-Wegschmeißen? Fast keinen, die Ideologie ist nur anders. Damals Nationalismus und jetzt Wegwerfgesellschaft und Überfluss.
Für mein Zuhause habe ich ein rotes Buch gerettet, noch paar Jahre Leben geschenkt. Jahrgang 1927, drei Jahre älter als meine Mutter. Ganzleineneinband mit goldfarbenen geprägten Lettern, sowie Prägungen in Form von einem gebundenem Rosenstrauß, „Jungmädchenwelt, ein Jahrbuch“, herausgegeben in Stuttgart bei der Union Deutsche Verlagsgesellschaft. Es gibt auch ein entsprechendes Buch für die Jungen: „Junge Welt, ein Jahrbuch für unsere Jungen“. Gott sei dank nicht im Müll gefunden, sondern bei Ebay-Kleinanzeigen. Ich denke ernsthaft daran, es zu bestellen.
In dem Mädchenbuch findet man außer einem Rosenstrauß, alles was das Herz einer jungen Frau begehrt: „…Erzählungen ernsten und heiteren Inhalts, Plaudereien über Kunst und Wissenschaft, Länder und Völker, Beruf, Sport, Haus Hof und Garten…“ Es gibt heitere Texte und traurige, Kunstabbildungen solcher Künstler, deren Kunst später entartet wurde oder derer die der NSDAP treu bis zum Ende geblieben sind. Es gibt Rätsel, Märchen und Reiseberichte, Zeichnungen, Bilder und viel mehr.
Auf einer der Seiten wurde ich auf ein Foto von vier Mädchen aufmerksam, die mit erhobenen Händen im Kreis tanzen. Den Namen des Fotografen Paul W. John, geboren im heutigen Łebcz bei Puck, habe ich in Wikipedia gefunden: Paul W. John
Das Foto ist betitelt: Frühlingsreigen. Ich musste nach der Bedeutung des Wortes Reigen suchen.
Ich hatte schon meine Vermutungen über alte germanische Bräuche, die vom Bund Deutscher Mädel übernommen wurden, aber nein, diese Tänze gehen auf die Antike zurück, auf Homer, die Ilias, und haben viel gemeinsam mit Hochzeitsumzügen. Ich musste sofort an einen berühmten Film mit Jerzy Stuhr denken, den Wodzirej in dem Stuhr einen Vortänzer spielt.
Was kann man von einer angehenden Hausfrau erwarten? In 30 Merksätzen steht es im Buch geschrieben. Von einer jungen Frau vor fast 100 Jahren hat man was ganz anderes erwartet, was man heute erwarten würde. Würde man heute überhaupt etwas erwarten? Das Wort Erwartung ist schon falsch, es klingt ähnlich wie Manipulation, Suggestion, Lenkung. Meine Mutter hat mir immer verbale Ratschläge, Suggestionen, Wegweisungen gegeben. Ich habe sie dafür gehasst, obwohl ich sie sehr liebe, die Mutter. Wenn ich den letzten Punkt der Merksätze für angehende Hausfrauen lese, muss ich lachen. „Kostbare Edelsteine in der Krone der Hausfrau sind: Ordnung, Reinlichkeit, Pünktlichkeit und Sparsamkeit.“ Bei mir fehlt alles. Die anderen Merksätze, wie das ganze Buch in Frakturschrift geschrieben, sind leider auch nichts für mich. Ein Paar würde ich vielleicht akzeptieren: Lasse nichts umkommen, sondern verwende alle Speisen rechtzeitig. Manche sind veraltet, manche unverständlich oder lächerlich: Lasse dich von deiner Nachbarin nicht aufhalten, wenn du kochende Speisen auf dem Herd hast, ebenso lasse das Romanelesen während dieser Zeit. Oftmals ist das unangenehme Anbrennen oder das Überkochen die unvermeidliche Folge davon.
Ich habe als junges Mädchen Anne auf Green Gables gelesen und ihre Ideen und ihr buntes Leben in Kanada wirkten auf mich viel überzeugender als die 30 Merksätze für angehende Hausfrauen in Deutschland.
Man kann über die Merksätze lachen, sie ernst nehmen, als nützlich oder interessant empfinden, man kann sie überspringen und Rätsel lösen, alles für junge Mädchen.
Soviel Wissenswertes auf der Müllkippe gefunden, Texte über Künstler, Literatur, Reisen, Gedichte, Fotos, Bilder, goldene Buchstaben auf roten Leinen… Manch einer mag sagen, das sei unnützes Wissen, unnützes Buch, alt, gehört in den Müll. Wer liest so was? Wer las so was? Unsere Großmütter, Großväter vielleicht auch. Und die Nachbarin, die vor paar Monaten gestorben ist und deren Wohnung von einer Auflösungsfirma aufgeräumt wurde, samt Büchern.
Allen Büchern auf der Welt wünsche ich schöne Regale, eifrige Leser und Leserinnen und eine gute Behandlung, ein langes Leben in Gesundheit und Achtung.