Frauenblick auf Museum an der Weichsel

Monika Wrzosek-Müller

Gedanken zu der Ausstellung von Daniel Rycharski im Museum an der Weichsel

Der Taxifahrer sprach immer wieder von seinem Schwager aus der Provinz, genauer aus einem Dorf. Irgendwie würden die auf dem Land immer nur klagen, nichts lohne sich, jede Anstrengung sei zu viel; zwar hätte sich viel verändert, doch die Bereitschaft, Verantwortung für etwas Größeres (ein richtiges Unternehmen) zu übernehmen, würde fehlen; oder es wagen doch nur ganz wenige. Sollen sie doch in die Stadt kommen, sich hier ausprobieren, bitte schön… usw… usf.

Das war der Anfang meiner Episode mit dem Nachdenken über das Landleben, die Dörfer, die Bauern in Polen. Mehrere Faktoren haben zusammengespielt. Vor einigen Monaten erzählte mir eine Freundin von einer fantastischen Ausstellung in Krakau, die Stanisław Wyspiański gewidmet war und unheimlich viele seiner Werke versammelte. Er war der Hauptvertreter der „Bauernmanie“ [Chłopomania] aus der Kunstrichtung Junges Polen [Młoda Polska] in der Zwischenkriegszeit. Als Künstler war er nicht nur Maler, Projektant von Glasfenstern und Bildhauer; er schrieb auch – und sein bekanntestes Drama „Die
Hochzeit“ [Wesele] wurde immer wieder aufgeführt; es zeigte das stilisierte, farbenfrohe, manchmal bedrohliche Bauernleben, das die Vertreter dieser Kunstrichtung feierten. Andrzej Wajda drehte 1997 einen monumentalen Film aufgrund des Dramas, „Die Hochzeit“.

Ein anderer wichtiger Schriftsteller dieser Richtung, allerdings eher aus dem Realismus kommend, war Władysław Reymont. Er verfasste das Epos „Die Bauern“ [Chłopi] und erhielt dafür, so lernte ich in der Schule, den Literaturnobelpreis. Er lebte längere Zeit in einem Dorf, das damals Lipce hieß (später erhielt das Dorf den Beinamen Reymontowskie), wohin ich als Kind in die Sommerferienlager (sog. kolonie) fuhr. Im Dorf gab es ein Museum, es sollte sein Haus gewesen sein, mit vielen bunten Stuben, wo kleine Betten standen mit aufgetürmten Kissen darauf. So jedenfalls war meine Erinnerung daran. Der Roman „Die Bauern“ war lang, zog sich über vier Bände, die nach
Jahreszeiten unterteilt waren, und langweilte mich. Doch wir mussten ihn lesen, denn er stand auf der Lektüreliste. Er enthielt wohl auch viele Wahrheiten und treffende Beobachtungen über das Bauernleben in Polen. Für die meisten von uns Städtern meiner Generation existierte das Dorf eigentlich kaum – und wenn dann nur als Fluchtort aus dem mühsamen, strapaziösen Stadtleben; Ort für Ferien, um sich zu erholen. Ein Bewusstsein für Land, Dorf wurde nicht entwickelt, kaum jemand beschäftigte sich damit. Die Tatsache, dass die Bauern diejenigen waren, die uns ernährten, drang gar nicht zu uns vor.

Vor zwei Jahren war ich auf Einladung einer Freundin in ihrem Sommerhäuschen auf dem tiefen polnischen Land. Wir haben uns wunderbar amüsiert, wurden auch auf ein Dorffest eingeladen. Dort wurde so heftig getrunken, getanzt und geredet, dass ich es ungeheuerlich fand, mich fast davor fürchtete. Die Menschen erzählten mir, was für sie die „500 plus“ bedeuteten, das von der PiS-Regierung eingeführte großzügige Kindergeld; einige von ihnen hatten zum ersten Mal so viel Geld auf einmal gesehen, konnten zum ersten Mal nachdenken, was sie mit Geld anfangen würden, ob sie zum ersten Mal irgendwohin weg fahren würden. Neuerdings rücken die Bauern, das Landleben, die Landwirtschaft mehr in den Vordergrund, in das moderne Bewusstsein aller Menschen; sei es durch das zunehmende ökologische Bewusstsein, besonders nach dem heißen und trockenen Sommer des letzten Jahres, oder als Alternative zum Stadtleben, schließlich durch die Suche nach Wählerstimmen, die da noch zahlreich zu gewinnen waren.

Bei meinem letzten Besuch in Warschau habe ich eine Ausstellung in dem neu entstandenen Museum für Moderne Kunst („Museum an der Weichsel“) gesehen, die sich auch mit der Bauernproblematik auseinandersetzt, auf sehr interessante Weise. An jenem Abend war eine herrliche Stimmung schon vor dem Gebäude zu spüren. Auf den schönen Holzterrassen, und an Deck der Schiffe am Weichselufer saßen Unmengen von jungen Leuten, in einer fröhlichen, ausgelassenen Stimmung, die sich echt und ohne Events und viel Alkohol ausbreitete und in der Luft vibrierte. Die letzten Sonnenstrahlen schienen auf die wunderschöne neue Swiętokrzyski-Brücke und das Nationalstadion.
Das frische, feine Frühlingsgrün der Bäume und Sträucher auf dem anderen Weichselufer hob sich bewusst von dem regulierten, verbauten auf der Museumsseite ab. Drinnen, in dem provisorisch errichteten Gebäude, gab es eine Ausstellung, die mich gefesselt und gebannt hat, wie seit längerer Zeit keine mehr.
Es handelte sich um die Ausstellung von Daniel Rycharski „Strachy“ [Angst, Furcht, Schreck, Vogelscheuche]; sie enthält Arbeiten aus der langen Zeit der Suche des Künstlers nach Antworten auf die Fragen nach religiöser, gesellschaftlicher Identität, nach Gemeinschaft, nach der Andersartigkeit. Der Künstler kehrte nach seinem Studium an der Krakauer Kunstakademie in sein Heimatdorf zurück und setzte sich mit dem dortigen Leben auseinander. Er selbst suchte einen Weg, um sich mit der Kirche zu versöhnen und seinen Glauben zu praktizieren, obwohl er zur Gruppe der LGBT-Leute gehört und somit von der Kirche eher ausgegrenzt wird. Alle Exponate, die in der Ausstellung gezeigt werden, fand der Künstler irgendwo auf dem Dorf herumliegen und bearbeitete sie so, dass er sie als tragende Objekte seiner Ideen hinstellen oder aufhängen konnte. Doch sie haben ihre eigene Geschichte und diese schimmert durch die vom Künstler erzählte hindurch. So finden wir eine Tafel mit einem eingravierten Text aus dem Katechismus, aus dem hervorgeht, dass Homosexuelle zu den Riten der Kirche zugelassen werden sollen. Die Objekte sprechen den Betrachter durch ihre authentische Geschichte an und zugleich sind sie Stellungnahmen des Künstlers zu den bewussten Fragen. Er ist gläubig und will den Glauben auf eigene Art praktizieren. Seine Vogelscheuchen entstehen aus alten Kreuzen verschiedener Bekenntnisse, die er sammelt und in fröhlichen Farben bemalt und
entsprechend verkleidet. Hinter den bunten Farben verstecken sich aber bei näherem Hinsehen viele grausame Praktiken. Zu den Vogelscheuchen gelangt man durch ein bunt bemaltes Tor – für mich ein Tor, das man immer durchschreiten muss, um ins Innere zu kommen, um sich zu erklären, wozu man gehören will. Diese Momente der bewussten Entscheidung für eine Gemeinschaft bilden den Kern der Aussagen in seinen Arbeiten; es gibt auch einen Ornat, dem Rycharski eine Ku Klux Klan-Haube aufgesetzt hat. Er geht mutig mit den sakralen Gegenständen um, ohne in irgendeinem Moment die Institution zu
verletzen, doch er hinterfragt einige ihrer Praktiken, setzt sich mit ihnen auseinander. Seine eigene Biografie und seine familiäre Situation bilden den Ausgangspunkt für seine Reflexionen. Er setzt sich mit Vorurteilen und eben mit der Angst vor Neuem, vor dem Unbekanntem auseinander und da er das sehr intensiv, intuitiv aber auch leidenschaftlich tut, wird der Betrachter angesprochen und muss sich selbst mit den Fragen beschäftigen.

Ich fand die Ausstellung sehr gut und fühlte mich so direkt angesprochen, dass ich die Exponate lange nachdem wir die Ausstellung verlassen hatten, vor meinen Augen immer wieder sah. Es wurde mir plötzlich auch bewusst, wie wenig wir uns mit den Fragen der Menschen, die auf dem Land leben, auseinandersetzen. Und dann kamen mir auch all die Gedanken, die ich oben aufgeschrieben habe.

Frauenblick auf Blumen

Monika Wrzosek-Müller

Tulpen

Manchmal fallen einem Bücher vom Himmel und sind genau richtig für den Moment, für die Jahreszeit und überhaupt. Genauso ist es mir ergangen, als ich das Büchlein von Zbigniew Herbert „Der Tulpen bitterer Duft“ in den Händen hielt. Dass ausgerechnet mein Lieblingsdichter, der Verfasser von „Herr Cogito“, sich mit der Geschichte der Tulpen und der Tulpenmanie beschäftigt, hat mich gleich für das Büchlein eingenommen. Hinzu kam, dass es in wunderschöner Form beim Insel-Verlag, mit gut ausgewählten Abbildungen hauptsächlich niederländischer Maler, erschienen ist. Die gute Übersetzung von Klaus Staemmler tut dem Text und vor allem dem Leser gut. Die Tulpe ist außerdem eine der schönsten Schnittblumen, man freut sich schon im Februar auf immer buntere und ausgefallenere Tulpensträuße; ich liebe Tulpen in allen Farben und Formen. Leider gedeihen sie in den sandigen Böden Brandenburgs nicht besonders, und selten kommen welche mehrere Jahre hintereinander, meistens muss man sie jedes Jahr neu pflanzen. Ich erinnere mich, dass ich manchmal 50 Tulpenzwiebeln im Herbst gesetzt habe und nur einige wenige dann im Frühjahr rauskamen. Doch auf den Märkten in der Stadt machen sie sich wunderbar, und ich muss mich immer beim Kaufen regelrecht bremsen. Und nun las ich über die Geschichte dieser wunderbaren Blume:

„Die Tulpe ist ein Geschenk des Orients, wie viele segensreiche und unheilvolle Geschenke […]. Der Name stammt aus dem Persischen und bedeutet Turban. Sie war eine seit Jahrhunderten geliebte und verehrte Blume in den Gärten Armeniens, der Türkei und Persiens. Am Sultanshofe veranstaltete man alljährlich Tulpenfeste […]. Ihr Auftauchen im Westen ist das Verdienst eines Diplomaten. Er hieß Ogier Ghiselin Busbecq und war Gesandter der Habsburger am Hofe Suleimans des Prächtigen. Er war ein gebildeter und wissbegieriger Mensch, schrieb pflichtgemäß erschöpfende diplomatische Berichte, sammelte aber mit noch größerer Begeisterung griechische Manuskripte, antike Inschriften und Naturalien. 1554 schickte er an den Wiener Hof Kaiser Ferdinand I. eine Sammlung Tulpenzwiebeln. Das war der unschuldige Anfang des Bösen.

Von dieser Zeit an verbreitet sich die Blume verblüffend schnell in Europa. […] Im gleichen Jahr (1561) bewundern die Gäste der Bankiersfamilie Fugger in deren Augsburger Gärten Beete dieser noch seltenen Blume, die etwas später in Frankreich, den Niederlanden und England erscheint, wo John Tradescent, der Gärtner Karls I., sich der Züchtung von fünfzig Tulpensorten rühmt. Eine kurze Zeit lang versuchen die Gastronomen, daraus einen Leckerbissen für vornehme Tische zu machen. In Deutschland aß man die Zwiebel in Zucker, in England dagegen scharf abgeschmeckt in Essig und Öl. Auch die schändliche Verschwörung der Apotheker, aus der Pflanze ein Mittel gegen Blähungen zu gewinnen, verlief glücklicherweise im Sande. Die Tulpe blieb sie selbst, ein Gedicht der Natur, der vulgärer Utilitarismus fremd ist… und so weiter, und so fort.“1

Typisch für Engländer, machen aus alles Pickels, schon damals; ich dachte die Sitte wäre aus Indien zu ihnen gekommen. Es scheint aber, dass es umgekehrt ist. Die Deutschen tendierten zu Kaffee mit Kuchen, auch mit der Tulpenzwiebel.

Wann die Tulpenzwiebeln in die Niederlande gelangten, weiß man nicht, doch schon Mitte des 16. Jhs. wurden sie erwähnt. Bestimmt aber trug der Botaniker Carolus Clusius zur Verbreitung und Bewunderung dieser Pflanze bei; er lehrte an der Universität Leiden und sich sehr für die Tulpe interessierte – bis Diebe sie ihm stahlen. Doch da war das allgemeine Interesse schon erwacht. Tulpen sind für Züchter besonders geeignet, weil sie eine unendliche Vielzahl von Formen und Farben entwickeln und sich mit relativ geringen Aufwand und auf kleinem Raum züchten lassen. Die Holländer rühmten sich ihrer Freiheit, einer unbesiegbaren Flotte und eben der Tulpen. Die Beschäftigung mit der Züchtung immer neuer, außergewöhnlicher Sorten von Tulpen wurde ihnen aber zum Verhängnis. Manche wurden noch reich durch den Handel mit den Tulpenzwiebeln, doch für die meisten endete irgendwann die Spekulation damit in einer Katastrophe. Irgendwann wurde die Beschäftigung mit immer neuen Tulpensorten zu einer Art Manie, zur Krankheit; sie setzte Anfang des 17. Jhs. an und dauerte mehr als ein Jahrzehnt.

Herbert vergleicht das Fieber der Tulpenmanie, das das Land befallen hat, mit einer Krankheit, mit einer Droge, von der es sich nicht befreien, erholen kann. „Das ganze Land ist mit einem Netz mehr oder weniger bekannter, geheimer und fast öffentlicher „Höhlen“ des Tulpenhazards überzogen. Dahinter steht keinerlei dämonische Kraft, sondern die schlichte Regel jedes großen Spiels, jedes mächtigen Lasters – möglichst viele Menschen hineinziehen und umgarnen. Weil man den Irrsinn nicht logisch begründen kann, braucht man zu seiner Verteidigung eine gute Statistik – so handeln alle oder fast alle, auch die Politiker. Eliminieren, die Zahl derjenigen vermindern, die abseits stehen, kritisch zu schauen, das Spiel verderben. Die Welt der Tulpomanen strebt danach, eine totale Welt zu werden.“2 Die Preise änderten sich mehrmals am Tag; immer tiefer wird die Kluft zwischen dem realen Wert einer Zwiebel und deren Preis auf den Auktionen. Es war wie eine große Börse für Zwiebeln, obwohl es offiziell nichts dergleichen gab. Die Manie befiel alle Klassen, alle Schichten der Bevölkerung, jeder versuchte, sein Glück mit der „goldenen“ Tulpe zu erhaschen. Dass dabei die Armen viel mehr riskierten, war natürlich klar. 1637 krachte es mächtig in der Tulpenwelt; der Höchstpreis für die Tulpenzwiebel wurde festgelegt; er betrug von nun an nur 50 Gulden und damit war der Spekulation und der Tulpenbörse ein Ende gesetzt. Danach folgte der erste moderne Börsencrash.

Nicht nur in Holland sorgten Tulpen für finanzielle Schwierigkeiten: In Frankreich ließ der Sonnenkönig Ludwig XIV. angeblich jedes Jahr vier Millionen Tulpenzwiebeln importieren und fast wäre daran sein Staat bankrottgegangen. Nach Brandenburg gelangte die Tulpe übrigens auch ganz früh, nämlich 1661; in dem Jahr zählte der Kurfürst von Brandenburg 126 verschiedene Tulpensorten in seinen Aufzeichnungen auf.

Immer noch, jedes Jahr im Frühjahr, fahren Tausende von Menschen nach Holland, um die riesigen Tulpenfelder zu bewundern. Die Tulpen auf den Blumenfeldern werden nicht für Schnittblumen gezüchtet; diese wachsen in Gewächshäusern, wo man ihr Wachstum viel besser kontrollieren kann. Die Tulpen auf den Feldern werden für die Zwiebeln gezüchtet, sie verblühen dann im Sommer, werden aus der Erde gezogen, getrocknet und für den Verkauf bereitgestellt. Ab Mitte April beginnt die Blütensaison auf den Feldern; es gibt große Tulpenfeste, Tulpenkorsos: Die Farben- und Formenpracht ist schier unendlich; die Felder erreichen beträchtliche Ausmaße, soweit das Auge reicht, gibt es Blütenmeer.

Ich bin eine regelrechte Tulpen-Fanatikerin; es gibt kaum eine andere Blume, die so gut in die Vase passt!

1 Zbigniew Herbert, Der Tulpen bitterer Duft, Insel Verlag, 2001, S. 20
2 Ebenda, S. 44

Frauenblick: Inselrätsel

Foto Tanja & Joasia

Monika Wrzosek-Müller

Auf der Insel

Der Regenbogen über der Insel schließt sie ganz ein, breitet sich über den weiten Horizont aus. Die Insel ist auch rund, mit einem kleinen Zipfel im Norden, wo sich auch die Hauptstadt befindet.

Drei Klimazonen durchqueren die Insel: im Norden herrschen mäßige Temperaturen, doch mit relativ vielen Regenfällen und bunter, üppiger Vegetation (prachtvoll die Bougainvilleas in allen Farben), auch vielen Palmen mit Terrassenfeldern, auf denen Bananenplantagen angelegt sind und manchmal Wein angebaut wird, westlich und östlich kommen mehr Sonnentage dazu, der Süden dagegen ist mit seinen sommerlichen Temperaturen und so gut wie keinem Regen eine Stein- und Touristenwüste, die aufgeschütteten Sandstrände und das relativ warme Meerwasser machen den Süden zur Touristenattraktion pur. Doch in einem Ort, wo sich tausende Touristen tummeln, gibt es eine unheimliche Dünenlandschaft, die sich über Kilometer erstreckt.

In der Mitte der Insel thronen mehrere Vulkane, von denen manche fast 2000 m erreichen, man kann angeblich auch Krater sehen. Sie eignen sich hervorragend zum Wandern.

Columbus landete hier mindestens drei Mal, bevor er nach Amerika aufbrach. Es gibt ein „Columbus-Haus“, ein wunderschönes Kolonialbauwerk in der Hauptstadt der Insel, wo einem die Geschichte seiner Reisen buchstäblich vor die Augen geführt wird. Auch ein Modell seines Schiffes Santa Maria kann man da bewundern – oder eher sich wundern, dass er und die Crew auf so einer Nussschale die große Reise über den Atlantik wagten.

Die Menschen, die auf der Insel wohnen, sprechen zwar spanisch, aber sie bezeichnen sich als Insulaner und schimpfen über die reichen Spanier, die Hotel- und Restaurantketten oder Golfplätze einrichten und die Infrastruktur der Insel missachten. Sonst sind sie sehr freundlich, fast herzlich, hilfsbereit und nett.

Das Klima ist über das ganze Jahr mild, Temperaturen sommerlich warm, das Meerwasser erfrischend; kein Wunder, dass sie Tausende von Touristen anzieht.

Um welche Insel handelt es sich?

Frauenblick: Unrast

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Monika Wrzosek-Müller

Eine rastlos theatralisch-musikalische Reise nach Motiven von Olga Tokarczuks >Unrast<

Für uns, aufgewachsen in der Tradition von Grotowski, Kantor oder später Szajna, ist das Experimental/Avantgarde-Theater eine Selbstverständlichkeit. Das Spiel mit dem Körper, weg von der Sprache, vom Text, nah an Bild, Musik, Bewegung, das alles habe ich als Gymnasiastin im Polen der 70er Jahre erlebt. Arbeit mit Schatten, mit Pantomime, Gesang, direkte Interaktion Schauspieler-Zuschauer während des Stücks war nichts Neues für mich. Ich kann mich an eine Aufführung von Jozef Szajna im Theater Studio in Warschau im Kulturpalast erinnern, in der die Schauspieler mit Schüsseln voll Wasser zu den Zuschauern gingen und sagten: „wascht eure Hände“, und jemand antwortete ganz laut und unvorhersehbar: „Wasch dir selbst die Hände, ich habe für den Theaterbesuch gebadet“…

Ende der 70er Jahre habe ich an einem Ausbildungsworkshops von Grotowski teilgenommen. Ich wog mich wie Ähren auf einem imaginären Kornfeld im Wind oder verrenkte mich wie eine Wolken am stürmischen Himmel. Schwieriger waren komplizierte Nachahmungen aller möglichen Kriechtiere, den Unterschied zwischen einer Eidechse und einer Schlange körperlich herauszuarbeiten… und zu lernen versuchen, wie man auf der Stelle verharrend mit viel Anstrengung Distanzen bewältigt, die in Metermaßen 0 betrugen, doch von Weitem als sehr effektvolles sich Vorwärtsbewegen aussahen. Wenn ich jetzt auf meine Biographie zurückschaue, war die Beschäftigung mit meinem Körper immer für mich wichtig, ich brauchte es, um weiterleben zu können. Deshalb meine Ausbildung zur Yogalehrerin und meine jahrelange Yogapraxis.

Umso mehr erstaunt mich, dass in Berlin meistens ganz traditionell im Sinne eines Sprechtheaters inszeniert wurde und die Spektakel von Bob Wilson sich so großer Popularität und so riesigen Interesses erfreuten, weil sie etwas Anderes, Neues waren. Zwar existierte seit 1984 in Berlin eine von Teresa Nawrot, einer Assistentin von Grotowski, gegründete Theaterschule, die nach ihm Schauspieler (mit Körper-, Stimmarbeit, Rhythmus und Text) ausbildet, doch bei den hiesigen Theaterinszenierungen traf man solche Choreographien und Inszenierungen sehr selten.

Warum ich soweit aushole: Es war für mich ein Vergnügen, die letzte Aufführung von „Unrast“ von Elzbieta Bednarska in der Spandauer Zitadelle zu sehen. Die Fülle der Bilder, die physische Präsenz der Schauspieler, der Ort der Aufführung, alles sprach mit der starken, emotionalen und deutlichen Sprache des polnischen Avantgardetheaters. So viel Kraft und Vision kann man kaum in einem normalen Zuschauerraum erzeugen, auch wenn das Thema Reisen, Flüchten, sich von Ort zu Ort Bewegen sehr aktuell in unserer so bewegten Zeit ist. Wir wurden auf die Reise mitgenommen und konnten Textpassagen, Bilder und Musik wirklich miterleben; auch wenn das Wetter den Schauspielern übel mitspielte (es stürmte und regnete stark), so waren die Bilder umso suggestiver und expressiver. Auch die Auswahl aus den Texten der heute in Deutschland vielleicht bekanntesten zeitgenössischen polnischen Schriftstellerin kam uns entgegen; in verschiedenen Sprachen, Kulturen, das sich Bewegen als Ziel, nie erreicht und immer vor neue Fragen oder auch Herausforderungen stellend. Das Ziel ist auch andere Menschen zu treffen, sie mitzunehmen, sich auszutauschen, aber auch sich zu verlieren, das Alte aufzugeben, zu flüchten oder letztendlich zu pilgern. Doch deutlich zeigte sich: So wichtig auf der einen Seite die Reise, das Sich-Bewegen, für den modernen Menschen ist, ihn fast formt, so deutlich kommt auf der anderen Seite die Suche nach Verwurzelung und nach Identität zum Vorschein.

Die Schriftstellerin selbst dazu: „Die Reise ist wohl die größtmögliche Annäherung an das, was unsere moderne Welt zu sein scheint: Bewegung und Instabilität. Jede Epoche sieht sich versucht, den Zustand des zeitgenössischen Menschen mit irgendeinem schlauen Wort zu beschreiben. Mir scheint, dass für unsere Zeit Unrast ein solches Wort sein könnte“.

Wunderbar waren auch die Musik von Chopin und die Geschichte der „Reise“ seines Herzens, das seine Schwester Ludowika, in französischen Cognac getaucht, nach Warschau transportierte und dort in der Heiligkreuzkirche beisetzen ließ. An der Tafel in der Kirche steht bis heute der biblischer Satz „Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz“. Für Tokarczuk war eben Chopin einer der Reisenden, aber auch eine Identifikationsfigur, bessere kann man nicht finden, oder doch wie bei den Szenen, die an eine katholisch-orthodoxe Messe erinnern…

Auf jeden Fall sah ich in den Gesichtern der Zuschauer um mich herum tiefe Gefühle, reges Interesse; die Schauspieler, Musiker und die Regisseurin wurden mit Ovationen verabschiedet. Schade, dass es nur drei Vorstellungen dieses gelungenen Spektakels gab.

Frauenblick (Begegnungen)

Monika Wrzosek-Müller

Jede Nacht gab es einen Ton, der wie ein Metronom, gleichmäßig und metallisch klang; er kam von verschiedenen Stellen vom Campingplatz nebenbei. Wir dachten alle, es wäre eine Art Alarm, ein Sicherheitssystem oder eine Abschreckungsvorrichtung gegen Mäuse, Ratten oder Geckos, oder vielleicht auch gegen Mücken. Der Ton setzte in der Dunkelheit ein und dauerte immer ziemlich lang. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, und nach der nächsten unruhigen oder eher durchwachten Nacht, in der nicht nur ich den Ton gehört habe, sondern noch zwei junge Leute, die bei uns zu Gast waren, lief ich zum Campingplatz und fragte ganz sachlich den Besitzer.

Was das nun eigentlich sei, wir wären doch Nachbarn und es könnte ihm doch nicht daran gelegen sein, so unsere gute Beziehungen zu zerstören. Er tat erst mal überrascht und dann verstand er sofort, worauf ich hinaus wollte, wahrscheinlich sah ich auch sehr unausgeschlafen aus. Er sagte ganz knapp: „Das ist ein Vogel.“ – „Ein Vogel?“ Ich konnte mein Staunen nicht unterdrücken, die Skepsis klang auch ganz stark mit. Er nahm ein Stück Papier und schrieb mir nur ein Wort mit Druckbuchstaben auf: L`ASSIOLO, dazu sagte er: „Schauen sie im Internet nach. Wir haben versucht ihn abzuschießen, ging nicht, ist zu klein, versteckt sich in den Baumkronen“. Er war ein netter Mann, ich habe ihn früher schon mal beobachtet, wie er die Blätter fegte und sehr ordentlich die Einfahrt zum Campingplatz sauber machte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich zufrieden zu geben; ich fragte nur um mein Mistrauen auszudrücken: „Wir kommen seit vielen Jahren hierher, der Vogel muss extra dieses Jahr gekommen sein“. „So ist es; er kommt und fliegt auch weg, manchmal bleibt aber doch länger, baut sich ein Nest“. Nun blieb mir nichts anderes übrig als „Danke“ zu sagen und zu gehen.

Natürlich schaute ich sofort im Internet nach: da fand ich otus scops, Zwergohreule. In Deutschland kommt sie eher selten vor, doch in Toskana, in Italien, ist sie sehr verbreitet. In Wikipedia fand ich folgende Beschreibung des Lauts vor: „Er ist ein peilsenderartiges, fast immer einsilbiges, etwas nasales und nicht besonders lautes ‘Djü‘, das in Abständen von zwei bis 3,5 Sekunden oft stundenlang wiederholt wird. Die Gesangaktivität beginnt kurz nach Sonnenuntergang und endet in der Morgendämmerung; nach Mitternacht geht die Rufaktivität für ein zwei Stunden deutlich zurück.“ Die Beschreibung passt, wir haben es genau so erlebt; unsere italienische Freundin wusste sofort Bescheid. Sie lachte und sagte: „Ach ihr leidet also auch unter dem Vogel“.

Dass ich in Italien immer wieder Menschen kennenlerne und mit ihnen ins Gespräch komme, läge, dachte ich, an meinen Italienisch-Kenntnissen, dem ist, war aber nicht so. An einer eher absurden Stelle, in einem kleinen italienischen Städtchen, erlebte ich in diesem Sommer eine unglaubliche Begegnung. Sonst sind die Begegnungen auch nett, von gegenseitigem Interesse geprägt, aber eher recht gewöhnlich.

In der Fischereigenossenschaft von Orbetello traf ich einen netten Fischverkäufer, der uns seine frischen Fische sehr preiswert verkaufte und dazu weit ausholende Erklärungen gab, welchen Fisch man warum nehmen sollte. Er war so freundlich und gesprächig, dass wir länger in dem kleinen Laden standen, und zwischendurch auch mal unter uns Polnisch redeten – bis wir merkten, dass an der Wand des Geschäfts eine kleine Karte mit einer Ansicht aus Litauen und auch litauische Flagge hingen. Da sprach uns der Mensch an der Theke in gutem Polnisch an; er war Litauer, der aber fließend polnisch sprach und offensichtlich sein Land sehr liebte und sich danach sehnte. Er fing an zu erzählen, wie toll es den Menschen in Litauen jetzt gehen würde und wie schön das Land sei. Ich tat unvorsichtig und ziemlich plump die Äußerung: „ach, Vilnius ist ja eine wunderschöne polnische Stadt“. Daraufhin sprang er fast in die Luft: Vilnius wäre seit Jahrtausenden eine litauische Stadt. Es prasselte die ganze Geschichte von Litauen und Polen auf mich nieder. Wahrscheinlich war es ein Hobby von ihm, die Geschichte seines Landes auf den Internetseiten zu präsentieren; auf jeden Fall bekam ich dann, beginnend mit dem Jahr 1008, in zum Glück verkürzter Version die Geschichte des kleinen Landes zu hören. Man muss sich das vorstellen, eine kleine pescheria, hier die toten Fische und da der Computer mit einem großen Bildschirm, auf dem die ganze Geschichte Litauens ablief: da ein Radziwiłł und dort ein Jagiełło und irgendwelche Schlachten und Unionen. Er kommentierte alles noch eingehend folgendermaßen: damals war Litauen viel größer als Polen etc… Natürlich kam dann auch irgendwann die Ermahnung, Vilnius wäre die Hauptstadt von Litauen und nicht eine polnische Stadt. Polen lebten dort und haben die Stadt verschönert, das gab er zu, aber sie war immer litauisch. Ich wand mich in Entschuldigungen und meinte, es wären da so viele für Literatur und Geschichte bedeutende Polen geboren, nur deswegen hätte ich das erwähnt. Er ließ mir mein Fauxpas nicht so einfach durchgehen. Ich musste beteuern, dass ich jetzt verstanden habe; es wäre die litauische Hauptstadt. Der größte Vorwurf kam dann auch gleich: wieso wären wir da noch nicht gewesen? Als Patriot und Pole müsste man Litauen gesehen haben. Wir beteuerten, dass es unser nächstes Ziel sein würde und versuchten zu verschwinden, was auch nicht so leicht war, denn er redete nun mal gerne Polnisch.

Auf jeden Fall empfahl er uns das Fischrestaurant in der Genossenschaft, an der Lagune, das offensichtlich sehr angesehen und gefragt war, denn als wir am Abend vorbeischauten und dort essen wollten, standen schon Schlangen vor der Anmeldung. Wir wurden in eine Ecke gezwängt und haben unsere Fische, ohne Beilage bekommen. Nicht, dass es irgendwie besonders geschmeckt hätte.

Die nächste Begegnung ereignete sich auf einer Fähre zu einer kleinen Insel nahe Monte Argentario. Wir fuhren mit einer Gruppe von Italienern; manche griffen sofort nach ihren Essenspaketen. Wir setzten uns auf dem Deck hin und eigentlich gleich danach, sprach mich ein junger Mann in bemüht korrekten Deutsch an. Er wäre ein Student aus Triest und würde Spanisch und Englisch studieren, aber eigentlich würde er lieber arbeiten, doch eine Arbeit bekommt ein junger Mensch in Italien sehr selten, so muss er eben studieren… und Sprachen wären doch nicht schlecht, nicht wahr? Seine Mutter würde ihm immer sagen, studieren wäre was Gutes und er hätte eben auch etwas Deutsch gelernt, damit er über Anorexie lesen könnte. Seine Schwester würde immer weniger essen und hätte große psychischen Probleme, und er würde sich Sorgen machen. Das alles prasselte auf mich in einem Gemisch aus Italienisch und Deutsch ein und er war nicht aufzuhalten. Und was würden wir auf so einem Schiff machen, mit dem eigentlich nur Italiener fahren, und ob ich denn alle toskanischen Inseln kennen würde und warum gerade die Insel Giannutri, und ohne meine Antwort abzuwarten, legte er gleich wieder los. Er würde an der Grenze zu Latio wohnen, am Lago di Bolsena, und es sei eine wunderschöne Gegend, doch so im Sommer langweilig, also macht er so einen Ausflug, außerdem hätte er beschlossen alle Inseln im Sommer zu besichtigen und das macht er also jetzt.

Bald haben wir dann auch die Insel erreicht und waren erstaunt als wir feststellen mussten, dass es kein Café und kein Restaurant auf der Insel gab. Wie das so auf einer kleinen Insel ist, bald darauf trafen wir den jungen Mann wieder, an einem Strand mit den Ruinen einer römischen Villa. Natürlich setzte er sich zu uns und setzte seine Erzählung fort… Das Beste für uns waren seine panini, die ihm seine Mutter gemacht hat und die er mit uns teilte. Wir schwammen zusammen in einem antiken Becken, schnorchelten und er erzählte immer wieder, was er denn gerne machen würde und noch nicht getan hätte.

Beim Sonnenuntergang fuhr unser Schiff nach Porto S. Stefano zurück. Ich habe mich leider nur flüchtig von dem jungen Mann verabschiedet, hätte ihm meine Telefonnummer, E-Mail geben sollen, denn Geschichten erzählen konnte er schon.

Eine nette und überraschende Begegnung geschah in einer Pizzeria, in die wir seit Jahren gehen, auch mit unserem Sohn und seiner Freundin, auch mit anderen Gästen, weil sie die netteste, preiswerteste und schmackhafteste in Orbetello ist. Nie im Leben hätten wir gedacht, dass…

Also dieses Jahr kam auch meine Schwester mit ihrem Sohn uns in Italien zu besuchen. Natürlich gingen wir in unsere kleine Pizzeria; wir bestellten meistens unsere gewöhnlichen, sehr einfachen Sachen, trinken auch dazu den Hauswein (immer gut sortiert); sie probierte alles, alle Salate und Stücke von Pizza und Crostini auch Fische etc… natürlich sprachen wir dann alle Polnisch miteinander, denn sie wollte auch alles wissen. Was das sei? Und wie es auf Italienisch heißen würde. Daraufhin sprach uns eine Bedienung in der Pizzeria im reinsten und klarsten Polnisch an und sie meinte: „seit Jahren beobachte ich sie und weiß nicht, was sie sind, Deutsche oder doch Polen. Jetzt aber traue ich mich, sie anzusprechen. Wir machen hier schon Wetten, wer sie sind. Meine Kollegin hat richtig getippt und gewonnen…“ Daraufhin stürzten noch zwei Frauen aus der Küche in den Laden; wie sich herausstellte allesamt Polinnen. Wir haben alle vorzüglich gegessen, Polnisch gesprochen und gelacht. Die Frauen, muss ich zugeben, sprachen exzellent Italienisch, sie wohnten auch da, waren verheiratet, hatten Familien…

Przychodzimy, odchodzimy 3

Przychodzimy, odchodzimy
leciuteńko na paluszkach
Szczotkujemy wycieramy
Buty nasze twarze nasze
Żeby śladów nie zostawić
Żeby śladów nie zostało
Miasta nasze domy nasze
Na uwięzi się kołyszą
Tuż nad ziemią ledwo ledwo
Jak wiatr mały to nie widać
A jak wielki wiatr się zdarzy
Wielka bieda puszczą cumy
Zatrzepocą się zatańczą
Miasta nasze domy nasze
I polecą w stratosferę
Przygarbionych w pustym polu
Bez oparcia bez osłony
Bez niteczki choćby coby
Przytwierdzała nas do ziemi
Wiatr nas porwie i poniesie
Za kołnierze podniesione
Porozrzuca gdzieś w przestrzeni
Nam to nic przeczekamy
A jak skończy jak ucichnie
To wstaniemy otrzepiemy
klapy nasze rączki nasze
Żeby śladu nie zostało
Od początku zbudujemy
Miasta nasze domy nasze
Sprzęty nasze lampy nasze
Żeby wiatr miał czym kołysać

Słowa J. Jęczmyk
Muzyka Z. Konieczny

Ewa Maria Slaska

4 listopada 2018 roku odeszła od nas, leciuteńko, na paluszkach, nasza wieloletnia przyjaciółka Ewa Bielska, germanistka, tłumaczka, nauczycielka. Współpracowała z nami od założenia Polsko-Niemieckiego Towarzystwa Literackiego WIR.

Od kilku lat ciężko chorowała, dlatego jesteśmy szczęśliwi, że możemy tu napisać, iż odeszła w spokoju, tak właśnie jak w tej piosence Piwnicy pod Baranami: leciuteńko na paluszkach…

Przedstawiała się światu powściągliwie – taka była jej strona internetowa – dalej na stronie były już tylko dane kontaktowe, dziś niepotrzebne.


Monika Wrzosek-Müller

Była gorliwą czytelniczką, czytała książki z niesamowitym zapałem i zaparciem, dyskutowała żarliwie; najczęściej miała własne oryginalne zdanie na większość tematów, czasami nie pozwalała mieć innego, jeśli była bardzo przekonana o słuszności swojego.

Była kochającą matką, która uwielbiała swojego syna-przyjaciela; wymagała też od niego bardzo dużo, ale i dawała mu całą swoją uwagę, poświęcenie i serce.

Była wspaniałą nauczycielką, którą uwielbiały generacje obcokrajowców przybywających do Berlina. Miała dla nich często więcej wyrozumiałości niż dla znajomych i przyjaciół, od których dużo wymagała ale też i wyjątkowo dużo im dawała.

Była towarzyska, lubiła życie codzienne, z kawą, papierosem i kieliszkiem czerwonego wina. Wspaniale gotowała i z wielkim poświęceniem przygotowywała uroczystości i małe spotkania, na których śmialiśmy się, gadaliśmy i dyskutowaliśmy do późnych godzin nocnych.

Była towarzyszką dla wielu osób, którym było dane ją spotkać. Potrafiła słuchać i próbowała pomagać w rozwiązaniu problemów, zapominając często o swoich własnych.

Choroba przyszła niespodziewanie, walczyła z nią przez kilka lat, nie poddając się pesmistycznym diagnozom większości lekarzy.

Dla mnie odeszła moja bardzo bliska przyjaciółka, osoba wielkiej kultury
i charyzmy.


Pogrzeb odbył się 13 listopada 2018 o godzinie 11
St. Simeon u. St. Lukas – Friedhof
Tempelhofer Weg 9
12347 Berlin

Von Inseln / O wyspach – Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Isole del arcipelago toscano – die Inseln in der Toskana

Die Italiener in der Toskana lieben ihre Inseln, ihren arcipelago toscano; vielleicht weil sie davon nicht so viele haben. Verglichen mit Griechenland oder Kroatien sind die paar Inseln an der toskanischen Küste wirklich ein Klacks. Die Inseln bedeuten aber irgendwie die Sehnsucht nach Freiheit, Stille, aber auch Flucht, Isolation oder positiv gesehen ein Zufluchtsort… sie stehen für viele für Abgeschiedenheit und reine Natur: Wasser, Vogelwelt, Wald etc… In den siebziger Jahren war es sehr en mode auf eine Insel zu fahren und „natürlich“ zu leben. Doch viele von diesen „natürlichen“ Lebensweisen bringen den Inseln nur den Dreck des Festlandes mit und kopieren die Gewohnheiten, die man anderswo hatte; wie kann man sonst erklären, dass man 20 Meter vom Meer entfernt Schwimmbäder baut?

Zugegeben, ich persönlich bin kein Freund von Inseln, denn sie geben mir ein Gefühl von Enge, von Eingeschlossen-rrrrrre und Unfrei-Sein; das ist wohl verständlich, denn oft kommt man nicht so leicht von einer Insel wieder weg. Das An- und Ablegen dauert immer lange, man wartet auf die letzten Passagiere oder gar Autos (bei den Fähren), dann ist das Meer zu bewegt und man kommt gar nicht weg. Doch man wird für die Unannehmlichkeiten entlohnt: es sind hauptsächlich Italiener, besonders auf den kleineren Inseln, die dahin reisen, die ausländischen Touristen belassen es bei Elba oder Giglio. Das Wasser ist auch immer sehr sauber, sauberer als am Festland. Dafür sind die Einkaufsmöglichkeiten immer begrenzt und die Preise höher.

Neulich bei einem Ausflug auf die private, ja wirklich private, Insel Giannutri, hat mich ein junger Italiener gefragt, wie viele toskanische Inseln ich denn kennen würde. Ich kannte fünf vom Hörensagen; gewesen bin ich nur auf dreien. Er klärte mich auf, dass es ganz viele gäbe: sieben große, da musste ich schmunzeln, und dazu noch Formiche di Grosseto (formiche bedeutet Ameisen) und nicht zu vergessen Cerboli und Palmaiola (davon hat doch niemand je gehört). Er würde auf alle Inseln fahren und sie besichtigen wollen und zählte auf: Capraia, Elba, Pianosa, Isola Montecristo, Gorgona, Isola del Giglio, Giannutri. Ohne stolzer Besitzer einer Yacht zu sein, ist die Unternehmung auch schwierig; für manche Inseln muss man sich auch anmelden und Genehmigungen einholen, zu vielen gibt es keine feste Verbindung. Doch er ist auch jung genug und kann sich seinen Traum von den Inseln noch erfüllen.

Wenn man von Monte Argentario aus (das auch eine fast Insel ist, durch zwei Landzungen mit dem Festland verbunden) ins Landesinnere fährt und die ersten Städtchen in höheren Lagen erreicht, ist der Ausblick atemberaubend. Man steht vor grünen und gelblichen Hügeln und dahinter erstreckt sich der Horizont mit Meer gefüllt und auch mit kleinen und größeren Inseln und Buchten. Fragt man allerdings die Einheimischen nach ihren Isole, beginnen sie zu streiten: ist das jetzt Giglio oder schon Montecristo oder gar Elba, nein das ist eher Giannutri, die sind doch alle zu klein, das sind doch die Formiche… etc. Niemand weiß es genau, alle haben ihre Theorien dazu.

Landschaft und Natur auf den Inseln sind erstaunlich ähnlich; meistens sind sie mit der mehr oder weniger dichten mediterranen macchia bewachsen, manche, vor allem größere Insel haben auch alte Steineichen oder verschiedene Kastanienarten, auch gibt es manchmal Pinienwälder. Es ragen hier und da Felsen in verschiedenen Ockerfarben auf; natürlich sind ihre Formen unterschiedlich, es gibt oft Grotten und kleine Buchten, selten Sandstrände, öfters muss man von einem Felsen aus ins Wasser springen. Schön ist dabei, etwas zu tauchen, allerdings immer öfters ist die Unterwasserwelt abgestorben und nicht so farbenprächtig wie man sie sich vorstellt, doch ab und zu kriegt man Fischschwärme zu sehen oder einzelne größere Fische. Ich habe auch gehört, dass früh im Sommer oder gar Frühjahr die Unterwasserwelt bunter und interessanter ist, oft sieht man Seeigel und Seeanemonen, auch Seegurken; Manchmal begleiten Delphine das Schiff, immer mehrere zusammen, sie springen wellenartig am Schiffsrumpf entlang. Natürlich kann man von den Inseln die Weite des Horizonts bewundern, und die Sonnen Auf- und Untergänge sind beachtlich.

Mit einigen Inseln verbinden mich Erinnerungen, die immer wieder hochkommen, wenn ich nach Italien fahre. Als Teenager las ich sehr fasziniert das Buch „Der Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas; es war ein Buch aus der Bibliothek meiner Oma, die in Warschau eine private Leihbibliothek geführt hatte, die dann in fünfziger Jahren verstaatlicht wurde. Einige Bücher aus der Bibliothek sind mir geblieben, darunter eben „Der Graf von Monte Christo“. Das Buch faszinierte nicht nur mich, sondern fast meine halbe Klasse, so haben wir die Seiten vorsichtig herausgetrennt und jeder las einzelne Seite und gab sie dann weiter. Damals schon wollte ich unbedingt die Insel Montecristo sehen, wo ein Teil der Handlung spielte. Da geht es um das große Geheimnis von Faria, der vom Schatz des Grafengeschlechtes Spada auf der Insel Montecristo weiß; der Graf soll ihn da vergraben haben. Dantés sollte in Folge der Erbe des Grafen Spada werden, er entflieht aus dem Gefängnis, findet den Schatz und kehrt nach Frankreich und Paris als reicher Mann zurück und legt sich eine neue Identität als Graf von Monte Christo zu… es folgen weitere sehr komplizierte und interessante Episoden. Das Buch wurde zum großen Erfolg in meiner Klasse und in der Literaturgeschichte. Ich verbinde immer die Insel mit der Lektüre des Romans. Übrigens die Insel ist unbewohnt und schwer zugänglich.

Die Insel Elba ist mir in Erinnerung geblieben, weil wir mit unserem kleinen Sohn einmal im Oktober auf die Insel fuhren, nachdem er eine Blinddarmoperation über sich ergehen lassen musste. Auf der Insel hat er dann schwimmen gelernt und sich vollständig von der Operation erholt. Natürlich haben wir nebenbei Napoleons Wohnsitz Villa San Martino besichtigt (alle Wege auf Elbe führen dahin)… Elba ist eine der größten Inseln, sie hat auch wunderschöne kleine Sandstrände in den zahlreichen Buchten.

Die Insel Giglio, die nach der Blume Lilie genannt wird, müsste eigentlich voll von diesen Blumen sein, doch ich habe keine einzige gesehen; man müsste vielleicht im Frühjahr kommen. Ich verbinde die Insel mit einem ausgedehnten Urlaub und das Jahr darauf mit einem Schiffsunglück. Gerade von unserem Haus auf der Insel konnte man die vorbeifahrenden, erleuchteten riesigen Kreuzfahrtschiffe sehen und fast die Leute darauf erkennen, so nah kamen die Schiffe an die Felsen der Insel, bis… bis eben das Unglück passierte. Die berühmte Costa Concordia, die auf einem Felsen an der Insel Giglio aufsetzte und kippte, so dass sie Wasser aufnahm. Das Unglück kostete 32 Todesopfer, zog einen langen Prozess gegen den Kapitän Francesco Schettino nach sich und die lange Bergung des Wracks von der Insel. Es diente jahrelang als Gesprächsstoff mit den Italienern, was denn genau mit dem Kapitän passiert ist und wer jetzt das Wrack abholen soll und wie hoch die Kosten seien. Es wurde ausführlich in den Zeitungen darüber berichtet. Zu meinem Erstaunen verhalf das Unglück eher der Insel zu ihrem touristischen Boom, die Leute kamen extra, um sich das Wrack anzusehen.

Die letzte Insel, die ich persönlich besuchte, ist die Insel Giannutri; eine relativ kleine Insel (die Ausdehnung reicht an die 3 Km). Eine Insel, die sich in Privatbesitz befindet und angeblich zum Naturreservat erklärt wurde. Wie da die unzähligen Ausflügler mit ihren Booten und die kleinen Ferienanlagen, wie Bienenwaben an den Hängen, zu erklären sind, bleibt mir ein Rätsel. Sie hat eben alles, was so eine Insel haben soll, und noch eine achtbare Ruine einer römischen Villa (mit einem Hafen, römischen Straße etc…) dazu. Allerdings existiert auf der Insel (außerhalb der Saison) überhaupt keine Infrastruktur, kein Café, kein Laden; man sollte darauf vorbereitet sein.

Noch eine weitere Insel aus dem Archipel kenne ich zwar nicht persönlich, aber aus dem Buch von Francesca Melandri „Über Meereshöhe“. Lange wusste ich nicht, um welche Insel es in dem Buch geht. Doch dann erzählte mir jemand, dass auf der Insel Pianosa ein Gefängnis existiert, in dem früher Viele ihre Strafen abbüßten. Es muss sich also um die Insel in ihrem Buch handeln.

Am schönsten sehen für mich die Inseln vom Boot und aus der Ferne aus; meistens mit einem Leuchtturm bestückt, erheben sich majestätisch über das Meer und locken immer wieder Menschen an.

Frauenblick Lemberg I

Monika Wrzosek-Müller

Reise in die lebendige Vergangenheit – Lviv, Lwów, Lemberg

Das erste, was ihr wirklich und ganz lebendig auffiel, waren zwei große Käfige mit seltsam großen „Mäusen“, die auf dem um das ganze Hinterhaus gehenden Balkon standen. Diese Balkone waren das Merkmal der Stadt, sie dienten guter Kommunikation zwischen den Hausbewohnern. Am Anfang dachte sie, es wären vielleicht Ratten, doch es stellte sich schnell heraus, dass es sich um Chinchillas handelte. Chinchillas sind Nagetiere, die in freier Wildbahn in den Bergen Südamerikas leben. Sie werden sehr oft als Haustiere oder auch wegen des schönen, weichen und seidigen Felles in Farmen eben als Felllieferanten gezüchtet. Eine junge Ukrainerin hielt sich zwei Chinchillas als Schmusetierchen; das Weibchen war irgendwie unförmig und sehr unbeweglich. Sie machte sich Sorgen, dass es krank wäre. Am vierten Tag des Aufenthaltes in Lviv rief uns die Ukrainerin abends zu sich in ihre Wohnung und zeigte uns drei winzige Chinchillas, unheimlich beweglich und mit wunderbarem Fell. Sie war sehr stolz, dass gleich drei Tiere geboren worden waren, und klärte uns darüber auf, dass normalerweise zwei oder gar eins auf die Welt kämen.

Der Flughafen in Lvivwar modern und sauber, auf den Bus, der sie in die Stadt bringen sollte, warteten sie vierzig Minuten, dazwischen verschwanden fast alle Ukrainer in bestellten Taxis; sie blieben zusammen mit einem jungen Paar, vielleicht aus England, unbeirrt an der Bushaltestelle stehen. Als der Bus endlich kam, waren plötzlich doch viele Passagiere vorhanden, die in die Stadt mitfuhren. Schon beim Schauen durch das Busfenster spürte sie, dass es eine Reise in die eigene Vergangenheit, in ihre Jugend in Warschau, in Polen sein würde. Die Wohnblocks, typische Überbleibsel der Sowjetära, die die ganze post-sozialistische Welt verschandeln, die kaputten Bürgersteige, das Grau der Mauerwerke, alles erinnerte sie an die Vergangenheit, an ihre Jugend in Warschau.

Mit den älteren Häusern änderte sich doch etwas die Perspektive, die Stadt nahm Charakter und Gesicht an.  Sie stiegen bei dem Universitätsgebäude aus und versuchten verzweifelt, die Richtung zu ihrem Appartement zu finden. Natürlich dachten sie, man müsse sich auf Englisch verständigen, doch zu ihrer Verwunderung sprach fast jeder Polnisch. Das Sträßchen, in dem das Appartement lag, war offensichtlich unbekannt und so mussten sie ihren Vermieter kontaktieren und erst mit ihm um ein paar Ecken gehen. Das Appartement lag nah am Zentrum, aber sehr ruhig in einer Seitenstraße. Die Häuser waren allesamt alt und sehr heruntergekommen, die Straße noch wegen des Anstiegs und wahrscheinlich vielen Schnees mit Sand gestreut. Dieser viele Sand fiel ihr immer wieder auf. Er lag dick zwischen den Kopfsteinpflastern und drang manchmal in die Schuhe. Sie fanden ihr Appartement wunderbar, auch weil es drin eher kühl war im Vergleich zur Hitze draußen, später, als es kälter wurde und sogar regnete, stellten sie fest, es war sehr kühl und vielleicht feucht. Doch für ihre sieben Tage genau richtig.

Schon auf den ersten Blick schien ihr die Stadt wie eine Kreuzung zwischen Krakau und Wien nur dass sie viel kleiner war, aber doch eine Metropole, eine stattliche Stadt.

Während der Fahrt mit dem Bus sahen sie wunderbare alte, meistens ziemlich heruntergekommene Häuser, Villen, Bürgerhäuser. Die meisten stammten aus der Zeit um Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und sie waren seitdem kaum renoviert worden. Sie waren alle gräulich-beige und viele Balkone verschwanden in riesigen dunklen Plastikhüllen. Ziemlich schnell begriffen sie, dass es sich um den Schutz der Passanten und auch vielleicht der Balkonehandelte; die marode Substanz fiel einfach von den Fassaden ab. Ehrlich gesagt gefiel ihr dieses Heruntergekommene und Morbide sehr, es machte alles unheimlich melancholisch und sympathisch, zumal es das schönste Wetter mit frischem Maigrün, blühenden Fliederbüschen und Kastanienbäumen, noch letzten Tulpen und allerlei anderen Frühlingsblumen gab; und Lemberg ist eine grüne Stadt. Immer wieder gelangt man in Parks, manchmal kleine grüne Oasen, andermal riesige, fast waldähnliche Flächen, die sich in die umliegenden Hügel ausbreiten. Sie durchliefen den Ivan Franko-Park vor dem Universitätsgebäude und dann auch den riesigen Stryjski-Park, gelangten auf die Hügel um den Wysoki Zamek (Hohes Schloss), wollten unbedingt das Freilichtmuseum finden und bewältigten gewaltige Anstiege, um endlich festzustellen, dass sie gar keine Zeit mehr hatten in das Museum zu gehen, denn es wartete sie schon die Besichtigung der Lviver Oper und ein kleines Konzert dort.

Lemberg hat eine gute Größe, alles oder fast alles lässt sich zu Fuß erreichen; ist manchmal mit etwas Anstrengung verbunden, doch meistens waren sie sehr überrascht, dass man innerhalb von einer halben Stunde bereits an dem von ihnen angestrebten Ort war. Sie durchliefen Straßenzüge mit schönsten Fassaden und Eingängen, schauten in die Treppenhäuser und entdeckten immer wieder überraschend schöne Ecken. Es gab alte schwere hölzerne Eingangstüren und marmorne Treppen, verspiegelte Wände, manchmal bescheidener aus Gusseisen geformte Treppen und Geländer mit bunten Kacheln an den Wänden, oder ganz einfach mit Ölfarbe bis zur Hälfte angestrichene Wände und hölzerne Treppen; Das alles in unterschiedlichem Erhaltungsgrad. Von gut bis sehr gut erhalten bis verfallen, morsch, feucht unbegehbar…

Doch wenn sie jetzt, im Nachhinein, nachdenkt, erscheint es ihr sehr schade und empörend, dass diese Stadt einfach so zerfällt, dass vielleicht in baldiger Zukunft einige der Häuser ganz verschwinden könnten, denn sie sind wirklich wunderschön und sehenswert. Nur die Altstadt, das zum Weltkulturerbe zählende, ziemlich kleine Areal, wird ständig erneuert und restauriert. Für die rundum liegenden Häuser vom Ende des 19. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts reicht das Geld bei Weitem nicht aus. Man spürt, dass es an allen Ecken an Geld mangelt, aber die Menschen bemühen sich beharrlich, das auszugleichen; die Stadt ist sauber und mit Blumen bepflanzt, die Menschen sind sehr hilfsbereit; sie ist reich nicht an Geld aber an Flair, guter Luft, Höflichkeit und Schönheit, das entschädigt für Vieles.

Überhaupt sind die Menschen sehr freundlich, beweglich und kaufmännisch orientiert; es wird gestickt und gehäkelt, gestrickt und genäht, und alles dann zum Kaufen angeboten; lange Reihen von Buden mit den verschiedensten Souvenirs stehen nicht nur auf der Flaniermeile vor der Oper, sondern an verschiedenen Ecken der Altstadt.

Die Lviver sind sehr erfinderisch, die Cafékultur erlebt ihre Blühte. Es werden verschiedenste Kuchensorten, auch diejenigen aus der Vergangenheit (wie z.B. „Pischinger“, eine Art von Waffeln mit einer 5 Sorten Nussfüllung) serviert, durch ganze Sortimente von hervorragenden Kaffee- und Teesorten ergänzt, alles sehr freundlich und professionell. Die jungen Ukrainer lieben ihre Cafékultur und sitzen stundenlang bei einem Kaffee und unterhalten sich, so dass man sich nicht als blöder, reicher Tourist einsam in einem teuren Café fühlen muss. Es gibt immer genügend Einheimische um einen herum.

Die jungen Ukrainerinnen laufen oft mit den Blumenkränzen im Haaren à la Timoschenko und es sieht nicht kitschig aus, es ist sogar oft wunderschön. Viele tragen ihre Haarpracht in Zöpfen geflochten, tragen an die in Volkstracht angelehnte Kleider. Die Stadt, der Staat und seine Bürger suchen nach ihren Wurzeln nach Identität, was angesichts ihrer Geschichte selbstverständlich ist; diese identitätsbildende Kultur ist auch an vielen Ecken dieses großen Landes sehr unterschiedlich und sie zu verbinden wird ein echtes Kunststück sein.

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Feiertage, Irving Penn Centennial, Der Jahrhundertfotograf

Ostern war und ist für mich eigentlich die Zeit der Ausflüge, der Unternehmungen, wenn es geht ins Freie und weg aus der Stadt. Doch wenn das Wetter nicht anders erlaubt auch in der Stadt; sich anschauen, was die Hauptstadt so anbietet. Es herrschte immer die Meinung, Berlin sei ein Hype, wenn es um Ausstellungen geht. Lange Zeit galt das auch für mich im Hinblick auf Berlin schon, doch seit circa zwei Jahren gab es keine so großen gelungenen Ausstellungen mehr, es wird viel renoviert und restauriert, gebaut und ausgebessert, dies und jenes ist vorübergehend geschlossen, noch nicht geöffnet, gerade in Planung… doch wir leben nur einmal, und alles was nach uns kommt, ist irgendwie für uns selbst irrelevant.

Desto mehr freute ich mich, als wir am Ostersonntag beim scheußlichsten Wetter aller Zeiten in die C/O Berlin gingen und uns eine wirklich gelungene Ausstellung ansahen. Der Name des Fotografen war schon ein Versprechen, doch die Zahl der Werke und ihre Gliederung übertraf meine Erwartungen. Sie wurde vom Metropolitan Museum of Art in Zusammenarbeit mit der Irving Penn Foundation verarbeitet; zugute kamen die Schenkungen von 180 Arbeiten oben genannter Stiftung an das Metropolitan Museum, so dass man in den Genuss von 240 Arbeiten des Fotografen kommt. Es sind Arbeiten aus verschiedensten Bereichen; das Einzige, was fehlt, sind Landschafts- und Architekturfotografien, Motive, die bei vielen anderen Fotografen als Hauptmotiv gelten. Penn hat sich eindeutig der lebendigen Dingen verschrieben: den Menschen. Wir erleben verschiedene Gattungen seiner Fotokunst – Akt-, Mode- und eben Porträtfotografie; das Gros der Arbeiten sind Porträts, die er auch neu definiert und oft die ganze Gestalt des Menschen zeigen. Seine Arbeiten sind immer auf das Wesentliche reduziert, zeigen berühmte Menschen eingezwängt in eine Ecke, oder sitzend auf einem Hocker, der nur mit einem grau-beigen Teppich bedeckt wurde. Übrigens ist auch der Teppich in der Ausstellung zu bewundern. Penn arbeitete seit seinen jungen Jahren als Coverfotograf für Vogue, er soll 166 Titelbilder für diese berühmte Modezeitschrift geliefert haben. Es gibt also in der Ausstellung wunderbare Fotos der Titelseiten mit den schicksten, elegantesten Frauen der Welt. Seine zweite Frau Lisa Fonssagrives-Penn wurde zum beliebtesten Objekt seiner Modefotografie; es sind Bilder, die exquisite Eleganz und eher kühle Weiblichkeit zur Perfektion bringen. Kein Wunder, dass ihn in den folgenden Jahren die Fotografen der jüngeren Generation wie Richard Avedon, Annie Leibowitz oder Helmut Newton versucht haben zu kopieren.

Penn selbst bleibt nicht nur bei der Modefotografie; er reist auch in ferne Länder, 1948 nach Peru, später in den sechziger Jahren nach Neuguinea und Marokko, überall fotografiert er Menschen in einfachen Studios ohne aufwändigen Hintergrund. Meistens mietet er das Atelier des dortigen Stadtfotografen und wartet auf dessen Kunden, die zum Fotografieren kommen. Interessant ist, dass er die Fotografien für die Zeitungen/Magazine farbig drucken lässt, doch für größere Formate und Ausstellungen zieht er die Bilder immer schwarz-weiß ab, auch alle Porträts sind schwarz-weiß, doch da spielen die Grautöne eine große Rolle. Seine Rolleiflex-Kamera war in der Ausstellung auch zu sehen. Sein Interesse an Menschen geht noch weiter und in der Serie The Small Trades (kleines Gewerbe) stellt er sie in ihrer Arbeitskleidung und mit den entsprechenden Requisiten dar. Es finden sich darunter: Bäcker und Kellner, Friseure und eine Ballonverkäuferin, Schornsteinfeger, Metzger etc… es gilt für ihn das Alltägliche ungeschönt mit der Kamera festzuhalten.

In all den Jahren hörte Penn nicht auf zu zeichnen und zu malen, auch wenn er in diesem Kunstzweig keine Erfolge feierte, half ihm die Beschäftigung damit bei seiner Arbeit als Fotograf. Zu seinen Lieblingsmalern gehörten Surrealisten, darunter Giorgio de Chirico, dessen menschenleere Landschaften ihn faszinierten. Die Liebe zur Kunst ist besonders in späteren Jahren sichtbar, als er sich den Stillleben widmet. Da stellt er alle Details sehr bewusst zusammen, man hat das Gefühl es sind Gemälde, die im Spiel des Schattens und Lichts den Betrachter ansprechen. Manche der Arbeiten erinnern mich an die Bilder meines Lieblingsmalers Giorgio Morandi, bei denen es um Nähe und Entfernung geht. Es sind Stillleben zusammengestellt aus alten, gefundenen Stücken von Röhren in verschiedenen Größen. Wunderschön sind seine Fotos von Mohnblühten.

Es gibt auch eine Serie von weiblichen Aktfotos, die mir vielleicht am wenigsten zusagen. Es fällt auf, dass es ihm nicht um die Schönheit dieser Körper geht, sondern um die Form. Auch das Verfahren, wie er die Abzüge produziert, ist eine mühsame Arbeit an der Perfektion. Man spürt überall, in jedem Bild, dass er mit seinem Blick den Gegenstand der Fotografie veredelt, aufwertet, einmalig macht. Es sind auf keinen Fall Schnappschüsse.

In allen Genres wird seine unheimliche Faszination an der Arbeit als Fotograf sichtbar.

Eine Ausstellung, die man nicht verpassen sollte. Ist auch bis 1. Juli in C/O zu sehen.

Frauenblick 16 – Kaschmir und Indien

Monika Wrzosek-Müller

Arundhati Roy, Das Ministerium des Äußersten Glücks

Berlin begrüßte mich mit Regen und Kälte, nach dem langen warmen Monat in Italien eine Zumutung, also griff ich nach meinem Lieblingsschal, den aus Kaschmir – wortwörtlich aus Kaschmir: er ist aus Kaschmirwolle und stammt auch aus der Region Kaschmir in Indien. Ich hab ihn in der Altstadt von Cochin in einem sehr netten kleinen Laden gekauft, den zwei junge Juden aus Kaschmir führen. Sie erzählten mir, dass sie nach den Auseinandersetzungen in Kaschmir die Region verlassen mussten. Doch sie träumten jeden Tag davon, dahin zurückzukehren, sahen vor ihren inneren Augen die wunderschönen verschneiten Bergspitzen und grünen Wiesen, Felder und die Obst- und Blumengärten; sie vermissten die klare Luft, ohne Feuchtigkeit und Nebel, die kühlen Abende mit den scharfen Farben der Sonnenuntergänge; es war ganz offensichtlich sie sehnten sich sehr nach ihrer Heimat. Doch die vielen Toten jeden Tag auf den Straßen und in den Dörfern und der Terror, der überall lauerte, hielten sie davon zurück, nach Hause zurückzukehren.

Nach dem Buch von Arundhati Roy Das Ministerium des Äußersten Glücks musste ich immer wieder an die beiden denken.

Das Buch ist wie ein Puzzle, die Geschichten fügen sich ineinander, verdichten sich irgendwann zu einem Ganzen, aber sie könnten auch weiter fortgesetzt werden, oder jede für sich könnte allein stehen. Es gibt eine Hauptheldin, Anjum, oder von hinten aus gelesen Mujna. Sie ist eine hijra, halb männlich, halb weiblich, ein Hermaphrodit, aber eigentlich sind die hijras Transvestiten. Schon mit jungen Jahren flieht sie aus ihrem Elternhaus, wo sie als Junge erzogen wird, in ein Frauenhaus, doch da hält sie es nach einem schlimmen Gewalterlebnis nicht mehr aus. Sie lebt den größten Teil ihres Lebens auf einem Friedhof in Dehli, in der Altstadt, nicht weit vom Roten Fort, wo sie eine Art Kommune aufbaut und mit anderen zusammenlebt. Dann gibt es die Geschichte von den drei Freunden, die in einem College an einer Inszenierung des Stücks Norman, bist du das? mitwirken, das aber nie zur Aufführung kommt: Naga, Journalist, Tilo, Architektin und Designerin, und ein späterer Geheimdienst-Offizier in Kaschmir und Hausbesitzer, der ich Erzähler weiter Teile des Buches; sie alle verbindet die Liebe der beiden Männer zu Tilo. Später kommt ein auf der Straße gefundenes Baby dazu, um das sich Anjum und Tilo streiten, bis sie dann im äußersten Glück auf dem Friedhof zusammenwohnen. Wichtig ist auch Tilos Mann Musa, ein Unabhängigkeitskämpfer für Kaschmir und Jammu. Den Hintergrund bilden die achtziger und neunziger Jahre, mit dem Konflikt um Kaschmir, und das Leben in der Stadt Delhi.

So wie das Leben in Indien selbst ist die Erzählweise oft wirr und chaotisch, sie stockt manchmal und wird wieder fortgesetzt, eine neue Geschichte nimmt an Wichtigkeit den Platz der vorangegangenen ein. Man spürt das Brodeln, Ausufern, die Unbeherrschbarkeit der Konflikte der Charaktere, der Helden, ihre Schicksale. Die Wirklichkeit des Lebens auf den Straßen entzieht sich manchmal der literarischen Erzählung, man spürt, dass sie noch grausamer und unerbittlicher ist. Alle Helden leben ihr gefährliches aber freies Leben, so wie sie es sich vorstellen, so wie es ihnen gelingt, so wie sie es letztendlich wollen. Interessant, dass der Hauptteil des Buchs auf dem Friedhof spielt, dort, wo eigentlich Tote begraben liegen; nur dort gibt es Freiheit, Freizügigkeit und ein ziemlich sorgenfreies Leben. Draußen herrscht Terror, Menschen werden umgebracht, gefoltert. Die Muslime gegen die Hindus und umgekehrt, niemand ist besser; alle verfolgen ihre vielfältigen und komplizierten Interessen, und durch misslungene Aktionen des Geheimdienstes sterben mehr Menschen, als gerettet werden sollten. Kaschmir soll, wie das mit den Kurden im Moment passiert, auf keinen Fall unabhängig werden. Aufgeteilt zwischen Pakistan, Indien, China und Afghanistan kämpfen die Kaschmiris oft gegeneinander, sterben unnötig, immer zu heldenhaften Taten bereit und dazu auch verurteilt.

Seit den achtziger Jahren sind in dem Konflikt zwischen Pakistan und Indien mindestens 70 000 Menschen gestorben, getötet worden; 8 000 sind verschwunden, unzählige haben völlig traumatisiert überlebt und finden keine Ruhe, bis heute. Das ist der Hintergrund des Romans; doch wie die Schriftstellerin damit umgeht und die Verhältnisse beschreibt, lässt uns an den Ereignissen und Emotionen wirklich teilhaben. Die leeren Zahlen füllt sie mit Leben, Farben, Tempo. Sie hat als Journalistin und Menschenrechtlerin, Kritikerin der Globalisierung und des Kapitalismus, viel damit zu tun gehabt, kennt den Konflikt und die Situation aus eigener Anschauung, vielleicht auch als Betroffene. Die Zweitheldin des Romans Tilo, Tilottama, trägt autobiografische Züge der Autorin; in Kerala geboren, ist sie mit 16 nach Dheli gegangen, dort das Studium der Architektur, später gehen die Wege der beiden auseinander. Doch der Kampf, den die beiden Frauen führen ist bestimmt durch Arundhatis Roy Erlebnisse. Wir erfahren viel von den Ereignissen, aber wichtiger sind die Emotionen, die dabei hervorgerufen werden; die zerstörten Leben, Pläne, Familien.

Ich würde gern eine dieser kultivierten Geschichten schreiben, in denen zwar nichts passiert, aber es trotzdem viel gibt, worüber man schreiben kann. So etwas ist in Kaschmir nicht möglich. Es ist nicht kultiviert, was hier passiert. Es gibt zu viel Blut für gute Literatur.

F.1. Warum ist es nicht kultiviert?

F.2. Wie groß ist die hinnehmbare Menge Blut für gute Literatur?

Ich habe mir dann auch den Film Stern von Indien angesehen, hauptsächlich um die Orte des Geschehens zu sehen, die alte Stadt Delhi mit dem Roten Fort; im Film geht es um die Zeit gleich nach dem Krieg, da hat der Konflikt um Kaschmir angefangen, mit dem Abzug der Engländer, mit dem Vize-König von Indien Earl Mountbatten und dem Plan der Gründung von Pakistan. Gab es andere Lösung, wäre die Bildung eines Vereinten Indien besser gewesen?

Die Schriftstellerin macht in dem Roman klar, dass zwar das Erbe des Kolonialismus über Indien hängt, aber eben auch über der Literatur, die kultiviert zu sein versucht – doch die Umstände, die Grausamkeiten erlauben ihr das nicht. Doch für Arundhati Roy sind auch die Leute selbst an ihren Schicksalen schuld, sie können sich nicht hinter der großen Tragödie der Geschichte verstecken, sie erleben ihr Leben, und das kann selbst in schlimmen Zeiten gelungen sein. Das Ministerium des äußersten Glücks findet sich auf dem Friedhof, zwischen Menschen aller möglicher Orientierungen, sowohl religiös als auch geschlechtlich und sozial; sie versuchen das Beste aus ihrem Leben zu machen, ohne dabei trivial und naiv zu wirken. Es ist die große Stärke des Textes, alle diese Charaktere und Geschehnisse in einem Buch, in einer Geschichte zusammen zu bringen und sie dem Leser zu präsentieren, auch vielleicht mit Fragezeichen, das ist doch auch möglich, oder? Das Schöne dabei ist, man spürt in dem Roman viel Freiheit, Raum und Toleranz, die die Leute sich selbst geben, nehmen, oder die die Schriftstellerin ihnen einräumt. Sie sind nicht in ihre Rollen gezwängt, sie bewegen sich am Rande, aber da ist für sie in dem verrückten Indien viel Platz!

Und die Beschreibungen, die Sprache der Schriftstellerin, poetisch, leicht sarkastisch und pointiert, lässt von Anfang an vermuten, dass wir in das Buch reingezogen werden, und das aber bedeutet nicht, dass es ein Roman ist, den man verschlingt. Es wird verlangt dass man langsam und konzentriert liest, nachschaut, die historischen Hintergründe hinterfragt.

In der magischen Stunde, wenn die Sonne fort, das Licht noch da ist, lösen sich die Heere fliegender Hunde von den Banyanbäumen auf dem alten Friedhof und lassen sich über der Stadt treiben wie Rauch. Wenn die Fledermäuse wegfliegen, kommen die Kühe nach Hause. Der große Lärm ihrer Rückkehr kann die Stille nicht füllen, die die verschwundenen Spatzen hinterlassen haben und die alten Weißrückengeier, Wächter der Toten seit über hundert Millionen Jahren, die ausgemerzt wurden. Die Geier starben an Diclofenac-Vergiftung. Diclofenac, Rinder-Aspirin, das den Kühen verabreicht wird, um die Muskeln zu entspannen, Schmerzen zu lindern und die Milchproduktion zu erhöhen, wirkt – wirkte – wie Nervengas auf die Weißrückengeier. Jede chemisch entspannte, milchproduzierende Kuh oder Büffelkuh, die starb, war vergiftete Geierbeute. Während die Kühe zu besseren Milchmaschinen wurden, während die Stadt mehr Eis, Karamell, Cornettos und Nogger Chocs aß und mehr Mango-Milchshakes trank, begannen die Geier, die Hälse hängen zu lassen, als wären sie müde und konnten einfach nicht wach bleiben. Silberfarbene Speichelbärte tropften aus ihren Schnäbeln, und einer nach dem anderen stürzte von dem Ast, auf dem der saß, tot.

Nur wenigen fiel das Aussterben der freundlichen alten Vögel auf. Es gab viel anderes, worauf man sich freuen konnte.

Dass sie eine gute Schriftstellerin ist, hat Arundhati Roy schon in ihrem ersten Roman Der Gott der kleinen Dinge bewiesen, doch in ihrem zweiten zeigt sie umso mehr, dass sie genial schreibt, beobachtet, die Sachen auf den Punkt bringt. So viel Klarheit, bei so einem verwirrten und komplizierten Thema ist selten jemandem gelungen.