Auf dem Fahrrad und zu Fuß 1

Corona. Wir bleiben zu Hause, was in der Sommerzeit bedeutet: In Deutschland, mehr noch: In der Nähe, nicht weit… Das erinnert jeden von uns an den alten, guten Theodor Fontane.

Christine Ziegler

briefe aus dem urlaub

liebe ewa,

das war unsere heutige wanderung. bei dem vielen wasser, was vom himmel fiel, war uns wandern lieber als radeln. doch gestern war die tour auch vom feinsten. über plattenburg nach bad wilsnack, dann rüber zur elbe und über glöwen zurück zum quartier in klein-leppin.

es ist wirklich ziemlich menschenleer hier. und gefällt uns auf jeden fall sehr gut.

die plattenburg muss hier aber auch noch dokumentiert werden:

der gute herr fontane war ein bißchen systematischer als ich, der hätte schon parat gehabt, was alles in plattenburg geschehen war, seit es aufgebaut wurde. Wir haben dort ein fischbrötchen mit forelle aus den dortigen teichen genossen. die teiche sind dort nicht schon seit dem mittelalter, sondern wurden in bismarckschen zeiten angelegt.

tatsächlich kann in diesen landen so viel erzählt werden. am besten hat mir gefallen, dass frau kreckel, geborene renner, eine erbin der letzten besitzerinnen, nach der wende das schloss in lenzen an den BUND gegeben hat und dort nun ein besucherzentrum des biosphärenreservats hier an der elbe entstanden ist. www.burg-lenzen.de

also sicher ist schon mal, dass die elbe in diesem teil einen eigenen urlaub erforderlich macht.

wer alles in klein-leppin gehaust hat, seit es gebaut wurde, das wissen wir noch nicht. wir haben aber schon gemerkt, dass wir uns viel auf ehemaligen bahndämmen bewegt haben, pollo haben sie das hiesige schmalspurnetz genannt.

wir haben unseren unterschlupf in der alten mühle von klein-leppin und hier werden enthusiastinnen des denkmalschutzes noch viel zeit, energie und nerven versenken, es gibt zu tun für viele jahre. Und mensch muss lernen, nicht alle baustellen gleichzeitig wahrzunehmen und sich statt dessen dran zu freuen, was gerade wieder gerettet werden konnte.

bad wilsnack hat heute eine therme, um die menschen in die leere weite der prignitz zu locken. das ist keine schlechte sache. früher hatten sie dafür eine riesige kirche, die es heute noch gibt. doch die pilgerscharen von damals, die die wunderbluthostie sehen wollten, die wird es so schnell nicht wieder geben. aber wie du weißt, gibt es auch heute immer wieder pilger und das wegzeichen ist überall zu finden. wir könnten uns das auch mal vornehmen, oder?

noch wissen wir nicht, wohin heute die reise geht, wir könnten uns nach kyritz wenden. da können wir dann herausfinden, was es mit der knatter auf sich hat. oder gleich wikipedia fragen: kyritz trägt im volksmund den beinamen „an der knatter“. für den nebenarm knatter der jäglitz war das geräusch der früher zahlreichen knatternden wassermühlen namensgebend. heute ist die knatter verrohrt und von den fünf wassermühlen existiert nur von einer noch das gebäude. wir fahren aber trotzdem hin, auch wikipedia ersetzt nicht den eigenen blick, auch wenn es heißt mensch sieht nur, was er schon weiß. vor allem, wenn der fluss im rohr fließt …

liebe grüße

christine

ps: alle bilder sind von martin, ich hab die kamera zuhause gelassen.

Mit Corona im Kopf

Autorin wohnt in der berühmten Berliner Regenbogenfabrik, wo sie z.Z. das Kulturprogramm verantwortet. Aber zu Regenbogenfabrik gehört so viel – Wohnhaus (vor 40 Jahren ein bestztes Haus), Hostel, Kantine, Kita, Fahrradwerkstatt, Tischlerei, Kino, Kiezcafè, Austellungen, Lesungen, Konzerte... Wie oft haben wir vom WIR e.V., aber auch von Städtepartner Stettin e.V. in der Fabrik Veranstaltungen und Workshops organisiert, Filme gezeigt, unsere Gäste übernachten lassen.

Christine Ziegler

Liebe Ewa

Es ist erst eine woche her, dass ich begriffen habe, wie sehr dieses virus in mein leben eingreift. Meine letzte renitenz ist die fahrt zur steglitzer arbeitsstelle mit dem rad, die mir persönlich vergnügen und viel nachdenklichkeit beschert hat.

Die entscheidungen, die jeden tag in neuem gewand auf einen zukommen, sind nicht immer einfach. Auf der hygienischen und medizinischen seite hab ich schon viel gelernt und für mich persönlich bin ich auch wenig ängstlich. In der gesamtverantwortung ist es dann schon anders. Und die spaltet sich dann auch auf in die verschiedenen teile. Schutz von menschen, die ein höheres risiko haben als ich, aber auch den zusammenhalt der menschen nicht endlos unterminieren. Und wir als regenbogenfamily sind sowieso nicht in den „little boxes on the hillside“ verpackt und unsere grenzen sind sehr fluid. Dazu kommt dann auch noch das tiefe finanzielle loch, dass sich nun schon wieder und in bisher nie gekanntem ausmaß auftut, nachdem alle gäste storniert und alle vier kitas, die von der kantine bekocht werden, nun kein mittagessen mehr brauchen. Und soll die kultur als lebensmittel und stimmungsaufheller aufhören, wenn bei uns sowieso in der regel weniger als 50 menschen kommen? aber wollen wir wirklich mit anwesenheitsliste dastehen und alle erfassen? Aber die künstlerinnen, die bei uns auftreten, leben ja auch oft von der hand in den mund, wie sollen die jetzt satt werden? Aber wer kommt überhaupt, wenn wir die tür auflassen?

Nun denn, das haben so viele andere auch, so wird es auch was gemeinsam rettendes geben.

Die morgendliche fahrt mit dem rad zur arbeit nach steglitz war dann ganz wunderbar. Es ist ein genuss, bei diesem schönen wetter durch die stadt zu fahren und alles ist so entspannt, denn das motorisierte verkehrsaufkommen ist unvergleichlich viel kleiner als sonst und da hat die rücksichtnahme deutlich mehr chancen.

Dabei gab es für mich noch einen erinnerungsflash: als das akw in tschernobyl hochging, da war die sonne auch so brilliant und wir standen auch einer ganz und gar unsichtbaren gefahr gegenüber. Und als wir sie langsam kapierten, da war es erst auch eine gefahr, „weit weg“ und „nur dort“ ganz akut tödlich. Hatte das wirklich was mit uns zu tun? Dies mal ist china viel weiter weg, doch ist heut alles noch viel näher. Der große unterschied: Wir werden in den heutigen zeiten so viel besser informiert, da haben wir einen echten fortschritt erlebt. Der sich aber manchmal auch in sein gegenteil verkehren kann, wenn ungesicherte fakten und undgebremste meinungen aufeinanderprallen.

Und ich denke viel darüber nach, was wir hoffentlich gelernt haben werden, wenn die krise vorbei ist. es sind die kleinen risse und feinheiten. Wenn sie erst die kitas ganz zumachen und dann merken, dass die „systemrelevanten“ menschen nun noch weniger arbeitsfähig sind, weil die kinder versorgt werden müssen. Da könnte dann für die zeit danach die liste der systemrelevanten berufe ein guter katalog sein, wenn es um die nächsten tarifverhandlungen geht. In der liste stehen einige berufe, die verdammt schlecht bezahlt werden. So hoffe ich, dass die welle der dankbarkeit, die sich zurzeit und erfreulicherweise in den sozialen medien breitmacht, dann später in konkrete solidarität umgemünzt wird. Und das muss ja mehr sein, als die unterstützung von beschäftigten und ihren gewerkschaften, da muss auch die politik umsteuern und dieses billig, billig nicht mehr unterstützen. In der taz gab es heute auch die erinnerung, wer alles dafür sorgt, dass informationen auch zirkulieren und das sind eben nicht nur die journalist*innen, sondern auch die zeitungsausträger*innen und systemadmins etc.

Und studien wie die von bertelsmann im letzten jahr, mit dem tenor, dass wir uns die hälfte der krankenhäuser sparen können, werden hoffentlich auch so schnell nicht wieder geschrieben.

Und vielleicht steigt auch die einsicht, dass privatisierung in der daseinsvorsorge nichts zu suchen hat.

Ja, das waren so meine gedanken auf dem weg von kreuzberg nach steglitz. Normalerweise mache ich nicht viel in den sozialen medien, doch diese gedanken will ich noch mal unterbringen. Die situation der geflüchten und die fragen zu rassismus habe ich da noch gar nicht mit ins spiel bringen können. Der rest der sorgen macht ja nicht halt, auch wenn nix anderes als corona mehr in der zeitung steht.“

Inzwischen haben wir in der regenbogenfabrik alle veranstaltungen bis zum 30.4. abgesagt, der betrieb in den anderen bereichen ist auf ein minimun reduziert und es gibt auch keine besucher*innen mehr. wir wenden uns nach innen und betreiben krisenmanagement. Und halten auf abstand, was sich komisch anfühlt, aber ohne abstand würde sich auch komisch anfühlen.

Liebe grüße

Christine

Portugal

Bevor ich Christine Ziegler eine Möglichkeit gebe, mit uns über ihre Reise nach Portugal zu sinnieren, veröffentliche ich hier, was ich vor drei Tagen im Spiegel-Online gefunden habe: Portugal ist einziges Land Europas, das sich mehr Flüchtlinge ausdrücklich wünscht… Leset Mal!

christine ziegler / fotos: martin cames

liebe ewa,

der urlaub dauert noch fast eine woche an, juhu, das haben wir lange nicht mehr so gemacht. hier ist der sommer sehr verträglich, der wind vom atlantik sorgt für höchsttemperaturen von 26 grad, das ist sogar für mich ganz in ordnung.

dazu kommt jede menge schönheit, sei es an der küste, sei es im weltkulturerbe von sintra. lauter unverhoffte sachen, so verschieden von allem, was ich schon anschauen durfte.

hast du schon mal einen prunksaal gesehen, der mit elstern ausgemalt wurde? das fand ich verblüffend. dazu die wunderbaren kacheln an der wand. hier eine, die ganz anders war als all die floralen elemente.

elstern und kacheln sind aus dem nationalpalast in sintra. zitat aus der tourismusseite: „Im Herzen von Sintra befindet sich der gotische Nationalpalast, der der am meisten genutzte königliche Palast war und dessen herausstechendes Merkmal seine riesigen Schornsteine sind, die von der Küche nach Außen führen.“

die schornsteine sind wirklich beeindruckend! von oben nach unten: erst mal von innen, dann von außen. und unten drunter ein blick in den dazugehörigen küchenraum.

und hier noch die küste zum atlantik, gleich daneben ist das „ende der welt“, na ja zumindest von europa, gleich beim cabo da roca.

aber vielleicht ist dir das alles ganz vertraut. du bist ja schon so viel mehr rumgekommen. liebe freundin, die mail trifft dich hoffentlich in guter laune und besserer gesundheit an. bis bald hoffe ich, liebe grüße

christine

Polen! 2017! Frauenstreik geht weiter!

Heute!

Gastgeber: Regenbogenfabrik und labournet.tv

Donnerstag, 17. Mai 19:00 – 22:00

Kino Regenbogenfabrik
Lausitzer Straße 22, 10999 Berlin

50 min, polnisch mit dt. Untertiteln, 2018
in Anwesenheit der Filmemacherin (angefragt)

Film von Magda Malinowska über den Kampf von Frauen, die in kommunalen Kindertagesstätten in Poznań arbeiten. Ihr Kampf um existenzsichernde Löhne und bessere Arbeitsbedingungen begann 2011. Seitdem haben sie sich weiter organisiert und radikalisiert.

In dem Film wird herausgearbeitet, wie die Hungerlöhne für die Kindergärtnerinnen zusammen mit der Last der Hausarbeit und Betreuung der eigenen Kinder und Eltern, die vor allem auf den Schulter von Frauen liegt, deren Leben unerträglich macht.

Deshalb haben sie auch an der großen Demonstration gegen die Verschärfung des Abtreibungsverbots in Polen 2017 teilgenommen.

Karl Marx zum 200. Geburtstag

Christine Ziegler

“Frau Kapital trifft Dr. Marx”
vom Weber-Herzog-Musiktheater

Es war der Donnerstag vor genau einem Monat, 5.4.18 um 20 Uhr im RegenbogenKino.

Ein schwarzer Vorhang vor der Kinoleinwand, ein altes Klavier, ein Sofa und ein Lehnstuhl, viel mehr brauchen sie nicht, die Leute vom Weber-Herzog-Musiktheater, um die Thesen von Karl Marx aus dem ersten Band des Kapital in 100 Minuten auf die Bühne zu bringen. Wichtiger war ihre Geduld in unzähligen Diskussionen, die wichtigen Worte und Sätze herauszuschälen, auf die es ihnen ankommt. Hinwenden, herwenden, alles im Licht der Ereignisse der seitdem vergangenen Jahre betrachten, das hat das Distillat dann hervorgebracht.

Ein studierter Marx mit Hang zum Dozieren trifft auf eine feine, etwas exhaltierte Dame mit Lust am Rausch der Macht. Wer besucht hier wen auf wessen Geburtstagsparty?

Ausbeutung, Mehrwert, Öl als Droge und die Betrachtung, wie eigentlich alles anfing mit der Akkumulation, wir können mit Frau Kapital gemeinsam auf Reisen gehen und die Rolle des Kapitalismus als ökonomische Entwicklungsstufe wiedererkennen.

Wie wir das alles wieder loswerden können, das skizzieren sie notwendigerweise nur, denn die Aufgabe, die da vor uns liegt, ist natürlich ans Publikum zurückgegeben.

Wenn wir aber unsere Gesundheit und das Leben auf dem Planeten bewahren wollen, dann muss sich grundlegend was ändern.

Das würde ohne die tolle Musik dann doch an der einen oder anderen Stelle wie ein Seminar daherkommen. Nachdenken ist halt auch anstrengend. Mit Lust an der Zuspitzung und mit ganz verschiedenen Stilmitteln unterstützt die Musik den Erkenntnisprozess mit einem Couplet aus den zwanziger Jahren ebenso wie mit einem Choral.
Und immer wieder schaut auch Kurt Weil erfreut um die Ecke.

So kommen alle auf ihre Kosten, ganz sicher die, die sich ihren Marx selber erarbeitet haben, aber auch die, die keinen einzigen Kapitalkurs durchstehen wollten.

Es wirken mit:
Raiko Hannemann, Christof Herzog, Martin Orth und Christa Weber.

Produktionsleitung / Regieassistenz: Dennis Kupfer

Nochmal Gelegenheit, das selber zu sehen:
Di., 15.5.18 um 20 Uhr, wieder im RegenbogenKino
Lausitzer Straße 22
10999 Berlin

Fotoausstellung des UMBRUCH Bildarchivs

Respekt!
Solidarische Begegnungen

20.5.17 – 24.8.17 im RegenbogenCafé

Eine Fotoausstellung des Umbruch Bildarchivs in Zusammenarbeit mit der Regenbogenfabrik als Kontrapunkt zu Fake-News, Hasstiraden und destruktiver Stimmungsmache in den sozialen Medien.

Mit Fotos von: Andrea Linss, Jutta Matthess, Christina Palitzsch, Monika v. Wegerer, Oliver Feldhaus, Peter Homann, Michael Hughes, Adrienne Gerhäuser, Nicholas Ganz, Merchi, Jan, Omer Fadl und Hermann Bach.

Für kurze Zeit öffneten sich in Deutschland Grenzen:
“Welcome Refugees” stand für eine gesellschaftliche Offenheit und Solidarität, die auf das Sterben in Syrien und die Toten im Mittelmeer antwortete.
Diese Stimmung begann nach wenigen Monaten durch eine aggressive Berichterstattung der Medien zu kippen, Brandanschläge und Angriffe auf Geflüchtete nahmen ein entsetzliches Ausmaß an. In diesen Attacken und der Flut der Fake-News und Hasstiraden auf Geflüchtete und Nicht-Deutsche scheint der reale gesellschaftliche Rassismus auf der Straße und in den sozialen Medien auf.
Ob sich hier gesellschaftliche Mehrheiten widerspiegeln oder nur scheinbare Mehrheiten virtuell erzeugt werden, ist nicht leicht zu erkennen.

Die Ausstellung setzt der virtuellen Hetze eine andere Welt entgegen. Statt der Aus- und Abgrenzung von Menschen zeigt sie solidarische Begegnungen voller gegenseitigem Respekt: Menschen, die sich mit Offenheit, Freundlichkeit und ohne Vorurteile begegnen. Virtualisierten Feindbildern und Hass stellt sie die Wirklichkeit alltäglichen Widerstands entgegen. Die Ausstellung versucht, die Subjektivitäten aller Menschen wie auch das allen Gemeinsame durch die fotografische Linse zu sehen, zu erkennen und zu respektieren.

Ein Versuch, der im alltäglichen und im perspektivischen Zusammenleben unverzichtbar ist.

Öffnungszeiten:
Mo. 13-20h, sonst 10-20h

Die Fotos hat für uns Christine Ziegler ausgesucht

Moje autorki i moi autorzy / Meine Autor*innen

Ewa Maria Slaska

Ich dachte mir, ich zeige euch, wie oft wir schon, als Autor*innen von diesem Blog, fürs Publikum gelesen haben. Vor allem aber ist dieser Beitrag ein Lob an Christine Ziegler, die all diese Lesungen organisierte, die Plakate entwarf und alle mögliche und umögliche Wünsche unserer Lesenden mit Ruhe, Würde und Gelassenheit erfüllt hat! Danke an Euch alle und Danke Christine!

Pomyślałam, że pokażę dziś kilka plakatów z wieczorów autorskich, które zorganizowałam dla moich Autorów i Autorek :-). Przy tej okazji chciałam też podziękować Christine Ziegler, która wszystkie te plakaty zaprojektowała, wszystkie te wieczory autorskie zorganizowała i była dla nas zawsze najmilszą gospodynią wieczoru, wypełniającą najdziwniejsze możliwe i niemożliwe życzenia osób występujących. Dziękuję Wam wszystkim i dziękuję Christine!


fähigkeit etwas zu bewirken… Reblog

liebe ewa,

vielleicht was für den blog?

in einer rezension im tagesspiegel, samstag vielleicht, fand ich was von einem amerikanischen autoren den namen hatte ich mir nicht notiert. das war sicher noch vor trumps erfolg geschrieben. die systematisierung könnte auch was für eine persönliche strategie des umgangs mit diesem grausamen wahlergebnis bieten. es ging um die diskussion des machtbegriffs und er fand, mensch müsse die verengung auflösen, die seit machiavelli besteht: da geht es um zwang und gewalt und gerne auch um lug und betrug, wenn es dem machterhalt dient.

er will die definition erweitern auf: fähigkeit etwas zu bewirken, das ist natürlich sympatisch.

dafür sind individuelle fähigkeiten, sowie interpersonelle und systemische einflussmöglichkeiten zu bedenken.

  1. selbstvertrauen, ich kann etwas ausrichten
  2. auf dem teppich bleiben, wahrnehmen, dass die fähigkeiten bzw. die möglichkeit haben, sie auszuleben auch ein geschenk sind
  3. teilen und sich gegenseitig stärken
  4. respektvoll bleiben, lob, komplimente, höfliche worte, auch nonverbal respektvoll bleiben: fragen, zuhören, neugierig sein, anerkennen
  5. machtlosigkeit verhindern! also gegen ungleichheit vorgehen, armut nicht dulden, gegen bedrohung und einengung anderen menschen wert verleihen, gegen diskriminierung und rassismus auftreten. also die strukturellen settings sichtbar machen und bearbeiten.

ja, das stimmt alles, wir dürfen uns nicht erlauben, uns als machtlos zu sehen. wir bewirken was. und wir glauben ja auch zurecht, dass alles patriarchalische nicht nur frauen sondern auch männern schadet. und krieg sowieso keine lösung ist. und doch ist all dieses unter punkt 1-4 nur stückwerk, wenn wir gesellschaft nicht dazu bekommen, die weniger mächtigen zu stärken, immer wieder. bildung natürlich zuallererst, aber auch gesunderhaltung, gleichwertigkeit immer wieder einüben. wir können im eigenen leben wirksam werden, wir dürfen aber die strukturellen bedingungen nicht vergessen.

in diesem sinne ist sicher auch der angehängte artikel zu lesen.

liebe grüße

christine (Christine Ziegler)

***

Artikel auf Seite 37 der Zeitung Tagesspiegel vom So, 13.11.2016

Barbara Nolte

Festung der Ehefrauen

Manch einer verfolgte seine Partnerin mit der Axt bis vor die Tore dieser
Berliner Villa – 1976 wurde das erste Frauenhaus gegründet. Ein Modell für viele deutsche Städte.

frauenhausNachdem das mit den Zähnen passiert ist, das war das Schlimmste. Dass er mir im Hausflur wirklich die Faust ins Gesicht gehauen hat, und ich habe gemerkt: Meine Zähne vorne sind nicht mehr da, beziehungsweise einer war – wie hat die Ärztin geschrieben? – in den Oberkiefer gestaucht.

Bis zur Schließung 1999 war die Adresse geheim. Ein Eisenzaun sollte Eindringlinge abwehren.

Danach habe ich nur noch lautlos geweint. Er hat mich dann am Kragen genommen, die Treppen hochgeschleppt. Die Kinder haben oben so geschrien, die waren ja vollkommen außer sich. Er hat dann immer wieder gerufen: „Ich bin
mit eurer Mutter noch nicht fertig, die bringe ich heute noch um.“ Der Kleene hat auf der Couch gesessen und gesagt: „Papa, du bringst Mama nicht wirklich um, nein?“ Und dann hat er zu dem kleinen Kind, der war drei Jahre, hat er gesagt: „Doch. Heute noch.“ Angelika, 44.

In einem ehemaligen Kartoffelladen in der Yorckstraße standen sie manchmal in der Tür: Frauen, die Schutz vor ihren prügelnden Ehemännern suchten. „Damals wussten die nicht, wohin“, sagt Roswitha Burgard, die dort Anfang der 70er Berlins erstes Frauenzentrum mitbegründet hat. Aktivistinnen aus der Yorckstraße verbrachten deshalb einmal 14 Tage reihum bei einer Frau zuhause, die um Hilfe gebeten hatte, weil sie regelmäßig von ihrem Mann und ihrem erwachsenen Sohn misshandelt worden war. Roswitha Burgard selbst hatte weder in der Familie noch im Freundeskreis gewalttätige Männer erlebt.
Jedenfalls nicht, dass sie davon gewusst hätte. „Häusliche Gewalt wurde Anfang der 70er totgeschwiegen“, sagt sie, „als Ehekrach verharmlost, als Umgang von Asozialen weggeschoben.“

Davon erzählt Burgard heute in ihrem Behandlungszimmer einer Gemeinschaftspraxis. Um den Hals trägt sie ein elegantes Seidentuch, an den Füßen Pantoffeln, Straßenschuhe müssen an der Tür ausgezogen werden.

Anfang der 70er hatte sie gerade mit dem Psychologiestudium begonnen und war in Berlins feministischer Szene engagiert. „Als damals in London das weltweit erste Frauenhaus eröffnete, dachten wir uns: So was brauchen wir auch.“ Ein solches Haus würde die Fraueninfrastruktur, die sie in diesen Jahren begründet hatten, Frauencafés, Frauenbuchverlage, Frauenseminare an Unis, auf eine fast romantische Weise
ergänzen: Frauen helfen Frauen, die unter dem Machtgefälle zwischen den Geschlechtern am meisten leiden. Doch der Senat blockte ab. Erst müsse ermittelt werden, ob in Berlin Bedarf für eine solche Einrichtung bestünde. Für die Verwaltung schien es ein Problem, dass der Gruppe der Gründerinnen kein Mann angehörte. „Die trauten uns nicht zu, mit ihren Fördergeldern richtig zu wirtschaften.“, sagt Burgard.

frauenhauskobiety2SCHUTZENGEL. Ilona Böttcher (links) und Roswitha Burgard nahmen im ersten Jahr 615 Frauen auf.

Erst als sechs arrivierte Frauen dem Trägererein beitraten, darunter die damalige Vizepräsidentin des Roten Kreuzes, stellte das Land Berlin eine Villa für das Projekt zur Verfügung. Ein Gründerzeitbau in der Richard-Strauss-Straße 22 Grunewald, mit riesigen Aufenthaltsräumen in Erdgeschoss und Souterrain, aber nur 13 Zimmern im ersten Stock und der Mansarde. „Nicht perfekt geschnitten für unsere Zwecke“, sagt Burgard.
Die Adresse wurde unter Taxifahrern gestreut und vor Außenstehenden geheim gehalten. Um den Garten wurde ein Eisenzaun errichtet. Dahinter durfte kein Mann.
Im November 1976 war Eröffnung. Die erste Bewohnerin klingelte bereits am Abend zuvor. Es war die Ehefrau eines hohen Richters, sagt Burgard. Das Asozialen-Klischee war damit widerlegt.

Auch Ilona Böttcher erinnert sich an diese erste Bewohnerin: eine schmale Frau um die 40. Ihr Ehemann hatte ihr Geld, Schlüssel und Ausweis weggenommen. Ilona Böttcher und Roswitha Burgard übernachteten mit ihr im Frauenhaus. Sie wollten sie in der riesigen, leeren Villa nicht allein lassen.

frauenhaus2Ilona Böttcher war als Verwaltungsfrau eingestellt worden. Sie habe sich ganz profan auf eine Jobanzeige beworben, erzählt sie beim Treffen in ihrer Tempelhofer Wohnung. Doch im Frauenhaus packte sie – wie alle anderen – überall mit an: Zu jeder Tages- und Nachtzeit klingelten Frauen. Polizisten und Taxifahrer brachten sie. Jede wurde aufgenommen, selbst wenn sie betrunken war. „Wer sind wir denn, dass wir entscheiden,
wer über Nacht bleiben darf!“, sagt Böttcher. Ansonsten war Alkohol verboten. Bereits einen Monat nach Eröffnung waren alle regulären Plätze belegt. Immer neue Stockbetten wurden in die Zimmer, Gänge, Aufenthaltsräume gestellt. Im Haus, das für 70 Frauen und Kinder ausgelegt war, lebten bald bis zu 150. „Es gab Bedarf, und wie!“, sagt Böttcher.
Sie zieht ein lilafarbenes Buch aus ihrem Regal: die erste Jahresbilanz, herausgegeben im
Frauenselbstverlag. Die Gründung des Berliner Hauses war eine Initialzündung, in den meisten größeren Städten wurden fortan ähnliche Projekte geplant, die Berliner lieferten das statistische Material. Von den 615 Frauen, die im ersten Jahr in der Richard-Strauss-Straße betreut wurden, waren drei Viertel von ihren Ehemännern misshandelt worden, ein Fünftel von ihren Freunden, der Rest von Ex-Männern und Verwandten. Jede zehnte Frau hatte die Gewalt zehn Jahre und länger erduldet. 118 waren von ihren Partnern sogar in Lebensgefahr gebracht worden. „Mich hat der Zustand von Beziehungen erschüttert, am
Anfang stand ja mal Liebe“, sagt Ilona Böttcher. Eine Frau habe zu ihr gesagt: „Und dann hat er mich nicht mal mehr geschlagen.“ Schlagen sei für sie Zuwendung gewesen.
Böttcher erinnert sich, dass viele Frauen sich schämten. Sie hatten sich diesen gewalttätigen Partner ja ausgesucht. Verbreitet waren auch Schuldgefühle. Einige glaubten, dass ihr Mann nicht ausgerastet wäre, wenn sie selbst anders reagiert hätten. Im Frauenhaus hörten sie die Geschichten anderer Frauen und erkannten dabei mitunter Verhaltensmuster ihres eigenen Mannes wieder und die Unvermeidbarkeit seines
Zorns. Eine Frau habe es mal so ausdrückt: „Habe ich Salz rangemacht, habe ich eine gewischt gekriegt, habe ich kein Salz rangemacht, habe ich auch eine gewischt gekriegt.“ Oft steigerte sich der Jähzorn der Männer noch, wenn die Frauen ins Frauenhaus zogen.
12.3.77, 20.30 Uhr: Ein Herr läutet an. Er will das Haus in die Luft sprengen, sich aber zeitlich nicht festlegen. Gabi informiert die Polizei. 21.45 Uhr: Ein Herr ruft an. Er steht mit einer Pistole in der Telefonzelle gegenüber und will sich das Leben nehmen, wenn er nicht mit seiner Frau sprechen kann. Die Frau ist nicht bei uns. Da er unter Strom steht, hat Gabi Mühe, ihm das klarzumachen. Vorsichtshalber benachrichtigen wir
die Polizei. 23.15 Uhr: Ein Mann fährt mit einem Fahrrad in unserem Garten. Gabi ruft 110. Auszüge aus dem Protokoll einer Bewohnerin mit Telefondienst.
Häufig lungerten Männer vor der Tür herum, die die Adresse herausbekommen hatten. Mehrfach ist es ihnen tatsächlich gelungen einzudringen. Ilona Böttcher erinnert sich an einen Vorfall, als ein Mann eine Füllung aus der Haustür herausgebrochen hat, durchs Loch geklettert und mit der Axt ins Haus gestürmt ist. Eine Kollegin stellte sich ihm in den Weg, die Hausbewohnerinnen versteckten seine Frau. Für Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen des Frauenhauses war die Umgebung hinter dem Zaun feindlich: Während die Männer
mit roher Gewalt drohten, drohten die Grunewalder Nachbarn mit ihren Anwälten. Sie gründeten sogar eine Bürgerinitiative gegen das Projekt.
Erforderlich ist, dass das Lärmen der Kinder ab Freitag bis Sonntagabend unterbleibt. An diesen Tagen suchen die Anwohner nämlich absolute Ruhe in ihrem Garten. Die Wohngegend haben sich Anwohner ausgesucht, die in der Woche ganz besonders hart arbeiten. (…) Mehrmals habe ich die Feststellung treffen müssen, dass Kinder, soweit sie zu einem Spaziergang ausgeführt werden, auf meinen niedrigen Zaun balancieren. Mein Zaun stellt persönliches Eigentum dar, und das sollte eigentlich schon Kindern deutlich
gemacht werden, dass das Eigentum anderer zu schätzen ist. Aus einem Brief von Horst Sandner, Königlich Norwegischer Konsul (31.10.77), an Roswitha Burgard.
Der Tagesspiegel berichtete damals von einer Aussprache beider Seiten. „Wir sind gar nicht so verrückt, wir sind bloß nervlich am Ende“, habe dabei eine Bewohnerin an das Mitgefühl der Nachbarn appelliert, das aber ausblieb. Häufig, sagt Böttcher, seien sie damals zusammen mit Bewohnerinnen in der Öffentlichkeit aufgetreten. „Die wollten sich nicht verstecken.“ Die Heimlichkeit von häuslicher Gewalt, die den Tätern in die
Hände spielt, sollte durchbrochen werden. Deshalb fanden im ersten Frauenhaus die Beratungsgespräche im Aufenthaltsraum statt. Andere Frauen sollten daran anknüpfen können. „Die Betroffenen sollten sich gegenseitig unterstützen“, sagt Böttcher. In
Zweierteams wurden sie außerdem zu nächtlichen Telefondiensten eingeteilt, das sollte ihr
Selbstbewusstsein stärken. Viele, in der ersten Statistik waren es 30 Prozent, kehrten trotzdem zum Ehemann zurück. „Da konnten wir nur Wege aufzeigen, wie sie beim nächsten Mal die Situation schneller verlassen können“, sagt Böttcher. „Eine Frau war 13 Mal da, ist immer wieder zurückgegangen, bis wir in der Zeitung lasen, dass man sie tot aufgefunden hat.“
Ilona Böttcher arbeitete bis 1998 im Frauenhaus. Dann ging sie in Rente, im Jahr drauf schloss das erste Frauenhaus. Damals gab es bereits fünf weitere, rund 350 sind es mittlerweile in Deutschland. Obwohl sich das Gleichberechtigungsideal innerhalb ihres Arbeitslebens weit verbreitet hatte, habe sich dies auf die Gewalt gegen Frauen wenig ausgewirkt, sagt Böttcher. Nur der Anteil der Migrantinnen habe zugenommen.
Insgesamt registrierte die Berliner Polizei im vergangenen Jahr 15 000 Fälle von häuslicher Gewalt. Die größte Veränderung, sagt Böttcher, habe im Arbeitsverständnis der Betreuerinnen gelegen. Zum Beispiel sei eine neue Kollegin „entsetzt“ gewesen, dass es keinen Raum für Einzelberatungen gab. Den nächtlichen Telefondienst sahen manche der Jüngeren wegen einer möglichen Retraumatisierung kritisch. Am Ende, glaubt Böttcher, sei das erste Frauenhaus an einem unterschiedlichen Verständnis von Feminismus
gescheitert, denn als Feministinnen begriffen sich die Jüngeren auch. Einmal habe eine Mitarbeiterin vorgeschlagen, dass ihr Freund doch den Bus des Frauenhauses fahren könne: „Für uns völlig undenkbar: ein Mann am Steuer eines Frauenhausbusses!“
Nadja Lehmann eröffnete das Frauenhaus sozusagen neu. Lehmann war eine der jungen Kolleginnen. Zusammen mit zwei weiteren ehemaligen Mitarbeiterinnen aus dem Frauenhaus hatte sie das Konzept für das Projekt mit dem Namen „Interkulturelle Initiative“ verfasst, zu dem ein Teil der Gelder des geschlossenen Frauenhauses umgeleitet wurde. Im ersten Frauenhaus habe sie Rassismus zwischen deutschen und
migrantischen Frauen erlebt, sagt Lehmann. Deshalb schnitt sie ihr Projekt auf Migrantinnen und deren spezifische Probleme zu.
Er hat gesagt: „Du fühlst dich einfach nicht wohl in Deutschland.“ Ich habe gesagt: „Ich bin nicht in Deutschland. Ich bin in deiner Wohnung.“ Ich war eingesperrt. Ich durfte nicht raus, ich hatte keinen Schlüssel. Ich habe nur vom Fenster geguckt, wir hatten in Neukölln gewohnt, und ich hatte vor meiner Tür einen Spielplatz. () Bis mein Sohn angefangen hat, genauso zu handeln wie sein Vater. Er hat einen Gegenstand genommen und gesagt: „Hier, Papa, du kannst nehmen, und du kannst Mama wehtun, ich möchte, dass sie weint.“ Da habe ich gesagt: „Ich möchte nicht, dass mein Sohn so wird zu seiner Frau oder
seiner Lebensgefährtin. Ich habe zwei Söhne. Ich möchte nicht, dass drei Männer mich terrorisieren.“ Narin, 38, ehemalige Bewohnerin der Interkulturellen Initiative.

Die „Interkulturelle Initiative“ ist ebenfalls in einer Villa im Berliner Süden untergebracht. Da das Leben im Frauenhaus auf die Dauer belastend sei, wie Lehmann findet, bietet ihr Verein zusätzlich ein Wohnprojekt mit abgeschlossenen Apartments an sowie neuerdings Wohnungen speziell für geflüchtete Frauen, die unter häuslicher Gewalt leiden. Viele Migrantinnen bräuchten aufgrund schlechterer Sprachkenntnisse und ausländerrechtlicher Widrigkeiten länger, um eine Perspektive für sich und ihre Kinder zu entwickeln. Nach
einer Weile könnten sie in eigene Wohnungen umziehen. Das unumstößliche Gesetz autonomer Frauenhäuser, dass nämlich Männer draußen bleiben müssen, ist inzwischen nach Gender-Maßgaben umgeformt. Letztens wurde eine Bewohnerin aufgenommen, die zwar biologisch ein Mann ist, sich aber als Frau fühlt.

PS (Mail Nr 2):

https://i0.wp.com/www.campus.de/typo3temp/_processed_/csm_9783593399072_d83e3e2201.pngliebe ewa,

das buch, von dem ich in der anderen mail schrieb ist von Dacher Keltner „Das Macht-Paradox. Wie wir Einfluss gewinnen – oder verlieren“

ist erschienen im campus verlag und es war tatsächlich am samstag im tagesspiegel vorgestellt, ganz hinten.

liebe grüße

christine

Reisegedanken

Urlaubszeit. Es kommen Reisebriefe. Wie gestern…

Christine Ziegler

Liebe Ewa,

eine Mail, die mal nicht eingeklemmt ist zwischen Frühstück und Büro, oder zwischen Arbeitstreffen und Kochen verfasst wird. Höchstens Müdigkeit setzt vielleicht Grenzen, denn es ist jetzt erst halb neun. Zum Glück war der Koffer schon fast gepackt, doch die letzten Sachen wollten dann einfach nicht reinpassen und alles fing noch mal von vorne an.

Jetzt aber sitzen wir im komfortablen Zug nach München. Draußen hängen graue Wolken vom Himmel, es ist aber bestes Reisewetter, kein Regen und nicht gerade heiß.

Von München wird es heute weitergehen über Kufstein ins Land Tirol. Als wir diese Reise planten, haben wir noch nicht gewußt, wie gespalten auch Österreich sein wird. Die Armen, kaum hatten sie diesen polarisierten Wahlkampf überstanden, müssen sie nun schon wieder an die Wahlurnen. Da wird mir nochmal bewußt, dass wir in Berlin auch bald Wahlen haben werden, Mitte September. Bei uns war es in den letzten Wochen aufregend, weil die Verwaltung mit der Wahlsoftware Schwierigkeiten hatte und außerdem noch durch das Chaos in den Bürgerämtern nicht gewährleistet schien, dass alle Wahlberechtigten auch auf der WählerInnen-Liste stehen würden. Solche Querelen können bei einem knappen Wahlausgang natürlich wieder auf den Tisch kommen, ich hoffe, dass das Ergebnis über jeden Zweifel erhaben sein wird.

Der Wahlausgang für Berlin wird momentan sehr eigentümlich prognostiziert: 4 Parteien haben jeweils etwa 20 Prozent zu erwarten. Nur die FDP kann das noch etwas durcheinanderbringen, wenn sie es denn über die 5%-Hürde schafft.

Ach ja, abwarten und Tee trinken, dies wird ferienbedingt ein kurzer, heftiger Wahlkampf werden.

In dieser kleinen Berliner Welt haben wir, verglichen mit der Welt, noch eher Luxusprobleme, wenn frau den verflixten Flughafen, der Geld über Geld verschluckt, mal ausklammern. Auch das muss eine Stadt sich erst mal leisten können …

Im großen Maßstab ist die Welt so heftig aus den Fugen, dass ich jeden Morgen so eine Art Mantra brauche, um wieder einen neuen Tag auf die Hörner zu nehmen. Und die richtige Mischung finden zwischen Wahrnehmung und Abschottung. So viele grausame Nachrichten, Schlag auf Schlag! „Keep calm and carry on!“, alte britische Durchhalteformel, ruhigbleiben und weitermachen. Herrlich pragmatisch, doch in welche Richtung weitermachen? Wie verhindern, dass die Angst die Oberhand gewinnt und damit irrationale Entscheidungen wahrscheinlicher werden? Wie verhindern, dass die Extremisten auf allen Seiten uns Menschen auseinanderbringen?

Meine Hoffungen auf Europa werden von der aktuellen Verfasstheit der EU auch nicht erfüllt, doch ist es besser, als alles, was dieser Kontinent in der Vergangenheit auf die Beine hat stellen können. Es rächt sich bitter, dass die sozialen Belange der Menschen immer hinter die finanz- und handelspolitischen Ziele gestellt wurden. Da gibt es aber keine Wohlstandseffekte, die zu den Bedürftigen „runtertropfen“, da sind strukturell alle Weichen auf „Geiz ist geil“ gestellt. Viele gibt es nun, die sich betrogen und abgehängt fühlen. Und es schockiert mich, wie die „Schuld“ immer wieder bei den „Fremden“ gesucht wird, die einfach weg müssen, damit es einem wieder besser geht. Doch wenn sie diesen Zustand erreichen, werden sie feststellen, dass sie wieder der Letzte sind, den die Hunde beißen. („sie“ muss einfach in Kursiv, denn wir kommen manchmal aus ganz verschiedenen Motiven zu einer anscheinend gleichen Antwort, siehe Brexit.)

Selten gab es soviel angstauslösende Ereignisse, sei es auf der Promenade in Nizza, sei es bei einer Hochzeitsfeier in Afghanistan. Der Versuch, sich mit Statistik zu beweisen, dass noch immer viel mehr Menschen im Straßenverkehr sterben, als bei einem terroristischen Anschlag, ergibt nur geringen Trost.

Was ist zu tun, damit Angst unser Handeln und das unserer EntscheidungsträgerInnen nicht dominiert? „Nur die allerdümmsten Kälber, wählen ihre Schlächter selber.“ Das ist ein alter Spruch, das Problem, dass damit beschrieben wird, hatte also auch schon die vorvorige Generation.

Im Anhang ist ein Text, der mir ein bißchen geholfen hat, beim Sortieren meiner Gedanken. Angst bekämpfen durch die Herstellung von Sicherheit und durch die Kultivierung von Mut.

Was heißt das für mich selber? Wo muss ich mutig sein, wo muss ich Sicherheit einfordern? Was verstehen wir Menschen unter Sicherheit? Russels Antwort hat mir gefallen: „nur Gerechtigkeit kann Sicherheit geben; und mit ‚Gerechtigkeit’ meine ich die Anerkennung gleicher Ansprüche aller Menschen“. Natürlich reicht Anerkennung alleine nicht, wir müssen Gerechtigkeit ja auch herstellen. Das bombt keiner herbei, das wird zäh verhandelt, sehr zäh, wie wir in den Klimaverhandlungen lernen konnten. Und in großer Transparenz. Vielleicht steckt in Verträgen wie TTIP oder CETA was Schlaues und Nützliches, doch wenn sie so geheim geführt werden „müssen“ und jede Kritik so brüsk abgebügelt wird, was soll mensch sich da Gutes von erwarten?

Meine Sorge geht dahin, dass die Welt sich einen Weltbürgerkrieg liefern wird. Jeder wird hoffen, dabei die neue Schweiz zu sein. „Krieg ist zuerst die Hoffnung, daß es einem besser gehen wird, hierauf die Erwartung, daß es dem anderen schlechter gehen wird, dann die Genugtuung, daß es dem anderen auch nicht besser geht, und hernach die Überraschung, daß es beiden schlechter geht.“ Wer hat das geschrieben, war es Karl Kraus, vor etwa 100 Jahren? „When will they ever learn?“

Liebe Ewa, ich wünsche dir, dass dieser Sommer dir auch die Möglichkeit zu einer sorgenfreien Auszeit geben wird, damit die Kraft, die wir für die Alltäglichkeiten des Lebens brauchen, wieder aufgefrischt werden kann. Hoffentlich hat dich mein Traktat nicht ermüdet, es zeigt wohl vor allem meine Verwirrung. Und wenn du es nützlich findest, darfst du es gerne im Blog verarbeiten.

Herzliche Grüße

Christine

Und hier der oben angesagte Text: 20160715_taz_wir sind der brexit