Frauenblick – Warschau 1

Monika Wrzosek-Müller

Tu zaszła zmiana – Hier ist eine Veränderung eingetreten

Es hat mich wieder anderswohin verschlagen; zugegeben, es ist meine Heimatstadt Warschau, doch nicht das Viertel, in dem ich früher gewohnt habe. Auch sonst erkenne ich meine Stadt kaum wieder, natürlich gibt es noch den Kulturpalast und die Altstadt und die Wohnblocks und die Busse und Straßenbahnen, doch scheint mir alles sauberer, funktioneller, schneller, moderner. Es gibt viele Elektro-Busse, die ganz leise auf der Straße summen, und die Straßenbahnen sind ganz modern; um den Kulturpalast ist eine Skyline entstanden, die sehr schön mit ihm harmoniert. Lange Jahre war ich in Warschau immer nur mit tausenden von Erledigungen, Telefonaten, Terminen und Treffen beschäftigt, immer gezwungen, in kürzester Zeit ein Maximum an Problem zu lösen, so dass ich das das normale Leben rundherum und die Veränderungen kaum wahrnahm. Natürlich ist die äußere Schicht jetzt menschenfreundlicher, viele alte Gebäude restauriert oder wenigstens neu verputzt, angestrichen; sie sehen frisch, hell und angenehm aus. Die Trottoirs sind begradigt, die Löcher verschwunden, überall stehen Müllkörbe, manche Bushaltestellen sind zum Verlieben, mit schönen hölzernen Bänken und Glashäuschen, und die Busse fahren pünktlich.

Und doch frage ich mich komischerweise immer wieder: ist das jetzt besser, sind die Leute glücklicher, entspannter, freundlicher? Leider fällt die Antwort nicht oft positiv aus, es gibt riesige Unterschiede zwischen den Klassen oder gesellschaftlichen Schichten; das ist überall sichtbar. Und so wird die Wirklichkeit auch ganz verschieden wahrgenommen; an Übertreibungen in beiden Richtungen fehlt es nicht. Und leider verschwindet, die von mir so geliebte Spontanität in den zwischenmenschlichen Beziehungen; man trifft sich viel weniger, vieles ist sehr formell geworden. Bei meiner Yogagruppe reden die jungen Leute überhaupt nicht miteinander, sie sind todernst mit ihren perfekt ausgeführten Asanas beschäftigt. Auf meine Frage, wo hier die Matten seien, gab es keine Antwort, keine einzige, obwohl in der Garderobe sechs junge Frauen saßen und keine von ihnen ein Neuzugang war.

Jetzt versuche ich doch über eine sehr positive und sichtbare Veränderung zu berichten, die mich besonders gefreut hat und neue Ausblicke auf das Warschauer Panorama bietet. Ich meine die Ufergebiete an der Weichsel, sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite. Eine Stadt, die am Fluss gebaut wurde, ist anders; es gibt immer das eine und das andere Ufer, es braucht Brücken, auch wenn man diese Tatsache manchmal fast vergisst, bildet so ein Fluss ein ständig präsentes Element der Stadtlandschaft. Früher, viel früher war der Fluss eine natürliche Barriere, die vor Feinden schützte, der Fluss diente als Transportweg und wunderbare Wasserquelle. Nach der Industrialisierung und vor allem mit dem Erscheinen von Autos als Transportmittel bewegte sich die Bebauung oft vom Flussufer weg. So war das auch in Warschau, obwohl immer wieder versucht wurde, die Weichsel für den Wassersport zu nutzen – es gab sogar eine Weichselflotte – wurden die Ufer vernachlässigt. Niemand wäre in meinen jungen Jahren auf die Idee gekommen, an der Weichsel spazieren zu gehen, schon gar nicht auf dem rechten Weichselufer, das völlig von Gestrüpp überwachsen war, morastig, gefährlich und verschmutzt und auch wirklich unzugänglich. Dann kam die Veränderung; Schon um 2000 entstanden am linken Ufer so prominente Bauten wie das Wissenschaftszentrum Kopernikus, die Universitätsbibliothek, das Museum für Moderne Kunst an der Weichsel, schon von weitem sichtbar. Dazu kam der Ausbau des Fahrrad- und Spazierwegs mit vielen Cafés und Restaurants. Plötzlich war das Ufer sichtbar und die Leute flanierten hier, im Sommer verlagert sich das Nachtleben mit den vielen Bars, Clubs und Events ans Ufer. Später kam dann die Zeit für die rechte Seite: das Nationalstadion wurde erneuert, fast neu gebaut, auch da passierte vieles, doch zum Glück nicht zu viel.

Die Weichsel ist im Stadtgebiet von Warschau 28 km lang, ein ganzes Stück; sie ist wenig reguliert und asymmetrisch, d.h. auf der rechten Seite ganz flach, auf der linken erhöht. Immer schaute man auf das rechte Ufer von oben herab, da gab es die schlechteren Wohnviertel, es war nicht das Zentrum, allenfalls für die Industrie. Doch siehe da, nach 2017, dem „Jahr der Weichsel“, hat sich vieles verändert. Es wurden mehrere großartige Strände am rechten Weichselufer angelegt, mit richtig schönem Sand, im Sommer kursiert auch eine kostenlose Fähre, die beide Uferseiten verbindet. Der naturbelassene Weg nah am Wasser ist inzwischen fast ganze 28 Km lang, hauptsächlich rasen darauf Radfahrer, aber man kann doch auch spazieren gehen. Es gibt Sportklubs mit Rudervereinen und Tennisplätzen, doch alles sehr zurückgezogen; Hauptsache bleibt die Natur mit den vielen Weiden, den Pappeln und den Wiesen, ein riesiges Gebiet mit vielen Vögeln, Bibern und anderen Tierarten. Die letzte Renovierung der Lazienki-Trasse brachte auch wunderbare Fußgänger- und Radfahrbrücken auf beiden Seiten der Trasse, von denen man wirklich atemberaubende Ausblicke auf Warschaus Skyline hat. Langsam entstehen auch in unmittelbarer Nähe neue Apartmenthäuser, die Gegend wird aufgewertet. Über diese Veränderung freue ich mich mächtig und empfehle jedem, der nach Warschau fährt, sich für diesen Weg Zeit zu nehmen.

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