Papstjahr 2020

Nina Marzahn

Wie mir in Polen der Papst begegnete

Immer wenn ich im Fernsehen den Papst sah, musste ich an Polen denken. Dabei war er doch schon lange in Rom und nur noch ganz selten in Polen. Seit Beginn seiner Amtszeit war ich bestimmt häufiger in Polen als er. Jedesmal wenn ich da war, war er nicht da – und doch da.

Schon bei meiner ersten Polenfahrt tauchte er auf – als Überraschungsgast. Im Sommer 1979 reiste ich mit Eltern und Geschwistern ein in die damalige Volksrepublik Polen, für stolze 30 DM Zwangsumtausch pro Person und Tag, um die frühere Heimat meines Vaters kennen zu lernen. Der hatte längst in Niedersachsen neue Wurzeln geschlagen, trotzdem war diese Unternehmung aufregend für ihn – auch für uns Kinder, die das Land nur von wenigen verblichenen Schwarzweißfotos her kannten.

Hinter Szczecin fuhren wir mit maximal fünfzig Stundenkilometern über holperige Vorkriegslandstraßen durch ein idyllisches Pomorze, das frühere Pommern, in Richtung Osten, bestaunten unterwegs die vielen Seen oder versuchten die Störche auf den Wiesen zu zählen. Überall schien die Zeit stehen geblieben, auch im verträumten Heimatdorf meines Vaters: Panjewagen als einzige Fortbewegungsmittel, Pferde statt Traktoren, an den ohnehin schlichten einstöckigen Bauernhäusern seit Ewigkeiten nichts gemacht, Pumpe und Klohäuschen auf dem Hof. Sogar die kleine Düne, auf der mein Vater als Kind herumgetobt hatte, existierte noch und war nicht gewandert. Und auf einmal kam Farbe in die verblichenen Schwarzweißfotos und die Personen darin begannen sich zu bewegen wie in einem alten Film.

Wirklich mitspielen in einem solchen Film konnten wir kurz darauf in einem Dorf vor den Toren Danzigs, in Kaszuby, der Kaschubei, wo die alte Bäurin Maria Trzebiatowska uns zwei Zimmer vermietete: Morgens im kleinen Haussee baden, zum Frühstück warme Milch serviert bekommen, vergessene Apfelsorten von knorpeligen Obstbäumen pflücken, plaudern auf einer wackeligen Gartenbank bis zum Sonnenuntergang. Alle Wände im Haus gekalkt in verwaschenem Weiß, in kühlen Schlafkammern dicke Federbetten und riesige Kopfkissen zum Drin-Versinken, das „Latrinchen”, also Klohäuschen, auf dem nachts natürlich unbeleuchteten Hof inmitten aller dort zusammengetriebenen Tiere.

Nur ein Zimmer war tapeziert, die so genannte gute Stube. Stolz stand die kleine alte Frau in ihrer Kittelschürze dort vor einem funkelnagelneuen Bild an der Wand. “Das is äin grrosses Glick fier Pollen”, sagte sie und zeigte auf einen kernigen Karol Wojtyła, der gerade in Rom zum Papst gewählt worden war und deshalb als Johannes Paul der Zweite mit schicker Mitra auf dem Kopf selbstbewusst zu uns herunter schaute. „Ja, da haben Sie recht“, murmelten wir höflich, nicht ahnend, was wir da überhaupt sagten. Wir waren nicht katholisch, nur ein bisschen evangelisch, und eigentlich war dieser neue Heilige Vater nicht vorgesehen in unserem Heimatfilm. Das scherte den aber gar nicht, jeden Morgen leistete er uns Gesellschaft in der guten Stube, schaute uns beim Frühstücken zu und erreichte dadurch, dass wir immer wieder zu ihm hinschielten und über ihn redeten. Wer weiß, vielleicht habe ich es ja seinem auffordenden Blick zu verdanken, dass ich mir nachts mutig meinen Weg zum Latrinchen bahnte, es toll fand, mit einem bisschen „proszę“ und „dziekuję“ – bitte und danke aus Langenscheidts Reise-Sprachführer – im kleinen Dorfkonsum einzukaufen, mich an das einfache Landleben unter frommen Katholiken gewöhnte und schließlich gar nicht mehr weg wollte. Klar, dass wir unsere Vemieterin mit „Pani” Trzebiatowska anredeten und nicht mit „Frau”, insgeheim nannten wir sie aber liebevoll „Tschebbie“, auch später noch, denn solange sie lebte, machten wir auf unseren Polenreisen immer wieder Station bei ihr. Nach diesem ersten Besuch bei der guten Pani empfanden wir unseren anschließenden Aufenthalt im noch vom polnischen Sozialismus geprägten Danzig als herben Kontrast. Das Interhotel und die Westtouristen waren fest in der Hand des staatlichen Reisebüros Orbis, die Straßen in der Hand von polnischen Herren, die einem in aller Öffentlichkeit traumhafte Schwarztauschkurse für D-Mark in Zloty aufdrängten. Da freuten wir uns richtig, wenn wir mal einen Bekannten entdeckten: Johannes Paul, dessen Portrait in den Gebäuden seines Einflussbereichs hing, den großen alten Backsteinkirchen.

Im Sommer 1981 stellte ich Pani Trzebiatowska meinen neuen Freund Fred vor. Zusammen waren wir in unserem R4 von West-Berlin aus losgefahren, wo ich inzwischen lebte, und stellten – nach nervigen Zwischenstopps auf überfüllten Campingplätzen – unser Zelt auf ihrer idyllischen Streuobstwiese auf. Die hatten wir ganz für uns allein und vergaßen sofort alles um uns herum. Erst nachdem wir in der Wohnstube bei Kaffee und Kuchen dem Papst unsere Aufwartung gemacht hatten, begannen wir wieder wahrzunehmen, was sonst noch los war im Land. Der Heilige Vater hatte mittlerweile ziemlich viele Missionare beschäftigt, die am „Glick fier Pollen” bastelten. Einen kannten wir schon aus der Tagesschau, denn er war ein richtig berühmter Laienbruder, der zwar keine Kutte trug, dafur aber stets das Bildchen einer gewissen „Schwarzen Madonna” am Revers, und der Lech Wałęsa hieß. Ziemlich viele Leute hörten auf ihn, den Streikführer von der Danziger Leninwerft, weil er für eine gerechte Sache kampfte, und eigentlich mochte ich solche Kämpfer für die Gerechtigkeit bedingungslos, trotzdem war ich bei seinem Anblick immer wieder stutzig geworden. „Was hat ne Madonna mit nem Streik zu tun?“ fragte ich Fred, aber auch er war irritiert und wusste es nicht, denn von unseren West-Berliner Demos waren wir andere Streiksymbole gewohnt.

Die Antwort bekamen wir, als wir Tschebbie an einem Sonntag zur Messe fuhren. Gespannt schaukelten wir die alte Frau mit unserem R4 über etliche Schlaglöcher ins nächste Kirchdorf, blieben selber dann aber vor der Kirche stehen, die von den Ankommenden regelrecht gestürmt wurde. Auch draußen gab es viel zu sehen für uns, z.B. die ein bis zwei Trecker-Besitzer pro Dorf, die es sich nicht nehmen ließen, mit der ganzen Familie im Sonntagsstaat auf ihren frisch geputzten Treckern vorzufahren. Die Armen kamen in Panjewagen. Alles in allem stand da ein überraschend riesiger, bunt gewürfelter Fuhrpark um die kleine, brechend volle Dorfkirche herum, wahrend von deren Kanzel gerade die neue politisch-religiöse Botschaft für die kommende Woche verkündet wurde. Die Faszination des neuen Bewusstseins war hier, und fast überall auf dem Lande, ganz direkt zu spüren. Nur im hintersten Masuren, an der russischen Grenze, wohin es uns einmal verschlug, wirkten die Leute auf uns eher wie Wilderer und Fallensteller und soeben den Masurischen Geschichten von Siegfried Lenz entsprungen – und als ob es ihnen völlig egal war, wer gerade Polens Geschicke lenkte, die katholische Kirche oder die kommunistische Partei.

Um 1990, zur Wendezeit, waren Fred und ich in Gdańsk bei polnischen Kurzzeit-Freunden zu Besuch. Wer sicher gehen wollte, stellte damals sein Auto auf einem bewachten Parkplatz ab, das machten sogar die Polen so. Dieses Problem hatten wir nicht, denn instinktiv hatten wir unseren neuen Golf zu Hause gelassen. Vom Bahnhof Berlin-Lichtenberg aus waren wir mit dem Zug nach Gdańsk gefahren, zusammen mit unzähligen autolosen, schwer bepackten Polen, die im Westen für den privaten Verbrauch oder für einen sehr privaten Handel eingekauft hatten, zum Beispiel ganze Paletten River-Cola von Aldi. Auch Marian und Izabela, ein junges Pärchen, das in Berlin studierte, hatten einige Waren mitgenommen – und uns, weil wir ihrer Mutter und Schwiegermutter Jadwiga durch Zufall eıne gut bezahlte Putzstelle in West-Berlin vermittelt hatten. Von den dabei verdienten Devisen konnte sie sich nun ihre Wohnung in einer Gdansker Platte kaufen, und so etwas war neu in Polen. Viele ihrer Freundinnen machten es bekanntlich wie sie, ließen zu Hause ihren Job sausen, um im Westen D-Mark zu erwirtschaften. Bei Jadwiga ging den ganzen Tag Telefon, dem Tonfall nach führte sie sehr ernste Gespräche und notierte dabei etwas in einem Rechenheft. „Jetzt spricht sie über Wurst“, übersetzte Marian, oder: „Jetzt vermittelt sie Konserven mit Kochschinken“. Aha.

Einmal lud sie uns in ein neureich eingerichtetes „Restauracja“ ein. Die Kellner bewegten sich majestätisch in roten, silbrig betressten Zirkusdirektor-Jacketts und servierten mit weißen Handschuhen. Meine Cola wurde mir wie ein Pokal auf einem glänzenden Tablettchen gereicht. Mit einem eleganten Zipp zog unser weißer Handschuh die Dose auf und goss mir die Cola in ein Weinglas. So vornehm habe ich nie wieder eine Rıver-Cola von Aldi getrunken.

Jadwigas Plattenbauwohnung war nach westIichem Standard eingerichtet und Jadwiga selbst, eine wendige, umtriebige Frau, war nach westlichem Standard gekleidet. Unterwegs in den öffentlichen Verkehrsmitteln und auf den Straßen sahen wir oft ganz andere Leute, Männer in abgewetzten Anzügen und mit wodkatrübem Blick, Frauen in ärmlichen Pullis und Röcken, in der Hand den unvermeidlichen Einkaufsbeutel mit verblasstem Muster. Diese nicht wenigen, offensichtlich verarmten Menschen ohne Putzstellen und Schwarzmarkwerbindungen passten nicht ins Bild der schönen Stadt, nicht ins Bild vom „Glick fier Pollen”. „Hier ist was faul, Johannes Paul“, blaffte ich sein Portrait an, das im Schaukasten der Marienkirche in der Altstadt hing.

Immer wieder begegneten wir in Polen dem Heiligen Vater auf die eine oder andere Art. Schließlich begleitete er mich und meine Mutter im Sommer 1999 in Wrocław, dem früheren Breslau, als wir dort ein paar Tage Urlaub machten. Wir trafen auf eine junge und lebendige polnische Stadt, in die wir sofort bereitwillig eintauchten. Kaum hatten wir unser Gepäck im Hotel Monopol abgestellt, zog es uns wieder hinaus zu einem Bummel durch die quirrelige Innenstadt. „Fast wie früher”, sagte meine Mutter, die hier bis 1944 ihre Jugend verbracht hatte, und ließ lächelnd ihre Augen kreisen. Neugierig guckten wir in die Schaufenster der gutbestückten Schuh- und Modegeschäfte. Vor allem bewunderten wir die frisch restaurierten Häuserzeilen der Altstadt. „Extra für dich”, neckte ich meine Mutter. Gleich am ersten Abend versackten wir fast in einem der vielen Straßenrestaurants, die rund ums „Ratusz” und den „Rynek“ – das Rathaus und den großen Platz mit den schönen Patrizierhäusern – die Szene bestimmen. Wäre nicht das polnische Stimmengezwitscher um uns herum gewesen, ich hätte gemeint, in einer wohlhabenden Bürgerstadt irgendwo in Westeuropa zu sein.

An einem sonnigen Nachmittag bummelten wir über eine Oderbrücke hinüber zur berühmten Dominsel, wo uns ein malerisches, hervorragend restauriertes Ensemble von Kirchen und Funktionsgebäuden des Klerus erwartete und – wen wunderts noch – Seine Heiligkeit Johannes Paul der Zweite: Beinahe aus jedem Fenster eines Kirchenbüros oder Gemeindesaals schaute er uns an und nach, egal, um welche Ecke wir auch bogen. Auf dem Rückweg durch die Stadt nahmen wir nun auch an etlichen Fenstern von Privatwohnungen Fotos mit einem lächelnden Papst wahr, kleine Bildpostkarten, die wir bisher übersehen hatten.

Johannes Paul hatte Wrocław besucht. Das wusste außer uns hier jeder, natürlich auch der Kellner unseres Lieblingslokals am Rynek. Und die Altstadt hatten die Breslauer extra für den Papst so schön restauriert. „Also doch nicht für mich“, spielte meine Mutter die Enttäuschte und bestellte uns darauf noch zwei Wodka. Und dann fiel uns die gute Tschebbie wieder ein, die schon lange in Polens Norden unter der Erde lag und vielleicht von ihrem Heiligen Vater und dem „Glick fier Pollen” träumte. Ob sie wohl einverstanden gewesern wäre mit allem?

Am letzten Morgen blickte mich der Papst noch einmal an – und da beschloss ich, ihn mitzunehmen. Kurz vor der Abreise wollten wir im ehemaligen Kaufhaus Wertheim noch unsere übrig gebliebenen Zlotys unterbringen. Da mein Notzheft voll war mit Reiseerlebnissen, suchte ich ein neues in der Papierwarenabteilung und konnte mich dort nicht losreißen von einem Heft mit einem buntem Maria-und-Jesus-Bild und der Aufschrit „Religia”. So etwas hatte ich in einem deutschen Kaufhaus noch nie gesehen. Fasziniert schlug ich das oberste Heft des Stapels auf: Von der Innenseite des Heftdeckels schaute mich mit missionarischem Blick Johannes Paul der Zweite an. Und er hielt offenbar Rechenkästchen für die angemessene Religionsheft-Linierung. Zur Aufrechnung von guten und bösen Taten? Für meine schriftstellerischen Nofizen war dieses Heft weniger geeignet, aber eins war mir klar, es musste mit nach Deutschland, für einen ganzen Zloty.

Lange schob ich zu Hause das merkwürdige Heft vor einem Fach ins andere, bis ich am 1. Januar 2002 plötzlich eine Erleuchtung hatte. Von diesem Datum an, dem Euro-Stichtag, wurde es unser Haushaltsbuch. Ich fühlte mich unsicher der unbekanten Währung gegenüber, wollte erstmals in meinem Leben ehrlich alle Ausgaben noteren und fand dazu in diesem Heft nicht nur Reschenkästchen, sondern auch seelsorgerlichen Beistand – sozusagen. So kam es, dass Johannes Paul, der polnische Papst, kritisch über jede Flasche Wein und überhaupt über jeden unnötig ausgegebenen Euro in unserem Haushalt wachte und sich schon einmischte, obwohl Polen damals noch gar nicht zur EU gehörte. So war er eben.

2005, nach dem Tod des polnischen Papstes geschrieben

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