Zerschnittenes Leben

Michael G. Müller

„Zerschnittenes Leben“ (Życie przecięte) – so der Titel eines 2008 in Warschau erschienenen Buchs von Joanna Wiszniewicz, einer Sammlung von Interviews mit jüdischen Menschen in Polen, deren Leben vierzig Jahre zuvor, durch die antisemitische Kampagne des Gomulka-Regimes von 1968 radikal verändert worden war. Buchstäblich über Nacht verloren viele polnische Jüdinnen und Juden ihre Arbeit oder ihren Studienplatz, ihr soziales Umfeld; viele wurden zur Emigration gezwungen oder kamen der Marginalisierung durch freiwillige Auswanderung zuvor. Für viele ein ebenso unvorhersehbarer wie radikaler und nicht zu kittender Bruch der eigenen Biographie – zerschnittenes Leben.

Continue reading “Zerschnittenes Leben”

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Meine Ukrainerin

In der Ukraine naht der dritte Kriegswinter. Was das für die Menschen dort bedeutet, erfahren wir gelegentlich aus den guten Reportagen von Korrespondenten vor Ort, bei der ARD von Vassili Golod und beim ZDF von Katrin Eigendorf. Wirklich vorstellen können wir uns nicht, was es bedeutet, jeden Tag ums Überleben zu kämpfen. Immer wieder von Drohnen- und Raketenangriffen bedroht zu sein und bei jedem Luftalarm Stunden im Bunker, in U-Bahnstationen oder Kellern verbringen zu müssen, immer wieder aufs Neue zu fürchten, dass die nächste Rakete auch auf das eigene Haus treffen könnte. Dazu die Engpässe bei der Stromversorgung, bei Lebensmitteln, Medikamenten und vieles andere mehr…Vielleicht am ehesten können das die Palästinenser oder im Moment auch die Spanier aus der Region Valencia nachvollziehen. Dass wir im Westen doch so wenig Empathie aufbringen, wundert mich sehr, dass wir die Ukraine immer noch so halbherzig unterstützen, mit zwei Schritten nach vorn und drei zurück. Dass auf den Friedensplan von Zelensky so nüchtern reagiert und der Ukraine keine Hoffnung auf den Beitritt zur NATO gegeben wurde, empfinde ich als beschämend, und dass gerade Deutschland es gestoppt hat, treibt mir die Röte ins Gesicht.

Continue reading “Frauenblick”

Frauenblick im Regen

Monika Wrzosek-Müller

Der Traum und die Wirklichkeit

Das allem sichere Kriterium zur Unterscheidung des Traumes und der Wirklichkeit ist … das ganz empirische des Erwachens, durch welches der Kausalzusammenhang zwischen den geträumten Begebenheiten des wachen Lebens fühlbar abgebrochen wird.
Arthur Schopenhauer

In der Nacht von Montag auf Dienstag letzter Woche kam der Traum, oder besser der Albtraum: eine riesige Tsunamiwelle raste, dunkel, meterhoch auf mich zu. Ich wusste, dass es keinen Ausweg, keine Rettung gibt; der Weg zu dem Kloster oben war durch einen Stau blockiert, zu weit entfernt, auch war die Welle schon zu nah, doch diese Gedanken hatte ich noch im Kopf. Ich wusste, gleich ist die Welle über mir, gleich werde ich unter den Wassermassen verschwinden, werde nicht mehr existieren. Alles rundherum wird schwer, unheimlich, schwer, unüberwindbar… doch ich spürte eigentlich eher Entspannung… In dem Moment wachte ich auf, draußen regnete es stark; ich war verschwitzt, erschrocken und orientierungslos. Im Zimmer war es ziemlich dunkel, immer wenn ich die Augen wieder zu schließen versuchte, kam der Traum, die Welle, mit einer Wucht und Stärke zurück, vor der ich Angst bekam. Also machte ich das Licht an, setzte mich im Bett auf und trank ein Schluck Wasser. Draußen dämmerte es, der Regen fiel gleichmäßig, aber doch nicht allzu stark. Gut, dachte ich, die Natur hat´s nötig, obwohl es eigentlich in der letzten Zeit immer wieder geregnet hat. Den ganzen Dienstag regnete es gleichmäßig, so dass man kaum rauskam. Wir packten unsere Sachen, räumten alles in den Urzustand zurück, putzten die Küche, das Bad und wollten doch noch einmal unsere Bar in Orbetello besuchen, auch den letzten Müll wegbringen. Wir warteten auf eine kleine Regenpause, die kam aber nicht…

Continue reading “Frauenblick im Regen”

Solidarität – Protest – Revolution: Literatur & Solidarität

Diskussion, Lesung, Zeitzeugengespräch, 35 Jahre Mauerfall

Lesung mit Ewa Maria Slaska und Utz Rachowski

Montag, 28.10.2024, 18:30 – 21:00

Im Gespräch mit Doris Liebermann tauschen sich die Schriftstellerin Ewa Maria Slaska und der Schriftsteller Utz Rachowski über ihr Leben, das Schreiben im Exil und die Literatur als Zufluchtsort aus.

Continue reading “Solidarität – Protest – Revolution: Literatur & Solidarität”

Frauenblick auf ein schönes Buch

Monika Wrzosek-Müller

Arno Geiger, Reise nach Laredo

Es gibt Schriftsteller, oder eher Bücher, bei denen ich total überrascht bin, woher wohl die Einfälle kommen. Ich selbst klebe leider an der Wirklichkeit, sehe alles um mich herum, reflektiere zwar, kann mich aber nicht davon lösen, eine Vision daraus entwickeln, eine phantastische Idee, eine große Frage. Wahrscheinlich deswegen hat mich Arno Geigers letzter Roman Reise nach Laredo so begeistert. Es ist ein Meisterstück in jeder Hinsicht; seine Sprache fesselt mich fast genauso wie diese imaginierte und doch bis zum Ende ausgedachte Geschichte. Ein ungewöhnliches Buch.

Continue reading “Frauenblick auf ein schönes Buch”

Ritter und Fischer

Ela und Don Quijote (1128)

Ela Kargol gab mir vor ein paar Tagen eine spanische 2-Euro Münze mit Don Quijote. Ich habe gedacht, dass es etwas Neues ist, weil ich es nie gesehen habe, aber von wegen. Es ist eine 2-Euro-Gedenkmünze herausgegeben vor fast 20 Jahren! Sie wurde am 30. Juni 2005 im Umlauf gebracht, zum 400. Jahrestag der ersten Ausgabe Miguel de Cervantes’ Don Quixote. Auflage (der Münze) 8 Millionen.

Continue reading “Ritter und Fischer”

My trzy w Polskiej Kafejce Językowej

Dziś, czyli wyjątkowo w drugi a nie w trzeci piątek miesiąca

Ewa Maria Slaska, Ela Kargol, Krystyna Koziewicz

Wojna. Kobiety. Utopia.

Co dzieje się po wojnie? Tak wiemy, po wojnie jest pokój, żyjemy, jesteśmy szczęśliwi. Ale jak pomyślimy głębiej, intensywniej, to pamięć podsuwa nam też inne obrazy. Ruiny, gruzy, zrujnowane kamienice, wyrwane szyny, przewrócone ciężarówki. Wychudzeni ludzie, kobiety w chustkach na głowie. Ale też kwiaty na ruinach.  Porozmawiamy o czasach po wojnie, Nie tylko po tej ostatniej, najlepiej nam znanej, z opowieści rodzinnych, filmów, książek, seriali, ale po każdej wojnie. O usuwaniu zniszczeń, budowaniu nowego życia. O utopii, która (być może) w dzisiejszych czasach powstaje dzięki kobietom. O Oldze Tokarczuk i jej heterotopii.

Continue reading “My trzy w Polskiej Kafejce Językowej”

Frauenblick auf ein berühmtes Buch

Monika Wrzosek-Müller

Um Salingers Roman Der Fänger im Roggen

Ich mag es, wenn die Themen zu mir kommen, mich sozusagen anspringen oder noch konkreter, wenn ich mit ihnen aufwache. So war das auch im Falle des Romans Der Fänger im Roggen von D.J. Salinger. Ewa hat den Roman Buszujacy w zbozu in einem Eintrag vom 18.07. für eine neue Lektüre empfohlen; zwar gefiel mir das Interview mit der polnischen Übersetzerin des Textes, Magdalena Słysz, nicht besonders, weil sie so bedrängt wurde in Richtung einer Interpretation, mit Fragen, die immer in eine Richtung gingen, die mir auch eher weit entfernt vom Text des Romans schienen; ich fand, die Übersetzerin schlug sich sehr wacker und versuchte den Fangfragen des Interviewers zu entkommen, sich nicht festzulegen. Auf jeden Fall aber weckte alles mein großes Interesse und ich habe das Buch bestellt (ist gar nicht so einfach, es zu bekommen) und gelesen.

Continue reading “Frauenblick auf ein berühmtes Buch”

Frauenblick auf die Diven

Monika Wrzosek-Müller

Die neunzigjährigen Kinostars feiern ihren Geburtstag: Sofia Loren und Brigitte Bardot

Die beiden großen Diven des Films, des europäischen Films, werden im September 2024 neunzig.
Sofia Loren, eigentlich Sofia, Costanza, Brigida Villani Scicolone feierte gerade am Freitag und Brigitte, Anne Marie Bardot am 28. September. Beide haben unsere Zeit durch ihre unvergesslichen Filmrolle geprägt, könnten aber nicht verschiedener sein.

Continue reading “Frauenblick auf die Diven”