Frauenblick: Prag 5

Monika Wrzosek-Müller

Der Golem aus Prag – Geschichte eines großen Helfers

Seit Wochen sind wir nun in unserer Abgeschiedenheit gefangen, verbarrikadieren uns in häuslicher Quarantäne und hoffen heil aus dem Schlamassel rauszukommen. Jeder improvisiert sein Leben und stellt bisherige Gewohnheiten auf den Kopf. Für viele wird das Lesen und Tagträumen zum Ausweg aus der Monotonie und manchmal auch aus der Langeweile der Einsamkeit.
Ich sitze alleine in Prag, ausgerechnet in einer Stadt, die im Massentourismus fast unterzugehen drohte, in der uns tausende Museen, Ausstellungen, Kirchen, Paläste mit ihren Interieurs lockten, jetzt steht man vor geschlossenen Türen überall; ich betrachte die leere Karlsbrücke und andere Plätze, die noch vor ein paar Wochen voller Menschen waren, die Leere ist bezaubernd und zugleich beängstigend. Ich denke, was für ein Wahnsinn, wie schnell ändert sich alles, was werden wir daraus lernen, wie physisch und vor allem psychisch heil da herauskommen?
Ich lasse meine Gedanken schweifen und da geht mir Herbert Grönemeyers Lied „Siebter Sinn“ durch den Kopf, in dem vom Prinzip Hoffnung die Rede ist. Daraufhin mache ich mich auf die Suche, woher dieser Begriff wohl käme, und ich erinnere mich daran, dass ich ein Buch mit diesem Titel bei uns im Regal habe stehen sehen, nämlich das Werk des deutschen Philosophen Ernst Bloch. Er schrieb es im amerikanischen Exil, zwischen 1938 und 1947, und er muss dort wohl viele dunkle und hoffnungslose Tage durchlebt haben. Doch das Buch, vor allem die Kapitelüberschriften von „ Das Prinzip Hoffnung“, scheinen mir wie geschaffen für unsere Tage hier in den Zeiten der Coronavirus-Pandemie. Kapitel eins: „Kleine Tagträume“; Kapitel zwei hat einige Unterkapitel, die sehr gut passen: „Die Kategorie Möglichkeit“ oder „Das Dunkel des gelebten Augenblicks“; Kapitel drei: „Wunschbilder im Spiegel“, Kapitel vier: „Grundrisse einer besseren Welt“ und das fünfte und letzte Kapitel: „Wunschbilder des erfüllten Augenblicks“. Hoffen wir alle, der erfüllte Augenblick kommt bald und einige Maßnahmen werden aufgehoben, weil die Zahlen der Infizierten, der Kranken und der Toten zurückgehen werden. Ich habe das Buch mehrmals in der Hand gehabt, doch leider gelesen habe ich es nicht. Aus den Besprechungen entnehme ich einige Fetzen und Leitgedanken, was für ihn das Prinzip Hoffnung hätte sein können. Zunächst mal ist die Hoffnung für Bloch eine „konkrete Utopie“. Aus Wünschen, Tagträumen und Wunschbildern der Menschen entstehen reale Möglichkeiten, an denen alle arbeiten sollen. Sein Hauptprinzip der Hoffnung ist wohl die Erwartung, eine vollkommene Geborgenheit in einer Welt zu finden, in der man arbeitet, um zu leben und nicht lebt, um zu arbeiten, und so eine Welt begreift er dann als Heimat. Ich vermute stark, dass es ein Buch sein könnte, dem man sich jetzt widmen sollte.
Eigentlich wollte ich über etwas anderes aus Prag erzählen, und zwar über die Legende vom Golem; er wurde auch als Hoffnungsträger geboren oder aus Lehm geschaffen. Wir erschaffen uns immer wieder kleinere Hoffnungsschimmer, um mit verschiedenen Situationen fertig zu werden. So waren die Juden, die seit eh und je in den europäischen Städten in Ghettos lebten, mehr schlecht als recht, dazu verleitet, sich Techniken auszudenken, um mit schwierigen Situationen umzugehen. In diesen Zusammenhang gehört auch die sehr alte Geschichte von Golem; sie tauchte schon im Mittelalter auf, doch die bekannteste Erzählung über die Erschaffung eines unförmigen, kräftigen und übergroßen Ungeheuers mit menschlichen Zügen aus Lehm stammt aus dem Prag des 16. Jahrhunderts. Der Hof Kaiser Rudolfs II. war von Alchemisten und Gelehrten verschiedenster Couleur bevölkert. Der Kaiser zögerte auch nicht, Rabbiner nach ihrer Meinung zu fragen und mit ihnen zu disputieren. Die Prager jüdische Gemeinde war zu dieser Zeit eine der größten in Europa; ihr Rabbiner Judah Löw, den es wirklich gegeben hat und der ein Philosoph, Talmudist und Kabbalist war, kümmerte sich um seine Gemeinde und wollte sie gegen Beschuldigungen des Ritualmordes an christlichen Kindern schützen.
Woher kommt das Wort Golem? in der hebräischen Sprache bedeutet es: Puppe oder Larve, aber auch alles Formlose, Unfertige; im heutigen Ivrit wird es für dumm, hilflos, naiv benutzt.
Bevor ich die Legende vom Golem nach Isaac Bashevic Singer erzähle, hier kurzer Überblick über die vielen literarischen Bearbeitungen des Themas. In der deutschen Romantik befassten sich mit dem Mythos Golem E.T.A. Hoffmann, Theodor Storm und Anette von Droste-Hülshoff. Wohl das bekannteste Buch über den Golem war der 1915 erschienene Roman von Gustav Meyrink; er gilt als Klassiker und Paradebeispiel der phantastischen Literatur. Sogar unser polnischer Science-Fiction Schriftsteller Stanislaw Lem schrieb 1981 einen Roman: Golem XIV. Die Symbolik vom Golem wurde auch in vielen Theaterstücken benutzt; das Drama von Karel Capek R.U.R ist in Anlehnung an den Mythos von der Erschaffung des Golem geschrieben. Selbst das im Stück benutzte Wort Roboter kann man darauf zurückführen. Diesen Faden könnte man noch weiter spinnen; die Erfindung der künstlichen Intelligenz nebst Robotern, die Beschäftigung mit Computern und Zahlenkombinationen beim Programmieren haben vielleicht ein und dieselbe Quelle. Auch die sehr beliebte Jugendautorin Miriam Pressler befasste sich mit dem Thema in ihrem Roman: Golem stiller Bruder.
Zurück zur Legende vom Golem, der aus dem Prag des goldenen Zeitalters, die von Singer 1982 aufgeschrieben wurde. Er widmete „dieses Buch den Verfolgten und Unterdrückten überall in der Welt, den Alten und Jungen, den Juden und Nichtjuden – in der Hoffnung wider alle Hoffnung, dass die Zeit der falschen Beschuldigungen und böswilligen Erlasse eines Tages enden wird.“
Die Legende spielt also in den Zeiten von Rabbi Löw in Prag. Ein wohlgeborener Edelmann namens Bratislawski ist durch Spielschulden in größte Geldnot geraten und versucht einen Ausweg aus dem totalen Bankrott zu finden. Er bedrängt den Bankier Reb Eliezer Polner im Ghetto, ihm Geld zu geben. Als dieser Versuch scheitert, denkt sich der Graf einen teuflischen Racheplan aus. Er lässt den Juden festnehmen und beschuldigt ihn, seine kleine Tochter Hanka entführt und vielleicht umgebracht zu haben. Es folgt ein Gerichtsprozess und der Jude verliert, weil der Graf zwei Zeugen stellt. Der Graf behauptet, seine Tochter sei umgebracht worden, um auf diese Weise an ihre Aussteuer (sprich Geld) heranzukommen. Rabbi Löw sorgt sich um das Schicksal seiner Gemeinde und besonders um Reb Eliezer. So erschafft er, einer Eingebung folgend, aus Lehm den Golem und trägt ihm auf, das Kind zu finden und zum nächsten Prozesstag als Zeugen zu präsentieren. Als die ganze jüdische Gemeinde beschuldigt wird, dass sie, um Matzen zu backen, frisches Christenblut benutze und dafür die kleine Hanka umgebracht habe, erscheint der Golem mit dem Kind des Grafen auf dem Arm. Nun endet der Prozess mit der Verhaftung des Grafen und der falschen Zeugen und die jüdische Gemeinde kann in Ruhe das Passahfest feiern. Die Nachricht von dem Riesen verbreitet sich und der Kaiser lädt Rabbi Löw und den Golem auf den Hradschin vor; und beschwört den Rabbi, dass der Golem keinen Tag länger als nötig existieren dürfe. Doch hier kommt Rabbi Löws Frau Genendel ins Spiel, die dem Golem auftragen will, einen Felsblock an der Moldau zu verschieben und den Schatz, der dort angeblich vergraben sein soll, zu heben. Sie will das Geld an die Gemeinde verteilen. Nach langem Überreden ist der Rabbi einverstanden, doch der Golem weigert sich diesen Befehl auszuführen. Dem Rabbi wird bewusst, dass er langsam die Gewalt über dem Golem verliert und dass er immer menschlichere Züge annimmt. Zwar stellt er eine große Hilfe für die Gemeinde dar, zugleich aber auch eine Gefahr für die Stadt. Es passieren ihm immer wieder Missgeschicke; er läutet z.B. den ganzen Tag die Glocken oder zertrampelt die Marktstände auf der Suche nach Essbarem. Als sich der Golem in ein Mädchen namens Miriam verliebt, beschließt der Rabbi ihn zu beseitigen. Dazu kommt noch der Befehl, dass er in die kaiserliche Armee eingezogen werden soll. So überredet der Rabbi Miriam, den Golem zu überlisten und zum Schlafen zu bringen. Sie soll ihm viel Wein verabreichen und ihn betrunken machen. Währen dieser schläft, tilgt der Rabbi den heiligen Namen von der Stirn (entweder Schem oder Emeth) des Golems und verwandelt ihn wieder in einen Klumpen Lehm. Doch das Mädchen Miriam verschwindet; sie wird in Prag nie wieder gesehen.
Die Moral aus der Geschichte ist kompliziert und vielfältig, auf jeden Fall ist der Golem aber ein Symbol für Hoffnung in Zeiten großer Not. Sie lehrt uns aber auch, dass man nicht übertreiben und alles ausnutzen, sondern sich mit weniger zufrieden geben soll. Und auch wenn wir manchmal jetzt mit unseren Gesichtsmasken und Sonnenbrillen, wie die kleinen Golems aussehen, müssen wir das eben aushalten, um der Pandemie die Stirn zu bieten.

Frauenblick Prag 4

Moi drodzy Czytelnicy, Sąsiedzi Teresy Rudolf powrócą za tydzień.

Monika Wrzosek-Müller

Lagebericht aus einer belagerten Stadt

Der Titel des Gedichts von Zbigniew Herbert Raport z oblężonego miasta [Lagebericht aus einer belagerten Stadt] kam mir fast automatisch in den Sinn; Anfang der achtziger Jahre haben wir ihn überall gelesen, vor allem erinnere ich mich an den Umschlag der Hefte der Pariser „Kultura“, die das Gedicht in Umlauf gebracht hat. Natürlich spielte es auf die politische Situation des Kriegszustandes in Polen an, aber durch die literarische Form der Ballade, die dann auch Gientrowski für sein Lied genutzt hat, war es, als ob ein Barde eine Situation für viele Generationen besingen würde.

Der Titel kam mir jetzt immer wieder in den Sinn, hier in Prag, in Zeiten der Coronavirus-Krise, auch wenn sie weniger politisch belastet ist und die Belagerung sich auf die Maßnahmen zum eigenen Schutz beschränken. Die Situation ist manchmal doch ähnlich bedrohlich und man weiß nicht, wie und vor allem wann sie zu Ende gehen wird. Wir kämpfen gegen einen Feind, den wir gar nicht kennen, nicht einschätzen, nicht sehen und nicht riechen können. Damals in Polen war vieles klar und obwohl die Niederlage auch für viele bitter und böse hätte ausgehen können, war die Situation vielleicht besser abschätzbar.

Vor allem wurde mir einfach bewusst, dass wir älter geworden sind und zu den besonders bedrohten, schutzbedürftigen Personen gehören. Bei einem Spaziergang im Letna-Park auf der Kleinseite in Prag hielten uns junge Leute an und fragten, ob wir denn Schutzmasken bräuchten, wir müssten uns doch schützen, oder. Dazu muss man sagen, dass in Prag alle mit den Schutzmasken herumlaufen müssen und auch wenn diese Maßnahmen vielleicht nicht viel helfen, so machen sie doch sichtbar, dass etwas anders ist als sonst, dass man Abstand halten soll, dass wir alle um unser Durchkommen ringen. Also, die beiden jungen Menschen haben gesehen, dass wir mit unseren Schals vor dem Gesicht nicht ganz glücklich waren. (Natürlich sind die Masken normal in Apotheken oder Drogerien längst nicht mehr zu bekommen.) Wir haben schnell E-Mails ausgetauscht, den Abstand ständig im Blick, und am nächsten Tag standen sie vor unserer Tür und brachten 6 wunderschöne selbstgenähte Schutzmasken in einem Plastikbeutel fest verschlossen, mit der Anweisung, sie vor dem ersten Gebrauch noch mit heißem, kochendem Wasser zu spülen. Daraufhin fühlte ich mich so geschützt und vor allem nicht allein gelassen, dass ich kurz auf die leere Karlsbrücke rausgeschlüpft bin und die Stadt hat mich mit den wunderschönsten Ausblicken und Wärme für vieles entschädigt und für diesen Abend reichlich belohnt.

Zurück zu dem Gedicht von Herbert; es ist mit meiner Jungend und der folgenschweren Geschichte Polens verbunden. In jedem Satz wiegt der Dichter das Schicksal des Landes und seine eigene Rolle darin ab und beschreibt die Zustände, die er Tag für Tag im Land erlebt. Und so könnte ich auch versuchen, die ersten Wochen der Quarantäne in Prag zu beschreiben. Montag: noch viele Menschen bewegen sich auf den Straßen und einige Restaurants räumen ihre Vorräte und Viktualien aus, man kann noch Kaffee und eine Pizza um die Ecke bestellen. Am Dienstag ist schon merklich leerer, sogar weniger Autos fahren durch die Straßen. Am Mittwoch kann man immer noch die Pizza an der Ecke to go kaufen Am Donnerstag kommt die Aufforderung, in den öffentlichen Verkehrsmitteln Masken zu tragen, und am Freitag sind dann alle Geschäfte, Cafés und Restaurants um uns herum geschlossen. Es wird stiller, klarer und unheimlicher. Es fahren Straßenbahnen mit kaum Menschen drin, sogar Hundebesitzer sind kaum auf dem Stückchen Rasen vor dem Rudolfinum zu sehen.

Doch der Frühling kommt, die Tage werden länger, die Uhren auf die Sommerzeit umgestellt, im Park darf man zu zweit und mit dem Hund sowieso spazieren gehen. Die Osterglocken blühen zusammen mit Forsythien und Stiefmütterchen, auch manche Obstbäume sind mit weißen Blüten besprenkelt, die Vögel singen aus voller Kraft. Die Natur ruft zur Aktion, der Mensch muss Vernunft walten lassen und zu Hause bleiben.

Die zweite Woche der Quarantäne ist wesentlich monotoner, es stellt sich ein klarer Rhythmus ein und die Tage gleichen einander, bis auf das Leben im Handy und in den Mails; da brodelt es und blüht von der Kreativität. Es werden Videos mit Witzen, mit originellsten Darstellungen, Bildern, Fotos, Konzerten und Gedanken ausgetauscht. Alte Freunde melden sich plötzlich, neue sind auch besorgt, wie es uns in der Ferne und Fremde geht. Irgendwann streikt das Handy, es kann das alles nicht mehr speichern und verarbeiten.

Die dritte Woche der Quarantäne beginnt mit Schneefall und der Sorgen, wie lange es noch dauern und wie das Leben danach wird. Wie viel von der EU uns noch erhalten bleiben wird, warum hören wir so wenig aus Brüssel? Unter den Schutzmasken kann man die Gesichtszüge nicht erkennen, manche tragen dazu noch dunkle Sonnenbrillen, und wenn dazu noch eine Mütze auf den Kopf kommt, ist man total maskiert; man spürt den Ausnahmezustand, er ist überall angekommen. Dazwischen gibt es lange Zeiten mit Lesen, Arbeiten, Yoga-Üben und kleine Perioden, um mit dem Hund Gassi zu gehen und dem Ausblick auf das Weltkulturerbe auf der anderen Seite der Moldau zu schauen. Reicht das, wird das für die nächste Zeit ausreichend sein?

Nur der Frühling wenn auch zaghaft, der kommt, es legt sich ein grüner Schimmer über die Wiesen in den Parks und auf die Bäume. Die Magnolien sind schon fast verblüht, die Kälte hat auch ihnen zugesetzt. Die Sträucher der Forsythien stehen ganz in Gelb getaucht, der Flieder zeigt kleine Blättchen und Ansätze der Blüten. Wir warten auf die blühenden Kirschbäume, von denen es hier unheimlich viele in den Sady gibt. Das wird ein Fest, vielleicht auch der Befreiungsschlag. Jeder macht seine Gewissensprüfung, Zeit dazu ist reichlich vorhanden. Doch immer öfters drängt sich die Frage auf, wie lange können wir noch abseits von allem, in häuslicher Abgeschiedenheit ausharren. Natürlich bilden wir uns weiter und lesen, und hören und sehen; aber alles das geschieht auf einem anderen Gleis, so als ob der Zug, der früher mit voller Geschwindigkeit fuhr, jetzt plötzlich auf ein Abstellgleis geleitet wurde.

Doch wir tragen es mit Ruhe und Gelassenheit, denn irgendwann wird es vorbei sein und wir werden wieder aufleben und uns mit anderen unterhalten, treffen und sprechen können – und vielleicht auch denken, das hat mir gut getan, diese Pause.

Frauenblick, Prag und Corona

Monika Wrzosek-Müller

Weiterhin Prag, Prag und noch mal Prag

„Prag ist bis heute dank seiner Anlage und als Metropole eines recht kleinen Staates eine intime Großstadt. Es verkörpert die endlose Reihe unserer Träume und Wünsche, verwoben mit der bestehenden Wirklichkeit, für die wir jedoch mitverantwortlich sind.“ So Lenka Reinerova.

Prag als Anlage ist wirklich einmalig, auf wie vielen Hügeln die Stadt liegt, hat niemand gezählt. Doch es sind ganz viele und deshalb sind auch wunderbare Aussichtspunkte vorhanden. Fast alle Parks, die hier übrigens sady [Obstgärten] heißen und es oft auch sind, wie das Wort im polnischen gebraucht wird; sind mit Obstbäumen bepflanzt und liegen auf Anhöhen. Prag verpflichtet, ist vielleicht fast zu märchenhaft schön. Man fühlt sich mit eigenen Beschreibungen überfordert und gerät immer wieder in den Ton eines Fremdenführers, auch wenn man es vermeiden möchte.

In Zeiten der Coronavirus-Krise eignen sich gerade diese Hügel zu längeren Spaziergängen wunderbar; noch dürfen wir ausgehen und in der frischen Luft, im Wind die dunklen Gedanken lüften. Außerdem, auf solchen Spaziergängen hält man meistens 1,5 Meter Abstand von potenziellen Virusträgern, ganz automatisch, es sei denn alle anderen kommen genau auf denselben Gedanken. Den Italienern ist das auch untersagt, sie kommen nur um 18.00 Uhr auf die Balkone und singen zusammen, um sich etwas Mut zu machen. Man fragt sich schon, wo eigentlich der Europagedanke in so einer Krise geblieben ist, warum helfen wir uns nicht viel mehr gegenseitig und denken uns eine gemeinsame Vorgehensweise aus.

Zurück zu den Hügeln und Ausblicken; es gibt nicht nur den Hradschin mit den Schlössern, Palästen und dem Veitsdom und den Petrin mit einem Mini-Eifelturm, einer Seilbahn, Wald und Obstgärten, sondern man hat auch noch den sehr langgezogenen Letna-Park, von dem aus fast die schönsten Fotos der Prager Stadtlandschaft gelingen. Prag ist sehr fotogen, aus allen Blickwinkeln kann man schöne Aufnahmen machen. Der Letna-Park mit seinem riesigen Metronom, das als künstlerische Installation von K.V. Novak 1991 entstand und auf den Sockel des 1962 zerstörten Stalin-Denkmals gestellt wurde. Normalerweise gibt das Metronom den Takt an, jetzt steht es still. Im Moment steht alles still, wo vor drei Tagen noch Massen von Touristen die Wege kreuzten, ist alles leer und irgendwie unheimlich. Zwar kommt einem die Stadt jetzt viel freundlicher, sanfter und, ja klar, ruhiger vor. Doch es ist die Ruhe vor dem Sturm, niemand weiß, wie lange die Quarantäne dauern wird und wer wen besiegt.

Der Hund fordert seinen Tribut und das ist gut so, er zwingt zum Laufen, zum Rausgehen. Die nächsten Hügel sind auch nicht sehr weit: Vysehrad mit seiner barocken Festung hoch über der Moldau auf einem felsigen Vorsprung, auf dem rechten Flussufer gelegen. Das Gelände hat sehr viel zu bieten, aber vor allem einen einzigartigen, atemberaubenden Ausblick auf Prag. Man gelangt durch eines der vielen schweren, riesigen Tore (Chotek Tor, Spitzes Tor, Tábor Tor, Leopolds Tor) hinein und arbeitet sich weiter nach oben an der Martinsrotunde aus dem 11 Jh. vorbei, die aber sehr unecht und herausgeputzt wirkt. Es gibt dann verschiedene alte Gebäude und eine im neugotischen Still errichtete St. Peter und Paul-Kirche mit zwei riesigen Türmen. Es existiert hier auch der oft besuchte Vysehrader Friedhof, auf dem berühmte Künstler begraben liegen, wie z.B. die Komponisten A. Dvorak, B. Smetana und R. Kubelik, aber auch die Familie von Kafka und Jan Neruda und viele andere mehr. In den Kasematten der Festung stehen die Originale der Barockstatuen der Karlsbrücke. Natürlich gibt es viele Cafés und Bierkneipen und Restaurants. Der sorgfältig angelegte Park ist wunderschön und wird minuziös gepflegt; es wachsen ganz viele Rosen mit Lavendelbüschen und viel Spalierobst. Um die Festung herum führt ein Weg, von dem aus man diesen wunderbaren Blick mit sich immer verändernden Perspektiven genießen kann.

Jetzt sind wir gerade von der Insel Strelecky Ostrov zurück; es ist der zweite Tag der totalen Quarantäne wegen Coronavirus in Prag und die Stadt ist wie leergefegt und auf der Insel fehlen sogar die Schwäne und die dicken Nutrias, die hier immer von den Touristen gefüttert wurden. Oder sind sie wegen dem Coronavirus untergetaucht? Wir konnten keine Schutzmasken mehr kriegen, so laufen wir mit dem Schal über dem Gesicht, was sehr warm und unangenehm sein kann.

Einen anderen Hügel haben wir am Sonntag entdeckt, da war die Stadt noch nicht so entschleunigt und still, wie jetzt. Vinohrady – die königlichen Weinberge, eigentlich lange Zeit eine selbständige Stadt, die mit fast 100 000 Einwohnern, als drittgrößte Stadt zählte. Erst 1922 wurde sie nach Prag eingemeindet. Jetzt erheben sich um den Friedensplatz Namesti Miru die schönsten, sehr sorgfältig renovierte Jugendstil- und Art déco-Bürgerhäuser, die auch um den Riegrovy Sady Park stehen. Der Park breitet sich auf dem Hügel aus, viele kleine Wege führen rundherum, es gibt Sportanlagen, Cafés und Biergärten. Von einem bestimmten Punkt hat man eine gute Aussicht auf die unten liegende Stadt. Es ist offensichtlich ein sehr beliebtes Wohnviertel für schicke, junge und reiche Leute (mit vielen außergewöhnlichen Hunden).

Das beste Verkehrsmittel für mich, für uns sind die Straßenbahnen, sie durchziehen eigentlich die ganze Stadt. Klar, man ist mit der U-Bahn schneller, doch unterirdisch sieht man nichts und die Stationen gehen unheimlich steil nach unten, so dass es einem schwindlig wird.

Mit der Straßenbahn Nummer 22 kann man auch Bílá Hora (den Weiße Berg) erreichen. Mit seinen 381xm Höhe und seiner markanten Geschichte der Schlacht von 1620 ist der kleine Hügel auch eine Besichtigung wert. Es war die für Böhmen entscheidende Schlacht des Dreißigjährigen Krieges, bei der die Truppen der protestantischen böhmischen Stände der katholischen Liga unterlagen. Nach der Schlacht musste der sog. Winterkönig aus Böhmen fliehen, was eindrucksvoll in dem Buch von Daniel Kehlmann „Tyll“ beschrieben ist. 27 Standesherren wurden auf dem Altstädterring exekutiert und Tausende von Protestanten (90% der Bewohner waren Protestanten) mussten fliehen. Es war ein bedeutender Sieg für die katholische Kirche und Böhmen blieb für lange Zeit eine einfache Provinz der Habsburger Monarchie. Zwar kann man auf dem kleinen Hügel wenig von der Vergangenheit erkennen doch es existiert unweit des Ortes ein im Mittelalter angelegtes Gehege, in dem Wild gehalten wurde. Das Hvezda-Gehege ist mit einer hohen Mauer umgeben und wurde bis Anfang des 19. Jhs. als solches benutzt; in dem Gehege steht ein Renaissanceschloss mit einem sternförmigen Grundriss , Letohradek-Hvezda. Erst später wurde die Anlage in einen englischen Park umgestaltet.

Es gibt noch mehrere weitere Hügel und Erhebungen, die ja nach Bewegungsmöglichkeit zu besichtigen wären. Noch fahren Autos und man trifft einzelne Menschen, der Hund ist ein guter Vorwand!

Frauenblick. Prag 2. Barataria.

Monika Wrzosek-Müller

„Man braucht in Prag nicht verwurzelt zu sein; es ist eine Heimat für Heimatlose“ schrieb Joseph Roth.

Sie war in Prag und fühlte genau das, was ihr der berühmte österreichisch-europäisch-jüdische Schriftsteller ins Ohr geflüstert hatte und ging, spazierte und bummelte weiterhin durch die prunkvollen Straßen und die prächtigen Gassen, dabei schaute sie sich neben den wunderschönen, manchmal wirklich traumhaften Fassaden genauer die Passanten an.
Plötzlich hatte sie eine Eingebung, einen Geistesblitz: ihre Reisen nach Indien, Tunesien, Sri Lanka, Marokko, Italien, Frankreich immer und immer wieder, war das nicht auch die Suche nach Don Quixotes legendärer Insel Barataria; jedes Leben war von einer Suche und den Kämpfen mit Windmühlenflügeln bestimmt, auch solchen, die im Kopf stattfanden: nur man musste den Mut haben, sich gegen sie zu stellen und etwas für sich zu finden. Aber letzten Endes suchte jeder seine glückliche Insel, sein persönliches Barataria, wenigstens einen kleinen Hoffnungsschimmer. Insofern schrieben wir alle an einem Thema!
All die Menschen, die hier in Prag herumschwirrten, wie Heuschrecken die Baudenkmäler belagerten, von einem Baudenkmal zum anderen hinzogen: sie alle suchten offensichtlich auch nach Erlösung, nach Antworten, nach etwas, was sie ablenken würde. Sie sah das in ihren Gesichtern, in ihren Blicken; an dem manchmal hastigen und nervösen und dann wieder ganz verträumten, phlegmatischen Gesichtsausdruck. Schon die Art, wie sie gingen, ihre Gangart verriet oft, ob sie Touristen oder Einheimische waren, oder woher sie kamen: zugegeben echte Prager waren äußerst selten zu finden. Vielleicht waren sie, die echten Prager, alle emigriert, wie Madeleine Albright oder Ivana Trump oder Milan Kundera und Milos Forman, um nur die berühmtesten zu nennen. Der Gang der Touristen war schlendernd, stockend und sie waren eher in Sneakers, Doc Martens und anderen Sportschuhen bekleidet. Anders die Tschechen, die tschechischen Frauen trugen eher Stiefel, manchmal sogar mit ziemlich hohen Absätzen; sie gingen energisch, zielsicher und schnell. Viele der jungen Frauen waren auch sehr hübsch.
Meistens zogen sie die puppenhaften Gesichter der asiatischen Mädchen magisch an; sie gingen oft zu zweit oder aber auch in kleinen Gruppen, sehr schick angezogen, mit dem Handy in der Hand. Der Blick war eigentlich eher in sich gekehrt. Sie schienen die Außenwelt nur bedingt wahrzunehmen, auch wenn sie ständig Fotos, hauptsächlich aber eigentlich Selfies schossen, für die sie peinlich genau aufpassten, wie sie aussahen. Sie konnten ganz lange und geduldig ihren Schal, ihre Haare zurechtmachen, die Schminke ihrer Lippen noch mal korrigieren, sich sprichwörtlich die Nase pudern, bevor dann ein Foto gemacht wurde. Diese Mädchen kauften in den Souvenirläden und in anderen Läden, von denen es hier tausende gab, alles Mögliche ein; liefen dann mit ganz vielen Einkaufstüten herum, schauten immer wieder in die Tüten rein, so als ob sie sich vergewissern wollten, was sie denn alles eingekauft hätten. Sie versuchte herauszukriegen, was es war, doch es ging nicht, es handelte sich um ganz unterschiedliche Sachen. Manche kauften einfach neue Kleidung, andere irgendwelches Kristallglas, wieder andere etwas Bijouterie: die tschechischen Granatsteine und andere Halbedelsteine waren sehr begehrt, doch durchaus auch Mützen und Schals wurden in großen Mengen gekauft. Es gab unter ihnen Kundschaft für die ganz teuren italienischen MarkenLäden, aber nicht nur; als Verkäufer bei Gucci, Fendi, Ferragamo, Dior, Bulgari, Hogan, Geox, Luisa Spagnioli, Dior, Chanel, Escada usw… standen auch oft asiatisch aussehende junge Menschen. Es war offensichtlich ein großes Geschäft, diese Mädchen zufrieden zu stellen. Sie hatte den Eindruck, Prag bildete eine angemessene Kulisse, um so viel Geld auszugeben. Dasselbe hatte sie in Florenz, Rom und Mailand erlebt, dabei aber gedacht, es ginge um italienische Mode.
Dann gab es ganze Gruppen von hauptsächlich Chinesen, die sehr brav und diszipliniert dem Führer durch das Labyrinth der Gassen folgten. An den Gesichtern konnte sie keine Müdigkeit aber auch keine Neugierde, eigentlich sehr wenig Rührung erkennen, manchmal sahen sie etwas verschreckt aus. Sie wurden zu sechs oder siebt in die old cars gesteckt und durch die Altstadt kutschiert; die richtigen Pferdekutschen kamen offensichtlich erst im Frühjahr zum Einsatz. Wie viel sie wirklich von den historischen Verwicklungen der tschechischen Geschichte verstanden, konnte man nicht wissen. Aber man sah sie überall, auch auf dem jüdischen Friedhof und in den Synagogen, das war auch ein Teil des Pflichtprogramms. Sie dachte an sich selbst in den indischen Tempel und an die verwunderten Blicke der Einheimischen, wahrscheinlich waren sie auch überrascht, warum sie da herumging und so völlig fehl am Platz wirkte.
Erstaunlich viele Gruppen von Italienern gingen durch diese Hollywood-Kulisse, meistens mit ihren eigenen Reiseführern, die ihnen alles erklärten – wo sie zu frühstücken hätten, wo es den besten Kaffee gebe, was und wo sie zum Lunch essen sollten, und letztendlich dass alles sowieso italienisch sei, denn es seien doch die italienischen Architekten gewesen, die diese Wunder an Bauwerken vollbracht hätten. Offensichtlich liebten die Italiener sich selbst in dieser Rolle, nie hat sie so viele andächtig zuhören gesehen. Sie strömten auch in die diversen Konzertsäle der Stadt. Kauften dafür weniger, sorgten aber mit ihrer aufgeregten und empathischen Art zu reden, zu lachen, sich zu unterhalten für ein sehr fröhliches Straßenbild.
Noch eine Nationalität war ihr aufgefallen, leider sehr negativ; sie war aber so sichtbar, dass man kaum die Augen zu machen konnte, und so laut, dass man sie auch mit Ohropax noch hörte: das waren die schottischen Jungs, die manchmal in Kilts, und T-Shirts, johlend schon am Vormittag, wahrscheinlich vom Bier betrunken, über das Kopfsteinpflaster stolperten. Abends waren sie dann kaum mehr fähig ihren aufrechten Gang zu halten, doch dafür laut genug, um gehört zu werden. Die suchten wirklich nur günstige Möglichkeiten, sich volllaufen zu lassen und viel zu essen.
Es gab auch Paare, die offensichtlich ihre Flitterwochen hier verbrachten; sie machten dann auch romantische Fotos am Moldauufer, mit Aussicht auf den Hradschin, vor der atemberaubenden Kulisse der Burg. Manche brachten dann schicke Schuhe, manchmal einen besonderen Hut mit, kleideten sich schnell auf der Bank um und ein Freund aber oft auch ein professioneller Fotograf machte dann Fotos in verschiedenen Posen.
Es gab auch Nachtbesichtigungstouren durch das magische Prag; da stand plötzlich, während sie mit ihrem Hund Gassi ging, ein junger Mann mit Hellebarde und Laterne vor ihr, mit großem schwarzen Hut und Umhang bekleidet, der meistens auf Englisch die Geschichten vom Golem, vom Ghetto, dem Rabbi Löw, dem Kaiser Rudolf II erzählte. Eine Gruppe junger, meistens aus verschiedenen Länder stammenden Menschen hörten ihm zu, lachten, fragten. Der Ausflug endete meistens in einer der vielen traditionsreichen Bierkneipen

Frauenblick. Prag.

Monika Wrzosek-Müller

Mein Prag, die ersten Tage

Prag hat sie in Beschlag genommen. Eine Stadt, die wirklich verzaubert und vereinnahmt, so dass man an wenig anderes denkt, denken kann. So viel Schönheit aus allen Epochen, so viel Vielfalt hat sie selten erlebt. Alle Stilrichtungen der Architektur sind vertreten: Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko, Klassizismus, Jugendstil, der böhmische Kubismus, Bauhaus und eine Menge der modernen experimentellen Architekturstile, die sie nicht zu benennen wüsste, die sich aber auch stolz präsentieren. Vieles sticht richtig ins Auge und breitet sich aus, wie in einem Lehrbuch für Architektur bei einem Spaziergang, besonders im Letna-Park, von dem ihr der Wahnsinnsausblick immer wieder den Atem stocken lässt. Im Moment sind wenig Touristen unterwegs, sie könnte sogar auf der Karlsbrücke verweilen und die Ausblicke genießen. Sie fühlt, dass in der Stadt verschiedene Kulturen aufeinander trafen und treffen, aber in weicher Variante, man erlaubt den anderen zu leben. Zugleich aber spürt sie so etwas, als ob die Stadt niemanden gehören würde, als ob sie für sich da stünde, eine wirklich globale europäische Stadt, weder deutsch noch jüdisch, aber tschechisch auch nicht. Wenn am Samstagabend die Kassiererin an der Kasse bei „Tesco“ zehn Personen auf Tschechisch immer wieder fragte, ob sie Kleingeld hätten, konnte ihr niemand in der Sprache antworten. Sie lächelte verschmitzt, als ich ihr dekuji sagte.

Zwar stehen in Prag viele tschechische Regierungsgebäude, doch den Tschechen gehöre sie auch nicht wirklich. Seit Jahrhunderten lebten hier Deutsche, Tschechen und Juden zusammen; dann kamen Vietnamesen und jetzt abertausende Touristen aus wirklich allen Ecken der Welt, erstaunlich viele aus asiatischen Ländern; Gruppen von sanft lächelnden asiatisch aussehenden Mädchen streifen durch die Straßen, kaufen in den tausenden Geschäften tausende Kleinigkeiten ein. Sie bestimmen das Bild der Stadt; auf sie stellt die Stadt sich um und davon lebt sie.

Für sie war aber erst mal wichtig, dass es eine weiche, harmonische, helle barocke Stadt ist, in sanftes Licht getaucht; oft steigen Nebelschwaden aus der Moldau hoch und die Sonnenstrahlen zerstreuen sich und tauchen die Stadt in einen goldenen Heiligenschein. Dann sieht man von oben nur die Konturen der Brücken, dadurch wirkten sie leichter, beschwingter, die Konturen der Kuppeln und der Türme; von da oben (den Letna-Park) scheint alles weit weg zu sein, am Horizont, hinter der Brücke, in Wirklichkeit aber ist fast alles zu Fuß zu erreichen in 10, 20 Minuten kann man in der Altstadt aber auch auf der Kleinseite alles erreichen. Natürlich geht sie auf den Wegen der Touristen, die waren auch sehr geschickt angelegt, so dass die Menschenströme später dann im Frühjahr oder Sommer gelenkt werden können: nach oben zum Hradschin, zum Veitsdom, nach unten zur Karlsbrücke, in die Mitte zum Altstädter Ring. Dafür wird man mit schönen Ausblicken belohnt, die Wege sind auch extra so gebaut, mit einer Bank zum Verweilen, oder einer Balustrade um sich daran anzulehnen, dass man länger sich auf ihnen aufhalten kann. Überall gibt es Hinweisschilder und man kann schnell zu einzelnen Denkmälern gelangen. Die Situation erinnert sie an Florenz, eine Stadt, die sich den Touristenmassen ergeben hat und eigentlich für sie existierte. Doch hier ist die Vielfalt und Größe vielleicht noch überwältigender.

Man kommt mit der Straßenbahn leicht überall hin; es gibt auch eine U-Bahn, doch die Stationen gehen so steil in die Tiefe hinunter, dass sie immer wieder Angst bekommt und die Straßenbahn vorzieht, außerdem kann man von der Straßenbahn am Fenster klebend die Fassaden der Häuser, der vorbei huschenden Bauten bestaunen. Natürlich gibt es für Touristen Kutschfahrten auch Bootsfahrten, allerdings in einem begrenzten Areal der Moldau, denn sie bildet Stufen. Man kann sich aus der Flotte von alten Automobilen in verschiedenen Farben eins aussuchen und durch die Altstadt rasen. Die jungen Leute ziehen neuerdings E-Roller, E-Scooter vor, auch wenn die meisten Straßen sich dafür eigentlich gar nicht eignen, sie sind nämlich mit Kopfstein gepflastert. Die Zahl der Cafés, Restaurants, Kneipen, Bistros ist schier unendlich; von edel bis Schnellimbiss ist alles dabei; auch Musik-, Jazzkneipen sind überall zu finden. Die Qualität des Essens ist gut bis sehr gut; die Touristen verschlingen alles, so dass es frisch ist, jeder kann für sich etwas finden.

Die Tschechen scheinen den Touristenrummel mit stoischer Ruhe zu ertragen, sie fallen nicht auf; ja sie sind fast unsichtbar in der Altstadt und auf der Kleinseite und doch müssten sie diese Stadt von irgendwoher dirigieren, leiten. Die meisten scheinen ihr sehr angenehm und zurückhaltend. Viele sprechen mehrere Sprachen, die jungen Leute meist eher Englisch.

Der Fluss Moldau bildet Mäander und kleine Inseln, die sich zum Spazieren sehr gut eignen. Wegen des Hundes entdeckte sie auch Kampa, die auf der Kleinseite gelegene Insel; durchzogen mit Kanälen, mit kleinen Brücken, kleinen alten Häuschen, wunderbaren Cafés, einem Museum für moderne Kunst und einen Skulpturenpark, das Ensemble präsentiert sich prachtvoll, wurde von Exiltschechen Jana und Medy Mladovych errichtet. Sie nannte es Kleinvenedig, jetzt, in Februar, ist noch alles eher leer und mühelos zu erreichen und zu durchwandern.

Auch hat sie Plattenbauten in den Peripherien von Prag entdeckt. Wie die französischen banlieues ziehen sich die Wohnblocks in die Täler und Hügel sternenförmig aus der Stadt hinaus, sie sind von Streifen mit Natur durchzogen, die wirklich sehr schön, naturbelassen wirken. Der Reiz dieser Landschaftsstreifen beruht auf den felsig-hügeligen Formationen, mit kleinen Waldabschnitten, dazwischen gibt es oft große Wiesen, die mit Obstbäumen bepflanzt sind; das müsste in Frühjahr toll aussehen, denkt sie. Die Plattenbauten sind selbst für sie, die aus Warschau kommt, gewöhnungsbedürftig, sie ziehen sich kilometerlang und haben somit mit der Altstadt und ihren Baudenkmälern nichts zu tun. Doch, wie ihre jungen Freunde feststellen, man lebt da angenehm, ist schnell in der Stadtmitte und vor Ort mit aller Infrastruktur ausgestattet.

Sie hat das Gefühl, die Stadt ist harmonisch und lebenswert, trotz der Touristen, wahrscheinlich doch wegen der Sehenswürdigkeiten und den jahrhundertealten, von Menschen für Menschen geschaffenen, gewachsenen Strukturen, auch die Lage mit den Hügeln, die Aussichten über größere Entfernungen erlauben, ist herrlich. Das bedeutet nicht, dass alles perfekt ist; dass alles zu bewundern gilt. Doch man merkt, dass Prag wieder zu seiner Größe zur Goldenen Stadt zurückgefunden hat.

Die ersten Tage waren sehr angenehm, hoffentlich nicht zu sehr…

Frauenblick (colle caelius)

Monika Wrzosek-Müller

Monte Celio

Diesmal war die Zeit in Italien so schnell und unbemerkt vergangen, dass sie gar keine Zeit und keine Themen gefunden hatte, über die sie schreiben wollte. Lag es daran, dass sie dort so viele niederländische Autoren gelesen hatte und im Kopf irgendwie weg war von Italien? Eher nicht, sie war doch mit Herz und Seele da, genoss das gute Wetter und das Essen, die wunderbaren Ausblicke und das warme Meerwasser, sie traf sich mit ihren Freunden, war auch zu dem Litauer in der pesceria gegangen, um ihm zu erzählen, wie toll sie Litauen fand. Doch wieder hat er sie mit unheimlich vielen Bildern auf seinem Computer zugemüllt und nur gefragt: waren sie auch da, und da, und da? Und irgendwie war die Kommunikation gerissen, er reagierte eigentlich gar nicht auf ihre Erzählung, hatte nur seine Bilder im Kopf; da hatte sie den Rückzug angetreten, es waren auch kaum Fische zu kaufen.

Vielleicht war eben alles zu perfekt und zu leicht, so dass der Kopf wirklich abgeschaltet hatte, nicht aufmerksam genug, um sich etwas genau einzuprägen?

Doch einer von den niederländischen Autoren führte sie auch im Kopf immer wieder nach Rom. Seine Helden speisten da vorzüglich und kauften in exquisiten Boutiquen ein, tranken immer wieder die tollsten Weine bis sie todmüde umfiehlen und sich in vier Sterne Hotels ausruhten. Die Vorstellung vom dolce vita in Rom war allgegenwärtig. Die Helden ließen sich vom Kopf bis Fuß neu einkleiden, natürlich für aberwitzige Summen, die sie eigentlich gar nicht hatten aber doch ausgeben konnten. Alles schien möglich zu sein. Das gefiel ihr und sie konnte nicht widerstehen, also machte sie sich auf den Weg dahin, wo sowieso alle Wege hinführen, in die ewige Stadt. Die Reise mit dem Zug dauerte eigentlich ganz kurz, eine Stunde 50 Minuten, davon 25 Minuten innerhalb von Rom. Natürlich ist Rom nicht überall atemberaubend und schön; die Gegend um den Bahnhof Termini selbst sollte man am besten meiden; es ist so ein Geknäuel, dass man richtig auf sein Hab und Gut aufpassen muss. Doch dann, ein paar Schritte weiter, ändert sich wieder alles und man gerät ins Schwärmen.

Von den alten sieben Hügeln Roms (Quirinal, Viminal, Kapitol, Esquilin, Palatin, Aventin, Caelius) kannte sie inzwischen fast alle. Es kamen sogar einige dazu, von denen man wunderbare Aussichten auf Roms Dächer, Kuppeln und Türme hat: Gannicolo oder Pincio, auch Monte Testaccio nicht zu vergessen. Doch die ersten bildeten die alten sieben Hügel, auf denen Rom gebaut wurde, dabei waren Aventin und Celio/Caelius diejenigen, die etwas später dazu gekommen waren. Es ist schon erstaunlich, wenn man von der touristisch verstopften Gegend um das Kolosseum in ein paar Schritten in eine ruhige, fast ländliche Landschaft entschlüpfen kann. Da sie einen kleinen Hund dabei hatten, musste es auch etwas Auslauf geben.

Deswegen wählten sie diesmal den Monte Celio mit seinen Kirchen, Gärten und der Villa Celimontana. Der Weg führte gleich auf einer mit Kopfstein gepflasterten Straße nach oben, der Turm der Kirche des SS Giovanni e Paulo ragte schon von weitem auf. Das Sträßchen war menschenleer und winzig. Große Backsteinbögen spannten von einer zur anderen Straßenseite. Unter der Kirche befinden sich Ausgrabungen der case romane del Celio. Die Ausgrabungen sind für die Öffentlichkeit seit 2002 zugänglich; nach zahlreichen Restaurierungs- und Erhaltungsarbeiten wurden ungefähr 20 Räume unterirdisch für das Publikum geöffnet. Das Museum ist sehr schön gemacht, und seine Geschichte lang. Schon 1887 begann ein Mönch aus der darüber liegenden Basilika mit Ausgrabungen und legte diese alten, auf verschiedenen Niveaus gelegenen und zum Teil mit Fresken und Mosaikböden ausgeschmückten Räume frei. Es wird gemunkelt, dass es sich um das Privathaus von Johannes und Paulus handelt. Doch später wurde festgestellt, dass die Räume aus ganz verschiedenen Perioden der Antike stammen. Ein Raum ist dem Antiquarium gewidmet, in dem unter der Basilika ausgegrabenen Funde ausgestellt werden. Es sind verschiedene Vasen und Arbeitsgeräte, in die Augen sticht eine Sammlung islamischer Keramik, die ursprünglich den mittelalterlichen Turm der darüber liegenden Kirche schmückte.

Leider waren fast alle Kirchen unzugänglich. Zwei befinden sich im Moment in Restaurierung und stehen verstellt durch Baugerüste, bei zwei anderen hätten sie zwei Stunden warten müssen, um hineineingehen zu können. Monte Celio ist reich an wunderschönen Kirchen: die Basilika Santi Giovanni e Paulo; Santo Stefano Rotondo ist eine der ältesten Rundbau-Kirchen in Rom, man betritt die Kirche durch die Wand von Neros Aquädukt, sie ist von einer hohen Mauer umgeben und in einem waldähnlichen Park versteckt. Dann gibt es die Kirche von San Gregorio Magno, hinter der barocken Fassade versteckt sich eine frühchristliche Kirche, umgeben von kleinen Kapellen. Wenn man durch den kleinen Park am Monte Celio geht, an den Ruinen der Villa Celimontana vorbei, steht man vor der Kirche Santa Maria in Domenica, die mit wunderschönen Mosaiken aus dem 9. Jahrhundert ausgestattet ist. Etwas weiter weg, geleitet durch Zeichen auf dem Bürgersteig (als Pilgerweg) gelangt man zur Kirche des Klosters Santi Quattro Coronati. Viele von den Kirchen auf dem Monte Celio sind den Märtyrern gewidmet, die sich weigerten, den Götzen zu huldigen, und sich der christlichen Gemeinde angeschlossen haben; es mutet wie Publicity für Christentum an.

Die einzige weitere Kirche, die geöffnet und zugänglich war, befand sich auch in ein paar Minuten Entfernung und ist unter den Touristen sehr bekannt: die Basilika von San Clemente, dem Märtyrer. Mit ihren drei Ebenen, die übereinander liegen, ist sie wirklich faszinierend. Gleich beim Eingang wird man von dem herrlichen Apsismosaik und dem Marmormosaik auf dem Fußboden überwältigt. Die darunter liegenden Kirchen stammen aus dem 4 Jh. und man kann noch tiefer gelangen zu den Resten von Gebäuden aus dem 1. Jh. Ein Korridor führt zum Eingang einer Mithraeums, einer Mithras gewidmeten Kultstätte, der Weg hinaus führt durch Räume aus dem 1. Jh. Diese Kirche hatte sie schon bei früheren Besuchen in Rom gesehen, jetzt, im Kontext der ganzen Geschichte, dieses Teils von Rom, sah man, dass die Kirchen auf dem Monte Celio immer auf den Resten anderer Bauten entstanden waren. Die Gegend hier galt in der Antike schon als gute, wohlhabende Wohnlage, unweit vom Zentrum, sprich dem foro romano gelegen.

Man ist irgendwann wirklich überwältigt und müde von den vielen Kirchen-Besuchen, aber auch berauscht vom Atem der Geschichte und überrascht, wie unprätentiös die Römer mit ihren herrlichen Bauwerken umgehen. Sie dachte, sie würde gerne länger in dieser Stadt wohnen und leben können, um sich das alles einzuprägen und um besser verstehen zu können, wie das normale alltägliche Leben in diesen Denkmälern möglich ist. Neben den Kirchen gab es eine schöne, einfache Bar, in der man ganz preiswert essen und trinken konnte. Auch der Hund kam auf seine Kosten, er ist gelaufen, ohne auf Menschenmassen zu stoßen.

Frauenblick: Klimawandel

Monika Wrzosek-Müller

Als letztes Jahr die Trockenheit und Hitze Berlin beherrschten, wäre sie fast krank geworden. Die Trockenheit breitete sich wie eine Heuschreckenplage in den Parks, über die Wiesen aus, es war alles gelb und staubig, sah kränklich aus, ohne Saft und Leben. Sie trauerte um jeden Baum, jeden Strauch, der einging. Besonders Bäume haben es ihr angetan, alte, hundertjährige Bäume, deren Äste herunterfielen, erschienen ihr wie Lebewesen, die daran litten, was um sie herum geschah. Auch die Luft war trocken, es brannte in den Augen und kratzte im Hals.

Jetzt, in diesem Jahr saß sie in Warschau und sah die großen, neu angelegten, aber schon vergilbten Rasenflächen, die Blätter der Bäume, die jetzt schon, wie im Herbst, abfielen und auf dem Boden lagen. Die Weichsel konnte man durchwaten, sie war angeblich nur noch 40 cm tief. Die Schifffahrt war eingestellt. Die Trockenheit war überall sichtbar, in der Luft spürbar, auch im grünen Speckgürtel der Stadt sah man sie überdeutlich.

Schon letztes Jahr spürte sie, dass es ernst um die Welt war, um ihr Leben und dass es darum ging, wirklich etwas zu unternehmen, sollten wir noch weiter existieren wollen, vor allem die Generationen nach uns, unsere Kinder und dann deren Kinder. Doch weder die Grünen stellten für sie eine Alternative dar noch die Bewegung Fridays for future, die vielleicht zu jung war, zu sehr auf die Person von Greta Thunberg fixiert. Es war wirklich etwas, worum man kämpfen sollte, oder gar musste. Es war nicht ausgedacht, nicht künstlich zum Politikum gemacht, nicht durch die Medien kreiert; es geschah so überdeutlich und mit fortschreitender Konsequenz, dass man blind sein musste, es nicht zu sehen. Manchmal machten die Politik und die Politiker sie wütend mit ihrer Beschränktheit und Gehemmtheit, auch Langsamkeit, ihrer Abhängigkeit von der Großindustrie. Sahen sie nicht, dass es wirklich  höchste Zeit war zu handeln? Seit den 80er Jahren, seitdem sie nach Deutschland gekommen war, hörte sie ständig von der Verlegung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene, doch es passierte genau das Umgekehrte; die Autobahnen wurden immer breiter, zwei Spuren reichten schon lange nicht mehr aus und die Staus und der Verkehr nahmen rasant zu. Jetzt war Osteuropa auch den Gesetzen der Autoindustrie unterworfen, immer mehr, immer schneller,  scheinbar immer bequemer, also immer größer. Mitten durch kleine Dörfer und Städtchen in der Uckermark rollten riesige Laster mit Anhängern, alles rollte und verpestete die Luft, und die Sonne brannte unermüdlich und gnadenlos.

Zum Glück gab es doch noch die Kunst als einen großen Befreier, als Epigonen, Vorreiter dessen, was passieren sollte, konnte und nicht dürfte. Schon immer war die Kunst Vorbote der großen Themen, von Veränderungen; die Künstler spürten als erste Bedrohungen und bearbeiteten ihre Ängste in ihren Werken, sie entwickelten Visionen, die von der Realität betroffen waren.

So sah sie auch die Ausstellung in Warschau, im Zentrum für Gegenwartskunst (CSW) im Ujazdowski-Palais, sie handelte genau davon; schon der Titel war bezeichnend: Menschenleere Erde im Rahmen des Projekts Plastizität des Planeten. Das Wort Plastizität bezog sich sowohl auf die Möglichkeiten der Veränderung als auch auf die ungeheuren Mengen von Plastik, die der Mensch produziert und den Planeten damit zumüllt. Die Künstler versuchen ihre Sorge um den Planeten global auszudrücken. Sie gingen von einem Buch von Alan Weisman aus,  Die Welt ohne uns: Reise über eine unbevölkerte Erde, in dem spekuliert wird, was passieren würde, wenn die Menschen verschwänden. Könnten die Wälder sich wieder in Urwälder verwandeln, würden fast ausgestorbene Tiergattungen sich wieder vermehren, würde die Luft wieder sauber werden und das Abschmelzen der Gletscher aufhören? Als Beispiel nennt er auch den Urwald von Białowieża in Polen und mehrere andere unberührte Orte der Welt. Doch die Menschen werden nicht verschwinden und all die Auswirkungen ihrer Existenz werden bleiben. Das Buch des US-Autors erschien 2007, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und erreichte große Popularität, stand auch monatelang auf den Bestsellerlisten.

Die Künstler schlagen vor: bei den Problemen zu bleiben, aktiv zu werden, bei sich selbst anzufangen. Nicht darauf vertrauen, dass irgendwo, irgendjemand eine neue technische Revolution startet und CO² verwandelt, die Gewässer säubert etc… darauf sollte man nicht vertrauen und sich damit abfinden. Die Künstler versuchen in ihren Arbeiten zu zeigen, wie dramatisch die Konsequenzen der Veränderungen in der Natur sind, die den Plastikmüll absorbiert hat, integriert hat und sich dadurch auch endgültig verändert hat. Sie zeigen, wie in den Organismen Plastik weiter existiert und etwas neues, nicht Natürliches, Unnatürliches schafft. Es ist eben diese Plastizität des Planeten, die neue Formen schafft, neues Leben herstellt, doch ob der Mensch darin noch überleben kann, ist fraglich.

Die Arbeiten sind ganz verschieden und haben mit der KUNST, wie ich sie früher verstanden habe, wenig zu tun; sie zeigen eine Art Sensibilität für die Probleme, die auftreten, eine sehr gezielte und unheimlich akribische Umgangsweise mit verschiedenen Materialien wie Pilze, Wasser, Steine, Grünpflanzen. Es sind Video-Installationen, Objekte die an etwas erinnern, das mal war und jetzt verwandelt weiter existiert, was darin schön ist, denn KUNST ist immer irgendwo mit Schönheit verbunden, muss man in fragilen und ganz zufälligen Momenten suchen. Und doch sind diese Arbeiten wichtig und richtig, denn sie beschäftigen sich mit dem wichtigsten Problemen, vor die unsere Welt gestellt worden ist.

Ein kleiner Teil der  Ausstellung konfrontiert den Betrachter mit  dem gezielten und bewussten Handeln der Menschen, die zur ökologischen Katastrophen (wie Entwaldung und Verwüstung) führen und meistens als Folge nach Kriegshandlungen auftreten.  Forensic Architecture ist eine Gruppe an der London University, Menschen aus unterschiedlichen Berufen: Architekten, Künstlern, Filmemacher, Journalisten, Archäologen, Programmierer, Juristen und anderen Wissenschaftlern; sie alle beschäftigen sich damit, Beweise zu sammeln und zu bearbeiten, so dass sie an internationalen Foren vorgestellt werden können. Im CSW werden zwei Aspekte vorgestellt: Herbizide-Krieg in Kolumbien und Palästina. In Kolumbien dachte man, mit den Unkrautbekämpfungsmitteln der Drogenproduktion Herr zu werden, es wurden ganze Waldgebiete vernichtet; in Palästina haben die Israelis um den Gaza Streifen alle grünen Pflanzen weggesprüht. Es entstanden Streifen von wüstenähnlichen Gebieten, auf denen jede Bewegung der Menschen sichtbar wird. Es sind eigentlich eher Dokumentationen der Prozesse der Veränderungen, die Bilder vorher, nachher veranschaulichen, was wirklich passiert ist und welch schreckliche Wirkung solche Anwendungen mit sich bringen.

Beide Ausstellungen habe ich mit großem Interesse aber auch mit Traurigkeit angeschaut; unheimlich, dass so viel Wissen auch nicht weiter hilft und die Welt sich weiter in den einmal eingeschlagenen Bahnen bewegt.

Frauenblick: So will ich von dir singen

Monika Wrzosek-Müller

Litauen! Wie die Gesundheit bist du, mein Vaterland;
Wer dich noch nicht verloren,
der hat dich nicht erkannt.
In deiner ganzen Schönheit
Prangst du heut ‘vor mir,
So will ich von dir singen,
Denn mich verlangt nach dir!

Adam Mickiewicz, Pan Tadeusz

Die Invokation zu Adam Mickiewiczs Epos Herr Tadeus kennt jeder Pole; und es stimmt immer noch irgendwie: Litauen erscheint einem gesund und schön. Zwischen dem Polen-Mythos in den Städten Vilna und Kaunas und dem Ostpreußen-Mythos in Klaipeda (Memel) und auf der Kurischen Nehrung wächst eine Selbständigkeit, Leichtigkeit und ökologische Sauberkeit, die man sich auch hierzulande wünschen würde. Klar, alles ist leichter, wenn man nur 2,8 Millionen Einwohner hat, doch es ist auch schwieriger. Viele von den jungen Litauern gehen länger in den Westen, um Geld zu verdienen, denn mit 600 € Durchschnittslohn kommt man nicht allzu weit. Aufgrund der Migration sank die Einwohnerzahl auch so dramatisch; 1990 zählte Litauen noch 3,7 Millionen. Aber es sind natürlich auch noch die Russen, die das Land verlassen haben, freiwillig oder doch etwas gedrängt.

Auf jeden Fall werde ich dem Litauer in der pescheria in Orbetello in Italien sagen können: „Ihr Land ist wirklich wunderschön und vor allem so gut organisiert“. Manchmal fast überorganisiert; an der Kurischen Nehrung sind die vorwiegend menschenleeren Strände in einzelne Abschnitte unterteilt. Neben einem Strand für Familien gibt es Abschnitte für Raucher und für Männer, für Hunde auch für die Frauen getrennt, es existieren auch Strände für die Textilfreie; schwierig wird es wohl, wenn ein Raucher, alleinstehender Mann mit Hund textilfrei sonnenbaden will. Super füllt man sich allerdings als Fußgänger in den Städten, da alle Autos ausnahmslos an den Zebrastreifen halten und die Fußgänger vorlassen. Nun gibt es nicht so viele Fußgänger auf den Straßen der litauischen Großstädte, doch das Gefühl der totalen Sicherheit ist sehr angenehm. Alkohol kann man nach 19.00 Uhr in Klaipeda weder kaufen noch eigentlich trinken; die einzige Bar, die wir gegen 20.00 Uhr noch offen fanden, war in einem Vier-Sterne-Hotel und sehr teuer; es gibt zusätzlich irgendwelche extra Bestimmungen fürs Wochenende, aber spezielle Läden, wie die in Schweden, das sog.: Systembolaget, gibt es nicht. Doch man spürt allgemein einen starken Einfluss der skandinavischen Ländern: Volvos und alte Saab fahren überall herum, in den Appartements stehen hauptsächlich Elektrogeräte der Marke Elektrolux und die Möbel etc. sind von IKEA.

Natürlich ist Vilnius eine wunderschöne Stadt mit altem Kern und moderner Skyline – sie präsentiert sich vom Gediminas-Turm in ihrer ganzen Pracht. Der 360 ° Blick erlaubt aber auch die Sicht auf die zerfallenden, sozialistischen Wohnblocks, auch die aus der Chruschtschow Ära; es gibt sehr viele davon, manche scheinen unbewohnt. Doch gerade diese Überbleibsel der kommunistischen Zeiten ziehen sie magisch an, dazu zählen auch die ungeraden, unebenen und mit Löchern übersäten Trottoire, das gefühlt Heimische, Bekannte, alles Unperfekte, noch Verbesserungswürdige steigert das Gefühl, zu Hause zu sein. Richtung Altstadt stechen vor allem unheimlich viele Kirchtürme in die Augen, mit ganz verschiedenen Kreuzen. Manche sind so nah nebeneinander gebaut, dass sie zusammenwachsen; wie das Ensemble von zwei Kirchen, der St. Anna-Kirche und, etwas dahinter, der Bernhardiner-Kirche mit den angeschlossenen Klostergebäuden. Auf dem Gelände wurde später, im 19. Jh., der neugotische Turm gebaut. Von oben schauend hat man den Eindruck, als wurde kräftig um den ersten Platz gerungen – wer von den polnischen Magnaten des 17. oder 18. Jh.s wohl die schönste, prachtvollste Kirche gebaut hat. Die Zahl ist schier unendlich, die Innenräume gleichen sich oft sehr; die Kirchen sind meist im Barockstil erbaut worden, jetzt sind alle herausgeputzt, renoviert in allen Rosatönen. Von oben verströmt Vilnius eine milde, harmonische Atmosphäre, hinterlässt auf dem Betrachter durch die hellen, renovierten Fassaden den Eindruck einer fröhlichen, zufriedenen Stadt. Den Eindruck kann man auch eher schwer verifizieren, denn Litauisch ist eine unendlich schwierige Sprache und ähnelt eigentlich gar keiner europäischen Sprache und die Litauer sind eher wortkarg; auch wenn die jungen Leute das Englische allgemein verstehen, scheitern eigentlich alle Versuche, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ja, das Litauische; man sucht vergeblich irgendwelche Einflüsse des Slawischen, es ist angeblich eine der ältesten Sprachen in Europa und am ehesten an Sanskrit angelehnt.

Lange hat sie überlegt, wodurch sie Vilnius an Lemberg erinnert und warum für sie die beiden Städte sehr polnisch wirken. Natürlich steht die Geschichte der beiden Territorien dahinter, doch irgendwo im Stadtbild, in den melancholisch-pastellfarbenen, meistens barocken Bauten, den Kirchen steckt ein Stückchen alten Polens, das auch im jetzigen Polen selten zu finden ist. Sind das vielleicht die unierten, katholisch-orthodoxen Kirchen, die von außen so sehr an katholische Kirchen erinnern, doch im Innenraum, mit der riesigen Ikonostase einen mystischen Raum bilden? Meistens saßen alte Frauen in Kopftüchern darin und murmelten ihre Gebete; in Lviv zahlreicher als in Vilnius. Besonders in Lviv hat sie das sehr fasziniert, diese dunklen Räume, mit prächtigen Farben und Vergoldungen, mit all den Heiligen, die einen beobachten. Die Kirchen schienen ihr Leben zu leben, nicht als Baudenkmäler, sondern als Stätten der Begegnung. In Vilnius war die Zahl der Kirchen schier unendlich, einige wurden in Museen umgestaltet. Sie fotografierte unzählige Innenräume und dann konnte sie sie nicht mehr auseinander halten, so sehr glichen sie sich; fast alle entstanden in derselben Zeit. Sie fungierten auch unter dem Namen katholische Ostkirchen und die Mehrzahl gab es in der Ukraine, in den ehemaligen polnischen Gebieten. Sie wiesen sowohl Merkmale der katholischen als auch der orthodoxen Kirche auf.

Noch eine Sache hat sie in Litauen fasziniert; es war die Geschichte der langen Menschenkette, die, 650 km lang, von Vilnius über Riga bis nach Tallin fortgesetzt wurde. Sie nannten sie später den Baltischen Weg in die Freiheit. Über eine Million Menschen aus Litauen, Lettland und Estland nahmen daran teil, um am 23. August 1989 gegen die Sowjetmacht zu protestieren und für die Unabhängigkeit zu kämpfen. Die Fotos davon hat sie im Gediminas-Turm gesehen und sie haben sie sehr berührt; es war eine ähnliche Stimmung zu spüren wie die, die sie vom Kongress der Solidarność in Gdańsk 1981 kannte; Euphorie und Begeisterung gepaart mit Angst und Zweifeln. Zum Glück siegte die Begeisterung und die neu entstandenen Republiken konnten ohne Blutvergießen ihre Unabhängigkeit erlangen und leben.

Doch eine Spur von Angst und eine totale Abhängigkeit vom Westen sind immer noch wahrnehmbar. Kein Wunder, denn wie die Hauptheldin, eine alte Bäuerin aus einem Buch über Litauen, das sie gerade gelesen hat, sagt: „Unser Litauen hat es am schwersten. Wir liegen auf diesem Punkt, wo es kritisch ist. Da will Moskau uns haben, da wollte der Deutsche uns haben. Da will der Pole uns haben. Alle reißen von uns.“1/ Die Bäuerin aus dem Buch von Ulla Lachauer erlebt alles, sie ist Deutsche, spricht aber litauisch, heiratet einen Litauer und gerät ins Visier des KGB, wird nach Sibirien verschleppt und überlebt. Dann irgendwann kehrt sie zurück und wird als Deutsche weiter schikaniert. Ein Leben zwischen vier Stühlen und doch mit Bravour gemeistert, eine Liebe zu ihrem Land, zu ihrer Memelregion prägt sie. Alle aus ihrer Jugend und jüngeren Jahren verschwinden, die meisten landen in Deutschland, manche aber auch in Australien oder Amerika, sie bleibt alleine und versucht ihr einfaches Bauernleben mit großen Optimismus weiterzuleben. Ein tolles Buch mit großer Sympathie für das Land Litauen geschrieben.

Eigentlich genauso, wie sie das Land erlebt hat, im Aufbruch zu neuer Identität, fleißig und offen.


1/ Ulla Lachauer, Paradiesstraße. Lebenserinnerungen der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit, Rowohlt 1996, S. 129

Frauenblick. Petersburger Hängung

Monika Wrzosek-Müller

Sammlung Hoffmann

Es war die „Petersburger Hängung“; der Begriff ist ihr im Ohr geblieben. Da nahm ihre Aufmerksamkeit zu. Eine Freundin hatte die hohe Wand in ihrer Wohnung mit den unbeholfen aufgehängten Bilder betrachtet und, da sie freundlich sein wollte, sagte sie: Ach, Petersburger Hängung. Es war aber eigentlich eine bunte Mischung aus allen möglichen Bildern, die sie an diese Wand gehängt hatten, in unregelmäßigen Abständen, von verschiedener Couleur, Größe und Techniken, nicht immer zueinander passend, doch insgesamt irgendwie die Wand bedeckend. Sie wollte diese weißen, hohen Wände füllen, ihre Wohnung heimischer und gemütlicher gestalten.

Das zweite Mal hörte sie den Begriff: Petersburger Hängung kurz darauf in der Sammlung Hoffmann, während einer Führung, fast gleich im ersten Raum der neuen Installation von Joelle Tuerlinckx. Man stand in einem Raum, der von ausgeschnittenen Kartons verklebt war, die wiederum deutliche Spuren der roten Farbreste trugen, so als ob sie Schablonen für rote Bilder wären. Sie bildeten eine Art von Tapete, die die Wände bedeckten. Es stellte sich heraus, dass es sich um eine umgestaltete Installation des Roten Zimmers handelte, die die Künstlerin für die Ausstellung in der Eremitage in Sankt Petersburg geschaffen hatte. Hier, für die Sammlung Hoffmann, hat sie die roten Kartons umgedreht; geblieben waren die weißen Flächen mit roten Rändern und Ausschnitten für die dort vorhandenen Gegenstände an den Wänden: Steckdosen, Lichtschaltern, Röhren, Heizung und offensichtlich auch irgendwelche Bilder. Sie hat es in Petersburger Hängung arrangiert. Die Fenster wurden mit roten Kartons von außen verklebt, so als ob das Rot das Licht am Eindringen in die Räume hindern würde. Der Raum übt eine starke Wirkung auf den Betrachter aus; eben politische Kunst, wie viel konnte man mit so einfachen Mitteln ausdrücken, wie viel hätte man in so einen Raum hinein interpretieren können.

Es ist eine Besonderheit der großen Städte, der Metropolen, dass man sich private Sammlungen anschauen darf. In Berlin sind gleich mehrere solche Plätze vorhanden: neben der genannten Sammlung Hoffmann, der Boros-Bunker, die Camaro-Stiftung, das Atelier der Malerin Jeanne Mammen und viele andere.

In die Sammlung Hoffmann gelangt man durch die Hackeschen Höfe, sie befindet sich in den Sophie-Gips-Höfen, in einer ehemaligen Fabriketage, sehr schön restauriert, nicht überrenoviert, sondern so, dass das Alte gerade noch herausgeholt und wohnlich gemacht wird. Die Sammlung nimmt die 3., 4. und Teile der 5. Etage ein. Man fährt mit dem Lift nach oben und landet in großen, lichtdurchfluteten oberen Räumen der Fabrik; die übergroßen Filzpantoffeln, die man über die eigenen Schuhe ziehen soll, erinnerten sie sofort an die Klassenausflüge in die Warschauer Museen, wo das früher immer der Fall war, man schützte die Böden und polierte sie zugleich, auch wurde wahrscheinlich so der Staub abgewischt. Damals versuchten wir mit den Filzpantoffeln über die Flächen, wie mit den Schlittschuhen zu gleiten, wer kam als erster an, wie weit konnte man mit Schwung rutschen.

Die Sammlung – das sind zugleich Ausstellungs-, Wohn- und Arbeitsräume der Familie. Für den Besuch muss man sich anmelden und eine Führung buchen, damit die Leitung der Sammlung auch den Überblick hat, wie viele Menschen darin unterwegs sind. Jedes Jahr wird die Ausstellung neu konzipiert und trägt jeweils einen interessanten Titel und wird unter einem Aspekt arrangiert. Die diesjährige läuft unter dem Titel „Zweifel“. Die Geschichte der Sammlung war für sie interessant; auch wenn man das meiste im Internet nachlesen kann, erzählte der junge Mann, der sie durch die Räume führte, Folgendes: Sie ist in den 60er Jahren entstanden. Da begannen Erika und Rolf Hoffmann Werke meist befreundeter Künstler zu kaufen. Nach dem Verkauf des Unternehmens, in den späten 80er Jahren, steigerten sie ihr Engagement für die Kunsteinkäufe deutlich. Mit der Wiedervereinigung wollten sie aktiv am Prozess der Einigung teilnehmen und es gab die Idee einer Kunsthalle in Dresden, sie sollte nach einem Entwurf von Frank Stella gebaut werden. Zum Glück für Berlin und zum Nachteil für Dresden wurde diese Idee nicht realisiert. 1994 fanden die Hoffmanns eine leer stehende Fabrik, die sich dem Ziel der Unterbringung der Sammlung und als Wohn- und Arbeitsräume eignete. Ab 1997 ließen sie an jedem Samstag auch die Öffentlichkeit an ihrer Sammlung teilhaben. Im März letzten Jahres hat Erika Hoffmann die Sammlung doch den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden geschenkt. Bis 2022 bleiben Teile der Sammlung mit immer wechselnden Ausstellungen zu verschiedenen Themen doch in Berlin zugänglich.

Der Titel „Zweifel“ erlaubt alle möglichen Formate der Kunst vorzustellen, zwingt jedoch den Betrachter noch mehr zum Nachdenken. Die Führung beschränkt sich jeweils auf ausgewählte Objekte und dauert meistens nicht länger als anderthalb Stunden. Der Eingang mit der umgedrehten roten Tapete wurde bereits erwähnt. Vieles weitere lässt zweifeln, manchmal lächeln oder gar schmunzeln, das ist hier auch Programm. Besonders herausfordernd fand sie einen Künstler der die Werke, Bilder oder Fotografien anderer Künstler einfach übermalt hat. Arnulf Rainer fordert den Betrachter sehr heraus, indem er z.B. im Bild „Schwarze Zumalung“ Selbst begraben einfach fast das ganze Bild schwarz übermalt, überlässt nur ein helles Zipfelchen des alten Werk sichtbar. Was kann uns mehr zum Zweifeln bringen, oder ein Werk von Bruce Nauman Hanging Cat – die plastische Nachbildung eines abgeheueten Tieres, die von der Decke hängt.

Ein Wohnzimmer mit der Nr. 17 hat ihr sehr gut gefallen; ein Triptychon von Sean Landers hängt an einer Wand und erzählt über Meerwasser, das sich den Gesetzen der Physik entzieht, und auf der gegenüber liegenden Wand seine zwei riesigen Ölwände mit den Titeln: The Ether of Memory und Looking für Mr. God Bar. Der Künstler schreibt seine Gedanken mit dem Pinsel dicht und erstaunlich gleichmäßig auf Englisch auf die Leinwand über seinen Zustand, Gedanken und Gefühle auf (das zweite Gemälde angeblich sehr erotisch). Sowohl die Bilder vom Meer als auch die mit seinen Notizen haben etwas beruhigendes, monotones fast meditatives in sich und zugleich zweifelt man an ihrer äußeren Schale; beim näheren Hinsehen wird klar, dass das Meerwasser und die Wellen nie so schlagen und die Notizen sehr aufgewühlte Zustände beschreiben, alles ist anders, als auf den ersten Blick erscheint…

Auch die mehr privaten Räume, wie das Wohnzimmer mit dem Kamin eigerichtet mit echten Mies van der Rohe Möbeln, Barcelona Sesseln und Liege, einem Glastisch und Vitrine sind wunderschön. Die Wand hoch ist mit Acryl-Farben von Katharina Grosse gesprayt und harmoniert wenigstens von der Farbgebung mit zwei großen Acryl-Gemälden. An der seitlich liegenden Wand ist ein Gebilde von Frank Stella zu sehen: Of Whales in Paint, in Teeth, in Wood, in Sheet Iron, in Stone, in Mountains, In Stars (Moby Dick Series) aus bemalten Aluminium; es sieht wie ein bunter, ästhetischer Drache aus. Im Esszimmer bestaunt man wunderbare Lampen (4) von Bauhaus und Esstisch mit Stühlen von Eero Saarinen und ganz feines Teegeschirr in einer Glasvitrine.

Eine andere Art von Kunst bringt das Projekt von Katarzyna Kozyra, einer polnischen Installationskünstlerin, die einen langen Film Looking for Jesus/Szukając Jezusa in Jerusalem gedreht hat, der sich hauptsächlich mit dem Thema oder dem Phänomen des Jerusalem-Syndroms beschäftigt. Den Film hat sie in der Sammlung leider nicht gesehen, doch Kozyra ist für sie eine so gute Künstlerin, dass sie sich sofort im Internet alles Zugängliche angesehen hat. Kozyra hat sechs Jahre lang immer wieder mit Menschen in Jerusalem und Umgebung gesprochen, die sich für Jesus halten, sie hat dann das Material zusammengeschnitten und auf 73 Minuten gekürzt. Die Menschen berichten von ihrem Leben, Glauben und dem Platz des Glaubens, der Religion in ihrem Leben und in der heutigen Welt von den Werten, die ihnen wichtig sind. In einer der Szenen, die auf dem Trailer zu sehen ist, hören wir folgenden Dialog: „Are you Jesus or you think you are Jesus?“ – „Yes, I am Jesus“- „So we have to follow you“, und wir sehen wie der Mensch flüchtet und die Künstlerin ihn verfolgt. Bei einigen Treffen mit polnischen Zuschauern erzählt Kozyra, wie sie ihre Helden gefunden hat und warum sich für sie dieses Projekt zu einem Mammut-Projekt entwickelt hat. Sie sagt, natürlich ist das nicht objektiv, sie filtert alles durch ihr eigenes Interesse und ihren eigenen Willen, eine Antwort zu finden. Doch das, was wir sehen, ist ein gewaltiges Bild und ein Dialog über Religion und Glauben. Im heutigen Polen, gerade jetzt, nach mehreren Filmen über die Katholische Kirche und Missbrauchsfälle in der Kirche, müsste es mit sehr großem Interesse verfolgt und aufgenommen worden sein. Leider hat sie nicht am Treffen zwischen Erika Hoffmann und Kozyra teilgenommen, das am 24.01. 2018 stattfand, als der Film zum ersten Mal in der Sammlung gezeigt worden ist. Da wäre ihr wahrscheinlich klar geworden, warum diese Installation unter dem Titel der Ausstellung „Zweifel“ läuft.

Viele Räume hat sie nicht gesehen und sie nimmt sich vor, sie beim nächsten Besuch doch zu betreten (wenigstens), was sie Allen empfiehlt. Bis 2022 haben wir noch Zeit!

Fuga / Fugue

Uwaga, jak się poszuka, znajdzie się też króciutką opinię o filmie po polsku – niebieską 🙂

Aus der Pressemappe des Festivals:

Kategorie: Neues Polnisches Kino
Polnischer Titel: Fuga
Deutscher Titel: Fugue
Produktionsjahr: 2018
Dauer: 01:40:00
Festivalausgabe: 2019
Regie: Agnieszka Smoczyńska
Drehbuch: Gabriela Muskała
Kamera: Jakub Kijowski
Darsteller: Łukasz Simlat, Zbigniew Waleryś, Halina Rasiakówna, Gabriela Muskała, Małgorzata Buczkowska
Musik: Filip Míšek

W Berlinie dziś jeszcze do obejrzenia / Heute noch im Kino
19:00 / Wolf Kino

Pressetext:

Nach ihrem gefeierten, furiosen, bunten Horror-Trash-Musical Córki dancingu/ Sirenengesang/ The Lure überrascht Smoczyńska mit einem ernsten Psycho-Kammerspiel, zu dem die Hauptdarstellerin Gabriela Muskała das Drehbuch schrieb. Sie verkörpert eine Frau mit einem doppeltem Knick in ihrer Biografie: Vor zwei Jahren war die brave Mutter aus der Gegend von Wrocław plötzlich verschwunden und hatte sich ohne jegliche Erinnerung in Warschau neu erfunden. Als starke, selbstbewusste Frau hat sie sich durchs Leben geboxt, bis eine TV-Sendung ihre Identität offenlegt. Nun ist sie zurück in den Armen ihrer Familie und könnte sich dort kaum fremder fühlen.

In dunklen Bildern und mit mutigem Sounddesign entblättert die Regisseurin das zerrissene Innere ihrer Hauptfigur, der sie stets dicht auf den Fersen bleibt. Dass diese nicht zwingend sympathisch, aber stets nachvollziehbar bleibt, ist neben einem gekonnten Schnitt vor allem der grandiosen Leistung der Hauptdarstellerin zu verdanken, welche Blicke tief in die Seele ihrer Figur zulässt, ohne sie vollständig zu enträtseln.

Ela Kargol napisała:

Pomiędzy flizą, płytą, kaflem jest fuga. Większa mniejsza, szersza, węższa, trwała, krucha….
Fuga wypełniona pewną masą łączy części w całość. Zabrakło w filmie spoiwa wypełniającego fugę. Może się wykruszyło, tak jak pamięć głównej bohaterki, a może z powodu zaniku pamięci nie da się już nic scalić i fuga zostaje pusta.
Mój tata miał takie widzimisię, że kładł fugi kolorowe, potem blakły, tak mi się tylko przypomniało…


Jetzt werden hier Texte von drei weiteren Frauen folgen. Wir trafen uns alle im Kino, aber wir haben nicht miteinander über den Film gesprochen. Das, was wir über den Film denken, trifft sich erst hier.

Ewa Maria Slaska

Ich lese solche Texte stets erst nachdem ich den Film gesehen habe. Ich versuche, mich vor den Spoilern zu schützen. Ich hasse es, schon vorher belehrt zu werden, was ich zu denken habe. Besonders in der deutschen Kritikpraxis ist es eigentlich gang und gäbe, dass einem der Inhalt, das Ende und der Sinn des Filmes von den Rezensenten gnadenlos enthüllt werden. Ist es die unterbewusste Überzeugung, dass der Rezipient keine Ahnung hat und Auslegung braucht, ist es der Wunsch des Publikums, oder ist es blosse Machtlosigkeit der Kritik, die selber nichts weiß und doch über irgendetwas schreiben muss?

Dies aber nur am Rande. Ich bin also ins Kino gegangen ohne jedwede Vorkentnisse. Ich ließ den Film auf mich wirken und… und der ließ mich unberührt. Mir hat der Film nicht gefallen. Vielleicht bin ich aber nur die Einzige im Kino, die das dachte, weil ich vermute, von den Zuschauerinnen (es waren überwiegend Frauen im Kino) bei dem Weggehen kleine Anerkennungssätze zu schnappen.

Ich kann aber nicht anders. Auch wenn alle andere anders denken. Die Geschichte scheint mir unlogisch und voller Lücken konstruiert zu sein. Und damit meine ich nicht den künstlerischen Anspruch der Regisseurin und der Drehbuchautorin, ihre Protagonistin geheimnisakzeptierend und nicht entblössend darzustellen. Nein, ich meine Konstruktionsfehler des Films selber, das Ignorieren der Tatsachen und Prozedern, das Weglassen der nüchternen Fakten. Nichts in der Geschichte von Alicja könnte so gewesen sein, wie es im Film gezeigt ist. Alles stimmt nicht, alles ist nur bloßes Fantasieren um ein Frauenschicksal herum, unterlegt mit frecher Gewissheit der Filmmacherinnen, dass wenn es Frauengeschichte ist, wird sie aufgenommen sein, weil 2019 Frauengeschichten einfach aufgenommen werden und niemand wird sie hinterfragen.

Die Geschichte entwickelt sich nicht, sie dreht sich nur rum. Man weißt nicht, weshalb etwas im Film gerade gezeigt wird, es ist wurscht und egal, was die Menschen im Film machen und weshalb gerade jetzt. Die einzelnen Szenen sind lose nacheinander geworfen. Irgendwas. Irgendwie. Irgend… Ich fühle mich als Zuschauerin regelrecht verarscht und hab’ Gefühl, die große Worte des Pressetexts wollen mich nur einschüchtern, damit ich es doch nicht tue, was man (frau) sich nicht wünscht: nicht frage.

Auch die große schauspielerische Leistung der Hauptprotagonistin, die im Pressetext hochgepriesen ist, scheint mir ein Humbug zu sein. Frau Muskała verfügt, meiner Meinung nach, nur über zwei Gesichtausdrücke – entweder ist sie weit weg vom Hier und Jetzt und somit traurig oder hat einen delikaten fast unmerkbaren Lächeln parat, der sicher ihre Stärke ist, wird aber so oft und so sinnlos eingesetzt, dass es schon gar nichts bedeuten kann.

Also bei der Frage Hit oder Kitt, sage ich Kitt, obwohl mir sehr bewusst ist, dass der Film beste Chancen hatte, den Filmfestivalpreis zu bekommen. Und weisst der Kuckkuck, weshalb er ihn nicht bekam?

Monika Wrzosek-Müller

Irgendwie beschäftigen sich übermäßig viele Filme des diesjährigen Neuen Polnischen Kinos mit psychologischen Problemen, wenn nicht Anomalien. Schon die Titel weisen daraufhin: 7 Gefühle, Panikattacken, Fugue, Over the Limit. Ich habe nun den 2018 von Agnieszka Smoczynska gedrehten Film Fugue gesehen. Eigentlich könnte man bei diesem Film von der Illustration eines dissoziativen Phänomens, nämlich der Dissoziativen Fugue, auch psychogene Fugue genannt, sprechen. Die Hauptdarstellerin Gabriela Muskała, die übrigens auch das Drehbuch schrieb, spielt hervorragend; doch der Film war für mich an manchen Stellen künstlich und überzogen.

In der Klassifikation nach ICD-10 der psychischen Störungen wird Dissoziative Fugue unter der Nummer F44.1 aufgelistet. Zu den Symptomen gehören eine unerwartete, desorientierte Flucht aus der gewohnten Umgebung (Zuhause, Arbeitsplatz), teilweise Amnesie in Bezug auf Teile der Vergangenheit, Verwirrung über die eigene Identität, manchmal die Annahme einer neuen. Die Störung kann von ein paar Stunden bis zu mehreren Monaten dauern. Nun im Film dauert sie zwei Jahre, die Frau nimmt eine neue Identität an und kämpft sich an einem neuen Ort, in Warschau, durchs Leben, bis sie durch eine TV-Sendung erkannt wird. Der Vater ruft die Moderatorin an und entschlüsselt ihre Identität.

Es folgen berührende Szenen, in denen die ganze Familie und besonders der Vater versuchen, sie wieder an ihre Vergangenheit heranzuführen. Doch alle Versuche scheitern, sie scheint sich an nichts zu erinnern. Man sieht nur, dass all das sie quält und ihr unangenehme Gefühle bereitet.

Eigentlich stellt sich für mich in dem Film als wichtigste Frage, warum sie das getan hat, warum sie „geflüchtet“ ist. Das erfährt der Zuschauer peu à peu, in kleinen Schritten – bis er erfährt, dass sie einen Autounfall im Wald hatte. Sie wollte vor ihrem Mann fliehen, der ihr gedroht hatte, sich scheiden zu lassen und ihr den Sohn wegzunehmen. Nach dem Unfall dachte sie, ihr Sohn sei dabei gestorben, und daraufhin, aus Entsetzen über die eigene Tat, wäre sie von der Unfallstelle geflohen und hätte das Geschehene vergessen. Doch ihr Psychotherapeut spricht von dissoziativer Fugue und hilft ihr dabei, ihre wahre Identität zu finden. Aber ihr früheres Leben, in dem sie sich gar nicht mehr zurecht findet, stellt für sie keine Alternative für eine Fortsetzung dar. Am Ende des Films verlässt sie ihren Mann und ihren Sohn. Die Sentenzen, die Szenen mit ihrem Sohn, einem Jungen von 5 oder 6 Jahren, sind sehr berührend: das Kind ist klug und mein Herz zog sich regelrecht zusammen, als ich sah, wieviel der Junge von der Situation auf sich übertrug und wie ihn das direkt betraf. Insofern eine Warnung an alle Eltern, wie direkt ihr Leben das ihrer Kinder betrifft.

Doch letztendlich verdankt der Film seine ganze Wirkung dem enormen, perfekten und mutigen Spiel der Hauptdarstellerin. Trotzdem habe ich den Saal mit einem Gefühl des leisen Missmuts verlassen.

Anne Schmidt

Liebe Ewa,
Der Titel des Films Fuga beschäftigt mich, seitdem ich mir diesen Film angeschaut habe.
Leider konnte ich nicht bis zum Gespräch mit der Hauptdarstellerin und Drehbuchautorin bleiben, denn sie hätte mich vielleicht darüber aufgeklärt, ob die musikalische Fuge oder die handwerkliche Fuge gemeint ist. Vielleicht hast Du die Gelegenheit Gabriela Muskala nach der Bedeutung des Titels zu fragen.
In der Anfangsszene des Films kraxelt eine zierliche junge Frau in Stöckelschuhen über den Schotter einer unterirdischen Bahntrasse (Fuge), bis sie in einem unterirdischen Bahnhof ankommt. Dort zieht sie sich mühsam zum Bahnsteig hoch, taumelt unter den Augen der indigniert schauenden Passagiere ein paar Schritte vorwärts, hockt sich nieder, lupft ihren seriösen Trenchcoat und uriniert auf den Bahnsteig.
Ich frage mich, ob sie damit den Ruf nach der Polizei und einem Arzt provozieren wollte, denn in der nächsten Szene sehen wir sie in einer psychiatrischen Klinik. Sie wird dort zwei Jahre lang als Frau ohne Gedächtnis unter dem Namen Alicja von einem sehr engagierten Professor behandelt bis dieser auf die Idee kommt, sie im Fernsehen der Öffentlichkeit vorzustellen. Sofort nach der Ausstrahlung meldet sich ein Mann, der sie als seine Tochter, die vor zwei Jahren verschwunden ist, erkannt hat.
Ab jetzt wird die Geschichte kompliziert, denn Kinga, wie Alicija richtig heisst, reagiert auf ihre “Heimführung” in ihr ehemaliges Zuhause mit Mann und Kind aggressiv und ablehnend. Auch ihr Mann wirkt weder erfreut noch erleichtert darüber, dass seine Frau wieder zurück ist. Der kleine Sohn scheint sie nicht als seine Mutter wiederzuerkennen und fühlt sich mehr zu einer ehemaligen Kollegin von ihr hingezogen.
Die Frage, was stimmt in dieser Familie nicht, wird erst zum Schluss beantwortet.
Die Frage, hat Kinga wirklich ihre Vergangenheit vergessen, bleibt bis zum Schluss bestehen, denn manche Dinge kann sie seltsamerweise richtig zuordnen.
Nachdem ihr ihr Ehemann den letzten Tag ihres alten Lebens ins Gedächtnis zurückgerufen hat, zieht sie daraus eine unerbittliche Konsequenz. Ob sie damit ihrem Kind das verlorengegangene Gleichgewicht wiedergibt und ihrem Mann ein glückliches Leben ermöglicht, sei dahingestellt.
Aber was wird aus ihr? Kann sie ohne ihren Psychiater nicht mehr leben? Hat er aus ihr eine Kurwa gemacht?
Wie beurteilst Du ihr Verhalten und ihre Zukunftsaussichten, Ewa?
Mich haben die Geschichte und die schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin sehr beeindruckt.
Die Tatsache, dass sie die Verwirklichung ihres Drehbuches über mehrere Jahre verfolgt hat, deutet meiner Meinung nach auf ein starkes persönliches Interesse an diesem Stoff hin. Leider kann ich sie nicht nach den Gründen für ihre starke Ambition fragen, aber Du hast vielleicht noch diese Chance.

Ewa Maria Slaska

Liebe Anne, ich glaube Fuga ist hier als lateinsches Wort Flucht gemeint. Mit Bach und seiner berühmten Fuge (fliehende musikalische Motive geben der Fuga ihren Namen her) hat die Geschichte wohl wenig zu tun. Ob es damit aber (auch) die handwerkliche Fuge gemeint ist, also ein Spalt zwischen den Kacheln, die man zusammenbinden muss, damit sie nicht auseinander geraten? ich weiß es nicht. Möglich wäre es. Man sieht, dass in dieser Familie etwas fehlt, dass hier alle auseinander geraten. Monika meint, die Fugue ist der Name einer psychischen Krankheit.

Fotos: FUGUE_Stills_2_4_6 © Alpha Violet

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