Metropolinnen zwischen Aldi und Küche

Aśka & Reńka

UNSER FLEISCH

REŃKA: Weil das war so:

AŚKA: Reńka steht den ganzen Vormittag und den halben Nachmittag in unserer psychodelischen Küche und klopft diese unsere polnischen Buletten aus Fleisch,

REŃKA: Die, die man in meinem Dorf nur für Sonntag macht, na die ganz weichen, die Aśka von der ganzen Welt am meisten mag. Und Aśka fällt ins Haus und schon von der Schwelle reisst sie, wie ne alte Unterhose, das Maul auf.

AŚKA: Reńka, weil ich will jetzt so leben wie die von diesem Kudamm, die mit den Kamelhaarmänteln und dem Teint wie Hochglanzpapier, na die, die jeden Nachmittag sitzen vor diesem Kempinski-Hotel und trinken diesen Bio-Saft, und jeden Tag essen die in diesem Butter-Lindner für diese Feinschmecker. Normal, drei Stunden lang hab ich die observiert, und davon habe ich jetzt Hunger!

REŃKA: Na, Aśka, das ist doch Honig auf mein Herz, weil grad hab ich hier doch gebraten, wie du es am liebsten magst!

AŚKA: Reńka, du hast Läuse auf den Lungen, oder von der Hitze beim Herd ist dein Gehirn geschrumpft, ab heute kannst du selber essen dieses Fleisch aus dem Aldi. Das ist doch vollgepumpt mit diesen ihren Antibiotika und Schlaftabletten, weil aus normalen Tieren ist das nicht. Würmer kriegt man davon!
Und Reńka beleidigt sich tödlich.

REŃKA: Wie du willst Aśka, friss doch nur Grünzeug, Gemüse, und Unkraut noch dazu, wie die Kaninchen auf der Wiese.

AŚKA: Aber Reńka. Ab jetzt gehen wir doch nur noch in diesen normalen Laden!
In diesen echten, mit diesem echten Fleisch, wo es keine Würmer hat und von alleine vor uns nicht wegläuft!

REŃKA: Aśka, dich hats schon total verbogen oder hast du im Lotto gewonnen und versteckst es vor mir. Dieses „echte“ Fleisch ist so kostbar – das ist doch aus Gold und mit Diamanten besetzt – und du denkst, wenn wir gehen in diesen Laden, geben die uns dieses Fleisch umsonst, oder was? Und daraufhin Aśka ins Geheul,

AŚKA: und Reńka schneidet sich das Herz in hundert Stücke.

REŃKA: Aśka komm, flenne nicht wie dieser unser undichter Wasserhahn.

AŚKA: Weil du kapierst doch nicht. Wenn wir diese ihre Lebensqualität nicht haben, dann sind wir doch zurückgeblieben, und in diesen 90% wo die arm sind und nicht in den 10%, dieser Gewinner, wo die diese obere Fettschicht sind. Und auch wenn wir getroffen haben wie das blinde Huhn das Korn und wohnen

REŃKA: einen Mützenwurf von diesem ihren Kudamm –

AŚKA: wenn wir nicht in diesen echten Läden kaufen, normal, gehören wir nicht dazu. Und du wirst sehen, vielleicht schon in drei Monaten, schmeissen sie uns aus der Bude raus, damit der Reichtum hier einziehen kann, weil so ein Gesetz hat sich diese ihre schwarz-gelbe Regierung ausgedacht. „Gentrifizierung“ nennen die das. Und Reńka zum Trost:

REŃKA: Aśka, komm, ich weiss was. Wenn wir schon haben keine Aussicht auf dieses ihr Fleischstück, geben wir uns wenigstens ein Theaterstück. Wir sind doch nicht zurückgeblieben sondern total kulturell. Wenn schon nicht materiell, geistig können wir mithalten.

AŚKA: Und wenn die sehen, dass wir in dieses Theater gehen, dann denken die, wir gehören dazu!

REŃKA: Genau, Aśka, wir wohnen doch gegenüber von diesem Theater auf diesem ihren Luxus-Kudamm, da haben wirs nicht weit, die Beine fallen uns nicht aus.

AŚKA: Reńka, Du hast einen Schädel für das Titelblatt! Wir haben doch diese gefälschten studentischen Dokumente, damit lassen die uns rein für wenig Geld!

REŃKA: Und weil wir jetzt gehen unter die Menschen, und da zieht man sich doch an, geht Aśka, mit Tip-Top, als hätte sie Angst, dass er sie beisst, zu diesem unseren Schrank in der Wand.

AŚKA: Schwanz, nichts mit Theater! Wir können nirgendwo hin, weil sag du mir Reńka, aber frag deine Seele ernsthaft davor, was soll ich anziehen für diese kulturelle Angelegenheit? Der lacht mich doch aus, der Schrank, dass es zu hören ist, bis nach Warschau.

REŃKA: Aber Aśka, wir wohnen doch in diesem deutschen Land, und hier die Hälfte wird kommen in diesen ausgesessenen Jeans und die andere Hälfte wie die Buchhalterin auf ihren ersten Ball. Los, zieh schon an deine gefakten Perlen aus dem Ein-Euro-shop, und du wirst sehen, sowieso werden die denken, dass du aussiehst, einfach „France-Elegance“, normal, wie aus dem Journal.

AŚKA: Und endlich sitzen wir in diesem Theater und natürlich in der ersten Reihe, weil wir müssen alles ganz genau sehen,

REŃKA: weil wir sind doch diese Generation von diesem Fernseher.

AŚKA: Und beide gucken wir wie die Kühe auf das Scheunentor.

REŃKA: Weil diese ihre Schauspieler die haben es ja doof, weil die ihnen befehlen, ein halbes Theaterstück lang, zu Onanieren auf der Bühne, ganz in der Öffentlichkeit,

AŚKA: und dazu noch labern sie diese ihre Theatersprache – immer auf fäkal oder koital.

REŃKA: Und brüllen

AŚKA: als hätten wir denen was Schlimmes getan.

REŃKA: Und Aśka flüstert:

AŚKA: Reńka, ich kapiere gar nichts, von diesem ihren Stück. Und vielleicht ist kein Platz für mich in diesem ihrem Land, und nie werd ich zu der Fettschicht gehören, nicht materiell, und schon gar nicht kulturell.

REŃKA: Nein, Aśka, das ist doch nicht wahr, du hast mehr im Kopf als diese ihre Fettschicht, weil die denken, wenn man schon ist in diesem Theater, muss man sich langweilen, auf maximal, und ein winziges Stück Unterhaltung wäre schon eine Schande und Verbrechen obendrauf.

AŚKA: Und endlich ist es zu Ende, und das ganze wohlernährte Publikum, klatscht los. Und nur wir zwei gucken wie der Hartz-IV-Empfänger vor Butter-Lindner.

REŃKA: Die klatschen nur, weil sie denken, dass es sich gehört, und es muss so sein. Weil die haben Schiss, dass jemand sieht, dass sie nichts kapieren, und noch dazu haben sie dafür bezahlt.

AŚKA: Und wir schleppen uns nach Hause, in diese unsere psychodelische Küche, und Reńka macht sich sofort an diese ihre polnischen Buletten ran, und mit vollem Mund verkündet sie:

REŃKA: Aśka, eins sag ich dir: wenn DAS diese deine Qualität ist, und eine hohe Kultur da steige ich aus – in dieses Theater, da zerrst du mich nicht mal mit einem Ochsen, auch wenn die uns unsere Bude wegnehmen wegen dieser Gentrifizierung, da geh ich nie wieder hin. Da bleibe ich lieber in diesen 90%, und mit dieser deiner Fettschicht bleib mir von dem Leib.
Und Aśka guckt und sieht,

AŚKA: das Fleisch zwinkert mich an, na, normal, diese Fettaugen auf diesen Bouletten, die zwinkern mir zu, wie beim Speed-Dating die alte Jungfrau.

REŃKA: Und Aśka hält es nicht aus, stopft sich eine Bulette rein, und auf einmal lächelt sie von Ohr zu Ohr.

AŚKA: Reńka, wenn du was sagst, lügst du nicht. DAS ist doch die grösste Qualität auf der ganzen Welt, diese unsere polnischen Buletten, so wie du die machst. Und wenn ich schon zu dieser Fettschicht nicht gehören kann, wenigstens ess ich die auf.

REŃKA: Und so hat Reńka Aśka beibgebracht:

REŃKA UND AŚKA:

WENN MAN NICHT HAT, WAS MAN MAG, MAG MAN HALT
DAS, WAS MAN HAT.

Metropolinnen zwischen Bett und Küche

Aśka & Reńka

UNSER DEUTSCHLANDMANN

AŚKA: Weil das ist so: Reńka hat es am blödsten und am schlechtesten aus der ganzen Welt.

REŃKA: Und Schuld daran ist: DER DEUTSCHLANDMANN.

AŚKA: Weil Reńka hat zuviel Patriotismus gefressen und denkt, sie muss so machen wie Wanda, diese polnische Prinzessin, die den Deutschen nicht wollte, und, normal, hat sie sich lieber von der Klippe runtergeworfen, als dass sie den geheiratet hat. Und Reńka trippelt, in diesem ihrem engen Rock, wo der ist die Rache der chinesischen Textilindustrie, damit die EU-Frauen gehen müssen wie die Gejschas.

REŃKA: Ich weiss schon was geht in diesem Deutschland-Mann, der hat eine Tendenz zu extremen Verhalten: Entweder will er wie ’ne wilde Pershing mich knallen, sofort im Club, noch auf den Kacheln, im Klo, und ich muss fliehen wie das Pferd in dem Western. Oder er geht an mich wie der Hund zum Igel, und aus allem macht er gleich ein Partisanenkrieg. Und wie er sich abplagt, wenn er mich einladen will zum Rendez-Vous, als würde er tragen ein Sack mit Zement.

AŚKA: Weil du ziehst dich an wie die Frau von Lukaszenko, wenn die in die Oper geht. Du siehst aus, dass normal „Näher dich ohne Messer nicht“. Und auch wenn schon ein Kamikaze-Selbstmörder würde einfach davonlaufen müssen. Weil wer will schon freiwillig, dass jemand ihm mit dem Messer in Rücken sticht?

REŃKA: Willst du, dass ich gehe, wie die Ratte zur Kanaleröffnung, wie du? Eher sollen mir die Zähne ausfallen. Oh nein, ich bin Polin – noblesse oblige. Aber Aśka hört nicht zu, sie liegt da, wie immer, den Computer auf dem Bauch, in diesen sexuellen Seiten, passion.com oder was:

AŚKA: Du, Reńka, weil hier normal, kann man sich treffen, sogar mit ei’m Paar. Und Reńka wird ganz traurig, am traurigsten auf der Welt, weil sie muss doch, um zu haben diesen Sex, bis nach Polen fahren. Weil sie ist Romantikerin und Traditionalistin, und nur in Polen ist es jedem klar, was er mit Reńka machen soll:

REŃKA: erobern, Blumen, einladen zum Rendez-vous, sich romantisch mit mir unterhalten –

AŚKA: dann kann sie haben Sex, sogar zwei Nächte und drei Tage, non-stop-kolor.

REŃKA: Weil dort alles passiert, wie es passieren soll. Weil in Polen, wenn du am Freitagabend über die Strasse gehst, musst du dich durchschlagen. Weil sie da strömen, ganze Kolonnen, mit Blumen, und manche sogar mit Plüschteddies, zum Date. Und hier – Romantismus haben die soviel, wie die Katze ausheult –

AŚKA: Und Reńka weiss, wieso das so ist.

REŃKA: Weil die gucken nie in die Sterne sondern immer nur unter die Füsse.

AŚKA: Und wenn sie schon nicht unter die Füsse gucken, glotzen sie ihr immer auf den Busen, als hätte sie auf dem Busen ein Fleck.

REŃKA: Und es ist doch seit Hunderten von Tausenden Jahren, dass der Typ einlädt, und der Deutschland-Mann, der ist ein Feigling und hat kein Mut. Und Aśka hat eine Offenbarung, weil sie hat doch immer ein Haufen Ratgeber, normal, wie andere die Bibel:

AŚKA: „DIE ANGST VOR NÄHE, BEZIEHUNGSANGST UND IHRE FOLGEN, DIE SEHNSUCHT NACH DEM STARKEN MANN“.

REŃKA: Und Aśka weiss Bescheid.

AŚKA: Weil du jetzt hier in deren Land wohnst, hast du dir das eingefangen – diese Beziehungsangst. Du, das kriegt man hier wie ’ne ansteckende Krankheit. Die hatte ich auch, und du hast das bestimmt.

REŃKA: Du glaub nicht, was die da schreiben, weil in Sibirien bei Stalin, in den Steinbrüchen, da geb ich den Kopf für hin, dass niemand das hat. Und auch in Polen – da wird einfach geheiratet – da kriegst du n Kind, nimmt man ne Wohnung auf Kredit und da liest man nicht sowas, sondern lebt. Und überhaupt in diesem deutschen Lande bin ich verloren für die Population und Demographie. Und Aśka jammert:

AŚKA: Jedem deutschen Mann müsste man eine Gebrauchsanleitung für Reńka reichen, damit`s was wird. Und Reńka schliesst sich an, an das Jammern:

REŃKA: Und überhaupt, das ist die Schuld von diesen Deutschlandfrauen, die haben so diese Männer gemacht, weil nur in Deutschland ist es so, dass die Frau zum Mann geht und sagt: Wenn du willst, will ich auch.

AŚKA: Aber weil Freitag abend ist,

REŃKA: haut sich Aśka auf den Boden vor den Spiegel, weil sie muss sofort in die Clubs, und schmiert sich, normal, dick auf zwei Finger, diese Lippen, und die Farbe wie der Po von dem Weibchen vom Pawian.

AŚKA: Und Reńka schreit zum Abgang:

REŃKA: Du Aśka, wenn Du ein Date hast, hab lieber Geld, weil du wirst noch bezahlen müssen, nicht nur für dich, sondern auch für ihn. Und die Blume kannste gleich überhaupt vergessen – die hatte schon Recht, die Wanda, die den Deutschen nicht wollte – du weißt wie die Kellner fragen in den italienischen Kneipen: Bezahlen sie normal oder auf deutsch? Und überhaupt: n Typ findet man nicht in der Diskothek – sondern in der Bibliothek!

AŚKA: Und ausgerechnet an diesem Abend

REŃKA: lernt Aśka ihren Freund kennen,

AŚKA: in einer Kneipe die „Muschi“ heisst.

REŃKA: Mutter Gottes, Jesus Christus, und Papst, du polnischer, natürlich. Die Liebe seines Lebens in der Muschi kennen zu lernen, die Aśka, die hatte immer schon Schwein.

AŚKA: Und daraus folgt:

REŃKA: Auch auf der Müllkipppe kannste deinen Zukünftigen kennenlernen. Und die blöde Wanda, die ist nicht ganz dicht unter der Kuppel! Soll die doch erblinden!

Metropolinnen zwischen Kudamm und Küche

AŚKA & REŃKA

UNSER DRECK

AŚKA: Wenn wir um was streiten, dann nur um eine Sache: um die Hygiene.

REŃKA: Weil das ist so, dass es einfach normal die menschliche Vorstellungskraft übersteigt, wie wir uns unterscheiden, wo es um Sauberkeit geht.

AŚKA: Weil Reńka ist auf dem polnischen Dorf groß geworden, und da hat sich ’n Huhn manchmal in das Zimmer verfangen, und natürlich hat es auf den Teppich geschissen.

REŃKA: Aber so n Dreck wie bei Aśka in Berlin hab ich, solange ich lebe, in der ganzen Welt nicht gesehen. Na und an diesem Tag gehen wir spazieren, und diese Aśka, was hat sie da wieder angezogen, diese alte Hose von dem Schlafanzug, wo sie die ganze Nacht mit geschlafen hat, rosa mit Herzen, mit den Löchern. Der Arsch sieht aus wie so `n Sieb.

AŚKA: Und wir laufen so diesen Ku’damm entlang.

REŃKA: Sie neben mir in diesem Hosenlump, einfach Scham wie die Pest, und die nichts, lächelt dümmlich, und hat auch noch gute Laune.

AŚKA: Und wir gucken. Und da auf den Plakaten, so großen, 2 auf 2 Meter oder was, Angela Merkel, so retouchiert, dass sie aussieht, normal, so sauber, als ob sie grad aus der Waschmaschine springt. Und dazu, mit einer ochsengrossen Schrift, steht da: DEN WOHLSTAND ERHALTEN UND MEHREN. Also sagt Reńka:

REŃKA: Aśka, guck du mal zu dieser Angela, guck wie sauber die ist, wenn du die ganze Zeit wie so ne Schlampe gehst, gibt die dir nie ’n Wahlrecht. Und wir kommen in unsere Bude, und dort, wie immer, Dreck, Süff, der Boden grau-schwarz. Es gibt den Verdacht, dass er mal Blau war, aber man kann irren. Spinnweben hängen wie Gardinen, Aśkas Klamotten überall, dazwischen verschimmelte Kaffeetassen – man muss sich mit der Axt den Weg freihacken.

AŚKA: Und Reńka mit Irre im Auge stellt fest, sie will nicht mehr eine beschädigte Mitbürgerin sein, sondern eine echte, mit Wahlrecht und allem, und fängt an zu putzen, eine Riesen-Säuberung, normal, wie ihre Mutter vor Ostern. Den Lappen in der Hand verkündet sie:

REŃKA: Aśka, ich mache hier eine historische Tat. Die Fenster und die Türen, die waren das letzte Mal gewaschen in den 30-er Jahren, als Hitler an die Macht kam. Und Aśka rennt in ihr Zimmer, holt das Feng-Shui-Buch, damit sie auch etwas zu diesem gemeinsamen Putzen beitragen kann.

AŚKA: Und Reńka schrubbt den Herd, bis sie Wunden an den Händen kriegt. Der Schweiss rinnt ihr zum Arsch. Die Reńka, die hat’s wohl gefickt, weil sie den Herd wegschiebt, der hier steht seit sieben, zehn Jahren. Und dann glotzt sie noch dabei, als hätte ich ihr die letzte billige Zigarette aus Polen weggeraucht.

REŃKA: Du, Aśka, ist nicht meine Mission, deine Putzfrau zu sein.

AŚKA: Du, Reńka, du bist wirklich irgendso ’n Wunder von Gott, weil das ist alles wahr, weil Feng Shui sagt auch: Dreck verklebt die Energie. Und REŃKA überflutet das Blut:

REŃKA: Du Feng-Shui, guck, her, unter den Herd, was wir hier züchten, diesen Amazonasdschungel, nix Feng-Shui. Ich wusste nicht, dass noch etwas ausser dir in der Bude so lebend blüht. Das bewegt sich, es stinkt, es sollte Miete zahlen.

AŚKA: Und jetzt gibt es aber keine Zeit zum Streiten, weil auf einmal sagt das Radio, dass diese Partei, normal, die von den Skins, die rechte, hat Briefe geschickt, an ausländische Politiker, dass sie sie abschieben wird. Die türkischen, polnischen, alle weg, ab nach Hause.

REŃKA: Siehst du Aśka, was hab ich gesagt, wenn sie die abschieben können, dann uns auch.

AŚKA: Und Reńka, angepisst wie eine Messerschmitt, rauscht aus der Küche, ab in das Wohnzimmer, haut sich auf die Knie, und schrubbt, als hätt sie eins draufgekriegt, den Boden. Sie sieht aus wie so ne Märtyrerin von Christus. Und plötzlich hält sie in den zwei Fingern irgendso ’n amtliches Dokument. Freizügigkeitsbescheinigung.

REŃKA: Von Aśka die, mit gelben Katzenpipi voll! Und Aśka steht zufrieden inmitten des Zimmers, hat sich ’n Brot geschmiert mit Tomate, und frisst und sagt:

AŚKA: „Oh, das hab ich schon lange gesucht.“

REŃKA: Aśka, wenn die hier aus dem Deutschland das sehen, dass du auf ihre Dokumente pisst, kriegst du nie im Leben Hartz IV. Und das Wahlrecht kannst du gleich vergessen. Aber Aśka legt sich wieder, wie immer, in ihr rosanes Puff-Zimmer, in ihr Bordell, auf den Berg ihrer dreckigen Klamotten, zwei Meter hoch, macht den Computer an, weil sie ist doch abhängig, und steckt dabei die Nase in ihre dreckigen Socken.

AŚKA: Und Reńka stopfts zu, wie sie die Regale sieht, weil da:

REŃKA: rosa Staub. Zwei Finger breit und fettig wie Butter. Auf einmal Aśka ins Geheul:

AŚKA: Du, Reńka, komm schnell. Reńka kommt, guckt, sieht:

REŃKA: auf dem Display n rotes Plakat, von dieser Partei von den Skins, und auf ihm eine riesige Aufschrift:

AŚKA: POLEN-INVASION STOPPEN.

REŃKA: Aśka, ich rate dir gut, steh auf und putz, sonst kannst du gleich, wenn sie uns abschieben, mit diesem rosa Staub die Reisebrote schmieren.

AŚKA: Und aus dem Ganzen Reńka muss pinkeln, damit sie nicht ein hysterischen Anfall kriegt, läuft ins Bad, und dort:

REŃKA: Meine Gläser! In dem Wischeimer, in welchen ich gerade den Dreck aus dem schmutzigen Boden gewrungen hab, Schüsseln und Teller, am Einweichen, saugen sich voll mit Bazillen. Und Aśka trottet hinter mir her und grinst stolz,

AŚKA: und Reńka brüllt:

REŃKA: Du Aśka, bete um gesunde Beine, weil für den Verstand ist es zu spät. Und Aśka sagt, mit einem Riesenlächeln auf dem Gesicht, dass sie sich doch schon vorbereitet, und nächsten Mittwoch spült sie es.

AŚKA: Und Reńka sinken die Pfoten:

REŃKA: Du, Aśka, du lieber sagst nichts mehr, nimm die Alditüten mit dem stinkenden Müll und hop runter damit. Aber Aśka haut sich in den Stuhl, erstrahlt wie die Sonne und sagt:

AŚKA: Aber warum denn? Das ist doch UNSER Dreck, das ist doch das einzige Wohl das wir haben. Und Angela Merkel hat doch auf dem Plakat stehen, dass wir den Wohlstand erhalten und mehren sollen.

REŃKA und AŚKA: Und so hat Angela Merkel Reńka beigebracht, mit Aśkas Dreck zu leben.

Metropolinnen zwischen Krieg und Küche

Heute lesen Aśka & Reńka in der Regenbogenfabrik. Und hier der zweite Text aus der Reihe Metropolinnen.

UNSER KRIEG

REŃKA: Na, weil das ist so:

AŚKA: Wir kommen immer überall zu spät, weil natürlich wir immer morgens in dieser unserer psychodelischen Küche rumsitzen.

REŃKA: Na und Kaffee kochen wir.

AŚKA: Reńka trinkt Saft,

REŃKA: und Aśka isst sogar Brote.

AŚKA: Und besonders wenn wir wohin rausgehen und nicht zuspät kommen sollen, kommt uns dieses Thema in den Kopf.

REŃKA: Und es ist sehr wichtig.

AŚKA: Weil es geht um Krieg.

REŃKA: Der wird doch bald ausbrechen, und man muss n Plan haben.

AŚKA: Also wir beide haben schon ausgearbeitet so n Plan. Und jetzt sind wir ruhig, weil wir wissen, dass wir diesen Krieg überleben.

REŃKA: Die Rollenverteilung wird so:

AŚKA: Also Reńka kann nähen, und überhaupt was kochen, und dazu noch kann sie irgend so n Garten bestellen.

REŃKA: Also unten im Hof bestellen wir so n Gärtchen, na, normal, alles. Kartoffel, Schnittlauch und so Zeug.

AŚKA: Oder noch besser – wir machen so n Kurs und Reńka lernt, wie Suppe zu machen ist aus Birkenblättern oder Gulasch aus Wurzeln und Gras.

REŃKA: Und so wird es immer was zum Mittag geben. Und man weiss, dass es keine Läden geben wird mit Kleidung.

AŚKA: Aber Reńka näht alles, sogar mit der Pfote.

REŃKA: Aber auch Aśka hat ne Aufgabe. Sie hat da so ihr Erkennungszeichen: und das sind rote Lippen, die in unserer ganzen Bude rumhängen, im Flur, als Bilder, und sogar auf den Kacheln in der Küche. Sie wird also die Flyer machen – für die Jungs aus unserer Widerstandsbewegung. Und auf jeden Flyer mit angemalten Lippen wird sie ’n Kuss raufdrücken.

AŚKA: Na, um so irgendwie moralisch zu unterstützen, unsere Krieger –

REŃKA: mit diesen Lippen, die so sexuell aufgeblasen sind. Und Aśka hat doch vor diesem Krieg so Angst, dass sie gar nicht das Haus verlassen wird.

AŚKA: Also wird Reńka, unterwegs zu der Fabrik, wo sie die Uniformen näht, so ganz nebenher, die Küsse verteilen. In der U-Bahn legt sie sie aus, gibt sie allen, so halt, weil sie wird keine Angst vor dem Besatzer haben.

REŃKA: Garantiert nicht. Und überhaupt dieser Krieg, der da kommen wird, 2016, der wird nicht so normal sein, sondern hegemonisch.

AŚKA: Und das heisst nicht, dass Polen mit den Deutschen kämpft, wie normalerweise, oder was?

REŃKA: Nein, zwei ganze Kontinente werden beteiligt sein. Weil genau das hat der hegemonische so an sich. Und Aśka, die hat Angst, dass es schon so nah ist,

AŚKA: schon in 7 Jahren, da ist es doch besser, gar nicht mehr aus dem Bett aufzustehen, gleich sich in das Laken einwickeln und zum nächsten Friedhof kriechen.

REŃKA: Aber ich, Reńka, sage ihr: dass es nicht meine Schuld ist, und ich keinen Einfluss drauf habe, weil das alles aus der Super-Zyklus-Theorie hervorgeht. Das heisst, dass dieser Krieg kommt, in abgezählten zeitlichen Abständen.

AŚKA: Und den nächsten Termin hat er 2016.

REŃKA: Und da ist nichts zu machen.

AŚKA: Na und wir trinken schon diesen dritten Café, den löslichen, aus Aldi, von dem vielleicht schon noch vor dem Krieg wir diesen Krebs kriegen und Reńka erklärt, dass das alles logisch ist und alles stimmt.

REŃKA: Weil Nostradamus hat es auch so gesagt, und genauso ist es in den Vorhersagen aus Fatima. Die, die der Papst im Vatikan unter Schloss verschlossen hält, so schrecklich sind sie. Und dort steht geschrieben, wie der Kuh aufs Maul, dass die kleine Rasse wird durch die Russen durchgehen, und alles unterwegs verbrennen, bis sie zu uns nach Berlin kommt. Und Aśka verschluckt sich fast an ihrem Käsebrot, und fragt,

AŚKA: was das denn so heissen soll, angeblich. Und Reńka sagt:

REŃKA: Wenn die kleine Rasse, dann ist es doch wohl klar, dass es um die Chinesen geht. Die haben in ihrem Haushalt den Kapitalismus UND politische Diktatur, einfach total gefährlich sind sie. Und Aśka sagt, sie mag die Chinesen nicht mehr, und Angst hat sie.

AŚKA: Und Reńka hat auch schon Angst, aber wegen etwas ganz anderem, wegen dieser Situation der Männer in der westlichen Welt.

REŃKA: Auf den ersten Augenwurf schon, sieht man doch, dass sie so irgendwie rachitisch sind.

AŚKA: Weil als einmal unsere rote Katze Rasputin ne Taube attackiert hat, und die Taube lag so, halb-tot, im Hof, dass man sie zu Ende totschlagen musste,

REŃKA: da haben, voll bekloppt, irgendwelche aus unserem Haus, alles Männer mit vollem Maul, sie in einer Schüssel ertränkt, und das Wesen musste leiden, statt dass sie ne Axt nehmen und ihm schnell – hop – den Kopf abhauen. Das wäre schmerzlos.

AŚKA: Und Reńka nervt sich, dass sie nicht sie holen gekommen sind, weil sie ist vom Dorf, und ihr Opa hat es so gemacht,

REŃKA: und das war ein starker Mann, und humanitär.

AŚKA: Also kann es sein, dass Reńka sich in diesem Krieg auch noch schlagen muss, mit dieser kleinen Rasse,

REŃKA: obwohl das in keiner Vorhersage so steht.

AŚKA: Und dann, wenn sie zurück kommt von dieser Schlacht, abends, voll fertig und dreckig, muss sie diese ganzen Typen noch trösten.

REŃKA: Na die aus unserem Haus, die nicht mal wissen, wie man ’ne Taube fertig kriegt. Und Aśka jammert die ganze Zeit, dass erstens sie gar nicht klarkommt in diesem Krieg, und zweitens, dass sie doch nicht überleben wird, weil sie ja nichts kann. Und plötzlich blitzt Intelligenz in Aśkas Gesicht, sie stellt sich vor diese unsere Spüle, nimmt so ein riesiges Glas, das 2 Liter fasst, in die Hand, giesst es mit Wasser voll, und in einem Schluck trinkt sie es aus, und gleich giesst sie es nochmal voll. Und Aśkas Plan ist so, daß wenn sie aus den ganzen Rohren ganz Berlins das ganze Wasser austrinkt,

AŚKA: werde ich so saubere Nieren haben, dass wenn Reńka verwundet wird, gebe ich ihr eine blitzklare Niere, und so rette ich sie. Na, und ich werd ’ne Beteiligung haben.

REŃKA: Aber vorerst sitzt sie die ganze Zeit in diesem Bad und pinkelt. Und immer ist besetzt,

AŚKA: und Reńka kann nicht rein.

REŃKA: Und deswegen kommen wir immer überall zuspät.

AŚKA: Aber das ist egal, weil wir habens so oder so am Besten in der Welt.

REŃKA: Weil wir sind vorbereitet.

AŚKA: Und alle werden uns beneiden.

Metropolinnen zwischen Hof und Küche

aska-renka-rfAśka & Reńka werden in ein paar Tage in der Regenbogenfabrik lesen. Und ich hoffe, ihr kommt alle hin, alle, vor allem aber die anderen Autoren dieses Blogs, weil ich somit so etwas wie einen Stammtisch oder ein Kaffekränzchen “meiner” Blogschreibern statuieren möchte.

Mehr über unsere Autorinnen HIER und darunter erste Folge vom osteuropäischen Irrwitz!

AŚKA & REŃKA

UNSER KICK

REŃKA: Na, zuerst müssen wir erklären, wie wir aussehen, weil das weiss doch noch niemand.

AŚKA: Reńka sieht aus wie ne Dame. Im Mantel, voll elegant, als würde sie am Sonntag spazieren gehen, und sie geht doch nur ins KIK und Aldi, und das wichtigste: sie raucht diese dünne weisse Kippe, den ganzen Weg lang. Und wenn sie ausgeht, zündet sie sich sofort die nächste an.

REŃKA: Und Aśka ist kleiner, und schwarz, weil ich bin blond, und so kann man uns auseinander halten. Und sie geht in dieser Bluse, die ich ihr gekauft habe, in der schwarzen, zum Joggen, wo sie die Nacht mit geschlafen hat, und jetzt geht sie damit. Scham. Einfach Scham.

AŚKA: Also, weil wir jeden Samstag zu KIK gehen. Und normal ist es so, dass wenn es dieses KIK nicht gäbe, wäre es ’n Schwanz und kein Samstag.

REŃKA: Weil in diesem KIK können sogar wir uns erlauben, uns was zu kaufen. Weil dort alles ein Euro kostet oder auch weniger.

AŚKA: Und alles das geschieht folgendermassen: Dass Reńka die Tasche auf die Schulter nimmt, und die Flaschen zum Abgeben,

REŃKA: und Aśka zieht hinter sich her diese Reisetasche auf Rädern. Wir sehen zusammen aus wie Weiber aus Russland, wenn wir durch die Damaschkestrasse zur Kreuzung gehen.

AŚKA: Na und auf dieser Kreuzung sind Autos wie Schwanz, aber wir hauen einfach durch,

REŃKA: und Aśka bleibt in der Mitte der Kreuzung stehen und streckt ihre Hand, und das soll uns vor diesen Autos bewahren, die auf uns zufahren.

AŚKA: Und Reńka denkt, dass einer von ihnen letztendlichst auf uns rauffährt, einfach so, aus Prinzip.

REŃKA: Na, wenn es uns schon nicht raufgefahren ist, gehen wir weiter und Aśka denkt darüber nach, laut natürlich, woher diese ganzen Autos kommen.

AŚKA: Weil wie ist es möglich, dass alle diese Menschen so ’n Auto haben und Kasse dafür. Und in Urlaub fahren sie auch noch. Aber Reńka winkt ab:

REŃKA: Ach was, weil das sind gar nicht ihre Autos, sondern auf Raten gekauft, und eigentlich sollten die Bankbesitzer damit fahren, und in Urlaub fahren sie schon – aber nach Polen – damit es billiger ist. Weißt du nicht mehr? Wir haben sie doch mit eigenen Augen gesehen als wir in der Heimat waren, da waren auf dem Zeltplatz nur Deutsche.

AŚKA: Und der einzige Pole, der sein Zelt neben uns aufgeschlagen hat,

REŃKA: wegen dem Patriotismus und damit er sich sicherer fühlt,

AŚKA: schrie morgens um 6 schon zu seiner Frau, wie hoch der Euro steht, und dass wenn es so weiter geht, kommen die Deutschen zu uns nach Polen Kartoffeln buddeln und nicht zum Baden.

REŃKA: Sein Wagen hat er extra an ein Baum gekettet,

AŚKA: mit einer Kette, dick, wie für ne Kuh.

REŃKA: Und dann ist keine Zeit mehr zum nachdenken, weil dann KIK schon vor uns auftaucht.

AŚKA: Und das ist ein Wunder, dieses KIK, ganz einfach, weil das Leben hätte absolut keinen Sinn ohne dieses KIK, an diesem Samstag. Aber es gibt Grundsätze: dass jede von uns nur eine Sache kaufen darf.

REŃKA: Und Aśka, natürlich, hält sich nie an diese Regeln, weil sie muss alles lagermässig haben, und so kauft sie zehn rosane Kerzen.

AŚKA: Und Reńka kauft Höschen. Weil sie hat ne Psychose auf Schlaf-Höschen, und muss viel davon haben, und am besten Boxer-Shorts, und aber männliche.

REŃKA: Wenn wir schon gehen aus diesem KIK, diese Strasse hoch, zum Aldi, träumen wir, was wir uns so kaufen würden, wenn wir verdienen würden.

AŚKA: Ein Vollidiot fährt vorbei und hupt. Und Reńka sagt:

REŃKA: ich werde nie einen Deutschen heiraten, die kaufen doch alles auf Raten. Weil früher da hat das polnische Mädel sich n Deutschen aufgerissen, und alle waren neidisch, weil sie ja reich war. Und jetzt können diese Polnischen Mädels sich voll schneiden. Weil sie lernt so n Deutschen kennen, und freut sich, dass sie bis zum Lebensende nichts mehr machen muss, nur die Nägel lackieren, und dann kommt sie hierher, guckt, und er Hartz IV.

AŚKA: Und jetzt, endlich, stehen wir in diesem Aldi. Und Reńka jammert, dass wir hier einkaufen,

REŃKA: und in Polen ist das Essen nicht nur billiger sondern auch noch viel besser, und während wir hier sind, kaufen die Deutschen uns in Polen alles aus.

AŚKA: Weil Reńka hat es selber gesehen, wie fünf so Deutsche, klassisch, kurze Haare und Brillen mit Goldrand, ganze Säcke voll aus Polen rausfuhren:

REŃKA: jede hatte an die zehn Stück Butter, Brote, Wurst, saure Gurken, und soviele Schmerztabletten, als hätten sie drei Apotheken aufgekauft.

REŃKA: Und Aśka sagt,

AŚKA: dass wir doch aber nicht so bekloppt sind, um zur Grenze zu fahren und zurück, am Samstag, zum Einkaufen. Das ist doch Quatsch.

REŃKA: Und dann ist keine Zeit mehr zum Nachdenken,

AŚKA: weil wir uns diesen Zeitschriften nähern, die wir natürlich nicht kaufen.

REŃKA: Aber wir müssen einen Moment vor ihnen stehen, weil Aśka mag es sich vorstellen, dass wenn sie morgens in die Küche kommt, und ich sitze am Tisch, dass ich so ne „TIMES“ lese, damit ich ihr erkläre, worum es nun geht, in dieser Welt. Und ich lese doch gar keine Zeitung, und schon gar nicht auf englisch.

AŚKA: Und Reńka sagt, sie kann unsere Lage auch ohne die Zeitung erklären, weil sie weiss genau, worum es geht.

REŃKA: Weil jetzt kaufen die Polen die ganze billige Erde auf, in diesem Mecklenburg-Vorpommern, weil dort sind alle sehr arm, und noch ärmer als in Polen, und habe ’n Haufen Skins. Na also kaufen die Polen das ganze Land auf, billig wie Borschtsch, und noch sagen sie, dass sie auf diese Weise unser altes slavisches Land zurück zu dem Mutterleib führen. Weil vor langer Zeit, waren dort überall Slaven und Schluss. Und Aśka will wissen, ob ich damit sagen will, dass Mecklenburg-Vorpommern früher Polen war,

AŚKA: und Reńka denkt nach und sagt:

REŃKA: Irgendwie schon.

AŚKA: Und wenn wir aus diesem Aldi rauskommen, dann müssen wir wieder an dem Kik vorbeigehen. Na und natürlich gehen wir wieder rein, weil wir können es uns nicht verwehren.

REŃKA: Und auf einmal gucke ich und Aśka hält mir ne Hose hin, aus Polyester, dass garantiert der Arsch drin schwitzt, und in der Farbe braun und in einer Farbnuance, die an Durchfall erinnert, und mit freudiger Miene verkündet sie mir,

AŚKA: dass diese Hose nur ein Euro kostet.

REŃKA: Also sag ich ihr sanft, dass die Hose ihr zu klein sein wird. Und sie mir daraufhin:

AŚKA: Na, das macht doch nix, das kann man doch heute kaufen und morgen wegschmeissen.

REŃKA: Und genau das ist es:

REŃKA
UND AŚKA: UNSER KICK.

aska_und_renka_rauchen_netzWeitere Folgen folgen 🙂

Saligia

Johanna Rubinroth & Kerstin Hering (Foto)

Saligia ist der Akronym der sieben Hauptlastern oder 7 peccata capitalia: superbia, avaritia, luxuria, invidia, gula, ira, acedia. Es waren Charaktereigenschaften, die im Mittelalter als Ursache vieler Sünden galten und daher manchmal Hauptsünden, Wurzelsünden oder gar Todsünden genannt. Aber es sind Laster keine Sünden!

Sie waren Gegenstand vieler Darstellungen in der bildenden Kunst, in der Literatur und Film, gar in Musik.

Hieronymus Bosch, Sieben Hauptsünden (in den Ecken – Die vier letzten Dinge)

saligiaSo wie oben schreibt die Zeitung Spex, die eine Kultufunktion zu haben scheint, zumindest in Kreuzberg, über das schreckliche Jahr 2014.

In der Fotoserie unten setzen sich zwei junge moderne Künstlerinnen mit den Sieben Todsünden (Hauptsünden) auseinander.

01superbia02avaritiaII03Luxuria04invidia05gula06Ira07acedia

Unser Fest

Aśka & Renka

Auf der Flucht vor Weihnachten hat Aśka (to nie ja, Joasia, to TA KATASTROFA AŚKA!!!) das wichtigste vergessen…

…um doch noch zu erzählen, wie Aśka und Renka den 24. Dezember verbracht haben, schickt Joasia UNSER FEST, als email, als doc, als odt, als pdf, und mit Foto noch dazu… (aber erst am 26. Dezember, als alle Tage schon von anderen Autoren belegt sind – Anm. EMS)

…und im sinne dieser christianischen Vergebung, wo Jesus heute doch 2 Tage alt ist, vergeben wir auch dieser Aśka? (unter uns gesagt ist Jesus schon nicht nur 11 Tage alt, sondern auch schon beschnitten, was die Kirche am Neujahr gefeiert hatte. Aber die Geschichte ist auch mit Verspätung schön und amüsant. Mit ihr geht unser Christmas-Zyklus vorerst zu Ende, es sei denn auch Dorota noch etwas schreibt. – Anm. EMS)

UNSER FEST

RENKA:        Na weil das war so: Aśka kommt nach Hause und schreit:

AŚKA:           „Du, Renka, Rachela, meine alte Mutter, ist einfach abgehaun nach Israel, und hat uns n Hunderter dagelassen, und an der Klagemauer betet sie jetzt, und die denkt noch, dass du hier so n Weihnachten für alle machst, nicht nur für deine Familie, sondern für meine dazu, weil du doch immer alles machst.“

Und RENKA leuchten die Augen:

RENKA:        Jesus, ein ganzer Hunderter in einem Stück, das hab ich seit ich lebe in diesem deutschen Lande, auf Augen nicht gesehen. Das ist doch ein Wunder, das grösste Wunder der Welt. Guck, der Hunderter ist grün! Und das hab ich nicht gewusst.

AŚKA:            Auf einmal wird Renka weiss wie die Wand, weil jetzt muss sie doch machen diese 13 Gerichte, so wie normal man das in der Heimat macht, zu Weihnachten

RENKA:        das ist doch Gottes Geburt und nicht irgend ein Furz.

AŚKA:            Weil Renka, die ist vom Dorf, wo die noch haben heilige Bilder auf allen Wänden, sogar im Flur hinter der Tür

RENKA:        und nur weil wir hier leben entschuldigt nicht, dass es keine 13 Gerichte gibt. Das ist doch ein Muss, weil als ich 12 war, da hab ich den Papst getroffen, live, als er damals in Polen war, und er, normal, hat mich auf die Stirn geküsst. Und meine Mutter hat mir verboten, die ganze Woche, diese Stirn zu waschen und alle wollten mich anfassen.

AŚKA:            Ee, Renka, lass locker, wir sind doch hier in diesem deutschen Lande, hier glaubt doch niemand an Gott, und an diesen dein Papst, an den glaubt hier nicht mal der hinkende Hund.

RENKA:        Du Aśka, lieber lästerst du nicht, sonst wächst dir ein Herpes auf der Zunge, du weißt doch nicht mal, wie er hieß, unser Papst, der hieß nämlich doch Karol Wojtyła, und sogar Du Aśka, du bist doch Polin, und denkst, der hieß mit Vornamen Johannes und mit Nachnamen Paul.

AŚKA:            Und Renka denkt schwer nach:

RENKA:        Aber Aśka, irgendwie Recht hast du, hier glaubt doch niemand an Gott.

AŚKA:           Und Renka fällt ein, die hat sich mal verlaufen, auf eine deutsche Messe.

RENKA:        Und dort standen drei Leute, in dieser riesigen Kirche, und singen konnte keiner davon. Und wie die mich hier jeden Tag beschimpfen als Katholikin, ständig muss ich ihnen beglaubigen, dass ich normal bin. Und wenn ich mich hübsch anziehe, weil ich in die Kirche gehe, fragen sie mich, ob ich heute Geburtstag hab.

AŚKA:            Und Renka nervt sich maximal:

RENKA:        Die sollen mich doch küssen, du weißt schon wo, und wenn ich diese 13 Gerichte mache, lachen die mich noch aus. Und daraufhin trifft Aśka ein Blitz der Erleuchtung:

AŚKA:            Hör zu, machen wir doch einfach ein jüdisches Fest, weil meine jüdische Familie die kommt bestimmt, und wenn wir nicht befriedigen die koschere Fraktion, kommt noch so n Dibbuk in uns, oder schlimmer… nimmt uns Rachela diesen wunderschön grünen Hunderter zurück.

RENKA:        Du Aśka, das hau du dir mit einem Gummihammer aus deinem Kopf, das ist doch Jesus Geburt, und wer war für die Juden Jesus? Na, normal, ein Betrüger. Und ausserdem, Aśka, sieh die Sache rational: so n Hunderter, der reicht nur für n Aldi, und nicht für so n koscheres Geschäft. Und Aśka verschluckt sich fast:

AŚKA:            Die Rachela lässt uns hier mit diesem einsamen Hunderter zurück und selber fliegt sie nach Israel? Soll die sich doch selber machen ihr koscheres Fest! SIE hat doch den orthodoxen Menopausentick, dass ihr unbeschnitten kommt keiner ins Haus. Und sieht sie ein Doppel-s, und im Deutschen gibt’s viel davon, die ganze Zeit denkt sie an die SS.

RENKA:        Und wir werden ganz trübsinnig und unsere Köpfe lassen sich hängen, weil gleich kommen diese unsere Gäste,

AŚKA            und was, sollen sie diesen grünen Hunderter essen?

RENKA:        Und aufeinmal springt Aśka fast unter die Decke:

AŚKA:            Du, Renka, ich hab, normal, eine Idee, aber welche: machen wir es so wie in diesem deutschen Land, im Sinne dieser ihrer Integration!

RENKA:        Was? Kaufen, kaufen, sich vollfressen und sich verstreiten, und dann noch so tun, als wäre alles Wunderglück – oh nein, mit mir nicht.

AŚKA:            Du Renka, Recht hast du, aber leise, unsere Wände haben doch Löcher, und wenn die hier dich hören, geben die mir nie Hartz IV.

RENKA:        Und in der Damaschkestrasse 24, verliert das Leben seinen Sinn,

AŚKA:            und beide wollen wir sterben,

RENKA:        und zwar sofort.

AŚKA:           Komm Renka, wir machen kein Fest, wir gehen schlafen, und wenn sie an die Tür klingeln, machen wir nicht auf, als wären wir in Polen oder tot.

Und Renka wird noch untröstlicher:

RENKA:        Und was? Sollen wir Rachela geben diesen wunder-grünen Hunderter zurück?

AŚKA:            Oh nein, nur über unsere Leichen. Weil wann sehen wir wieder so n grünen Hunderter in einem Stück?

RENKA:        Und plötzlich klingelt es an der Tür und schon kommen die Gäste:

AŚKA:            unser Moslem aus Bosnien, aufgebrezelt wie zum Impfen,

RENKA:        im Anzügchen a la Broz Tito, diesem Parteibonzen von den Jugos.

AŚKA:            Und dann, zum Ausgleich, der israelische Soldat,

RENKA:        voll und so schwankend, als geben die in dieser israelischen Armee zu enge Schuhe aus.

AŚKA:            Gleich danach, die langweiligeren Gäste, fünf nicht praktizierende Katholiken,

RENKA:        fett eingeflogen, total high, direkt aus Amsterdam.

AŚKA:            Und zum Ausgleich, dank Rachela, der angenähte Onkel Abraham,

RENKA:        wo Aśka den nie auf Augen gesehen hat.

AŚKA:            Und in dieser unserer Bude in der Damaschke 24, wurden plötzlich fünf Sprachen gesprochen,

RENKA:        normal, der Babelturm,

AŚKA:            nur ist nichts schlimmes daraus erwachsen.

RENKA:        Weil  wir habens noch mit dem Hunderter ins Aldi geschafft, und Renka hat schnell noch 200 Pieroggis geklebt

AŚKA:         und niemand hatte so tolle Weihnachten,

RENKA:     die besten in der Welt 

weihnachten bei renka und askaUnd sogar hat sich herausgestellt, was koscher ist: die Giraffe, ja, aber das Zebra schon nicht mehr, weil es Hufen hat.

pszpsz

Achtung: unten Kultureller Ratschlag von Johanna und Tanja auf Deutsch.

To musiał być ciężki miesiąc, ten styczeń dwa lata temu. A jednak i z takich ciężkich miesięcy można się otrząsnąć…

Honti

point
8 stycznia 2011

chleb
do szczęścia
potrzebuje
ust,

nie masła.

są światy,
których
mi
nie
możesz
dać.

– – –

tęcza
zagasła.

mimo
11 stycznia 2011

opowiedz mi
czemu
myśli
jak ptaki

ruszają z dwóch
brzegów
by się
mgłami
rozminąć

opowiedz mi
czym się karmi
wspomnienia
puszczone
na
wolność

o, powiedz mi
jak daleko
do
twojej
miłości

ryss
12 stycznia 2011

rozbijam wzrok
o lustro
twej złości

patrząc wstecz
ścigam cię
zwielokrotniona
płaczem

zagryzam
kanapką
z
ciszą

ból
nieistnienia

Pomost
20 stycznia 2011

odwiedź mnie

odśnież
odczaruj
odczytaj

zdmuchnij pył,
co w płatkach smutku
zakwita

odwiedź mnie

choćby
we
śnie

pszpsz
21 stycznia 2011

zakochane duchy
tańczą w parku walca –

który wygra turniej
może zjeść padalca

i zanurzyć piętę
w migdałowym sosie

by rozśmieszyć muchy
harcujące w nosie

________________

Tanja und Johanna über den Film “Mitternachtskinder” (Spiegel: Die Regisseurin Deepa Mehta hat Salman Rushdies magischen Roman für das Kino adaptiert)

Geschichte Indiens, von 1917-1977, allerdings mit Verwebung von Fantasie-Geschichten, göttlichen Gleichnissen und Realität – im fliegenden Wechsel – durch und durch indische Erzählweise.Viele märchenhafte Elemente. Drei Schwestern, vertauschtes Kind, geisterhafte Begegnungen, eine Hexe, die zaubern kann. Indira Gandhi, die Kinder mit besonderen Fähigkeiten fürchtet, jagt und vernichtet. Und grünes Chutney bringt schließlich das Happyend. Schöne Farben, geschmeidige Bilder, auch im Slum. Gesangseinlagen fast a la Bollywood. Leute haben im Laufe des Films graue Haare gekriegt, sonderliche charakterliche, Veränderungen hat aber niemand durchgemacht. Nicht so schlimm wie die Verfilmung von “Die Liebe in den Zeiten der Cholera”, aber das Buch garantiert besser.
Today is full moon. So look! Marvellous full moon in New Zaeland – video made by Mark Gee.
http://vimeo.com/markg/fullmoonsilhouettes

131281

Aśka & Renka
oder Johanna Rubinroth und Renata Borowczak-Nasseri
oder Metropolinnen / Metropolki

Sie schreiben über sich selber auf ihrer Homepage:
“… zwei Polinnen in Berlin. Die Küche ist der wichtigste Raum unserer Wohnung. Hier geht es hoch her. Wir braten nicht nur polnische Bouletten, hier wird vor allem diskutiert. Wie ist das zum Beispiel mit der Verteilung von arm und reich – wie kann man überleben am Rand der Gesellschaft? Und wie steht es mit Helmut, dem argwöhnischen Nachbarn, und der deutsch-polnischen Völkerfreundschaft? Wie…”
Als der Aufruf kam, 2011 für den Wetbewerb vom Polnischen Rat in Berlin, über Erinnerungen an den “Kriegszustand” in Polen und Hilfe aus Berlin zu schreiben, schrieben sie…

Weil das war so: Wir sitzen in dieser unserer psychodelischen Küche, Renka raucht diese dünne weiße Zigarette, und Aśka glotzt in diese ihre „Kauf-dich-glücklich“-Prospekte.

Und Aśka blättert bis in die Spielzeugabteilung, als ihre Augen werden plötzlich ganz weich:  Renka, guck, Barbies! Ich habe auch, als Kind, so eine Barbie bekommen. Sie war in einem Spendenpaket: normal, diese blonde Super-Puppe, in einem rosa Koffer, mit drei Kleidern zum Wechseln, und einem kleinen Plastik-Hund, und das in diesem kommunistischem Polenland!

Und auf einmal weiß Renka bescheid: Heiliges Recht hast du, ich auch! Schokolade aus Deutschland habe ich bekommen, damals in diesem Kriegszustand! Der Pfarrer hat in der Kirche Pakete verteilt,  und da waren die Lions, diese Schokoriegel mit Karamel, das sich göttlich an die Zähne klebt und auf der Zunge dreht!

AŚKA: Du Renka, mit meiner Barbie war ich noch drei Monate der Star im ganzen Dorf!

RENKA: Und ich, Aśka, die Verpackung von meinem Lion, die hab ich aufgehoben, um immer wieder zu riechen daran.

Und Aśka sagt: Wir wollen auch spenden, auch wenn wir selber leben am unteren Rand der sozialen Gerechtigkeit! Komm Renka, machen wir so ein Paket, mit Barbie, Schokolade, und andrem Essen. Und schicken es zu den Ärmsten der Armen, am Besten zu dem Hunger nach Afrika. Weil Renka eins sage ich dir: jedes arme Kind einmal im Leben hat so was verdient!

Aber Renka sagt: Aśka, Wann hat dein Konto das letzte mal Kasse gesehen, wenigstens einen Eurocent?

Aber Aśka muß helfen, kann jetzt nicht aufgeben, und schon stehen wir, vor diesem Bankomaten, und warten und beten, und wir haben Glück, weil wirklich – da kommt es – das erlösende Rattergeräusch. Und wir gehen raus, ganz glücklich, mit einem 50-Euro-Schein in der Hand.

Und wir gehen in dieses Ihre „Befriedige-alle-deine-Konsum-Wünsche“-Kaufhaus und müssen blinzeln, so viele Sachen gibt es da. Und wir streiten:

RENKA: Wir müssen diese Lions kaufen.

AŚKA: Nein, diese Barbie.

RENKA: Nein, erst das Essen, dann die Barbie, wenn was übrig bleibt.

Und Renka sagt: Du, Aśka, guck, wie wir uns daran gewöhnt haben, an dieses Übermaß. Erinnerst du dich, wie das damals war, als dieser General Jaruzelski, dieses kommunistische Oberhaupt, in der schwarzen Brille, uns mit dem Kriegszustand beschert hat, das war auch direkt vor Weihnachten – da gingst du in so ein Laden rein: alle Regale leer, und nur auf einem Brett stand Essig, oder höchstens Senf. Und das monatelang.

Und wir laufen durch dieses Riesenkaufhaus, und wir packen in den Einkaufswagen Schokolade, die mit den Rosinen und Zucker zwei Kilogramm.

Und auf Aśka flüstert: Ich weiß noch, wie ich das trockene Brot unter dem Wasserhahn naß gemacht habe, und mit Zucker bestreut, das war unsere made-im-Kommunismus-Süßigkeit. Du, und in dem Paket aus Deutschland, da waren warme Unterhosen. Und eine Winterjacke obendrauf. Komm, so was nehmen wir auch.

RENKA: Nach Afrika warme Unterhosen? Aśka, hör auf. Nehmen wir lieber doch mit so n Schweinefleisch in Soße in der Dose.

Aber  Aśka läuft schon zu dem bunten Obst-Gemüse stand, starrt die Früchte an, und haucht: Du Renka, für mich der Westen, damals, das war ein Zauberwort, und schmeckte nach rosa Kaugummis und Bananen!

Aber auch Renka hat ihre Erinnerungsvision an dem Gemüsestand; weil einmal Renka sollte Butter kaufen, und normal, es gab nur so was grünes rundes, wie Bälle, und es sah aus wie geschwollene Gurken. Und Renka hatte furchtbare Angst – kaufen, oder nicht kaufen. Zum Glück hat die Nachbarin gesagt: Nimm, was es gibt, weil morgen gibt es vielleicht gar nichts.

RENKA: Und als wir die geschwollene Gurke aufgeschnitten haben, hat sich gezeigt, daß sie innen drin rot sind und süß. Und so hab ich, mit acht, und meine Oma mit 77, zum ersten Mal eine Wassermelone gegessen.

Aber Aśka hört nicht zu, sie driftet zu der Spielzeugabteilung, die Barbiepuppe zu kaufen für das afrikanische Kind, Renka hinterher, und plötzlich bleibt sie stehen: Aśka guck, wie viele Waschmaschinen, normal, wie soll man entscheiden, welche man kaufen soll? Damals im Kommunismus, hat man sich gefreut, wenn man überhaupt eine hatte. Und um eine zu bekommen, in der Schlange mußte man stehen, Tag und Nacht, weil sonst ist der Platz verflogen. Und einmal, da standen wir und zwar eine Woche lang: Morgens mein Bruder, er hatte Schule zur Spätschicht, weil es nur wenig Klassenzimmer gab, wie ich von der Schule kam, hab ich ihn ausgewechselt, am Nachmittag ging Mutter in die Schlange, und Nachts stand Vater, und so die ganze Woche lang. Na und eines Nachmittags haben sie die Waschmaschinen angefahren. Sie haben 18 Waschmaschinen gebracht und stell dir vor: wir waren die 19 in dieser Schlange…

Und wir stehen an der Kasse und die Schlange ist lang, fast wie damals in diesem kommunistischen Polen, weil es gibt hier in Deutschland diesen Konsumwahn, und besonders vor diesen Weihnachten.

Und plötzlich sagt Aśka: Ich weiß nicht wie dieser Krieg ausgebrochen war, weil ich noch klein war. Ich weiß nur, wie ich mit meiner Tante war in der Stadt, um mir diese Okkupation anzuschauen. Soldaten, und Panzer, normal, überall. Und im Bus, eine Frau hat gesagt: “Jetzt werden wir die von “Solidarność” aufhängen“. Und die Augen brannten, von dem ganzen Tränengas.

Aber Renka hat ein Einstein-Gedächtnis und weiß alles ganz genau.

RENKA: Es ist der 13.12 Dezember 1981, ich stehe auf, zu gucken diese Kindersendung, diesen “Teleranek“, und wie immer gehe ich zum Opa, weil Opa und Oma haben über der Diele gewohnt, im gleichen Haus. Und dort auf dem Bildschirm, statt meiner Sendung: ein kahler Typ in großer schwarzer Brille und in Uniform, wie eine riesige schwarze Fliege sieht der aus. Und ich gucke – weil was macht mein Opa? Er steht auf und geht zum Fernseher, und spuckt auf den Bildschirm, auf diesen Fliegenmann. Und meine Oma, angepisst wie eine Messerschmitt, kommt mit einem Lappen gerannt, und reibt. Opa spuckt wieder, und schimpft: „Sie haben uns an die Russen verkauft.“

Und auf einmal sind wir schon an der Kasse angelangt, und müssen bezahlen, mit unserem kostbaren 50-Euro-Schein.

Und Aśka sagt: Weißt du noch? Damals, in Polen, da war alles auf Marken. Und auf ein Kind, auf ein Monat, fiel eine einzige Schokolade.

RENKA: Aha, von wegen, Schokolade, das war ein Schoko-ähnliches-Produkt, das schmeckte wie eine Mischung aus Asche und Mehl.

Und wieder stehen wir auf der Straße, vollgeladen wie die Weiber aus Rußland, mit diesem unserem Carepaket, und hauen in Richtung zu diesem Hilfswerk.

Und dort, die Frau, guckt uns an, und sanft sagt sie: Wir nehmen keine Sachen, wir nehmen nur Geld.

Und wir sehen aus, als ob uns eine Taube auf den Kopf geschissen hätte.

Aber Renka lässt sich nicht beleidigen von der Wirklichkeit und denkt wie immer praktisch: Komm, wir geben alles zurück, holen wieder das Geld, und bringen es her.

Und wieder hauen wir zu dem Kaufhaus, aber an der Kasse Aśka schaut in die Tasche, und, normal, der Bon ist nicht mehr da. Und Renka nervt sich, aber wie, auf maximal: Aśka, oh nein, du hast ihn verloren! Sollen wir die Afrika-Spenden jetzt selber essen?

Aber plötzlich Renkas Blick fällt auf einen Korb, voll mit Essen, und allerlei, und sie liest die riesige Aufschrift: „Kauf eine zusätzliche Packung für die Kinder zu Weihnachten“.

Und Aska guckt, denkt, auf einmal blitzt Intelligenz in ihrem Gesicht, sie lächelt von Ohr zu Ohr, und verkündet: Aber Renka, machen wir, wie da steht! Wieso suchen wir soweit? Die Deutschen haben uns damals gegeben, geben wir jetzt ihnen!

Die Kunst des schönen Gebens wird in unserer Zeit immer seltener, in demselben Maße, wie die Kunst des plumpen Nehmens, des rohen Zugreifens täglich allgemeiner gedeiht.
Heinrich Heine

Die Oder-Flut

Die Oder-Flut in Polen. Versuch einer Rekonstruktion
von Renata Borowczak-Nasseri und Johanna Rubinroth
Audycja radiowa – Radiosendung:
Freitag / 18.01.2013 /20:10 / Deutschlandradio

Sprecher 1: Radio-Moderator:
Polnischer Rundfunk Niederschlesien. Radio Dolny Śląsk, wir haben den 6. Juli 1997, es ist 20 Uhr 10. Unser Studiogast heute: Pan Krzysztof Miazga, Experte für die Prophezeiungen des Nostradamus. Wir Polen sind ja sehr abergläubisch und gehen öfter zu einer Wahrsagerin als in ein Lebensmittelladen, (Miazga lacht) – panie Miazga,  was passiert  in  Zukunft mit uns?

Sprecher 2: Krzysztof Miazga:
Lassen wir Nostradamus selbst sprechen:

Das Jahr folgt, entblößt durch Überschwemmung – so
schrecklich stark!
Bei Jung,  Alt und Tier: Blut, Feuer, Überschwemmungen,
die größten, die es je hier gab!

Sprecher 1:Radio-Moderator:
Das klingt ja ungeheuerlich!

Sprecher 2 Krzysztof Miazga:
In der Tat! Nostradamus hat für die Zeit zwischen 2003 und 2022 einen Klimacrash angekündigt. Es sollen kosmische Umwälzungen stattfinden, die sich katastrophal, aber zugleich auch heilend auf unseren Planeten auswirken werden. Die Pole werden schmelzen, es wird große Überschwemmungen in der Sahara und Hitze- und Dürrekatastrophen in Südeuropa und den Regenwaldgebieten geben.

Sprecher 1: Radio-Moderator:
Und Schuld daran sind wir selbst…

Sprecher 2: Krzysztof Miazga:
So ist es.

Sprecher 1: Radio-Moderator:
Lassen wir eine Hörerin zu Wort kommen – wir haben Magdalena in der Leitung:

Sprecherin 3:  Magdalena (Anruf)
Ja, hallo??

Sprecher 1: Radio-Moderator:
Dobry wieczor, wir hören Sie….

Sprecherin 3: Magdalena(Anruf)
Also ich finde, es ist schon beängstigend, dass so viele, unabhängig voneinander, das gleiche voraussagen… Nostradamus, von den Mayas ganz zu schweigen… denken Sie von mir, was Sie wollen, ich glaube, dass da irgendwas passiert… Also wir treffen schon Vorkehrungen…

Sprecher 1: Radio-Moderator:
Danke,  Magdaleno.  Und hier ist Pan Staszek:

Sprecher 4: Staszek   (Anruf, ältere Männerstimme)
Ich sag Ihnen was, wir müssen`s wie die Regierung machen und unseren Scheiß-Bunker selbst bauen! In den letzten 10 Jahren wurden in fast jedem Land Bunker gebaut, z. B. in Spitzbergen. Dort sollen Politiker, Multi-Millionäre, Wissenschaftler, Militär… usw. Unterschlupf finden. Da werden Samen eingefroren, die in der verdorrten Erde –

A0 Unterbrechungs-Signal von RADIO Dolny Śląsk  Pip Pip Pip,

Sprecherin 1:
Radio Dolny Śląsk. Wir unterbrechen die Sendung für eine aktuelle Durchsage. Głuchołazy ist in Folge der starken Regenfälle in den Ostsudeten und in  Südschlesien von Oder und Neiße überflutet worden. Der Premierminister hat Hochwasseralarm ausgerufen. Einwohner von Głuchołazy, Feuerwehr und Militär nehmen an der Rettungsaktion teil. Soweit die aktuelle Durchsage.

Sprecher 1:Radio-Moderator:
Panie Miazga, was sagen Sie zu der Hochwasser-Gefahr – sind Sie beunruhigt?

Sprecher 2: Krzysztof Miazga:
(lacht auf)
 Ach nein, das Ende der Welt beginnt garantiert nicht mit ein bisschen Regen und Wasser in den Gebieten, in denen so was ohnehin jedes Jahr passiert.

Sprecher 1:Radio-Moderator:
Ihr Wort in Gottes Ohr! Wir haben wieder einen Anrufer in der Leitung. 

Sprecher 5:Karol   (junger Mann)
Hallo, hier Karol aus Wrocław. Der Seher der Mayas war auf Drogen, das weiß doch jeder. Und nur weil er Nostradamus hieß, bedeutet das noch lange nicht…

(plötzlich abgebrochen)

Radiosprecherin:
Gerade erreicht uns die Information, dass weitere Städte überflutet sind. Unsere Reporterin, Anna Wilczak, ist  in Klodzko.

Sprecherin Anna:
Hallo? Bin ich zu hören?

Radiosprecherin:
Ja,  Anna, sprechen Sie.

(Totenstille…)

Der ganze Text: Das große Wasser

Der alles gesehn hat überall, das Land regierte,
Der die Ferne kannte, Jegliches erfasst hatte,
… er gleichermaßen;
Alles an Kenntnis der Dinge allzumal hatte Anu ihm bestimmt.
Verwahrtes auch sah er, Verborgenes erblickte er;
Hat Kunde gebracht von vor der Sintflut,
Fernen Weg befahren, war dabei matt einmal und wieder frisch,
Auf einen Denkstein hat er die ganze Mühsal gemeißelt.
Die Mauer um Uruk-Gart ließ er bauen,
Um das heil‘ge Eanna, den strahlenden Hort.
Gilgamesch, 1. Tafel