Reblog: Kate Bush und die Sturmhöhen

Der Debütsong von Kate Bush, „Wuthering Heights“ feierte bereits im Januar sein 40-jähriges Jubiläum. Fans auf der ganzen Welt wollten die Sängerin aber besonders feiern und organisierten am 14. Juli 2018 den „Most Wuthering Heights Day Ever“. In mehreren Städten auf der ganzen Welt trafen sich die Anhänger und tanzten in roten Kleidern das bekannte Video zu „Wuthering Heights“ nach.

Hier ein Foto von meinem Sohn, Jacek Slaski, gemacht in Sydney, Austalien (geklaut). Darunter ein Videobericht aus Berlin. Und danach ein Reblog über die Geschichte und Bedeutung des Lieds…

Christine Dongowski in der Reihe Pop-Anthologie

4.08.2018

Niemand, der „Wuthering Heights“ von Kate Bush einmal gehört und ihr Tanzvideo gesehen hat, wird das Lied je wieder vergessen. Inspirationsquelle war der gleichnamige Roman von Emily Brontë, die in dieser Woche 200 Jahre alt geworden wäre.

© dpaKate Bush, 1978

Überirdisches Klaviergeklimper, sphärische Klänge einer Harfe – dann diese hohe Mädchenstimme, die singt: „Out on the wild and wily moors …“ Und dann der Refrain. Dieses insistierende, sich wiederholende:

Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window.

Niemand, der „Wuthering Heights“ von Kate Bush einmal gehört hat, wird das Lied je wieder vergessen. Selbst wenn man den Roman „Wuthering Heights“ von Emily Brontë nie gelesen oder eine der zahlreichen Verfilmungen und TV-Serien gesehen hat, – man weiß einfach, dass man Zeuge einer Geistererscheinung ist, dass man einem Geist zuhört. Einer verlorenen Seele, die den angeredeten Heathcliff auf die andere Seite, in ihr Reich zu ziehen versucht, und vielleicht auch das Publikum gleich mit.

Kate Bush war 19, als sie mit „Wuthering Heights“ ihren ersten Hit hatte: Die Single erschien am 20. Januar 1978 als erste Auskoppelung ihres Debütalbums „The Kick Inside“. Bush hatte gegen den Rat ihrer Plattenfirma EMI und ihrer Mentoren in der englischen Prog-Rock-Szene wie David Gilmour von Pink Floyd auf „Wuthering Heights“ als ihrer ersten Single überhaupt bestanden. Anfang März stand der Song nach einem zügigen Aufstieg in den UK-Charts auf Platz Eins und blieb dort vier Wochen lang. Kate Bush war die erste Musikerin, die das mit einem selbst komponierten und getexteten Lied schaffte. Die Single und das ganze Album waren weltweit sehr erfolgreich, es gab zahlreiche Top-Ten-Plätze. In den Vereinigten Staaten schaffte „Wuthering Heights“ nur Platz 85 der Charts, obwohl für den Markt sogar ein eigenes Musikvideo aufgenommen wurde.

Heute hat dieses Video selbst Kultstatus: Kate Bush vollführt hier, in ein knallrotes Kleid gehüllt, rote Nelken im langen Haar, eine Tanz-Performance, die klassische Ballet-Figuren, expressionistische Tanz-Formen und Pantomime verbindet. Und das alles in einer diffus an die Yorkshire Moors erinnernden Landschaft, in der Emily Brontës „Wuthering Heights“ spielt (auf Deutsch meist als „Sturmhöhe“ übersetzt). Zum Schluss verschwindet die Gestalt Bushs langsam in dieser Landschaft, wie eine Geistererscheinung oder eine der Feen, die in den Höhlen der Pennington Cracks hausen sollen. Eine Sequenz, die man genauso in den englischen Folk-Horror-Filmen der Sechziger und Siebziger finden kann, zum Beispiel im legendären „Wicker Man“ von Anthony Shaffer und Robin Hardy. In diesem Folk-Horror-Kultfilm spielt auch jener Mann mit, von dem Bush ihr Bewegungsrepertoire gelernt hatte: Lindsay Kemp. Kemp, 1938 geboren, wurde in den Sechzigern berühmt für seinen experimentellen, expressiven Tanz- und Pantomime-Stil. Er war Teil der queeren Londoner Theater- und Performing-Arts-Kultur und hatte maßgeblichen Einfluss auf David Bowies Bühnen-Persona Ziggy Stardust. Bush war seit 1976 seine Schülerin, der Song „Moving“ auf „The Kick Inside“ ist Kemp gewidmet.

Was vor 1975 musikalisch und performativ noch avantgardistisch war, umwehte 1978 allerdings bereits der Flor des Altmodischen: Kate Bushs Debüt-Album und ihre erste Single trafen bei der Pop-Kritik auf keine besondere Begeisterung. Während heute „The Kick Inside“ als eines der bahnbrechenden Alben in der Entwicklung hin zu experimentellen Formen des Pop und des Art-Pop von Björk, St. Vincent, Tori Amos und den Post-New-Wave-Bands der späteren Achtziger wie Suede gilt, war die Platte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung sehr deutlich „Old Wave“. Angesagt waren der Minimalismus, die Lakonie und die konzeptuelle vokale Wurstigkeit und Aggression von Post-Punk und New Wave. Zusammen mit Kate Bush debütierte beispielsweise Debbie Harrys Band Blondie in Großbritannien. Ihr Hit „Denis“ war die Nummer Zwei hinter Bushs „Wuthering Heights“. Gegenüber Debbie Harry oder den Frauen des britischen Punk wie Poly Styrene und Viv Albertine wirkte Bushs künstlerische Persona antiquiert, fast schon reaktionär. Ihre hoch emotionalen, aufwendig produzierten Songs sah man in einer Linie mit Art- und Prog-Rock-Figuren wie Gilmour und Peter Gabriel. Kate Bush war 1978 alles, nur nicht cool. Dem Publikum, vor allem aber Bush selbst, war das aber gleichgültig.

In fünf Stunden niedergeschrieben

Bushs „The Kick Inside“ kann man auch als eine Art programmatisches Album verstehen. Sie stellt sich, am deutlichsten mit „Wuthering Heights“ und den dazu gehörigen Videos, in eine konkrete britische Tradition, in der Populär-Kultur und Folklore integrale Elemente der Hochkultur sind, die von der Wiederentdeckung oder besser Neuentdeckung druidischer und anderer vor-christlicher Kulte in lokalen Traditionen durch gelehrte Pfarrer und Landedelleute im 18. und 19. Jahrhundert über die esoterischen Lehren, die von William Blake bis William Butler Yeats ein Fundament englischer Poetiken waren, bis zum eher praktisch-ästhetischem Revival regionaler handwerklicher und mythologischer Traditionen in der Arts-and-Crafts-Bewegung reicht.

Dieses Verspätetsein gegenüber den ästhetischen Trends der kulturellen Zentren verbindet Kate Bush dabei mit Emily Brontë, von deren Roman „Wuthering Heights“ sie sich inspirieren ließ. Dieser, 1847 veröffentlicht, recycelt Formen der Gothic Novel und des empfindsamen Romans, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung komplett aus der Mode waren. Dazu kommen die Faszination für Rollenprosa und das (Versteck-)Spielen mit unterschiedlichen ästhetischen Personae. Zu allem Überfluss teilen sich beide Künstlerinnen auch noch einen Geburtstag: Am 30. Juli jährte sich der von Brontë zum 200. Mal, Kate Bush wurde 60. „Wuthering Heights“ war Brontës erster und einziger Roman, sie starb wenige Monate nach seiner Veröffentlichung, erst 30 Jahre alt.

© dpa Emily Brontë (1818 bis 1848) |

Angeregt zu ihrem Song wurde Bush aber ursprünglich nicht durch die Lektüre des Romans, sondern durch eine der zahllosen BBC-Serien, vermutlich die von 1967. Erst danach begann sie den Roman zu lesen; den Text zu ihrem „Wuthering Heights“ schrieb sie dann angeblich in fünf Stunden – in der Nacht vom 5. März 1977, so die Künstlerinnenlegende. Sie hat dafür ganze Zeilen aus dem Romn übernommen, vor allem für den Refrain. Jede „Wuthering Heights“-Leserin erkennt die Stimme wieder, die Lockwood, einer der Erzähler der Geschichte von Heathcliff und Cathy, in seiner ersten (und einzigen) Nacht im Gutshof Wuthering Heights hört:
„‘Let me in—let me in!’ ‘Who are you?’ I asked, struggling, meanwhile, to disengage myself. ‘Catherine Linton,’ it replied, shiveringly (why did I think of Linton? I had read Earnshaw twenty times for Linton) ‘I’m come home: I’d lost my way on the moor!’“

Es handelt sich bei Bushs „Wuthering Heights“-Version aber keineswegs um eine Art empathische Kurzfassung des Romans, auch wenn das die Bush-Philologie suggeriert, die noch für jede Zeile des Songs eine Korrespondenz im Roman gesucht – und gefunden hat. Bush schreibt keine SparksNotes mit Musik. Bush erfindet ihre Szene, ihren Cathy-Monolog, neu und leiht der Figur ihre eigene Stimme. Man kann das als die Reaktion einer jungen Frau auf eine der großen dunklen Liebes-Passionsgeschichten der europäischen Tradition lesen – und das so abwertend meinen wie viele Musikkritiker, die lange auf Kate Bushs Beliebtheit vor allem bei jungen weiblichen Fans herumritten: Spät-Pubertät, Fan-Fiction, identifikatorisches Lesen, Mädchen-Musik.

Offensive Formulierung destruktiven weiblichen Begehrens

Oder man macht sich klar, dass Pop-Musik genau das ist: ein Identifikationsangebot für junge Menschen, die noch nicht wissen, wer sie sind. Ein Rollenspiel – für die Performerin und die Fans. Ein Testlauf für Gefühle. Und eine Möglichkeit, Gefühlen eine Gestalt zu geben, die in ihrer Intensität für Mädchen und junge Frauen im „echten“ Leben so nicht vorgesehen sind.

Kate Bushs Cathy ist so jemand: Eine junge Frau, eigentlich noch ein Teenager, die sich nicht in die Rolle der auf ihren Prince Charming wartenden Märchenfrau fügt, genauso wenig wie in die einer Unschuld vom Lande, die sich von der Faszination durch den dämonisch-leidenschaftlichen Liebhaber à la Fifty Shades of Grey überwältigen lässt. Auch wenn Formulierungen wie diese eine solche Lesart nahelegen:

„Ooh, it gets dark, it gets lonely
On the other side from you
I pine a lot, I find the lot
Falls through without you
I’m coming back, love
Cruel Heathcliff, my one dream
My only master“

Aber wer hier Meister, wer Gemeisterte/r ist, lässt sich schon am Anfang des Liedes nicht unterscheiden. Cathy singt: „You had a temper like my jealousy /Too hot, too greedy“ – alle Unterscheidungen verschwimmen in der Intensität der Gefühle, die Heathcliff und Cathy empfinden, vielleicht füreinander, vielleicht ist der andere aber auch die Gestalt des eigenen Selbst-Gefühls. So wie es Brontës Cathy in ihrem berühmten Monolog formuliert: „my great thought in living is himself. If all else perished, and he remained, I should still continue to be; and if all else remained, and he were annihilated, the universe would turn to a mighty stranger: I should not seem a part of it. (….) I am Heathcliff! He’s always, always in my mind: not as a pleasure, any more than I am always a pleasure to myself, but as my own being.“

Bushs Cathy wartet nicht brav im Jenseits auf die verlorene Liebe ihres Lebens. Ihr Wille, sich den anderen anzueignen, ihn zu besitzen, ist so stark, dass sie aus dem Grab, dem Himmel, dem Jenseits zurückkommt, nach Hause, um ihn zu sich zu holen.

Ooh, let me have it
Let me grab your soul away
You know it’s me, Cathy

Eine selbstbewusste, offensive Formulierung destruktiven weiblichen Begehrens, das man auch 1978 noch, trotz sexueller Revolution, nicht von einer Neunzehnjährigen im Manic-Pixie-Dreamgirl-Look erwartete. Genauso wenig wie die Gewalt-,Wut- und anderen Gefühlsexzesse, mit denen 130 Jahre vorher die dreißig Jahre alte Pfarrerstochter Emily Brontë in ihrem Roman ihre viktorianische Leserschaft und sogar ihre Schwester Charlotte schockierte.

Mädchen-Musik eben.

***

Kate Bush: „Wuthering Heights“

Out on the wiley, windy moors
We’d roll and fall in green
You had a temper like my jealousy
Too hot, too greedy
How could you leave me
When I needed to possess you?
I hated you, I loved you, too

Bad dreams in the night
They told me I was going to lose the fight
Leave behind my wuthering, wuthering
Wuthering Heights

Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window
Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window

Ooh, it gets dark, it gets lonely
On the other side from you
I pine a lot, I find the lot
Falls through without you
I’m coming back, love
Cruel Heathcliff, my one dream
My only master

Too long I roam in the night
I’m coming back to his side, to put it right
I’m coming home to wuthering, wuthering
Wuthering Heights
Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window

Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window

Ooh, let me have it
Let me grab your soul away
Ooh, let me have it
Let me grab your soul away

You know it’s me, Cathy
Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window

Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window
Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold

Der einsame Wolf

und seine Kunst…

Er hat mir eine Mail geschickt:

Liebe Freund*innen der Street-Art,
ich lade euch herzlichst zur Finissage am So.,19.08.2018  um 18:00 Uhr ein

Es erwartet euch ein Vortrag mit vielen Fotos
„Einblicke in die Street-Art-Welt Berlin“
erlebt, fotografiert und vorgetragen von Lupo

Fotoausstellung von Lupo Finto noch bis 23.08.2018
“Vielfältige Street-Art-Welt Berlin”
RegenbogenCafé, Berlin-Kreuzberg
Lausitzer Str. 22
So-Fr 9:00 – 17:00 Uhr, Eintritt frei

Liebe Grüße
Lupo Finto


Lupo präsentiert in seinem Vortrag „Einblicke in die Street-Art-Welt Berlin“ unter anderem ungewöhnliche und einzigartige Street-Art der letzten 10 Jahre. Wer kennt z.B. die “Galerie Bürknerstraße”? Oder was ist “Street-Art-Fake”? Lasst euch überraschen, wie Street-Art-Künstler*innen das Stadtbild verändern bzw. kurzzeitig bereichert haben.

Ja. Alles, was Lupo in der Haupstadt findet, ist schön und interessant, meine Katze aber ist natürlich die Schönste :-). Ich habe mir dieses Bild von Lupo als Eigengeschenk schon vor ein paar Jahren zum Geburtstag gekauft…

 

Hungrige Zeiten

Es ist zu heiss zum Essen. Um die Gelegenheit zu nutzen, mache ich, nach dem Beispiel von Doktor Jackson, ein 3-Tage-Programm des Nicht-Essens. Gesundheitsfasten ist zu leichtes Wort dafür. Aber egal. Ich bin nicht zu sehr hungrig (gewesen – die 3 Tage sind schon vorbei, wenn ihr es liest), aber Hunger ist immer noch da. Und mit ihm auch laute Versuchungen, überall wo man nur hinschaut. Da wird leckeres Eis verkauft (Vanille & Marille Eismanufaktur), hier sitzt eine Frau alleine am einen kleinen Tischchen und bekommt gerade eine Kaloriebombe ganz in Altrosa und Grün, och lecker…
Ich flüchte mich nach Hause, wo zwar unter dem Dach die Temperaturen über 40 Grad herrschen, aber die Versuchung viel geringer ausfällt.
Ich werde mich hinlegen und etwas sehr leichtes lesen (leichte Kost! hahaha!), schiebe also weg alle harte Schinken (Schinken! hahaha – na ja, ich bin zwar eine Vegetarierin, aber Schinken ist, mindestens theoretisch – auch essbar) und hole mir ein Buch von Jalid Sehouli, Marakesch, das mir vorgestern Monika brachte. Sie war im Marakesch, schrieb darüber

Ich gehe unter die Dusche (3 Mal am Tag!), lege mich hin (man soll viel liegen!), trinke grünen Tee (2 bis 3 Liter am Tag!) und lese… Glaubt mir oder nicht, aber es ist ein Buch übers Essen (Entschuldige, Professor Sehouli, ich weiß, ihr Werk hat auch andere Schichten, die viel tiefer reichen)… Schon der Untertitel des Buches betrifft das Essen: Viele Geschichten in einer Geschichte oder Die besondere Geschichte der Pastilla… Und Pastilla, auch Bastilla, Bstilla oder Bsteeya (und auch wenn man es nicht weißt, erfährt man sofort, weil es ein Buch über Pastilla ist) ist etwas Essbares! Und wie! Am Ende des Buches gibt es mehrere Rezepte für Pastilla.
Pastilla, schreibt der Autor, verbindet verschiedene Aromen und ist eine Komposition aus Fleisch (und Fisch oder Milch) und knusprigen, warmen, übereinandergeschichteten dünnsten Teigblättern mit süßen Gewürzen. Das Huhn (oder Fisch und Frutti di Mare, oder Ente, oder, och je, Tauben) wird vorsichtig gekocht, die Knochen werden entfernt, das Fleisch zerkleinert und geröstete gemahlene Mandeln beigegeben. Puderzucker und Zimt runden das Gericht ab.

Der Autor isst eine Fischpastilla bei Khalid, einem marokkanischen Freund, dann fährt er nach Hamburg und in Piment, einem kleinem, elegantem Restaurant, wo der marokanische Koch gerade als Koch des Jahres gekürt wurde, isst er Pastilla mit Ente und diese beide Pastillas ändern plötzlich seine ganze Lebenseinstellung. Er ist in Deutschland geborener erster Professor (der Medizin) mit marokkanischer Familiengeschichte, total modern und westlich, und plötzlich findet er, dass ein New-York-Bild, das seine Wohnung ziert… Na ja, lassen wir es den Autor erzählen, er ist ein richtiger Geschichtenerzähler von Djemaa el Fna, den Platz der Toten, Hauptmarkt in Marrakesch, der berühmte Nachtmarkt …

Ich schaute etwas müde, aber wach genug auf das Bild und fühlte, dass es nicht das richtige Bild für meine Wohnung war. Nach dem Erlebnis mit Enten-Pastilla empfand ich, dass ich das Bild durch etwas Orientalisches zu ersetzen habe.
Am nächsten Tag erzählte ich Khalid von meiner kulinarischen Erfahrung in Hamburg und das ich ein orientalisches Bild für meine Wohnung suchte. Khalid sagte, er würde mir ein besonderes Bild besorgen.
Etwa eine Woche später erhielt ich einen Anruf: “Das Bild ist da!” Ich fuhr umgehend zu Khalid und traute meinen Augen nicht. Das Bild zeigte einen Blich auf den Markt von von Djemaa el Fna. Man schaut hindurch zwischen zwei Orangenverkäfer-Wagen, die an ältere englische Pferdekutschen erinnern und an denen frisch gepresster Orangensaft zu kaufen ist. Im Hintergrund erkennt man andere Verkaufsstände, zum beispiel einen Dattel- und Nuss-Verkäufer, weiter dahinter eine der Moscheen auf dem Platz. Der Marktplatz ist noch nicht voll, es scheint Spätnachmittag zu sein, die Zeit, wenn die Vorbereitungen für den Abend beginnen. Das Bild schien mir so vertraut, als hätte ich diesen Blick auf den markt schon seit Jahren in meinem Herzen getragen.
Etwas Besonderes an dem Bild ist auch, dass es sich dem Licht in der Wohnung anzupassen scheint. Abends hat man das gefühl, auf dem Bild sein es neunzehn Uhr; morgens kommt es mir vor wie eine Szene um acht Uhr früh.

So sind die Geschichten, die der Professor erzählt… Das Kulinarische ist dafür da, um etwas anderes erzälen zu können. Aber das Kulinarische ist nicht nur der Vorwand. Und am Ende des Buches gibt es leckere Rezepte. So viel zumindest vermute ich. Ich hungre immer noch und sowieso sind die Rezepte für Fleischfresser oder eventuell Milchtrinker… Also nichts für hungrige Zeiten einer Vegetarierin…

Jarosław Łukasik, Malarstwo / Malerei / Painting 2017-2018

Iwonie S.

Wakacje i inne przypadki życia ludzkiego

Przedtem malował meble, bezkrwawo pokawałkowane kobiety oraz męskie garnitury bez wypełnienia, teraz zmienił tematykę i światło, teraz jest lato, nawet w nocnym barze jest słonecznie… Japonki na wakacjach, Penelopa na wakacjach… Wakacyjne martwe natury z warzywami, no chyba że…

  

no chyba że…

 

Portugal

Bevor ich Christine Ziegler eine Möglichkeit gebe, mit uns über ihre Reise nach Portugal zu sinnieren, veröffentliche ich hier, was ich vor drei Tagen im Spiegel-Online gefunden habe: Portugal ist einziges Land Europas, das sich mehr Flüchtlinge ausdrücklich wünscht… Leset Mal!

christine ziegler / fotos: martin cames

liebe ewa,

der urlaub dauert noch fast eine woche an, juhu, das haben wir lange nicht mehr so gemacht. hier ist der sommer sehr verträglich, der wind vom atlantik sorgt für höchsttemperaturen von 26 grad, das ist sogar für mich ganz in ordnung.

dazu kommt jede menge schönheit, sei es an der küste, sei es im weltkulturerbe von sintra. lauter unverhoffte sachen, so verschieden von allem, was ich schon anschauen durfte.

hast du schon mal einen prunksaal gesehen, der mit elstern ausgemalt wurde? das fand ich verblüffend. dazu die wunderbaren kacheln an der wand. hier eine, die ganz anders war als all die floralen elemente.

elstern und kacheln sind aus dem nationalpalast in sintra. zitat aus der tourismusseite: „Im Herzen von Sintra befindet sich der gotische Nationalpalast, der der am meisten genutzte königliche Palast war und dessen herausstechendes Merkmal seine riesigen Schornsteine sind, die von der Küche nach Außen führen.“

die schornsteine sind wirklich beeindruckend! von oben nach unten: erst mal von innen, dann von außen. und unten drunter ein blick in den dazugehörigen küchenraum.

und hier noch die küste zum atlantik, gleich daneben ist das „ende der welt“, na ja zumindest von europa, gleich beim cabo da roca.

aber vielleicht ist dir das alles ganz vertraut. du bist ja schon so viel mehr rumgekommen. liebe freundin, die mail trifft dich hoffentlich in guter laune und besserer gesundheit an. bis bald hoffe ich, liebe grüße

christine

Heute abend auf dem Himmel

gestern schrieb ich über metaphorische Mondgöttin, heute

Klaus-Peter Schröder

schreibt über total un-metaphorische

totale Mondfinsternis über Deutschland (Reblog)

Nur selten fällt eine totale Mondfinsternis mit der günstigsten Sichtbarkeit eines äußeren Planeten zusammen: Am späten Abend des 27. Juli 2018 steht tief über dem Südosthorizont, nur knapp sechs Grad nördlich des Roten Planeten Mars, der ebenfalls rötlich leuchtende, verfinsterte Erdtrabant. Lesen Sie hier, wie Sie diesen besonderen Anblick am besten genießen können.

Am Abend des letzten Freitags im Juli 2018, zwischen 21:30 Uhr und 23:13 Uhr, ist es endlich wieder so weit: Zur Vollmondzeit tritt der Erdtrabant in den Schatten unseres Planeten ein und schimmert dann in einem kupferroten Licht. Währenddessen leuchtet nur eine Hand breit unterhalb des verfinsterten Mondes ein weiterer Himmelskörper, der ebenfalls durch eine rötliche Farbe auffällt: Es ist der Planet Mars, der nun besonders hell ist und während der gesamten Nacht über dem Horizont bleibt. Hat jeder der beiden Akteure für sich genommen schon viel zu bieten, so ist das Rendezvous am 27. Juli 2018 erst recht ein astronomisches Highlight. Bereits die Beobachtung dieses Himmelsschauspiels mit bloßem Auge verspricht Eindrücke, die Sie sich nicht entgehen lassen sollten!

© Felix Nendzig (Ausschnitt)

Beim Betrachten durch ein Fernglas oder ein Teleskop zeigen sich im Umfeld des verfinsterten Erdtrabanten mehrere lichtschwache Sterne, die im gleißenden Licht des Vollmonds niemals sichtbar wären. Dies verleiht dem Anblick eine ungeahnte räumliche Tiefe. Hinzu kommt die ungewohnte Farbe des Mondes, die besonders zur Mitte der Verfinsterung, gegen 22:23 Uhr, die Blicke auf sich zieht.

Bei einer solchen totalen Mondfinsternis steht der Erdtrabant der Sonne am Himmel gegenüber: Sonne, Erde und Mond sind dann entlang einer Linie aufgereiht. Gleiches gilt an diesem Tag für den Mars: Wie der Vollmond, so geht auch er zu Sonnenuntergang im Südosten auf und zu Sonnenaufgang im Südwesten unter – man sagt, der Planet befindet sich in Opposition zur Sonne.

© SuW-Grafik (Ausschnitt)

Der Erdschatten: Gar nicht so finster

Bereits um 20:24 Uhr MESZ beginnt der Ostrand des Mondes etwas angeknabbert auszusehen. Allerdings ist diese Phase der partiellen Verfinsterung nur in den östlichen und südöstlichen Teilen Europas gut sichtbar. In Mitteleuropa erreicht der Mond erst ab etwa 21:30 Uhr ausreichende Höhen über dem Horizont und ist dann bereits vollständig in den Kernschatten der Erde eingetaucht. Erheblich besser lassen sich die partiellen Phasen der Mondfinsternis nach dem Ende der Totalität, ab 23:13 Uhr, verfolgen.

© Fred Espenak / NASA / SuW-Grafik (Ausschnitt)

Verlauf der Mondfinsternis | Am 27. Juli 2018 durchläuft der Mond den Erdschatten nahezu zentral und erscheint daher besonders dunkel. In weiten Teilen Mitteleuropas steht er ab etwa 21:30 Uhr MESZ hoch genug über dem Horizont, um in einem Fernglas sichtbar zu sein. Zu dieser Zeit ist er bereits vollständig in den Kernschatten der Erde eingetreten.

Hätte die Erde keine Atmosphäre, so wäre der Mond während der totalen Phase der Finsternis unsichtbar. Die Brechkraft der irdischen Luftschichten lenkt aber ein wenig Sonnenlicht in den Kernschatten der Erde hinein, der in Mondentfernung etwa noch zweieinhalb Monddurchmesser groß ist. Ein Astronaut auf dem Mond würde unseren Planeten in diesem Moment als dunkle Scheibe mit zwei Grad Durchmesser wahrnehmen, die sich vom umgebenden Weltraum durch einen dünnen, feurig roten Lichtsaum abgrenzt: Aus seiner Sicht würde die Erdatmosphäre von hinten beleuchtet.

Es ist dieses vom Staub und Dunst der Atmosphäre rot gefilterte Licht, in dem wir den verfinsterten Vollmond am irdischen Himmel sehen. Besonders eindrucksvoll ist der Anblick, wenn Sie ein Fernglas benutzen – denn im Vergleich zu einem herkömmlichen Teleskop bietet dieses kompakte optische Gerät den Vorteil, dass Sie mit beiden Augen zugleich hindurchsehen können. Da der Mond den Erdschatten diesmal nahezu zentral durchläuft, erscheint er während der Totalität besonders dunkel.

Das Ende der totalen Verfinsterung ist um 23:13 Uhr erreicht; etwa um 23:45 Uhr erscheint der Mond noch halb verfinstert. Was ihn dann jedoch von einem gewöhnlichen Halbmond im letzten Viertel unterscheidet, ist sein Anblick im Fernglas oder Teleskop: Im letzten Viertel fällt das Sonnenlicht nahe der Hell-Dunkel-Grenze unter einem sehr flachen Winkel auf die Mondoberfläche, so dass hier Kraterwände und Gebirge lange, schwarze Schatten werfen. Entlang der reichlich unscharfen Hell-Dunkel-Grenze einer Mondfinsternis erscheinen diese langen Schatten jedoch nicht, denn das Licht trifft ja nun weiterhin direkt von oben auf die Mondoberfläche – und nicht von der Seite, wie beim echten Halbmond.

Um 00:19 Uhr MESZ ist auch der letzte fehlende Bissen am Westrand des Mondes verschwunden; der Mond hat dann den Kernschatten der Erde vollständig verlassen. Den Kernschatten der Erde umgibt eine ringförmige, weniger dunkle Zone, der Halbschatten. Er verrät sich kurz nach dem Ende der Totalität durch eine geringe, sehr diffuse Abschattung in der Nähe derjenigen Stelle, an welcher der Kernschatten soeben noch auf den Vollmond fiel.

Seltenes Ereignis

Das schöne Schauspiel einer Finsternis tritt nicht bei jedem Vollmond ein, denn dazu müsste die Mondbahn genau innerhalb der Erdbahnebene liegen. Tatsächlich ist die Bahn jedoch um rund fünf Grad geneigt. Dies hat zur Folge, dass der Mond die Erdbahnebene während eines vollen Umlaufs an zwei Punkten durchquert: an den so genannten Knotenpunkten. Durchläuft der Mond die Erdbahnebene von Nord nach Süd, steht er im absteigenden Knoten. Ihm gegenüber befindet sich der aufsteigende Knoten, in dem er die Erdbahnebene von Süd nach Nord durchläuft.

Stellung des Mondes zur Erde | Am 27. Juli 2018 steht der Erdtrabant zur Vollmondzeit in der Nähe des Punktes, in dem er die Erdbahnebene von Nord nach Süd durchquert: im absteigenden Knoten seiner Bahn. Die nun eintretende totale Mondfinsternis wird von zwei Sonnenfinsternissen flankiert, denn rund zwei Wochen zuvor, am 13. Juli, und zwei Wochen danach, am 11. August, befindet sich der Mond zur Neumondphase nahe dem aufsteigenden Knoten zwischen Erde und Sonne. Allerdings ist keine dieser partiellen Finsternisse von Mitteleuropa aus sichtbar.

Demzufolge müsste sich der Erdtrabant zur Vollmondzeit genau in einem der Knotenpunkte befinden, damit eine Finsternis eintreten kann. Dank der Größe des Erdschattens, der in Mondentfernung mehr als zweimal so groß ist wie der Mond, genügt es jedoch, wenn der Vollmond einem der Knoten sehr nahe kommt. Zumeist läuft er aber zu weit nördlich oder südlich am Erdschatten vorbei, so dass keine Finsternis eintritt. Und selbst wenn die Bedingung erfüllt ist, kann es vorkommen, dass wir in Mitteleuropa keine Finsternis erleben können, denn schließlich muss unser Kontinent zur passenden Zeit dem Mond zugewandt sein, so dass er für uns während der Nacht über dem Horizont steht.

Beispielsweise konnten wir die totale Mondfinsternis am 31. Januar 2018 nicht sehen, weil sich Mitteleuropa zur fraglichen Zeit auf der mondabgewandten Seite der Erde befand. Meist muss ein ortsgebundener Beobachter ein bis zwei Jahre auf die nächste totale Mondfinsternis warten. Partielle Verfinsterungen, bei denen der Trabant nur teilweise in den Schatten der Erde eintaucht, sind etwas häufiger.

Günstige Sichtbarkeit mit Handikap

Unser äußerer Nachbar Mars erreicht während seiner diesjährigen Opposition einen Winkeldurchmesser von rund 24 Bogensekunden, was beinahe der größtmögliche Wert ist. Auch seine scheinbare Helligkeit ist Ende Juli maximal. Dies hat einen einfachen geometrischen Grund: Sonne, Erde und Mars liegen am 27. Juli ja aufgereiht auf einer Linie. Der Planet steht dabei nahe am sonnennächsten Punkt seiner Bahn, dem Perihel. Gleichzeitig steht die Erde im Juli noch nahe an ihrem sonnenfernsten Punkt, dem Aphel. Somit kommen sich Mars und Erde während ihrer Begegnung diesmal viel näher als in durchschnittlichen Oppositionen. Der Abstand beider Planeten beträgt am Monatsende nur rund 58 Millionen Kilometer, während er in ungünstigen Fällen bis zu 101 Millionen Kilometer betragen kann.

Doch leider gibt es einen Wermutstropfen: Auf Grund der räumlichen Lage der Marsbahn ereignen sich Periheloppositionen stets im weit südlich gelegenen Teil des Tierkreises. Am 27. Juli steht Mars im westlichen Teil des Sternbilds Steinbock, das in Mitteleuropa niemals hoch über den Horizont gelangt. Das vom Planeten kommende Licht muss somit einen relativ langen Weg durch die Erdatmosphäre zurücklegen, bevor es das Teleskop des Beobachters erreicht. Deshalb ist es auch wahrscheinlich, dass die allgegenwärtige Luftunruhe die Sichtbarkeit feiner Details deutlich einschränkt.

Oppositionsschleifen von Mars, Saturn und Pluto | Die hellen Planeten Mars und Saturn tummeln sich derzeit im südlichen Teil der Ekliptik, in den Sternbildern Steinbock beziehungsweise Schütze. Hier, vor dem sternreichen Hintergrund der Milchstraße, zieht auch der lichtschwache Zwergplanet Pluto seine Bahn.

Unser roter Nachbar im Teleskop

© NASA / USGS (Ausschnitt)

Landkarte unseres Nachbarn | Viele der hellen und dunklen Gebiete, die auf diesem Gesamtbild der Marsoberfläche sichtbar sind, lassen sich unter günstigen Bedingungen schon in einem Amateurteleskop erkennen. Die Karte entstand aus Aufnahmen der NASA-Sonden Viking Orbiter 1 und 2, die den Roten Planeten ab 1976 mehrere Jahre lang erforschten.

Der Mars benötigt für eine volle Umdrehung rund 37 Minuten länger als die Erde. Beobachtet man ihn also täglich zur gleichen Uhrzeit, dann bemerkt man von Nacht zu Nacht eine kleine Verschiebung der Oberflächenstrukturen. Dem Zeitunterschied entspricht im Gradnetz des Mars ein Längenunterschied von rund neun Grad, so dass allmählich neue Gebiete auf den sichtbaren Teil der Marsscheibe vorrücken. Besonders deutlich wird dies, wenn das große, dunkle Hochplateau Syrtis Major auf der Vorderseite des Planeten angelangt ist. Diese Region wurde bereits im Jahr 1659 von dem niederländischen Physiker und Astronomen Christiaan Huygens (1629–1695) entdeckt. Schon in den ersten Julinächten wird sie kurz nach Mitternacht sichtbar sein.

Dunkles Gebiet auf dem Mars | Auf der Oberfläche unseres Nachbarplaneten Mars zeigen sich im Teleskop dunkle Gebiete. Am auffälligsten ist die Region Syrtis Major. Reinhard Neul fotografierte sie am 16. April 2014. Am 27. Juli 2018 steht der Rote Planet in Erdnähe.

Ein weiterer Leckerbissen ist die weiße Polkappe auf der uns zugeneigten Hemisphäre des Mars. In den Monaten vor der Opposition verringert sich ihre Ausdehnung im Verhältnis zum zunehmenden scheinbaren Marsdurchmesser, denn auch auf dem Mars gibt es Jahreszeiten. Ein Rotfilter verstärkt bei solchen Beobachtungen die Kontraste der Bodenformationen, weil das von der Oberfläche reflektierte rötliche Licht den bläulichen Dunst der darüberliegenden Atmosphäre besser durchdringt.

Keine technische Maßnahme hilft allerdings gegen einen Staubsturm auf dem Mars, der sich binnen ein bis zwei Wochen wie ein gelbes Tuch auf dem Planeten ausbreiten kann und dann den Blick auf die Oberfläche verhindert. Gerade in den Periheloppositionen kommen solche Stürme häufiger vor, weil die nun stärkere Sonneneinstrahlung mehr Energie in die Marsatmosphäre pumpt – ein Effekt, den wir beim Blick auf unseren atmosphärelosen Mond nicht befürchten müssen.


Der Autor ist Professor für Astrophysik an der Universität Guanajuato in Zentralmexiko. Als Student beobachtete er über viele Jahre hinweg regelmäßig mit dem eigenen Teleskop; heute sind die stellare und solare Aktivität seine Forschungsschwerpunkte.

Caption text

Nico, eine Mondgöttin

Sie liegt auf dem Selbstmörder Friedhof in Berlin begraben, obwohl sie gar keine Selbstmörderin ist, sondern ist auf Ibiza vom Fahrrad gefallen und gestorben. Am 18. Juli 1988.

Nico…

Von Andy Warhol entdeckt, kam sie zu Ruhm als weib­liche Stimme des ersten Albums von The ­Velvet Underground  und, wie Berliner TIP behauptet, werden ihre Soloplatten bis heute immer dann angehört, wenn man einmal so richtig tief depressive Musik hören möchte.

Sie war vielleicht keine Selbstmörderin, das ja, aber, na ja, sie war heroinsüchtig und depressiv, wirkte selbstzerstörerisch und ihr Leben war zu letzt lediglich ein Haufen dubiöser Umstände…

Ihr Grab ist eine Pilgerstätte für viele ihre todessehnsüchtigen Fans aus aller Welt, die dort eine Blume, aber auch einen Joint, eine Schnapsflasche oder eine ­Heroinspritze niederzulegen pflegen.

Anne Schmidt

schrieb über sie zum Buss- und Bettag letztes Jahres…

Es gibt Gräber, die muss man suchen, wenn man sie besuchen will.

Sie wurden anonym angelegt, weil die dort begrabenen Personen mit ihren Geschichten zur Zeit ihres Todes als Aufrührer oder gar Verbrecher galten, deren Gräber keinesfalls zu Pilgerstätten werden sollten.

Andere wiederum wünschten sich schon zu Lebzeiten ein idyllisches Plätzchen an einem weltfernen Ort für ein ewiges Ausruhen nach einem ruhmreichen, turbulenten,

Christa Päffgen, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen „Nico”, hatte sich schon in noch unbeschwerten Jugendjahren den Waldfriedhof am Schildhornweg im Grunewald als letzten Ruheort ausgesucht. Dort findet man auf einem Grab unter dem Stein mit ihrem und dem Namen ihrer Großmutter ein gerahmtes Foto von ihr, das in ihrer glücklichen Zeit als Sängerin und Muse von Jim Morrison gemacht sein dürfte.

Wie lange man sie dort noch besuchen kann, ist der Wilmersdorfer Gemeinde überlassen, die den Friedhof aus Kostengründen schließen will.

Die russichen Selbstmörder, nach denen der Friedhof benannt ist, die vielen Toten einer Bombennacht im Jahre 1945 würden dann genau wie Nico und Rolf von Zukowsky umgebettet werden müssen oder dem Verfall preisgegeben werden.

Die Wildschwein rotten um den Friedhof herum, warten schon jetzt auf ein Offenlassen der Pforte.

Foto Elżbieta Kargol


Im Kino gibt es jetzt ein Film über sie. Ein, wie TIP Berlin es bezeichnet, beeindruckendes Biopic über die Spätphase der gefeierten Popikone: Nico, 1988.
I/B 2018, 93 Min., R: Susanna Nicchiarelli, D: Trine Dyrholm, John Sinclair, Anamaria Marinca.
Eine Geschichte über zwei letzte Jahre Nicos Leben.
Trine Dyrholm, die Nico spielt, singt im Film alle Lieder selbst.

Der Film ist fantastisch. Und es gibt gar eine merkwürdige halluzinatorische Vision Polens AD 1987 im Film. Polen an Allen Toten Tag.

Zwei ihre Aussagen, die sich einem für eine Ewigkeit einprägen.
– Bin ich hässlich? Ja? Gut. Ich war sehr unglücklich, als ich schön war.
Und
– Ich war ganz oben und ich war ganz unten. Auf den beiden Orten ist man verdammt allein.


Im TIP erzählt der Musiker Lüül (Lutz Graf-Ulbrich) über seine einstige Liebe und ihr Grab. Er war Musiker der Berliner Krautrockbands Agita­tion Free und Ashra, Mitglied des Kollektivs 17 Hippies – und Nicos ehemaliger Gitarrist und Liebhaber.

„Es gab niemanden, der etwas Vergleichbares machte“, sagt Lüül. Er hat ein Buch geschrieben über seine Jahre mit Nico und es „Im Schatten der Mondgöttin“ genannt. Darin beschreibt er seine erste Begegnung mit ihr in der Pariser Opéra Comique 1973: „Nur ein Scheinwerfer. Dann kam sie. Nico. Überirdisch. Unnahbar schön. Allein mit ihrem indischen Harmonium.“ Magisch hat das damals auf Lüül gewirkt. Ja, und auch er hat sie angehimmelt. „Sie war ­sagenumwoben“, erinnert er sich. Wie von einem Nebelschleier umgeben, all die Geschichten, die man so von ihr erzählte und die sie über sich selbst erzählte, blieben vage, halb erlebt, halb erdacht. Die Kult- und Kunstfigur Nico lebte von ihrer Aura und dem Mysterium, das sie um sich herum schuf. „Sie war unergründlich“, sagt Lüül.

Schleierhaft ist ihm bis heute auch, weshalb sie sich ausgerechnet ihn ausgesucht hat, damals bei der ­Party des gemeinsamen Managers Assaad und später im Backstage-Zelt eines Festivals in Frankreich. Weshalb sie sich im Hotel vor ihm auszog und nackt aufs Bett legte. Vielleicht waren sie sich ja doch gar nicht so fern: Sie aufgewachsen in Schöneberg, im KaDeWe als Model entdeckt, er Musiker aus Charlottenburg, beide Kinder des Nachkriegsberlins. So jedenfalls kam die Mondgöttin ins Leben des 14 Jahre jüngeren Lutz Ulbrich und verlieh ihm ungeahnte Größe. Es folgte: „die wilde Zeit“. Ein Leben aus dem Koffer, von Paris nach Amsterdam, immer dem billigen Heroin nach, die Konzertreisen durch die USA. Apropos Heroin: Es machte sie selbstsicherer, sagt Lüül, aber auch selbstsüchtiger. „Sie war die egozentrischste Person, die ich je kennengelernt habe. Alle halten sie ja so hoch, aber hey, sie war auch eine Bitch! Sie hat Menschen betrogen.“ Doch so wie sie nicht vom Heroin loskam, kam er nicht von ihr los.

Dann das große Finale im Chelsea Hotel, New York. Einem Drehbuchautor würde man diese Szene wohl aus seinem Skript streichen, weil maßlos übertrieben: Nico auf Methadon und Alkohol, es kommt zum Streit, ein Bügeleisen fliegt durchs Fenster (Lüül: „Ich hätte es sonst voll in die Fresse gekriegt.“), sie spuckt ihm ins Gesicht, er würgt und schlägt sie, bis sie fällt und liegen bleibt (Lüül: „Ich dachte schon: Jetzt biste ein Mörder!“), doch sie lebt, die Polizei kommt, der Vorhang fällt. Im wahren Leben geht die Geschichte weiter, die beiden bleiben „in Freundschaft verbunden“, wie man so sagt, sie singt das Lied „Reich der Träume“ für ihn ein, er organisiert ihr letztes Konzert im Planetarium Berlin, sechs Wochen vor ihrem Tod, von dem Lüül am Telefon erfährt. Am 18. Juli 1988 fällt sie in Ibiza vom Fahrrad. Gehirnblutung.


Ein Kinotrailer, huch, so was habe ich noch nie gesehen. Ist 20Uhr51, ich klicke den Trailer an und lese eine merkwürdige Zeile: Aus jugendschutzrechtlichen Gründen darf dieser Trailer nur zwischen 23:00 Uhr und 06:00 Uhr abgespielt werden. Sogar den link zum Trailer kann man vor 23 Uhr nicht kopieren…

Hmmmm… Na egal… Der Trailer

Reblog: Lyrische und drastische

Urszula Usakowska-Wolff

Feministische Kunst aus Indien

Die in der Ausstellung »Facing India« gezeigte Kunst ist ohne Zweifel feministisch, politisch und engagiert. Aber unabhängig davon, wie man sie nennt, ist es eine Kunst, die äußerst suggestiv wirkt und lange im Gedächtnis bleibt. Der Einfallsreichtum, das Wissen und der Weitblick der Künstlerinnen, die Dynamik und Energie, mit der sie ihre perfekt ausgeführten Werke realisieren, die Vielzahl von Techniken, Materialien und überraschenden Lösungen kommen in allen Arbeiten, die im Erdgeschoss des Kunstmuseums Wolfsburg präsentiert werden, zum Ausdruck.


Reena Saini Kallat, Woven Chronicle

Die von mehr als 1,3 Milliarden Menschen bewohnte Republik Indien ist die bevölkerungsstärkste Demokratie der Welt. Dieses riesige Land, das den größten Teil des südasiatischen Subkontinents einnimmt, ist ein nationales, religiöses und sprachliches Konglomerat voller Kontraste. Es gibt dort extreme Armut und unvorstellbaren Reichtum, das Kastensystem ist vor allem in ländlichen Gebieten gang und gäbe. Trotz der in der Verfassung verbrieften Gleichberechtigung ist die Situation der Frauen tragisch: Sie werden erniedrigt, vergewaltigt, verbrannt oder auf andere grausame Art umgebracht. Blutige ethnische- und Grenzkonflikte dauern bis heute an, religiöser Fanatismus und Nationalismus breiten sich aus. In den Metropolen gibt es kaum Luft zum Atmen und selbst heilige Flüsse sind kontaminiert. Andererseits ist Indien eine der sich am dynamischsten entwickelnden Volkswirtschaften der Welt, die indische IT-Industrie wird seit vielen Jahren international als konkurrenzlos angesehen, während ein Drittel der indischen Bevölkerung Analphabeten sind. Die Nutznießer der Globalisierung, die soziale Ungleichheiten festigt und vertieft, ist die Mittel- und Oberschicht.

Blick in die Ausstellung „Facing India“ mit Arbeiten von Vibha Galhotra 

Sechs Frauen im fast gleichen Alter

Weniger bekannt ist, dass in diesem großen Land auch Kunst gedeiht, nicht nur die Koch- oder die Filmkunst aus Bollywood und Tollywood, sondern auch die zeitgenössische Kunst, in der vor allem Frauen den Ton angeben. Während die japanische und chinesische Kunst schon seit längerer Zeit international ausgestellt und gesammelt wird, hat die indische erst jetzt begonnen, sich im Westen zu etablieren. Das liegt vor allem an der Unsichtbarkeit dieser Kunst, denn in Indien gibt es kaum Ausstellungsorte und Ausstellungsmöglichkeiten. Um sich also eine Meinung über die indische Kunst zu bilden, muss man nicht nach Mumbai, Delhi oder Bengaluru fahren, sondern in die etwas kleinere Stadt Wolfsburg in Niedersachsen. Dort befindet sich bekanntlich der Hauptsitz des VW-Konzerns, der Autos auch in Indien produziert. Aber das ist mitnichten der einzige Grund, warum die erste so umfangreiche Schau der indischen Kunst gerade im Kunstmuseum Wolfsburg stattfindet. Als sein Direktor vor zwei Jahren Ralf Beil wurde, versprach er, das Museumsprogramm globaler zu gestalten und vor allem den Künstlerinnen und ihrer Sicht auf die Dinge dieser Welt mehr Platz als bisher einzuräumen. Er hielt sein Wort, was die Ausstellung »Facing India« vorführt, in der sechs indische Künstlerinnen das Gesicht, konkreter: die vielen Gesichter ihres Landes zur Schau stellen.
Bharti Kher (* 1969), Mithu Sen (* 1971), Reena Saini Kallat (* 1973), Vibha Galhotra (* 1978), Tejal Shah (* 1979) und Prajakta Potnis (* 1980), von der Kuratorin Uta Ruhkamp während ihrer drei Indienaufenthalte ausgewählt, gehören größtenteils der Generation der 30- und 40jährigen an. Obwohl sie aufgrund ihrer Herkunft zur privilegierten Klasse zählen, behandeln sie in ihren Werken mehr oder weniger radikal soziale, politische, ökologische und moralische Probleme, die an der Schnittstelle zwischen Modernisierung und Tradition auftauchen: Das ist in der Tat eine recht explosive Mischung, nicht nur in Indien.


Bahrti Kher, Sing to Them that Will Listen, Reiskörner Metallschale und Marmorsockel

Digitalisierung, Degradierung, Globalisierung

Die in der Ausstellung »Facing India« gezeigte Kunst ist ohne Zweifel feministisch, politisch und engagiert. Aber unabhängig davon, wie man sie nennt, ist es eine Kunst, die äußerst suggestiv wirkt und lange im Gedächtnis bleibt. Der Einfallsreichtum, das Wissen und der Weitblick der Künstlerinnen, die Dynamik und Energie, mit der sie ihre perfekt ausgeführten Werke realisieren, die Vielzahl von Techniken, Materialien und überraschenden Lösungen kommen in allen Arbeiten, die im Erdgeschoss des Kunstmuseums Wolfsburgs präsentiert werden, zum Ausdruck. Man kann unmittelbar spüren, dass die Kunst für sie eine Mission, eine Botschaft oder eine Art ist, die verschwiegenen, sorgfältig vor den Augen versteckten, unsichtbaren und nicht ausgesprochenen, also nicht existenten Probleme ans Tageslicht zu bringen. Und, was besonders wichtig erscheint, haben die von den Künstlerinnen in ihren Arbeiten aufgegriffenen und dargestellten Themen einen universellen Charakter, denn es gibt sie schon oder wird es bald auch in unserer Weltgegend geben. »Doch machen wir uns nichts vor: So drastisch all dies von Europa aus auf den ersten Blick wirkt, es sind in jedem einzelnen Punkt auch unsere Probleme und Gegenwartsfragen, die hier – zum Teil sogar für uns – verhandelt werden«, schreibt Ralf Beil, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, im exzellenten Ausstellungskatalog. »Indien ist eines der Labore für das Gelingen oder Scheitern unserer globalen Zukunft. Ob Geschlechter-, Umwelt-, Digitalisierungs- oder Nationalitätsfragen, alles ist auf das Extremste verdichtet.« Es ist nicht einfach zu verstehen, was in Indien wirklich geschieht, denn, nach Meinung der Schriftstellerin Arundhati Roy, »dreht sich ganz Indien um Grenzen. Im Westen hält man Indien fälschlicherweise für eine anarchische, chaotische Gesellschaft. Dabei ist Indien ein Meister im Grenzziehen. Jenseits des chaotischen Verkehrs ist die Gesellschaft durch ein eisernes Gatter aus Kasten, Regionen, Religionen getrennt.« Die aus der Tradition resultierenden Spaltungen sowie die von der Tradition und Gesellschaft sanktionierte Gewalt sind eines der Themen der Gruppenschau »Facing India« im Kunstmuseum Wolfsburg.

Faktische geografische und metaphorische Grenzen

Das Erste, was direkt am Eingang der Ausstellung ins Auge fällt, ist eine riesige Weltkarte, die aussieht, als sei sie aus farbiger Wolle gehäkelt worden. Beim näheren Hinschauen merkt man jedoch, dass diese riesige kartographische Installation namens »Woven Chronicle«, die die gesamte grau gestrichene Wand einnimmt, aus Elektrokabeln gefertigt wurde. Aus acht Lautsprechern, die auf sechs Kontinenten platziert sind, ertönt eine Kakophonie von Geräuschen, ein Mix aus knisternden Hochspannungsleitungen, blubberndem Wassers, dem Besetztzeichen eines Telefons, heulenden Fabrik- und Schiffssirenen, den Geräuschen der Flügel und Stimmen der Zugvögel. »Die gewebte Chronik« ist, wie ihre Autorin Reena Saini Kallat (Foto oben) erklärt, eine Kartographie historischer und gegenwärtiger Migrationsbewegungen. Obwohl sich heute dank der Mobilität der Menschen und des schnellen Informationsflusses verschiedene Kulturen viel schneller vermischen als je zuvor, wurden die Grenzen paradoxerweise nie so streng kontrolliert und überwacht wie jetzt. » Elektrokabel sind für mich eine ambivalente Metapher: einerseits verbinden sie, andererseits bilden sie lineare Formationen in Gestalt von Netzen und anderen Zäunen, sodass sie teilen. Der Glaube daran, dass dank der globalen, das heißt grenzenlosen Kommunikation die faktischen geographischen, ethnischen und sozialen Grenzen aufhören zu existieren, hat sich als illusorisch erwiesen. Im Gegenteil: Dank fortschrittlicher Technologien können regressive Inhalte umgehend verbreitet werden: Stereotypen, zweifelhafte Ideologien, Nationalismen«.

Die provokanten Mutanten

Reena Saini Kallat, Hyphenated Lives (Installationsfragment)

Reena Saini Kallat ist eine vielseitige Künstlerin: Sie schafft Wand- und Klanginstallationen, ist Malerin, Bildhauerin und Fotografin. Man sieht und hört, dass die Kunst der Erinnerung ihre Leidenschaft ist. In der Fotoserie »Crease / Crevice / Contour« möchte sie das Leid der Frauen vor dem Vergessen bewahren, die nicht nur während der Kriege zwischen Indien und Pakistan um Kaschmir die erste Kriegsbeute waren. Sexuelle Gewalt, Komponente eines jedes Krieges, hat blutige Male auf der Haut der Frauen hinterlassen. Auch wenn sie unsichtbar sind, erinnert sich der Körper daran. Kallat ist auch Autorin der Installation »Hyphenated Lives«, die wie der Saal eines Naturkundemuseums anmutet, mit Bildern der Fauna und Flora an den Wänden und Fossilien in den Vitrinen. Wenn man sie genauer betrachtet, handelt es sich um Porträts von Mutanten, die die geteilten, aber historisch miteinander verbundenen Länder symbolisieren, welche um die Kontrolle über natürliche Ressourcen kämpfen, hauptsächlich über das Wasser. Sie tragen doppelte Namen, zum Beispiel Sun-Poe, eine Kreuzung zwischen dem palästinensischen Sonnenvogel (Sunbird) und dem Wiedehopf (Hoopoe), dem Nationalvogel Israels. Auf diese farbigen Gouachen, die mit handschriftlichen Kommentaren der Künstlerin versehen sind, klebt sie Stacheldraht. Geopolitik teilt Länder, obwohl es schwer ist, die Natur in streng nationale Teile zu zerlegen. »Diese Bindestrich-Porträts können als poetische Provokationen einer Spezies, die es in der Vergangenheit nicht gegeben hat – oder als ein Vorschlag für die Zukunft verstanden werden«, sagt Reena Saii Kallat.

Äquilibristik der (Un)linguistik

Auch Mitu Sen (Foto) liebt Provokationen. Die begnadete Sprachkünstlerin, Bildhauerin und Malerin begann ihre künstlerische Laufbahn als bengalische Dichterin. Nachdem sie 1997 nach Delhi gezogen war, musste sie Hindi und Englisch lernen, was ihr zunächst recht schwer fiel. Die meisten ihrer Werke tragen Titel, in denen die Vorsilbe »un« steht. Sie ist eines der Hauptelemente ihrer Un- oder Nichtsprache. Es ist offensichtlich, dass es mit eigenen Zähnen oder mit dem Zahnersatz leicht fällt, sich in jeder Sprache oder Nichtsprache zu artikulieren. Wie alle Arbeiten von Mitu Sen ist auch die Installation »Border Unseen« Ausdruck eines absurden Sinns für Humor. Im Deutschen klingt »Unseen« phonetisch ein wenig wie Unsinn. Künstliches Zahnfleisch, in dem künstliche Zähne stecken, sieht natürlich wie eine Grenze aus, die im geschlossenen Mund unsichtbar ist, aber man kann sie nicht übersehen, wenn sie an einer Wand als Zahnrad hängt.

Mithu Sen, Phantom Pain 2

Mitu Sen nennt ihre Zeichnungen und Skulpturen Performances, denn das Publikum soll sich daran aktiv beteiligen. Eine großartige Idee ist zum Beispiel die Serie der 40 Grafiken und Zeichnungen unter dem Titel »The Same River Twice« (Derselbe Fluss zweimal), die in einem geschlossenen Raum betrachtet werden kann. Es ist eine Kunst der Camouflage, die sich vielleicht vor dem Auge des Zensors tarnt, denn nur, wenn man mit einer Taschenlampe weiße Papierblätter beleuchtet, sieht man ihren zweiten Boden: erotische, leicht pornografische Spiele nicht heterosexueller Paare. Die benachbarte Installation »Mou (Museum of Real Estate) beherbergt eine Sammlung von Kitschartikeln, Souvenirs und anderen Nippes in einer runden Vitrine, die einer leicht zu transportierenden Wunderkammer gleicht.

Mithu Sen, Mou (Museum of Real Estate)

Symphonie der Zeit oder Kakofonie

»Wir leben in einer sich schnell verändernden Welt und betrachten uns als anpassungsfähig«, sagt Vibha Galhotra (Foto oben). »Gleichzeitig berücksichtigen wir kaum das Ausmaß der Umweltverschmutzung und akzeptieren sie passiv als die neue Realität.« In multimedialen Rauminstallationen, in Filmen und Fotografien stützt sich die Künstlerin auf die platonische Theorie der fünf Elemente und zeigt, was mit dem Wasser des heiligen Flusses Yamuna, mit Luft, Erde, Äther und Feuer geschieht. Nach dem Eintauchen eines weißen Tuchs in Yamuna wird es sofort schwarz. Neu-Delhi ist die am meisten verschmutzte Stadt der Welt, die, wie Vibha sagt, einer Gaskammer gleicht, sodass die Menschen ständig Masken tragen müssen, in denen sie aussehen, als ob ihnen, wie in Nostradamus’ Prophezeiung, anstelle der Nasen Schweinerüssel wachsen würden. In den Städten ist jedes Stückchen Boden zugebaut, und sogar in den Vierteln, die von getarnten Sicherheitsmännern bewacht werden (Installation »Neo Camouflage«), liegen die Häuser extrem dicht beieinander: Das ist eine bunte Betonwüste, ohne einen Grashalm. Eine große Weltkarte unter dem Titel »Time Symphony Or Cacophony« wird immer dunkler, schreckliche Geräusche dringen aus ihr nach Außen: Die klassische Symphonie der Zeit verschwindet, ersetzt durch eine Kakophonie der Zerstörung.




Vibha Galhotra, Neo Camouflage (Installationsfragmente)

Gedemütigte, schweigende und gequälte Frauen

Wenig optimistisch sind auch die Arbeiten von Bharti Kher (Foto), der einzigen Teilnehmerin der Wolfsburger Ausstellung, die nicht in Indien, sondern in Ostlondon geboren wurde, und seit 1992 dauerhaft in der Hauptstadt Indiens lebt. Die Künstlerin, deren Werk um die Situation der indischen Frauen kreist, ist eine Perfektionistin und Ästhetin, die die sogar in den überraschendsten Materialien verborgene Energie und Schönheit an die Oberfläche zaubert. Neben Skulpturen aus Bronze, Kleiderstoff, Reis und Reliefs aus Bindis zeigt sie in Wolfsburg auch eine Säule aus roten Armreifen, den Bangles, unter dem Titel »Bloodline« (Stammbaum): Frauen sind zwar die Stützen und die treibende Kraft der indischen Gesellschaft, leben aber oft in einem »Deaf Room« (Tauben Zimmer), das von einer Mauer des Schweigens umgeben ist. Diese beindruckende Plastik besteht aus zehn Tonnen Glasziegeln, die Bharti Kher aus geschmolzenen Armreifen und Ton errichtete. Das Schicksal der Frauen, die im ältesten Beruf der Welt arbeiten, ist auch nicht einfach, wie die Gipsskulptur der sechs Sitzenden unter dem Titel »Six Women«, also sechs Sexarbeiterinnen aus Kolkata, zeigt. Bharti Khers Werke sind Monumente für die extrem müden, gequälten und tagtäglich gedemütigten Frauen in Indien.

Bharti Kher, Six Women

Dem dritten Geschlecht geht es häufig sehr schlecht

Tejal Shah ist auch vielseitig begabt, sie macht fantastische Zeichentrickfilme, sie zeichnet und fotografiert meisterhaft, wovon die Fotoserie » Women like us« zeugt. Sie stellt »Frauen wie wir« dar, also solche, die nicht einverstanden sind, die ihnen zugeschriebenen Geschlechterrollen zu spielen, weil sie sich wie Männer fühlen. Die Genderfrage ist das, was diese Künstlerin, die lange Zeit in Indien nicht ausstellen durfte, am meisten interessiert. Sie befasst sich nämlich mit Themen, die verschwiegen werden sollen wie die Gewalt gegen Hijras, die offiziell als Göttinnen des dritten Geschlecht verehrt werden, aber in Wirklichkeit den Massenvergewaltigen zum Opfer fallen, verletzt, bepisst und umgebracht: zu sehen in der erschütternden Foto- und Videoinstallation »Untitled (On Violence)«.

Prajakta Potnis mit Dr. Uta Ruhkamp (links)

In der Ausstellung »Facing India« gibt es auch weniger drastische, witzige und ironische Arbeiten. Ihre jüngste Teilnehmerin, die 28jährige Prajakta Potnis, arrangiert und fotografiert seltsame Landschaften und Stillleben in spezifischen Interieurs. Die Digitaldruckserie »Capsule« wartet mit Rollteppen auf, die auf einer Plastikserviette im Kühlschrank stehen. Eines der »Still Lifes« zeigt Blumenkohls in Gefrierfächern, die wie Atompilze aussehen. Kann die Natura (morta) eines Blumenkohls explosiv sein oder nicht explosiv sein, das ist hier die Frage.

Prajakta Potnis, Capsule

Alle Fotos © Urszula Usakowska-Wolff


FACING INDIA
Kunstmuseum Wolfsburg
29.04-7.10 2018
Katalog, 38 Euro
www.kunstmuseum-wolfsburg.de

Barataria 74 Wyspy

Tibor Jagielski

tauben an moens klint
hochsommer

gołębie na moens klint
szczyt lata

moen

chwila
rudzik wskakuje na łodygę rokitnika
tyle farb daje mi wiatr

moen

ein moment
das rotkelchen springt auf den sanddornzweig
so viele farben gibt mir der wind

moen

eichelhäher im garten
herbstwind wartet

moen

sójka w ogrodzie
wiatr jesienny nadchodzi

koniec poezji
haiku, jako ostatni,
uchyla kapelusza

ende der poesie
haiku, als letzter,
lüftet den hut

10/01/13