Metropolinnen zwischen Hof und Küche

aska-renka-rfAśka & Reńka werden in ein paar Tage in der Regenbogenfabrik lesen. Und ich hoffe, ihr kommt alle hin, alle, vor allem aber die anderen Autoren dieses Blogs, weil ich somit so etwas wie einen Stammtisch oder ein Kaffekränzchen “meiner” Blogschreibern statuieren möchte.

Mehr über unsere Autorinnen HIER und darunter erste Folge vom osteuropäischen Irrwitz!

AŚKA & REŃKA

UNSER KICK

REŃKA: Na, zuerst müssen wir erklären, wie wir aussehen, weil das weiss doch noch niemand.

AŚKA: Reńka sieht aus wie ne Dame. Im Mantel, voll elegant, als würde sie am Sonntag spazieren gehen, und sie geht doch nur ins KIK und Aldi, und das wichtigste: sie raucht diese dünne weisse Kippe, den ganzen Weg lang. Und wenn sie ausgeht, zündet sie sich sofort die nächste an.

REŃKA: Und Aśka ist kleiner, und schwarz, weil ich bin blond, und so kann man uns auseinander halten. Und sie geht in dieser Bluse, die ich ihr gekauft habe, in der schwarzen, zum Joggen, wo sie die Nacht mit geschlafen hat, und jetzt geht sie damit. Scham. Einfach Scham.

AŚKA: Also, weil wir jeden Samstag zu KIK gehen. Und normal ist es so, dass wenn es dieses KIK nicht gäbe, wäre es ’n Schwanz und kein Samstag.

REŃKA: Weil in diesem KIK können sogar wir uns erlauben, uns was zu kaufen. Weil dort alles ein Euro kostet oder auch weniger.

AŚKA: Und alles das geschieht folgendermassen: Dass Reńka die Tasche auf die Schulter nimmt, und die Flaschen zum Abgeben,

REŃKA: und Aśka zieht hinter sich her diese Reisetasche auf Rädern. Wir sehen zusammen aus wie Weiber aus Russland, wenn wir durch die Damaschkestrasse zur Kreuzung gehen.

AŚKA: Na und auf dieser Kreuzung sind Autos wie Schwanz, aber wir hauen einfach durch,

REŃKA: und Aśka bleibt in der Mitte der Kreuzung stehen und streckt ihre Hand, und das soll uns vor diesen Autos bewahren, die auf uns zufahren.

AŚKA: Und Reńka denkt, dass einer von ihnen letztendlichst auf uns rauffährt, einfach so, aus Prinzip.

REŃKA: Na, wenn es uns schon nicht raufgefahren ist, gehen wir weiter und Aśka denkt darüber nach, laut natürlich, woher diese ganzen Autos kommen.

AŚKA: Weil wie ist es möglich, dass alle diese Menschen so ’n Auto haben und Kasse dafür. Und in Urlaub fahren sie auch noch. Aber Reńka winkt ab:

REŃKA: Ach was, weil das sind gar nicht ihre Autos, sondern auf Raten gekauft, und eigentlich sollten die Bankbesitzer damit fahren, und in Urlaub fahren sie schon – aber nach Polen – damit es billiger ist. Weißt du nicht mehr? Wir haben sie doch mit eigenen Augen gesehen als wir in der Heimat waren, da waren auf dem Zeltplatz nur Deutsche.

AŚKA: Und der einzige Pole, der sein Zelt neben uns aufgeschlagen hat,

REŃKA: wegen dem Patriotismus und damit er sich sicherer fühlt,

AŚKA: schrie morgens um 6 schon zu seiner Frau, wie hoch der Euro steht, und dass wenn es so weiter geht, kommen die Deutschen zu uns nach Polen Kartoffeln buddeln und nicht zum Baden.

REŃKA: Sein Wagen hat er extra an ein Baum gekettet,

AŚKA: mit einer Kette, dick, wie für ne Kuh.

REŃKA: Und dann ist keine Zeit mehr zum nachdenken, weil dann KIK schon vor uns auftaucht.

AŚKA: Und das ist ein Wunder, dieses KIK, ganz einfach, weil das Leben hätte absolut keinen Sinn ohne dieses KIK, an diesem Samstag. Aber es gibt Grundsätze: dass jede von uns nur eine Sache kaufen darf.

REŃKA: Und Aśka, natürlich, hält sich nie an diese Regeln, weil sie muss alles lagermässig haben, und so kauft sie zehn rosane Kerzen.

AŚKA: Und Reńka kauft Höschen. Weil sie hat ne Psychose auf Schlaf-Höschen, und muss viel davon haben, und am besten Boxer-Shorts, und aber männliche.

REŃKA: Wenn wir schon gehen aus diesem KIK, diese Strasse hoch, zum Aldi, träumen wir, was wir uns so kaufen würden, wenn wir verdienen würden.

AŚKA: Ein Vollidiot fährt vorbei und hupt. Und Reńka sagt:

REŃKA: ich werde nie einen Deutschen heiraten, die kaufen doch alles auf Raten. Weil früher da hat das polnische Mädel sich n Deutschen aufgerissen, und alle waren neidisch, weil sie ja reich war. Und jetzt können diese Polnischen Mädels sich voll schneiden. Weil sie lernt so n Deutschen kennen, und freut sich, dass sie bis zum Lebensende nichts mehr machen muss, nur die Nägel lackieren, und dann kommt sie hierher, guckt, und er Hartz IV.

AŚKA: Und jetzt, endlich, stehen wir in diesem Aldi. Und Reńka jammert, dass wir hier einkaufen,

REŃKA: und in Polen ist das Essen nicht nur billiger sondern auch noch viel besser, und während wir hier sind, kaufen die Deutschen uns in Polen alles aus.

AŚKA: Weil Reńka hat es selber gesehen, wie fünf so Deutsche, klassisch, kurze Haare und Brillen mit Goldrand, ganze Säcke voll aus Polen rausfuhren:

REŃKA: jede hatte an die zehn Stück Butter, Brote, Wurst, saure Gurken, und soviele Schmerztabletten, als hätten sie drei Apotheken aufgekauft.

REŃKA: Und Aśka sagt,

AŚKA: dass wir doch aber nicht so bekloppt sind, um zur Grenze zu fahren und zurück, am Samstag, zum Einkaufen. Das ist doch Quatsch.

REŃKA: Und dann ist keine Zeit mehr zum Nachdenken,

AŚKA: weil wir uns diesen Zeitschriften nähern, die wir natürlich nicht kaufen.

REŃKA: Aber wir müssen einen Moment vor ihnen stehen, weil Aśka mag es sich vorstellen, dass wenn sie morgens in die Küche kommt, und ich sitze am Tisch, dass ich so ne „TIMES“ lese, damit ich ihr erkläre, worum es nun geht, in dieser Welt. Und ich lese doch gar keine Zeitung, und schon gar nicht auf englisch.

AŚKA: Und Reńka sagt, sie kann unsere Lage auch ohne die Zeitung erklären, weil sie weiss genau, worum es geht.

REŃKA: Weil jetzt kaufen die Polen die ganze billige Erde auf, in diesem Mecklenburg-Vorpommern, weil dort sind alle sehr arm, und noch ärmer als in Polen, und habe ’n Haufen Skins. Na also kaufen die Polen das ganze Land auf, billig wie Borschtsch, und noch sagen sie, dass sie auf diese Weise unser altes slavisches Land zurück zu dem Mutterleib führen. Weil vor langer Zeit, waren dort überall Slaven und Schluss. Und Aśka will wissen, ob ich damit sagen will, dass Mecklenburg-Vorpommern früher Polen war,

AŚKA: und Reńka denkt nach und sagt:

REŃKA: Irgendwie schon.

AŚKA: Und wenn wir aus diesem Aldi rauskommen, dann müssen wir wieder an dem Kik vorbeigehen. Na und natürlich gehen wir wieder rein, weil wir können es uns nicht verwehren.

REŃKA: Und auf einmal gucke ich und Aśka hält mir ne Hose hin, aus Polyester, dass garantiert der Arsch drin schwitzt, und in der Farbe braun und in einer Farbnuance, die an Durchfall erinnert, und mit freudiger Miene verkündet sie mir,

AŚKA: dass diese Hose nur ein Euro kostet.

REŃKA: Also sag ich ihr sanft, dass die Hose ihr zu klein sein wird. Und sie mir daraufhin:

AŚKA: Na, das macht doch nix, das kann man doch heute kaufen und morgen wegschmeissen.

REŃKA: Und genau das ist es:

REŃKA
UND AŚKA: UNSER KICK.

aska_und_renka_rauchen_netzWeitere Folgen folgen 🙂

Die kleine große Welt (7)

Monika Wrzosek-Müller

„Durch einen seltsamen Zufall – denn letztendlich liegt allem immer eine zufällige Begegnung zugrunde – durch eine merkwürdige Fügung wurde Albert mein Schicksal und ich seins.“

Tim Parks: Träume von Flüssen und Meeren, Kunstmann Verlag, München 2009, S. 449

Castiglione della Pescaia

Der Weg dahin war erst einmal eine Entscheidung; sie mussten eine Ferienwohnung suchen. Das taten sie bei der agenzia immobiliare „Casa Rossa“ und fanden fast immer etwas. Warum die meisten Wohnungen ausgesprochen hässlich waren, so dass man keine richtigen Lampen zum Lesen hatte und in der Küche auf einem Stuhl hockten musste, unbequem, beengt, mit Ausblick auf das nächste noch hässlichere Haus, selten mit einem Balkon versehen, vermag ich nicht zu beantworten. Vielleicht lag das an unseren finanziellen Mitteln, oder daran, dass die meisten Leute keinen so großen Wert darauf legten. Schließlich konnte man sich in der Mitte der schönsten Landschaft, in der Toskana, die Hässlichkeit der Unterkunft erlauben, man blieb sowieso sehr selten drin. Castiglione mit dem schönen Hafen und dem Fischmarkt, einem Castello, einer Pineta, dem ausgedehntem Pinienwald beiderseits des Orts, im Süden in Maremma übergehend, entschädigte für vieles.

Der Weg dahin ging durch die schönste Landschaft der Welt, wenn man es nicht eilig hatte und durch die Hügel des Chianti an Greve und den kleinen Ortschaften vorbei fuhr, nicht auf der super strada nach Siena. Die Anhöhen, meistens mit einem großen alten Haus darauf und einer Allee von Zypressen, die nach oben führte, reihten sich einer an den anderen. Manchmal waren die Zypressenreihen durch Pinien unterbrochen, das war eigentlich noch reizvoller, noch symmetrischer. Ein Strich horizontal, ein Strich vertikal, manchmal warfen sie auch bizarre Schatten auf die Erde, die mit der untergehenden Sonne länger wurden. Das Wunderbare an dieser Landschaft war die Verbindung des jahrhundertealten menschlichen Bemühens und der Natur, die mitspielte. Sie liebte diese sanften Hügel, die weiten Felder und Weinberge, die Olivenhaine, die vielen Schattierungen von Grün bis Silbergrau, die am Ende des Sommers zu Gelb, Braun, Rostfarben wurden; dazu im Frühling den Geruch von brennenden Olivenzweigen und die großen Wiesen voll von Anemonen, Mohnblumen, kleinen Krokussen und Schwertlilien, die die Wege säumten und sich zwischen den Steinen ihren Weg bahnten. Das alles war wie von Zauberhand gemalt oder gemeißelt. Die Häuser und jeglicher Art Gebäude waren nie perfekt restauriert, immer mit gewissem Gespür für das Alte und Heruntergekommene oder gar melancholisch Verfallende, aber immer malerisch und mit der Landschaft im Einklang. Sie fühlte sich hier geborgen, sicher, glücklich. Sie mochte auch die Menschen, ihre Direktheit, ihre Freundlichkeit; hier war sie keine Fremde, sie gehörte dazu. Die Menschen ließen einen an ihrem Leben, ihren kleinen Problemen teilhaben. Sie waren offen, freundlich, hilfsbereit aber keinesfalls aufdringlich.

Hinter Siena änderte sich die Landschaft; die Natur wurde wilder, es gab mehr Wälder: Eichenwälder auch mit Korkeichen, weniger menschlichen Einfluss, obwohl die Erde hier und da eine wunderbar rote Farbe hatte und sehr fruchtbar aussah. Es gab auch Reisfelder mit ihrem frischen Grün und doch ab und zu Weinberge aber viel weniger Ortschaften und Bebauung. Die Ebene am Fluss, Richtung Meer war von Kanälen durchschnitten, mit Schilf und Gemüseanbau, grün und sehr zugewachsen, man kam an dem Roten Haus vorbei und sah dann vom weiten den Felsen mit dem Castello in Castiglione. Man war angekommen.

Am Strand trafen sie jedes Jahr dieselben Menschen wieder; die meisten kamen aus Siena und mussten irgendwann zum Palio und vorher üben, auf ungesattelten Pferden zu reiten, historische Kostüme zu nähen, und die Fahnen ihrer Contrada zu schwenken, und wenn sie nichts dergleichen taten, dann kümmerten sie sich ums Essen oder um die Pferde; überhaupt war dieses Fest erstaunlich präsent in den Köpfen der Menschen, man sprach Wochen vorher darüber und ereiferte sich über die Details; es war kein Event für die Touristen, sondern man spürte die emotionale Zugehörigkeit zu einzelnen Contraden und wie die Animositäten und Gegensätze mit dem sich nähernden Fest zunahmen. Ich musste immer wieder an das Buch von Carlo Fruttero und Franco Lucentini denken „Il palio delle contrade morte“ [„Der Palio der toten Reiter“]. Sie beschrieben in einem wunderbaren Krimi, wie sich die Stadt für und dann durch das Fest veränderte und welche Emotionen der Palio bei den Menschen weckte.

Jedes Jahr trafen sie am Strand dieselben Leute: Alessandro mit seinen Großeltern, Bernardo mit seiner Mutter und Mateo mit der Großmutter, es war wie in dem italienischen Lied aus den 60er Jahren „ogni anno, stessa spiaggia, stesso mare“ [jedes Jahr, derselbe Strand, dasselbe Meer], unter demselben Schirm, immer im demselben Zeitraum und im selben Quartier. Man begrüßte sich erfreut und herzlich aber nicht verwundert, als sei es die natürlichste Sache der Welt, von Mitte Juli bis Mitte August seine Zeit in Castiglione zu verbringen. Die einen hatten große Villen, die anderen wohnten wie sie in einem Appartement, wieder andere bevorzugten Hotels oder Pensionen. Auch musste man sich entscheiden, auf welchem Abschnitt des Strandes man sich niederließ; auf ausgedehnte private, teure Bagni (mit Sonnenschirmen und Liegen bestückte Strandabschnitte) folgten enge, voll belegte öffentliche Strandplätze, aber da konnte man sich ausbreiten wie man wollte, war nicht von der Liege des Nachbarn belästigt.

Etwas abseits von Castiglione, hinter einer Absperrung und einem Schlagbaum lag inmitten von einer Pineta ein Villenviertel genannt Roccamare mit eher modernen aber architektonisch anspruchsvollen Häusern und separatem Zugang zum Privatstrand. Da wohnte im Sommer Sylvia mit ihrem Sohn; sie hatte mich immer wieder in das Haus eingeladen; es waren oft mehrere Leute da, auch die Nachbarn, es war lebendig, fröhlich und interessant. Oft erzählten die Leute, wer denn hier alles nicht wohnen würde; das berühmte Paar, die Autoren von den vielen Krimis auch dem über dem Palio: Fruttero und Lucentini waren eben auch darunter. Manchmal konnte man ihre Silhouetten im Garten umhergehen sehen, oder wenn es im Sylvias Haus still war, hörte man sie sprechen. Die beiden sprachen sehr schönes Italienisch, es erinnerte mich an das Italienisch von meinem Freund aus Turin, der damals so wie wir in Florenz, in Settigniano, lebte und an der Universität von Florenz lehrte. Manchmal konnte man sie auch am Hafen, am Abend in Castiglione sehen. Sie waren in ihre Gespräche vertieft, ich folgte ihnen und zu meinen Ohren drang der schöne Klang des Italienischen aus dem Norden, denn die beiden, was ich damals nicht wusste, stammten ausgerechnet aus Turin.

 

Aus dem Leben einer Dichterin

AUF DER POST
von Jana Stoklasa

Ich stand auf der Post,
in Gedanken mit den Umständen beschäftigt,
die mit meiner Sendung verbunden waren.

 Da wurde mir plötzlich bewusst,
dass ein kleiner dicklicher Mann im Anzug,
schnurbärtig und mit gebräunter Glatze,
mit einem solchen fixierenden Blick meine Hände beobachtete,
dass in mir blitzartig eine Art Terror-Paranoia hochstieg.
Denn ich stand da
mit einem kleinen schwarzen Köfferchen auf Rollen,
eine schändlich mit Werbeaufklebern zugeflickte Briefsendung in der Hand
und zog mein Handy aus der Handtasche.
Seit meiner Notiznahme dieses mir unheimlichen Mannes,
dessen Blicke wie alles durchzudringen suchten,
beanspruchte ein Plakat links der Schlange seine volle Aufmerksamkeit,
obwohl genau darüber Bilder auf einem Infoscreen liefen.
Durchweg in dieses omniprāsente Gefühl versunken, verdächtigt zu
werden,
hörte ich alsdann erst gar nicht die Rufe der schon genervten Beamtin am
Schalter.

 Mein Angstgefühl verbot mir jede weitere Auseinandersetzung
mit meiner über diesem öffentlichen Raum schwebenden Frage,
ob ich mich nun von einer generellen
zur potenziellen Verdächtigen hochgearbeitet habe,
und was es eigentlich bedeutete,
wenn schon das banale Betreten einer Post
als eine Selbstgefährdung auf mich wirkte.

Beim Hinausgehen
musste ich dann schließlich doch über mich selbst lächeln
– sobald ich in mich die Luft ausserhalb dieser Post
wie in einem befreienden Atemzug hineingesogen hatte.

Powrót grafik Buntu / Rückkehr der Bunt-Graphiken

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Prace graficzne grupy Bunt wracają do ojczyzny.
O motywach swej donacji dla polskich muzeów opowiada Prof. S. Karol Kubicki

BUNT S Karol Kubicki Communitas Wir Berliner 2009

Prof. S. Karol Kubicki, członek komitetu założycielskiego Wolnego Uniwersytetu w Berlinie i student z legitymacją nr 1. Fragment sceny Communitas w ramach wystawy My Berlińczycy / Wir Berliner. Historia Polsko-Niemieckiego Sąsiedztwa, Instytut Badan Historycznych PAN/ Muzeum Miejskie, Ephraim Pallais, Berlin 2009.

Dzięki inicjatywie prof. S. Karola Kubickiego, jesteśmy dziś świadkami historycznego wydarzenia. Zdecydował się on podarować polskim muzeom prawie sto dzieł artystów polskiej wczesnoawangardowej grupy Bunt z Poznania, które odziedziczył po swych rodzicach, polsko-niemieckiej parze artystów, Margarete i Stanisławie Kubickich. Są to głównie prace graficzne i rysunki, które przez niemal sto lat znajdowały się w jego rodzinnym domu w Berlinie. Choć zawodowo zaangażowany był w medycynę, wiele czasu poświęcił także ich opracowaniu i popularyzacji, podobnie jak czynił to w przypadku twórczości swych rodziców.

3plakatyPlakaty wystawy Bunt w Poznaniu i okładki Die Aktion i Der Sturm, 1918

O swej motywacji przekazania daru dla polskich muzeów prof. S. Karol Kubicki powiedział m. in.:

„W wieku prawie 90 lat przychodzi pora, by zadać sobie pytanie o losy spuścizny po rodzicach. Przede wszystkim dzieła mogące budzić zainteresowanie szerszej publiczności powinny znaleźć wreszcie swoje trwałe i adekwatne miejsce. Ostatnia wojna doprowadziła w Polsce do ogromnych zniszczeń dziedzictwa kultury. Z kolei pierwsze dziesięciolecia historii powojennej nie sprzyjały bynajmniej stworzeniu pozbawionej uprzedzeń oceny jej roli w kulturze europejskiej okresu międzywojennego. Teraz więc nadszedł moment, bym rozstał się z dziełami, które pokochałem.”

„Sztuki plastyczne nigdy nie przestały mnie interesować. Równolegle do medycyny studiowałem więc przez dobrych sześć semestrów historię sztuki i – ze szczególnym zaangażowaniem – archeologię. Przerwałem nawet cykl egzaminów państwowych z medycyny, by wraz z archeologami wziąć udział w wyprawie po Włoszech, skoncentrowanej na zwiedzaniu Rzymu.
Co jednak najważniejsze – przez wszystkie te lata coś nieustannie nakazywało mi, bym porządkował spuściznę mych rodziców oraz ich przyjaciół. Należeli do nich również członkowie grupy Bunt. Wiele ich dzieł – z rozmaitych względów – znajdowało się u nas w domu. Teraz jednak niech powrócą do swej ojczyzny… Taki jest właściwy powód obecnej wystawy.
Wspomnianemu tu zadaniu nie mógłybym nijak sprostać, gdyby nie ogromne wsparcie ze strony pani dr Lidii Głuchowskiej. Także teraz to ona zadbała o organizację tournée niniejszej wystawy po kilku różnych miastach. Serdecznie jej za to dziękuję, w ten bowiem sposób stała się częścią mojego curriculum vitae.”

W odpowiedzi na donację z Niemiec artyści polscy realizują pokazy swych prac pt. „Ulotka” i „Refleks”, właczając się także w trzy dalsze odsłony wystawy donacyjnej pt. „Bunt – Ekspresjonizm – Transgraniczna awangarda” – w Muzeum Okręgowym im. Leona Wyczółkowskiego w Bydgoszczy, Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego w Dreźnie i Dolnośląskim Centrum Fotografii „Domek Romański” we Wrocławiu. Każdą z prezentacji daru w odmienny sposób, dostosowany do genius loci prezentujących wystawę miast i instytucji, przygotowała kuratorka tournee, dr Lidia Głuchowska, zapraszając do udziału w uroczystościach związanych z jej II, III i IV odsłoną, łącznie ok. 60 artystów współczesnych.

Pierwsza edycja wystawy, skoncentrowana zasadniczo na pokazie grafiki grupy Bunt, odbędzie sie w Muzeum Narodowym w Poznaniu. Uzupełniają ją prace kilkunastu artystów współczesnych z Uniwersytetu artystycznego w Poznaniu składające się na projekt „Refleks”. Jego rezultatem są film i książka artystyczna, zainspirowane programem i twórczością grupy Bunt, 2014.
Projekt „Refleks” stanowi zbiór prac graficznych wykonanych przez artystów z Poznania. Inspiracją ideową dla wystawy są przede wszystkim krytyczne, alternatywne założenia i działania grafików Zrzeszenia Bunt działającego w Poznaniu w I ćwierci na XX wieku. Grafiki będące rezultatem projektu Refleks, podobnie jak prace artystów Buntu, są próbą uniwersalizacji tematów lokalnych. Pomimo zawężonej tematyki włączają się w globalny, szerszy dyskurs społeczno-kulturalny.
Końcowa ekspozycja zagadnienia Refleks ma formę książki, do której rozmiarów dostosowane są prace graficzne. Poprzednio projekt Refleks prezentowany był w maju 2014 w Galerii „Rarytas”.

Wernisaż dziś – w niedzielę, 19.04. 2015 o godz. 12.00.

Logo ekspozycji zaprojektował prof. Andrzej Bobrowski, nawiązując w nim do ekspresjonistycznych autoportretów założycieli ofiarowywanej polskim muzeom kolekcji, polsko-niemieckiej pary artystycznej, Margarete i Stanisława Kubickich z 1917/1918 roku.

prof Bobrowski A pracuje nad LOGO wystawy 2015Prof. Andrzej Bobrowski pracuje nad logo wystawy Transformacja M / S, marzec 2015.

***

Die Grafikwerke der Gruppe Bunt kehren in ihre Heimat zurück.
Über die seine Beweggründe diese Werke den polnischen Museen zu schenken berichtet Prof. S. Karol Kubicki

BUNT S Karol Kubicki Communitas Wir Berliner 2009

Prof. S. Karol Kubicki, Gründungsmitglied der Freien Universität zu Berlin, mit der Matrikelnummer 1. Teil des Arrangements der Szene Communitas im Rahmen der Ausstellung Wir Berliner / My berlińczycy. Geschichte einer deutsch/polnischen Nachbarschaft, Institut für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften/ Stadtmuseum, Ephraim Pallais, Berlin 2009. Foto: © Lidia Głuchowska

Dank der Initiative von Prof. S. Karol Kubicki sind wir heute Zeugen eines historischen Ereignisses. Er hat sich entschieden, fast hundert Werke von Künstlern der polnischen frühavantgardistischen Gruppe Bunt [Revolte] aus Poznań, die er von seinen Eltern, dem deutsch-polnischen Künstlerpaar, Margarete und Stanislaw Kubicki geerbt hat, polnischen Museen zu vermachen. Es handelt sich vor allem um grafische Werke und Zeichnungen, die sich beinahe seit hundert Jahren in Berlin befinden, mit denen sich S. Karol Kubicki, wie auch mit dem Werk seiner Eltern, neben seinem medizinischen Forschungsschwerpunkt intensiv auseinandergesetzt hat.

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Plakate der Ausstellungen der Gruppe Bunt in Poznań sowie Titelblätter der Sondernummer von Die Aktion i Der Sturm, 1918

Über die seine Beweggründe, Werke aus seiner Sammlung an die polnische Museen zu vermachen, berichtet Prof. S. Karol Kubicki u. a. Folgendes:

„Im Alter von fast 90 Jahren, ist es wohl an der Zeit, mir Gedanken über den Nachlass zu machen. Vor allem die Werke von öffentlichem Interesse sollten endlich einen sinnvollen und dauerhaften Platz finden. Der letzte Krieg hat ja gerade in Polen zu einer immensen Vernichtung künstlerischer Zeugnisse der polnischen Kultur geführt, und die ersten Jahrzehnte nach 1945 waren nicht gerade günstig für eine unvoreingenommene Aufarbeitung der Rolle Polens in der europäischen Kultur der Zwischenkriegszeit. So ist jetzt wohl der Zeitpunkt gekommen, sich von den lieb gewordenen Werken zu trennen.“

„Die bildenden Künste ließen mich nicht ganz los. Und so studierte ich gute sechs Semester nebenher auch Kunstgeschichte und insbesondere Archäologie. Ich unterbrach mein medizinisches Staatsexamen, um mit den Archäologen an einer Exkursion nach Italien, vorwiegend Rom, teilzunehmen.
Über all die Zeit trieb es mich auch immer wieder, das Oeuvre meiner Eltern und die Arbeiten ihrer Freunde zu sortieren, wozu eben auch die Gruppe Bunt gehört. Etliche Werke der Freunde befanden sich – aus welchen Gründen auch immer – in unserem Hause. Sie sollen jetzt in ihre Heimat zurückkehren. Das ist der Grund für diese Ausstellung. Diese Arbeiten wären ohne den kräftigen Beistand von Frau Dr. Lidia Głuchowska nicht zu bewältigen gewesen, da sie auch die vorliegende Wanderung dieser Ausstellung durch etliche Städte vermittelte. Dafür sage ich ihr herzlichen Dank. Sie ist damit Teil meiner Vita geworden.“

Eine symbolische Antwort polnischer Künstler auf die Schenkung aus Deutschland sind ihre künstlerischen Gruppenprojekte „Refleks“ [Reflex] und „Ulotka“ [Flyer]. Einige von denen werden auch auf drei Enthüllungen der die Schenkung würdigenden Ausstellung Bunt – Expressionismus – Grenzüberschreitende Avantgarde vertreten: im Leon-Wyczółkowski-Kreismuseum in Bydgoszcz, im Kraszewski-Museum in Dresden sowie im Niederschlesischen Zentrum für Fotografie „Romanisches Haus“ in Wrocław. Jede dieser Präsentationen hat die Kuratorin der Ausstellungstour, Dr. Lidia Głuchowska, unterschiedlich konzipiert, um das Genius loci der jeweiligen Städte und Institutionen, die sie zeigen, zu berücksichtigen. Zur Teilnahme an den Feierlichkeiten anlässlich der Schenkung während der 2., 3. und 4. Enthüllung der sie betreffenden Ausstellung, hat sie insgesamt etwa 60 Gegenwartskünstler eingeladen.

Die Uraufführung dieser Schau die vorwiegend der historischen Grafik der Gruppe Bunt gewidmet wird, findet im Nationalmuseum Poznań statt. Ergänzt wird sie durch die Werke einiger Gegenwartskünstler aus der Kunstuniversität Poznań, welche ein Gemeinschaftsprojekt Refleks [Reflex] bilden. Sein Ergebnis sind ein künstlerischer Film sowie ein Kunstbuch, welche durch das künstlerische Programm und Werk der Gruppe Bunt inspiriert worden waren. Das Projekt stellt eine Sammlung grafischer Werken dar, die von Posener Künstlern angefertigt wurden. Ideelle Inspiration für die Ausstellung waren vor allem kritische, alternative Prämissen und Aktivitäten der Grafiker der Bunt-Vereinigung im ersten Viertel des vergangenen Jahrhunderts. Grafiken, die aus dem Projekt Reflex hervorgegangen sind, stellen – ähnlich wie die Arbeiten der Bunt-Künstler – einen Versuch dar, der lokalen Thematik eine universelle Dimension zu verleihen. Trotz einer Reduktion des thematischen Spektrums fließt sie in den breiteren, globalen kultursozialen Diskurs ein. Die abschließende Darstellung der Fragestellung um den Reflex hat die Form eines Buches, an dessen Maße die grafischen Arbeiten angepasst worden sind. Das Projekt Refleks [Reflex] wurde zuletzt im Mai 2014 in der Galerie „Rarytas” präsentiert.

Die Vernissage ist für heute, den Sonntag, den 19. April 2015, um 12.00 Uhr geplant.

prof Bobrowski A pracuje nad LOGO wystawy 2015Das Ausstellungslogo wurde vom Prof. Andrzej Bobrowski entworfen. Darin lehnt er sich and die expressionistische Selbstporträts der Begründer der Sammlung, die den polnischen Museen vermacht wird, also des deutsch-polnischen Künstlerpaars Margarete und Stanisław Kubicki. Die ursprünglichen Selbstbildnisse sind in den Jahren 1917/1918 entstanden.

Transgraniczna awangarda / Grenzübergreifende Avantgarde

Für deutsche Version bitte nach unten scrollen

Wronicki SalomeDr Lidia Głuchowska

Bunt – Ekspresjonizm – Transgraniczna awangarda
Prace z berlińskiej kolekcji prof. S. Karola Kubickiego

W roku 2015 w Muzeum Narodowym w Poznaniu, Muzeum Okręgowym im. Leona Wyczółkowskiego

w Bydgoszczy, Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego w Dreźnie i Dolnośląskim Centrum Fotografii „Domek Romański” we Wrocławiu zaprezentowana będzie wystawa „Bunt – Ekspresjonizm – Transgraniczna awangarda”. Honoruje ona darowiznę z berlińskiej kolekcji profesora S. Karola Kubickiego, syna polsko-niemieckiej pary artystów awangardowych, Margarete i BUNT Skotarek W, Le Flaneur c 1919Stanisława Kubickich, dla Muzeum Narodowego w Poznaniu i Muzeum Okręgowego im. Leona Wyczółkowskiego w Bydgoszczy. Obejmie ona przede wszystkim ok. 90 ekspresjonistycznych prac graficznych poznańskiej plastyczno-literackiej grupy Bunt. Całe tournee włączone jest do programu Międzynarodowego Triennale Grafiki w Krakowie.

Obok dzieł Kubickich, inicjatorów polsko-niemieckich kontaktów wystawienniczych i wydawniczych, przede wszystkim między poznańską grupą Bunt i czasopismem Zdrój a berlińskimi galeriami i czasopismami Die Aktion i Der Sturm, zaprezentowane zostaną rysunki, pastele, linoryty i prace w technikach wklęsłodruku autorstwa Jerzego Hulewicza, Władysława Skotarka, Stefana Szmaja, Jana Jerzego Wronieckiego i Jana Panieńskiego, które w związku z wystawami grupy Bunt w latach 1918-22 w Berlinie pozostawały BUNT Skotarek Paniktam aż do czasu aktualnej donacji.

Ekspozycji historycznych prac z okresu schyłku I wojny światowej i dwudziestolecia międzywojennego towarzyszyć będą pokazy projektów artystycznych „Refleks” (2014)„Ulotka“ (2015) zainspirowanych twórczością, działalnością i programem grupy Bunt, realizowane przez ok. 30 grafików z Uniwersytetu Artystycznego w Poznaniu i Akademii Sztuk Pięknych im. Eugeniusza Gepperta werocławiu, obejmujące poza pracami na BUNT Skotarek Formypapierze i instalacjami także filmy i wystawy w przestrzeni miejskiej.

W Muzeum Okręgowym w Bydgoszczy odbędzie się konferencja „Bunt a tradycje grafiki w Polsce i w Niemczech” (26.06.2015), a tamtejszą ekspozycję wzbogacą dzieła 7 twórców współczesnych ukazujące ich dialog ze sztuką klasycznej awangardy. W Dreźnie i Wrocławiu zaprezentowana zostanie natomiast instalacja ze szkła i żelaza autorstwa dwojga innych artystów.

12 Wroniecki GebetWystawie towarzyszyć będą 4 dwujęzyczne publikacje, a także wykłady, warsztaty i prezentacje w ramach Nocy Muzeów w Poznaniu (16.05.2015) oraz Wrocławskich Targów Dobrych Książek (3-15.12.2015).

Projekt prezentowany będzie również na 23 konferencji Grupy Roboczej Niemieckich i Polskich Historyków Sztuki i Konserwatorów „Re-konstrukcje. Miasto, przestrzeń, muzeum, przedmiot” (7-10.10. 2015, Instytut Historii Sztuki Uniwersytetu im. Adama Mickiewicza/ Centrum Kultury „Zamek“ w Poznaniu), służąc popularyzacji wiedzy nt. związków polskich i niemieckich 11 Szmaj Kompozycja Matka cekspresjonistów, a także donacji, tak istotnej dla polskiego muzealnictwa.

Artyści współcześni uczestniczący w odsłonach w Bydgoszczy i Wrocławiu: Andrzej Bobrowski, Agata Gertchen, Małgorzata Kopczyńska, Maciej Kurak, Jacek Szewczyk, Piotr Szurek, Przemysław Tyszkiewicz

Artyści współcześni uczestniczący w odsłonach w Dreźnie i Wrocławiu: Karolina Ludwiczak, Marcin Stachowiak

Dalsze informacje: BUNT-Info-PL

2 BUNT Bobrowski A, Transformation M_S project, 2015a jpgAndrzej Bobrowski Logo wystawy / Logo der Ausstellung

Bunt – Expressionismus – Grenzübergreifende Avantgarde.
Kunstwerke aus der Berliner Sammlung von Professor S. Karol Kubicki

10 BUNT Skotarek, Extasy, c. 1918Im Jahr 2015 wird an mehreren Standorten die Ausstellung „Bunt“ – Expressionismus – Grenzüberschreitende Avantgarde stattfinden: im Nationalmuseum in Poznań, im Leon-Wyczółkowski-Kreismuseum in Bydgoszcz, im Kraszewski-Museum in Dresden sowie im Niederschlesischen Zentrum für Fotografie „Romanisches Haus“ in Wrocław. Anlass hierfür ist eine symbolische Würdigung, welche der Schenkung von Kunstwerken aus der Berliner Sammlung von Prof. S. Karol Kubicki, Sohn der deutsch-polnischen Avantgardekünstler Margarete und Stanisław Kubicki, für das Nationalmuseum in Posen sowie für das Leon-Wyczółkowski-Kreismuseum in Bydgoszcz 9 BUNT Hulewicz J, Genesis, c. 1918zukommen soll. Den größten Teil der ausgestellten Werke bilden ca. 90 expressionistische Grafiken der Posener Künstler- und Literatengruppe Bunt [Revolte]. Die gesamte Ausstellungstour gehört zum Programm der Internationalen Grafik-Triennale in Krakau.

Neben den Werken der Kubickis, der Initiatoren der deutsch-polnischen Kontakte im Zuge der Ausstellungs- und Verlagsaktivitäten – vor allem zwischen der Posener Künstlergruppe Bunt und der Zeitschrift „Zdrój” zu den Berliner Galerien und den Zeitschriften „Die Aktion” sowie „Der 8 BUNT Kubicka, At Hulewicz, c 1917 jpgSturm” – werden Zeichnungen, Pastellbilder, Linolschnitte und Tiefdrucke der Künstler Jerzy Hulewicz, Władysław Skotarek, Stefan Szmaj, Jan Jerzy Wroniecki und Jan Panieński präsentiert. Ihre Werke verlieben – im Zusammenhang mit den Ausstellungen in den Jahren 1918-1922 – bis zur jetzigen Schenkung in Berlin.

Die Ausstellung der historischen Werke des Zeitraums vom Ende 7_BUNT Kubicki S, The lonely man, c. 1919 jpgdes Ersten Weltkrieges bis einschließlich der Zwischenkriegszeit, wird von der Präsentation der Künstlerprojekte Refleks [Reflex] (2014) und Ulotka [Flyer] (2015) begleitet. Inspiriert vom künstlerischen Schaffen, Wirken und Programm der Gruppe Bunt, schufen 30 Grafiker der Kunstuniversität Posen und der Eugeniusz-Geppert-Akademie der Schönen Künste in Wrocław außer Arbeiten auf Papier, auch Installationen, Filme und Ausstellungen im städtischen Raum.

Im Leon-Wyczółkowski-Kreismuseum in Bydgoszcz wird die 6 BUNT Hulewicz Portrait of the artists wife, c 1918Konferenz „Bunt” und die Traditionen der Grafik in Polen und Deutschland (26.06.2015) stattfinden. Die dortige Ausstellung wird durch sieben zeitgenössische Künstler bereichert, deren Arbeiten ihren Dialog mit der Kunst der klassischen Avantgarde darstellen. In Dresden und Wroclaw wiederum wird eine Installation aus Glas und Stahl präsentiert – das Werk von zwei weiteren Künstlern.

5 BUNT Skotarek W, Dance II, 1921 a jpgDas Begleitprogramm zur Ausstellung umfasst vier zweisprachige Publikationen, Vorträge, Workshops, Präsentationen im Rahmen der Nacht der Museen in Posen (16.05.2015) und Beteiligung an der Messe der Guten Bücher in Wrocław (3-15.12.2015).
Das Projekt wird auch auf der 23. Tagung des Arbeitskreises deutscher und polnischer Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Re-Konstruktionen. Stadt, Raum, Museum, Objekt (7-10.10. 2015, Institut für Kunstgeschichte 4 Hulewicz J, Der Strahl, c. 1918der Adam-Mickiewicz Universität / Kulturzentrum „Zamek” in Posen) präsentiert und soll zur Wissensverbreitung in Bezug auf die künstlerischen Kontakte zwischen polnischen und deutschen Expressionisten sowie – nicht zuletzt – auch auf den Schenkungsakt zugunsten der polnischen Museen beitragen.

Gegenwartskünstler vertreten auf den Ausstellungsstationen in Bydgoszcz und Wrocław: Andrzej Bobrowski, Agata Gertchen, Małgorzata Kopczyńska, Maciej Kurak,
Jacek Szewczyk, Piotr Szurek, Przemysław Tyszkiewicz

3 BUNT Kubicka M, SelfportraitIV jpg, 1918Gegenwartskünstler vertreten auf den Ausstellungsstationen in Bydgoszcz und Wrocław: Karolina Ludwiczak, Marcin Stachowiak

Weitere Infos: Bunt-Info-D

Die kleine große Welt (6)

An den Anfang seines Romans Wem die Stunde schlägt stellte Ernest Hemingway ein Zitat des englischen Dichters John Donne, Ausschnitte des geistlichen Gedichtes Meditation Nr. 17 als Motto:

No Man is an Island, entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main; […] and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee.

Kein Mensch ist eine Insel, in sich selbst vollständig; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinentes, ein Teil des Festlands; […] und darum verlange nie zu wissen, wem die [Toten-]Glocke schlägt; sie schlägt dir.

Monika Wrzosek-Müller

Bretagne

Nirgendwo schien ihr die Welt so harmonisch, vollkommen, rund, mit anderen verbunden, wie in der Bretagne. Waren das die alten Häuschen, die kleinen Kirchen mit ihren Calvaires, die Bars, wo die Einheimischen und besonders die Fischer ein Gläschen Wein schon morgens tranken, oder ging das auf die berauschende Natur zurück mit breiten, unendlichen Stränden und den Gezeiten, mit wechselnden Wolkengebilden am Himmel, mit Sturm, Regen, Sonne, Wind in einer enormen Intensität und dann gab´s da auch noch das Mirakel des Ozeans mit all dem Wasser, malbewegt, mal ruhig, unendlich weit bis hinter den Horizont, unfassbar lebendig und riesig, oft auch bedrohlich. Zwar lebte hier jeder für sich allein, doch irgendwie fühlte es sich an wie ein Puzzle, alles ein Teil vom Ganzen. Die Landschaft rundherum bildete oft ein Gemälde: die kleinen Häfen, die Fischkutter, die Jachten, die Boote, kleine Hügel, große Felder, Apfelbäume bewachsen mit Efeu und Misteln, die Hecken aus Hortensienbüschen in wunderbaren Farbtönen, manchmal Felsen und steile Klippen, Leuchttürme und die Leute mit ihren dunkelblauen Jacken, Pullovern, Mänteln und Mützen überhaupt die Farben; alles passte ins Bild.

Sie gingen stundenlang am Strand entlang, manchmal war das Meer weit, weit weg, dann stieg es wieder hoch, und man lief am Wasser entlang, manchmal musste man sich beeilen, um vor der Flut heil an einem bestimmten Ort anzukommen, sonst musste man schwimmen oder mehrere Stunden auf irgendwelchen Felsen die Ebbe abwarten. Der Sand war fest, glatt, man hinterließ Fußabdrücke, ganz präzise und deutliche, ab und zu gab es Häufchen dunklen Sandes von Würmen aufgeschüttet.

Diese Spaziergänge, fast Märsche, hatten etwas Beruhigendes, Tröstendes, schoben die dunklen Gedanken weg, beiseite, waren gut gegen Depressionen und gegen die innere Lähmung, die sie immer wieder überfiel. Der Strand war ganz breit, man konnte die Augen schließen und sich nach der Wärme der Sonne richten und vorankommen. Dann gab es Gruppen von Felsen über die man klettern musste, um in die nächste riesige Bucht zu gelangen. In den Felsen wimmelte es oft von Menschen, ganze Familien suchten nach Miesmuscheln, kleinen Krabben und Araigenées, den Meerspinnen, manchmal buddelten sie auch im Sand auf der Suche nach Bigourneaux und den Würmern, die sie als Köder zum Angeln benutzten. Es gab auch Buchten, die ganz abgeschlossen waren; man gelangte dorthin über steile Pfade, sehr mühsam. Dort lagen wunderbare runde Steine, die in hunderten von Jahren durch das Wasser, besonders bei Stürmen, zu riesigen runden Eiern oder sogar Bällen abgeschliffen wurden. Auch dahin gelangten sie und machten Anstalten einige von den Steinen mit nach oben zu nehmen.

An sonnigen, warmen Tagen gingen sie an den Strand, man blieb nicht lange, zwei Stunden reichten vollkommen. Rundum waren große Familien mit einem Reichtum an Kindern, an Plastikspielzeug und an Essen, transportiert in großen Kühltaschen; Sie setzten sich hin und fingen fast sofort an zu essen. Die Männer spielten mit den Drachen, rivalisierten heimlich untereinander und ließen selten die Kinder mitspielen. Die meisten Familien kamen mit drei Generationen; es gab sowohl Großmütter als auch Enkel, man konnte die Ähnlichkeiten in den Gesichtern sehen, die Großväter waren eher beim Angeln. Viel Kontakt zu den Familien hatte man nicht, es war äußerst selten, dass man mit jemandem ins Gespräch kam; jeder war für sich und doch bildeten sie alle zusammen das Bild einer großen Strandfamilie.

Es gab doch ein Paar, das immer wieder aufhorchte, als wir uns auf Polnisch unterhielten, oder zum Spaß einfach ein polnisches Wort fallen ließen, da schienen sie richtig aufzuwachen und mitzuhören. Wir achteten am Anfang nicht darauf. Irgendwann aber hörten wir, dass sie zueinander etwas auf Polnisch sagten. So grüßte ich sie am nächsten Tag auf Polnisch. Der Mann antwortete kurz aber mit starken französischem Akzent, so blieb die Konversation erst mal stecken. Als ich ins Wasser ging, war da auch die Frau, die ich auf Polnisch anzusprechen versuchte. Sie antwortete auch kurz angebunden, mit einem starken französischen Akzent. Die beiden weckten meine Neugier. Wir kamen jetzt regelmäßig an dieselbe Stelle am Strand, aber jegliche Versuche Kommunikation mit den beiden herzustellen, scheiterten.

Und wie das in der Bretagne häufig ist, änderte sich das Wetter plötzlich, so dass wir nicht mehr an den Strand gingen. An einem eher wolkigen Tag beschlossen wir dann, einen Ausflug zum Petit Mont Saint Michel zu machen; eine winzige Insel mit einer noch winzigeren Kapelle drauf. Bei der tiefsten Ebbe war die Insel zu Fuß zu erreichen, man musste alles gut planen, um trockenen Fußes zurückkehren zu können. Zu unserer Überraschung trafen wir auf der kleinen Insel ausgerechnet die beiden Strandnachbarn, die polnischen Franzosen, wie ich sie in Gedanken nannte. Wir grüßten uns, gingen in die Kapelle und setzten uns dann draußen zusammen auf eine steinerne Bank und schauten aufs offene Meer. Leider vergaßen wir dabei, dass wir eigentlich hätten sofort zurücklaufen müssen; das Wasser stieg jetzt sehr schnell, an Rückkehr war nicht mehr zu denken; und so saßen wir da und unterhielten uns, diesmal auf Französisch. Es stellte sich heraus, dass die beiden in Paris ein polnisches Ehepaar kennengelernt und sich mit ihnen angefreundet hatten – er konnte Polnisch wegen seines Berufes, Osteuropahistoriker an der Sorbonne, sie hat ihn bei den Archivreisen begleitet und immer wieder Polnisch Kurse belegt – die in zerfallenen Häusern wohnten, die der junge Mann renovierte, und dann mussten sie wieder umziehen, denn die renovierten Gebäude gingen an französische Käufer oder Mieter über. So zogen sie ständig um, und dabei waren es hoch gebildete Leute: sie Kunsthistorikerin und er Historiker. Da unterbrach ich sie unhöflich in meinem schlechten Französisch: „La dernière fois il ont abité à la Rue de la Roquette, n´est-ce pas?“

Wir verließen die Insel nach sechs Stunden, fast befreundet nach dem Motto:„die Freunde meiner Freunde sind auch meine Freunde“.

 

Die kleine große Welt (5)

„Im Winter 2002, als ich in Stockholm war, erhielt ich im Hotel einen Anruf aus Australien; am Apparat war ein älterer Herr namens Kucharski, der den Roman des neuesten Nobelpreisträgers für Literatur gelesen hatte und darin, mit großer Erregung, auf sich selbst gestoßen war: Er hatte damals im ‚Steppdecken-Revier‘ im Bett über mir gelegen und taucht zufällig in meinem Roman mit seinem Namen auf. Ich muss nicht sagen, welche freudige Überraschung dieser Anruf mir bereitete.“

Imre Kertész: Dossier K. Eine Ermittlung

Monika Wrzosek-Müller

Die polnische Ostsee

Jahrelang fuhr sie im Sommer für zwei Wochen an die polnische Ostsee; erst mal sollte das ihrem Sohn guttun, er lernte polnisch, und konnte die Großeltern und die Großtante und die Familie aus Schweden genießen oder eben näher kennenlernen. Außerdem war das für sie eine willkommene Erholung von der nicht gerade rosigen Wirklichkeit in dem Berliner Vorort- und Nobelviertel des Kleinmachnowers Großdorfes. Die Reise dauerte unendlich, die Straßen waren schlecht, sie fuhren meistens 8 bis 9 Stunden lang, mit kleinen Pausen fürs Essen von Pirogen oder ganzen aufwendigen polnischen Menüs mit Vorspeise, Suppe, zweitem Gericht und Nachspeise, oft waren es am Ende eben noch Pfannkuchen. Sie suchten immer ein schönes Lokal aus, gaben sich nicht mit irgendwelchen Buden entlang der Straße ab. Die Reise verlief in angenehmer Stimmung, sie erdachten Spiele, wie: Autos mit deutschen Kennzeichen zählen, oder die mit nur Berliner Schildern, oder Wörter auf verschiedene Anfangsbuchstaben auf Polnisch oder auf Deutsch schnell aufsagen müssen, oder auch reduzierte Version von „Stadt, Land, Fluss“ kamen oft vor. Manchmal sangen sie Lieder; die deutschen kamen aus dem Walldorfkindergarten und -schule, die polnischen aus ihrer Kindheit; mit den polnischen gab es oft Probleme, weil sie zu ernst, zu melancholisch und zu“ erwachsen“ waren. Sie zählten auch Storche auf den Dächern, Strommasten und Schornsteinen, oder auch andere Tiere, die sie unterwegs sahen. So verlief die Reise schneller und man hatte das Gefühl etwas Sinnvolles zu tun und sich nicht allzu sehr zu langweilen.

Die Landschaft blieb sowohl in Deutschland als auch in Polen gleich; lange Waldstücke wechselten mit Feldern und Wiesen ab, manchmal kamen kleine und größere Seen und es war hügelig schön, doch meistens ging es ziemlich platt und eher langweilig zu; oder je nach Laune empfanden sie die vorbeifliegende Landschaft schön oder eben monoton und uninteressant. In Polen führten die Straßen direkt mitten durch die Dörfer, man fuhr auch langsamer und konzentrierter. Wenn die Reise nun auf einen Sonntag ausfiel, mussten sie sich an den Schlangen von Menschen vorbei schlängeln, die in die Kirchen oder aus den Kirchen nach Hause gingen. Manchmal hielten sie abrupt an, um Blaubeeren, Pilze oder Honig von den Straßenjungen oder den alten Babcias [Omas] zu kaufen. Das sorgte für Abwechslung und hob die Stimmung. Besonders auf der Rückreise waren solche Einkäufe reizvoll, man verlängerte dann zu Hause den Urlaub mit dem polnischen Essen und hatte einige Mitbringsel.

Eine Institution für sich waren die „obiady domowe“ [Hausmannskost Mittagessen]; jeder freute sich auf das Mittagessen und spekulierte, was es denn geben würde. Die Zahl der Suppen war auch schier unendlich, so dass sie in den zwei Wochen nie die gleiche Suppe gegessen hatten. Unter den Badegästen ging immer ein Gerücht, wo denn die besten „obiady domowe“ wären; mal war das u pani Krysi [bei Frau Krysia], die anderen schworen auf Herrn Stach.

Sie lief am Strand unten, oben war der Kliff mit Kiefern- und Buchenwälder, steile Treppe führte nach unten, es waren 219 bis 232 Stufen. Oben sah man weit aufs Meer hinaus, bis zum Horizont; die Farbabstufung zwischen Meer und Himmel war manchmal minimal; es gab aber eine Linie die das eine von dem anderen trennte. Das Wasser war nie azurblau sondern eher grau bis grünlich, dafür war der Sand schön hell gelb mit Steinen und Muscheln und manchmal nach dem Sturm, konnte man auch winzige Bernsteinchen finden. Es gingen auch viele Sammler umher; die einen sammelten alles, die anderen spezialisierten sich auf besondere Muscheln, noch andere suchten nur vom Wasser geschliffenes Holz. Sie fand manchmal sowohl schöne Steine als auch ausgefallene Muschel, die sie mitnahm; meistens ging sie barfuß, gedankenverloren, entspannt und fast glücklich am Wasser entlang, egal wie warm oder kalt es war. Sie fühlte sich frei, frei von den Rollen, die sie zu Hause spielte und in denen man in Deutschland perfekt sein sollte und frei von den Alltagssorgen.

Irgendwann wollte sie dann etwas trinken und kam an einen Bierstand am Strand, mit riesigen Sonnenschirmen und bequemen Sitzgelegenheiten, sie holte sich einen Tee und setzte sich geschützt in die Sonne. Der Stimmengewirr kam an sie heran, getragen vom Wind, auch wenn sie nicht zuhören mochte, klangen die Worte so nah, so präzise und deutlich, als ob sie an sie direkt gerichtet wären. Es war eine Gruppe von jungen Erwachsenen, ungefähr in ihrem Alter und sie erzählten von einer Familie, offensichtlich ihren Freunden, oder guten Bekannten, vielleicht war da auch Tratsch im Spiel, das konnte sie nicht beurteilen. Es ging um ein Ehepaar, das zwei kleine Söhne hätte und das sich jetzt endlich und endgültig getrennt hätte; sie hätten sich doch sowieso immer wieder bis aufs Blut gestritten und gezankt und sie wäre die Fleißige, Arbeitsfähige und Leidende und er ein Halunke und Nichtstuer und Schmarotzer, obwohl liebenswürdig, sehr liebenswürdig. Und er hätte ihr immer wieder große Blumensträuße und schöne Fotos von ihr, von altem Zoppot, vom Meer und Sonnenuntergängen gebracht und sie wären dadurch doch immer wieder zusammengekommen aber was für eine Ehe wäre das, wo die Frau alles verdienen müsste… usw.

Ich stand auf und offensichtlich durch dieses bedrückende Getratsche oder kam da schon eine Vorahnung hoch, ging ich schleppenden Schrittes zurück; es war auch Zeit, denn die Sonne war ganz unten und auf dem Strand lagen lange Schatten des Kliffs. In der Ferienwohnung angekommen fand ich auf meinem Handy eine Nachricht; es war eine Freundin von mir aus Zoppot, sie bat um einen Rückruf. Erst nach dem Abendessen hatte ich Zeit und rief sie an; sie fragte mich gleich, ob sie zu mir kommen könnte für ein paar Tage mit dem Kleinen, der Größere wäre im Sommerlager…ich war mehr als zufrieden und hieß sie willkommen. Sie hätten sich nämlich getrennt, jetzt wirklich und endgültig, sagte sie schnell, und mir entkam ganz leise: „ich weiß es“… “wie weißt du es?“ „Ich habe es eben auf dem Strand beim Sonnenuntergang erfahren…“

 

Die kleine große Welt (4)

Mit der Spiritualität ist es kompliziert, wenn man sie sucht, findet man sie nicht. Entweder kommt sie von selbst, oder gar nicht. Manche brauchen sie, andere machen sich darüber lustig; doch irgendwann stellt sich jeder die Frage, wie es bei ihm damit steht.

Monika Wrzosek-Müller

Amritapuri-Kerala, Indien

Sie war im Aschram gelandet; ja gelandet eigentlich in Cochin, in Südindien, in Kerala, in God owns country, in einem permanenten Chaos, im Schmutz, in einem Lärm, der normale Kommunikation unmöglich machte; aber in einer bunten, lebendigen und faszinierenden Welt.

Der Weg zum Amritapuri-Aschram führte durch die Backwaters und war sehr exotisch; sie glitten in einem Hausboot an üppiger Vegetation vorbei: Palmen, riesige Mangobäume, manchmal Mangrovenwälder, Kletterpflanzen und wunderbar farbige Blumen, vor allem Wasserhyazinthen, die manchmal das Wasser fast vollkommen überwucherten, an den Dämmen der Reisfelder die Frauen in bunten Saris, wie bunte Vögel oder Blumen, die sich schnell bewegten, das Grün der Reisfelder und Blau des Wassers; alles in unheimlich intensiven Farben. Wären da nicht ein paar Kadaver von Kühen und Fäkalien im Wasser getrieben, hätte man es wie ein Paradies empfinden können. An manchen Stellen hingen riesige chinesische Fischernetze, sie schaukelten im Wind. Die Hausboote waren wunderschön, ursprünglich Kettuvallams genannt: lange, große Lastkähne aus Bambus, mit aus Kokosbast geflochtenen Kabinen, mit Küche, Schlafzimmer und Wohnzimmer, mit einer Terrasse bildeten sie wirklich schwimmende Häuser. Nah am Aschram wurde die Bebauung deutlich geordneter. Nach dem Tsunami waren hier mit der Hilfe ausländischer Organisationen neue Siedlungen entstanden, mit hunderten von identischen Häuschen, manchmal Doppelhäusern in verschiedenen Farben, sehr ordentlich, sehr westlich. Der Aschram war an den paar Hochhäusern, dem Ayurvedischen Krankenhaus und einer schönen Brücke von weitem zu erkennen, es lebten da ca. 2 000-3 000 Menschen aus der ganzen Welt zusammen.

Der Aschram; „Ort der Anstrengung“ präsentierte sich vor allem durch Stille und überwiegend weiße, helle Kleidung der Bewohner, wie eine Insel aus einer anderen Welt. Die peinlich sauber, von hunderten von indischen Witwen gefegte Wege, ordentlich abgestellten Schuhe vor den Tempeln, ordentlich gestapeltes Geschirr, überall Zettel mit Regeln, was, wann und wo zu erledigen oder zu befolgen sein sollte; alles erinnerte mich eher an sozialistische Sommerlager als an Indien. Auch die 9-stöckigen Wohnblocks, in denen die Gäste untergebracht wurden, hatten etwas von sozialistischer Bebauung an sich. Alles war sehr einfach, sehr primitiv aber doch funktional und vergleichsweise sauber.

Auch wenn inzwischen Gerüchte kursieren, dass Amma viel Geld von den Spenden auf verschiedenen ausländischen Konten für sich und ihre Familie geparkt hat, muss man ihr zugeben, dass sie auch sehr viel bewegte: dass sie für unzählige indische Witwen die letzte Hoffnung ist, für viele eine Ausbildung anbietet, nicht zu vergessen ein riesiges ayurvedisches Krankenhaus mit einer ayurvedischen Fabrik-Apotheke betreibt. Auch die Hilfe nach dem Tsunami, die durch ihre Organisation an die rundherum wohnende Bevölkerung kam, ist nicht zu verachten. Die Küste wurde mit riesigen Steinblöcken befestigt und neue Häuser errichtet.

Amma-Mata Amritanandamayi ist eine bäuerlich-kräftig aussehende Person, mit einer Kraft, die ihre Quelle irgendwo haben muss; wie sonst würde sie die stundenlangen Meetings mit Fragen und Antworten und anschließenden Umarmungen „embracing the world“ von hunderten von Menschen und zwar jeden einzelnen, durchhalten können.

Sie saß am Strand, der indische Ozean wütete gegen die riesigen Steinblöcke, die Sonne ging langsam unter in leicht rosa, lila und violetten Farben; die Leute rundherum, machten auf ihren Matten Yoga-Übungen, sprachen leise miteinander und warteten auf die Zusammenkunft mit Amma, auf ihre Umarmung.

Ich selbst habe diese Umarmung erlebt, und nach anfänglichen totalen Zweifeln, muss ich gestehen, dass sie eine ungeheuerliche Kraft, Trost und wirklich Gefühl von Liebe spendete. Es passierte mir in einem Moment, an dem ich daran gar nicht mehr geglaubt hatte, nicht glauben konnte, denn ich war von dem Chaos und dem Gedränge dermaßen genervt, dass ich fast aufgeben wollte. Danach saß ich völlig perplex und ruhig neben hunderten von anderen in einer riesigen Halle und sang stundenlang Mantras mit dem ungeheuren Gefühl der Zugehörigkeit und Gemeinsamkeit.

Vielleicht lag das an der Erschöpfung und Verwirrung durch so viele neue Eindrücke und Ereignisse.

Für den nächsten Tag musste ich mich für den Seva-Dienst (verschiedene Arten von Arbeiten für den Aschram und das Gemeinwohl) eintragen. Ohne lange zu überlegen entschied ich mich fürs Pizza backen, ohne an die Hitze der Öfen, in der Hitze des südindischen Himmels, und das Kneten und die Formen von Pizzateig zu denken. Die italienische Mannschaft war wunderbar; es gab einige, die schon seit Jahren mit dem Aschram verbunden waren, und Neuankömmlinge wie mich, allen gemeinsam war, dass man italienisch sprach. Wir haben wirklich wahnsinnig gearbeitet, geschuftet, um die hunderten von kleinen Pizzas herzustellen. Die Italiener sangen, lachten und sprachen dabei viel und durcheinander. Irgendwann fragte einer, wo denn die Giulia, die Toskanerin, heute abgeblieben wäre, sie müsste doch auch dabei sein. Zwar kannte ich eine Giulia aus der Toskana, dachte aber nicht im Mindesten daran, es könnte die Tochter unserer Freunde sein. Wir machten ab und zu Pausen und als ich draußen vor unserer Baracke stand, sah ich genau diese meine Giulia, mit ihren krausen, schwarzen, leuchtenden, langen Haaren kommen. Da sie mich an diesem Ort wirklich nicht erwartet hatte, ging sie an mir vorbei. Wir hatten uns auch jahrelang nicht gesehen, und aus dem kleinen Mädchen war fast eine Frau geworden, noch immer hübsch, liebenswürdig, lebendig. Ich lief hinter ihr her und stellte mich vor, unsere Freude war riesig. Wir gingen zu einem Café und schwelgten in Erinnerungen an meine Zeit in der Toskana und unsere Besuche bei ihren Eltern, in dem Haus, wo ich viel Liebe, Freundschaft und Gemeinschaft erlebt hatte.

In dem Moment, in den Tagen im Aschram, passte alles; die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft schienen zusammen zu spielen, sich zu ergänzen und einen tiefen Sinn zu haben.