Metropolinnen zwischen Aldi und Küche

Aśka & Reńka

UNSER FLEISCH

REŃKA: Weil das war so:

AŚKA: Reńka steht den ganzen Vormittag und den halben Nachmittag in unserer psychodelischen Küche und klopft diese unsere polnischen Buletten aus Fleisch,

REŃKA: Die, die man in meinem Dorf nur für Sonntag macht, na die ganz weichen, die Aśka von der ganzen Welt am meisten mag. Und Aśka fällt ins Haus und schon von der Schwelle reisst sie, wie ne alte Unterhose, das Maul auf.

AŚKA: Reńka, weil ich will jetzt so leben wie die von diesem Kudamm, die mit den Kamelhaarmänteln und dem Teint wie Hochglanzpapier, na die, die jeden Nachmittag sitzen vor diesem Kempinski-Hotel und trinken diesen Bio-Saft, und jeden Tag essen die in diesem Butter-Lindner für diese Feinschmecker. Normal, drei Stunden lang hab ich die observiert, und davon habe ich jetzt Hunger!

REŃKA: Na, Aśka, das ist doch Honig auf mein Herz, weil grad hab ich hier doch gebraten, wie du es am liebsten magst!

AŚKA: Reńka, du hast Läuse auf den Lungen, oder von der Hitze beim Herd ist dein Gehirn geschrumpft, ab heute kannst du selber essen dieses Fleisch aus dem Aldi. Das ist doch vollgepumpt mit diesen ihren Antibiotika und Schlaftabletten, weil aus normalen Tieren ist das nicht. Würmer kriegt man davon!
Und Reńka beleidigt sich tödlich.

REŃKA: Wie du willst Aśka, friss doch nur Grünzeug, Gemüse, und Unkraut noch dazu, wie die Kaninchen auf der Wiese.

AŚKA: Aber Reńka. Ab jetzt gehen wir doch nur noch in diesen normalen Laden!
In diesen echten, mit diesem echten Fleisch, wo es keine Würmer hat und von alleine vor uns nicht wegläuft!

REŃKA: Aśka, dich hats schon total verbogen oder hast du im Lotto gewonnen und versteckst es vor mir. Dieses „echte“ Fleisch ist so kostbar – das ist doch aus Gold und mit Diamanten besetzt – und du denkst, wenn wir gehen in diesen Laden, geben die uns dieses Fleisch umsonst, oder was? Und daraufhin Aśka ins Geheul,

AŚKA: und Reńka schneidet sich das Herz in hundert Stücke.

REŃKA: Aśka komm, flenne nicht wie dieser unser undichter Wasserhahn.

AŚKA: Weil du kapierst doch nicht. Wenn wir diese ihre Lebensqualität nicht haben, dann sind wir doch zurückgeblieben, und in diesen 90% wo die arm sind und nicht in den 10%, dieser Gewinner, wo die diese obere Fettschicht sind. Und auch wenn wir getroffen haben wie das blinde Huhn das Korn und wohnen

REŃKA: einen Mützenwurf von diesem ihren Kudamm –

AŚKA: wenn wir nicht in diesen echten Läden kaufen, normal, gehören wir nicht dazu. Und du wirst sehen, vielleicht schon in drei Monaten, schmeissen sie uns aus der Bude raus, damit der Reichtum hier einziehen kann, weil so ein Gesetz hat sich diese ihre schwarz-gelbe Regierung ausgedacht. „Gentrifizierung“ nennen die das. Und Reńka zum Trost:

REŃKA: Aśka, komm, ich weiss was. Wenn wir schon haben keine Aussicht auf dieses ihr Fleischstück, geben wir uns wenigstens ein Theaterstück. Wir sind doch nicht zurückgeblieben sondern total kulturell. Wenn schon nicht materiell, geistig können wir mithalten.

AŚKA: Und wenn die sehen, dass wir in dieses Theater gehen, dann denken die, wir gehören dazu!

REŃKA: Genau, Aśka, wir wohnen doch gegenüber von diesem Theater auf diesem ihren Luxus-Kudamm, da haben wirs nicht weit, die Beine fallen uns nicht aus.

AŚKA: Reńka, Du hast einen Schädel für das Titelblatt! Wir haben doch diese gefälschten studentischen Dokumente, damit lassen die uns rein für wenig Geld!

REŃKA: Und weil wir jetzt gehen unter die Menschen, und da zieht man sich doch an, geht Aśka, mit Tip-Top, als hätte sie Angst, dass er sie beisst, zu diesem unseren Schrank in der Wand.

AŚKA: Schwanz, nichts mit Theater! Wir können nirgendwo hin, weil sag du mir Reńka, aber frag deine Seele ernsthaft davor, was soll ich anziehen für diese kulturelle Angelegenheit? Der lacht mich doch aus, der Schrank, dass es zu hören ist, bis nach Warschau.

REŃKA: Aber Aśka, wir wohnen doch in diesem deutschen Land, und hier die Hälfte wird kommen in diesen ausgesessenen Jeans und die andere Hälfte wie die Buchhalterin auf ihren ersten Ball. Los, zieh schon an deine gefakten Perlen aus dem Ein-Euro-shop, und du wirst sehen, sowieso werden die denken, dass du aussiehst, einfach „France-Elegance“, normal, wie aus dem Journal.

AŚKA: Und endlich sitzen wir in diesem Theater und natürlich in der ersten Reihe, weil wir müssen alles ganz genau sehen,

REŃKA: weil wir sind doch diese Generation von diesem Fernseher.

AŚKA: Und beide gucken wir wie die Kühe auf das Scheunentor.

REŃKA: Weil diese ihre Schauspieler die haben es ja doof, weil die ihnen befehlen, ein halbes Theaterstück lang, zu Onanieren auf der Bühne, ganz in der Öffentlichkeit,

AŚKA: und dazu noch labern sie diese ihre Theatersprache – immer auf fäkal oder koital.

REŃKA: Und brüllen

AŚKA: als hätten wir denen was Schlimmes getan.

REŃKA: Und Aśka flüstert:

AŚKA: Reńka, ich kapiere gar nichts, von diesem ihren Stück. Und vielleicht ist kein Platz für mich in diesem ihrem Land, und nie werd ich zu der Fettschicht gehören, nicht materiell, und schon gar nicht kulturell.

REŃKA: Nein, Aśka, das ist doch nicht wahr, du hast mehr im Kopf als diese ihre Fettschicht, weil die denken, wenn man schon ist in diesem Theater, muss man sich langweilen, auf maximal, und ein winziges Stück Unterhaltung wäre schon eine Schande und Verbrechen obendrauf.

AŚKA: Und endlich ist es zu Ende, und das ganze wohlernährte Publikum, klatscht los. Und nur wir zwei gucken wie der Hartz-IV-Empfänger vor Butter-Lindner.

REŃKA: Die klatschen nur, weil sie denken, dass es sich gehört, und es muss so sein. Weil die haben Schiss, dass jemand sieht, dass sie nichts kapieren, und noch dazu haben sie dafür bezahlt.

AŚKA: Und wir schleppen uns nach Hause, in diese unsere psychodelische Küche, und Reńka macht sich sofort an diese ihre polnischen Buletten ran, und mit vollem Mund verkündet sie:

REŃKA: Aśka, eins sag ich dir: wenn DAS diese deine Qualität ist, und eine hohe Kultur da steige ich aus – in dieses Theater, da zerrst du mich nicht mal mit einem Ochsen, auch wenn die uns unsere Bude wegnehmen wegen dieser Gentrifizierung, da geh ich nie wieder hin. Da bleibe ich lieber in diesen 90%, und mit dieser deiner Fettschicht bleib mir von dem Leib.
Und Aśka guckt und sieht,

AŚKA: das Fleisch zwinkert mich an, na, normal, diese Fettaugen auf diesen Bouletten, die zwinkern mir zu, wie beim Speed-Dating die alte Jungfrau.

REŃKA: Und Aśka hält es nicht aus, stopft sich eine Bulette rein, und auf einmal lächelt sie von Ohr zu Ohr.

AŚKA: Reńka, wenn du was sagst, lügst du nicht. DAS ist doch die grösste Qualität auf der ganzen Welt, diese unsere polnischen Buletten, so wie du die machst. Und wenn ich schon zu dieser Fettschicht nicht gehören kann, wenigstens ess ich die auf.

REŃKA: Und so hat Reńka Aśka beibgebracht:

REŃKA UND AŚKA:

WENN MAN NICHT HAT, WAS MAN MAG, MAG MAN HALT
DAS, WAS MAN HAT.

Metropolinnen zwischen Bett und Küche

Aśka & Reńka

UNSER DEUTSCHLANDMANN

AŚKA: Weil das ist so: Reńka hat es am blödsten und am schlechtesten aus der ganzen Welt.

REŃKA: Und Schuld daran ist: DER DEUTSCHLANDMANN.

AŚKA: Weil Reńka hat zuviel Patriotismus gefressen und denkt, sie muss so machen wie Wanda, diese polnische Prinzessin, die den Deutschen nicht wollte, und, normal, hat sie sich lieber von der Klippe runtergeworfen, als dass sie den geheiratet hat. Und Reńka trippelt, in diesem ihrem engen Rock, wo der ist die Rache der chinesischen Textilindustrie, damit die EU-Frauen gehen müssen wie die Gejschas.

REŃKA: Ich weiss schon was geht in diesem Deutschland-Mann, der hat eine Tendenz zu extremen Verhalten: Entweder will er wie ’ne wilde Pershing mich knallen, sofort im Club, noch auf den Kacheln, im Klo, und ich muss fliehen wie das Pferd in dem Western. Oder er geht an mich wie der Hund zum Igel, und aus allem macht er gleich ein Partisanenkrieg. Und wie er sich abplagt, wenn er mich einladen will zum Rendez-Vous, als würde er tragen ein Sack mit Zement.

AŚKA: Weil du ziehst dich an wie die Frau von Lukaszenko, wenn die in die Oper geht. Du siehst aus, dass normal „Näher dich ohne Messer nicht“. Und auch wenn schon ein Kamikaze-Selbstmörder würde einfach davonlaufen müssen. Weil wer will schon freiwillig, dass jemand ihm mit dem Messer in Rücken sticht?

REŃKA: Willst du, dass ich gehe, wie die Ratte zur Kanaleröffnung, wie du? Eher sollen mir die Zähne ausfallen. Oh nein, ich bin Polin – noblesse oblige. Aber Aśka hört nicht zu, sie liegt da, wie immer, den Computer auf dem Bauch, in diesen sexuellen Seiten, passion.com oder was:

AŚKA: Du, Reńka, weil hier normal, kann man sich treffen, sogar mit ei’m Paar. Und Reńka wird ganz traurig, am traurigsten auf der Welt, weil sie muss doch, um zu haben diesen Sex, bis nach Polen fahren. Weil sie ist Romantikerin und Traditionalistin, und nur in Polen ist es jedem klar, was er mit Reńka machen soll:

REŃKA: erobern, Blumen, einladen zum Rendez-vous, sich romantisch mit mir unterhalten –

AŚKA: dann kann sie haben Sex, sogar zwei Nächte und drei Tage, non-stop-kolor.

REŃKA: Weil dort alles passiert, wie es passieren soll. Weil in Polen, wenn du am Freitagabend über die Strasse gehst, musst du dich durchschlagen. Weil sie da strömen, ganze Kolonnen, mit Blumen, und manche sogar mit Plüschteddies, zum Date. Und hier – Romantismus haben die soviel, wie die Katze ausheult –

AŚKA: Und Reńka weiss, wieso das so ist.

REŃKA: Weil die gucken nie in die Sterne sondern immer nur unter die Füsse.

AŚKA: Und wenn sie schon nicht unter die Füsse gucken, glotzen sie ihr immer auf den Busen, als hätte sie auf dem Busen ein Fleck.

REŃKA: Und es ist doch seit Hunderten von Tausenden Jahren, dass der Typ einlädt, und der Deutschland-Mann, der ist ein Feigling und hat kein Mut. Und Aśka hat eine Offenbarung, weil sie hat doch immer ein Haufen Ratgeber, normal, wie andere die Bibel:

AŚKA: „DIE ANGST VOR NÄHE, BEZIEHUNGSANGST UND IHRE FOLGEN, DIE SEHNSUCHT NACH DEM STARKEN MANN“.

REŃKA: Und Aśka weiss Bescheid.

AŚKA: Weil du jetzt hier in deren Land wohnst, hast du dir das eingefangen – diese Beziehungsangst. Du, das kriegt man hier wie ’ne ansteckende Krankheit. Die hatte ich auch, und du hast das bestimmt.

REŃKA: Du glaub nicht, was die da schreiben, weil in Sibirien bei Stalin, in den Steinbrüchen, da geb ich den Kopf für hin, dass niemand das hat. Und auch in Polen – da wird einfach geheiratet – da kriegst du n Kind, nimmt man ne Wohnung auf Kredit und da liest man nicht sowas, sondern lebt. Und überhaupt in diesem deutschen Lande bin ich verloren für die Population und Demographie. Und Aśka jammert:

AŚKA: Jedem deutschen Mann müsste man eine Gebrauchsanleitung für Reńka reichen, damit`s was wird. Und Reńka schliesst sich an, an das Jammern:

REŃKA: Und überhaupt, das ist die Schuld von diesen Deutschlandfrauen, die haben so diese Männer gemacht, weil nur in Deutschland ist es so, dass die Frau zum Mann geht und sagt: Wenn du willst, will ich auch.

AŚKA: Aber weil Freitag abend ist,

REŃKA: haut sich Aśka auf den Boden vor den Spiegel, weil sie muss sofort in die Clubs, und schmiert sich, normal, dick auf zwei Finger, diese Lippen, und die Farbe wie der Po von dem Weibchen vom Pawian.

AŚKA: Und Reńka schreit zum Abgang:

REŃKA: Du Aśka, wenn Du ein Date hast, hab lieber Geld, weil du wirst noch bezahlen müssen, nicht nur für dich, sondern auch für ihn. Und die Blume kannste gleich überhaupt vergessen – die hatte schon Recht, die Wanda, die den Deutschen nicht wollte – du weißt wie die Kellner fragen in den italienischen Kneipen: Bezahlen sie normal oder auf deutsch? Und überhaupt: n Typ findet man nicht in der Diskothek – sondern in der Bibliothek!

AŚKA: Und ausgerechnet an diesem Abend

REŃKA: lernt Aśka ihren Freund kennen,

AŚKA: in einer Kneipe die „Muschi“ heisst.

REŃKA: Mutter Gottes, Jesus Christus, und Papst, du polnischer, natürlich. Die Liebe seines Lebens in der Muschi kennen zu lernen, die Aśka, die hatte immer schon Schwein.

AŚKA: Und daraus folgt:

REŃKA: Auch auf der Müllkipppe kannste deinen Zukünftigen kennenlernen. Und die blöde Wanda, die ist nicht ganz dicht unter der Kuppel! Soll die doch erblinden!

Do szczecinian! An die Stettiner!

anja-malaDorota Kot

Deutsch – bitte nach unten scrollen

Dziedzictwo kulturowe / Tożsamość / Przestrzeń miejska

11.06.2015 w Regenbogenfabrik (Lausitzer Str. 22) o godz. 20

Trzeci wykład z cyklu Szczecin dla berlińczyków, zorganizowany przez Stowarzyszenie Partnerstwo Miast ze Szczecinem (Städtepartner Stettin), program kulturalny Fabryki Tęczowej (Regenbogenfabrik) i Polską Radę Społeczną (Polnischer Sozialrat)

***

Anja Neubauer zaprezentuje dziś w Regenbogenfabrik swoje spostrzeżenia na temat przestrzeni miejskiej na przykladzie Rynku Siennego w Szczecinie i skupi się na identyfkacji z dziedzictwem kultrowym tego miejsca.

????????????????????????????????????
Barocke Bürgerhäuser – Kamienice barokowe

Pojawia się tu też interesujące pytanie, dlaczego Anja zajęła się tematem szczecińskim? Ale o tym ona sama opowie!

Spojrzenie na historię miasta i Rynku Siennego, wywiady z przechodniami, spojrzenie młodej osoby na przestrzeń miejską, która podlegała zmianom, należała do wielu narodowości, którą kształtowało wiele pokoleń – to nas czeka!

????????????????????????????????????
Altes Rathaus, Nordfassade – Stary Ratusz, fasada północna

Anja jest planistką – ukończyła Stadt- und Regionalplanung na TU Berlin – ale ma też osobiste związki z tematem, jej refleksje więc będą miały charakter i emocjonalny, i naukowy.

Wnioski będą aż nadto „proste“, ale niesamowicie ważne dla życia codziennego i tej przestrzeni, jaką jest Rynek Sienny.

Heumarktsilisiert2Heumarkt stilisiert / Rynek Sienny – stylizacja

Wystąpienie Anji jest skierowane do odbiorcy ponadgeneracyjnego i interkulturowego – do historyków, socjologów, urbanistów, zaangażowanych w kształtowanie przestrzeni miejskiej, ale również urzędników odpowiadających za obraz miasta, czyli… dla każdego coś!

Przybywajcie!

Stettin_Altstadt Stare Miasto w Szczecinie – Stettiner Altstadt

Kulturelles Erbe / Identität / Stadtraum

11.06.2015 in der Regenbogen Fabrik (Lausitzer Str. 22) um 20 Uhr

Der 3. Vortrag aus der Reihe “Stettin für Berliner” organisiert in Zusammenarbeit von Städtepartner Stettin e.V., Regenbogenfabrik e.V. und Polnischer Sozialrat e.V. – mehr

Anja Neubauer wird heute in der Regenbogenfabrik ihre Beobachtung über Stadtbildwahrnehmung an Beispiel von Heumarkt in Stettin vorstellen. Ihr Auftritt wird sich auf die Identität mit dem kulturellen Erbe konzentrieren.

Außerdem ist interessant, warum Anja sich mit Stettiner Themen auseinandersetzt hat? Das wird sie aber selbst erzählen!

????????????????????????????????????
Altes Rathaus – Südfassade / Stary Ratusz – fasada południowa

Ein Blick auf die Geschichte der Stadt und des Heumarktes, Interviews mit den Passanten, ein Blick einer jungen Person auf den Stadtraum, der vielen Wandelprozessen unterlag, der vielen Nationalitäten gehörte und der von vielen Generationen gestaltet wurde – das erwartet uns!

Anja ist mit Polen verbunden und dazu ist sie Stadtplanerin vom Beruf (Stdt- und Regionalplanung an der TU Berlin abegschlossen) deswegen ihre Betrachtungen werden einen sowohl emotionalen als auch wissenschaftlichen Charakter haben.

sozialistischeWohnbautenSozialistische Wohnbauten / Domy mieszkalne z okresu PRL

Ich denke, der Auftritt ist für ein generationsübergreifendes und interkulturelles Publikum vorgesehen – für Historiker, Soziologen, Stadtplaner, Kiezschaffender sowie Beamter, die fürs Stadtbild verantworten – dh. für jeden was!

Kommt zahlreich!

Zeitstrahl_ErbenZeitstrahl Erben / Listwa czasowa – spadkobiercy (od góry: dziedzictwo polskie, dziedzictwo mieszane, dziedzictwo niemieckie)

Göttinnen

Innana, Herrin der Wilden Tiere (Pani Dzikich Zwierząt) ist meine Lieblings Göttin. Daher lade ich ein.

Inanna/Ishtar in British Museum

Elżbieta Bednarska

Inanna in den Katakomben
Theaterinszenierung nach Motiven des Romans AnnaIn in den KatakombenAnna In w grobowcach świata von  Olga Tokarczuk.
„AnnaIn in den Katakomben“ ist die Bearbeitung eines der ältesten der uns bekannten Mythen über eine sterbende und wiederkehrende Gottheit, den Weg des Menschen zur
Freiheit entwerfend. Auf diese Reise begibt sich Inanna, die sumerische „Königin des Himmels“, Göttin von Liebe und Krieg und Herrscherin über die Stadt Uruk, im Zweistromland von Euphrat und Tigris gelegen, dem heutigen Irak. Uruk als Ursprung
urbaner Zivilisation und gegenwärtiges Zentrum von Verwüstung ist dabei die Metapher für den zeitlosen Ort der Reise des Menschen zwischen Schöpfung und Zerstörung.

Inanna (2)
Die Inszenierung versetzt den Mythos in unsere Gegenwart. Wie leben die mächtigen mythologischen Bilder in uns, wie offenbaren sie sich und beeinflussen uns? Welcher Unterwelt begegnen wir heute? Die Entscheidung zwischen Schöpfung und Zerstörung ist eine jeweils individuelle und sie kann keinem Menschen von irgendeiner anderen Macht abgenommen werden. Freiheit ist nur als Verantwortung lebbar – für jeden an dem Ort und zu der Zeit, wann und wo sie von ihm gefordert wird.

Inanna (1)Inanna in den Katakomben
Nach AnnaIn in den Katakomben von Olga Tokarczuk in der deutschen Übersetzung von Esther Kinsky
Regie: Elżbieta Bednarska
Mit: Friederike Frerichs, Paolo Masini, Anna von Schrottenberg, Johannes Stubenvoll, Juliane Torhorst
Musik: Natalia Roginska, Konrad Roginski
Kostüme:Petra Korink
Licht: Luigi Kovacs
Skulpturen / Bilder: Werner Kließ
Multimedia:Roger Rossel
Plakat: Leszek Zebrowski
Textfassung: Pamela Dürr / Elżbieta Bednarska
Deutsche Uraufführung am Freitag, den 05. Juni 2015 um 20 Uhr im Kühlhaus Berlin
Weitere Vorstellungen am Samstag, den 06. und Sonntag, den 07. Juni 2015, jeweils 20 Uhr
Kühlhaus Berlin | Luckenwalder Straße 3 | 10963 Berlin
Kartenpreise 8 € / 15 €
Informations- / Kartentelefon: 030-78 71 23 77
Kartenbestellung unter: inannakatakomben@yahoo.de

Im September 2015 wird die Produktion im Browar Mieszczański in Wrocław gespielt.
Ein Projekt der Stiftung Begegnungen / Fundacja Spotkania in Kooperation mit dem Kühlhaus Berlin. Gefördert durch die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit.

Inanna (0)

Die kleine große Welt (10)

Monika Wrzosek-Müller

Villa Meleto

Nach Meleto fuhr sie immer in Eile, wollte schnell ankommen; doch das ging wegen der Entfernung nicht, es waren immerhin 1264 km, und die Pausen, die sie einlegen mussten, waren manchmal auch gut und wichtig. Meistens kamen sie von Berlin aus mit dem Auto in einem Tag bis nach Sterzing/Vipiteno; gingen da, glücklich auf der ersten Station jenseits des Brenners, gut essen; doch sie wollte vor allem schnell da, in Meleto, sein. Manchmal flog sie auch nach Pisa, das war natürlich der schnellste Weg, und jemand holte sie am Flughafen ab; da wurde ihr bewusst, was Luxus bedeutet. Noch im Flugzeug, von oben, sah sie die Brennerautobahn, wenn das Wetter es erlaubte, genau; sie sah wie ein Fluss oder wie ein langes ausgerolltes Band aus, verlief den größten Teil am echten Fluss entlang, führte wirklich vom Norden in den Süden. Hinter dem Brenner war plötzlich das Grün nicht mehr so saftig, meistens eher gelblich, denn sie flog oft im Sommer. Und dann am Flughafen war es draußen schon warm, so warm, und sonnig und immer sonniger; und die Leute lachten, stritten und rempelten dich manchmal an, aber sie fühlte sich leicht und spürte Bewegung und Leben und Lust dazu.

Die Villa Meleto liegt majestätisch oben auf einem Hügel, mit so einer Allee von gleichmäßigen, schlanken aber riesigen Zypressen, die man auf den üblichen Toskana-Bildern sehen kann und die fast an Kitsch grenzen, nur in der Realität sind sie immer viel rumpeliger, verstaubt, ausgetrocknet; angerostet, und die Einfahrt alt. Ein Schotterweg führt nach oben, steil und kurvig, an manchen Stellen war er ziemlich zerfurcht, und das Auto hinterließ große Staubwolken. Die Villa thronte auf der Spitze, von unten sah sie noch größer aus, obwohl man, oben angekommen, erst die Dimensionen der ganzen Anlage entdeckte, die sich auch zu den Seiten und nach hinten ausbreitete. Es gab viele Nebengebäude, Schuppen, eine Mühle, ein Frantoio, wo einst die Oliven ausgepresst wurden, eine riesige Halle, wo früher Traktoren untergebracht waren, heute standen da auch die Quads, die Motorroller und Autos der Besitzerfamilie; es gab auch noch Überbleibsel von einem Fleischereianlage, die man wegen der Jagd betrieb; am schönsten war die verwunschene, ganz versteckte, kleine Kapelle…, die leider immer noch auf eine Restaurierung, auf Zufluss von größeren Geldmitteln dafür warten musste.

Sie liebte diese Gegend, die Villa, die Ausblicke von der Terrasse, vom Turm ganz oben auf die Hügel, auf die Ebene Richtung San Miniato und den Arno – Weltlandschaft, auf die weiteren Hügel, ganz in der Ferne, mit San Gimignano, auf der anderen Seite Vinci, das man nicht sehen, aber, wenn man es kannte, erahnen konnte; oder ganz in der Nähe der Blick auf die hauseigene barocke Parkanlage, wunderschön, mit exakt geschnittenen Buchsbaumhecken, mit weißen Pfauen, die immer weniger wurden, verdrängt durch ihre bunten Rivalen, bis sie ganz ausgestorben waren. Sie liebte die Villa nicht nur der Schönheit wegen; im Laufe der Jahre kamen immer mehr Erinnerungen zusammen, sie sah ihren Sohn und die Söhne der Besitzerfamilie jedes Jahr größer, erwachsener werden; die Erinnerungen waren mit diesem Ort verschmolzen, sie hingen wie auf einer Leine und man konnte auf sie immer wieder zurückgreifen. Sie liebte das wenig perfekte und doch sehr sorgsam organisierte Leben in der Villa, die Stunden der Muße wegen der Hitze, die man mit Lesen fühlen musste, denn alles andere erforderte zu viel Anstrengung und Energie.

Sie hatte die Villa zu allen Jahreszeiten gesehen: mit frischen Grün, blühenden Mimosen und unzähligen kleinen wilden Blumen, fast mit Schnee und doch mit viel Grün, mit kahlen Feldern rundherum, mit Sonnenblumenfeldern, mit etwas bunterem Laub im Herbst; viele der Bäume waren aber immergrün; mit Pilzen, Trüffeln und Esskastanien. Sie nahm die Veränderungen in der nächsten Umgebung wahr; die neue Wohnanlage auf dem Weg nach unten, die renovierten Häuser auf dem Wandertrakt Richtung San Miniato. Die neue automatische Einfahrt in das Gut, die wunderschönen Pflanzen und Blumen in den riesigen Terrakotta-Töpfen, die neuen Hunde und die kleinen und großen Katzen, eine Eule im Käfig und vieles mehr.

Die Wiederherstellung der Via Francigena, eines Fuß-Pilgerwegs von Canterbury nach Rom, der zufälliger- aber glücklicherweise ganz in der Nähe der Villa Meleto verläuft, war eine Wohltat für sie. Die langen Märsche, Wanderungen oben auf den Hügeln, die sich aneinander reihten, bei denen man genau sehen konnte, wo man in zwanzig, dreißig Minuten sein würde, waren für sie wie geschaffen. Diese Wanderungen, die den Kreis der Gedanken in ihrem Kopf zu unterbrechen vermochten, liebte sie besonders; ja, es war eine große Hilfe für sie auf dem Weg sein, bei der Befreiung vom Rattern der wiederkehrenden Gedanken. Sie ging bis zur Erschöpfung, stundenlang, unermüdlich, manchmal auch in der Hitze, dann legte sie sich hin und schlief ein, ohne denken zu müssen; in einem der Himmelbetten mit schweren samtenen Vorhängen, abgeschottet von der ganzen Welt draußen, in der ruhigen, behaglichen Dunkelheit der Belle-Etage der Villa.

Dann war da Charlotte, wunderbare Charly. Sie hat die Villa natürlich nicht gebaut, aber sie war und ist auf jeden Fall die Schöpferin und Ausführerin des Unternehmens Villa Meleto. Bedächtig, klug, ohne Firlefanz, richtete sie alle Appartements der Villa ein, ließ den Swimmingpool bauen, schuf die ungezwungene und doch professionelle Atmosphäre der Villa, und sie war ihr auch eine gute Freundin geworden; direkt, herzlich, kein bisschen zickig (und dazu hätte sie doch allen Grund gehabt als Ehefrau von einem Marquis mit so vielen Titeln und großartigen Vorfahren…), verständnisvoll und hilfsbereit.

Sie lief den Weg entlang, eine gut angelegte Strecke, oben auf den Hügeln mit weiten Ausblicken und leichtem Wind, die Via Francigena; sie sah von weiten Gruppen von Pilgern, Menschen auf sich zukommen. Sie pilgerten wirklich, mit Rucksäcken und schweren Schuhen, mit Bärten und ausgeblichenen T-Shirts, etwas müde und unausgeschlafen, schweigsam und doch voll Energie. Manche hatten einen Stock, fast alle trugen Hüte. Als sie näher kamen erkannte sie unter ihnen ihre Freunde aus Turin, die notorischen Wanderer, die während sie in Settigniano gewohnt hatten, auch dort lebten und an der Uni von Florenz lehrten. Das überraschende dabei war, dass keiner von ihnen wusste, wo sich die anderen aufhalten würden.

 

Reblog: Stettiner aller Generationen vereinigt euch!

Musekamp_malyDziś drugie spotkanie w Regenbogenfabrik z cyklu „Szczecin dla berlińczyków”, zorganizowane przez Stowarzyszenie Partnerstwo miast ze Szczecinem.

***

Stettin – Szczecin

Metamorphosen einer Stadt –
Wie sehen das alte und neue Stettiner und Stettinerinnen?

28.5.15 | 19 Uhr | RegenbogenKino

1945 wurde aus dem deutschen Stettin das polnische Szczecin.
Die neue Verwaltung übernahm nach Monaten der Unsicherheit über die staatliche Zugehörigkeit eine stark zerstörte Hafenstadt mit einem Bruchteil ihrer ursprünglich 400.000 Einwohner.

Jan Musekamp

beschreibt in seinem Buch Zwischen Stettin und Szczecin – Metamorphosen einer Stadt von 1945 bis 2005  (Harrassowitz Verlag, 2010) die Folgen, die dieser historische Bruch für die Stadt und ihre neue Bevölkerung bedeutet. In seinem Vortrag wird er den Wandel anhand des Umgangs mit dem kulturellen Erbe (Denkmäler, Gebäude) und des Verhältnisses zwischen alten und neuen Stettinerinnen und Stettinern zeigen.

Eintrritt frei – Spenden willkommen.

***
Achtung: Es gibt noch ein paar Lubinus Bücher, die als Geschenk an die ersten angekommenen Gäste gehen!

Lubinus

Metropolinnen zwischen Kudamm und Küche

AŚKA & REŃKA

UNSER DRECK

AŚKA: Wenn wir um was streiten, dann nur um eine Sache: um die Hygiene.

REŃKA: Weil das ist so, dass es einfach normal die menschliche Vorstellungskraft übersteigt, wie wir uns unterscheiden, wo es um Sauberkeit geht.

AŚKA: Weil Reńka ist auf dem polnischen Dorf groß geworden, und da hat sich ’n Huhn manchmal in das Zimmer verfangen, und natürlich hat es auf den Teppich geschissen.

REŃKA: Aber so n Dreck wie bei Aśka in Berlin hab ich, solange ich lebe, in der ganzen Welt nicht gesehen. Na und an diesem Tag gehen wir spazieren, und diese Aśka, was hat sie da wieder angezogen, diese alte Hose von dem Schlafanzug, wo sie die ganze Nacht mit geschlafen hat, rosa mit Herzen, mit den Löchern. Der Arsch sieht aus wie so `n Sieb.

AŚKA: Und wir laufen so diesen Ku’damm entlang.

REŃKA: Sie neben mir in diesem Hosenlump, einfach Scham wie die Pest, und die nichts, lächelt dümmlich, und hat auch noch gute Laune.

AŚKA: Und wir gucken. Und da auf den Plakaten, so großen, 2 auf 2 Meter oder was, Angela Merkel, so retouchiert, dass sie aussieht, normal, so sauber, als ob sie grad aus der Waschmaschine springt. Und dazu, mit einer ochsengrossen Schrift, steht da: DEN WOHLSTAND ERHALTEN UND MEHREN. Also sagt Reńka:

REŃKA: Aśka, guck du mal zu dieser Angela, guck wie sauber die ist, wenn du die ganze Zeit wie so ne Schlampe gehst, gibt die dir nie ’n Wahlrecht. Und wir kommen in unsere Bude, und dort, wie immer, Dreck, Süff, der Boden grau-schwarz. Es gibt den Verdacht, dass er mal Blau war, aber man kann irren. Spinnweben hängen wie Gardinen, Aśkas Klamotten überall, dazwischen verschimmelte Kaffeetassen – man muss sich mit der Axt den Weg freihacken.

AŚKA: Und Reńka mit Irre im Auge stellt fest, sie will nicht mehr eine beschädigte Mitbürgerin sein, sondern eine echte, mit Wahlrecht und allem, und fängt an zu putzen, eine Riesen-Säuberung, normal, wie ihre Mutter vor Ostern. Den Lappen in der Hand verkündet sie:

REŃKA: Aśka, ich mache hier eine historische Tat. Die Fenster und die Türen, die waren das letzte Mal gewaschen in den 30-er Jahren, als Hitler an die Macht kam. Und Aśka rennt in ihr Zimmer, holt das Feng-Shui-Buch, damit sie auch etwas zu diesem gemeinsamen Putzen beitragen kann.

AŚKA: Und Reńka schrubbt den Herd, bis sie Wunden an den Händen kriegt. Der Schweiss rinnt ihr zum Arsch. Die Reńka, die hat’s wohl gefickt, weil sie den Herd wegschiebt, der hier steht seit sieben, zehn Jahren. Und dann glotzt sie noch dabei, als hätte ich ihr die letzte billige Zigarette aus Polen weggeraucht.

REŃKA: Du, Aśka, ist nicht meine Mission, deine Putzfrau zu sein.

AŚKA: Du, Reńka, du bist wirklich irgendso ’n Wunder von Gott, weil das ist alles wahr, weil Feng Shui sagt auch: Dreck verklebt die Energie. Und REŃKA überflutet das Blut:

REŃKA: Du Feng-Shui, guck, her, unter den Herd, was wir hier züchten, diesen Amazonasdschungel, nix Feng-Shui. Ich wusste nicht, dass noch etwas ausser dir in der Bude so lebend blüht. Das bewegt sich, es stinkt, es sollte Miete zahlen.

AŚKA: Und jetzt gibt es aber keine Zeit zum Streiten, weil auf einmal sagt das Radio, dass diese Partei, normal, die von den Skins, die rechte, hat Briefe geschickt, an ausländische Politiker, dass sie sie abschieben wird. Die türkischen, polnischen, alle weg, ab nach Hause.

REŃKA: Siehst du Aśka, was hab ich gesagt, wenn sie die abschieben können, dann uns auch.

AŚKA: Und Reńka, angepisst wie eine Messerschmitt, rauscht aus der Küche, ab in das Wohnzimmer, haut sich auf die Knie, und schrubbt, als hätt sie eins draufgekriegt, den Boden. Sie sieht aus wie so ne Märtyrerin von Christus. Und plötzlich hält sie in den zwei Fingern irgendso ’n amtliches Dokument. Freizügigkeitsbescheinigung.

REŃKA: Von Aśka die, mit gelben Katzenpipi voll! Und Aśka steht zufrieden inmitten des Zimmers, hat sich ’n Brot geschmiert mit Tomate, und frisst und sagt:

AŚKA: „Oh, das hab ich schon lange gesucht.“

REŃKA: Aśka, wenn die hier aus dem Deutschland das sehen, dass du auf ihre Dokumente pisst, kriegst du nie im Leben Hartz IV. Und das Wahlrecht kannst du gleich vergessen. Aber Aśka legt sich wieder, wie immer, in ihr rosanes Puff-Zimmer, in ihr Bordell, auf den Berg ihrer dreckigen Klamotten, zwei Meter hoch, macht den Computer an, weil sie ist doch abhängig, und steckt dabei die Nase in ihre dreckigen Socken.

AŚKA: Und Reńka stopfts zu, wie sie die Regale sieht, weil da:

REŃKA: rosa Staub. Zwei Finger breit und fettig wie Butter. Auf einmal Aśka ins Geheul:

AŚKA: Du, Reńka, komm schnell. Reńka kommt, guckt, sieht:

REŃKA: auf dem Display n rotes Plakat, von dieser Partei von den Skins, und auf ihm eine riesige Aufschrift:

AŚKA: POLEN-INVASION STOPPEN.

REŃKA: Aśka, ich rate dir gut, steh auf und putz, sonst kannst du gleich, wenn sie uns abschieben, mit diesem rosa Staub die Reisebrote schmieren.

AŚKA: Und aus dem Ganzen Reńka muss pinkeln, damit sie nicht ein hysterischen Anfall kriegt, läuft ins Bad, und dort:

REŃKA: Meine Gläser! In dem Wischeimer, in welchen ich gerade den Dreck aus dem schmutzigen Boden gewrungen hab, Schüsseln und Teller, am Einweichen, saugen sich voll mit Bazillen. Und Aśka trottet hinter mir her und grinst stolz,

AŚKA: und Reńka brüllt:

REŃKA: Du Aśka, bete um gesunde Beine, weil für den Verstand ist es zu spät. Und Aśka sagt, mit einem Riesenlächeln auf dem Gesicht, dass sie sich doch schon vorbereitet, und nächsten Mittwoch spült sie es.

AŚKA: Und Reńka sinken die Pfoten:

REŃKA: Du, Aśka, du lieber sagst nichts mehr, nimm die Alditüten mit dem stinkenden Müll und hop runter damit. Aber Aśka haut sich in den Stuhl, erstrahlt wie die Sonne und sagt:

AŚKA: Aber warum denn? Das ist doch UNSER Dreck, das ist doch das einzige Wohl das wir haben. Und Angela Merkel hat doch auf dem Plakat stehen, dass wir den Wohlstand erhalten und mehren sollen.

REŃKA und AŚKA: Und so hat Angela Merkel Reńka beigebracht, mit Aśkas Dreck zu leben.

Die kleine große Welt (9)

Monika Wrzosek-Müller

Gaeta, Sperlonga,Terracina; die alten und neuen Römer

Irgendwann dachten sie, jetzt müssten sie doch ihre Reiseziele etwas verändern; nein, nicht gleich in die norwegischen Fjorde, in die schöne Kälte, aber doch Apulien vielleicht für einen Moment verlassen und trotzdem im geliebten Italien bleiben. Da kam ihnen ihr italienisch-deutsches Tandem im richtigen Moment zu Hilfe; man trifft sich und spricht abwechselnd Deutsch und Italienisch. Es war eine junge, bezaubernde Italienerin, zwar ausgerechnet aus Apulien, die aber längere Zeit in Rom, Barcelona, Neapel, New York und wo nicht noch gelebt hatte. Sie erzählte ihr, immer auf Italienisch, wahrscheinlich hatte sie von dem Tandem weniger profitiert, dass es eine wunderschöne, ausländerfreie, italienische Küste noch in Latium gäbe, mit langen Sandstränden, mit einer wunderschönen Vegetation, die schon mehr neapolitanisch als römisch wäre, mit einem weißen, perfekt renovierten, alten Städtchen Sperlonga auf dem halben Weg zwischen Rom und Neapel, in dem die Eltern ihres Freunds ein Hausbesaßen, in dem sie viele Wochen verbracht hätte.

Nach längerem Suchen fand sie dann ein Feriendomizil für uns, direkt an der steilen Küste, nahe beider kleinen Stadt Gaeta, die nicht so herausgeputzt und getüncht und schick war, dafür aber reich an echten einheimischen Festivitäten und Bräuchen. Eine verrückte Stadt mit einer großen Marina, einem großen Fischerhafen, einem echten Fischmarkt; mit Gassen, die an Neapel, das spanisches Viertel, erinnerten, wo die Wäscheleinen von Fenster zu Fenster und auch auf die gegenüberliegende Seite gespannt wurden und schöne Tischdecken und weniger schöne Unterhemden, allerlei Unterhosen im Wind baumelten; mit einer großen amerikanischen Navy-Basis, ganz in grau auch die Schiffe, sehr ernst und sehr Italien-fremd, die mit Stacheldraht und hohem Zaun umgeben; mit einer pittoresken Altstadt oben hin zur mittelalterlichen Burg, mit einem Park auf dem Monte Orlando auf dessen Spitze ein römisches Mausoleum steht; mit schönen Stränden und Grotten in den Felsen, die nur vom Meer aus zu erreichen waren; mit malerischem Hinterland: Hügel, Berge und tiefe Buchten, bei denen man nicht ersehen konnte, wo das Meer aufgehörte und das Land anfing; mit kleinen Inseln und auch größeren, die bei klarem Licht wunderbar thronend auf dem Wasser zu sehen waren, übrigens von allen drei Städten gleich gut.

Der E-Mail Verkehr mit dem Hausbesitzer war irritierend; noch nie hatte ein Italiener auf ihr Italienisch in Englisch geantwortet, knapp und fast unfreundlich, sehr von oben herab. Das begleitete sie in dem Urlaub schon ein bisschen; es gab keine Gespräche im Café, keine Freundlichkeiten und Nettigkeiten. Das salve wurde meistens schnell im Vorbeigehen hingeworfen, immer in Eile oder sie vortäuschend, halt beschäftigt in jeder Lebenslage. Dafür wurde der Müll sortiert, die Straßen waren sauber, Infrastruktur überall vorhanden.

Die Römer, stellte sie fest, kümmerten sich wenig um ihre Baudenkmäler, die alten Städte, die Städtchen waren meist vernachlässigt, vielleicht hatten sie einfach davon zu viel, zu wertvoll war ihnen ihre Zeit; auch wenn sie wunderschön waren, wie Terracina, wo man mit dem Blick auf die Reste vom römischen Kapitol auf dem original antiken Marmorpflaster, dem römischen Forum saß, umgeben von der zerfallenden mittelalterlichen Altstadt, bei der die alten Quadern der römischen Bauten als Unterbau für wackelige kleine Häuschen dienten, sie waren eben nicht Jahrtausende Alt sondern nur Jahrhunderte. Das Städtchen war voll von altertümlichen Preziosen und doch ganz natürlich, von Touristen fast vergessen. Das Leben ging langsam, der Kaffee wurde bedächtig serviert. Der Duomo, auch auf den Fundamenten eines alten römischen Tempels gebaut, mit wunderschönen Mosaiken und Fresken, meistens geschlossen. Das Leben ging seinem Rhythmus und nicht dem der Touristen nach. Ein Wunder, dachte sie, dass in dieser Stadt 1988 Polts Komödie „Man spricht deutsh“ gedreht worden war, wo sind denn der Rummel und die Deutschen geblieben?

In Terracina schiebt sich eine Bergkette direkt bis an die Küste vor, so dass sich die römische Via Appiaan einem Felsen ganz nahe am Wasser vorbei zwängen musste; die Stadt selbst erstreckte sich von 0 bis auf 864 Meter über dem Meer aufwärts. Ganz oben auf einem Berg mit einer atemberaubenden Aussicht auf die ganze Pontinische Ebene, mit dem Monte San Felice Circeo und den Inseln am Horizont auf der einen und den Felsen von Gaeta auf der anderen Seite, steht ein Tempel, eine Tempelanlage aus der vorrömischen Zeit, die aber von den antiken Römern auch benutzt wurde. Die Anlage ähnelt einer friedlichen Festung auf riesigem Areal, inmitten von Olivenhainen mit unheimlichen sakralen Bauten, die keinerlei Assoziationen in ihr weckten, nur von der Größe einer Kultur zeugten, die in ihren Dimensionen vielleicht der des antiken Rom glich. Auch wenn man sich für die antiken Kulturen und Völker wenig begeisterte, war der Ausblick einmalig.

Sie saßen mehrmals auf der kleinen Piazza, der mittleren Ebene von Terracina und hörten sich die schnellen und lauten Gespräche der Einheimischen zu, an der Bar, an den Treppen zur Kirche; manchmal verstanden sie nicht alles; es wurde im römischen Dialekt gesprochen. Kluge Untersuchungen der Linguisten haben ergeben, dass in Terracina das Verbreitungsgebiet des römischen Dialekts endete, doch in jüngster Zeit scheint eben auch noch der südlicher gelegene Ort Sperlonga von wohlhabenden, etwas versnobten, schönen und überkultivierten Römer bevölkert.

Wenn man die antike Villa von Kaiser Tiberius am Rand von Sperlonga besichtigt, kann man sich gut vorstellen, wie die reichen Römer ihrer Zeit gelebt haben. So eine Villa funktionierte eigentlich wie eine Art Farm, man musste autark sein, unabhängig und selbstgenügsam und das waren alle antiken Villen. Sie unterhielten Teiche mit Zierfischen, aber auch mit Karpfen, die sie essen konnten. Sie züchteten Schafe und Ziegen, hatten Oliven und Wein und natürlich Brunnen mit gutem Wasser aus den Bergen und für ihre Feste Grotten, wo es selbst bei größter Hitze im Sommer angenehm kühl war. In der Grotte der Tiberius-Villa sollen orgiastische Feste organisiert worden sein, die denen von dem ehemaligen Premier von Italien in nichts nachstanden. Daher kommt auch von dem Ortsnamen Sperlonga das deutsche Wort „Spelunke“. Während der Ausgrabungen fand man überdimensionale Skulpturen von Odysseus, der gegen Meeresungeheuer kämpft; sie werden dem Bildhauer Polydorosaus Rhodos und seinen Brüdern zugeschrieben, die auch die Laokoon Gruppe geschaffen haben sollen. Die antiken Römer mochten es eben übertrieben, alles war übergroß, ungewöhnlich und prachtvoll. Wie lange brauchte man eigentlich von Rom bis zu diesen Orten am Meer; kamen sie für ein Wochenende und kehrten dann nach Rom zurück? Die Straßen waren mit Steinen gepflastert, es gab die Via Appia und die Via Flacca; oder sie kamen per Schiff, die Küste entlang von Ostia; ein kleiner Hafen wurde an der Villa ebenfalls angelegt. Heute fährt der Zug aus Rom nach Gaeta eineinhalb Stunden, die Römer kommen immer noch für ein Wochenende dahin.

Sie saßen auf der Hauptpiazza von Sperlonga, oben in der Festung, mit vielen Cafés und Restaurants; inmitten von Italienern, meistens Römer, abgesehen von ein paar verlorenen Russen, die es komischerweise mit Busladungen in die Gegend verschlagen hat. Hinten ragten die kahlen, hohen Berge auf, etwas mehr unten gab es Pinienwälder, mit einem frischen Grün, wie es Teeplantagen haben. Sie hörten den Gesprächen zu über Essen, Kinder, Krankheiten und Politik; das Essen kam überdurchschnittlich oft vor; wo was wie viel kostete und am besten schmeckte. Nicht alles verstanden sie, es wurde eben römischer Dialekt gesprochen. Und auf einmal hörten sie ein Gespräch, in dem ganz oft das Wort Berlin vorkam. Es wäre dort grau und doch sehr kalt, aber sehr interessant und für junge Leute genau das richtige, genau, für junge Künstler wäre das eine richtige Stadt für den Anfang, auf jeden Fall, nicht wahr. Und sie traute sich zu fragen: I vostri bambini vivono li? Conoscete la citta?

Und wie oft schon stellte sich heraus, wie klein doch die große Welt war; es waren die Eltern von Andrea, dem jungen Künstler, der in Berlin zusammen mit der ragazza, dem Mädchen aus Foggia lebte, die mit mir deutsch-italienisches Tandem machte.

Vergessener Genozid

2015 jährt sich zum hunderten Mal der Völkermord an den Armeniern – einer der ersten systematischen Genozide des 20. Jahrhunderts. Er geschah während des I WK unter Verantwortung der jungtürkischen, vom Komitee für Einheit und Fortschritt gebildeten Regierung des Osmanischen Reichs. Bei Massakern und Todesmärschen kamen je nach Schätzung zwischen 300.000 und mehr als 1,5 Millionen Menschen zu Tode. Der 24. April, der Tag, an dem 1915 die Deportation der armenischen Elite aus Konstantinopel begann, wird in Armenien als „Genozid-Gedenktag“ begangen. In einem gesellschaftlichen Portal unter meinen fast 400 Facebook-Freunden hat niemand den Völkermord erwähnt.

Unsere neue Autorin, Esther Schulz-Goldstein ist Psychoanalytikerin und beschäftigt sich seit dreißig Jahren mit der Gewaltproblematik in der türkischen Gesellschaft. Ihre Patienten aus Anatolien zwangen sie, die Geschichtslüge des türkischen Staates aufzuspüren, weil diese sich auch in der seelischen Struktur ihrer Patienten abbildete. In diesem Zusammenhang schrieb sie die vier Bände „Am Himmel blieb die Sonne stehen“ in der sie die Gewaltentbindung im Zusammenbruch des Osmanischen Reiches erforschte, die in den vier von den Türken verübten Völkermorden an den Armeniern Aramäern, Griechen aus dem Pontos und den Zaza aus Dersim in Ostanatolien mündeten. In Band drei verglich sie die Phantasmen der türkischen Henker mit denen der Deutschen der Nazizeit, die zu Auschwitz führten. In Band vier untersucht sie den Nahostkonflikt.

Wolfgang Gust war Redakteur beim Wochenmagazin des Spiegels und hat zusammen mit seiner Frau Sigrid Gust und etwas später mit dem IT-Ingenieur Vagharshak Lalayan alle Akten des Auswärtigen Amtes bezüglich der Völkermorde für das armenocide.net digitalisiert. Für Genozidforscher eine große Erleichterung ihrer Arbeit.

Esther Schulz-Goldstein

Laudatio

für Herrn Wolfgang Gust zu seinem 80. Geburtstag, in die seine Ehefrau Sigrid Gust eingeschlossen wird.

Mit Ossips Mandelstams Büchern „Die Reise nach Armenien“ unterm Arm fuhr ich 1975 in das von ihm so wunderbar beschriebene Bergland im Kaukasus. Als ich in Ēǰmiajin die im damaligen Sowjetreich übriggebliebene Kirche des „Papstes der Armenier“ besichtigte, wurde ich mit den Mitgliedern meiner Reisegruppe von seinem Sekretär zur Audienz gebeten.

Es stellte sich sehr schnell heraus, dass wir die falsche Delegation waren, weil sie verwechselt worden war mit einer aus der Kraftwerkunion des damaligen Westberlin, die wegen der Turbinen für den Sewansee erwartet wurde. Ich jedoch kam aus Westberlin aus einer psychotherapeutischen Beratungsstelle, in der ich auf die Traumata der II. Generation von Schoah-Überlebenden gestoßen war. Nach der Klärung dieses Missverständnisses fragte ich den Katholikos Vasgen, ob es besondere Rituale gäbe, die die armenische Kirche als Verarbeitungshilfe des Völkermords entwickelt habe. Auf das Mahnmal in Zizernakaberd hinweisend empfahl er, dass ich als künftige Psychoanalytikerin mich für die psychischen Schäden der Armenier interessieren sollte.

Sie, Herr und Frau Gust, haben in den neunziger Jahren, im Wochenmagazin der Spiegel eine Serie über Armenien und seine Literatur veröffentlicht. Seither haben die Armenier Sie auch nicht mehr losgelassen. Im Jahre 2000 beschäftigte ich mich mit den psychischen Spätfolgen der Massaker in Kleinasien und klickte im Internet auf die Dokumentensammlung aus dem Archiv des Deutschen Auswärtigen Amts zum Thema Völkermord an den Armeniern. Innerhalb von Minuten hatte ich das im Computer, was ein guter Freund im gleichen Archiv mühsam abgeschrieben hatte und sich schon zu 1/10 auf meiner Festplatte befand. Welche Erleichterung der eigenen Arbeit in der Wirklichkeitsrekonstruktion der damaligen Geschehnisse und welche Möglichkeit, die Völkermordleugnung der Türken ad absurdum zu führen. Dafür danke ich Ihnen beiden. Ihre gesamten Veröffentlichungen ermöglichten mir die Frage, warum die Türken bei einer solchen Quellenlage den Völkermord so vehement verleugnen können, sodass die Welt der Wissenschaft nur noch den Kopf schütteln kann?

Sie führte mich zu der Antwort, dass ihre Leugnung einen unbewussten Wunsch erfüllt die ihre Wahrnehmungs- und Denkidentität beeinflusst. D. h. wenn eine Wahrnehmung – real oder nicht –oder innerhalb der Konstrukte, die das Kollektiv anbietet, Bilder produziert, in der der Wunsch platziert werden kann, so wird er wenigstens vorübergehend erfüllt. Dieser Vorgang ist vergleichbar der Wunscherfüllung im Traum, die seinen latenten Inhalt mit Hilfe der Zensur so umformt, dass er das Gewissen passieren kann.

Um das zu verdeutlichen möchte ich Phantasmen bezüglich des „Türke-Seins“ aufzeigen, die den Wunsch nach innerer Entlastung erfüllen. Denn die Wahrheit der Vergangenheit im Untergang des Osmanischen Reiches und in der Gründung der Türkei scheint für das Selbstbild der deutungsmächtigen Türken nicht aushaltbar zu sein, sodass sie sich in der Verleugnung des Genozids den Wunsch nach Entlastung von dieser furchtbaren Bürde erfüllten.

Dazu erfanden die damaligen Deutungsmächtigen Bilder, die diese Entlastung bewirken sollen. Hinzu kommt, dass es: „heute noch nicht üblich (ist), den gegenwärtigen sozialen und so auch den nationalen Habitus eines Volkes mit dessen ,Geschichte’, wie man es nennt, und besonders mit dessen Staatsentwicklung zu verknüpfen. … In Wirklichkeit aber sind die gegenwärtigen Probleme einer Gruppe entscheidend mitbestimmt durch ihr früheres Schicksal…“ Diese Überzeugung von Norbert Elias teile ich und deshalb stelle ich kurz die Geschichte des Antichristianismus im Desaster des Untergangs des Osmanischen Reiches dar. Ich tue dies unter dem Blickwinkel der Psychoanalyse als Theorie unbewusster Konflikte, die sich hinter der Genozidleugnung verbergen.

Die Lebensweise der „Ungläubigen“ wird von vielen in Anatolien des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts als relativ autonom und heterogen beschrieben.

Ich jedoch gehe davon aus, dass eine Reparatur des Narzissmus der Muslime in der Entwürdigung der „Ungläubigen“ angelegt war durch die Herrschaftspraxis des Islam im Dhimmitut. Letzterer ist Status der Nicht-Muslime unter islamischer Herrschaft. Dieser inferiore Status der Christen wurde uns von Bernhard Lewis in seinem Buch „Die Juden in der islamischen Welt“ folgendermaßen übermittelt: Weder du noch die Muslime an deiner Seite sollten die Ungläubigen als Kriegsbeute behandeln und sie (als Sklaven) verteilen … wenn du die Kopfsteuer erhebst, gibt dir das kein Anrecht auf sie und kein Recht über sie. Hast du dir überlegt, was für die Muslime nach uns bleiben wird, wenn wir die Ungläubigen gefangen nehmen und als Sklaven zuteilen würden? Bei Allah, die Muslime würden keinen Menschen finden, zu dem sie sprechen und aus dessen Arbeit sie Nutzen ziehen könnten. Die Muslime unserer Tage werden sich zeit ihres Lebens (von der Arbeit) dieser Leute ernähren, und nach unserem und ihrem Tod wird für unsere Söhne das gleiche getan von ihren Söhnen und so fort, denn sie sind Sklaven des Volkes der Gläubigen, solange die Religion des Islam vorherrschen wird. Deshalb erlege ihnen eine Kopfsteuer auf und versklave sie nicht und lasse es nicht zu, dass die Muslime sie unterdrücken oder ihnen Schaden zufügen oder sich über das Erlaubte hinaus an ihrem Eigentum vergehen, sondern halte dich getreulich an die Bedingungen, die du ihnen gewährst und an alles, was Du ihnen gestattet hast.”

In der Auflösung der Millets – d.h. der Selbstorganisation der Nichtmuslime – in der Verkündung einer Verfassung im 19. Jahrhundert bekamen alle Bürger gleiche Rechte. Damit war das Überlegenheitsphantasma der Muslime, über die Nichtmuslime, nicht mehr aufrechtzuerhalten. Der Verlust des Überlegenheitsgefühls über die Christen hätte zu einer Veränderung des Selbstbildes und der Wahrnehmungsidentität der Muslime führen können. Diese konnte erfolgreich abgewehrt werden, weil islamrechtlich die Gleichberechtigung ein grober Verstoß gegen die Anwendung der Rechtsdogmen der Scharia war. Auf diesem Hintergrund entwickelte sich ein dem Antisemitismus vergleichbarer Antichristianismus.

In seiner Analyse verdeutlichte sich der tiefe abgrundhafte Hass im Antichristianismus vieler muslimischer Türken, der sich in den beginnenden Massakern 1885 an den Armeniern offenbarte. Ein Schreiber der Hohen Pforte in Istanbul 1886 notierte: „Die Armenier, seien besondere Wesen; um es offen zu sagen: eine schädliche Art von „nagenden Würmern”, die die Fundamente des Reiches untergraben. Wenn die Muselmanen die Armenier hart angefasst hätten, so sei das nur gerecht“. „Die Armenier seien notorisch raffgierige Wucherer, und die polnischen Juden“, schrieb er, „wirkten im Vergleich zu ihnen wie miserable Pfuscher“. „Der Hass, der die Muselmanen von den Armeniern trennt, hat keinen anderen Grund als diese maßlose Ausbeutung, die jener durch die Juden in Frankreich, England, Polen und Österreich-Ungarn gleicht. Die religiöse Frage hat damit nichts zu tun, dieser Kampf heißt in Europa Antisemitismus, in der Türkei heißt er die „Armenische Frage“ wie uns Philippe Videlier, in seiner „Türkische Nacht“ in Lettre übermittelte.

Er war sich seiner Argumentation so sicher, dass er den Europäern prophezeite, dass wenn eine ähnliche Bewegung sich in Europa wie im Osmanischen Reich mit den Jungtürken etabliere, „es wahrscheinlich keine Macht auf der Welt gibt, die die Ausrottung der Juden als gerechte Vergeltung für die seit hundert Jahren angehäuften Verbrechen verhindert“.

Der Hass aus dem gesellschaftlichen Unbewussten der Türken ausgelöst durch den Verlust ihrer Privilegien gegenüber den „Ungläubigen“ und die Angst vor dem Untergang des Osmanischen Reiches verwandelte sich in eine Tötungsbereitschaft gegenüber den Armeniern. Vor den Augen der muslimischen Bevölkerung war es in den Städten zum wirtschaftlichen Aufstieg der armenischen Dhimmis gekommen, während die Türken als Sunniten in der Bürokratie eines scheiternden Staates und dem inzwischen erfolglosen Militär und im Bauernstand ihre „Aufstiegschancen“ wahrnehmen durften. Man stelle sich vor, wie die ehemals inferioren christlichen Dhimmis mit dem von ihnen erwirtschafteten Reichtum ein Bildungsbürgertum etablierten und auf die, auf der Scholle festsitzenden Muslime blickten und umgekehrt.

Zwischen 1878 und dem Ersten Weltkrieg hat das Osmanische Reich 85 Prozent seines Territoriums und 75 Prozent seiner Bevölkerung verloren um Sie, Herr Gust, zitieren zu dürfen.

Diese Tatsache stellte eine ungeheure Entwertung des muslimischen Herrenmenschenhabitus dar. Diese Entwertungserfahrung machten Sie in den veröffentlichten Aktenstücken aus dem Jahre 1909 für die von Muslimen angesteckten und geplünderten armenischen Dörfer und armenische Landgüter der Öffentlichkeit zugänglich: Konsul Tischendorf teilte mit, dass die Stimmung zwischen der mohammedanischen und armenischen Bevölkerung in der Umgegend von Alexandrette eine sehr gereizte sei, hervorgerufen durch das hochfahrende und anmaßende Benehmen der Armenier, und dass er Äußerungen von Mohammedanern vernommen habe, dass wenn die Armenier ihr Benehmen nicht ändern würden, keiner derselben am Leben gelassen werden würde.

Zusätzlich zur Entwertung kommt die Tatsache, dass die türkischen Eliten ihr einstürzendes Osmanisches Reich paranoid verarbeiteten. Sie erblickten in jeder Hand eines Armeniers einen Dolch, der den Rücken eines Türken zu suchen schien und begannen in ihrem Wunsch nach einer homogenen sunnitischen Türkei, die Christen Kleinasiens zu ermorden.

Zum tragischen Symbol dieses Zeitraums wurden die Armenier, weil die in ihrem Völkermord gemetzelten Aramäer und Griechen unter die „Armenische Frage“ subsummiert wurden. „Wenn die Türken sich selbst als den Phönix sehen, der aus der osmanischen Asche emporgestiegen ist, so stellen die Armenier die nicht willkommenen Spuren dieser Asche dar“, meint Taner Akcam ein Genozidforscher aus Amerika. Sie sind deshalb eine so unwillkommene Spur, weil in der Türkei die Schamkultur herrscht. Dominiert das psychische Scham- und nicht das Schuldsystem der Menschen innerhalb einer Gesellschaft, dann wird alles, was ein gutes Selbstbild eintrüben könnte, verleugnet, projiziert oder abgespalten, und ins gesellschaftliche Unbewusste verdrängt.

Auf diese Weise, Herr und Frau Gust, erschufen sich die Türken eine glorreiche Vergangenheit, die von keiner Blutspur durchzogen zu sein scheint. Dabei half eine nationale Identitätskonstruktion, die genozidale Vergangenheit ins gesellschaftliche Unbewusste der Türken zu verdrängen. Diese Identitätskonstruktion begann auf einer Tagung der türkischen Vereine, geleitet von Frau Afet, der Adoptivtochter Kemal Ata-Türks, am 23. April 1930.

Satzungsgemäß in §2 und 3 definierten sie sich als Bewusstseinsproduzenten über das „Türken-Sein“. Als politische Institution wollten sie das Selbstbewusstsein ihres durch den Untergang des Osmanischen Reiches schwer gebeutelten Volkes reparieren und verordneten als Therapeutikum eine gänzlich neue Theorie über das „Türke-Sein“.

Die Aktenstücke machen verständlich, dass die Türken ein neues Geschichtsbild brauchten. Die akademisch verbrämten Weihen in den „Türkischen Geschichtsthesen“, sind einer Selbstidealisierung geschuldet, die innerpsychisch scheinbar Not-wendig wurde. Es gründete sich auf der Tagung der Türkischen Vereine der Ausschuss zur Untersuchung dertürkischen Geschichte mit dem Zweck, die türkische Geschichte und Zivilisation mit wissenschaftlichen Methoden aufzuwerten. Das Prozedere war wie üblich, und seine 16 Mitglieder bildeten zugleich den Kern der noch heute existierenden Gesellschaft für türkische Geschichte.

Von Interesse ist noch, dass ein Großteil der Mitglieder des Ausschusses aus Parlamentsabgeordneten bestand, die zu dieser Zeit ‘par ordre du mufti’ von Mustafa Kemal zu Abgeordneten berufen wurden und mit dem Weltbild des Partei- und Staatschefs übereinstimmten. Deshalb repetierten sie die Auffassungen Mustafa Kemals von 1927 über das „Türke-Sein“, das er in seiner 7 Tage währenden Rede als Hobbyhistoriker mit frei flottierenden Größenwahn verkündet hatte.

Familie Gust, wir müssen festhalten, dass sich die türkische Geschichtsschreibung damals dem Weltbild Mustafa Kemals, dem späteren Atatürk, unterwarf. Wie die Kemalisten es geschafft haben, den in den Aktenstücken so gut dokumentierten Völkermord an den Armeniern in das gesellschaftliche Unbewusste der neuen Republik zu verdrängen, lehrt uns ihre neue Geschichtsschreibung. Dabei half der Ausschuss, als er Ende 1930 Die Grundzüge der türkischen Geschichte veröffentlichte. In dem 606 Seiten zählenden Buch nahmen die türkischen Geschichtsthesen Konturen an, die wie folgt zusammengefasst waren: „Von den früheren Zeiten der Geschichte an fanden aufgrund von Trockenheit und wirtschaftlicher Ursachen Wanderbewegung aus Zentralasien in Richtung Osten, Westen und Süden statt. Die Wanderer waren brachyzephalen und alpinen Typus’ und sprachen türkisch. Im Gepäck hatten sie eine fortgeschrittene Zivilisation. Sie, die Türken, waren es auch, die die Zivilisation in Mesopotamien, Ägypten, Anatolien, China, Kreta, Indien, Ägäis und Rom errichteten. Bei der Schaffung, Entwicklung und Verbreitung von Kulturen auf der Welt spielten diese türkisch sprechenden Menschen die Hauptrolle“.

Wie diese Thesen doch die eigenen Wurzeln vergolden, denn es gab in der damaligen Zeit keine Wanderer, sondern nur umherziehende Nomaden. Auch kommen die fortgeschrittenen Zivilisationen aus den Städten und nicht aus einem Nomadenzelt, doch das ist noch harmlos. Schwieriger wurde es mit den Verbrechen im Völkermord. Sie waren so unsagbar groß, dass sie hinter einer unsagbar großen Kulturleistung verborgen werden mussten. Hier wirkt ein psychischer Abwehrmechanismus,in der die Konstrukteure dieser Thesen unerträgliche affektive Bedeutungsinhalte in ihr Gegenteil verkehren. Damit sind sie ausgepolstert von den psychischen Abwehrmechanismen, im Besonderen der des ungeschehen Machens: Deshalb wirkt der Vortrag der Thesen wie ein magisches Abwehr Ritual, das den vom „Crimen Magnum“ ausgelösten Schamkonflikt verdecken muss. Konkret beseitigen die Geschichtsthesen vorangegangene Mordgedanken mit edlen Gedanken und kultivierten Handlungen.

In der Überschrift „Warum wurde dieses Buch verfasst?“ diktierte der Zeitgeist u. a. den Begriff einer Rasse:„Die türkische Rasse, die die größten historischen Strömungen herbeigeführt hat, hat, verglichen mit anderen Rassen, am meisten ihre Identität bewahren können. In den weiten Gebieten, die sie während ihrer Geschichte besetzt hat, sowie in Grenzgebieten hat sie die hier ansässigen Nachbarrassen geschützt. Da bei diesem Nachbarschaftsverhältnis im Hauptsächlichen kulturelle Beziehungen geknüpft wurden, hat sie ihre rassischen Besonderheiten bewahren können. Später jedoch integrierten sie sich in einige Mehrheitsgemeinschaften, sodass sie ihre Namen und Sprache nicht vor dem Verlust rettenkonnten. Die Sprache als das stärkste Geistesprodukt ging verloren“.

Auch hier ist die Verkehrung ins Gegenteil am Werke, denn die Türken hatten ihre Identität verloren, weil kaum ein Mensch in Anatolien des Jahres 1916 wusste, was ein Türke ist und in der Schule erstmals türkisch unterrichtet wurde. (…) „Wie man sieht, hat die türkische Rasse in der Geschichte stets eine Einheit dargestellt. Mit ihrer offenkundig organischen Eigenschaft, Sprachkultur und gemeinsamen Vergangenheit bildete sie eine große Gemeinschaft, die der heutigen Definition über die Nation entspricht. Es ist eine große Ehre, die vielen der gegenwärtigen Gesellschaften nicht zuteilwird, solch eine große Rasse auch als eine Nation zu erleben.“

Die Begriffe der Ehre, Gemeinschaft und Einheit werden hier wie ein Container benutzt. Sie bergen, die in ihr Gegenteil verkehrten gefürchteten, peinlichen und unangenehmen inneren Antworten auf die zerbrochene Außenwelt, die zerbrochenen Beziehungen, den zerbrochenen Lebensentwurf als hungernder Flüchtling in Istanbul.

Die daraus resultierenden Konflikte oder Wünsche werden auf die vielen gegenwärtigen Gesellschaften projiziert – die damit ehrlos werden, ohne dass die Kommission merkt, dass sie sich selbst beschreibt. All dies geschieht unbewusst, d.h. im Unbewussten laufen seelische Vorgänge ab, von denen man keine direkte Kenntnis gewinnt, die man nicht in voller Bewusstseinshelle registriert oder kritisch hinterfragen kann. Der Wunsch nach Entlastung von einer großen Schande steuert diese innerseelischen Prozesse.

Aussagen über vorgeschichtliche Epochen werden gemacht, für die keine Quellen angegeben werden. Sie bezeugen eine Selbstbesoffenheit, die naturgemäß von keiner Realitätsprüfung eingeschränkt wird. Auf diese Weise dienen die Geschichtsthesen als Heiligungsrezept für die Nation.

Der zweite Abschnitt ist wie folgt zusammengefasst:„Die türkische Rasse, die die größten historischen Strömungen herbeigeführt hat, hat am meisten ihre Identität bewahrt. Die gegenwärtig denkende Menschheit kann bei der Erklärung ihrer dunklen und rätselhaften Seiten nicht umhin, die türkische Rasse in den Mittelpunkt zu rücken. (…) Unsere These beabsichtigt keine Geringschätzung oder Verachtung irgendeiner anderen Rasse oder Nation“.

Lieber Herr und Frau Gust, dass die Türken sich zu Kreatoren der Zivilisation der Menschheit stilisieren, ist auf dem Hintergrund des Völkermordes verstehbar. Wir können jedoch ihre Geschichtsschöpfungen gleich eines magischen Gegenzaubers zum Völkermord deuten. Diese dunkle Seite oder ihr Schatten bringen sie projektiv in der Menschheit unter, damit diese sie modellgleich in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit stellen können. Zusätzlich wird der Verlust der türkischen Identität, während des 600 Jahre dauernden Osmanischen Reiches, durch die Selbstverliebtheit in die eigene Ethnie als ungeschehen erklärt.

Das Gleiche gilt auch für den Völkermord im folgenden Satz in den Grundzügen der türkischen Geschichte: „Die Liebe zur eigenen Nation und Respekt vor anderen Personen und Existenzen, das ist die Losung des Türken.“

Im dritten Abschnitt des Buches wird ein Selbstbild der Türken aus den Ländern China, Indien, über Ägypten, Anatolien, der Ägäis, Italien mit den Etruskern, dem Iran, Zentralasien über die Chaldäer, Elamiden und Assyrer extrapoliert, indem sie verkünden, dass deren Zivilisation und Kultur ursprünglich von ihnen erschaffen wurde. Auf diese Weise seien die Zivilisationen in China, Indien, Mesopotamien, Ägypten, Ägäis, Italien, Anatolien und Iran entstanden und von den dortigen Völkern weiterentwickelt worden.

Ein solches Geschichtsbild ist Ausdruck einer schweren Regression, in der es zu einer Wiederbelebung von Denkfiguren aus kindlichen Zeiten kommt. In ihnen hängte der Vater als Supermann auch schon mal den Mond an den Himmel, und auf diese Weise haben die türkischen Supermänner alle Kulturen der Welt erschaffen, in denen es harmonischer, vertrauter, und gemütvoller zugegangen ist.

In dem Kapitel der Betrachtung der türkischen Kulturgeschichte in Zentralasien geht es jedoch um die eigenen Wurzeln: Die Geschichte der türkischen Rasse ist ein Resultat der geografischen Bedingungen Zentralasiens. Die Vertrocknung dieses Gebietes hat für das historische Schicksal der türkischen Rasse zu einigen wichtigen Konsequenzen geführt:
1.   „Ein Teil wurde gezwungenermaßen zu Nomaden. So wurde das Nomadentum zu einer Notwendigkeit. Unter günstigen klimatischen Bedingungen zeigten die Türken niemals eine Neigung zu Nomadentum.
2.   Die Tatsache, dass das Land teilweise zur Steppe wurde, teilte die Türken in zwei Gruppen, die sich in lebenswichtigen wirtschaftlichen Interessen voneinander unterschieden.
3.   Die schwierigen Lebensbedingungen auf den Steppen und das im Gegensatz dazu stehende Bevölkerungswachstum der Türken führte zu der Tendenz, in Richtung Westen und Süden zu ziehen und so neue Heimatgebiete zu suchen.
4.   Für Wanderbewegungen musste man organisiert sein. Auf diese Weise entstand bei den Türken Militär- und Ordnungsgeist. Das Bedürfnis nach Ordnung verwandelte die Türken zu einer staatstreuen Nation.
5.   Während der Eroberungszüge in Richtung Westen und Süden stellten die Steppentürken die vor ihnen liegenden fruchtbaren türkischen Ländereien unter ihren Gehorsam.
6.   Sie zwangen andere Bevölkerungen zur Teilnahme an diesen Eroberungszügen. Für den Erfolg war es nötig, auch von technischen Kenntnissen und Fertigkeiten der bereits kultivierten Türken zu lernen.
7.   So sah sich die fruchtbare türkische Zivilisation den wellenartigen Zügen der aus dem Norden kommenden Türken ausgesetzt“.

Nun, lieber Herr und Frau Gust, wir wissen aus der persischen Literatur von Firdausi und von den Orchoninschriften, dass die Türken ursprünglich Nomaden waren. Ein daraus sich entwickelnder Ordnungsgeist der Organisation einer Wanderbewegung entstammend, zeugt vom Unverständnis des Schreibers. Denn reichhaltige Viehweiden bestimmte das Nomadenleben und nicht ein abstraktes Ordnungsprinzip.

Da nach den türkischen Geschichtsthesen die Türken die Quelle aller Kulturen und Zivilisationen auf der Welt sind und alle Welt eigentlich türkischen Ursprungs ist, mussten die Türken selbst bei der Eroberung Armeniens „türkische Ländereien” besetzen. Wenn wir die alten Landkarten betrachten, sehen wir, das Ostanatolien das ursprüngliche Armenien ist. Dass sie Armenien zu türkischen Ländereien erklären, ist wiederum der Abwehr geschuldet. Sie radiert aus, dass einst Armenier dort gelebt haben, aber da, wo keine Armenier gelebt haben, können auch keine umgebracht worden sein.

Lieber Herr und liebe Frau Gust, wir sehen den Wunsch, ein edler, kultivierter, rücksichtsvoller, ordnungsliebender, staatstreuer, gehorsamer und ritterliche Türke zu sein, hat sich im neuen „Türke-Sein“ durchgesetzt, weil die türkische Massenregression im Dienste der Abwehr von Schuldgefühlen den Verstand und die Realitätsprüfung auf der Strecke ließen.

In jeder Nationen-Werdung sind vergleichbare Konstrukte zu finden. Schauen doch auch andere Völker, peinlich berührt, in die Kinderstube ihrer Nation, in denen es auch größenwahnsinnige Entgleisungen gab. Doch diese Entgleisungen haben die Völker in Europa überwunden, nur die Türken konnten mit ihrer institutionell abgesicherten Regression in der Militärdiktatur eine realitätsprüfende Selbsthistorisierung nicht erreichen.

Lieber Herr und Frau Gust, deshalb schlief der größenwahnsinnige Gestus, – in jeden Hinterhof Kreuzbergs einmal am Tag zu hören- dass „ein Türke mehr wert sei als tausend andere Menschen“, nicht ein.

Wenn sie die Website aus dem Jahre 2001 der türkischen Botschaft betrachten, dann stoßen sie in ihrer Selbstdarstellung auf eine 80 Jahre währende narzisstische Verzückung. Unter anderem werden dort die Türken als „ein 4000 Jahre altes Volk mit einer glänzenden Geschichte“ bezeichnet.

Man kann darüber streiten, ob sich hier nicht unbewusst die Pinkelolympiaden kleiner Jungens in den Text vorgedrängt haben. Es fehlen einfach 2600 Jahre, die dokumentarisch nicht belegt werden können, denn die heutigen Ursprünge der Türken lassen sich bis zum 6. Jahrhundert n u.Z. zurückverfolgen. In chinesischen Quellen tauchen die „T`u-küe” im Jahre 532 n.u.Z. das erste Mal auf.

Weiter heißt es auf der Website: „[…] Der türkische Gelehrte Ebu Reyhan el-Bīrūni machte diese Periode zu einer der wichtigen innerhalb der islamischen Kulturgeschichte und schrieb in dieser Zeit (1009) durch den Poeten Firdevsi das berühmte Werk Tehname.“

Abu I-Qasim Mansur Firdausi lebte um 940 in Tos bei Chorasan und später bis 1021 unter der Herrschaft der Buyiden, einem iranischen Herrschergeschlecht, deren Nachkommen die Zaza in Ostanatolien unter Befehl Atatürks 1937/38 in einem vierten Völkermord der Türken auszurotten versucht wurde.

Die persische Sprache war bereits seit dem 9. Jahrhundert zur dominierenden Kultursprache der Region geworden. Dazu gehört als eindrucksvolles Beispiel seine „Schahnama“. Es ist das persische Nationalepos mit 60.000 Doppelversen und das bedeutendste mittelpersische Werk. Firdausi ist unter dem Schutz der buyidischen Dynastie, als Retter der persischen Kultur, zum Retter der iranischen Sprache geworden. Er schreibt in einem Epos: „Im immerwährenden Kampf gegen den Erzfeind Turan kämpfen Heldengestalten unter Einsatz ihres eigenen Lebens für ihr Land.“

Sundermann übersetzte ins Deutsche:

Da lachte Nariman: Was schreist Du wie ein Narr?
Nicht Prahlerei gilt hier, hier gilt nur Kampfgeschick.
Ich werde Dein Gehirn, du Wicht von einem Feind
den Geiern in der Wüste werfen, vor zum Fraß.
Der Pfeil fand seinen Weg und schoss genau ins Ziel.
Er traf des Türken Haupt, der tot zu Boden fiel.

Nach dieser Faktenlage ist es zulässig zu behaupten, dass die Türkischen Geschichtsthesen die Selbstdarstellung der türkischen Botschaft beeinflussten, als sie den persischen Schriftsteller Firdausi und den persischen Wissenschaftlers El Bīrūni türkten. Dass das türkische Konsulat sich im Jahre 2001 auf eine Quelle bezog, in der die Türken als Inbegriff des dummen und großmäuligen Feindes gekennzeichnet werden, lässt vermuten, dass sie das Nationalepos nicht kennen.

Liebe Familie Gust, die türkische Botschaft offenbarte weiter ihr besonderes Geschichtsverständnis:

Die Herrschaft der Gökturken wurde im Jahre 745 durch die Uyguren beendet, die demselben ethnischen Stamm entsprangen. Auf diese Weise zerstreuten sich all jene Türken, die unter dem Banner der Gökturken zusammenströmten, unter dem der Uyguren. Das landwirtschaftliche Becken, in dem sie lebten, wurde als Turkestan bekannt. Im Jahre 1229 beendeten die Mongolen die Herrschaft der Uyguren; jedoch wurden die Uyguren ihre kulturellen und politischen Mentoren.

Der große Orientalist Joseph Hammer Purgstall schrieb in seiner „Geschichte des Osmanischen Reiches auf Seite 51, über das Jahr 1229.” Als Dschengis – Chan verheerend in das Land jenseits und diesseits des Oxus einfiel, flüchteten die Gelehrten aus den rauchenden Trümmern ihrer Bibliotheken und Akademien nach dem äußersten Westen Asiens zu Keikobad, bey ihm den Unterstand und Schutz suchend, den ihnen Chuaresm – Schah nicht mehr gewähren konnte, und die Literatur wanderte von den Ufern des Oxus an die des Ionischen Meer aus…

Martin – zitiert nach Gunnar Heinsohn, in seinem „Lexikon der Völkermorde“- beschreibt den Vorgang so: „In diesem Eroberungskrieg von Dschingis Khan spricht die Geschichtswissenschaft von 10 bis 15 Millionen Ermordeten… Seine Regel, nach einem Sieg niemals einen Feind in seinem Rücken zu belassen, führt zu einer ungeheuren Ausmordung auf seinem Einigungs- und Eroberungszug. Die Eliten der Gegner – und vormaligen Alliierten – wurden grundsätzlich umgebracht“.

Dass die Elite der Uyguren beim türkischen Botschafter 2001 zu den politischen und kulturellen Mentoren des Volkes seiner Mörder aufsteigen kann, geht auf das Konto der Verkehrung in ein Gegenteil und die Verwandlung des Türken in ein Opfer. Denn in der Wiederkehr des Verdrängten verwandeln sich die Opfer in einer Verschiebung in geistig Überlegene, was die Armenier auf Grund ihres Bildungsgrads ja auch waren. Gleichzeitig wird in der Darstellung der Botschaft die moralische Erbärmlichkeit der Täter in ihrer Grausamkeitsarbeit verharmlost.

Das bis dahin existierende Geschichtsbild in der Selbstdarstellung der türkischen Botschaft in Berlin verdeutlicht, dass die Türken den Zugang zur eigenen Geschichte verloren haben. Deshalb bietet Ihre Arbeit, Herr und Frau Gust, einen realistischen, wenn auch beschämenden Zugang, weil mit dem osmanischen Sprachentod der Weg zu den eigenen Wurzeln nicht mehr gefunden werden kann.

Dieser Sprachentod, seit der Sprachreform 1928, vom türkischen Militär überwacht, stand im Dienste der Verleugnung der Grausamkeitsarbeit der Hamidiye-Regimenter im Völkermord. Doch auch im – in Ankara entwickelten – Curriculum für den muttersprachlichen Unterricht türkischer Kinder in Berlin Kreuzberg oder Bottrop dominieren Grandiositätsphantasmen noch heute. Sie lernen, dass der große Sultan, den Griechen, den Bulgaren, Serben und Ungarn ein Land schenkte, als ob es keine Balkankriege, keinen Wiener Kongress, kein zusammengebrochenes Osmanisches Reich, keine Völkermorde und keinen verjagten Sultan gegeben hätte.

Deshalb konnte Präsident Erdogan unlängst einer staunenden Welt verkünden, dass die Türken die Entdecker Amerikas seien. Er bezog sich dabei auf den Kartographen Piri Reis, der 1521 eine Karte der Welt anfertigte, die das auf osmanisch beschriftete Kartenmaterial über Südamerika, das „Cülümbüs“ auf seiner Fahrt benutzte, mit einbezog. Diese hatte sein Vater als Pirat in einem geenterten Schiff des „Entdeckers Amerikas“ gefunden. Man könnte einfach sagen, dass der Stichwortgeber des Präsidenten der Türkei einen Bock geschossen hat. Jedoch der Präsident als reinkarnierter Sultan und damit „Beherrscher der Welt“ sich vorführend, konnte dies nicht kritisch hinterfragen, als er die türkische Entdeckung der „Neuen Welt“ verkündete, weil er in der Schule lernte und deshalb davon überzeugt ist, dass alle entscheidenden Kulturleistungen türkischen Ursprungs seien.

Die Türkei macht sich auf diese Weise in der Welt ungeheuer lächerlich und beschämt ihre eigenen Bürger. Deshalb ist die Arbeit über den Völkermord an den Armeniern von Ihnen, Wolfgang und Sigrid Gust, so kostbar. Weil die Aktenstücke des Auswärtigen Amtes – inzwischen auf Türkisch erschienen –, von den Türken selbst gelesen werden können. Auf diese Weise kann die entsetzliche Blutspur des eigenen Volkes in den psychischen Haushalt integriert werden, und deren Verleugnung mit all den daraus resultierenden Kuriositäten aufgegeben werden. Damit können die Türken sich von den von mir dargestellten Phantasmen befreien, und Ihre Arbeit kann ihnen dabei behilflich sein.Auch die Großmütter helfen dabei, wenn sie auf ihrem Totenbett den Enkeln ihre armenische Identität offenbaren. Beide brauchen diese Wahrheit. Sie brauchen sie deshalb, weil das Trauma ihrer Großmütter unbewusst weitergegeben auch in ihrer Psyche haust und so tragen sie die Unerträglichkeit eines Völkermords in sich, der in der türkischen Gesellschaft geleugnet wird. Diese Leugnung stigmatisierte sie zu Verrückten. Dieser innerpsychische Spagat zwischen dem Gefühl der Minderwertigkeit, ohne Lebensrecht existieren zu müssen, und dem Grandiositätswahn in der Identitätspolitik der Kemalisten konnte von den Nachkommen der über einhunderttausend Großmütter nur neurotisch verarbeitet werden. Derzeit entsteht in der türkischen Gesellschaft ein schmerzlicher Prozess, an Stelle des alten Schmerzes. Er dient jedoch diesmal der Heilung der Spannung zwischen einer transgenerationell unbewusst weiter gegebenen armenischen, aramäischen und griechischen Identität und dem Konstrukt aus der türkischen Identitätspolitik. Dazu haben Sie, Wolfgang und Sigrid Gust, beigetragen und es wird ihnen gedankt werden, dass sie das ermöglicht haben.

Die Aktenstücke zu lesen war für mich schauderhaft, weil sie mich traumatisierten, mir bis heute den Schlaf rauben und mich bis in die Träume verfolgten. Ich kann mir vorstellen, dass es Ihnen nicht leichter von der Hand gegangen ist, sie zu lesen, um sie in den Einführungen zu den Aktenstücken richtig einordnen zu können. In diesen Abgrund der Barbarei zu schauen, verletzt die eigene Seele. Trotzdem diese Unterlagen der Forschung zugänglich gemacht zu haben, ist Ihr großer Verdienst. Denn sie erleichtern das Ringen um Anerkennung der armenischen Katastrophe als Völkermord. In der Konvention der Vereinten Nationen über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes aus dem Jahre 1948 wurde Völkermord als eigenständiges Verbrechenskategorie eingeführt und damit verkündet, dass jedes Volk ein Lebensrecht besitzt. Sie haben entschieden, dass Völkermord ein so großes Verbrechen ist, dass es die Weltgemeinschaft zwinge, das bedrohte Lebensrecht eines Volkes zu verteidigen. Die Deutschen als Verbündete, die Franzosen, die Italiener, die Engländer als Besatzungsmächte im Rumpfland der Osmanen, wie aus den von Ihnen digitalisierten Unterlagen des Auswärtigen Amtes hervorgeht, haben zugelassen, dass im Osmanischen Reich und in der Türkischen Republik Völkermorde geschahen. Damit konnten die Völker sich mit der genozidalen Politik in der türkischen Nationenwerdung identifizieren. Sie sind heute – moralisch durch die Konvention – gezwungen, die Verbrechen als Völkermord anzuerkennen. Sie müssen es deshalb tun, weil die Konvention keine Gültigkeit für die Zeit des Völkermordes an den Armeniern haben kann. Deshalb müssen die Parlamente der nationalen Gruppen das Lebensrecht der Armenier in der Anerkennung als Völkermord den Nachfahren zurückgeben. Die deutschen Parlamentarier verwiesen zwar 2005 in ihrer Resolution auf „zahlreiche unabhängige Historiker, Parlamente und internationale Organisationen, die Vertreibung und Vernichtung der Armenier als Völkermord“ bezeichnen, lehnten es aber selbst ab, ihn als solchen anzuerkennen.

Sie haben sich, vermutlich in Unkenntnis der Brisanz des Lebensrechts der Armenier, das sich hinter der Anerkennung verbirgt, Verhandlungsmöglichkeiten mit der türkischen Regierung nicht erschweren wollen. Für die Armenier ist ihr Lebensrecht nicht verhandelbar. Solange sie dies von den Nationen nicht gespiegelt bekommen, müssen sie fürchten, dass sich diese Geschehnisse wiederholen. Alle Völker, die das Lebensrecht durch die Anerkennung der armenischen Katastrophe als Völkermord nicht zurückgeben, binden die Nachkommen der Überlebenden zwanghaft an eine quälende Vergangenheit.

Jedoch haben Sie, Wolfgang und Sigrid Gust, diesen zwanghaften Mechanismus zumindest für die Deutschen mit Ihrem Lebenswerk durchbrochen. Dafür danke nicht nur ich Ihnen.

Metropolinnen zwischen Krieg und Küche

Heute lesen Aśka & Reńka in der Regenbogenfabrik. Und hier der zweite Text aus der Reihe Metropolinnen.

UNSER KRIEG

REŃKA: Na, weil das ist so:

AŚKA: Wir kommen immer überall zu spät, weil natürlich wir immer morgens in dieser unserer psychodelischen Küche rumsitzen.

REŃKA: Na und Kaffee kochen wir.

AŚKA: Reńka trinkt Saft,

REŃKA: und Aśka isst sogar Brote.

AŚKA: Und besonders wenn wir wohin rausgehen und nicht zuspät kommen sollen, kommt uns dieses Thema in den Kopf.

REŃKA: Und es ist sehr wichtig.

AŚKA: Weil es geht um Krieg.

REŃKA: Der wird doch bald ausbrechen, und man muss n Plan haben.

AŚKA: Also wir beide haben schon ausgearbeitet so n Plan. Und jetzt sind wir ruhig, weil wir wissen, dass wir diesen Krieg überleben.

REŃKA: Die Rollenverteilung wird so:

AŚKA: Also Reńka kann nähen, und überhaupt was kochen, und dazu noch kann sie irgend so n Garten bestellen.

REŃKA: Also unten im Hof bestellen wir so n Gärtchen, na, normal, alles. Kartoffel, Schnittlauch und so Zeug.

AŚKA: Oder noch besser – wir machen so n Kurs und Reńka lernt, wie Suppe zu machen ist aus Birkenblättern oder Gulasch aus Wurzeln und Gras.

REŃKA: Und so wird es immer was zum Mittag geben. Und man weiss, dass es keine Läden geben wird mit Kleidung.

AŚKA: Aber Reńka näht alles, sogar mit der Pfote.

REŃKA: Aber auch Aśka hat ne Aufgabe. Sie hat da so ihr Erkennungszeichen: und das sind rote Lippen, die in unserer ganzen Bude rumhängen, im Flur, als Bilder, und sogar auf den Kacheln in der Küche. Sie wird also die Flyer machen – für die Jungs aus unserer Widerstandsbewegung. Und auf jeden Flyer mit angemalten Lippen wird sie ’n Kuss raufdrücken.

AŚKA: Na, um so irgendwie moralisch zu unterstützen, unsere Krieger –

REŃKA: mit diesen Lippen, die so sexuell aufgeblasen sind. Und Aśka hat doch vor diesem Krieg so Angst, dass sie gar nicht das Haus verlassen wird.

AŚKA: Also wird Reńka, unterwegs zu der Fabrik, wo sie die Uniformen näht, so ganz nebenher, die Küsse verteilen. In der U-Bahn legt sie sie aus, gibt sie allen, so halt, weil sie wird keine Angst vor dem Besatzer haben.

REŃKA: Garantiert nicht. Und überhaupt dieser Krieg, der da kommen wird, 2016, der wird nicht so normal sein, sondern hegemonisch.

AŚKA: Und das heisst nicht, dass Polen mit den Deutschen kämpft, wie normalerweise, oder was?

REŃKA: Nein, zwei ganze Kontinente werden beteiligt sein. Weil genau das hat der hegemonische so an sich. Und Aśka, die hat Angst, dass es schon so nah ist,

AŚKA: schon in 7 Jahren, da ist es doch besser, gar nicht mehr aus dem Bett aufzustehen, gleich sich in das Laken einwickeln und zum nächsten Friedhof kriechen.

REŃKA: Aber ich, Reńka, sage ihr: dass es nicht meine Schuld ist, und ich keinen Einfluss drauf habe, weil das alles aus der Super-Zyklus-Theorie hervorgeht. Das heisst, dass dieser Krieg kommt, in abgezählten zeitlichen Abständen.

AŚKA: Und den nächsten Termin hat er 2016.

REŃKA: Und da ist nichts zu machen.

AŚKA: Na und wir trinken schon diesen dritten Café, den löslichen, aus Aldi, von dem vielleicht schon noch vor dem Krieg wir diesen Krebs kriegen und Reńka erklärt, dass das alles logisch ist und alles stimmt.

REŃKA: Weil Nostradamus hat es auch so gesagt, und genauso ist es in den Vorhersagen aus Fatima. Die, die der Papst im Vatikan unter Schloss verschlossen hält, so schrecklich sind sie. Und dort steht geschrieben, wie der Kuh aufs Maul, dass die kleine Rasse wird durch die Russen durchgehen, und alles unterwegs verbrennen, bis sie zu uns nach Berlin kommt. Und Aśka verschluckt sich fast an ihrem Käsebrot, und fragt,

AŚKA: was das denn so heissen soll, angeblich. Und Reńka sagt:

REŃKA: Wenn die kleine Rasse, dann ist es doch wohl klar, dass es um die Chinesen geht. Die haben in ihrem Haushalt den Kapitalismus UND politische Diktatur, einfach total gefährlich sind sie. Und Aśka sagt, sie mag die Chinesen nicht mehr, und Angst hat sie.

AŚKA: Und Reńka hat auch schon Angst, aber wegen etwas ganz anderem, wegen dieser Situation der Männer in der westlichen Welt.

REŃKA: Auf den ersten Augenwurf schon, sieht man doch, dass sie so irgendwie rachitisch sind.

AŚKA: Weil als einmal unsere rote Katze Rasputin ne Taube attackiert hat, und die Taube lag so, halb-tot, im Hof, dass man sie zu Ende totschlagen musste,

REŃKA: da haben, voll bekloppt, irgendwelche aus unserem Haus, alles Männer mit vollem Maul, sie in einer Schüssel ertränkt, und das Wesen musste leiden, statt dass sie ne Axt nehmen und ihm schnell – hop – den Kopf abhauen. Das wäre schmerzlos.

AŚKA: Und Reńka nervt sich, dass sie nicht sie holen gekommen sind, weil sie ist vom Dorf, und ihr Opa hat es so gemacht,

REŃKA: und das war ein starker Mann, und humanitär.

AŚKA: Also kann es sein, dass Reńka sich in diesem Krieg auch noch schlagen muss, mit dieser kleinen Rasse,

REŃKA: obwohl das in keiner Vorhersage so steht.

AŚKA: Und dann, wenn sie zurück kommt von dieser Schlacht, abends, voll fertig und dreckig, muss sie diese ganzen Typen noch trösten.

REŃKA: Na die aus unserem Haus, die nicht mal wissen, wie man ’ne Taube fertig kriegt. Und Aśka jammert die ganze Zeit, dass erstens sie gar nicht klarkommt in diesem Krieg, und zweitens, dass sie doch nicht überleben wird, weil sie ja nichts kann. Und plötzlich blitzt Intelligenz in Aśkas Gesicht, sie stellt sich vor diese unsere Spüle, nimmt so ein riesiges Glas, das 2 Liter fasst, in die Hand, giesst es mit Wasser voll, und in einem Schluck trinkt sie es aus, und gleich giesst sie es nochmal voll. Und Aśkas Plan ist so, daß wenn sie aus den ganzen Rohren ganz Berlins das ganze Wasser austrinkt,

AŚKA: werde ich so saubere Nieren haben, dass wenn Reńka verwundet wird, gebe ich ihr eine blitzklare Niere, und so rette ich sie. Na, und ich werd ’ne Beteiligung haben.

REŃKA: Aber vorerst sitzt sie die ganze Zeit in diesem Bad und pinkelt. Und immer ist besetzt,

AŚKA: und Reńka kann nicht rein.

REŃKA: Und deswegen kommen wir immer überall zuspät.

AŚKA: Aber das ist egal, weil wir habens so oder so am Besten in der Welt.

REŃKA: Weil wir sind vorbereitet.

AŚKA: Und alle werden uns beneiden.