Reblog: Heine Polinnen / Polki

Wpis zawdzięczam Agnieszce, bo to ona przypomniała mi, że przecież Heine pisał o Polkach (tekst polski niżej, pod tekstem niemieckim, niemiecki pierwszy – w końcu to oryginał) / Ich bedanke mich bei Agnieszka, die mich daran erinnerte, dass Heine über Polinnen schrieb.

Heinrich Heine, “Über Polen” (Fragment), 1822

Jetzt aber knien Sie nieder, oder wenigstens ziehen Sie den Hut ab – ich spreche von Polens Weibern. Mein Geist schweift an den Ufern des Ganges und sucht die zartesten und lieblichsten Blumen, um sie damit zu vergleichen. Aber was sind gegen diese Holden alle Reize der Mallika, der Kuwalaja, der Oschadhi, der Nagakesarblüten, der heiligen Lotosblumen, und wie sie alle heißen mögen – Kamalata, Pedma, Kamala, Tamala, Sirischa usw.!! Hätte ich den Pinsel Raffaels, die Melodien Mozarts und die Sprache Calderons, so gelänge es mir vielleicht, Ihnen ein Gefühl in die Brust zu zaubern, das Sie empfinden würden, wenn eine wahre Polin, eine Weichselaphrodite, vor Ihren hochbegnadigten Augen leibhaftig erschiene. Aber was sind Raffaelsche Farbenkleckse gegen diese Altarbilder der Schönheit, die der lebendige Gott in seinen heitersten Stunden fröhlich hingezeichnet! Was sind Mozartsche Klimpereien gegen die Worte, die gefüllten Bonbons für die Seele, die aus den Rosenlippen dieser Süßen hervorquellen! Was sind alle Calderonischen Sterne der Erde und Blumen des Himmels gegen diese Holden, die ich ebenfalls, auf gut calderonisch, Engel der Erde benamse, weil ich die Engel selbst Polinnen des Himmels nenne! Ja, mein Lieber, wer in ihre Gazellenaugen blickt, glaubt an den Himmel, und wenn er der eifrigste Anhänger des Baron Holbach war…

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Maryla Wereszczakówna, wielka miłość wieszcza Adama – w roku 1822 napisał na jej cześć słynny wiersz Do M*** / sie war die große Liebe des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz; 1822 schrieb er ein Gedicht Do M*** über sie

A tu po polsku

Heinrich Heine, “O Polsce” (fragment), 1822

Lecz teraz proszę uklęknąć, lub chociaż zdjąć kapelusz – będzie mowa o polskich niewiastach. Mój duch wędruje brzegami Gangesu w poszukiwaniu najdelikatniejszych i najsłodszych kwiatów, by je z nimi porównać. Ale czymże są wobec tych piękności wszystkie powaby Malliki, Kawalaji, Oshadhi, kwiatów Nagakesar, świętych Lotosów i jakby się tam jeszcze one nie zwały – Kamalata, Pedma, Kamala, Tamala, Sirisha, itd.!! Mając pędzel Rafaela, Melodie Mozarta i mowę Calderona udałoby mi się może tchnąć w pierś twą uczucie, którego byś doświadczył, gdyby prawdziwa Polka, nadwiślańska Afrodyta, przed oczami twemi łaskawymi we własnej osobie stanęła. Czymże są jednak Rafaela kleksy wobec tych piękna malowideł, które sam Bóg wcielony w swej najweselszej godzinie nakreślił! Czym są Mozarta brzdękolenia wobec słów, dla duszy łakoci, które z tych słodkości ust różanych tryskają! Czym są wszystkie kalderońskie Ziemi gwiazdy oraz Nieba kwiaty naprzeciw tych panien nadobnych, które ja, po kalderońsku, aniołami Ziemi mianuję, gdyż aniołów samych Polkami Nieba nazywam! Tak, mój kochany, kto w ich oczy gazele spojrzy, ten w Niebo uwierzy, choćby nawet najzagorzalszym zwolennikiem barona Holbacha był…

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Ein Ausflug ins Grüne

Wir waren im Tierpark. Wir, die Mitglieder des Vereins Städtepartner Stettin, und unsere Gäste aus Stettin. Wir haben Flamingos und Elephanten gesehen, aber auch…

Brigitte von Ungern-Sternberg

Wie kommen vier Löwenskulpturen in den Tierpark Berlin-Karlshorst?

Reinhold Begas  Löwen im Tierpark

800px-KaiserWilhelmLoewen1Beide Fotos: Wikipedia Common

Überlebensgroß, ungebändigt und wild blicken sie auf die Betrachter. Sie stehen vor den Käfigen der Raubtiere, furchterregend anzusehen. Es gibt keinen Hinweis auf sie im Übersichtsplan, den man am Eingang des Tierparks ausgehändigt bekommt. Keine Tafel an den Skulpturen gibt Auskunft, wer sie geschaffen hat, woher sie kommen.

Tatsächlich befanden sich die Löwen früher zu Füßen eines Kaisers hoch zu Ross und dieser stand vor dem Stadtschloss mitten im Herzen von Berlin. Das opulente, figurenreiche Nationaldenkmal wurde auf Veranlassung von Kaiser Wilhelm II errichtet als Denkmal für seinen Großvater Kaiser Wilhelm I. In dessen Regierungszeit entstand ein vereintes Deutschland unter einer preußischen Herrscherdynastie, das zweite Reich. Das Denkmal war geprägt vom ‚Wilhelminismus‘, eine Stilrichtung, die den Geschmack des Kaisers kennzeichnet. Am 22. März 1897 wurde das Denkmal feierlich eingeweiht, es strahlte Macht und Selbstgewissheit aus. Und die Löwen? Sie würden jeden anspringen und zu Tode beißen, der dem Kaiser auf dem Ross zu nahe käme.

Ein Stadtschloss? Ein Nationaldenkmal? Das passte nicht ins Weltbild eines jungen sozialistischen Staats ‚auferstanden aus Ruinen‘. Im Winter 1949/50 ließ die DDR das Denkmal bis auf den Sockel abtragen, die unzähligen Bronzefiguren wurden eingeschmolzen – übrig blieben die vier Löwen, die wurden in den Tierpark nach Karlshorst abtransportiert. Das im Krieg schwer beschädigte Schloss wurde bald danach gesprengt. Lange war der Schlossplatz leer und kahl, diente Aufmärschen und Großereignissen. In den 70er Jahren erstand dort wieder ein neuer Palast, der Palast der Republik mit der Volkskammer. Den gibt es jetzt auch nicht mehr.

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berlin-wiese-schlossplatz-mitteschlossfreiheit-sed-plakate_02Entworfen hat das Nationaldenkmal Reinhold Begas, ein von Kaiser Wilhelm II sehr geschätzter Bildhauer. Reinhold Begas hat die meisten Bronzeskulpturen für das Denkmal geschaffen – nicht aber die Löwen zu Füßen des Kaisers. Die sind das Werk der Bildhauer August Gaul und August Krause.

kaiserzurossFoto: http://www.judgmentofparis.com/gallery/berlin/076.jpg

Berlin_Nationaldenkmal_Kaiser_Wilhelm_mit_Schloss_1900Berliner Schloß – Foto: Wikipedia
Es kamen neue Zeiten und das Denkmal wurde abgetragen

begas-abriss-wilhem-DW-Kultur-OviedoFotografie vom Abriss des Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm I., 1950, aufgenommen von Rudolf Kessler (Landesarchiv Berlin)

Und die Löwen.

Löwenbändiger am Werk. Die Löwen vor dem Berliner Schloß werden zerlegt und abtransportiert. 80 Zentner wiegt das zähnefletschende Bronzetier, das mit einem Kran von seinem Sockel gehoben wird. Aufn.: Illus-Köhler 5316-50 str-8.2.50
Löwenbändiger am Werk. Die Löwen vor dem Berliner Schloß werden zerlegt und abtransportiert. 80 Zentner wiegt das zähnefletschende Bronzetier, das mit einem Kran von seinem Sockel gehoben wird. Aufn.: Illus-Köhler 5316-50 str-8.2.50
Zentralbild /Fuchs 3.1.1964 Die Löwen ... von Reinhold Begas finden vor dem Alfred-Brehm-Haus im Berliner Tierpark eine neue Heimstatt. Gegenwärtig werden sie hier aufgebaut.
Zentralbild /Fuchs
3.1.1964
Die Löwen … von Reinhold Begas finden vor dem Alfred-Brehm-Haus im Berliner Tierpark eine neue Heimstatt. Gegenwärtig werden sie hier aufgebaut.

Foto Wikipedia

Und das Schloss?  Es wird gerade wieder aufgebaut und heißt jetzt Humboldtforum. Es wird kein Herrscher darin wohnen, sondern als Museum die Kunst der Völker dieser Erde zeigen. Vor wenigen Wochen wurde das Richtfest gefeiert.

Richtfest  HumbodtforumMöglicherweise kehrt der Neptunbrunnen, der vor dem Roten Rathaus steht, an seinen alten Platz vor dem Schloss zurück. Auch er ist ein Werk von Reinhold Begas.

Und die Löwen? Kehren sie zurück?

Wohl kaum! Denn auf dem Sockel des früheren Nationaldenkmals soll einmal ein neues Nationaldenkmal stehen – das ‘Denkmal der Einheit‘ für das am 3. Oktober 1990 wiedervereinigte Deutschland, kein Reich mehr, sondern die Bundesrepublik Deutschland.

02_einheitsdenkmalFoto: http://www.rbb-online.de

Metropolinnen zwischen Rassismus und Küche

Aśka & Reńka

UNSER AUSLANDSMANN

REŃKA: Weil das war so:

AŚKA: Reńka fällt ins Haus verzwitschert wie der Kanarienvogel im Frühling.

REŃKA: Du Aśka, hock dich hin, sonst der Kiefer fällt dir gleich bis zum Knie, weil ich hab getroffen, normal, meine zweite Hälfte, einen echten Typen, auf maximal, aus 1001 Nacht, und dazu noch fliegt er mit Flugzeugen, und wenn mir die Füsse wehtun, auf den Händen trägt er mich.

REŃKA: Aber Aśka sitzt in diesem unserem Schrank in der Wand,

AŚKA: die Decke über dem Kopf,

REŃKA: und an meinem Glück partizipiert sie nicht.

AŚKA: Du Reńka, weil mich hat so eine Lust überfallen, in diesem Fernseher was anzugucken und wir haben doch keinen, also sofort ging ich in diese U-bahn, weil die haben da welche, und in jedem Waggon sogar zwei. Und da: dieser Sarrazzin, von dieser ihrer Bank, und der, normal, hat ein Buch geschrieben: DASS DER EINWANDERER DEUTSCHLAND DUMM MACHT. Also greif ich zu einem alten Spiegel,

REŃKA: – diesem ihren Nachrichten-Magazin –

AŚKA: den ein Deutscher liegen liess, um mein Bildungsniveau zu heben, gegen diesen Sarrazin. Und Reńka, weißt du, was da geschreiben steht? Die haben diesen Schädel gefunden, den von diesem Hitler.

REŃKA: Den, wo die ganzen KGBs, CIAs und STASIs suchen schon seit dem Krieg? AŚKA: Du wirst schon sehen, jetzt nehmen die diese DNA, klonen diesen Hitler, und wieder wird es diesen Nazismus geben, und dann weißt du, was wir machen können, normal, emigrieren auf die Antarktis zu den Pinguins.

REŃKA: Aśka, dich hats zerkloppt, aber wie: auf die Antarktis fahre ich nicht, weil ich in diesem deutschen Land bezahle die GASAG, und billig ist das nicht. Und dazu hab ich jetzt wichtigeres, weil ich bin doch verknallt wie der Specht.

AŚKA: Reńka, begreif doch – hast du vergessen, wer ich bin? Ich bin doch diese Jüdin und mit meinem Look, wenn es nicht verboten wäre, hätte ich garantiert die Hauptrolle in Jud Süss. Und dazu noch mein unehelicher Mann, den ich hab lieb von hier bis zum Kosmos, der ist doch so schwarz wie meine Haare und wie die sternlose Nacht. Und damit er nicht ins Maul kriegt, schläft er doch jetzt schon mit einem Stock, der immer mich in den Rücken drückt. Wenn er hört, dass die diesen Hitler restaurieren, gehen wir gar nicht mehr raus aus dem Haus.

REŃKA: Aśka, wieder machst du aus dem Löffel einen Elefanten, du überschätzt die plastische Chirurgie: als sie das Schaf Dolly geklont haben, ist die ihnen gleich krepiert. Aber Aśka heult wie das Maultier:

AŚKA: Reńka, du kapierst gar nichts, auf den ersten Augenwurf sieht man schon, dass mein Freund kein Spross ist von den Wickingern. Und sogar, wenn ihm die deutsche Eisenbahn einen Gratis-Fahrschein spendiert, nach Dresden fährt er im Leben nicht. Da muß er ja durch die Kanäle gehen, weil die da jetzt doch laufen diesen ihren nazistischen Trauermarsch, und das wo?

REŃKA: auf dem jüdischen Umschlag-Platz, wo sie die Juden versammelten, um sie zu verschicken, direkt ins KZ.

AŚKA: Und sogar auf Facebook kannst du schon diesen Hitler zu deinen Freunden hinzufügen. Der hat da schon 2802 Fans und ein Profil. Und Reńka wird weiss wie das unbenutzte Kleenex vor Angst:

REŃKA: Du Aśka, guck was du sagst, weil doch dieser mein geliebter Prinz, statt zu Mekka zu beten, rasiert er sich drei Mal am Tag das Kinn, sonst denken alle sofort „Taliban.“ Der ist doch ein 100%-er Perser, direkt aus Teheran und mit der germanischen Rasse hat er soviel zu schaffen, wie der Putzlappen mit deiner Hand.

AŚKA: Und jetzt kommt dieser ihr Hitler wieder und dazu noch dieser Sarrazzin, und der hat doch auch schon geschrieben, dass ich irgend so ein Gen habe, weil ich doch Jüdin bin.

REŃKA: Oh Aśka, für uns gibt es kein Leben mehr in diesem deutschen Land.

AŚKA: Und Reńka ins Geheul, aber wie, unmittelbar.

REŃKA: Und Aśka verstopft es und durch den gepressten Hals sagt sie, und eine Stimme hat sie, als sässe sie schon in diesem Güterzug von der Deutschen Bahn.

AŚKA: Komm Reńka, wir gehen aus, heute abend nach Neukölln, da sind immer viele Ausländer, in der Gruppe ist man munter.

REŃKA: Und da: Fete volle Pulle,

AŚKA: bäuchige Roma-Männer blasen in die Trompeten,

REŃKA: wie damals in Jericho, der Wodka fliesst aus Springbrunnen

AŚKA: und alle tanzen wie auf der türkischen Hochzeit.

REŃKA: Und natürlich was?

AŚKA: Die einzige Deutsche von der Fete,

REŃKA: so ein eingenähtes Modell,

AŚKA: driftet zu uns,

REŃKA: in diesen ihren High-Heels,

AŚKA: dass Reńka nicht einen Schritt damit macht,

REŃKA: und Aśka tut selbst vom Gucken schon weh der Rücken.

AŚKA: Und die heult uns die Brüste voll,

REŃKA: weil doch diese Schwarze Sarah gewonnen hat in diesem ihrem Next-Model-Programm, und weil sowas wird jetzt tip-top-trend, und nur solche Sarahs haben jetzt Aussichten auf die Karriere, und das ist doch eine Schande für die BundesRepublik.

AŚKA: Und wir schleichen raus, eine Miene haben wir,

REŃKA: als hätte uns eine Taube auf den Kopf geschissen.

AŚKA: Komm Reńka, wir fahren via Ostbahnhof, direkt zurück nach Polen.

REŃKA: Dich hats wohl zerschossen, sind wir wie dieser ihr Heidegger, der seine Hannah im tiefsten Nazismus zurück lässt und selber nach Amerika fährt?

AŚKA: Reńka, wir sind doch keine Kanaillen. Unsere Typen nehmen wir doch mit.

REŃKA: Aha. Nach Polen willst du, wo dort doch regiert dieses katholische Radio,

AŚKA: das Mutter Maria heisst, mit seinen alten Weibern,

REŃKA: diesen Renterinnen, wo ihr Erkennungszeichen sind die Baskenmützen aus Mohär, und 15mal am Tag beten sie, nicht vor einem Altar, nein zu diesem Radio, das schimpft, dass sogar Donald Duck ist ein Jude und Satanist. Und wenn die uns da aufspüren, mit unseren geliebten Exoten, spucken die über die linke Schulter, du avancierst gleich zur Afro-Dirne und als 7. Frau vom Maharadscha beschimpfen die mich. Und du wirst dich noch freuen, wenn die auf uns schmeissen mit einem verwesten Ei und nicht mit einem Pflasterstein.

AŚKA: Und wir schleppen uns in diese U-Bahn,

REŃKA: die Diskriminierung schielt auf uns aus jeder Ecke,

AŚKA: die Leber verfault uns davon.

REŃKA: Und in der U-Bahn, Sodom und Gomorrah,

AŚKA: dicht, dass du nicht eine Nadel reinsteckst,

REŃKA: normal, Paradies für Frottierer, und Onanierer,

AŚKA: wie zur Rush-hour in Tokyo,

REŃKA: Mensch an Mensch:

AŚKA: aus dem Orient,

REŃKA: Ex-Jugoslavien,

AŚKA: Afrika, Istanbul

REŃKA: und sogar aus Fidel-Castros Kuba-Land. Und ist hier ein Deutscher, versteckt er sich gut.

AŚKA: Und Reńka weiss sofort Bescheid, weil die kennt sich doch aus.

REŃKA: Siehst du, Aśka, diese Politiker in dem deutschen Lande, die sind so pc, und locken uns alle her, küssen Füsschen und Händchen am Anfang, um zu schlagen dieses ihr politisches Kapital und vor allem vor diesen Wahlen, und dann selbst dieser Sarrazzin von dieser sozialen Partei, der sagt dass alle Anhänger von Mohammed in diesem Deutschen Lande kleine Kopftuchmädchen produzieren und schmarotzen nur auf diesem Staat.

REŃKA: Und auf einmal auf Aśka fällt die Offenbarung.

AŚKA: Reńka, heiliges Recht hat er, wir machen’s einfach, wie er sagt. Ab sofort bepflanze ich ganz Deutschland mit kleinen beschnittenen Schokobabys, und du nimm dich an die Arbeit und zacki-zacki, produziere wie am Laufband, kleine islamische Prinzessinen, normal, zwei volle Fussballmannschaften.

REŃKA: In ganz Deutschland soll es werden wie bei diesem UnoTreff.

REŃKA UND AŚKA:

UND SO HABEN REŃKA UND AŚKA DEM SARAZZIN SEIN
POLITISCHES KONZEPT GEKLAUT.

Ein schöner Sommersamstag in Berlin

Guten Tag. Am Samstag gibt es keinen Morgen. Der Berliner muss sich ausschlafen. Der Tag beginnt spät.

Sommer auf dem Balkon. Foto Michał Krenz

balkonmichalSommer im Auto oder eh ein Auto im Sommer. Foto Michał Krenz.

autkomichaFür diejenigen, die es nicht erkennen – es ist ein Volvo P1800, ein Auto wie in der TV Serie Simon Templar (The Saint) mit Roger Moore.

Foto oben aus Wikipedia. Alle andere Fotos – ich.

Ein anderes Auto.

auto2Ein Vertrauenbeweis.

vertrauen1Wir lieben Ordnung und Sauberkeit.

ordnungNimm dir ein Buch.

nimmeinbuchnimmeinbuch2Das Buch, das ich genommen habe.

meinbuchEin anderer Vertrauenbeweis.

vertrauen2Linie Eins. Ein Geiger in der U-Bahn. Er spielte so schön. Ich weiß nicht, was es war. Palestrina vielleicht. Wieso musste ich die ganze Zeit an Warschauer Ghetto denken?

geigerLinie Nummer 6. Wartend auf die U-Bahn. Der Junggesellenabschied oder ein Polterabend. Der Bräutigam las vom IPod ein Gedicht über Hämorrhoiden. Ein bißchen geschmacklos, aber, was soll es? Es ist, halt, Berlin.

hemoroidyEr wird Lisa Lukaschewitsch heiraten.

lisalukaschewitschNo comments.

no commentsNacht auf dem Balkon.

nachtaufdembalkonNacht. Der Himmel über Berlin.

gutenacht

 

 

Die kleine große Welt (12)

Monika Wrzosek-Müller

Die blühenden Landschaften der sachsenanhaltinischen Wüste

Sie fuhr an einem Sonntag in die sachsenanhaltinische Wüste, ohne Zwang, von selbst, am heißesten Tag des Sommers. Die schönen Landschaften mit den Seen ließ sie um Berlin und dann an der Elbe links liegen und steuerte direkt in die ausgetrockneten Rapsfelder, die, alle gelblich-grau, von weitem wie unendliche Sandflächen aussahen. Sie zogen sich in die Länge und Breite, fast ohne Unterbrechung, auf riesigen Feldern. Dazwischen lagen wie Oasen kleine Dörfer mit ein paar Bäumen und einigen Häuschen, manchmal um eine Kirche gruppiert, alle so klein, dass man sich wunderte, wie man da überhaupt rein- und rauskam, geschweige denn wohnen konnte. Die Oasen hätten inzwischen zu den versprochenen blühenden Landschaften sein sollen, doch im Sommer, in der Hitze stand das Blühen still, alles stand still, und das meiste war vertrocknet und leer; die Leute waren versteckt, in den Kellern, weil es da am kühlsten war, oder in den kleinen Puppenstuben. Und sie fuhr durch die Gegend auf der Suche nach etwas Essbarem, nach Menschen, die ihr den Weg weisen würden, und kurvte und wendete. An der Straße gab es Kirschenbäume mit vielen roten Kirschen und Felder voll von gelben Himbeeren, die auf die Selbstpflücker warteten, die aber doch lieber himbeerrote Himbeeren essen wollten, und so standen auch diese Felder leer und still; sie wünschte sich aber etwas Warmes, Gehaltvolles zum Essen, das gab es leider nicht, nicht am Sonntag, nicht um diese Uhrzeit und nicht in der Gegend.

Und dann kam sie zu einem Gut, einem alten Rittergut, schön im Park gelegen, mit einem Teich – und mit einer Initiative unglaublich engagierter Leute, die anderen helfen wollten und sich selbst dabei auch. Vor dem Café stand schon eine Viertelstunde vor der Öffnungszeit eine Schlange; das ganze Dorf strömte herbei und versammelte sich, mitsamt der jungen Leute von der Initiative, und alle verspeisten frisch gebackenen Kuchen und tranken Kaffee oder Bier und sprachen von diesem und jenem, die Jungen mit den Alten.

Das Gut gehörte einer reichen Familie aus dem Westen, und inzwischen, nach Jahren der unbeholfenen aber durchaus hilfreichen Verwaltung, wollte die es verkaufen, für eine eher symbolische Summe, aber jetzt konnte die Initiative hier keine Events mehr organisieren und die Büroraume mussten aufgeben werden; die Heizung hatte man ihnen abgedreht, das Wasser abgestellt. Nur den Garten konnten sie weiter betreiben, blühende Landschaften schaffen und pflegen.

Sie dachte bei sich, wie kompliziert die ganze große Welt doch sei: auch die Kleine hat nichts gelernt, ist nicht klüger geworden, hat nicht verstanden, dass man nicht alles durch Fortschritt und Sparen in blühende Landschaften verwandeln konnte und dass nicht alles für Geld, mit Konkurrenz und Wettbewerb, durch Werbung zu gewinnen ist. Im Radio machten gerade die Griechen ihre „Hausaufgaben“ nicht, sie entschieden sich, auf dem falschen Weg in die falsche Richtung zu gehen und verdienten keinen Applaus; nein, sie bereiteten allen Kopfschmerzen und niemand wusste, wie es weitergehen sollte. Wer wem aus welchem Topf oder von welcher Bank Geld leihen und verzinsen und wo dieses Geld dann tatsächlich landen würde. Und sie dachte, die kleine Welt unterschied sich nicht mal so sehr von der großen; auch die wusste nicht, wie es weiter gehen sollte. Nach außen war alles geputzt und renoviert, dass aber gar kein Plan weiter dahinter steckte und die Leute damit nicht einverstanden waren, verschwand in der monströsen Hitze des Tages, floss mit dem Schweiß der Ärmsten weiter, ohne dass sich etwas änderte.

Es gab einige Gärtchen, die wie aus der Märchenwelt herausgeschnitten waren; auch mit den Zwergen und Fröschen und Fliegenpilzen und anderen Tieren, die still und unbeweglich, immer brav in ihrer Aufstellung, Positionen einnahmen und wie Stillleben von einer besseren Zukunft in der Märchenwelt zeugten. Manchmal hingen große Rosenbüsche über die Zäune oder verblühende Jasminsträucher standen in voller Pracht im Garten. Es blühten Gänseblümchen und Margeriten, Rittersporn und Kapuzinerkresse, beim näheren Hinsehen konnte man auch kleine Steingärten entdecken, in Terrassen angelegt und großen Steinen befestigt. Man sah die Mühe, den Aufwand von Zeit, Zuwendung und Hingabe, Geduld und Mühsal.

Bei der Initiative war alles groß: das Schloss, der Park, der Gemüsegarten, der Teich und es standen große hölzerne Skulpturen im Grass, vor dem Schloss, die man als Sitzangelegenheiten benutzen konnte oder doch eher bewundern sollte. Im Schlosswald gab es einen Erlebnispfad, wo man klettern konnte und balancieren in der Höhe, zwischen zwei riesigen Bäumen, auf einer Lücken-Brücke, die nur mit Absicherung zu begehen war und vielen anderen schwierigen Balanceakten in den Baumhäuschen wohnen konnte. Sie wunderte sich, wer um Gottes willen, in dieser Oase auf diese Bäume hoch klettern wollte, würde; wer sollte das alles unterhalten auch wenn es schwierigen Kindern helfen würde, war es doch sehr schwierig welche zu finden, um sie balancierend und abgesichert auf den Erlebnispfad hätte schicken können.

Und sie dachte bei sich; vielleicht war das wichtigste, die Initiative zu ergreifen und aufzubauen und mit anderen solche Pläne zu schmieden und sie doch auch irgendwie im Kleinen zu realisieren, ohne großen Ehrgeiz; aber sie war sich nicht sicher, ob sie hätte mitmachen können, denn es fehlte ihr der Glaube an den Erfolg und das Glück von solchen Initiativen. Und dann kamen ihr wieder die Griechen in den Sinn mit ihrem Nein zu den Forderungen und Sparprogrammen und sie dachte, ohne Initiative ist die ganze Sache nichts wert, aber ihr fehlte wiederum der Glaube auch an die Griechen und so fuhr sie weiter in die Wüste der Hitze des Sommertages und versuchte an nichts mehr zu denken und keine Initiativen zu ergreifen sondern für sich im Stillen zu sein.

Vergessene Texte

Ewa Maria Slaska

Selbstmord und andere Liebesgeschichten

– Komm rein, sagt die Frau. Du bist doch die Gewittertochter, oder?
Sie nickt, öffnet das Gartentor und kommt rein. Die Frau stellt den Korb mit Iris auf den Rasen.
– Ich bin Julia, sagt Julia.
– Julia, sagt die Frau. Ich bin Helga. Dein Vater hat heute Geburtstag. Hast gerade den richtigen Tag gewählt, um hierher zu kommen.
– Sie wissen also von mir? fragt Julia unsicher.
– Nein, nichts, aber… du wirst sehen.
Sie gehen ins Haus hinein.
– Dirk, ruft die Frau, komm mal her, wir haben Besuch.
Dirk kommt aus der Küche, mit einer großen Schürze um. Er schaut sie an.
– Es ist Julia, sagt Helga, deine Gewittertochter.
– Julia, sagt Dirk. Wir müssen wohl Julia holen.
Ich bin doch da, will Julia erwidern, schweigt aber, denn sie spricht auch sonst nie viel.
– Julia, ruft Dirk nach oben.
– Komme gleich, antwortet eine junge Frauenstimme, noch eine Sekunde.
Meine Schwester, denkt Julia. Und so ist es, Julia ist so alt wie sie. Und sieht wie sie aus. Ein bisschen pummelig, nach dem Vater halt, schwarzes Haar, rosa Gesicht, braune Augen. Wir sehen wie Schwestern aus, keine Frage. Dies erklärt natürlich schon viel, ohne dass man es erklären muss.
– Julia, sagt Dirk, das ist deine Schwester Julia.
– Kann man wohl sagen, sagt die andere Julia und schaut sie an. Wie alt bist du?
– Na, sagt Helga, fünfundzwanzig, oder? Zweiundachtzig geboren.
– Im Februar.
– Fische also, sagt die andere Julia. Ich bin Schütze, Aszendent Schütze. Einundachtzig geboren. Drei Monate älter als du.
– Ich weiß, murmelt Julia unsicher.
– Bin Schauspielerin, viel unterwegs, sagt die andere Julia, und selten anzutreffen. Heute aber, da Papa grad fünfundfünfzig wird, weile ich ausnahmsweise sozusagen im Schoß der Familie. Hast Glück gehabt, heute kommen alle.
– Und deine Mutter, fragt Helga, wollte sie nicht kommen?
– Sie lebt nicht mehr, sie hat sich vor zwei Monaten umgebracht. Bei einer Mondfinsternis. Schweigen, na klar, was sonst. Soll ich sie ihnen erzählen, die Geschichte von Klaudias Selbstmorden? Dass sie es immer wieder versucht hat. Dass es ihr so oft nicht gelungen ist, dass es schon lustig war. Selbst Klaudia tat es als lustig ab. Es war aber gar nicht lustig und hörte nie auf. Und dann, einmal, gelang es.
Vielleicht war jetzt nicht die richtige Zeit, sofort mit dieser Information bei diesen lautfremden Menschen reinzuplatzen, aber wann ist dann der richtige Augenblick? Wenn man bestimmte Sachen nicht sofort sagt, kann man sie womöglich nie mehr erzählen. Und dann ist es wie mit Grass, sechzig Jahre Schweigen.
Also Schweigen. Es dauert eine Weile bis Dirk seine Hand verlegen ausstreckt und Julia die Wange streichelt.
Sie war siebenundfünfzig, wäre im September achtundfünfzig geworden. Wird es nun nie werden.
– Eine Liebesgeschichte, sagt Julia und schweigt wieder.
Geschichte einer unwirklichen Liebe zu einem Dämon. Ach Mama. Und dabei hat Klaudia nie mit diesem Mann geschlafen. Mit einem Dämon schläft man nicht, behauptete sie immer. Das haben sich nur die Inquisitoren für die Hexen ausgedacht. Vielleicht erzählt sie es ihnen doch, sie müssen solche Sachen verstehen, wenn sie sie selbst Gewittertochter nennen. Plötzlich fiel ihr auf, dass sie alle gleich aussehen, sie selbst, die andere Julia, Dirk, der Dämon und fast alle Männer, die in Klaudias Leben eine Bedeutung hatten. Als ob sie überall nur diesen einen gesucht hätte, mit dem sie diese eine Gewitternacht verbracht hat. Den Dirk also. Einen schönen jungen Mann mit braunen Augen, grader Nase und einer Mähne dunkler, lockiger Haare.
– Selbstmord. Liebesgeschichte. Mondfinsternis, sagt die andere Julia. Hast es nicht leicht gehabt mit deiner Mama, oder?
– Nein, bejaht Julia. Sie war eine Polin, wusstet ihr das? Eine Jüdin aus Polen.
Dirk nickt mit dem Kopf.
– Oje, sagt Julia und nimmt Julia an die Hand. Wir gehen jetzt nach oben, ihr schafft es wohl ohne uns, da in der Küche.
Sie bekommt ein Zimmer im Dachgeschoß zugewiesen, ein kleines Zimmerchen mit winzigem Bad und einer Küche wie im Puppenhaus. Jetzt sitzen sie zusammen auf einem niedrigen Bett, trinken Tee und rauchen.
– Hast du auch Angst vor Gewittern? fragt die andere Julia.
– Nein, aber Mama…
– Ja, ja, klar, das wissen wir. Das Einzige, was wir immer wussten. Von dir wussten wir nicht, von ihr wenig, aber davon, dass sie Angst vor Gewittern hatte, das wussten wir immer. Papa hat es reumütig sofort Mama erzählt, als er von diesem Seminar zurück nach Hause kam. Und dann alle Jahre wieder. Diese Geschichte war immer ein Partyhit. Wirst sehen, heut Abend. Wie war sie?
– Strange. Der Liebe ausgeliefert. Liebesabhängig. Aber ich weiß nicht viel, ich wohnte lang woanders… Sie meinte, jede ihre Wohnungen in Berlin war mit einem Mann verbunden. Sie hatte in Berlin in sieben Wohnungen gelebt. Wenn ihr eine Liebe zu Ende ging, versuchte sie sich umzubringen.
Julia schweigt wieder. So viel auf einmal hat sie seit langem nicht gesagt. Eigentlich hat sie seit Klaudias Tod kaum mit jemandem geredet. Sieben Wohnungen, denkt sie jetzt, ja, sicher. Und sieben Männer. Manche Wohnungen waren für mehrere Jahre, manche für nur ein paar Wochen. So wie die Männer.
– Schrecklich.
– Ja und Nein. Sie war eine Dichterin und mystisch.
– New Age?
– Nein, irgendwie anders. Kein Esoterikkram. Alles nur im Kopf und erlebt. Ihr passierte immer Ungewöhnliches. Es übertrug sich auf mich. Irgendwie. Bei jedem Mann, der mit ihr zusammen war, hatte ich andere Träume, auch wenn ich nicht bei ihr war, sondern bei Oma.
– Glaubst du daran?
– Nein, aber es ist eine Tatsache. Ich träumte ihre Träume. Auch von Selbstmord.
– Gott, wie unglücklich sie war…
– Aus all dem wurde immer nichts. All diese Männer, alle für die Katz.
Julia war drei als sie nach Berlin umzogen. Nach einem Jahr kam ihre polnische Oma und nahm sie mit nach Polen. Und so blieb es die ganze Zeit. Mal hier, mal da, Schule in Berlin, jeder freier Tag in Posen. Zweiundzwanzig Jahre lebte Klaudia in Berlin, in sieben Wohnungen, mit sieben Männern und sieben Todesarten. Als Julia 16 wurde, starb die Oma und Julia blieb in Berlin. Sie wohnten eine Zeitlang zusammen, dann zog sie aus, in eine WG.
– Immer wollte sie sterben, sagt Julia, schon als Kind. Sie hat stets darüber Gedichte geschrieben.
– Wie hat sie es gemacht?
– Sie ist zur Zugspitze gefahren, dort bis nach Betriebsschluss geblieben, mit Schlaftabletten eingeschlafen und erfroren. Man hat sie zwar gesucht…
– Wieso?
– Wegen der Zugkarte. Bei der Zugabfahrt gibt es einen automatischen Fahrkartenzähler. Wie viele Karten nach oben befördert wurden, so viele müssen auch zurück nach unten. Und da die eine Karte fehlte… Aber es war zu spät. Sie starb im Krankenhaus. Außergewöhnlich.
– Wieso? Selbstmord ist Selbstmord.
– Naaa. Sie machte es ohne Wasser, sonst hat sie es immer mit Wasser versucht.
Sie schweigen.
– Ich würde gern ein Bisschen schlafen, sagt Julia.
– Ach je, klar, sorry, aber …
– Klar, sagt Julia.
Der erste Traum an einem neuen Platz soll sich erfüllen. So sagt man. Julia träumt von ihrer Mutter. Es ist sie selber in diesem, in jedem Traum, aber sie träumt von ihrer Mutter. Sie hat noch keine echte Liebesgeschichte erlebt, nur Liebeleien, Affären, kleine Dinge halt, und keinen Selbstmord. Bis jetzt.
Sie sitzen in einem Jazzclub zusammen, Rafal, den ihre Mutter Dämon genannt hat, und Julia, die ihre Mutter Klaudia ist. Ein alter, zahnloser Penner kommt vorbei und schaut sie an.
– Wieso verliebt ihr euch nicht ineinander? fragt er.
– Schon gehabt, spottet Julia, erschrocken, dass der Typ ihren inneren Gedanken so hervorholt und auf den Tisch knallt. Sie hofft, dass ihre Ironie diese schreckliche Tatsache wegkaschiert. Sie schämt sich ihrer Liebe. Zumal Rafal sichtlich genervt ist.
– Gehen sie, sagt er, lassen sie uns in Ruhe.
Der Mann bleibt aber stur bei ihrem Tisch stehen und schaut Julia an. Wer weiß wie ein Himmelsbote auszusehen hat. Vielleicht grad so.
– Du wirst ihn hinkriegen.
Julia im Traum sieht ganz anders aus als Julia im Leben. Im Leben kommt sie in allem nach ihrem Vater, im Traum sieht sie wie Klaudia aus, dichte, rotbraune Locken, graue Augen, Sommersprossen, Silberblick. Eine Hippiebraut.
Mit dem letzten Satz des Penners ist Julia wach. Wieso hast du dich also umgebracht? fragt sie wortlos, wieso? Er hat dir doch versprochen, dass du ihn bekommst.
– Nein, sagt Klaudia in ihrem Kopf, es hätte nie klappen können. Er war kein Mann, er war meine letzte Lebensprobe.
– Und ich? fragt Julia, schläft wieder ein und gelangt in einen ihr sehr gut bekannten Traum von einer Prinzessin, die in einem großen, leeren Palast wohnt, umgeben von einem großen, menschenleeren Garten. Julia steht am Teich, schaut auf die glatte Wasseroberfläche, wo im Teich ihre Mutter reglos liegt, von Blumen umgeben. Der Tod sollte mit dem Wasser verbunden sein, das sagte sie doch immer. Klar, sauber, viel Grün, weiße auf dem Wasser verstreute Blumen. Rosen oder so.
Und Tabletten. Tabletten und Wasser. Ein nie erreichtes Ideal. Aber vielleicht ist Schnee doch auch Wasser. Und er ist weiß, Klaudias Lieblingsfarbe.
Rafal ist ja auch wieder da, in Julias Traum. Ein schöner Mann. Groß, schlank, intelligent, nett und charmant. Ein schönes Wesen. Braune Augen, dunkles Haar. Eine große grade Nase. Ein Unheilsbote. Ein Erzengel, wie sein Name. Gott heilt, bedeutet sein Name. Gott heilt. Er gibt ihr ein Glas Orangensaft. Und sie trinkt.
– Was zum Trinken? fragt die andere Julia.
Es ist schon dunkel und es ist Julia, die ihr ein Glas Saft gibt.
– Davon habe ich geträumt. Von Orangensaft.
– Geht in Erfüllung und zwar sofort. Wir müssen nach unten. Die Gäste sind schon eingetroffen.
Julia schaut auf die Uhr.
– Es ist erst sieben.
– Auf sieben ist auch eingeladen worden.
– In Berlin wären sie dann um elf gekommen.
– Wir sind in der Provinz, merk dir das. Hast du überhaupt Klamotten mit, die zu einer Gesellschaft in der Provinz passen oder soll ich dir etwas leihen?
Julia zieht ihr blaues Kleid aus dem Rucksack. Bissl zerknittert, wird aber gehen. Und ein Geschenk. Sie holt ein Päckchen hervor, eingewickelt in gelbgoldenes Papier.
– Was ist das denn?
– Ihr letzter Text, per Hand geschrieben. Dirk kommt auch drin vor. Daher.
– Dünn, sagt die andere Julia.
– Ist ja auch kaum was drin, nur eine Auflistung: Liebe, Wohnung, Träume, Todesart.
– Gott, wie makaber!
Julia zieht sich um. – Weißt du, sagt sie aus dem Badezimmer, sie hat auch kein Grab. Wollte keins.
Keine Beerdigung, kein Sarg, kein Grab. Ein Pappbeutel sollte es sein. Ist aber in Deutschland verboten. Musste aus der Schweiz geliefert werden, so eine Pappmachebox, wie für Eier…
Sie kommt wieder ins Zimmer, setzt sich auf das Bett, seufzt.
– O Gott, wie müde ich bin, als ob es mein Leben wäre und nicht das ihre.
– Bist du deshalb hierher gekommen?
– Kann sein, weiß nicht so genau. Ich brauchte etwas hier, unsere Familie in Polen existiert kaum, Juden halt, sind seit dem Krieg nie große Stämme…
Sorgfältig malt sie sich die Augen, Kajal, blauer Lidschatten, weiße und schwarze Mascara.
– Schluss, sagt Julia, mehr brauchst du nicht. Jetzt wird gegessen, getrunken, geredet und gelacht. Träumen wirst du später, du kleine Träumerin. Du hast deine Augen mindestens dreimal geschminkt.
Julia schaut in den Spiegel.
– Gelacht, sagt sie.
– Aha, erwidert Julia, kluge Köpfe lachen nicht, ja? Na dann komm mal, mal sehen, ob dich die Gewitterstory á la Dirk amüsieren wird.
Sie gehen nach unten. Als sie fast unten sind, sagt Julia wie beiläufig:
– Übrigens, er war zwanzig Jahre jünger als Mama und sah wie dein Vater aus.
– Unser Vater, antwortet Julia mechanisch, Vater unser, bete für uns… Dann hielt sie plötzlich inne. – Was haste gesagt? Wer war zwanzig Jahre jünger?
– Der siebente Mann.
Sie schauen sich an. – O Gott, sagt Julia. – Ja, stimmt Julia zu, wie doof. Und dabei war sie so klug.
Sie kommen ins Zimmer ein, wo sie ein allgemeines „Ah“ begrüßt.
– Meine Damen und Herren, sagt Dirk, der ihnen, zwei Gläser Champagner auf einem kleinen Tablett, entgegen kommt, meine Damen und Herren, eine Geburtstagsüberraschung. Meine Töchter, Julia und Julia! Ein lauter Applaus! Julia und Julia! So ähnlich! So schön! Wer? Was? Ach ja, natürlich, die Tochter der Gewitterfrau! Du alter Schuft, doch geschafft! Doch wahr die Geschichte, keine Erfindung! Sieh mal einer an! Und auch Julia? Woher der Name? Ach, Romeo und Julia, sehr romantisch, jaja, ausgesprochen romantisch. Und wie bist du, wie sind Sie hierher gekommen?
Helga kommt zu ihnen, legt ihre Arme um beide Julias, als ob sie sie schützen wollte.
– Hab gesucht, antwortet Julia. Im Internet. Es waren drei.
Dirk nickt mit dem Kopf. Stimmt ja, da sind noch zwei andere Dirks, Geister im Netz, ein Fregattenkapitän und ein Fußballer.
– Ich hab halt gewählt, sagt Julia. Wollte unbedingt einen Prof.
Alle lachen. Julia hatte Recht. Es wurde viel gegessen, getrunken, geredet, gelacht, getanzt und gesungen.
Sie gehen in den Garten, setzen sich auf dem Gras. Der Vollmond steht klar am Himmel, silbern, kühl. Die Leute um sie herum sprechen leise miteinander. Sie weiß, dass manche von ihnen von Klaudias Selbstmord sprechen. Es kann nicht anders sein. Aber es stört sie nicht. So ist es halt im Leben, es gibt eben Leute, die sich umbringen.
Dirk setzt sich neben sie, holt das kleine Büchlein von Klaudia aus seiner Jackentasche heraus.
– Hast du es gelesen? Klar, sicher hast du es gelesen.
– Sie hatte mehrere Male versucht, sich umzubringen. Das wusste ich sowieso, auch ohne ihr Büchlein.
– Dass sie die anderen Selbstmorde überlebt hatte…
– Wegen des Instinkts, antwortet Julia.
– Die sieben Männer…
– Mama war symbolisch. Ich hätte wissen müssen, dass es beim siebenten Mal klappen wird. Ihr ganzes Leben war ein Symbol…
– Und die Männer bekamen ihre Nummer.
Der Dirk bekam die Null.
Um sie herum wird jetzt getanzt. So wie Julia es gesagt hatte. Zuerst wird gegessen und getrunken, zwischendurch gelacht und erzählt. Die Gewittergeschichte von Klaudia und Dirk war Der Partyknaller.
Sie haben nur eine Nacht miteinander verbracht, die Nacht des Gewitters. Sie waren in Merl in einem Bildungshotel des Innenministeriums. Zu dem Seminar: Die Situation der Migrantinnen. Na eben. Nachts nach der Abschiedsparty gab es ein fürchterliches Gewitter. Der ganze Himmel ergoss sich bei einem ohrenbetäubenden Gedonner. Blitze zuckten durch die dunklen Wolken wie flammende Schlangen. Im Park am Teich brannte ein alter Baum. Klaudia lief panisch über den langen grauen Flur und kam in das erste Zimmer, dessen Tür sich öffnen ließ. Sie sah wunderschön aus. Am nächsten Tag hatte Dirk sich entschuldigt und gesagt, es würde nichts daraus werden, er sei verheiratet. Glücklich. Seine Frau erwartete gerade ein Kind. Selbstverständlich, soll Klaudia gesagt haben. Der Rest war Julia. Und Schweigen.
Auch jetzt schweigen sie mehr als sie reden.
– Hat sie all die Männer so geliebt? fragt Dirk.
– Nein.
– Sieben Männer deiner Mutter, hat dich das gestört?
– Acht. Du bist auch da, sagt Julia, sich vom Gras erhebend.
Sie gehen tanzen.

Am nächsten Tag sitzen sie alle beim Frühstück im Garten. Klaudias goldenes Büchlein auf einem freien Gartenstuhl
Sie hatte es bei sich gehabt. Sie nannte es „Notizen aus dem Todesjahr“. Die letzte Notiz ist auf der Zugspitze eingetragen, ein paar Minuten bevor Klaudia herausging, um eine zu rauchen.
Die Zugspitze war der einzige Ort in Deutschland, wo es in diesem warmen Winter Minustemperaturen gab. Auf der Zugspitze lief alles schief. Von Anfang an. Sie wusste nicht, dass man von oben her sich nirgendwohin entfernen kann, weil man wie in einem Kessel eingesperrt ist. Sie hatte es sich anders vorgestellt. Sonne, Winter, weißer Schnee. Sie geht spazieren, weit von dem Touristenpack, das da auf der Piste Ski fährt. Dann ist sie allein auf einer Alpenwiese, schluckt ihre unsterblichen Tabletten und erfriert romantisch. Dies war aber völlig unmöglich. OK, dann eine andere Version, viel weniger angenehm und romantisch. Sie wartete ab, bis sie irgendwann alleine dort oben zurückblieb. Als der letzte Zug nach unten fuhr, schlich sie aus dem Wartesaal nach Draußen. Es war schon dunkel, windig und kalt. Der Vollmond, der sich ein paar Stunden später während der Finsternis braun färben sollte, stand kalt und silbern am Himmel. Sie lief um die Gebäude herum und setzte sich hinter eine Hausecke.
Es war ein relativ kurzer Text. Jetzt haben ihn schon alle gelesen.
Die sieben Männer, die nach Dirk kamen, waren allesamt, meinte Klaudia, kaum was wert. Daher bekamen sie keine Namen. Nur Dirk hatte einen Namen. Und Klaudia. In ihrem Text schonte Klaudia ihre Männer nicht, sich selbst aber noch weniger. Als sie jung war, dachte sie, dass ihr in einer Beziehung die Intelligenz des Mannes fehlte, weil sie sich selber für intelligent, aber nicht schön hielt. So hatte es in ihrer Kindheit ihre Mutter bestimmt und so ist es geblieben. Als sie jung war, liebten die Männer schöne Frauen und die Welt war voll von ihnen. Nur sie alleine in der Welt war keine Schönheit. Jetzt, wo sie alt geworden war, lieben die Männer junge Frauen und die Welt ist voll mit jungen Frauen. Zuerst war sie also nicht schön, jetzt – nicht jung. Sonst ist alles ein und dasselbe. Nur die Haut zählt. „An meiner Haut bin ich gescheitert“, schrieb sie in ihrem Text.

Mann 1.
Mann 1. war fünf Jahre jünger. Sie waren alle jünger. Ein politischer Flüchtling und kluger Informatiker. Einmal sagte er ihr, sie hätten in ihrem Büro in Polen eine Mitarbeiterin gehabt, die sehr gut im Programmieren war. Für eine Frau erstaunlich gut. Sie sinnierten ein wenig darüber, bis sie entdeckten, dass ihre Beine stark behaart waren. Und dann war ihnen alles klar. Sie verstand es nicht. Was war euch klar? fragte sie. Was denn? Ist doch klar, sie war gar keine Frau, sie hatte viel zu viele männliche Hormone.
Sie wohnten in seiner kleinen Wohnung in Reinickendorf. Ein Zimmer, ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett. Leer, alles eingepackt. Das war die Zeit, als Klaudias Mutter das erste Mal aus Polen zu Besuch kam und als sie weg fuhr, nahm sie Julia mit. Daher war es überhaupt möglich, dass Klaudia mit dem Mann 1. etwas hatte. Er war dabei, nach Amerika auszuwandern als sie sich kennen lernten. Seine Freundin war schon seit ein paar Monaten drüben. Sie war für ihn ein Lückenfüller, er für sie bloß ein Halt.
Die Träume, die sie bei ihm träumte, waren politisch. Man glaubt, man würde zwangsweise zurück in die Heimat gebracht, wo alles grau und politisch ist. Man wacht schweißgebadet auf. Alle Emigranten träumen davon. Manche schreien.
Sie schrie. Er schrieb darüber. Er war ein Schriftsteller, naja, so was in der Art. Sie waren alle in der Art schreibende Wesen gewesen, er arbeitete in einer polnischen Exilzeitschrift, wo auch sie angefangen hatte zu arbeiten.
Nach drei Monaten flog er nach New York.
Sie fühlte sich einsam und verlassen. Dem Leben ausgeliefert. Sie wollte nicht zurück, war aber auch nicht richtig da.
Daher.
Selbstmord á la Virginia Woolf. Steine in die Manteltaschen und ins Wasser gehen. Die Taschen unbedingt vorher zunähen, sonst spült das Wasser die Steine heraus. Und ohne Steine lässt sich der Körper nicht ertränken. Er kämpft, auch wenn er nicht schwimmen kann. Und gewinnt. Der Instinkt zu überleben lässt sich nicht so einfach überlisten.

Mann 2.
Mann 2. war zehn Jahre jünger. Ein Schriftsteller. Darüber hinaus ein romantischer. Das lag daran, dass er sehr jung war.
Bei ihm träumte sie sehr oft ihre typischen KZ-Träume. Sie faszinierten ihn und sie schrieb sie für ihn auf. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er diese Träume in einen seiner Texte einmontiert hatte. Ihre Texte wanderten immer wieder zu den anderen. Auch ihre Sachen, Bücher, Klamotten. Natürlich auch Geld. Alles war flüssig und spülte sich aus ihrem Leben in das Leben der Anderen. In diesen Träumen war es immer ihre Mutter, die sie ins KZ schickte. Ihre jüngere Schwester durfte mit Mama zu Hause bleiben, nur sie musste hin. Fast jede Nacht.
Du machst deine Mutter zur Kripo, sagte der Mann 2. Sie schaute ihn an. Quatsch, sagte sie, meine Mutter hat das schon alles durchgemacht, jetzt bin ich an der Reihe. Und deine Schwester? fragte er. Ja, meine Schwester, sagte sie. Ich weiß nicht, das betrifft nur mich. Weil du wie eine Jüdin aussiehst und sie nicht, sagt er.
So einfach ist das.
Daher.
Sie wohnte bei ihm, in seiner dunklen Wohnung in der Sonnenallee. Die Wohnung war so dunkel, dass man am Tage immer, sogar im Sommer, Lampenlicht brauchte.
Er betrog sie.
Dann vielleicht daher.
Mann 2. schlief. Sie stand auf und ging sehr leise aus der Wohnung aus. Zum Urbanhafen am Landwehrkanal. Sie wollte ins Wasser gehen, ihre Tabletten schlucken und beim Einschlafen ins Wasser fallen. Der Mann 2. ist von seinem Hund geweckt worden. Er zog sich an und lief los. Er hätte verschiedene Straßen durchsuchen können, hat aber gerade die als erste genommen, die ihn zum Urbanhafen brachte. Hat sie noch am Leben und gerade beim Tablettenschlucken erwischt, weil sie ziemlich langsam ging, und er lief, und außerdem wollte sie noch vorher eine Zigarette rauchen.
– Die Enten, sagte sie, als der Mann 2. und sein Hund sie gefunden haben. Sie stand schon im Wasser. Es war kalt, aber es machte ihr nichts aus. Sie wollten nicht, dass ich hineingehe, sagte sie noch. Und schlief ein.
Sie glaubte, sie habe ihn geliebt. Er verließ sie. Für eine jüngere Blondine. Zehn Jahre später wollte er zu ihr zurück. Auch zwanzig Jahre später. Sie wollte das nicht. Zehn Jahre später graute ihr vor der Vorstellung, mit ihm Liebe zu machen.

Mann 3.
Den Mann 3. hatte sie sich „zugelegt“ als sie sich von Mann 2. trennte. Er war sieben Jahre jünger. Ein Araber, der in ihr Leben die ganze Palette der Requisiten einbrachte, die zum Bild der romantischen Liebe, Ausgabe orientalisch, dazugehören. Dem ist schwer zu widerstehen. Sie wohnte in Wedding, in einer Hinterhof-Einraum-Ofenheizung-Wohnung, direkt an der Mauer. Vor der Mauer gab es S-Bahn-Gleise und dahinter Häuser. Sie wohnte dort zwei Jahre und hatte nie jemandem aus dem Fenster schauen gesehen. Manche Leute meinten, dort wohnte niemand, die Häuser stünden leer. Andere wiederum behaupteten, da wohnten Stasimitarbeiter und sie schauten sehr wohl aus dem Fenster, bloß heimlich. Für den Mann 3. war sie zu dünn, er fütterte sie mit Nutella und Sahne. Es war keine Liebe, sie brauchte Trost und er eine Aufenthaltserlaubnis, und da sie ihn nicht sofort heiraten konnte, suchte er zwischendurch andere Frauen. Einmal ging sie mit ihm in eine Araber-Afrikaner-Disco. Alle Frauen waren älter als ihre Tänzer. Manche sahen fürchterlich aus, dick, wabbelig, große weiße schwammartige Gesichter. Da machte sie Schluss. Sie warf ihn raus. Obwohl er meinte, sie würde es nicht aushalten, jetzt ohne ihn zu leben, weil er sie mit Sex verwöhnt habe, und es würde ihr fehlen. Ja, sagte sie, vielleicht haste Recht. Und jetzt geh. Beim Weggehen hat er sie noch beklaut. Sie ekelte sich von sich selbst.
Daher.
Eine Ausnahme. Ein Freitodversuch ohne Wasser. Dafür aber mit einem Ofen. Ein Versuch sich mit Kohlendioxid zu töten. Lächerlich. Gehört zur Literatur des 19. Jahrhunderts, als alle Wohnungen mit einem Ofen beheizt wurden. Mit richtigen Kohlen. Mit Braunkohlen aber… wie konnte sie so dumm gewesen sein? Nichts außer Kopfschmerzen und einen Text, den sie am nächsten Morgen in ihrer Schreibmaschine fand: „Der Ofen wurde in der Volkskultur europäischer Länder als Symbol der Verbindung zwischen Himmel und Hölle betrachtet…“ Eruditen bleiben also auch unter Wirkung von Kohlendioxid kluge Menschen.

Mann 4.
Sie wohnten ein paar Jahre zusammen in einer Wohnung in Moabit, in der Nähe vom Moabiter Gefängnis. Er war siebzehn Jahre jünger. Der Einzige ihrer Liebhaber, der kein Schriftsteller war. Dafür aber klug und intelligent. Er liebte sie. Wollte sie heiraten, ein Kind haben. Auf seine Art liebt er sie bis heute. An einem fürchterlich kalten Gründonnerstag entdeckte sie, dass er ein Homosexueller ist und dass sein bester Freund sein Liebhaber ist.
Er hat sie belogen. Jahrelang. Baute um sie herum eine Mauer aus Lügen, die von allen, die ihn kannten, aufrechterhalten wurde. Alle wussten, dass er ein Schwuler ist, nur sie nicht.
Daher.
Sie erzählte überall, dass sie zu Ostern wegfährt, schloss sich in ihrer Wohnung ein, schrieb ein paar Gedichte, schluckte 90 Tabletten, trank zwei Gläser Wein und verstreute weiße Rosen in der Badewanne – für diejenigen, die ihre Leiche entdecken. Zwei Tagen später wurde sie tatsächlich entdeckt, aber doch sie und nicht ihre Leiche. Sie lebte. Mit hundert Schlaftabletten lebte sie zwei Tage. Hatte sogar Hunger inzwischen, war aus der Badewanne rausgekrochen und hatte sich ein paar Brote geschmiert. Nicht aufgegessen jedoch. Sie lagen in der Küche auf dem Fußboden. Mann 4. hat sie und ihre Brote entdeckt, weil er sich aus ihrer Wohnung ein paar Bücher holen wollte. Er rief die Feuerwehr an. Ein großer Sanitäter trug sie in den Armen aus ihrer Wohnung. Sie wurde in die Psychoanalyse geschickt und träumte von Reisen weit weg, nach Tibet oder Venezuela, wo sie nie gewesen ist.

All diese misslungenen Todesfälle. Und immer von neuem Tabletten sammeln. Das ist eine mühsame Aufgabe. Man muss neue Ärzte suchen, sich neue Geschichten einfallen lassen. Man bekommt höchstens 20 Tabletten im Monat. Um an einem vernünftigen Vorrat von circa 100 Tabletten zu gelangen, muss man sich schon ein halbes Jahr bemühen. Die Ärzte immer wieder anlügen, sie sehr klug und lebensfreudig anlächeln, sonst schöpfen sie Verdacht und ade du romantischer Tod mit Wasser und Tabletten.
Man kann natürlich auch ohne Tabletten und Wasser ist immer da. Aber auch dabei kann sich das Schicksal einmischen.

Mann 5.
Den Mann 4. hat sie also rausgeworfen. Ein paar Wochen danach kam der Mann 5. unerwartet aus Polen nach Berlin. Er war sieben Jahre jünger, sah wie Hugh Grant aus und war ein Schriftsteller. Und er war Jesus. Das glaubte er und sie glaubte ihm. Obwohl sie selber dachte, er sei Thanathos, der junge griechische Todesgott. Sie hatten sich vor Jahren in Polen kennen gelernt. Es war nichts daraus. Sie hatten sich jahrelang nicht gesehen und sie hat eigentlich nie erfahren, wie und wozu er sie nach all diesen Jahren suchte und in Berlin fand. Es sei denn, er kam, Hermes Psychopompos, um ihre Mutter auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Nach ihrem Tod kam Julia für immer zurück nach Berlin und Klaudia trennte sich von dem Mann 5. Er war der schönste Mann, mit dem sie je zusammen gewesen war. Alle Frauen schauten ihn mit geöffnetem Mund und geöffneten Beinen an. Sie wohnten zusammen bei ihr in der Wohnung am Chamissoplatz oder bei ihm in einem alten Dorfhaus in den Sudeten. Er war ein typischer Intellektueller, der sich aus Warschau in die Natur zurückzog. Sie fuhr fast jede Woche mit dem Zug nach Görlitz, ging mit einem kleinen Köfferchen zu Fuß über die Grenze und nahm einen Bus zu einem Dorf, von dem man zwei Stunden über die Berge gehen musste, um zu ihm zu gelangen. Als sie das erste Mal dorthin kam, war es Mai, überall blühten weiß die Obstbäume und nachts kamen in Garten die Rehe. Sie liebten sich im Obstgarten und im Wald, sie schaute in die Sterne, die viel größer waren, als in Berlin. So waren auch ihre Träume, wie von Mozart. Fantastische Nachtlandschaften. Der Mann 5. hatte noch eine Wohnung in Warszawa und dort eine andere Freundin, die eine Jungfrau war. Das war ihm plötzlich sehr wichtig. Total altmodisch, sagte sie. Ich kann nichts dafür, erwiderte er. Du bist intelligent und begabt, das ist mir schier wichtig, aber ich brauche eine Ehefrau, eine Mutter meiner Kinder und… Er wollte sie beiden haben, diese Jungfrau in Warszawa und sie in Berlin. Nein, daraus wird nichts, sagte sie.
Daher.
Pulsadern in der Badewanne. Man muss aber wissen, wie man schneidet. Und vor allem ist das Wasser später rot. Sieht nicht so aus, wie es aussehen sollte. Es hat doch klar, sauber und durchsichtig zu sein. So oder so. Einmal ausprobiert. Falsch geschnitten. Quer statt längs. Dauerte lange bis sie in der Badewanne ohnmächtig wurde. Und dann hat sich ihr ohnmächtiger Körper aus der Badewanne rausgeschleppt und sich die Wunden verbunden. Der Instinkt zu überleben… usw.
Das ist eben das größte Problem, dass ab einem gewissen Moment, wenn der Wille und der Verstand ausgeschaltet werden, der Körper selber die Initiative ergreift und das Seine tut. Eigentlich hat sie das immer gerettet. Der Instinkt, den sie nicht auszuschalten wusste.
Julia war gerade bei einer Kanufahrt mit ihrer Klasse. Als sie zurückkam, war alles schon längst vorbei. Nur, dass Klaudia jetzt an beiden Handgelenken frische Narben hatte.

Mann 6.
Bei dem Mann 6. hatte Klaudia sehr farbige Träume. Oft träumte sie, dass sie ein Auto fährt, was sie im Leben nicht kannte. Sie führ mit ihrem Auto durch grüne Landschaften an große blaue Seen heran, und überall blühten große bunte Blumen. Sie wohnten in einer Altbauwohnung in der Nähe vom Hermannplatz. Mann 6. war der erste, der ausnahmsweise zwei Jahre älter und nicht zig Jahre jünger war als sie. Er war ein Versager, ein Melancholiker, ein Philosoph, und ein Nachttaxifahrer. Er sah gut aus. Ein wirrer Philosoph mit wirrem grauem Lockenhaar. Wie Einstein ungefähr, nur besser. Sonst aber war alles wie gehabt: Er schrieb und hatte einen sehr schwierigen Charakter. Daher war Klaudia sicher, dass sie ewig zusammen bleiben würden. Wie zwei alte Schildkröten. Alt und klug, und treu. Sie waren lange zusammen. Am längsten eigentlich. Und doch unterschätzte sie seinen Charakter. Oder den ihren. Sie hielt es nicht aus. Acht Jahre mit einer schwer depressiven, unzufriedenen Schildkröte wuchsen ihr über den Kopf. Als sie erklärt hatte, weshalb sie meint, sie sollten sich trennen, hoffte sie, dass er es als Warnung nähme und sich ändert. Er warf ihr aber ihre Schlüssel auf den Tisch und ging.
Sie weinte fürchterlich, als er ging. Julia wohnte schon in einer WG in Friedrichshain.
Daher.
Klaudia saß in der Badewanne voll warmem Wasser und zog einen Elektroheizlüfter in die Badewanne hinein. Es war eine schneevolle Silvesternacht, sie blieb am Leben, verursachte nur einen Kurzschluss und zwang das ganze Haus, ohne Strom auszuharren. Sie wusste nicht, dass in Deutschland die Badewannen geerdet sind.

Sie ließ alle rettenden Zufälle geschehen, aber der Lebenswille fehlte ihr nach wie vor. Sie lernte zu ironisieren. Sie nahm mit Bitterkeit wahr, dass sie wahrscheinlich unsterblich sei. Aber Ironie ersetzt das Gefühl der Wertlosigkeit nicht. Und man ist auch nicht schöner durch sie. Und nicht jünger.

Mann 7.
Dann lernte sie den 7. Mann kennen. Für drei Jahre. Nach drei Jahren trennten sie sich, freundlich, aber für immer. Er war 20 Jahre jünger und konnte sie nicht lieben. Er hätte sich nicht dazu zwingen können. Das waren seine Worte und das war der Grund, weshalb Klaudia diesen Satz über die Haut schrieb. Sie wusste: Er kann sich nicht zwingen, weil ein Mann eine junge Haut braucht. Sie bekam einen Hautausschlag, als sie den Satz geschrieben hatte. „Bei mir werden alle Symbole sofort Realität“, schrieb sie. Aber sonst war er eigentlich besser als alle anderen. Trug sie in den Armen, bewarf mit Blumen und Geschenken, schwärmte von ihrem Stil und Charakter, von ihrer Schönheit und Klugheit, meinte, sie sei die wichtigste Person in seinem Leben und weinte, wenn sie ab und zu sagte, ihre Beziehung habe keinen Sinn, sie sollten beide damit aufhören, sich gegenseitig zu belügen, die Sache sei sowieso nicht von Dauer.
War sie auch nicht. Klar. Er ging mit einer Frau weg, die mehr als 30 Jahre jünger war als Klaudia. Es war übrigens auch nicht von Dauer, aber danach kam eine neue, die noch jünger war als die erste. Klaudia saß in ihrer schönen großen weißen Wohnung in Kreuzberg und wusste, dass sie hilflos ausgeliefert war. Mit ihm ging nicht nur ihr Lebenssinn verloren. Sie verlor ihre Arbeit, hatte kein Geld, wurde plötzlich von allen möglichen Krankheiten befallen. „Ich bin jetzt alt“, schrieb sie. „Alt und zerbrechlich. Man kann mich so einfach verletzen und damit umbringen“. Als er ging, träumte sie von ihrer gestorbenen Mutter und anderen, die gestorben waren. Sie riefen sie zu sich.
Daher.
– Daher, sagte Dirk, als er das goldene Heft wieder ablegte.
– Nein, sagte Julia. Das ist ein falsches Wort.
– Wieso?
– Weil das bedeuten würde, dass diese Männer daran schuldig waren. Und sie waren es nicht.
– Sondern? fragte Helga.
– Sie selber. Sie konnte nicht leben. Die Männer, so lange sie sie liebten, schützten sie vor dem Tod. Als sie allein war, entstand in ihr eine Leere. Sie musste geliebt werden. Sonst hatte sie keinen Halt.
– Liebe, sagt die andere Julia, staunend. Sie wurde doch geliebt.
– Aber nicht bedingungslos und nicht ohne Abstriche.
– Platon, sagt Dirk. Ein Ideal der Liebe, das es nie und nirgendwo gibt.
– Und jetzt gibt sie es auch nicht mehr, sagt Julia. Daher. Sie nimmt wieder Klaudias Buch in die Hand.
Das letzte, was sie gesehen hatte, war der zahnlose Penner. Du wirst ihn hinkriegen, sagte er. Zu spät, erwiderte Klaudia, ich möchte schon niemand mehr kriegen.

Metropolinnen zwischen Klamottenladen und Küche

Aśka & Reńka

UNSER WEIB

REŃKA: Weil das war so.

AŚKA: Reńka kommt nach Hause

REŃKA: und mit sofortiger Wirkung flieg ich zu Aśka,

AŚKA: die Miene lacht ihr und Reńka holt raus aus einer Schachtel

REŃKA: ein Paar wunderschöne Schühchen,

AŚKA: das Modell Sandaletten, auch Schraubstöcke für die Zehen genannt.

REŃKA: Aber Aśka sitzt in ihrem Sudelbett, in diesem ihren T-Shirt, mit Fleck und Loch direkt auf dem Bauch, und klopft wie bekloppt an sich rum: die Wange, das Kinn, die Stirn und die Nase noch dazu.

AŚKA: Reńka, ich lebe jetzt nach dieser neuen Klopfakupressur – nach der Technik der Emotionalen Freiheit. Weil ich bin doch Polin

REŃKA: und für unsere Freiheit und Unabhängigkeit sind wir doch bekannt.

AŚKA: Und die in diesem deutschen Land bombardieren uns jeden Tag mit diesen Frauen, wo die fressen zwei Äpfel am Tag,

REŃKA: und aussehen, wie Skelette extra dafür gezüchtet um auf diesen Laufstegen zu spazieren.

AŚKA: Und dazu noch haben die Kinder und diese Karriere,

REŃKA: wie diese ihre Heidi, dieses Deutschland-Superweib.

AŚKA: Und jetzt denke ich, wenn ich nicht so bin, bin ich weiblicher Abfall. Aber Reńka zwängt sich in ihre neuen Schuhe, und in dieses ihre Blümchenkleid, wie ausgeschnitten aus dem polnischen Folklore-Verein.

REŃKA: Aśka, geh nach dem polnischen Frauenideal, sogar im Kommunismus, wenn es in den Läden nichts gab – haben wir uns Blümchenkleider genäht – und zwar aus der Gardine die am Küchenfenster hang. Alles was du brauchst, ist ein geblümtes Kleid, und Schühchen, wie ich sie hab, und gleich wirst du dich lieben und akzeptieren, wie wir in der Heimat, als die hochwertigste Frau.

AŚKA: Und schon fahren wir mit diesen Fahrrädern, aber leicht, so langsam, um uns nicht müde zu fahren,

REŃKA: zu diesem Klamottenladen, diesem Markt der Eitelkeit.

AŚKA: Kaum drinnen, Reńka grast zwischen diesen Regalen und Kleiderständern,

REŃKA: und Aśka steht in der Ecke wie zur Strafe, und beobachtet ein Weib:

AŚKA: eine Deutschland-Mutter, komplett ausgestattet mit Babykram, schwanger und noch mit einem Kind auf dem Arm.

REŃKA: Und Aśka klopft sich mit Anteilnahme unter der Brust, und flüstert:

AŚKA: Ich muß mich gut durch klopfen, daß ich mich akzeptiere, daß ich in meinem Alter noch nicht schwanger war.
Aber Reńka wirft sich zu mir, der Arm von dem Kleiderhaufen fällt ihr fast ab:

REŃKA: Marsch, in die Kabine, guck die nicht an. Die packt die Mamilla raus und säugt mitten in der Öffentlichkeit. Würde das eine polnische Mutter machen? Nimmer und nie! Wo ist der Sinn für Anständigkeit? Und außerdem, Aśka, die Typen in diesem deutschen Lande zwingen diese Deutschlandfrauen zu dieser Schwangerheit, damit sie sich sicher fühlen weil so schnell kannst du nicht weglaufen, wenn du ein Kind im Bauch hast und das zweite am Arm.

AŚKA: Auf einmal aus der Kabine kommt die Kudamm-Hyäne, ein Kleiderbügel, dünn, ausgetrocknet, die Titten wie Ballons, garantiert dazu gemacht.

REŃKA: Aśka fängt an sich die Fingerspitzen abzuklopfen.

AŚKA: Reńka, ich hab Angst, wenn ich mich nicht klopfe, dann will ich auch so sein, wie die Deutschlandfrauen, die haben die Brille von einem Projektanten von diesen ihren Accessoires

REŃKA: und ein Paar Socken, das dazu paßt.

AŚKA: Aber Reńka flüstert, damit die Hyäne sie nicht hören kann:

REŃKA: Das ist nicht so ein Himmel, wie man denken kann – die hat n Typ, ist in einer Ehe, und das ist ein Druck, weil die liebt den nicht, und muß den immer begütigen, damit er ihr gibt, für die ganzen Accessoires. Und du willst doch unabhängig sein, wie das polnische Frauenideal?

AŚKA: Und Reńka fischt raus, aus dem Textilienberg, ein Kleid,

REŃKA: Wunder-Honig: mit Mohnblumen auf grünem Material,

AŚKA: wie eine Wiese in der masowischen Landschaft.

REŃKA: Los, zieh das an. Aber Aśka hört nicht zu, starrt durch das Schaufenster, weil da, auf der Strasse, schmiert ein Weib,

AŚKA: normal eine Businesswoman, auf Maximal, direkt aus dem Potsdamerplatz, gut erhalten, gepflegt, mit Aktentasche und Kostümchen in Mäuse-grau, in Stöckelschuhen, und stolpert nicht ein halbes Mal,

REŃKA: und Aśka fängt an sich zu klopfen. Aśka, hör auf, du weißt es noch nicht, aber du willst nicht so sein! Schau die doch an – die ist uniformiert, wie eine Soldateneinheit, die hat kein Eigenstil und keinen Sinn für wahre Weiblichkeit. Weil nämlich, Aśka, diese Deutschland-Manager in diesem post-industriellen Deutschland-Staat, zwingen diese Frauen in diese Uniform, und das, weil sie Angst haben, daß die Deutschlandfrau ist im Vormarsch, und sagen ihr ständig diese Komplimente, daß sie hat in diesen hohen Stöckelschuhen Waden wie ein Stossgebet, aber in Wirklichkeit wollen die doch, daß ihr die Knochen kaputtgehen, damit sie nicht mehr konkurrieren kann.

AŚKA: Und Reńka pellt mich aus meinem T-Shirt raus,

REŃKA: Aśka läßt geschehen, weil sie glotzt wie verzaubert, und klopft sich nicht mehr einmal, weil in der Tür steht ein Weib,

AŚKA: aber was für eins: im Holzfäller-Stil, Haare auf Igel, ¾-Wattjacke, Null Maquillage,

REŃKA: und ausgeleiertes T-Shirt, Modell Unisex, um nicht eine Kurve zu zeigen aus Versehen.

AŚKA: Reńka, guck, das ist eine polnische Seele, das ist das Ideal der Unabhängigkeit – die schämt sich nicht, die ist doch ein Wunder der Selbstakzeptanz.

REŃKA: Aha, polnische Seele – so ziehe ich mich nicht mal an, wenn ich in den Keller geh.

AŚKA: Und Reńka zwängt mich in das Blumenkleid. .

REŃKA: Aśka, in diesem neuen Kleid siehst du aus wie der polnische Frühling – ich höre die Musik von Chopin, fühlst du dich jetzt wie diese hochwertige Frau?

AŚKA: Guck, die Wattjackenfrau, die schaut mich an, und zwar mit Mitleid.

REŃKA: Aśka, die hat unter ihrer Wattjacke einen Taillenmangel, die würde sich auch hübsch anziehen, nur daß sie keine Konditionen hat. Und noch arbeitet sie diese ihre Ideologie dazu, als wäre sie so befreit, aber in Wirklichkeit, Aśka: so aussehen wie du in diesem Kleid, romantisch, wie die polnische Wiese, das will doch jede Frau!
Aber Aśka, stolz, mit ihrem T-Shirt

AŚKA: mit dem Loch und dem Fleck am Bauch,

REŃKA: schießt aus dem Laden raus.

AŚKA: Und Reńka schmiert hinter mir her,

REŃKA: mit demolierter Miene,

AŚKA: hinkend wie ein angeschossener Hund,

REŃKA: weil mein Fuß in dem neuen Schühchen schwimmt, wie im roten Meer, im Blut.

AŚKA: Reńka, deine Hacke, abgewetzt, bis zum Knochen, bis zum Fleisch, bis zur Sehne. Du solltest dich auch klopfen, und zwar in die Mitte deines Kopfes. Du machst ein Krüppel aus dir und das im Namen des polnischen Frauenideals?

REŃKA: Und Aśka schmiert in den nächsten Haushaltswaren-Shop, kommt raus, und normal,

AŚKA: ziehe ich Reńka an:

REŃKA: Latschen a la deutsche Oma,

AŚKA: gesund, grob geschnitten und aus Flausch. Und auf einmal Reńka fühlt, daß ihre Füße, haben es geräumig und haben so viel Luft, normal, als ob sie fliegt.

REŃKA: Aśka, ich hab schon ganz vergessen, wie es ist, auf den eigenen Füssen zu gehen.

AŚKA: Und Reńka, erleichtert,

REŃKA: weil von den Schraubstöcken endlich befreit,

AŚKA: mit erhobenem Haupt, geht sie durch die Strasse der Eitelkeit.

REŃKA & AŚKA:
UND SO HAT AŚKA REŃKA BEIGEBRACHT, SICH SELBST ZU AKZEPTIEREN, ALS UNABHÄNGIGE FRAU.

Metropolinnen zwischen Streit und Küche

Aśka & Reńka

askarenka
UNSER HELMUT

AŚKA: Weil das war so:

REŃKA: Aśka, kommt zurück, aus der Heimat, beladen mit echter Wurst mit Knoblauch und sauren Gurken, aufgewühlt wie die Ostsee im Sturm, und schon ab der Schwelle schreit sie:

AŚKA: Es wird keine Freundschaft zwischen unseren Völkern geben, nimmer und nie in der Welt! In dem Eurocity-Warszawa-Berlin-Express, an der Grenze, als die deutschen Zollbeamten kamen, normal, der Frost ist mir über die Knochen gegangen, weil ein Gemurmel ging durch den Zug, und alle Polen, die nach Berlin schmieren, flüsterten: „Gestapo, Gestapo.“

REŃKA: Aśka, mach keine Mistgabel aus einer Nadel.

AŚKA: Und auf dem Hauptbahnhof – dieses Poster, gross wie ein 3-Stock-Werk-Haus, und was steht drauf?

REŃKA: „Entdecke Polen, Polen ist nicht so wie du denkst“.

AŚKA: Reńka, das impliziert doch, dass jeder schlecht von Polen denkt, als wäre Polen ein komplettes Arsch und normal die dritte Welt. Und noch schlimmer, eine Deutsche hat zu mir gesagt: „Oh, Sie sind Polin, hätte ich nicht gedacht“ – und die dachte noch das ist ein Kompliment.“

REŃKA: Du Aśka, brüll nicht wie der Hund, wo sie ihm auf den Schwanz getreten sind, sonst hört noch dieser Helmut, was du über ihn sagst.

AŚKA: Dieser patentierte Deutsche, Baujahr 1933?

REŃKA: Genau, dieser unser Quasi-Nachbar aus der vierten Etage, ist unter uns gezogen, weil er nicht mehr soviel Treppen laufen kann.

REŃKA: Und Aśka überkommt die unbenannte, unbestimmte Angst.

AŚKA: Reńka, der ist doch ein Periskop und Seismograph. Wenn der wohnt direkt unter uns, kommt er ständig in unsere Bude, macht seinen privaten Blitzkrieg und schreit, dass wir trampeln, und polnisch reden, und das ist laut und überhaupt emotional, der ist doch wie diese Erika Steinbach – im Kleinformat.

REŃKA: Und Aśka greift zu einer Aldi-Tüte.

AŚKA: Reńka, hier, pack deine Kippen und unsere Katze – wir ziehen aus.

REŃKA: Aldi-Tüten zum Packen? Bin ich ein Penner?

AŚKA: Nicht Penner, aber Polin und nicht gerade up-to-date: die nennen hier die Alditüten „Polenkoffer“ – das ist doch allgemein bekannt. Los, beweg dich, worauf wartest du, auf Applaus?

REŃKA: Und Aśka schaufelt in ihre Alditüte alles was sie schafft:

AŚKA: drei Lockenwickler,

REŃKA: ihre Trockenhaube

AŚKA: weil die noch neu ist,

REŃKA: den Elefanten,

AŚKA: mit dem Rüssel nach oben, zuständig für Glück

REŃKA: den Espresso-Café

AŚKA: für teures Geld,

REŃKA: den Computer von dem sie sich nie trennt,

AŚKA: und zwei rosane Decken für das Ambiente.

REŃKA: Dich hat wohl in Polen ein Braunbär überfallen, der einzige der da noch lebt – wo sollen wir wohnen? Unter der Oder-Neisse-Brücke?

REŃKA: Aber Aśka rennt wie eine Ameise durch unsere Küche und die dritte Alditüte hat sie schon vollgepackt.

AŚKA: Aber Reńka hat vor nichts Angst,

REŃKA: und garantiert nicht vor so einem Helmut,

AŚKA: und damit Helmut es hört, lacht und trampelt sie wie das Militär. Reńka, hör auf zu gehen, und überhaupt zu atmen, sonst sagt Helmut, dass du ihm die Ruhe klaust, weil wir klauen doch alles, so hat es ihnen beigebracht dieser ihr Harald in diesem ihren Programm um Mitternacht:

REŃKA: „Willst du nach Polen fahren, dein Auto ist schon da.“ – Ha, ha, ha. Aśka, im Geiste dieses unseres polnischen Katholizismus: wir vergeben ihnen. Weil wir haben einen spezifischen Sinn für Gerechtigkeit: wenn wer hat, warum hab nicht auch ich? Darum haben wir den Deutschland-Protzwagen mitgehen lassen – was sollten wir machen, wenn wir waren arm.

AŚKA: Und auf einmal ein Geräusch,

REŃKA: dass Aśka vor Schreck ihre Polenkoffer fallen lässt,

AŚKA: wir gucken durch das Fenster – und da:

REŃKA: Helmut bis zum Gürtel in der Mülltonne

AŚKA: trampelt rum, auf diesem Müll, dass die Funken springen,

REŃKA: normal, wie ein Rumpelstielzchen.

AŚKA: Reńka, guck diesen Helmut an, er stampft den Müll zusammen und hofft, wenn er fleissig stampft, passt mehr rein und die Betriebskosten sinken. Wenn ein Pole sieht diesen Helmut-Geiz, bekommt er Kieferndruck.

REŃKA: Aśka, lieber du fühl dich ein, in diese seine Situation, weil normal diese Alliierten, haben ihm alles weggenommen, damit er nicht wieder Waffen machen kann, und jede Mark vier Mal von allen Seiten hat er angeguckt, bevor er sie ausgegeben hat. So hat er eben diese Geizsucht bekommen. Aber Aśka stopft Reńka die polnische Knoblauchwurst in den Mund, damit sie sich verstopft und endlich schweigt.

AŚKA: Das war doch seine eigene Schuld, nicht wir haben die Helmuts, sondern die Helmuts haben uns überfallen. Aber Reńka ist heute ganz pc und pädagogisch.

REŃKA: Aśka, du leidest an der Verstopfung nach diesem Krieg, aber ich jetzt, normal, werde die erste Ehrenpatronin der deutsch-polnischen Freundschaft, und verkünde die neue zwischen-nationale Amnesie.

AŚKA: Terefere und blablabla, dein Bewusstsein spaltet sich dir, weil selber sagst du: „Rede nicht deutsch in der Küche und nicht wenn ich koche, weil mir die Suppe verdirbt.“

REŃKA: Du sagst es, Aśka, hier ist das Schwein begraben, weil wir den Hass auf die Deutschen in die Wiege gelegt bekommen haben, aber mit gutem Beispiel schreite ich voran und den Helmut gleich begütige ich: ich bringe ihm die polnischen Gurken und Wurst und Wodka noch dazu und auf gute Nachbarschaftsbeziehungen werde ich mit ihm trinken bis wir beide unter den Tisch fallen, ganz nach polnischer Art! Aber Aśka nimmt die Wurst und die Gurken und versteckt sie in ihrem Bett, unter ihrer Bettdecke, und setzt sich obendrauf.

AŚKA: Nichts gibst du dem. Du weißt doch, wie die polnischen Weiber an der Grenze sagen: die Helmuts sind gekommen, wieder fressen sie uns alles leer. Heile endlich diese Krankheit der polnischen Seele, diese deine Gastfreundschaft!

REŃKA: Aber Aśka, wenn du ihn genau anschaust, diesen Helmut, von einem Polen unterscheidet er sich nicht, sogar den Schnurrbart hat er wie Walesa.

AŚKA: Wieso nimmst du den in Schutz, hat es dich verdreht oder was? Da wird Reńka ganz blass, weil sie alles kann, nur lügen kann sie nicht. Sie krabbelt unter den Tisch, und mit einem schwachen Stimmchen, wie der Vogel, der aus seinem Nest gefallen ist, flüstert sie:

REŃKA: Weil Aśka, eine deutsche Leiche in meinem polnischen Keller habe ich. Weil ich stamme doch aus Posen, und das war eine deutsche Stadt, und mein eigener privater Opa, mein Dziadzia, der wie ein Pflaster für meine Seele war, der war doch ein patentierter Deutscher. Und Aśka sieht aus, als träfe sie ein Schlag.

AŚKA: Dein Opa ein Helmut? Du, meine Reńka, die Slavin in Persona, bist eine Deutsche? Hätte ich nie gedacht.

REŃKA: Ja, Aśka, die Deutschheit habe ich mit der Milch meiner Mutter gesaugt. Und Aśka bekommt eine emotionale Überflutung.

AŚKA: Aber Reńka, wenn du auch ein Helmut bist, dann hat sich doch alles schon vermischt, und dann an dieser deiner zwischennationalen Amnesie beteilige ich mich.

REŃKA: Und Aśka holt aus ihrem Bett die Wurst, packt sie sogar auf einen Teller, und sie fliegt, normal, Richtung Tür, wie ein Torpedo, zu Helmut.

REŃKA UND AŚKA:

UND SO HAT REŃKA AŚKA WEICHGEKLOPFT UND SIE MIT
DEN HELMUTS VERSÖHNT.

Die kleine große Welt (11)

Monika Wrzosek-Müller

Dolomiti-Bruneck-Schifahren

Langsam gingen ihr die Ziele, die Zufälle und ihre kleine aber auch große Welt aus. Es gab natürlich Städte, die sie immer wieder mit Begeisterung besichtigte, aber das rutschte zu sehr ins Fremdenführer-Programm; sie war unentschlossen, sollte sie alles erfinden oder noch mal genauer ihre Erinnerungen durchforsten und nach wichtigen, prägenden Momenten suchen.

Was sie fand, war wenig sommerlich, auf jeden Fall abkühlend und vielleicht für den ganz heißen, schwülen Sommerabend bestimmt.

Es gab viele Winterreisen; sie waren freilich immer vom Schifahren geprägt, von langen weißen Pisten, von Gondeln, Sesselliften, Schihütten, von Menschenmassen mit und ohne Schier, mit und ohne Schihelme, mit Sonnenbrillen – und das war in fast allen Regionen, wo sie Schi gefahren war, gleich. Na ja, der Zustand der Pisten variierte manchmal; sie waren besser oder schlechter präpariert. Abends sah man beleuchtete Pistenraupen, die sich in atemberaubenden Höhen bewegten, dabei den Schnee vor sich her wälzten, alle Loipen und Pisten ebneten, glatt und makellos. Was für eine Wonne war das dann, wenn man am morgen als erster Schiläufer durch glatte, unberührte Pisten fuhr, seine Spur als erster hinterließ, in Schwüngen, in Kurven, in einem Takt, den dein Körper und der Untergrund dir vorgaben, nach unten sauste. Das war fast allen Schigebieten gemeinsam, immer fuhr man nach oben, sah sich die Landschaft rundherum an, der erste Blick auf die Bergspitzen und Täler manchmal mit Nebelschwaden unten und der Schifahrer oben auf dem Gipfel, über den Wolken, schwebend in der Gondel oder dem Sessellift, oder stehend und staunend über so viel Freiheit und Weite, befreit. So ein Schiurlaub gab ihr Kraft und Zuversicht für mindestens die nächsten zwei, drei Monate; fütterte den Körper aber auch die Seele mit Licht, das nicht nur von der Sonne kam, sondern auch von den weißen Pisten. Wie wohlig und schön müde fühlte man sich dann am Abend nach einem Tag oben auf den Brettern, die gar nicht mehr aus Holz sind, sondern irgendwelche High-Tech-Erfindungen, immer neu; mal kurz und breit, dann wieder länger und schmaler. Das wunderbare Gefühl der körperlichen Müdigkeit verbunden mit intensiver Durchblutung in der Höhe versetzte einen manchmal in einen Rausch, den die einen in viel Alkohol zu ertränken versuchten, die anderen in gesundem, ruhigem Schlaf, der ihr wie etwas Heiliges vorkam.

Ihr schönstes Schigebiet war in der Alta Badia in den Dolomiten. Sie wohnten zwar sehr unromantisch am Plan de Corones auf ladinisch, oder ganz plump am Kronplatz. Südtirol liegt schon auf der anderen Seite des Brenners, die Sonne schien hier heller, das Essen war unvergleichlich gut und es funktionierte wirklich alles. Das schöne Städtchen Bruneck/ Brunico im Pustertal lag ganz nah, man konnte einkaufen gehen, das Schloss mit dem von Reinhard Messner gegründeten Mountain Museum über Bergvölker besichtigen, in vielen Cafés vorzüglichen Kaffee trinken aber auch sehr schmackhafte Apfel- oder Topfenstrudel essen; es war alles da: die italienische Lässigkeit und Leichtigkeit verbunden mit der germanischen Ordentlichkeit und Perfektionismus.

Der Dolomiti-Superskipass war zwar teuer, aber er erlaubte jeden Tag auf anderen Pisten zu fahren, manchmal mehr als 50 Km, ohne ein einziges Mal auf denselben Ort zu treffen. Die Landschaften um Armenterola, Pedraches und Cinque Torri waren so schön, oft leer mit ein paar verlorenen Schifahrern, mit super organisierten Schihütten und wunderbar präparierten Pisten. Die längste Abfahrt vom Lagazuoi mit ihren 8, 5 Km auf der langen Schleife der Route um die Schauplätze der Schlachten des Ersten Weltkriegs war eine der abwechslungsreichsten, an fantastischen Ausblicken reichen Touren. Auch die Ausstellung über den Ersten Weltkrieg im Deutschen Historischen Museum Berlin konnte ihr nicht erklären, warum sich Österreicher und Italiener ausgerechnet dort so erbittert bekämpft hatten, in die schwindelnder Höhe mit steilsten Anstiegen. Für die Schifahrer wurde dann eine Gondelbahn gebaut, die einen ganz steil nach oben befördert; an der Gebirgswand waren die Spuren des Stellungskriegs zu sehen. Die Skitour machten sie mehrfach mit Freunden, beginnend mit dem Schlange stehen für den Ski Bus zum Lagazuoi, endend mit einer wunderbarem Runde mit Aperol-Spritz oder Kaffee auf der Terrasse des Luxushotels Armenterola. Es gab immer Sonnenschein, nicht immer genug Schnee, so dass man das letzte, flache Stück nicht mehr auf den Skiern bewältigen konnte, die hier von Pferden gezogen wurden, sondern sich in ein Sammeltaxi zwängen musste. Auf jeden Fall waren diese Gegenden reine Naturschönheiten: die rosa Granitfelsen, die in der Sonne manchmal rötlich leuchteten, und dann die eingefrorenen Wasserfälle, die in türkis-bläulichen Tönen schimmerten. Am Nachmittag wurde der Schnee oft schwerer, manchmal sogar matschig, die Beine mussten arbeiten, damit man vorankam.

Oft kamen mehrere Schipisten zusammen, so dass man aufpassen musste, wer aus welcher Richtung kam und wer Vorfahrt hatte. Plötzlich stieß sie mit jemandem zusammen, unerwartet und unkontrolliert, taumelte, rollte nach unten, ein Schi lag oben, die Bindung war aufgegangen. Mehrere Schifahrer standen um sie und einen jungen Mann herum. Jemand beschimpfte sie, dass sie von links kommend hätte aufpassen müssen, und überhaupt wo wäre denn ihr Skihelm. Der Ton war brüsk, fast unfreundlich, sie war sich eigentlich keiner Schuld bewusst; derjenige, mit dem sie zusammengestoßen war, saß still am Boden, es ging ihm aber gut. Der schimpfende Mann wollte ihre Personalien aufnehmen, sie wäre die Schuldige gewesen, der junge Mann wehrte ab. Da kamen schon ihre Freunde und der schimpfende Mann verstummte; es stellte sich heraus, es war ihr Wirt, der Besitzer der Pension, in der sie jedes Jahr während der Schiwoche wohnten. Gleich wurde die Tonlage geändert, der junge Mann stand auf, sie auch und alle zusammen fuhren sie ganz langsam nach unten und tranken einen Kaffee zusammen. Von Schuld oder Unschuld wurde kein Wort mehr gesprochen.

Berliner Strassenmusik

Für Sigrid

Letztens bin ich zu einem sehr gelungenem Geburtstag eingeladen und Mo Calaz war eine der mehreren Trophäen, die ich von diesem Event so zu sagen “nach Hause” genommen habe. Er sang dort, er ist nämlich, wie er selber sagt, “buchbar”, und in der Woche trifft man ihm auf dem sog. Türken Markt. Immer Dienstag und Freitag, zwischen 12:00 und 14:00 Uhr.

Der Markt am Maybachufer in Neukölln ist mit der U-Bahn Linie 8 (U-Bhf. Schönleinstraße) zu erreichen. Außerdem hält dort der Bus 140.

maybachufer