Lucio Corsi in Berlin 2026

Dank Monika war Lucio Corsi schon Mal an diesem Blog.

Monika Wrzosek-Müller

7. Februar, voller Saal im „Heimathafen“, Berlin-Neukölln. Dank Bekanntschaften hatte ich eine Eintrittskarte. Die Kraft der Fans ist schon ungeheuer; Stunden vorher steht eine lange Schlange vor der nassen, dunklen, aber doch belebten Karl-Marx Str. 141 in Berlin und die Stimmung ist ausgelassen. All die Mädchen, die einfach so einem Künstler hinterherfahren, sind dabei und versuchen ihren Star zu stärken, indem sie, ihm nachempfunden, ein besonderes Barett tragen, und eine, die ich bemerkt habe, hat sich das Gesicht nach seinem Vorbild weiß geschminkt. Ich habe den Eindruck, dass die ganze Italian Community, nicht nur aus Berlin, sondern aus allen Ecken Deutschlands gekommen ist, aber auch einfach Paare, die sich etwas Gutes tun wollen und die sich gegenseitigen die Eintrittskarten geschenkt haben; sie freuen sich auf das Konzert. In der Schlange machen auch Erzählungen von dem gelungenen Konzert in Zürich die Runde, dort aber viel teurerer Karten, in Wien und in Warschau, wo er am Tag zuvor ein Konzert im Klub Proxima gegeben hat. Weiter geht die Tour durch Europa, nach London am 10. 02., dann Luxemburg, Amsterdam, am 13.02, weiter nach Paris am 15.02.26. und da endet die Tour; das klingt erst einmal bombastisch, tatsächlich kann ich mir kaum vorstellen, wie man diesen Marathon an Reisen und Konzerten verkraftet.

Ich hege eher mütterliche Gefühle für diesen dünnen, kleinen Jungen, der wirklich schön singt und sich so unverfälscht und authentisch gibt, und, was für mich wahrscheinlich noch wichtiger ist, die Maremma in seinen Liedern besingt (auch HIER habe ich schon über Maremma geschrieben), und nicht zu vergessen: die schönen Bilder von seiner Mutter auf die Covers seiner Platten bringt. Überhaupt spielt eben die Region, die Familie, in der er aufgewachsen ist, eine große Rolle. Vor dem Konzert habe ich mit sehr vielen jungen und mittelalten Leuten gesprochen und sie alle sind von Lucis ESC-Song begeistert, kennen aber nur selten andere Lieder. Ehrlich gesagt, gefallen auch mir die lyrischen, ruhigeren Balladen, die Lucio selbst begleitet mit der Mundharmonika viel besser – besser als die sehr laute Band-Musik, bei der man kaum die Worte hört, geschweige denn versteht. Natürlich habe ich auch inzwischen vergessen, dass man bei solchen Konzerten immer steht, manchmal auch mittanzt; nach drei Stunden war ich fix und fertig.

Sehr gut fand ich die Location, der „Heimathafen“ in Neukölln, Berlin ist wirklich einmalig und sehr angenehm. Beide Bars funktionieren tadellos und sind nicht überteuert; alles funktioniert, ist menschenfreundlich und direkt, vielleicht bis auf das Warten draußen vor der Tür, das hätte vielleicht kürzer ausfallen können. Mir scheint, dass es ein wunderbarer Raum für alle möglichen Veranstaltungen sein könnte. Es gibt da Theateraufführungen, Diskussionen zu verschiedenen Themen, Unterhaltung, Konzerte, Performances. Als Veranstaltungsforum existiert der „Heimathafen“ seit 2007, damals fand alles in einer Eckkneipe an der Richardstr./Karl-Marxstr. statt. Dann 2008 gab es ein größeres Programm in der alten Post an der Karl-Marx-Straße 97. Erst im April 2009 wurde alles in den Ballsaal des Saalbaus Neukölln, in das frühere Vergnügungsviertel Rixdorf verlegt. Als Volkstheater bekam die Spielstätte später mehrere Finanzspritzen über verschiedene Förderprogramme, doch ursprünglich wurde sie wirklich nur mit privatem Startkapital betrieben. Es gibt Platz für 800 Personen bei Konzerten (im Stehen) und 400 Sitzplätze für Theateraufführungen. Die Themen der Abende schöpfen vor allem aus der unmittelbaren Umgebung; in Neukölln, aus Neukölln und für Neukölln. Das Programm gliedert sich in vier Bereiche: Theater, „Amüsemang“, Tacheles und Musik. Im Mittelpunkt des Programms steht die Wirklichkeit des Neuköllner Lebens, also Migrationskonflikte, Jugendgewalt, Arbeitssituation; Prekariat, Gentrifizierung oder auch Ost-West-Konflikte. Das sieht man gleich am Eingang an den Plakaten zu den einzelnen Veranstaltungen. Die aktuelle kritische Debatte widmet sich dem Einfluss von KI auf künstlerisches Leben, wieviel Maschine verträgt der Mensch; die Inszenierung eines Jugendtheaters „Wie kann ich dir helfen, Habibi?“ beschäftigt sich damit.

Frauenblick aufs Meer

Monika Wrzosek-Müller

Eine Woche an der polnischen Ostseeküste

Gerade war es nicht voll, die Winterferien fangen in Polen erst nächste Woche an, am 02. Februar. Dann kommen ganze Kinderscharen mit ihren Großeltern. Der Beruf der Großeltern hat in Polen offensichtlich nichts an Attraktivität, Intensität und Popularität verloren. Jetzt sitzen im Essraum, vereinzelt oder zu dritt, höchstens vier ältere Damen, auch einige Herren sind dabei. Sie alle wollen von der guten Luft, dem Essen, Schwimmbad und Sauna, manche auch manchmal von einigen Kuranwendungen profitieren. Das alles verspricht hübscher, jünger, vielleicht auch klüger zu werden und länger leben zu können, daher scharen sich alle um den Schönheitssalon und den Massageraum. Nehmen auch die Anwendungen unheimlich ernst, kommen pünktlich, sorgen sich um entsprechende Kleidung. Die Liebe zur Sportkleidung, je nach Sportart und Wetterbedingungen, nimmt manchmal groteske Ausmaße an; dann werden vier paar Schuhe statt zwei angeschleppt, drei verschiedene Hosenarten, extra Unterwäsche etc. – nach dem Motto, alles wichtig, es gibt kein schlechtes Wetter. Und wenn die Damen an die obligatorischen Tanzabende, früher Dancing genannt, denken, kommen für eine Woche Aufenthalt ein riesiger Koffer und diverse Taschen zum Einsatz. Die Ernsthaftigkeit und das Einhalten aller Regeln sind vielleicht Überbleibsel der sozialistischen Sanatoriumsaufenthalte, die ein Segen für die überarbeitete Arbeiterklasse waren, die aber mit strenger Disziplin für die Durchführung der Anwendungen und mit rigiden Formen von Diäten für Erholung sorgten. Wer erinnert sich nicht an die riesigen Gebäude, die Erholungsheime für Bergleute, Eisenhüttenarbeiter und diverse anderen Berufsgruppen, hübsch getrennt je nach Regionen, je nach Kombinat, nach Berufen etc….

Ich beobachte das Treiben um das Buffet immer sehr genau, da ich leider nicht allzu sehr schlemmen kann (mein Magen streikt seit einiger Zeit), und ich stelle fest: meine lieben Landsleute, vielleicht wirklich mehr die Männer als die Frauen, werden immer dicker. Sie essen unheimlich viel, so als ob man auf Vorrat essen könnte, für schlechte Zeiten, für später. Die Batterien von leeren Flaschen, die vor den Zimmertüren stehen, zeugen von wirklich exzessivem Alkoholkonsum. Statistisch gesehen leiden in Polen 62% der Männer und 46% der Frauen an Übergewicht. Im Vergleich sind die Polen damit ziemlich nahe an die Deutschen herangerückt, wo 67% der Männer und 53% der Frauen sich mit dem Problem herumschlagen. Noch vor zehn, sogar vor acht Jahren waren die Polen eindeutig schlanker, dünner… so manifestiert sich jetzt der Wohlstand. Doch sie haben ihre Redseligkeit und Kontaktfreudigkeit beibehalten und auch wenn manche Scherze, Witze mir nicht gefallen, hört man das lange Lachen immer wieder.

A apropos Wohlstand: Auch die Meeresküste wird jetzt mit Zäunen, abgesteckten Wegen in den Kiefernwäldern und Holzbrücken domestiziert. Man spaziert nicht einfach über die Dünen an den Strand, sondern geht geordnet über einen meist gepflasterten Weg mit etlichen Bänken, ansonsten ist das Betreten der Dünen verboten; manchmal an besonders hohen steilen Küstenabschnitten ragt eine Aussichtsplattform aus. Mir ist das oft zu viel, die Landschaft wird so vielleicht ökologisch geschützt, andererseits verscheuchen zu viele solcher Maßnahmen die Natürlichkeit der Umgebung. So ist es in meinem Ostseebad.

Ein besonderes Highlight bildet für mich der kleine Jacht- und Fischereihafen an einem kleinen Flüsschen, das das Meer mit einem See im Hinterland verbindet; hier liegen immer zwei kleine, modernisierte und sehr schön angestrichene, also malerische alte Fischkutter. Einer war immer, abends, vor Sonnenuntergang nah an der Küste auf Fang. Die frischen Fische werden auch jetzt im Winter in der kleinen Räucherei verarbeitet, jeden Tag frisch! Erstaunlich, ich habe erfahren, dass es den Baltischen Lachs [salmo salar] gibt und der wird eben da gefangen, geräuchert und gegessen; eine unwiderstehliche Delikatesse.

Vor Jahren, als kleines Mädchen, war ich in dieser Gegend im Sommerferienlager und ich war damals begeistert von der unberührten Natur; daran kann ich mich noch gut erinnern, an das Gefühl der totalen Freiheit auf den riesigen hellen Stränden. Offensichtlich war das Wetter damals gnädig, denn ich kam braungebrannt nach Hause und wurde die kleine Negerin genannt. Auch später, schon als Studentin besuchte ich Kołobrzeg, fand aber jetzt wie damals, dass das Städtchen im Zweiten Weltkrieg katastrophal zerstört worden war und alle Wiederaufbauten aus den sechziger, siebziger Jahren ziemlich hässlich und für mich urbanistisch wirklich nicht gelungen waren. Jetzt neben alten, schön renovierten Bürgerhäusern stehen Reihen von sozialistischen Wohnblocks, die leider nichts zur Schönheit des Ortes beitragen; auch der sorgfältig angelegte und noch in der Weihnachtsbeleuchtung blinkende Park, konnte mich nicht begeistern. Nur die riesige fünfschiffige Backsteinhallenkirche Mariä Himmelfahrt in der Altstadt versetzte mich in Staunen; der Kolberger Dom ist um 1300 entstanden, ich vermutete eine Wehrkirche, doch angeblich wurden diese Kirchen im Mittelalter als sichere Verwahrungsorte für Handelswaren benutzt. Ähnlich große Kirchen gibt es in Prenzlau oder auch Frankfurt/Oder, ihre Größe erstaunt mich jedes Mal.

Der riesige Leuchtturm wurde nach dem Krieg wiederaufgebaut und er zeugt von der Wichtigkeit des Orts als Seehafen: es gibt auch eine lange Seebrücke. Die Uferpromenade mit den brutalistischen Hotels fand ich damals und jetzt eher scheußlich. Doch Kołobrzeg erfreut sich großer Popularität sowohl bei deutschen als auch bei polnischen Touristen, am Strand und auf der Seebrücke waren auch im Januar viele Leute unterwegs; es gab sogar, trotz des kalten, feuchten, nebligen Wetters Schiffsausflüge. Im Sommer fahren die Schiffe bis zum dänischen Nexo auf der Insel Bornholm, jetzt waren es nur kurze Seerundfahrten.

Ich schwelgte diesmal in Erinnerungen, Nicht nur die Nähe zu den kleinen Orten aus der Kindheit und den Sommerferien hat mich so gestimmt. Auch die vielen Podcasts und Interviews, die ich auf Polnisch jeden Tag hörte, animierten mich dazu. Erstaunlich für mich war zu sehen, wie sehr in Polen meiner Generation gehuldigt, an sie erinnert wird. Diese Kultur der Zugewandtheit zur Erinnerung an die Verstorbenen, aber auch an die noch Lebenden gibt es in Deutschland viel weniger. In Polen gibt es unzählige Programme in TVP mit Erinnerungen und Assoziationen, auch musikalischen, Dokumentationen über der Generation Solidarność und die früheren. Altbekannte Schauspieler und Sänger treten ständig vor die Kamera, dazu gibt es unzählige Podcasts; es sind Leute mit denen ich groß geworden und jetzt gealtert bin. Sie sind immer noch präsent, haben Gewicht, werden gefragt und vielleicht wird auch auf sie gehört. In ihrem Alter haben sie lange Erfahrung und die teilen sie mit dem jungen Publikum. Magda Umer, Agnieszka Osiecka, Maryla Rodowicz, Daniel Olbrychski, Anna Nehrebecka, Maja Komorowska, Krystyna Janda, Beata Tyszkiewicz, Jerzy Stuhr, auch alle die Sänger und Sängerinnen: Irena Santor, Marek Grechuta, Maanam, Kora, Perfekt, sogar Karin Stanek, Skaldowie oder Czerwone Gitary, Alibabki, Trubadurzy, nicht zu vergessen Czesław Niemen. Am Anfang dachte ich, es muss nicht immer so positiv sein, dieses Erinnern und sie auf ein Podest zu stellen, denn dann haben die nachkommenden Generationen weniger Platz, haben Schwierigkeiten sich gegen diese guten, wirklich mit hoher Qualität begnadeten Künstler durchzusetzen, bis ich Maryla Rodowicz mit Ralph Kaminski singen sah und hörte: „Nie ma jak pompa“ da lernt doch der eine von dem anderen und der Zuhörer profitiert enorm.

So ist die Woche an der polnischen Ostsee schnell vergangen…

Frauenblick auf Bücher

Monika Wrzosek-Müller

Algerien-Frankreich

Wie alles zusammenkommt, eins zum anderen, und dann von selbst weiterläuft und nicht stehen bleibt; man sieht etwas, liest etwas, denkt nach. Diese kreisförmigen Bewegungen, Assoziationen gibt es in der Literatur wie im Leben und es wird dabei etwas geschichtlich aufgearbeitet, bewegt, was vielleicht auch durch wissenschaftliche historische Forschung nicht möglich ist. Dann greifen andere Künste auch darauf zu, es gibt Theaterstücke oder Filme und die Aufarbeitung erreicht breitere Massen, geht sozusagen unter die Menschen und, wenn es gut gemacht ist, unter die Haut. Es wird darüber gesprochen, debattiert, mal auch gestritten, das Problem fängt an zu existieren; das ist gut so und es muss immer wieder sichtbargemacht, über Leid gesprochen werden. Vielleicht kommt man irgendwann zu einem Konsens, irgendwann versöhnt man sich wirklich.

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Silvester

Monika Wrzosek-Müller

Momentaufnahme einer Silvesternacht

Schon auf dem Klausener Platz, wo wir auf den Bus warten, der uns zum Theater bringen soll, merken wir, es wird schwer. Es ist erst achtzehn Uhr und schon wird geballert, geknallt, bis zum Geht-Nicht-Mehr. Der Busfahrer öffnet die Vordertür nicht, weil er befürchten muss, dass Böller reingeworfen werden. Gut, dass wir uns an der Bushaltestelle im Wartehäuschen unterstellen, verstecken können; ich habe das Gefühl, mich in einem Krieg zu befinden, gleich einen Schuss in den Rücken zu kriegen. Ich frage mich, was bringt die Leute dazu, mit dieser Knallerei ihre Freude auszudrücken, welche Idee steckt dahinter, noch und gerade in Zeiten, wo sich viele Kriege vor der eigenen Haustür abspielen. Es ist nicht nur laut, es stinkt auch und es entsteht viel Rauch, der in die Atmosphäre steigt und die Umwelt belastet. Auf dem Rückweg in der S-Bahn sitzen neben uns Vater und Sohn, der Sprache nach zu urteilen vielleicht Iraner. Der Sohn ein pummeliger, kleiner, süßer Junge mit einer riesigen Tasche voll Raketen und Feuerwerkskörpern bepackt. Sie steigen leider mit uns zusammen aus. Auf dem Fußweg ist der Teufel los, ganze Gruppen von jungen Männern sammeln sich vorzugsweise auf den Kreuzungen, um zu ballern, Raketen abzuschießen. Es ist sehr unangenehm, wir laufen schnell, gemeinsam mit einem jungen Paar, nach Hause.

Visionen, Vorausahnungen, Vorstellungen von der Zukunft verfolgen mich offensichtlich in letzter Zeit. Wahrscheinlich nicht nur mich, wir alle zerbrechen uns den Kopf, wie die Kriege, Katastrophen um uns herum beendet werden können. Wie geht es weiter in Gaza, in der Ukraine, was ist mit der Klimakrise, gibt’s die nicht mehr, oder beschäftigen wir uns angesichts der vielen anderen Katastrophen erst mal nicht mehr damit?

Im Theater sehe ich das Stück „Eine Minute der Menschheit“ nach einem Essay von Stanislaw Lem, zwar 1983 geschrieben, aber mit geballter Aktualität für heute. Seine Fantasy-Faszination beruhte eigentlich nie auf der Science-Fiction Tradition der Star Wars in fernen Galaxien, er selbst bezeichnete sich als „wissenschaftlichen Fantasten“, seine Fantasy war irdischer und dem Menschen zugewandt, wahrscheinlich wollte er den Krieg, den Zweiten Weltkrieg und die Katastrophe der Shoah für sich verstehen. Der Text gehört zu der Reihe „Bibliothek des 21. Jahrhunderts“, zusammen mit den Essays: „Das Katastrophenprinzip“ und „Waffensysteme des 21. Jahrhunderts“. Vieles, denke ich, was er da als Zukunftsvision behandelt, ist heute schon Wirklichkeit geworden. Natürlich findet Lem dafür eine entsprechende literarische Form, benutzt einen literarischen Kunstgriff, der darin besteht, dass über ein fiktives Buch debattiert wird. Lem schreibt sozusagen eine Rezension eines nicht existierenden Buchs und lässt einen so, oft leicht ironisch, durch alle Probleme, die man nicht zu Ende darlegen und lösen muss, durchgehen. Es ist ein besonderer Verfremdungseffekt, den letztens auch Ian McEwan benutzt hat; das verschafft dem Autor mehr Raum und mehr Freiheit, über die angesprochenen Probleme nicht exakt Zeugnis ablegen zu müssen. Zugleich benutzt Lem die suggestive Kraft der Zahlen, Grafiken, Diagramme, grafischen Darstellungen, sprich der Wissenschaft, um etwas zu beweisen oder um uns zu verunsichern, oder vielleicht uns doch etwas Wissen zu vermitteln. Die Zahlen an sich nämlich, egal wie gut belegt sie sind, können etwas fixieren, aber umgekehrt auch leicht Verdacht wecken. Sie helfen auch wenig, wenn keine Taten daraus folgen. Der Essay versucht, uns mit den Mitteln der Statistik zu erklären, was die Menschheit in einer Minute alles tut. Natürlich kommt viel Absurdes und gewollt Komisches dabei heraus. Schon damals lässt Lem uns wissen: “Niemand liest etwas; wenn er etwas liest, versteht er es nicht; wenn er es versteht, vergisst er es sofort – das ist das Lemsche Gesetz.“

Im Theater wird das alles dramatisiert: eine Runde von Leuten („Experten“) setzt sich auf dem „76. Weltkongress für Zukunde und Temporistik“ zusammen und debattiert über das Buch. Nicht, dass mir unser eigener Literaturkreis in den Sinn gekommen wäre. Die Figuren sind äußerst skurril und eigenwillig, jeder findet etwas, was nicht unbedingt in dem Buch steht, sondern eher was ihn gerade so bewegt, und das bringt er vor. Der eine redet also von Liebe und die andere davon, dass sie eben auch was sagen will; jeder nach seiner Façon. Es werden dabei Strategien sichtbar, wie man mit der Welt umgeht, wie man sie erträgt und was das alles mit einem selbst, mit dem Menschsein zu tun hat. Am lustigsten und komischen ist dabei die Figur des Professors, der alles mit wissenschaftlichen Tabellen, Aufzeichnungen, eben grafischen Darstellungen auf riesigen Tafeln veranschaulichen will und seine Feststellung – für mich vielleicht als beste Pointe der ganzen Aufführung – dass, wenn man die ganze Menschheit eben in den Ozean werfen würde, sich der Meeresspiegel der Ozeane dadurch nur um einen Millimeter erhöhen würde.

Vielleicht schade, dass die Aufführung so in der damaligen Zeit, also den 1980er Jahren, verharrt, denn die Aktualität vieler Gedanken ist nicht von der Hand zu weisen, wie z.B. die digitale Überwachung zwecks Profit, auch der Gedanke der Gleichzeitigkeit und kognitiven Abhängigkeiten und schließlich das Thema Zeit, was alles in einer Minute passieren kann, ist heutzutage vielleicht noch stärker präsent als damals. Auf jeden Fall habe ich mir vorgenommen, Lem wieder zu lesen.

Vom Balkon haben wir dann mit Freunden die vielen Feuerwerke bewundert und dabei doch nachgedacht, wieviel Geld da in einigen Minuten in die Luft geschossen und verballert wird.

Kassandra

Monika Wrzosek-Müller

„Was wir wissen können“

Ich will nicht wie Kassandra klingen und eigentlich wollte ich, dass sich meine Befürchtungen nicht so schnell bewahrheiten. Trotzdem spürte ich schon lange, dass wir hier, in Deutschland als Gesellschaft, als Land irgendwohin driften, wo es ziemlich düster aussieht, aber auch, dass die Welt nicht optimal vorankommt, sei es in Sachen Klimakrise oder angesichts der vielen Konflikte, die militärisch und nicht diplomatisch gelöst werden. Manche Konflikte erscheinen einem unlösbar, andere werden von Kräften blockiert, die offensichtlich niemand bewegen kann. Für mich fehlte es in der westlichen Welt von Anfang am Gedanken der Solidarität in den Gesellschaften, in den Familien, in Deutschland fehlte es auch an einem positiven nationalen Gedanken, aus bekannten Gründen; die Religionen haben ihre Rolle bei der moralischen Bildung der Menschen sowieso schon längst aufgegeben. Je tiefer der Individualismus in die Falle des Narzissmus geriet, desto schwieriger gestaltete sich der gesellschaftliche Zusammenhalt. Jeder zog für sich das Wenige heraus, das er erlangen konnte, und das meiste blieb sowieso in den Händen der Wenigen, die materielle Güter ohne Anstrengung und Arbeit vervielfachten; einfach durch irgendwelche dubiosen Geldanlagen, Fonds und Spekulationen. Inzwischen sind wir an einem toten Punkt angelangt, wo wirklich eine Minderheit in den westlichen Ländern so viel Geld besitzt, dass sie eigentlich über alles bestimmen könnte. Anrüchig dagegen sind „nur“ die Oligarchen und die Mafiosi; dass mit legalen Mitteln des Finanzmarkts dasselbe passiert, interessiert eigentlich niemanden, und dass wir hier in Deutschland längst zu einer „unverdienten Ungleichheit“ gekommen sind und sich die Erbgemeinschaft ausgebreitet hat, wird nicht laut besprochen, und dass das alles unzertrennlich mit unserer Demokratie und Freiheit verbunden ist, die inzwischen auch bedroht sind, wird auch irgendwie außer Acht gelassen.

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Frauenblick auf Toscana

Monika Wrzosek-Müller

Maremma-mare ma

Schon wieder ist ein Jahr um; ich merke es nicht einmal so deutlich an meinem Geburtstag wie am Aufenthalt in der südlichen Toskana. Die Signora grüßt uns überschwänglich, für sie ist auch ein Jahr glimpflich vergangen. Der heiße Sommer ist nun vorüber, die schöne ruhigere Zeit mit wenig Touristen aber doch sonnigen, klaren Tagen beginnt. Das Meer ist immer noch warm, erstaunlich warm, die Blaukrebse vermehren sich darin überraschend schnell, vor allem begünstigt durch die Lagune mit ihrem Brackwasser.

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Blackpool

Monika Wrzosek-Müller

Ewa fährt nach Blackpool, nicht im Sommer, sondern eher in der dunklen, herbstlichen, fast vorweihnachtlichen Zeit.

Aus den Tiefen meiner Erinnerungen tauchten Erzählungen meiner Mutter auf, über ihre Englandreise im Jahr 1958 – ein für die damalige Zeit in Polen unerhörtes Ereignis. Meine Tante und meine Mutter hatten sich auf Einladung irgendeiner Dienststelle der RAF (Royal Air Force) auf die Reise gemacht, denn die Air Force konnte die Witwenrente, die meiner Oma als Ehefrau eines im Krieg gefallenen polnischen RAF-Piloten zustand, nicht nach Polen auszahlen und man wollte wenigstens den Töchtern die Reise zum Grab ihres Vaters, meines Großvaters, in Großbritannien ermöglichen.

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Affari tuoi oder Deal or no deal

Monika Wrzosek-Müller

Wie jedes Jahr gehört der September meiner geliebten südlichen Toskana, der Maremma. Seit vielen Jahren pilgern wir hierher; ich schreibe bewusst „pilgern“, weil es sich für mich auch etwas wie eine spirituelle Reinigung anfühlt. Von weitem grüßen die riesigen Schirme der Pinien, das Meer glitzert, die Menschen lachen, die langen Fahrradpisten sorgen auch für sportliche Herausforderungen, der Kaffee kostet immer noch 1,60, ein budino di riso (eine Spezialität in der Toskana, ein Reisküchlein) 1,50, das Eis gibt es in unmöglichsten Geschmacksrichtungen, auch Dubai-Schokolade ist dabei, das Essen schmeckt überhaupt hervorragend; das hört sich wie eine Ansammlung von Klischees an, doch es ist die reine Wahrheit, die wir hier Jahr für Jahr erleben. Dieses kleine Paradies befindet sich unter dem Monte Argentario, und auch wenn rundherum in der Welt vieles den Bach runter läuft und wir als passive Beobachter untätig bleiben, bilde ich mir ein, hier darf ich das Paradies genießen.

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