Tokarczuk. Nach der Rede.

Arkadiusz Łuba

Olga Tokarczuk – Die empfindliche Erzählerin

Literaturpreisträgerin Olga Tokarczuk stiftete dem Nobelpreismuseum ihr persönliches Tagebuch aus dem Jahr 2018, fot. Clément Morin © Nobel Media

Wer dem obligatorischen „Nobel Lecture“ von Olga Tokarczuk zugehört, oder ihn sogar gesehen hat, der weiß, er trägt den Titel „Der empfindliche Erzähler“. Darin hinterfragt sie die moderne Literatur, in der zu viel in der ersten Person erzählt werde. Darin fordert sie eine Erzählperspektive, eine der – wie Tokarczuk sie nannte – „vierten Person“, jenseits der klassischen „Ich“, „Du“ oder „Er*“. Sie erkennt diese Erzählweise in der Genesis des Alten Testaments: „Am Anfang war das Wort“ und fragt: „Wer ist es, das da weiß, was Gott denkt?“ Darin (wir sind immer noch bei Tokarczuks Vortrag) äußert sie ihre Freude darüber, dass „die Literatur auf wunderbare Weise das Recht auf alle Macken, auf Phantasmagorien, auf Provokationen, auf Groteske und Verrückte bewahrt“ habe. Tokarczuk träume darin „von hohen Standpunkten und weiten Perspektiven, in denen der Kontext weit über das hinausgeht, was wir erwarten würden“. Sie träume „von einer Sprache, die die dunkelste Intuition ausdrücken“ könnte, sie träume „von einer Metapher, die kulturelle Unterschiede“ überwinde, und schließlich träume sie „von einem Genre, das geräumig und transgressiv“ werde, „während die Leser es gleichzeitig lieben“ würden.

Ich übersetze aus Tokarczuks Vortrag: „Abgesehen von allem theologischen Zweifel können wir diese Figur des mysteriösen und empfindlichen Erzählers als wunderbar und bedeutsam betrachten. Es ist ein Punkt, eine Perspektive, aus der alles gesehen werden kann. All dies zu sehen, bedeutet, die endgültige Tatsache der Wechselbeziehung bestehender Dinge als Ganzes anzuerkennen, auch wenn diese Beziehung uns noch nicht bekannt ist. Alles zu sehen, bedeutet auch, eine ganz andere Art von Verantwortung für die Welt, denn es wird offensichtlich, dass jede Geste »hier« mit der Geste »dort« verbunden ist, dass eine Entscheidung, die in einem Teil der Welt getroffen, sich in einem anderen Teil der Welt auswirken wird, dass die Unterscheidung zwischen »mein« und »dein« fragwürdig zu sein beginnt. Daher sollte man so erzählen, dass der Leser den Sinn für das Ganze entwickelt und die Fähigkeit, Fragmente in ein Muster zusammenführen zu können und in jedem kleinen Geschehen ganze Konstellationen zu entdecken; so erzählen, um zu verdeutlichen, dass jeder und alles in einer gemeinsamen Idee liegt, die wir bei jeder Erdumdrehung sorgfältig in unseren Köpfen erzeugen“.

Mein Gott, wie nah ist sie mit ihren Forderungen und Wünschen an dem Versuch James Joyces, alles in ein Buch („Finnegans Wake“) zu packen! Doch all das verblasst irgendwie im Schatten der Aufregung um Peter Handkes politische Stellungnahmen für Slobodan Milosevic und sein „Großserbien“, es wird zu Unrecht übersehen, entschärft. Umso mehr freute es mich, dass ich heute hier meine Gedanken teilen kann.

Ich las Tokarczuk während des Studiums, da war sie gerade eine junge, aber dennoch an Ruhm gewinnende Schriftstellerin. Der Literaturnobelpreis bestätigt nun mal, dass ich und viele meine Gleichaltrigen uns nicht zufällig in ihrem Werk verliebt haben, es diskutierten, kommentierten, interpretierten und es dabei auseinandergenommen haben. Tokarczuk begann in einer Zeit, nachdem die größte lebende polnische Humanistin, Maria Janion, das Ende des romantischen Paradigmas verkündet hatte. Seitdem versucht die polnische Literatur generell, die neue Realität zu beschreiben, sich von den romantischen und Märtyrermythen zu befreien. Tokarczuk schöpft allerdings aus dem Ur und erforscht den heterogenen Ursprung unserer heutigen Kultur. Und aus diesem Hintergrund heraus wirft sie Fragen nach der jetzigen Form des Menschen. Zärtlich, behutsam, vorsichtig und dennoch stark.

Es seien 36 Jahre vergangen, schrieb Janion 2017 in einem Brief an den Polnischen Kulturkongress, und „der Teufelskreis des Polentums“ habe sich gewendet. Es bestehe ein Widerspruch zwischen Modernisierung und Modernismus. Letzteres erfordere geistige Anstrengung und die Bedeutungserneuerung der Gesellschaft – es erfordere es als Bedingung einer Desakralisierung und der wirklichen Ermächtigung: „Der so verstandene Modernismus fordert die Emanzipation von Minderheiten, die Achtung der individuellen Rechte und die tatsächliche Gleichstellung der Geschlechter. Dies kann nicht mit den Bestrebungen der Rechten [in Polen – Anm. A. Ł.] in Einklang gebracht werden“, so Janion weiter. Die Emanzipation von Minderheiten, die Achtung der individuellen Rechte und die Gleichstellung der Geschlechter sind alles Werte, die in Tokarczuks Werken auftauchen. Und genau deswegen können auch diese nicht mit den polnischen Rechten in Einklang gebracht werden.

Schwedische Buchhändler melden derzeit deutlich höhere Verkaufszahlen für Tokarczuk als für Handke. In den öffentlichen Bibliotheken muss man dort länger auf einer Warteliste für Tokarczuks Bücher stehen als für die des Österreichers. Es wäre interessant zu erfahren, wie es derzeit in Polen aussieht.

Ihren Vortrag beendete Tokarczuk mit denen, „die noch nicht geboren sind, sich aber eines Tages dem zuwenden, was wir über uns selbst und über unsere Welt geschrieben haben“, diesem „wunderbaren Werkzeug der raffiniertesten Art der menschlichen Kommunikation, dank dem unsere Erfahrungen durch die Zeit reisen können“. Sie denke mit Schuld und Scham an die noch Ungeborenen. Denn die Welt würde „auf den Status eines Objektes reduziert, das geschnitten, benutzt und zerstört werden“ könne: „Deswegen glaube ich, dass ich so erzählen muss, als sei die Welt, in der wir leben, eine Einheit, die sich ständig vor unseren Augen bildet, und als seien wir ein – kleiner und zugleich mächtiger – Teil davon“.

Nach solch einer Aussage, bleibt die Spannung hoch, wie das nächste Werk von Olga Tokarczuk sein wird.


siehe auch HIER

8 thoughts on “Tokarczuk. Nach der Rede.”

    1. Dodam jeszcze, ze super ironia autora tego powyzszego artykulu, nie bawi na tyle, by sie nie wsciec, bo niestety rzeczywistosc przerasta ja dziesieciokrotnie.
      T.Ru

      1. asz dziennik to oczywiście żart, ale takie żarty nie biorą się znikąd, biorą się np. z komentarza ministra Glińskiego w TVP nt. uroczystości wręczania Nobla: polityk zarzucił noblistce, że nie interesują jej polskie wartości patriotyczne. I to już wcale nie jest żart.

      2. o przepraszam, ale gdzie ironia?! tluklem ten tekst w klawiature ze szczerym, powaznym skupieniem. piszac o tym, co sie polskiej prawicy moze nie podobac, bylem nad wyraz powazny – to przeciez te wartosci im sie nie wpisuja w narracje „dobrej zmiany“. a juz na pewno nie zartowalbym z mojej idolki – Marii Janion! nie wszystko, co pisze lub mowie, musi byc od razu podszyte ironia, choc czesto ironia i ja to jedno. mysle wrecz, ze subtelnie i inteligentnie udalo mi sie polaczyc wypowiedzi humanistki i noblistki, nie uderzajac jednoczesnie w „nagonkowy“ ton wielu mediow…

        pozdrawiam
        wiadomo kto 😉

  1. Wydaje mi się, że słowo ironia odnosi się do artykułu w asz-dzienniku, ale to jak wiadomo jest gazeta faków i cały jej byt opiera się na ironii i na tym, że żart czasem nie dorasta do rzeczywistości…

      1. Alez oczywiscie autora linku mialam caly czas ma mysli….
        ktory myslal, ze, nawet to co pisze zartobliwie przeciw prawcy, w tym
        momencie to dobry pomysl..
        To byla woda na sytuacyjny mlyn, ale i tak nie “za zabawny”.
        Nie chce sie mi sie bowiem zawsze smiac rownoczesnie tam, gdzie mnie akurat cos wzrusza.
        Jak bylo teraz…
        O pare dni pozniej, mozna poczekac….
        Wiadomo skad sie ta woda bierze…
        Wlasnie wczesniej to czytalam..
        Ale nie trzeba tak natychmiast tym mlynem…
        Ludzie nie maja chwili czasu na przezycie czegos.
        Mysle, ze rozwialam to nieporozumienie.
        Przykro mi ze do niego doszlo.
        T.Ru.

      2. Akurat Pana artykul czytalam z ogromnym zainteresowaniem, ale chwile wczesniej mialam sie TAM posmiac( przypadkowo na to weszlam)…
        Ta schizofrenia “uzytkowa” medialna, cholernie czasem irytuje…
        bo wszedzie ma ten styczny punkt, z rzeczywistoscia i uczuciem z nia zwiazanym…
        A oni mnie ta pazyrnoscia na kiepska, tania sensacje wkurzyli!
        Sorry, T.Ru.

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