Bunt und die Gegenwartskunst

Lidia Głuchowska

Am Sonntag, den 4. Oktober um 15.00 Uhr finden im Kraszewski-Museum Dresden, begleitend zur Ausstellung ,Bunt’ – Expressionismus – Grenzübergreifende Avantgarde. Werke aus der Berliner Sammlung von Prof. St. Karol Kubicki, ein öffentlicher Vortrag und eine kuratorische Führung von Dr. Lidia Głuchowska statt: Das Werk der Gruppe Bunt (Revolte) als Inspiration für Gegenwartskünstler in Deutschland und in Polen.

 Hier im Voraus Einiges zu diesem Thema.

Die Ausstellung expressionistischer Werke der Posener Expressionistengruppe Bunt (Revolte, 19181922), welche noch bis zum 8. November im Kraszewski-Museum Dresden und dann in Wrocław zu sehen ist, wird von zeitgenössischen Kunstpräsentationen begleitet. Die daran beteiligten Kunstgrafiker, Glaskünstlern und eine Bildhauerin beziehen sich in ihren Werken auf die Programme und Ästhetik der Künstlergruppe Bunt (Revolte) und dabei vor allem auf die Idee der engagierten Kunst.

1 PlakatLogo Bobrowski 2015Das auf dem Plakat abgebildetes Logo der Ausstellung – Linolschnitt von Andrzej Bobrowski Transformation M/S (2015) – knüpft an die expressionistischen Selbstbildnisse derjenigen Bunt-Mitglieder an, die die Kontakte der dieser Vereinigung zu den internationalen Künstlerkreisen in Deutschland initiiert haben – Margarete und Stanisław Kubicki.

So wie die Bunt-Künstler ein Gruppenporträt in der Art des Bildnisses Eine Künstlergruppe von Ernst Ludwig Kirchner (1926) nie geschaffen haben, so haben sich auch die Kubickis nie als Paar porträtiert. Andrzej Bobrowskis Linolschnitt Transformation M/S [M(argarete)/S(tanisław)] verbindet in sich ihre Selbstbildnisse aus den Jahren 1917–1918. Das Selbstporträt IV von Kubicki hat sich bis in unsere Zeit nicht erhalten und ist nur noch aus den Publikationen in den Kunstzeitschriften Zdrój (Quelle) und Die Aktion bekannt.

Das zeitgenössische grafische Werk, eine horizontal-panoramische, an Bannerform angelehnte Komposition, ist zum einen eine Reflexion über die künstlerischen und privaten Beziehungen zwischen den Kubickis, und zum anderen darüber, wie die Zeit vergeht, wie die Einzelheiten der künstlerischen Biografien im kollektiven Gedächtnis verblassen, über die Gruppenidentität und schließlich über die fehlende Integrität des Kunstwerkes im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.
Von den selben Selbstbildnissen der Mitbegründer von Bunt wie das Ausstellungslogo wurde die monumentale Installation Przenikanie /In-Einander-Greifen (2015) von Karolina Ludwiczak und Marcin Stachowiak angeregt.

2 Przenikanie Ludwiczak StachowiakDas Ergebnis des Dialogs mit dem Schaffen der Kubickis ist hier jedoch ein ganz anderes.

Zum ersten verdeutlicht diese Installation, die um mehrfaches größer ist als die ursprünglichen Selbstporträts, dass der zeitgenössische Kontakt mit Kunstwerken der Vergangenheit, die häufig nur aus dem Internet oder anderer Vervielfältigungsmedien bekannt sind, nicht selten eine sehr beschränkte Vorstellung von deren materieller Gestalt verleiht. Und diese ist von wesentlicher Bedeutung auch wenn die manuellen und intellektuellen Fähigkeiten eines Künstlers Vorrang haben vor dem Material, mit dem er arbeitet.

Zum zweiten macht sie auf ein Paradox der von ihnen verwendeten Technik aufmerksam. Obwohl man im Falle des Werks von Ludwiczak und Stachowiak von einem „Inter-Gattungsspiel“ sprechen kann, da sie ein plastisches Bild und nicht lediglich ein flaches geschaffen haben, so knüpfen sie trotzdem in der reliefartigen Form ihrer Installation an die Form der Linolschnittplatte an, mit der die Bildnisse der Kubickis gedruckt wurden. Und wenn sie somit das expressionistische Vervielfältigungsverfahren verdeutlichen, muss klar werden, dass ihr eigenes Werk einmalig und nicht reproduzierbar ist. Paradoxerweise kann nämlich die Gussform ihrer Relief-Plastik, die in einer individuellen Technik entworfen wurde, nur einmal verwendet werden.

Die aufeinander abgestimmten halbtransparenten Glasporträttafeln, die sie aufgestellt auf eisernen Ständern vom Licht durchleuchten lassen, veranschaulichen die Idee des In-Einander-Greifens vom Leben und Werk zweier schöpferischer Menschen. Dieses wird konventionell als Harmonie verstanden, muss jedoch zumeist im Kontext des Alltäglichen aufgrund von Rivalitäten und materiellen Verpflichtungen immer einen Kompromiss bedeuten.

Weiterhin sind in der Ausstellung Gruppenpräsentationen Refleks / Reflex (Kurator: Maciej Kurak), Ulotka / Flyer (Kurator: Maciej Kurak) und Ich 7 / Sie 7 zu sehen, die jene Formen der medialen Kommunikation aufgreifen, welche typische Ausdrucksformen der Künstlergruppe Bunt und der internationalen Avantgarde waren. Dazu zählten in erster Linie die Form des Kunstbuchs, Informations- sowie Propagandadrucke politischer Provenienz. Diese wurden auf Kundgebungen verbreitet und unterstützten künstlerische Manifeste wie auch die Ideen der sozialen und politischen Emanzipation.

3-4-5Von links: Plakate der Ausstellung der Gruppe Bunt 1918 mit dem Motiv aus dem Linolschnitt Turmbau zu Babel von Stanislaw Kubicki und das Kunstbuch Refleks, Hg. v. Maciej Kurak

Motiv aus dem Plakat der Kunstpräsentation Refleks mit dem Linolschnitt von Andrzej Bobrowski (inspiriert von Turmbau zu Babel von Stanislaw Kubicki)


Maryna Mazur, Cardinal, Metaltechniken, aus dem Kunstbuch Refleks, 2014

Das Ergebnis des Projektes Refleks / Reflex (20142015) ist eine Kunstinstallation, deren wichtigste Komponente ein bibliophiles Buch mit Originalgrafiken ist. Ihre erste Präsentation in der Posener Galerie Rarytas im Frühjahr 2014 wurde durch ein Poster von Andrzej Bobrowski ergänzt, welches eine Transformation des Plakats zur ersten Ausstellung der Gruppe Bunt im Jahre 1918 darstellt. Das Originalplakat mit dem Linolschnitt von Stanisław Kubicki Der Turmbau zu Babel (1917) ist ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Auf dem Plakat der Kunstpräsentation Refleks wird anstelle des ursprünglichen Turms jedoch ein Tunnel gezeigt – ein Teil des Arrangements der Erstaufführung und eine Metapher des gesellschaftlichen Wandels.

Einen Teil der Präsentation Refleks / Reflex bildet ein 2015 entstandener Film desselben Titels – ein Einblick in das Kunstbuch mit den darin enthaltenen 16 Originalgrafiken.

Der zweite Film in der Ausstellung, betitelt Bunt Re-Vision – dokumentiert alle Stationen der internationalen Ausstellung, die als Würdigung der Schenkung von Professor St. Karol Kubicki an das Nationalmuseum Poznań und das Leon-Wyczółkowski-Kreismuseum in Bydgoszcz konzipiert wurde. Im Film sind die Vernissagen weiterer zeitgenössischer Kunstpräsentationen zu sehen. Über die Filme haben wir in der vorigen Besprechung dieser Ausstellung berichtet HIER.

Die Kunstpräsentation Ulotka / Flyer besteht aus einer Sammlung von 31 Werken, von zeitgenössischen Grafikern die mit Kunstschulen in Poznań und Wrocław in Verbindung stehen, und zeigt als Sammlung von symbolischen Flyern die soziale Problematik aus verschiedenen lokalen Perspektiven.

6-7-8Von links: Magdalena Czerniawska, 2015, aus der Kunstpräsentation Ulotka / Flyer

Stefan Ficner, Hołobutów, 2015, aus der Kunstpräsentation Ulotka / Flyer

Małgorzata EtBer Warlikowska, Blood is always black, Serigraphie, 2015, aus der Kunstpräsentation Ulotka / Flyer

Die Künstler, die an dieser Präsentation beteiligt sind, legen in ihren Werken Konventionen, Anzeichen des Provinzialismus und der Fremdenfeindlichkeit offen, bekämpfen die Idealisierung der Wirklichkeit in den Medien ebenso wie die Verfestigung der gesellschaftspolitischen Heuchelei sowie die Beschränkungen, die dem Menschen von offiziellen Institutionen auferlegt werden.

Die Sammlung der Flyern mit sozialkritischer Aussage wird auf zwei zylinderartigen Ständern in Form einer Windrose präsentiert und wie in einem Zeitungsständer aus den Cafés der expressionistischen Epoche betrachtet. Die in Bewegung gezeigten Kunstwerke werden wie Flyer zu einer Metapher der Flüchtigkeit und Synonym der Idee der Öffnung für innovative soziale und kulturelle Werte.

9-10Oben: Kunstpräsentation Ulotka / Flyer: 1 der 2 Ständern

Radosław Włodarski, ein der Teilnehmern der Kunstpräsentation vor seiner Das Cabinet, Digitalprint, 2015 (inspiriert vom Film Robert Wienes Das Cabinet des Doktor Caligari, 1920)

Die Kunstpräsentation, welche im Film Bunt Re-Vision zu sehen ist, heißt Ich 7 / Sie 7 (2015). Sie umfasst Werke eines größeren Formats, welche von einer informellen Gruppe aus sieben Künstlern geschaffen wurden und programmatisch wie auch technologisch an das Schaffen der Gruppe Bunt anknüpfen. Sie zeigen sowohl die Langlebigkeit der Ideen und Ästhetik der Avantgarde auf, als auch mögliche Richtungen einer Neuinterpretation dieser. Der Name des Projektes, welches auf Deutsch ich und auf Polnisch sie 7 bedeutet, bezieht sich auf die Anzahl der Mitglieder von Bunt und ist ein Echo des zweisprachigen Namens, welcher die grenzübergreifenden Anforderungen des Expressionismus aus dem Programm von Bunt ausdrückte.

12 Ich 7 Tyszkiewicz Gertchen Szurek Kopczynska 11 Bunt Bydg Szewczyk_filmUlotka foto LG Oben: Jacek Szewczyk, Aleja bez pracy, rysunek (1999), cokół z prezentacją książki artystycznej Refleks (2014) oraz film Bunt –Re-wizje, koncepcja: Lidia Głuchowska, Anna Kraśko, realizacja: Anna Kraśko (2015).

Fragment der Kunstpräsentation Ich 7 / Sie 7 im Leon-Wyczółkowski-Bezirksmuseum in Bydgoszcz (Juni-August 2015), sichtbar im Film Bunt Re-wizja / BuntRe-Vision im Kraszewski-Museum Dresden. Von links nach rechts Werke von Przemysław Tyszkiewicz, Agata Gertchen, Małgorzata Kopczyńska und Piotr Szurek.

Die Ausstellungsbesucher können als Souvenir ein von den Teilnehmern der Kunstpräsentation Ulotka / Flyer gestalteten Badges mitnehmen.

13 Badges Flyer

 

 

Bunt 3 Filme

Dr(.) Lidia Głuchowska

3 FILME aus der ,Bunt’-Ausstellung
im Kraszewski-Museum Dresden!!!

3 FILMY z wystawy Bunt
w Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego w Dreźnie!!!

Im ganz Dresden sind Plakate der Ausstellung der Expressionistengruppe Bunt (Revolte, 19181922) zu sehen. Sie findet noch bis zum 8. November im Kraszewski-Museum statt.

W całym Dreźnie zawisły plakaty wystawy ekspresjonistycznej grupy Bunt (19181922). Trwa ona jeszcze do 8 listopada w Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego.

1 BUNT Dresden Plakate 1aBUNTplakat

Die Pressekonferenz und die Vernissage (03./04.09.2015) waren gut besucht. Unter den Gästen befanden sich auch Vertreter des Dresdner Kulturamtes.
Auf dem Foto Richard Stratenschulte, Pressesprecher der Museen der Staat Dresden, vor den expressionistischen Linolschnitten von Stefan Szmaj.

Konferencję prasową i wernisaż odwiedziło wielu gości, wśród nich przedstawiciele drezdeńskiego urzędu ds. kultury.
Na zdjęciu Richard Stratenschulte, rzecznik prasowy Muzeów Miasta Drezna przed ekspresjonistycznymi linorytami Stefana Szmaja.

2 BUNT Dresden PressekonfAnwesend waren auch die Direktorin des Stadtmuseums Dresden, Frau Dr. Erika Eschebach und die Gegenwartskünstler Michał Tatarkiewicz und Radosław Włodarski, Mitwirkende an den Grafikpräsentationen Refleks / Reflex (2014/2015) und Ulotka / Flyer (2015), welche sich auf das Werk und Programm der Gruppe Bunt beziehen.

Im Hintergrund des Fotos ist die Vorführung ihres Films Reflex zu sehen, welcher die grafischen Werke aus dem in der Ausstellung präsentierten Kunstbuch desselben Titels sowie Kommentare dazu beinhaltet.
FILM Refleks / Refleks: Marek Glinkowski (Klang: Radosław Włodarski)

Obecni byli również pani dyrektor Muzeum Miasta Drezna, dr Erika Eschebach oraz artyści współcześni, Michał Tatarkiewicz i Radosław Włodarski, współtwórcy prezentacji graficznych Refleks (2014/2015) i Ulotka (2015), nawiązujących do twórczości i programu grupy Bunt.

W tle zdjęcia widoczny jest pokaz filmu Refleks, ukazującego prace graficzne zawarte w prezentowanej na wystawie książce artystycznej pod tym samym tytułem oraz stosownym komentarzem.
FILM Refleks: Marek Glinkowski (dźwięk: Radosław Włodarski)

3 BUNT Dresden ReflexAuf der Ausstellung ist auch ein anderer Film zu sehen: Bunt – Re-wizja / Bunt (Revolte) – Re-Vision, welcher von der Kuratorin sowie der jüngen Künstlerin Anna Kraśko realisiert wurde. Er dokumentiert die gesamte Ausstellungstour ,Bunt’ – Expressionismus – Grenzübergreifende Avantgarde. Werke aus der Berliner Sammlung von Prof. St. Karol Kubicki.

Auf dem Foto: Ausstellungskuratorin Dr. Lidia Głuchowska mit einem der Organisatoren, Bronisław Kowalewski, Direktor des Niederschlesischen Kunstfestivals (realisiert vom Kultur- und Kunstamt in Wrocław), auf der Vernissage im Kraszewski-Museum (04.10.2015).

Im Hintergrund: Szene aus dem Film Bunt – Re-wizja / Bunt – Re-Vision: Prof. St. Karol Kubicki mit seiner Frau Petra und der Ausstellungskuratorin nach der Übergabe expressionistischer Grafiken der Gruppe Bunt an das Nationalmuseum in Poznań. (Berlin, 16.03.2015).
FILM Bunt – Re-wizja / ,Bunt’ – Re-Vision
Konzeption und Realisierung: Lidia Głuchowska, Anna Kraśko
Technische Ausführung: Anna Kraśko

W ramach ekspozycji prezentowany jest też film Bunt – Re-wizja, zrealizowany przez kuratorkę wystawy oraz młodą artystkę, Annę Kraśko, dokumentujący tournée wystawy „Bunt” – Ekspresjonizm – Trangraniczna awangarda. Prace z berlińskiej kolekcji prof. St. Karola Kubickiego.

Na zdjęciu kuratorka wystawy, dr Lidia Głuchowska z jednym z organizatorów, Bronisławem Kowalewskim, dyrektorem Dolnośląskiego Festiwalu Artystycznego (realizowanego przez Ośrodek Kultury i Sztuki we Wrocławiu), na wernisażu w Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego (4.09.2015).

W tle scena z filmu Bunt – Re-wizja: prof. St. Karol Kubicki z żoną Petrą i kuratorką po przekazaniu ekspresjonistycznych grafik grupy Bunt do Muzeum Narodowego w Poznaniu (Berlin, 16.03.2015).
FILM Bunt – Re-wizja
Koncepcja i realizacja: Lidia Głuchowska, Anna Kraśko
Realizacja techniczna: Anna Kraśko

4 BUNT Dresden Vernis2Die Besucher des Kraszewski-Museums können dank des Films Bunt – Re-wizja / Bunt – Re-Vision die Vernissage der ersten Edition von der Ausstellung ,Bunt’ – Expressionismus – Grenzübergreifende Avantgarde im Nationalmuseum in Poznań (16.04.2015) und die kuratorische Führung während der dortigen Nacht der Museen (19.05.2015) miterleben.

Auf dem Foto: Direktorin des Stadtmuseums Dresden Dr. Erika Eschebach, Direktor des Leon-Wyczółkowski-Bezirksmuseums in Bydgoszcz Prof. Michał F. Woźniak und Leiterin des Kraszewski-Museums Joanna Magacz auf der Vernissage am 04.09.2015 im Kraszewski-Museum. Im Hintergrund: Szene aus dem Film Bunt – Re-Vision von der kuratorischen Führung in Poznań (19.05.2015).

Odwiedzając Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego dzięki prezentacji filmu Bunt Re-wizja można obejrzeć również dokumentację wernisażu premiery wystawy „Bunt“ – Ekspresjonizm – Transgraniczna awangarda w Muzeum Narodowym w Poznaniu (16.04.2015) oraz oprowadzania kuratorskiego w trakcie Nocy Muzeów (19.05.2015).

Na zdjęciu: dyrektor Muzeum Miasta Drezna, dr Erika Eschebach, dyrektor Muzeum Leona Wyczółkowskiego w Bydgoszczy, prof. Michał F. Woźniak i kierowniczka Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego w Dreźnie, Joanna Magacz na wernisażu w Muzeum Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego, 4.09.2015.

W tle: Scena z filmu Bunt Re-wizja z oprowadzaniem kuratorskim w Poznaniu (19.05.2015).

5 Bunt Dresden Dir2Unsere Blog-LeserInnen können schon jetzt einen dritten Film über diese Ausstellung sehen, betitelt Bunt Revolte. Diese Produktion von dresdeneins.tv verleiht Einblick in die wichtigsten Schwerpunkte und die Spezifik der Bunt-Ausstellung im Kraszewski-Museum in Dresden.

Auf dem Foto: Ausstellungskuratorin Dr. Lidia Głuchowska und das Team von dresdeneins.tv während der Filmaufnahme, Kraszewski-Museum, 03.09.2015.

Czytelniczki i Czytelnicy naszego blogu mogą już teraz obejrzeć trzeci film o tej wystawie, pt. Bunt Revolte. Jest to produkcja dresdeneins.tv ukazująca najważniejsze aspekty i specyfikę ekspozycji w Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego.

Na zdjęciu: kuratorka wystawy, dr Lidia Głuchowska oraz ekipa dresdeneins.tv podczas realizacji nagrania filmu, Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego, 3.09.2015.

6 BUNT Dresden TV

 

 

Die kleine große Welt (17)

Monika Wrzosek-Müller

Warszawa – Warschau, Impressionen

Sie war in die Stadt ihrer Jugend gereist, mit Freunden und Sohn; ohne bestimmte Absichten, ohne Hintergedanken. Das erste Mal seit langem, oder war das überhaupt das erste Mal, als Touristin, ohne an tausende Sachen, die es erledigen gab, denken zu müssen, ohne sich mit den „daheim Gebliebenen“ beschäftigen zu müssen. Nicht einmal ihre Warschauer Freunde hatte sie benachrichtigt, sie wollte sich die Zeit für sich selbst und ihre Mitreisenden nehmen. Es waren auch nur drei Tage, die sie zur Verfügung hatten.

Ihre Stadt erlebte sie diesmal aus einer ganz anderen Perspektive und war sichtlich erstaunt, wie lebendig, gewachsen, sauber und menschenfreundlich sie geworden war. Abgesehen von den tropischen Temperaturen und einer Trockenheit, die die halbe Weichsel hatte verschwinden lassen, aber doch ein stetes Bemühen sichtbar machte, die Parks und Grünanlagen im Schuss zu halten, abgesehen auch von der gesperrten Brücke der Łazienki-Trasse, wegen der der Verkehr auf die andere Seite der Weichsel lahm gelegt war, war die sommerliche Zeit wunderbar, um die Stadt zu durchwandern und zu besichtigen. Die Warschauer selbst waren eher in Ferien, die große Sommerpause lag ausgebreitet über der Stadt, es gab weniger Verkehr, in den Parks sah man fast nur ältere Leute, kaum Studenten auf den Hauptstraßen Krakauer Vorstadt und Neue Welt; doch sicher viele Touristen, Unmengen von jungen Leuten in heiterer Sommerstimmung, die den Darbietungen verschiedener Akrobaten, Musiker und Theatergruppen aufmerksam folgten, auch viele Gruppen von Ausflüglern aus Israel, Deutschland, Italien und anderswoher. Man hörte vor allem Englisch aus allen Richtungen, in allen Varianten, Niveaus und mit unterschiedlichsten Akzenten und doch natürlich Polnisch, und sie hörte ab und zu ihren Sohn ihre Sprache sprechen und war sehr davon berührt.

Sie wohnten im Mittelpunkt der Bewegung der Menschenmassen, nämlich in der Altstadt. Nie hätte sie gedacht, dass sie da mal wohnen würde, dass man da überhaupt wohnen kann; doch im dritten Stock, in dem schönen, geräumigen und gut eingerichteten Appartement, war es erstaunlich ruhig. Sie durchstreiften die Stadt vor allem zu Fuß und dank der hervorragenden Lage ihres Domizils, konnten sie überall schnell hinkommen, manchmal nahmen sie auch eine Tram und einmal erlebten sie dort eine der zwei Warschauer Fixierungen, der zwei kleinen, ungefährlichen Manien, wie sie sie für sich so nannte und die ihr während des kurzen Aufenthalts aufgefallen waren. Im letzten Moment, als die Tram schon am Fahren war, sprangen vier jugendliche Musiker auf, die im Stil der Warschauer Aufständischen von 1944 angezogen waren, mit weiß-roten Armbinden, Hosenträgern, Schiebermützen und übergroßen, alten Klamotten, und die Lieder aus der Zeit sangen. Es waren sehr einfache, im Marschtempo gesungene Lieder, die damals zur Erheiterung und zum Ansporn, große Taten zu vollbringen, oder auch am Leben zu erhalten, was es zu erhalten gab, gesungen wurden. Wenn die jungen Aufständischen oft in ausweglosen Situation waren, halfen ihnen die Lieder, einen Faden des Optimismus zu spinnen. Sie kannte sie alle von ihrem Vater und konnte sie mitsingen; er hatte sie sein Leben lang, auch in schwierigen Situationen, immer wieder gesungen: „Pałacyk Michla“ [Das Schlösschen von Michler], „Serce w plecaku“ [Das Herz im Rucksack], „Rozszumiały się wierzby płaczące“ [Es rauschten die Trauerweiden] „Hej chłopcy bagnet na broń“ [Also Jungs, Bajonett präsentieren], „Pieśń szarych szeregów“ [Der Song der Grauen Reihen] und viele andere mehr. Mit manchen verband sie die Erinnerung an sie als kleines Kind während der Ausflüge in den Wald, ans Meer oder in die Berge, wo sie diese Lieder alle zusammen marschierend gesungen haben; eine Nostalgie und Melancholie bemächtigte sich ihrer; sie sang: „Ein Soldat marschierte seinen Weg, hat sich eines Herzchens angenommen, er steckte es in den Rucksack und marschierte weiter.“ oder „ Das Schlösschen von Michler, Zytnia, Wola, das alles verteidigen die Jungs von ‘Parasol’ [Schirm], obwohl sie nur Pistolen gegen den Tiger haben – das sind doch Warschauer Jungs…“ ganz im Marschtempo, mit dem großen Optimismus, den man sich einreden musste, sollte und wollte. Eine ältere Frau wandte sich an sie; so toll würden die jungen Leute heutzutage singen, bravo, bravissimo, besser als die herumlaufenden Zigeuner, noch mehr: sie hatte Tränen in den Augen. Die Gruppe bekam gutes Geld und stieg zufrieden mit Schwung aus dem Straßenbahnwagen aus. Noch eine ähnliche Gruppe und noch eine andere haben sie dann auf ihrem Weg zur Altstadt an diesem einen Tag auf diese Art spielen und singen gehört. Überhaupt war der Warschauer Aufstand in der Stadt omnipräsent, abgesehen von dem schönen, umstrittenen Museum des Warschauer Aufstandes, in dessen Archiv ihr Vater seine Erinnerungen deponiert hat, an den vielen Denkmälern und Erinnerungstafeln stolperte man auch in Warschau über die Stolpersteine; natürlich dachte sie, das historische Ereignis wurde so lange verschwiegen, also musste jetzt umso heftiger daran erinnert werden. Doch manchmal hatte sie so ihre Zweifel, wem und wozu das alles diente und diese Überpräsenz der Erinnerungsorte machte sie unsicher. Doch sie freute sich immer, dass ihr Vater noch zu Lebzeiten endlich Anerkennung und Beachtung für sein leidvolles Leben gefunden hatte.

Die zweite Manie betraf Chopin. Sie gingen ganz bewusst zum sonntäglichen Konzert an seinem Denkmal in Łazienki-Park; das ist eine sehr schöne, alte Warschauer Tradition. Es spielten meistens die Teilnehmer des Chopinwettbewerbes. Jung und Alt, hunderte von Menschen hörten sich Jahr für Jahr diese Musik an, die älteren saßen auf den Stühlen und Bänken, die jüngeren lagen im Grass, wie es sich gehört. Wir mussten leider zu den jüngeren zählen, denn es gab keine Sitzplätze mehr. Trotzdem war das Hören dieser sehr polnischen Musik in der besonderen Umgebung ein großes Erlebnis und alle vier waren wir sehr davon berührt und angetan. Sie beobachtete das Publikum; es gab junge Frauen mit kleinen Kindern, die ganz still auf dem Boden lagen, auch junge Väter mit Kindern, die sich meistens weniger ruhig verhielten, weniger präsent waren ganze Familien; die jungen Leute waren alle sehr lässig, eher sportlich angezogen. Es gab aber ältere Damen, sehr aufgemacht; in Hüten, in Sonnenhüten mit Blumen und Kokarden und ohne, mit bunten Tüchern, über die Schulter oder am Hals, mit kleinen Sonnenschirmen, mit kleinen Täschchen oder größeren Körben, weniger Herren in heller Sommerkleidung. Das gefiel ihr ausgesprochen gut; ins Staunen geriet sie aber erst später, auf der Krakauer Vorstadt, wo sich eine Frau auf eine der schönen Bänke setzte und, siehe da, Chopin-Musik erklang, und es stellte sich heraus, dass aus allen diesen schönen Bänken Chopin erklang, sobald man sich glücklich oder unglücklich hinsetzte. Sie war mit Chopin aufgewachsen, die Mutter zwang sie immer wieder zum Chopinwettbewerb zu gehen oder die Vorausscheidungen im Fernsehen oder Radio zu verfolgen. Sie selbst hatte unzählige CDs mit seiner Musik und hörte sie sehr oft und gerne, aber wurde die Musik des Künstlers nicht überstrapaziert mit dieser Omnipräsenz, einer nicht immer gewollten? Es hingen auch überall Erinnerungstafeln, wie lange und wo sich Chopin aufgehalten hatte. Angesichts der Tatsache, dass er eigentlich schon mit 21 Jahren, nach dem Novemberaufstand von 1831, ins Ausland gegangen war und fast sein ganzes erwachsenes Leben in Frankreich verbracht hatte, schien ihr diese Überpräsenz in Warschau etwas lächerlich und künstlich, aber auch rührend.

Des Weiteren besichtigten sie alle möglichen Museen und Gebäude, Galerien und Parks und auch natürlich; was für sie vor 20 Jahren noch gar nicht so natürlich gewesen wäre, den 31. Stock im Kulturpalast von Warschau – demselben ungeheuerlichen Palast, den sie früher immer gemieden, ausgelacht und manchmal auch gehasst hatte, als Symbol der fremden Macht, die sich ihrer Stadt, ihres Landes bemächtigt hatte – wo man das alles noch mal von oben sehen konnte, wo sie unten gewesen waren und staunten über die solide Inneneinrichtung des Palastes, die der vergangenen Zeit trotzte und glänzte und doch irgendwie imponierte.

Neue polnische Prosa auf Deutsch

Am 3. September in unserer Reihe Autor(in)en aus dem Blog lasen in der Regenbogenfabrik Agnieszka Dębska und Karolina Kuszyk. Während der Lesung versprachen wir, dass man den ersten Text, den Agnieszka vorgelesen hat, in zwei Sonntagen auf meinem Blog lesen kann.
So ist es!

Agnieszka Dębska

Exil

Ich versinke in den Büchern, die ich lese, wie in einem Meer, und lasse mich von den Wellen der Worte umspülen, schmecke ihren Salz auf meinen Lippen. Die Geschichten hinterlassen mich in einer Art Trance, in der sich die Realität des Buches mit der mich umgebenden vermischt.
Lese ich von Katzenladies, rieche ich fast den säuerlichen Atem ihrer pelzigen Kinder und den modrigen Geruch ihrer zwiebelartig angelegten Kleider. Im Supermarkt halte ich vor den Regalen mit Tierfutter und wundere mich später Zuhause über die kleinen Aluminiumschalen mit Leber und Thunfisch, deren Inhalt ich schließlich der rot-weißhaarigen Katze vorsetze, die seit einigen Wochen vor unserer Haustür miaut. Als ich von einem Städtchen las, in dem Kinder verschwanden und später missbraucht und tot aufgefunden wurden, weinte ich bei jedem Wort und drehte beim Anblick der Nachbarskinder meinen Kopf weg, der ihre kleinen Körper in dunklen Verließen zu sehen glaubte. Abends verriegelte ich meine Wohnungstür, rollte mich im Bett zusammen und ließ das Licht die ganze Nacht lang brennen.
Ich lese Geschichten, in denen sich die Fäden menschlichen Lebens über Generationen hindurch und Ländergrenzen hinweg zu einem Tuch zusammen weben, das die Gerüche der Kindheit und den Schweiß des Alters aufnimmt und sich schließlich über den Körper legt zum letzten Schlaf. Von Kriegswirren lese ich und Vertreibung, während ich alten Menschen in der Bahn Platz mache. Ich versuche mich an die Düfte zu erinnern, die zu meiner Kindheit gehörten. An den Geruch, der die Küche meiner Großmutter erfüllte als sie eine Ente mit durchgeschnittener Kehle kopfüber hängte, um aus dem aufgefangenen Blut eine Suppe zu kochen. “Probiere doch wenigstens mal”, sagte sie später und hielt mir einen Löffel schwarzen Inhalts hin und ich liebte sie zu sehr, um mich zu weigern. Ich denke an die Hände meiner Großmutter, die eckig waren und groß, an ihre starken Schultern in dem blumigen, ärmellosen Hauskittel, hinter dem ich mich verstecken konnte, wann immer ich Schutz brauchte. Selbst damals, als ich mit meiner Freundin Anna Himbeeren aus dem Garten von Frau Kozlowski gepflückt und dabei ihre Blumen zertrampelt habe, und meine Mutter ihrer Scham mit einem Klaps auf meinen Hintern Ausdruck verleihen wollte, hatte sich meine Großmutter vor mich gestellt. „Lass doch das Kind in Ruhe“, hatte sie gesagt und mit ihrer großen, nach Arbeit riechenden Hand nach hinten gegriffen, um meinen kleinen Körper noch dichter an den ihren zu drücken. Wie seltsam, dachte ich, dass die rissigen Hände, die mit schneller Bewegung Federn rupften, mit dünner Nadel Socken stopften und Kartoffeln stampften, sich so gut dazu eigneten, über meinen Kopf zu streichen und sich um meine Schulter zu legen.
Ich lese von Bauern, die Soldaten wurden, von Soldaten, die Maurer wurden, Bergmänner, Ladenbesitzer, Säufer. Von Menschen, die ihre Heimat verließen mit dem Geschmack der einfachen Gerichte ihrer Mütter auf der Zunge, der sich von keinen Delikatessen wegspülen läßt und den sie nie wieder aufnehmen können.
Ich denke an die Fässer mit Sauerkraut im Dorfladen von Frau Pisak und an Frau Pisaks Tochter Kalina, die erwischt worden war beim Klauen eines Kohlkopfs vom Feld des Bauern Nowak. Alle Kinder klauten von seinem Feld, mit roten Wangen der Aufregung und der Angst, denn es wurde bewacht von einem Hund, der sich manchmal heranzuschleichen pflegte, bevor er sich mit lautem Gebell auf Diebe stürzte. Kalina, ein Jahr älter als wir, hatte ihn damals nicht kommen gehört. Zusätzlich zu dem Schmerz und dem Verband um ihren rechten Knöchel gab es als Strafe Hausarrest, dem sie nur entkommen konnte, wenn sie im Laden aushalf. Mit einer Holzzange griff sie in eins der Fässer und füllte für Anna und mich eine Tüte mit den tropfenden Fäden. Wir aßen das Kraut mit den Händen, kaum dass wir den Laden verlassen hatten, auf dem Weg zu den Obstgärten, um dort Äpfel zu klauen.

Ich lese von der Missgunst dauergewellter Frauen in Wohnungen, die nach Kohl riechen und nach dem Schweiß ihrer Männer, die nach Schweiß riechen mussten, weil es sich für Männer so gehörte. So wie es sich gehörte, eine Plastikschutzdecke über den Küchentisch zu spannen, ein Kreuz über die Tür zu hängen und sich seufzend seinem Schicksal zu ergeben. Ich las von Nasen, die gerümpft wurden über jeden, der anders sein wollte und den Versuch wagte, diesem Willen zu folgen.
Ich denke an Ewa, unsere Nachbarin an der Mickiewicz-Straße, die mit ihrer Mutter und einem sanft blickendem Schäferhund namens Charlie zusammen wohnte, und mich mit ihren dunklen Locken und runden Wangenknochen an die Jazzsängerin Hanna Banaszak erinnerte, die ich so mochte. „Alte Jungfer“, flüsterten die anderen Frauen im Haus einander zu, wenn Ewa mit Charlie an ihnen vorbei ging, ohne sich in ihre Gespräche über andere Nachbarinnen, die Preise im Laden oder die neuste Folge der wöchentlichen Telenovela hineinziehen zu lassen. „Guten Tag“, sagten die Frauen mit den Plastiküberzügen auf den Küchentischen, und tuschelten, kaum dass Ewa das Haus verlassen hatte, über ihren Lebensstil. „Und sie war nie verheiratet?“, fragte Frau Radomska aus dem zweiten Stock. „Wieso denn nicht? So hässlich ist sie ja nicht, da muss doch was nicht stimmen, wie kann denn das sein, in ihrem Alter, und kein Mann.“ Nur dieser Hund die ganze Zeit, das Monster, überall nur der Hund, wo sie den denn sonst mit hinein nehmen würde, haha, lachte Frau Mieczyk aus dem ersten Stock. Eigentlich sei das ja traurig, entgegnete Frau Radomska, die früher oder später alles traurig fand. „Ach was, ekelhaft ist das“, spuckte Frau Mieczyk. „Und ihre arme Mutter, die hat ja auch nicht mehr lange, wie sie das aushält, so eine Tochter, und in der Kirche sieht man die ja auch nicht, aber die Wohnung soll ja groß sein, die größte im Haus.“ Ungerecht sei das doch, seufzte Frau Wilga, die neben Frau Mieczyk wohnte, wo sie sich mit ihren drei Kindern und dem Nichtsnutz von Mann die zwei kleinen Zimmer teilen muss, aber was solle man machen, die Welt sei ungerecht, und den Armen wehe der Wind immer in die Augen.
Die Wohnung, die Ewa mit ihrer Mutter und Charlie bewohnte, hatte drei Zimmer und war mit ihren Flügeltüren zwischen den zwei großen Räumen, den hohen Fenstern und alten Holzmöbeln die schönste Wohnung, die ich als Neunjährige je gesehen hatte. Ich wurde von Ewa zum Tee eingeladen, und saß etwas schüchtern im Wohnzimmer, den ich in Gedanken ehrfürchtig als Salon bezeichnete. Ich bewunderte das Kristallgeschirr hinter der Glasvitrine und den seiden schimmernden Bezug der Stühle mit elegant geschwungenen Lehnen, es roch ein wenig nach Staub, nach Alter und nach Hundefell. Ewa lud mich noch zwei, drei Mal zu sich ein, wir tranken Tee und aßen Kuchen, den ihre Mutter buk, und hörten Schallplatten mit Liedern aus der Vorkriegszeit, deren Traurigkeit ich damals zwar fassen, aber noch nicht begreifen konnte. „Miłość ci wszystko wybaczy“ – „Die Liebe verzeiht dir alles, denn die Liebe, mein Lieber, bin ich“. Ich fühlte mich auserwählt, aber ich erzählte niemandem von meinen Besuchen in der Wohnung, die zurecht Gegenstand des nachbarlichen Neids war. Nicht lange nach meinem letzten Besuch erkrankte Charlie an Epilepsie. Ich hörte ihn nachts immer wieder heulen und Ewa entschuldigte sich jedes Mal mit geröteten, müden Augen, wenn ich ihr zufällig im Flur begegnete. Sie lud mich nicht mehr ein und tat es auch nicht, nachdem aus ihrer schönen Wohnung kein Murks mehr zu hören war.

Ich lese auf dem Weg zur Arbeit, wo sich in die Geschichte von Deportation das gleichmäßige Rattern meiner Bahn auf den Schienen hinein stiehlt, während ich an Häusern vorbei fahre, deren Fassaden vom Kriegsende zeugen, das für die einen Erlösung war, für andere Katastrophe. Ich forme mit den Lippen das eine oder andere Wort nach und wiederhole es flüsternd, wie einen Zauberspruch, von dem ich nicht sicher bin, ob er nicht Fluch ist. Die Worte lösen sich in mir auf wie Seife in Wasser und steigen in Blasen auf, in denen sich schimmernd das Gelesene und das Erlebte im Kreis drehen, treffen, auseinander driften.
Die Geschichte von Hans, der zu Heniek und dann wieder zu Hans und schließlich namenlos wurde, weil es niemanden mehr gab, der seine Identität und seine Herkunft bestätigen oder widerlegen könnte, läßt mich an den Mann denken, den ich jeden Abend in meiner Straße sehe. Seine dünne Gestalt verbirgt sich unter einem ausgebeulten Wintermantel, das Gesicht ist schmal und schlecht rasiert und seine Augen, die immer wässrig zu sein scheinen, blicken kaum jemanden direkt an. Er führt einen kleinen Terrier an der Leine. Tinchen, sagt er liebevoll, nun komm doch, Tinchen, was suchst du denn da, was willst du denn da, da ist nichts, was ist denn da, Tinchen, da ist doch nichts. Komm, Tinchen, komm, sagt er und meistens hört der Hund auf ihn und lässt von den Büschen ab, die ihn anziehen aus Gründen, die nur ein Hund kennt. Wenn Tinchen nicht hört, zieht der Mann nicht an der Leine sondern geht in seinem langsamen, gebeugten Gang zu dem Tier, hebt es hoch – Was machst du für Sachen, Tinchen – und drückt es sanft an seine Brust, läuft mit dem Hund auf dem Arm weiter, Du weißt doch, Tinchen, dass das nicht geht, weißt du denn nicht, was passiert ist bei der Rosi, das weißt du doch, das weißt du doch, dass das gefährlich ist, wie das enden kann, aber ich kann ja reden, wie ich will, was bist du neugierig, Tinchen, wir gehen jetzt nachhause und machen es uns gemütlich, machen uns was Feines. Tinchen wird unruhig und er lässt sie wieder zu Boden, ich sehe, wie er sich mit der Hand über die Augen fährt, bevor zuerst Tinchen und dann er um die Ecke verschwinden und mich stehen lassen vor dem Supermarkt, dessen Gänge ich kurz darauf durchquere wie in Trance, langsam und gebeugt, und appetitlos.

Ich lese von Sehnsüchten einer Generation, die die sichere Enge der Heimat eintauschen will gegen eine unbestimmte Freiheit mit exotischen Namen und Düften, die sie nur aus Geschichten ihrer Großeltern kennt, für die früher mal ein Leben unter Menschen anderen Glaubens und anderer Herkunft nichts Ungewöhnliches war, solange es genug Ähnlichkeiten gab, solange kein Unglück passierte, für das man die anderen verantwortlich machen konnte. Ich denke an die ersten deutschen Worte, die ich hörte, an Halt und Achtung und Schneller, schneller, Worte, die jedes Kind auf dem Hof kannte und die mit strenger Stimme gebrüllt wurden bei Spielen, bei denen keiner der Deutsche sein wollte, der Szkop, der Schwab, obwohl alle nach den Süssigkeiten gierten, die Monika von ihrem Vater aus Deutschland bekam. Das Silberpapier, in das sie gewickelt waren, die Bonbons und Kaugummis, wurde mit dem Handrücken glatt gebügelt und gesammelt wie Schätze, denn von klein auf lernte man nichts wegzuwerfen: wer weiß wozu es noch gut sein kann, zur Not kann man es eintauschen gegen etwas Brauchbares, Not macht erfinderisch. Die deutsche Schokolade verschwand in polnischen Mündern, den gleichen, die am nächsten Tag hinter Monikas Rücken “Verräterin” zischten, keiner sollte denken, dass sie käuflich waren, dass die süsse, klebrige Masse sie vergessen ließ, was ihre Eltern und Großeltern erlebt hatten, auch wenn sie selbst selten davon erzählten. Bis sich später in das Grau des Alltags das Rot, Blau und Grün der Hochglanzbilder mischte aus westlichen Katalogen für Autos, Reisen und Möbel, und das Reich immer weniger mit Entbehrung verbunden wurde und immer mehr mit Reichtum. Und als diejenigen, die die Heimat verlassen haben, ins Reich, ins Reich, immer seltener von sich hören ließen, nahm man es als Zeichen eines besseren Lebens, das zu teilen die Fortgänger nicht bereit waren. “Gierig war sie ja schon immer”, hieß es dann, und dass die Auszügler vergessen hätten, woher sie kamen, in ihren Palästen, die doch aussehen mussten wie die aus den Katalogen. Nur selten kam ans Licht, dass das Leben im Reich gezeichnet war von schlecht bezahlter Arbeit und bösen Blicken, von Polaken-Witzen und Scham und großer Sehnsucht nach der Heimat, nachts, wenn man zu müde war um zu schlafen in Palästen aus Hoffnung und Silberpapier.

Ich lese von Geburten und suche nach passenden Namen, erhebe mein Glas auf Brautpaare, die sich Seiten später angiften, ergreife Partei und fluche mit den Pechvögeln, denen ich Besseres wünsche als das papierene Schicksal. Auf der Suche nach eigener Leidenschaft probiere ich aus, was die Protagonisten antreibt, fotografiere, esse vegan, ziehe Hüte an, die der Hauptfigur gut stehen. Mit jedem Blatt, das die Erzählungen ihrem Ende näher bringt, fühle ich wie die Zeit vergeht. Ich bade in jeder Seite wie im Meer, das mich fort treibt von mir selbst, um mich mit der nächsten Welle meiner eigenen Geschichte näher zu bringen, in der Hoffnung auf ein Ufer, das ich Heimat nennen kann.

Flüchtlinge in Berlin

Ewa Maria Slaska

Ein Tag an der Havel

Schon den ganzen Sommer leben wir mit den Medienmeldungen über Flüchtlinge. Es verfolgen uns die Bilder der Menschen, die bei der Flucht sterben und es suchen uns katastrophische Gedanken über die neue Völkerwanderung heim. Wir sind zerrissen zwischen die Bange um die, die zu uns kommen wollen, und der Angst von dem Fall unserer Welt.

Mein Gefühl sagt mir aber, dass man das alles relativieren soll, dass es sich doch klärt, wie wir als Europa mit dem Problem umgehen sollen, sowohl dort, wo die Flüchtlinge herkommen, als auch hier, wo sie hingekommen sind. Ich war selber zuerst ein Flüchtling und dann auch über acht Jahre lang eine Mitarbeiterin der Flüchtlingshilfe in Berlin. Ich weiß, ich darf meine Erfahrungen einer polnischen Asylbewerberin 1985 in Deutschland nicht mit der Situation der Flüchtlinge in den Booten auf dem Mittelmeer vergleichen. Ich kam wie ein Mensch hierher, wurde wie ein Mensch behandelt und als ich mit den anderen Zugekommenen gearbeitet habe, weiß ich, dass wir sie wie die Menschen behandelt haben.

Und das meine ich, sie sind keine Bedrohung, sie sind Menschen. Dass sie jetzt so viele kommen, stellt an sich auch keine Bedrohung dar. In der Zeiten, als ich bei der Flüchtlingshilfe tätig war, gab es auch große Mengen, die auf einmal kamen, es gab Jahre, in denen in Berlin 400 Tausend Flüchtlinge betreut hatte, und wir haben es überstanden, mehr noch, in manchen Hinsichten profitierte die aufnehmende Gesellschaft davon, dass wir kamen oder dass sie kamen. Es gab auch zuerst Protesten und Ängste, Demonstrationen und Angriffe auf die Wohnheime, und es hat sich alles gelegt und beruhigt.

piotr-reginaRegina und Piotr, Wohnheimleiter

Meine Freunde von damals arbeiten immer noch oder schon wieder bei der Flüchtlingshilfe. Ich rufe Piotr Skrzędziejewski an, der jetzt bei AWO-Mitte arbeitet. Die Arbeiterwohlfahrt, lese ich in der Infomappe, gehört zu den sechs Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland. Der AWO Kreisverband Berlin-Mitte e.V. ist einer der großen Träger sozialer Arbeit in Berlin. Der Verein betreibt insgesamt elf Flüchtlingswohnheime, in denen an 3500 Menschen Obdach und soziale Betreuung finden.

Bunt ist eine schöne Farbe, lautet die Losung der AWO 2015.

Piotr ist vom Anfang an Leiter des Refugiums an der Havel. Die Einrichtung existiert seit Oktober 2013.

Es ist ein schöner Sommertag als ich hinfahre. Gestern wurde die Turnhalle mitten in einem Flüchtlingsheim angezündet und ich frage mich, wie man darauf reagiert, wenn man selber in einem Flüchtlingswohnheim angestellt ist? Ich treffe mich mit Piotr und Regina – mit beiden habe ich damals in dem riesengroßen Asylbewerberwohnheim in der Streitstraße gearbeitet.
Habt ihr Angst?, frage ich. Angst, nein, nicht, sagen die beiden, aber ein bisschen mulmig ist dann einem, klar. Wir müssen vielleicht die Kontrolle an der Pforte und auf dem Gelände verstärken.

havelhausEin paar Tage später klärt sich, dass es keine Angreifer waren, sondern im Gegenteil, spielende Flüchtlingskinder. Man kann ausatmen, aber wer weiß, was wiederum diese Erklärung in den Köpfen von Populisten hervorruft? Horror! Wir werden alle in unseren Betten verbrannt… Oder so.

ogrodDas Gelände eines ehemaligen Pflegeheimes von Vivantes ist geräumig und schön geplant. Na ja, sagt Piotr, gebaut 1943, vielleicht gar von Baldur von Schirach, Erholungsheim der Organisation Todt für Nazis aus dem Ausland. Wir lächeln beide, amüsiert ob dieser Ironie der Geschichte. Da, wo sich vielleicht eine Lagerfeuerplatz der jungen Nazis aus dem Ausland befand, hat jetzt eine ehrenamtliche Mitarbeiterin zusammen mit den Kindern einen Gemeinschaftsgarten angelegt, einen Nutzgarten mit Kürbissen und Zucchini, die jeder ernten kann. Heute steht der Garten leer, weil auf dem nebenan liegenden Platz ein Kinderfest stattfindet.

kinderfestKinder? frage ich. Jeder weiß doch, dass es nur die Männer sind, die kommen, bewaffnet und maskiert.
Ja. Es wohnen im Heim 450 Flüchtlinge, darunter 250 Kinder!
Die Hauptgruppen der Bewohner bilden die Syrer und Kosovo-Albaner, gefolgt von Serben, Albaner und Bosnier, sowie Afghaner. Niemand aus Ukraine, sieben Personen aus Russland, 21 aus Irak, 12 aus Iran, 9 aus Eritrea.

Ich schaue mir alles in Ruhe an. Drei Gebäude, in jedem 5 Wohnblocks. Kleine Zimmer für 2 bis 5 Personen. Im jeden Wohnblock eine große Nasszelle sowie eine Gemeinschaftsküche für diejenige, die sich schon selbst versorgen können. Sauber, sogar – sehr sauber. Damals, in der Streitstraße war es nie so sauber und am Montag sah das Haus recht katastrophal aus.

imwohnheim– Wie ist es möglich, dass es hier so sauber ist?
– Weil es hier auch am Wochenende gesäubert ist. Damals gab es keine Betreuung am Wochenende und auch keine Pflegedienst. Die Bewohner hatten nichts zu tun, es kam öfter zu Auseinandersetzungen, zu Trinkgelagen… Daher war es am Montag im Haus wie in einer Schweinestall. Bei uns gibt es Dienst sieben Tage die Woche…

Das Wohnheim ist eine Erstaufnahmestelle, d.h. hierher kommen diejenigen, die ganz neu sind, gebracht von der Polizei oder aber auch eigenständig. Ein Durchgangsheim hieß es in „unseren Zeiten“. Unser Heim in der Streitstraße war so ein Durchgangsheim. Erst in den 90ern als die Anglizismen in das Berliner-Gemeinschaftsleben eingedrungen sind, hieß solche Einrichtung eine „Clearingstelle“. Jetzt, 20 Jahre später, kommt ein deutsches Wort zurück.

– Zuerst sollen also die Flüchtlinge hier drei Monate verbringen, sagt Piotr. In dieser Zeit soll theoretisch das Asylverfahren schon beendet sein. In der Regel beträgt jedoch die Bearbeitung der Asylanträge heute sechs Monate. Die Flüchtlinge bleiben bei uns länger, weil in den Gemeinschaftsunterkünften keine ausreichende Plätze vorhanden sind. In den ersten drei Monaten also bekommen sie eine gemeinsame Verpflegung. Nach drei Monaten auch wenn sie nicht in andere Wohnheime verlegt werden, bekommen sie Geldleistungen. Also Hartz IV wie jeder andere Bürger in Deutschland, der keine Arbeit hat und kein eigenes Vermögen. Sie versorgen sich dann selbst. Das ist ganz neu und viel besser als damals. Als ich 1986 angefangen habe in den DRK-Heimen zu arbeiten, war das unerhört. Die Asylbewerber hatten in Wohnheimen zu wohnen und dort gemeinsam verpflegt zu werden. Erst als ihr Status geklärt war, als die Asylbewerber Die Anerkennung des Asyls bekamen oder Duldung oder in manchen Fällen als Deutsche anerkannt wurden, bekamen sie das Recht in einer eigenen Wohnung zu wohnen und Geldleistungen zu beziehen. Jetzt gibt es eine klare Regel, wenn man drei Monate in Deutschland ist, bekommt man Geld, auch wenn er noch nicht von der Bürokratie völlig aufgenommen wurde. Man bleibt also weiterhin in einem Durchgangsheim, ist aber schon ein Selbstversorger. Ich staune und staune…

– Und die Kinder, frage ich, dürfen sie in die Schule?
Weil es damals nicht der Fall war. Die Kinder der Asylbewerber unterlagen keiner Schulpflicht. Daher haben wir in der Streitstraße eine Art Schule eingerichtet. Eigentlich für Kinder, aber sehr oft kamen auch die Mutter dazu. Elternalphabetisierungsprogramme gab es damals nicht. Jetzt gibt es von dem ersten Tag eine Schulpflicht für Asylbewerberkinder. Auch eine Neuigkeit, auch hier ist etwas besser als damals, auch ein Grund zum Staunen.

Und die Ehrenamtlichen, die umsonst arbeiten. Für Deutschunterricht, aber auch für Kinderbetreuung. Damals eigentlich auch kein Thema. Ich glaube nicht, dass wir damals Ehrenamtliche hatten.

stadtratpiotrmonikaWir gehen zum Kinderfest und treffen dort Frank Bewig, einen Stadtrat des Bezirks Spandau. Wir machen ein gemeinsames Foto und ich bekomme die Erlaubnis, meinen Text samt Foto zu veröffentlichen. Auch in der TAZ? Natürlich, auch in der TAZ, da war ich noch nie… Das Fest verläuft ruhig, die Kinder sind interessiert, nehmen an vielen Angeboten teil, sie tanzen, singen, nähen, malen…

– Ist es hier immer so friedlich?
– Nein, nicht immer, aber es ist nichts Außergewöhnliches, so wie in jeder Gruppe, ab und zu kommt es zu Konflikten… Aber wir sind ein internationales Team, das hilft immer bei der Schlichtung der Konflikte.

Wir treffen einen jungen Betreuer, der gerade für heute seinen Dienst beendet. Ahmad Mahayni, ein Syrer, verheiratet, zwei kleine Kinder. Vor zwei Jahren wohnte er selbst als Flüchtling im Refugium an der Havel, jetzt spricht er schon Deutsch und arbeitet hier als Betreuer. Ein Musterflüchtling. Wir verabreden uns für ein Interview. Ich möchte mehr über Syrien erfahren.

essenWir gehen in die Gemeinschaftsküche. Unterwegs sehen wir eine Reihe junger Männer, alle über ihre Handys oder Tablets gebeugt.

– Hier haben wir Internet-Café und auch draußen ein WLAN.

Wir bekommen unser Essen und gehen in den Speisesaal. Das Essen schmeckt sehr gut, in meiner Kantine im Rathaus Kreuzberg, wo der berühmte Herr Palla der Küchenchef ist, bekommt man nicht besser zu Essen. Ich schaue mir das Wandbild an.

obraztybet– Das ist das tibetanische Lebensfest. Es malte Dolgor Ser-Od, unsere Bewohnerin, die in der Küche arbeitet. Wir vermehren uns fröhlich.

***

Ich weiß, jeder wird jetzt behaupten, ich idealisiere das Bild: In diesem schrecklichen Sommer ist es doch mit Flüchtlingen, die bei uns sind, nicht einfach, es muss doch eher schrecklich sein. Es ist doch vielmehr so, dass wir überall Angst haben müssen, dass die angekommenen Syrer hier die 5. Kolumne der Djihadisten bilden, dass…

Ich weiß es nicht, ich möchte nicht pauschal über die Dinge entscheiden. Es war in diesem Sommer 2015 ein Zufallstag in einem Zufallswohnheim für Asylbewerber… Es war ein schöner, ruhiger Tag und ich kam nach Hause zurück, zufrieden und beruhigt.

Möge das für alle anderen Flüchtlinge und für uns alle gelten…

Es ist Bunt in Dresden / Bunt w Dreźnie

Wersja polska poniżej

Dr. Lidia Głuchowska

„Bunt– Expressionismus – Grenzübergreifende Avantgarde“ verwandelte das Kraszewski-Museum Dresden

„In der dreijährigen Geschichte der Sonderausstellungen im Kraszewski-Museum Dresden gab es eine solche Ausstellung noch nie. Sie hat unsere Innenräume komplett verwandelt. Und die Glasinstallation In-Einander-Greifen von Karolina Ludwiczak und Marcin Stachowiak, deren Erstausstellung morgen stattfindet, ist einfach phänomenal”, meint Joanna Magacz, Museumsleiterin.

In den historischen und überraschend so umfangreichen Räumlichkeiten der Villa des literarischen Museums von Józef Ignacy Kraszewski, welche in einer pittoresken Ecke Dresdens liegt, wird morgen die nächste, bereits dritte Enthüllung der internationalen Ausstellungstour Bunt – Expressionismus – Grenzübergreifende Avantgarde. Werke aus der Berliner Sammlung von Prof. St. Karol Kubicki“ stattfinden. Nicht ohne Grund. Bunt war nämlich nicht nur eine Gruppierung deutsch-polnischer Künstler, sondern auch ein Bund von bildenden Künstlern und Literaten.

1 Drezno

Bisher wurde die Ausstellung im Nationalmuseum Poznań und im Leon-Wyczółkowski-Kreis-Museum in Bydgoszcz präsentiert – eben in den Museen, die von der großzügigen Schenkung des Sohns von Margarete und Stanisław Kubicki profitiert haben. Berichte dazu befinden sich u.a. HIER HIER HIER HIER HIER HIER

5 bunt-pion

Im Zentrum der Schau stehen über 80 Grafiken, Zeichnungen und Plakate der Expressionistengruppe Bunt (dt. Revolte, 1918–1922) – Kunstwerke der Kubickis und von Jerzy Hulewicz, Jan Panieński, Władysław Skotarek, Stefan Szmaj und Jan Jerzy Wroniecki.

6 Dresden Stefan SzmajStefan Szmaj

Die Ausstellung wird von Präsentationen zeitgenössischer Künstler begleitet. In Dresden findet die Erstausstellung der monumentalen Installation statt, die aus zwei aufeinander aufgestellten Porträtglastafeln besteht und mit In-Einander-Greifen (2015) betitelt ist. Ihr Hauptbestandteil ist ein Paar von Reliefs, die vom künstlerischen Tandem Karolina Ludwiczak und Marcin Stachowiak geschaffen wurden. Als eine Entsprechung der Mitbegründer von Bunt – Margarete und Stanisław Kubicki – unternehmen sie ein gattungsübergreifendes Spiel mit deren künstlerischem Schaffen. Sie knüpfen dabei an die plastikartige Form der Linolschnittplatten an, von denen die Linolschnittporträts der beiden Kubickis um1918 abgedruckt wurden.

kubicki-fotoDas Logo der Ausstellung, geschaffen von Andrzej Bobrowski, wie auch die kollektiven Präsentationen von 31 Grafikern – Reflex (2014-2015), Flyer und Sie 7 (2015) –, veranschaulichen den stilistischen und programmatischen Einfluss des Œuvres der Gruppe Bunt auf die aktuelle Kunst.

10 Dresden Bunt Reflex FilmFilm Reflex

Die Bunt-Künstler schufen das umfangreichste internationale Netzwerk unter den polnischen frühavantgardistischen Gruppierungen. Der grenzübergreifende Kontext ihrer Wirkung wird in der Ausstellung von zahlreichen großformatigen Fotografien und Dokumenten veranschaulicht, die auf den arrangierten Litfasssäulen präsentiert werden.

Obwohl Berlin zweifelsohne das wichtigste der ausländischen Zentren für die Aktivitäten der Gruppe Bunt darstellte, pflegten ihre Mitglieder ebenfalls zur Kunstszene Dresdens Kontakte, insbesondere zur Dresdner Sezession: Otto Dix, Conrad Felixmüller, Henryk Barciński und Otto Krischer. Dies ist ein weiterer Grund, weshalb die Ausstellung derzeit in der Heimat des Expressionismus stattfindet, wo 1905 die erste Gruppe dieser stilistischen Formation – Die Brücke – gegründet wurde.

Freitag, 04.09.2015, 19.00 Uhr

Eröffnung der Ausstellung mit thematischer Einführung

„Die Gruppe Bunt, die internationale Wanderausstellung und die Spezifik der Schau in Dresden”, mit Dr. Lidia Głuchowska, Universität Zielona Góra, Institut für Visuelle Künste, Künstlerische Fakultät, Kuratorin

Sonntag, 04.10.2015, 15.00 Uhr

Vortrag und Führung von Dr. Lidia Głuchowska

„Das Werk der Gruppe Bunt (Revolte) als Inspiration für Gegenwartskünstler in Deutschland und Polen”

(über die Kunstpräsentationen Reflex, Flyer und Ich sowie die Installation In-Einander-Greifen von Karolina Ludwiczak und Marcin Stachowiak).

Sonntag, 08.11.2015, 15.00 Uhr

Vortrag und Führung von Dr. Lidia Głuchowska
„Bunt, internationaler Expressionismus und die avantgardistische ,Neue Welt’“

Sonntags, 20.09.2015 und 11.10.2015, jeweils 15.00 Uhr

Öffentliche Führungen durch die Sonderausstellung mit Susanna Käpler, Museologin
„Vom Aufruf zur Versöhnung bis zur künstlerischen Revolution. Der expressionistische Charakter der der deutsch-polnischen Künstlervereinigung Bunt

Konzeption / Kuratorin der internationalen Ausstellungstour: Dr. Lidia Głuchowska

Ausstellung
05.09–08.11.2015
Kraszewski-Museum Dresden (Museen der Stadt Dresden)
Nordstraße 28, 01099 Dresden
http://www.museen-dresden.de


Dr Lidia Głuchowska

Bunt – Ekspresjonizm – Transgraniczna awangarda” przeobraziły Muzeum im Józefa Ignacego Kraszewskiego

„W trzyletniej historii wystaw czasowych w Muzeum im Józefa Ignacego Kraszewskiego w Dreźnie takiej ekspozycji jeszcze nie było. Ta całkowicie przeobraziła nasze wnętrza. A instalacja Przenikanie Karoliny Ludwiczak i Marcina Stachowiaka, której premiera będzie miała miejsce dziś, jest po prostu fenomenalna” – twierdzi Joanna Magacz, kierowniczka muzeum.

W historycznych i zaskakujaco obszernych wnętrzach położonej w malowniczym zakątku Drezna willi – muzeum literackim Józefa Ignacego Kraszewskiego zostanie jutro otwarta kolejna, trzecia już odsłona międzynarodowego tournée wystawy „Bunt – Ekspresjonizm –Transgraniczna awangarda. Prace z berlińskiej kolekcji prof. St. Karola Kubickiego”. Nie bez powodu. Bunt był bowiem nie tylko grupą o polsko-niemieckim składzie, lecz również stowarzyszeniem plastyków i literatów.

2 DresdenDotychczas pokazywana była w Muzeum Narodowym w Poznaniu i Muzeum Okręgowym im. Leona Wyczółkowskiego w Bydgoszczy, które są beneficjentami hojnej darowizny syna polsko- niemieckiej pary artystów Margarete i Stanisława Kubickich. Relacje na ten temat znajdują się HIER HIER TU HIER TU HIER

Zasadniczą część wystawy stanowi ponad 80 grafik, rysunków i plakatów ekspresjonistycznej grupy Bunt (1918–1922), do której należeli Kubiccy, Jerzy Hulewicz, Jan Panieński, Władysław Skotarek, Stefan Szmaj i Jan Jerzy Wroniecki.

4 trzywszeregu 3 trzy kwadratoweEkspozycji towarzyszą pokazy realizacji współczesnych. W Dreźnie ma miejsce premiera unikalnej, monumentalnej instalacji z nakładających się szklanych portretowych tafli – Przenikanie (2015), której główny element stanowi para reliefów autorstwa tandemu artystycznego Karolina Ludwiczak i Marcin Stachowiak. Jako odpowiednik współzałożycieli Buntu – Margarete i Stanisława Kubickich – podejmują oni transmedialny dialog z ich twórczością graficzną, wskazując na paradoks niemożności powielania ich linorytowego dzieła.

5Logotyp wystawy autorstwa Andrzeja Bobrowskiego oraz grupowe realizacje 31 grafików – Refleks (2014-2015), Ulotka oraz Ich 7 (2015), ukazują stylistyczny i programowy wpływ dokonań grupy Bunt na sztukę najnowszą. Poza pracami na papierze wystawa obejmuje także dwa filmy artystyczne – Refleks i Re-Wizje.

6Poza pracami na papierze i witrażową instalacją ze szkła wystawa obejmuje także dwa filmy artystyczne – Refleks i Re-Wizje. Pierwszy z nich prezentuje komentarze do prezentowanej na wystawie książki artystycznej pod tym samym tytułem, zawierającej 16 oryginalnych prac współczesnych autorstwa grafików poznańskich. Drugi dokumentuje tournée wystawy donacyjnej od momentu przekazania polskim muzeom daru z berlińskiej kolekcji prof. St. Karola Kubickiego.

Artyści grupy Bunt stworzyli najrozleglejszą spośród polskich ugrupowań wczesnoawangardowych sieć kontaktów międzynarodowych. Ów transgraniczny kontekst ukazują na wystawie liczne fotografie oraz dokumenty reprodukowane na zaaranżowanych słupach ogłoszeniowych.

7Choć najważniejszym z zagranicznych ośrodków działalności Buntu był Berlin, jego członkowie utrzymywali także kontakty z artystami Drezna, w tym Dresdner Sezession: Ottonem Dixem, Conradem Felixmüllerem, Henryk Barcińskim i Ottonem Krischerem. To jeszcze jeden powód, dla którego wystawa odbywa się obecnie w ojczyźnie ekspresjonizmu, gdzie w 1905 powstała pierwsza grupa tej formacji stylistycznej, Die Brücke.


Program towarzyszący wystawie obejmuje:

Piątek, 4.09.2015, godz. 19.00

Wernisaż

„Grupa Bunt, międzynarodowe tournée wystawy donacyjnej i specyfika odsłony w Dreźnie”
dr Lidia Głuchowska, Uniwersytet Zielonogórski, Wydział Artystyczny, Instytut Sztuk Wizualnych

Niedziela, 4.10.2015, godz. 15.00

Wykład i oprowadzanie kuratorskie w języku niemieckim: dr Lidia Głuchowska

„Twórczość grupy Bunt jako inspiracja dla współczesnych twórców w Polsce i w Niemczech” (o prezentacjach artystycznych Refleks, Ulotka i Ich 7 oraz instalacji Przenikanie Karoliny Ludwiczak i Marcina Stachowiaka).

Niedziela, 8.11.2015, godz. 15.00

Wykład i oprowadzanie kuratorskie w języku niemieckim: dr Lidia Głuchowska
„Bunt, międzynarodowy ekspresjonizm i ‘nowy świat‘ awangardy”

W niedziele, 20.09.2015 i 11.10.2015, o godz. 15.00

Zwiedzanie wystawy z przewodnikiem (w języku niemieckim): Susanna Käpler, muzeolog
„Od apelu o pojednanie do artystyczno-politycznej rewolucji. Ekspresjonistyczny charakter polsko-niemieckiej grupy artystów Bunt


Kuratorka międzynarodowego tournée wystawy / autorka koncepcji: dr Lidia Głuchowska

Wystawa: 5.09–8.11.2015
Muzeum im Józefa Ignacego Kraszewskiego w Dreźnie
Nordstraße 28, 01099 Drezno
http://www.museen-dresden.de
środa–sobota, godz. 13.00–18.0


O Muzeum w Dreźnie już kiedyś był wpis na blogu

Der Polin Reiz bleibt unerreicht

Karolina Kuszyk und Agnieszka Debska
mit einer weiteren Lesung aus diesem Blog.

3.9.15 | 20 Uhr | RegenbogenCafé

Sie lesen, trinken, rauchen – und sehen dabei gut aus.
Die Autorinnen Agnieszka Debska und Karolina Kuszyk präsentieren ihre Texte auf eine Art, die durstig macht. In ihren Werken bringen sie Pilzsammeln und Koitus in Zusammenhang, schreiben über nervöse Ticks, gescheiterte Liebhaber, Süßes und Saures.

Eine Mischung von besonderem Reiz…

lesungkarolina-agnieszka

Agnieszka Dębska, Jahrgang ’78, Autorin, Musikjournalistin, Mitglied der monatlichen Berliner Lesebühne „Die Brutusmörder“. Jahrelang Organisatorin von deutsch-polnischen Literatur- und Übersetzungswerkstätten des WIR e.V. Lebt und arbeitet in Berlin.
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Karolina Kuszyk, Jahrgang ’77, Autorin, Literaturübersetzerin und Märchenerzählerin. Arbeitet mit polnischen und Deutschen Verlagen zusammen. Lehrbeauftragte an der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder). Lebt in Berlin.
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Eintritt frei – Spenden willkommen.

Ein schöner Sommersamstag in Berlin (2)

Ewa Maria Slaska

Guten Abend. Oder eigentlich: Gute Nacht. Vor ein paar Wochen schrieb ich, dass es in Berlin am Wochenende keinen “Guten Morgen” gibt, weil der Berliner sich ausschlafen muss. Eigentlich gibt es in Berlin erst den Nachmittag, noch lieber Abend und gestern gar die Nacht.

plakat Ich habe eine Karte als Ehrengast und versuche den schönen Sommersamstag in Berlin zu genießen. Es begann wunderbar. Ich stieg aus der U-Bahn und ging nach oben, wo mich sofort eine schöne blonde Frau in einer Rikscha angesprochen habe, ob ich eben zur Langen Nacht will. Es gibt nämlich kostenlos die Schuttle-Rikscha finanziert von Volkswagen-Museum zur Museum Insel und zurück. Es ist eigentlich kein Museum, es ist Drive – das Volkswagen Group Forum, ehemals Automobilforum Unter den Linden, aber was soll es, an der Langen Nacht der Museen seien verschiedene Einrichtungen plötzlich Museen, Hochschulen, Kirchen, Banken…

Ich habe vergessen Foto zu machen, aber es war ungefähr so eine Rikscha, nur mit einer schicken Fahrerin drinne. Rikscha ist natürlich ein Vergnügen für Touristen. Kein Berliner wird es je machen, sich mit so  einem Ding chauffieren zu lassen, aber was soll es…

brautpaarXXX
XXX
Vor dem Altenmuseum eine Fotosession mit einem Mix-Brautpaar. Sehr schön. Komisch, als ich vor ein paar Wochen meinen Tag in Berlin beschrieb, berichtete ich von einem Polsterabend. Offensichtlich heiraten jetzt die Menschen in Berlin wieder.

Altes Museum. Filetstück der Museum-Insel. Auf der Museum-Homepage liest man einen Text. Bescheidener.

Karl Friedrich Schinkels Altes Museum, entstanden von 1823 bis 1830, zählt zu den bedeutendsten Bauwerken des Klassizismus. Die monumentale Ordnung der 18 ionischen kannelierten Säulen, die weit gespannte Vorhalle, die Freitreppe, die zum Beschreiten einlädt, sowie die mit antiken Skulpturen geschmückte Rotunde – Raum innerer Sammlung und ausdrücklicher Rückgriff auf das römische Pantheon – sind architektonische Würdezeichen, die bis dahin nur Herrschaftsbauten vorbehalten waren. Die Inschrift über der Säulenfront lautet: „Friedrich Wilhelm III. hat dem Studium jeder Art Altertümer und der freien Künste das Museum gestiftet 1828“. Heute beherbergt das Haus die Antikensammlung, die hier ihre Dauerausstellung zur Kunst und Kultur der Griechen, Etrusker und Römer zeigt. Das Münzkabinett komplettiert mit seinen antiken Objekten diese Gesamtschau des klassischen Altertums.

boginiIch schaue mir die Antikensammlung an. Prächtig, prächtig… Nix wie jeder Woche hin… Also wieso war ich eigentlich seit Jahren nicht hier? Pergamon, Bodemuseum, Neues Museum, ja, aber hier, nein, hier nicht…

Ich habe einfach vergessen wie wunderschöne Sachen sie hier haben.

Die Frau links ist eine Göttin aus Tarent. Man weißt nicht welche, Hera, Aphrodite, Proserpina? Ich schätze, dass es Hera ist, weil sie sehr majestätisch thront.

Jetzt weiter, also in die Alte Nationalgalerie, wo es diese Ausstellung ImpEx  gibt, was nicht Export Import bedeutet, sondern Expressionismus / Impressionismus (Achtung – nur bis 20. September!) Und meine geliebte Prinzessinnen – Frederike und Louise Hochenzollern – eine Skulptur von Schadow.

Alte Nationalgalerie nimmt an der Langen Nacht der Museen nicht teil. Die Exponate bei Imp/Ex sind zu kostbar.

Schade.

OK, dann das Neue Museum, so schick restauriert von David Chipperfield. Und dort natürlich Nofretete.

Das Neue Museum ist voll, vor dem Museum steht Schlange für mindestens eine Stunde.

Schade

Ins Pergamon-Museum gehe ich gar nicht hin. Es ist bis 2019 geschlossen. Oder länger, wie es in Berlin so ist.

Schade.

Jetzt aber schnell los. Ich möchte um 21 Uhr ins Kino vor der Gemäldegalerie… Man kommt hin mit Schuttle-Bus Linie 1.

schuttlebusEs geht schnell, ich habe noch halbe Stunde Zeit, gehe also in Gemäldegalerie, wo man die wunderbare Madonna mit Engel und Lilien von Botticelli sehen kann dh. sog. Tondo Raczynski.

20150829_203426Die Italiener sind aber nicht zu sehen, man baut schon die Botticelli-Ausstellung auf. Sie wird am 24. September geöffnet und wir werden alle scharrenweise hingehen, ist ja klar. Aber dass man zur Langen Nacht der Museen deswegen keinen Italiener sehen darf, das ist schon Schade.

Schade, Schade, Schade…

Ich habe also immer noch 29 Minuten Zeit und gehe zu mittelalterlichen Maler, die hier in großer Menge ausgestellt sind. Gleich im erstem Saal haltet mich eine Vorführung an. Ein Vergolder zeigt uns, wie man im Mittelalter den goldenen Hintergrund schaffte. Ein raffiniertes Kunstwerk war es mit vielen Geheimnissen und kleinen Tricks.

geschlossen-aufbau21:20 Uhr. Mit 20-Minütigen Verspätung beginnt der Film, den man auf Arte am 27. September um 17:35 Uhr im Programm Rendezvous sehen MUSS.

botticelli-filmEin wunderbarer Film… Regie und Drehbuch: Grit Lederer
Produktion: Medea Film, 52 min., 2015

Ein wunderbarer Film… Ach ich sagte es schon, sorry…

Es ist spät, mir ist kalt, ich möchte essen, Tee trinken, diesen Post machen… Ich gehe nach Hause.

Es ist Vollmond!

vollmond

 

 

Die kleine große Welt (16)

Monika Wrzosek-Müller

Die Flüchtlinge

Das Flüchtlingsheim war groß und unförmig; ein langes, hässliches Gebäude an einer sehr belebten Straße mit einem für Berliner Verhältnisse selten schmalen Trottoire. Es lag in einer Industriegegend, einem so genannten Gewerbegebiet mit vielen Betrieben und billigen Supermärkten einerseits und kleinen Einfamilien- oder auch Reihenhäusern andererseits. Eine Gegend, in der man sich fremd fühlen musste, aber nicht schlechter oder besser als andere dafür vorgesehene. Die Flüchtlinge waren zufrieden, manchmal sehr sogar. Sie waren immerhin dankbar für ein Dach über dem Kopf. Innen war alles frisch angestrichen, kleine Küchen und Bäder, die separat für Frauen und Männer, mit Duschen wurden eingerichtet; doch alles strahlte solche Ungemütlichkeit, Strenge und Leere aus, dass sie sich kaum vorstellen konnte, wie Menschen dort länger wohnen bleiben sollten und wollten. Immerhin hatten die Familien größere Räume, manchmal auch zwei; die alleinstehenden Männer mussten sich mit Zwei- bis Dreibettzimmern zufrieden geben. Sie bekamen eine Erstausstattung mit einem Set von in Folie eingeschweißten drei Töpfen, zwei Pfannen, Schneidebrett, einigen Messern etc…alles neu, von mittelmäßigen Qualität. In den Küchen gab es auch neue Herde, und Geschirrspüler; Kühlschränke standen in den Zimmern, alles fabrikneu, ungebraucht. Sie dachte, wer verdient hier so massiv, sind das die Unternehmen, die diese Gegenstände produzieren, warum kann man nicht gebrauchte Geräte benutzen und die Kosten auf diese Weise senken, damit man dafür andere Sachen bezahlen kann? Es gab auch einen Innenhof, auf dem für ihr Empfinden immer nur gestritten oder ständig laut geredet wurde, was sie dann als Streiten wahrnahm, und überall spielten Kinder in allen Altersstufen; Grüppchen von Männern standen verstreut auf dem ganzen Gelände herum, die Frauen immer ein paar Schritte weiter. Sie bildeten in kürzester Zeit ihre eigenen Gemeinschaften, mit ihren spezifischen Hierarchien, ihren Sitten und Bräuchen, von außen ziemlich abgeschottet und undurchdringlich; jede Nationalität für sich allein.

Und jeden Morgen so ab zehn Uhr schlichen die Ehrenamtlichen durch das Gelände, laut grüßend und unsicher, ob man sich auf die Menschen einlassen, wie man weiter mit ihnen kommunizieren sollte. Sie unterrichteten Deutsch, spielten mit den Kindern, organisierten manchmal Ausflüge, damit die Menschen aus der Gegend in eine andere rauskamen. Sie wollten aber oft zu viel Perfektion beim Organisieren, so dass die Menschlichkeit sich hinter den Ordnern, den Mappen und den Fragebögen versteckte und die Flüchtlinge manchmal verschreckte. Aber der Wille alles richtig zu machen, d.h. auch richtig zu helfen überwog. Es gab auch Helfer, die Spielzeug, gebrauchte Kleidung, Haushaltsgeräte etc. brachten, manchmal zu viel, manchmal zu stark gebraucht, so dass die Mitarbeiter es nicht schafften, alles zu sortieren, oder dass es sich das Sortieren nicht lohnte. Sie sah, dass die Hilfe spontan, herzlich, wenn auch oft unbeholfen kam.

Sie wollte auch helfen; es war ein innerer Wunsch, denn am Anfang war es auch ihr in der Fremde schlecht gegangen, und alles war so kompliziert und neu, dass sie sich gar nicht vorstellen konnte, wie diese Leute, nach ihren Erlebnissen im Mittelmeer oder auf dem Weg über die Berge, es hier schaffen sollten. Schließlich hatte sie selbst auch nie eine feste Arbeit bekommen, obwohl sie perfekt Deutsch sprach, aus Europa kam, einen deutschen Mann hatte, über einen (wie sich zeigte, völlig unbrauchbaren) Magistertitel in einem humanistischen Fach verfügte.

Sie spürte instinktiv, dass der Flüchtlingsstrom ein großes Problem sein würde; ein großes Problem für sie, für die anderen, für Deutschland, für Europa, schließlich für die ganze Welt. Aber obwohl man immer öfters darüber sprach, schien die Welt andere Probleme ernster zu nehmen als die Schicksale der Menschen, die sich in Bewegung gesetzt haben. Sie überlegte immer wieder, warum das erst seit Kurzem in so extremen Form aufgetreten war, warum die Leute so lange gewartet hatten, um sich jetzt umso desperater in ihr Abenteuer zu stürzen, ohne andere Wege zu sehen, zu erkennen oder wirklich zu haben; waren daran die Mobiltelefone und die globalen Vernetzungen schuld oder hilfreich, dass die große Welt so klein geworden war. Je länger sie sich damit beschäftigte, nicht nur im Kopf sondern auch ganz praktisch, indem sie ihnen half Deutsch zu lernen, erkannte sie, dass jeder Fall individuell und einzigartig war, jeder von den Flüchtlingen seine eigene Geschichte schrieb, und sie passierte schon und fand in Deutschland statt, ob man es wollte oder nicht. Es gab keine allgemeinen Lösungen; oder anders: es gab einige Lösungen, die die juristische Seite betrafen, doch ansonsten war jeder sein eigener Fall und es reichte nicht, ein paar Brocken Deutsch zu sprechen und etwas mehr zu verstehen, es war ein sehr kompliziertes Gefüge von allen möglichen Faktoren, die ihren Aufenthalt in Deutschland zum Gelingen bringen konnte – oder auch zum Scheitern.

Den Flüchtlingen war der Schrecken der langen Reise anzusehen; im Deutschunterricht saßen manche mit weit geöffneten, fast aufgerissenen Augen da, unbeweglich, andere wiederum bewegten sich ständig und zappelten und konnten nicht stillhalten. Es gab auch welche, die aus so diametral anderen Verhältnissen kamen, dass sie ernsthaft zweifelte, wie eine Sozialisation für diese Menschen aussehen sollte. Aber, und darüber war sie sehr erstaunt, es gab auch solche , die sich in Windeseile von den Strapazen erholt zu haben schienen, laut und herzlich lachten, entspannt waren, munter und zuversichtlich. Sie staunte, wieviel Kraft und Energie diese Menschen haben mussten, um unter diesen Umständen fröhlich sein zu können. Sie selbst war da viel düsterer und tat sich unnötig schwer mit der Umstellung; sie tauchte alles in Schwarz, war unzufrieden, abwesend und ablehnend. Klar, sie hatte Gründe dafür dazu, klar, es war nicht leicht, doch sie erkannte, dass letztlich jeder sein Leben so lebte, wie er konnte, und man musste sich bemühen, besonders in der Fremde, das Beste daraus zu machen.

Die kleine große Welt (15)

Monika Wrzosek-Müller

Fliegen im Traum und Realität

Früher träumte sie oft vom Fliegen. Es waren sehr reale oder eher surreale Träume, in denen alles scharf, in Farbe, wirklichkeitsgetreu zu sehen war. Sie stand im Fensterrahmen brauchte eigentlich nicht einmal zu springen, sondern glitt schwerelos in die Luft, und dann war da schon die reine Wonne, über den kleinen Dörfern und Städtchen mit ihren Kirchentürmen, Straßen, Plätzen und Häusern zu fliegen, von oben auf die Landschaft zu schauen; die Menschen sah sie eigentlich kaum. Sie hatte nie Angst, dass sie abstürzen könnte; sie wusste, dass sie jederzeit innehalten konnte, unterbrechen, landen. Alles geschah mühelos und harmonisch, ihre Bewegungen waren unangestrengt und fließend. Eigentlich hatte sie auch keine richtigen Flügel, sie bewegte nur ihre Arme, manchmal auch die Beine, wie beim Schwimmen. Sie kannte nie die Gegend, es waren eher so etwas wie imaginäre Weltlandschaften, das war auch offenbar nicht wichtig, es zählte das Erleben des Fliegens. Später versuchte sie die Träume zu deuten und kam darauf, dass sie etwas mit der Freiheit, dem Gefühl von Loslassen, von uneingeschränkten Möglichkeiten zu tun hatten. Die Träume kamen in einem Zeitabschnitt geballt und dann verschwanden sie auf Nimmerwiedersehen. Sie fand das schade, denn wenigstens im Traum war das Leben leicht und angenehm.

Das Fliegen mit dem Flugzeug war eine ganz andere Sache, sie fand es eher bedrohlich; auch wenn man sich dadurch schnell von einem Ort zum anderen bewegen konnte, benutzte sie, wenn immer es ging, eher die Bahn oder das Auto. Manchmal war das Schauen von Oben auf die Wolken oder die untergehende Sonne bezaubernd und überirdisch; doch im Allgemeinen hatte das Fliegen mit dem Flugzeug für sie nichts mit dem Gefühl von Freiheit zu tun. Und doch wusste sie, dass für viele Menschen das Fliegen eben das große Versprechen der Freiheit in sich trug; die große Welt wurde immer kleiner, die Entfernungen schrumpften, man konnte überall hin, sich die Wünsche erfüllen, ausgefallenste Orte in der Welt zu besuchen . Für sie war das nicht besonders befriedigend, es ging ihr alles zu schnell, war zu laut, zu gewaltig, so von einem Ort zum anderen versetzt zu werden, ohne Vorbereitung und ohne Übergang in der Natur, dem Klima, den Menschen und ihren Bräuchen und Traditionen. Auch die Flugzeuge als fliegende Maschinen hatten nichts mit ihren Träumen zu tun, in denen das Fliegen sehr körpernah, körperlich und ohne solche Hilfsmittel geschah; die Flugzeuge waren ihr fremd, zu groß, zu hart und zu kompliziert. Die lärmenden Flughäfen mit überfüllten Abflughallen, mit Kontrollen und langen Gängen, alles das gehörte nicht zum Gefühl des Fliegens.

Erstaunlich oft beschäftigte sie das Fliegen; lag das daran, dass sie an ihren Großvater denken musste, der Flieger, Pilot und Experte für Luftrecht gewesen war? Er hatte mit anderen jungen Leuten in Polen, in Krakau, einen Areo Club gegründet und flog zum Schrecken der ganzen Familie mit kleinen Flugzeugen in Dreiecken in den Lüften, erkundete den Luftraum, bekam dafür immer wieder diverse Preise und war überhaupt ein sehr umtriebiger Mensch. Später, im Zweiten Weltkrieg kam er dann über Rumänien, Istanbul und Frankreich nach England und kämpfte in Royal Air Force, zum Ende des Krieges wurde er dann über Schottland von den Deutschen abgeschossen. Er war natürlich ein Überflieger auch in einem anderen Sinne, arbeitete an der Lemberger Universität als Dozent für Luftrecht und verpflichtete die Familie zu großen Taten und zum außergewöhnlichen Tun. Auch wenn sie ihn nicht kennengelernt hat, nicht kennenlernen konnte, war sie vielleicht dadurch immer wieder unzufrieden mit ihrem eigenen Tun; es war nie gut genug; es war nie das Fliegen, schon gar nicht das Überfliegen, sondern eher das mühsame Weiterschreiten und sich Fortbewegen und sie sehnte sich doch so sehr nach der Leichtigkeit und Unbeschwertheit der Lüfte. Doch der Traum von Fliegen existierte irgendwo im Hinterkopf und nährte ihr Tun und Leben, verhalf manchmal zu etwas mehr Leichtigkeit und Wohlfühlen, in der sonst für sie angestrengten Existenz.

Da dachte sie; die Flüchtlinge jetzt kamen fast alle mit Booten übers Wasser oder zu Fuß nach Europa. Das hatte nichts mit Leichtigkeit, mit Unbeschwertheit zu tun. Es war gefährlich, bedrohlich, ihre Wege einsam und schrecklich, verbunden mit dem Kampf ums Leben, ums Überleben. Sie zeigten Europa und der westlichen Welt, dass das Leben nicht immer nur in den Lüften und zur Befriedigung eigener Wünsche stattfinden konnte. Sie zeigten, dass noch so viel Unerledigtes und Grausames in der Welt passierte, dass die Träume vom Fliegen oder von einer Reise zum Mond und in die Lüfte beschämend waren, dass die Aufgaben tief verwurzelt auf dem Boden, auf der Erde erst einmal erledigt werden mussten, bevor man sich zu Höherem aufschwingen konnte. Die große kleine Welt war voll von Ungerechtigkeit und Missständen, die Träume von Fliegen und Leichtigkeit halfen nicht die elementaren Aufgaben zu lösen und den Menschen zu helfen. Und dann dachte sie; wie würden diese Menschen sich hier zurechtfinden nach all den Gräueln, die sie erlebt haben. Wie würden sie zurechtkommen in einer Welt, die, auf Konsum eingestellt, gierig ist und ihnen mit wenig Empathie gegenüber steht. Und sie bemühte sich zu helfen und mit ihren Möglichkeiten das Wenige zu tun, um den Flüchtlingen das Ankommen in der Gesellschaft zu erleichtern, die Sprache zu erlernen, sich zurechtzufinden. Der Traum von großen Fliegen in der kleinen Welt war sehr geschrumpft.