Krieg der Gül

Anne Schmidt

Nachtschatten

Frau Schulz kann sich erinnern, dass Gül ihr mal erzählte, dass ihr Bruder manchmal  Haschisch rauche und bekifft nach Hause komme.
“Haben deine Eltern denn gar nichts bemerkt?”
“Doch,”schluchzt Gül, “als er das erste Mal nachts zu mir ins Bett gekommen ist, war ich steif vor Schreck. Ich konnte nicht aufstehen und weglaufen. Ich war 10 Jahre alt und hatte noch keinen Ansatz von Busen; trotzdem hat er mich auch dort berührt. Er hat meine Brust geknetet und behauptet, davon würde sie schneller wachsen. Dann hat er sich auf mich gelegt und sich so lange hin- und herbewegt, bis es feucht und klebrig auf meinen Oberschenkeln wurde. Ich habe die ganze Zeit geweint vor Ekel, Angst und Scham. Aber ich habe mich nicht getraut, zu schreien.”

Gül bricht in Tränen aus. “Das Schlimmste,” schluchzt sie,” war, dass mir meine Mutter am nächsten Morgen nichts glauben wollte. Er habe geschworen, seinen Schwestern nie wieder etwas anzutun; ich hatte nie bemerkt, dass er nachts meine Schwestern, Aishe und Emine, in ihren Betten belästigt hatte, obwohl wir in einem Zimmer schliefen.
Meinen Schwestern hatte sie geglaubt und meinen Vater informiert; mir wollte sie nicht glauben.
Meinem Vater wollte ich nichts sagen, weil ich vor ihm Angst hatte. Obwohl er immer sehr lieb zu mir war, hatte ich Angst vor seinem seltsamen Lächeln, das anders war als früher. Als ich noch kleiner war, hat er mich immer auf den Schoß genommen und mir ins Ohr geflüstert, dass ich seine Lieblingstochter sei, seine Rose.”

Gül seufzt tief und schaut gedankenverloren zurück.

Frau Schulz überlegt, ob dieser liebevolle Vater seine Tochter zu sehr liebte und sie aus eigenem Schuldbewusstsein heraus nicht vor einer Zwangsheirat bewahren wollte.
Sie will Gül nicht fragen, denn die Erinnerungen scheinen Gül zu überspülen.

Schließlich kommt sie wieder in die Gegenwart zurück: “Sie können sich nicht vorstellen, wie das ist, wenn man nachts aufwacht von der zuschlagenden Wohnungstür und auf die Schritte horcht. Immer, wenn die Tür laut zufiel, wusste ich, Mehmed hat gekifft und wenn er gekifft hatte, kam er zu mir ins Bett gekrochen. Ich lag starr vor Angst unter meiner Decke und hatte die Zipfel fest in meinen Fäusten. Aber das nützte natürlich  nichts.

Ich rief leise die Namen meiner Schwestern, aber die schliefen fest oder taten so, als schliefen sie.

Mein Bruder riss mir die Decke aus den Fäusten und hielt mir den Mund zu, während er sich auf mich wälzte; er schob mein Nachthemd hoch, stopfte mir einen Zipfel in den Mund  und befingerte mich überall; irgendwann fing er an herumzuruckeln und  zu stöhnen. Ich versuchte immer, an die Schule zu denken oder an meine Freundinnen. Während seine rissigen Hände meinen Körper bearbeiteten, war ich ganz weit weg.”

Gül stockt, weitere Einzelheiten kann sie nicht aussprechen; die Scham ist zu groß. Sie weiss, dass sexueller Missbrauch in türkischen und arabischen Familien häufig vorkommt; dennnoch fühlt sie sich beschmutzt und mitschuldig. Ihr Mutter hat ihr immer wieder vorgeworfen, dass sie selber schuld sei, weil sie kein Kopftuch trage und sich westlich kleide. Ihren Schwestern machte sie diesen Vorwurf nicht, obwohl auch sie sich europäisch kleideten. Aber Aishe und Emine waren dicck und wirkten wesentlich unattraktiver als die schlanke, langbeinige Gül mit dem ebenmäßigen Gesicht.

“Immer, wenn er nachts bei mir gewesen war, war morgens mein Laken nass und meine Mutter beschimpfte mich als stinkende Hure.”

Frau Schulz kann ihre Empörung kaum zurückhalten. Wie muss eine Mutter konzipiert sein, wenn sie ihre Tochter für die Übergriffe des eigenen Sohne verantwortlich macht, obwohl sie sie hätte verhindern müssen?
Welche archaischen Vorstellungen oder Erfahrungen könnten diese Frau belasten, die ihre Kindheit in einem anatolischen Dorf verbracht hat und ohne kulturelle und sprachliche Vorbereitung in eine europäische Großstadt katapultiert wurde. Frau Schulz muss an den Film “60qm Deutschland” denken, in dem die junge Kurdin aus Ost-Anatolien sich von ihrem Mann in einer Hamburger Wohnung einsperren und wie eine Hündin behandeln lassen muss.
Güls Mutter kam nie in die Schule, weil sie kein Deutsch spricht, geht nie alleine einkaufen und kann weder lesen noch schreiben. War auch sie immer ihrem Mann ausgeliefert gewesen?

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Mach dich hübsch

Als ich 1984 aus Warschau in die Bundesrepublik kam, spürte ich sofort, wie total anders Weiblichkeit und Frau-Sein in Deutschland erlebt und verstanden wurde. Mit meinem fremden Blick kamen mir die Frauen so vor, als ob sie sich ihrer Weiblichkeit versagen würden; viele trugen irgendwelche sackförmigen, ziemlich undefinierbare Kleider, oder Jeans, und flache, breite Schuhe. Nur einige wenige gaben sich Mühe und spürten den Wert des „sich hübsch Machens“. Allgemein wurde signalisiert: Kleidung geht uns nichts an, überhaupt ist uns unser Aussehen egal, wir stehen über diesen Sachen, make up war eigentlich auch verboten. Das empfand ich damals mit Wehmut, denn ich dachte an die tausenden von Möglichkeiten, die sie hier doch hatten – mit den vollen Läden, den Farben und der Auswahl; wie viel Spaß es uns in Polen gemacht hätte, uns so herausputzen zu können und sich zu zeigen. Sogar die Studentinnen der Kunstgeschichte, bei der sich in Warschau immer die am besten gekleideten und oft auch die schönsten Mädchen tummelten, sahen in Berlin ziemlich grau und uninteressant aus. Ich wurde meistens belächelt mit meinen Anstrengungen, schick, in stimmigen Farben angezogen zu sein.

Es gab damals aber doch eine Frau, die mich faszinierte, sie hieß Veruschka Lehndorff und war in der italienische Modewelt als die große Blonde bekannt; sie war dort in den 60-er Jahren als Modell entdeckt worden, spielte auch in Antonionis Film „Blow Up“ mit und kehrte dann irgendwann in den 80-er Jahren nach Deutschland zurück; sie wollte auch nicht mehr als nur schön angesehen werden, das galt als anrüchig und unintellektuell, sogar dumm… Sie versuchte, sich selbst mit bodypainting zu einer Kunstfigur zu machen. Doch sie kämpfte mit dem Nachkriegsdeutschland, mit der BRD, sie kämpfte auch mit ihren Depressionen und dem Unangepasstsein, dem Nicht-dazu-gehören.

Auch Hannelore Elsner habe ich immer bewundert, besonders in „Mein letzter Film“; da spricht sie so offen über das Frausein, das Leben und die Lust und Last, schön zu sein, über ihre Männer; über gescheiterte Beziehungen und über die Spuren des Lebens und die Makel, und man nimmt ihr das alles ab, als ob sie über ihr Leben sprechen würde. Die große Diva des deutschen Kinos zog mich in allen ihren Filmen, besonders in „Alles auf Zucker“ oder „Die Spielerin“ magisch an, denn sie hat ein Geheimnis und eine Art von Vitalität, die mit Zerbrechlichkeit verbunden ist.

Die beiden kamen mir immer wieder in den Sinn bei der Ausstellung von Isa Genzken „Mach dich hübsch“, vielleicht nicht immer wegen der Werke, sondern mehr wegen des Titels. Es ist eine Retrospektive und als solche sehr vielschichtig, alle möglichen Phasen des Schaffens der Künstlerin werden gezeigt; es sind viele Werke aus den ganz jungen Jahren (die großflächigen abstrakten Ölgemälde und die schweren Betonklumpen) , aber auch ganz neue. Die Künstlerin thematisiert doch sehr das Frausein, immer wieder tauchen Anspielungen darauf auch da auf, wo man sie gar nicht vermutet; z.B. auf den Röntgenbildern sieht man immer wieder ganz deutlich einen Ohrring, oder die großen Ohrenfotografien sind nicht nur durch ihre überdimensionale Größe interessant, sie werden auch mal mit einem, mal mit mehreren Ohrringen verschönert, und es sind weibliche Ohren, das sieht und spürt man. Wieviel Hübsch-Sein darf man sich erlauben oder ist erlaubt? Ja, diese coole Künstlerin hat mich fasziniert, schon ganz am Anfang meines Kunstgeschichtsstudiums in Berlin; sie war Schülerin von Gerhard Richter, lange seine Frau und lange unter seinem Einfluss, und doch ging sie dann ihren Weg, und hat diese Coolness durchgehalten, mühsam und kämpfend ,aber doch. Und sie sorgt mit ihren Puppen und Mannequins, mit ihren Installationen zum Ground Zero, mit den „Weltempfängern“ aus Beton mit den herausragenden Antennen, tonnenschwer und leicht zugleich, als ob sie die Verbindung zwischen Schwere und Leichtigkeit zeigen wollten; sie ist immer wieder für eine Überraschung gut. Obwohl man oft vor den Installationen steht und lange grübelt, was denn nun hier das wichtige sei, worum es geht, doch irgendwo findet man die Ästhetik , die Anspielung und den Zusammenhang. Sie sei gerne mal frech, sagt sie, und das spürt und sieht man an den Kollisionen von Materialien und Themen, die sie behandelt und die sie zusammenbringt. Wie sie Flugzeugwrackteile verbindet und auf die Lebensumstände der Menschen, die in den Türmen des World Trade Center gearbeitet haben, aufmerksam macht.

Manchmal drängt sich dann doch die Frage auf, ist das hier unbedingt ausstellungswürdig. Und dann geht man in den nächsten Raum und wird durch die vielen Büsten von Nofretete mit Sonnenbrillen und fetzigen Schals entschädigt und es wird einem klar, dass die Künstlerin die Coolness aushält, sie zum Spiel macht und einem den Weg dahin weist. Es ist vieles leicht ironisch und mit einem zugedrückten Auge, so als würde sie kokettieren und alles leicht machen wollen und dann aber doch die ganz schwer beladenen Themen behandeln.

Ich sah manchmal die Ratlosigkeit in den Gesichtern der Besucher aber auch manchmal ein Lächeln, die Kommentare fielen spärlich aus, vieles müsste man sich wahrscheinlich ganz lang anschauen und dahinter kommen, doch wer will das in unserer Zeit, und dann bleiben die große ganz schräg angezogene Puppe und die Büsten der Nofretete in Erinnerung, und das ist vielleicht auch genug.

***
Ausstellung Mach dich hübsch im Martin-Gropius-Haus

Gül, der Name der Rose

Anne Schmidt

Bekenntnis 5

Gül versinkt in Traurigkeit und Nachdenken. “Meine Mutter wollte unbedingt, dass ich von der Schule abgehe und heirate.”
Frau Schulz glaubt, nicht richtig gehört zu haben. Unvorstellbar, dass die  pummelige Frau, die in Pluderhosen und Kopftuch ihre Wohnung saugte, als Frau Schulz wegen einer Einverständniserklärung an der Tür klingelte, dass diese kleine anatolische Bäuerin ihrer großen, intelligenten Tochter die Zukunft verbauen wollte.
Frau Schulz ist entgeistert.
“Jetzt bin ich Putzfrau,” sagt Gül.
Frau Schulz hat Mühe ihre Empörung zu zügeln.
“Aber warum wollte sie, dass du heiratest?”
Gül flüstert:” Ich sollte einen Cousin aus dem Dorf meiner Mutter heiraten, dem dafür sogar Geld geboten wurde, dass er mich nimmt.” Gül fängt an zu schluchzen.
Frau Schulz hat von solchen Kuppeleien schon öfter gehört; ihre alevitischen Schülerinnen lehnten die Arrangements durch Eltern heftig ab, während die schiitischen behaupteten, Liebesheiraten seien totaler Schwachsinn, weil die sogenannte Liebe irgendwann vorbei sei und nicht mal mehr Respekt zwischen den ehemals Liebenden bestünde.
Die Eltern jedoch hätten den richtigen Weitblick und Durchblick; sie könnten in den Familien ihrer Bekannten und Verwandten besser nach dem richtigen Mann für ihre Tochter Ausschau halten. Meistens würden der Tochter ganz unauffällig und unverbindlich mehrere junge Männer vorgeführt, unter denen sie die Wahl hätte.
Aber so war es bei Gül nicht gewesen. Sie war unerwartet überrumpelt worden mit dem Befehl, unverzüglich in die Türkei zu fahren. Gül seufzt selbstvergessen. Sie habe gehofft, in der Türkei ihre Lieblingstante auf ihre Seite ziehen zu können. Ihre Schwestern und ihr Bruder zu Hause hätten sich nicht für sie eingesetzt und ihr Vater schon gar nicht.
Frau Schulz beschleicht ein böser Verdacht, als sie an die liebevolle Zuneigung dieses Klischeebildes eines stolzen Türken denkt, wie er sich bei den Elternversammlungen seiner Tochter zugeneigt hat. Sie traut sich nicht, Gül direkt nach dem Verhältnis zu ihrem Vater zu fragen, bzw. nach seinem Verhältnis zu ihr.

Gül hebt den Kopf, schaut in die Ferne und erzählt: “In der Türkei wollten mich alle, auch meine Lieblingstante davon überzeugen, dass es das Beste für mich sei, zu heiraten. Der Cousin, den ich zuletzt als Siebenjährige gesehen hatte, ist ein kleiner, unsicherer Mensch, der etwas Lauerndes in den Augen hat. Ich fand ihn sofort unsympathisch und primitiv. Ich fragte mich, warum er ausgerechnet mich heiraten wollte, obwohl er mich gar nicht kannte. Von dem Brautpreis, den er erhalten sollte, wusste ich damals noch nichts. Jeden Tag musste ich mir die Lobeshymnen anhören, die meine Großmutter auf ihn sang. Ich hatte aber erfahren, dass er nicht einmal die Dorfschule beendet hatte und den Tag damit zubrachte, den anderen beim Arbeiten zuzuschauen und im Teehaus zu sitzen. Seine Eltern hatten immer darauf gehofft, dass er eines Tages eine reiche Verwandte aus dem fernen Norden zur Frau bekommen würde, eine, die sonst keiner haben wollte, wie ich heute weiß.”
Gül fängt wieder an zu schluchzen.
Frau Schulz umfasst tröstend ihre Hände und schaut sie mitleidend an. Sie wartet, bis Gül sich gefasst hat.
“Nach einer Woche kam der Imam und vollzog das Ritual der Trauung. Er achtete nicht auf meine Tränen, die ich nicht zurückhalten konnte. Er hatte schon oft weinende Bräute gesehen; ihm war nur das Geld wichtig, das er für die Zeremonie bekam. Alle Verwandten waren von meiner Großmutter eingeladen worden und es gab ein langes Fest mit viel Raki. Meine deutsche Familie war nicht anwesend, denn sie hatte kein Geld für den Flug übrig, nachdem sie den Brautpreis und den Hochzeitsschmaus bezahlt hatte, wie ich später erfuhr.
Gül hört auf zu sprechen und Frau Schulz wagt nicht nach der Hochzeitsnacht und den weiteren Nächten im Dorf
zu fragen. Plötzlich rafft sich Gül auf: “Er wollte mich in der Hochzeitsnacht vergewaltigen und hat mich als Nutte und Hure beschimpft; ich solle mich nicht so anstellen, hat er geschrien, ich wäre doch früher nicht so zimperlich gewesen.” Jetzt bricht Gül in Tränen aus und senkt ihr Gesicht tief über den Tisch, damit die anderen Gäste im Lokal nicht aufmerksam werden. Frau Schulz lässt ihr Zeit, die Fassung wieder zu gewinnen, reicht ihr ein Taschentuch und fragt vorsichtig nach einer Pause: “War es dein Bruder?”

Droga. Wystawa w Löcknitz.

Już tu kilka dni temu pisałam o spotkaniu w Löcknitz. Spotkanie, podobnie jak cały dwudniowy wyjazd do tego nadgranicznego miasta, bardzo mi się podobało, szkoda więc, że towarzyszyły mu różne nieprzyjemne sytuacje. Dziś jednak przede wszystkim o jasnych i optymistycznych sprawach, zaobserwowanych w Löcknitz.

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Ewa Maria Slaska

Wystawa, zamek, kościół, uchodźcy

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perspektywa (z małej litery!) – świetny projekt nadgraniczny, prowadzony przez niemieckiego historyka, socjologa i politologa Nielsa Gatzke i Agnieszkę Misiuk, polską germanistkę. Perspektywą wyznaczoną przez perspektywę jest demokratyczne społeczeństwo obywatelskie. Odpowiadają na propozycje oddolne i sami je inicjują. Działają na pograniczu, w mieście i regionie, gdzie w ostatnich latach zamieszkało wielu Polaków, w ich programie znalazły się więc też propozycje integracyjne, lokalne i ponadgraniczne.

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Oczywiście realne życie nie jest aż tak jasnozielone jak…

Neonaziści w Löcknitz od kilku lat ostro protestują przeciwko obecności Polaków w Brandenburgii i Meklemburgii, a co gorsza sprzymierzyli się z narodowcami w Szczecinie. Dziennikarz szczeciński, Bogdan Twardochleb, opowiadając nam w lutym tego roku o stosunkach polsko-niemieckich, tak jak się je widzi ze Szczecina, z dużą troską opowiadał o wspólnej demonstracji neonazistów niemieckich i polskich narodowców w Szczecinie…

Wobec napływu uchodźców arabskich do Niemiec, których umieszczono również w Löcknitz  i okolicy, front porozumienia się przesunął, i teraz Polacy zaczynają być widziani jako “nasi” i szuka się w nich sprzymierzeńców w proteście przeciwko przybyszom z Azji i Afryki.

Twórcy perspektywy są zaniepokojeni taką perspektywą. Martwi ich też, że spośród kilkudziesięciu rodzin mieszkających w Löcknitz  i okolicy, tylko dwie zaangażowały się pomoc uchodźcom. Nie wiem, czy to mało, czy dużo, wiem jednak, że ci zaangażowani, których poznałam, są po prostu nadzwyczajni.

Wystawa

To oni, wolontariusze polscy i niemieccy, wspólnie zorganizowali wystawę, którą można było obejrzeć wieczorem po moim spotkaniu, w siedzibie Regionu Pomerania.

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Towarzyszył jej taki tekst:

Najgorszym więzieniem jest zamknięte serce
Karol Wojtyła

Wyobraź sobie człowieka

Jest jeszcze młody, może przed trzydziestką, ma żonę i dzieci. Jest programistą, lekarzem, fryzjerem albo mechanikiem. Kocha swoją rodzinę i swą pracę. Małe miasteczko w którym żyje, jest od pokoleń małą ojczyzną jego rodziny.

Pewnego dnia, gdy wracał z pracy swoją ulicą, jego świat nagle się zawalił. I już nic nie było takie jak dawniej. W miejscu, gdzie kiedyś stał jego dom, ział krater wypełniony stertą dymiących gruzów. Sąsiedzi biegali z krzykiem, gestykulując. Na ulicy leżało kilka małych brudnych zawiniątek, nienaturalnie małych. Nie musiał nawet im się przyglądać, by wiedzieć, że to jego martwa żona i trójka jego dzieci – bliźniaki i to najmłodsze, trzyletnie.

Bezsensowna wojna domowa, która od lat targała jego krajem, upomniała się o nowe ofiary – tym razem o całą jego rodzinę, wszystko co miał, oprócz jego własnego życia i tego, co miał na sobie.

Pomyślał: byłoby lepiej, gdybym też umarł.

Wyobraź sobie tego człowieka teraz, gdy wraz z setkami podobnych sobie ucieka tygodniami. Głodny, brudny, zrozpaczony. Jest wyczerpany, zmarznięty, często płacze. Bezwzględni przestępcy wydarli mu ostatni grosz, aby mógł na zardzewiałej łajbie dotrzeć do bezpiecznego brzegu. Miał szczęście, bo razem z dwiema setkami innych dotarł na brzeg. Tam gdzie nie ma wojny, ale spokoju też nie. W kraju, do którego dotarł, nie ma dla niego miejsca, musi iść dalej. Jest noc, gdy wrzeszczący żołnierze i policjanci z gumowymi pałkami zaganiają go i trzydziestu innych do autokaru i wywożą w nieznanym kierunku.

Wyobraź sobie tego człowieka, który po tygodniach ucieczki, głodu, pragnienia, strachu, chłodu, bezdomności, poniewierki, wrogości, bicia, kopniaków, żebrania i błagania, znajduje się w miejscu, gdzie nie rozumie ani gestów, ani mowy, nie potrafi odczytać pisma i gdzie ludzie nie są wcale serdeczni i gościnni jak w jego ojczyźnie, ale ponurzy, zamknięci i wręcz wrodzy, mimo że nie zaznali ani wojny, ani głodu, nie muszą znosić samowoli i gwałtu i najwyraźniej korzystają z zamożności swojego kraju.

Owszem czasem trafiają się na jego drodze ludzie uczynni i naprawdę przyjaźni. Ale często bywają i tacy, którzy najchętniej przepędziliby go stąd albo zrobili coś jeszcze gorszego. Rozmawia z uchodźcami, którzy są tu już dłużej niż on, ale wciąż niewiele może zrozumieć z tego nowego świata.

A to jest właśnie miejsce w którym ma zacząć swoje nowe życie. Musi się śpieszyć: nauczyć nowego języka, odszyfrować obcy alfabet, zorientować się w obcym otoczeniu i dopasować do nowego społeczeństwa. Na opłakiwanie utraconych bliskich czasu już nie starcza.

I teraz wyobraź sobie, że tym człowiekiem jesteś Ty.

Manfred Häusler

Wolontariusz z ośrodka dla uchodźców w Plöwen, pod polską granicą

I takie pokazywała zdjęcia. Zdjęcia zrobili sami uchodźcy, zapewne, choć nie spytałam, przy pomocy tych komórek, które im się tak “wytyka”, nie pamiętając, że jest to najczęściej jedyny kontakt tych ludzi ze światem, tym który opuścili, i tym, do którego zmierzali. I że najczęściej był to ich jedyny drogowskaz, mapa, atlas i kompas. Myślę sobie, że uciekający przed Zagładą Żydzi wystawili by pomnik inżynierom, gdyby takie produkty myśli inżynieryjnej jak komórka i nawigator istniały już w latach 30 i 40 XX wieku.

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Niestety, wystawę można było zobaczyć tylko przez kilka godzin, po czym została zwinięta i schowana. Ale można ją od organizatorów wypożyczyć.

Wypożyczmy więc!

I ostatnia myśl. Na wystawie widać kobiety! Na zdjęciach ale i w realu!

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Zdjęcie powyżej Bogna Czałczyńska. Dziękuję! Pozostałe zdjęcia z wystawy, zamek i kościół – ja. Zdjęcia Agnieszki i Nielsa, flyer perspektywy oraz zdjęcia neonazistów niemieckich podczas wspólnej demonstracji w Szczecinie – znalazłam w sieci, dziękuję więc sieci.

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Monika Wrzosek-Müller

Manifesto

Es fing damit an, dass mein Sohn über Cate Blanchett die Nase rümpfte. Das fand ich ungeheuerlich, denn für mich präsentierte sie sich in allen Filmen wunderbar. Ja eben, würde er sagen, zu wunderbar, zu wunderschön; für ihn verkörperte sie eine unnahbare, unumgängliche, langweilige Dame, immer eigentlich die gleiche; er warf mir vor, dass ich insgeheim wahrscheinlich auch davon träumte, so wie sie zu sein. Natürlich musste ich lachen, denn meine reality war weit von ihrer entfernt, doch vielleicht hatte er etwas Recht.

Desto mehr freute ich mich, als ich auf die Beschreibung der Ausstellung von Julian Rosefeldt im Hamburger Bahnhof stieß. Schon der Künstler versprach interessante Videoinstallationen, ich kannte seine Werke von Aufführungen in der Schaubühne. Auch wenn sie mich damals etwas genervt haben, denn ich teile die geteilte Aufmerksamkeit nicht und fühlte mich dann meistens von dem Hintergrund und der eigentlichen Handlung überfordert, doch es war eine Herausforderung für den Zuschauer und als solche nahm ich sie hin. Doch hier versprachen die Videoinstallationen im Vordergrund zu stehen und sie wurden von Cate Blanchett gespielt, die ich doch so faszinierend fand.

Ich ging also in die Ausstellung und verbrachte dort drei Stunden vor den Bildschirmen.

Eines Abends fand ich dann auf YouTube eine Diskussion über ein in Polen sehr heftig diskutiertes Buch „Świat sie chwieje“ [Die Welt wackelt], eine Sammlung von 20 Gesprächen, die Grzegorz Sroczyński, ein Journalist der Gazeta Wyborcza geführt hat. Es äußerten sich Historiker, Philosophen, Soziologen, Wirtschafts- und Politikwissenschaftler, die in Polen mehr oder weniger bekannt sind. Sie alle wurden nach dem Grund gefragt, warum wir das Gefühl hätten, dass „die Welt wackelt“ und dass wir mit dem, was passiert, nicht zurechtkommen. Nach Finanz-, Flüchtlings-, Moral-, Politik-, Religions- und Europakrisen, mit der Globalisierung und der rasanten Entwicklung der Medien, fühlen sich die meisten Menschen überfordert, auch wenn Krisen oft eine Möglichkeit des Aufbruchs und Neuanfangs bedeuten. Ein Rezept verspricht das Buch natürlich nicht, aber es nimmt all diese Erscheinungen unter die Lupe, die uns den Boden unter den Füßen wackeln lassen, bespricht sie und versucht, sie und die dahinter stehenden Mechanismen etwas verständlich zu machen.

Warum schreibe ich über das Buch im Zusammenhang mit der Ausstellung Manifesto? Obgleich sie diesen Titel trägt, verneint sie meiner Meinung nach all die Manifeste der Vergangenheit: von Dada, Futurismus, Expressionismus, Kreationismus, Suprematismus, Konstruktivismus, Surrealismus und all der anderen -ismen. Sie werden als Mantra vorgetragen, immer im gleichen Moment, gleichzeitig alle monoton und eintönig, ihre Inhalte eher nebensächlich, umso wichtiger, was auf dem Bildschirm passiert und wie die Personen, Landschaften, Innenräume, Außenräume dargestellt werden. Die alten Manifeste haben sich überlebt, neue sind nicht entstanden; wir haben alles da, alles ist möglich und erreichbar, im Hier und Jetzt und doch gibt es keinen Protest und keinen Aufschrei, denn wir kennen sie alle, die Formen des Protestes, es hat sich vieles, „alles?“ überlebt. Die Welt wackelt, auch die der Kunst.

Dabei, Hochachtung, chapeau bas vor der Schauspielerin, die all diese Individuen verkörpert, in all diese Rollen schlüpft: in einen Obdachlosen, eine Börsenmaklerin, eine Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage, wo sie lauter sinnlose Tätigkeit ausführt (die aber vielleicht in der globalisierten Welt einen Sinn haben). Sie ist genauso überzeugend als Lehrerin, die den Kindern Aufgaben stellt, an die sie sich nicht halten sollen, Nachrichtensprecherin, bei der die Nachricht überhaupt nicht wichtig ist, eine Choreografin, eine tätowierte Punkerin, die am Ende einer Party in dem verwüsteten Räumen um sich schlägt, sie spielt genauso überzeugend eine konservative Mutter in ihrer Familie wie eine Trauerrednerin bei einem Begräbnis. Besonders ist der Moment, in dem sie als Puppenspielerin und -bauerin mit einer sie selbst darstellenden Puppe spielt. Sie trägt die Texte auch in unterschiedlichen Sprechweisen vor, mit amerikanischem, englischem oder auch schottischem Akzent, auch mit dem Akzent einer russischen Tanzchoreographin. All diese kurzen Szenen, Filme, Epiloge haben etwas Beiläufiges und dann doch sehr Exaktes an sich. Der Künstler will kein Manifest aufstellen, entstehen lassen, und doch ist sein Werk ein Versuch die Welt in Szenen, die künstlich arrangiert sind, real darzustellen und sie zu einem Puzzel zu machen von Ausschnitten aus einer versteinerten und doch irgendwo auch lebendigen Welt, die auch hier wackelt, weil nicht ganz klar ist: Verneigt sich der Künstler vor diesen Kunstrichtungen oder verabschiedet er sich von ihnen?

Vielleicht spürte die Schauspielerin, Cate Blanchett, dass sie aus ihrer Rolle der dekadenten Dame ausbrechen sollte und dass sie so verschiedene Typen und Charaktere darstellen kann, dass sie sich dieses Können beweisen wollte. Es ist alles andere als einfach, für ein paar Stunden in Berlin ständig eine andere Person zu inkarnieren, bis zu vier Stunden in der Maske zu sitzen, sich mit einer Perfektion, Intensität und Aufmerksamkeit in jeder Szene auf jeweils neue Situationen zu konzentrieren; für mich schwebt aber doch über all den Szenen ein Hauch der Dekadenz, der sie und mit ihr ihre Umgebung nicht loslassen will. Das finde ich wunderbar und es soll sie nicht loslassen; es ist mit der Schönheit und Sehnsucht danach verknüpft und verbunden, und es wird immer so bleiben.

Ich höre fast schon den Aufschrei: und all die wichtigen Manifeste von all den wichtigen Personen, nicht umsonst gestaltet der Künstler die Szenen so und nicht anders. Den Vorwurf will ich so stehen lassen, für mich waren sie eben nebensächlich und ich konzentrierte mich auf die Bilder, die vor meinen Augen abliefen.

Auf jeden Fall ist die Ausstellung Wert gesehen zu werden, sich konzentriert auf die Szenen einzulassen und die Perfektion der Schauspielkunst zu erleben und zu bewundern.

Manifesto ist bis Juli im Hamburger Bahnhof zu sehen.

Zwei Bilder einer Wirklichkeit

Ewa Maria Slaska

Ein Treffen in Löcknitz

Ende Januar bekam ich eine Einladung aus Löcknitz vom Projekt Perspektywa: Vom Grenzraum zum Begegnungsraum.

Die Akteure von Perspektywa, lese ich im beigefügten Flyer, sind die Bewohnerinnen und Bewohner der Amtbereiche Löcknitz-Penkun im Landkreis Vorpommern-Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern) und Gartz (Oder) im Landkreis Uckermark (Brandenburg). Ihre Ideen und Vorschläge für das Zusammenleben in der Region stehen im Zentrum von perspektywa. Unser Projektteam unterstützt und begleitet sie dabei, neue Impulse für Begegnungen zwischen deutschen und polnischen Bürgern und Bürgerinnen im Alltag zu entwickeln und auszuprobieren. Mehr dazu: http://www.raa-mv.de/pl/content/perspektywa-od-pogranicza-do-spotkania.

Und weiter im Brief:

In Antwort auf die aktuelle politische Situation bietet unser Projekt die Unterstützung des polnisch-deutschen Engagements für Flüchtlinge an. Wir arbeiten mit der Stettiner Gruppe „Refugees welcome in Pomerania” zusammen, die solche Aktionen durchgeführt hatte wie Fahrräder-Sammeln zu Gunsten der auf der deutschen Seite lebenden Flüchtlinge. Leider, angesichts der Bedürfnisse, reichen diese Initiativen noch nicht aus, und die Haltung einiger Menschen ist nicht immer angenehm oder annehmend. Ich habe den RBB-Beitrag vom Dezember letzten Jahres gesehen, in dem man über Sie und ihr Engagement für Flüchtlinge in Berlin berichtete. So ist mir etwas eingefallen. Um dem fremdenfeindlichen Verhalten und fehlender Toleranz entgegenzuwirken, werde ich gern im März eine Diskussion für in Löcknitz und Umgebung lebende polnische Bürger organisieren, damit sie dabei einerseits über die Situation der Flüchtlinge informiert werden und andererseits eine Gelegenheit bekommen, ihre Fragen zu stellen.

Deshalb würde ich Sie gern fragen, ob Sie bei solcher Veranstaltung bereit wären als Referentin zu wirken?

RAA Mecklenburg-Vorpommern e. V.
www.raa-mv.de  www.facebook.com/perspektywaDE  www.twitter.com/perspektywaDE

Bild I

Ich stimmte zu, wir haben uns geeinigt, dass es zwei Treffen sein werden, in Löcknitz und in Tantow, dass ich in Löcknitz übernachten werde und dass ich in der zweiten Märzhälfte komme. Irgendwann danach verschoben wir den Termin auf Anfang April. Am Mittwoch den 7. April kam ich mit dem Zug über Neubrandenburg nach Löcknitz. Eine Mitarbeiterin des Projekts wartete auf mich auf dem Bahnhof. Wir aßen zu (Nach)Mittag und meldeten mich dann in der Burg-Pension neben dem Burgfried an. Dieser Burgfried ist alles, was von der mittelalterlichen Burg aus dem Jahre 1212 übriggeblieben ist. Auf dem Turm wohnen Dohlen. Sie sammeln die Haselnüsse in den benachbarten Garten, schmeißen sie nach unten, um sie zu zerbrechen und den Kern zu essen. Die ganze Turmumgebung ist bestreut mit Haselnussschalen.

Das Treffen mit den polnischen Bewohnern von Löcknitz fand in einer Alten Schule statt, die jetzt als Bürgerhaus fungiert. Auf der 2. Etage befinden sich Büro und Veranstaltungssaal von RAA – Perspektywa. Das Einladungsplakat ist auf Polnisch und richtet sich an die Polen, die in Stadt und Umgebung wohnen. Manche werden es als eine Beleidigung wahrnehmen. Dazu ein Zettel auf Deutsch:

Das Projekt perspektywa der RAA Mecklenburg-Vorpommern e.V. behält sich vor, von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.

Manche werden es als eine weitere Beleidigung wahrnehmen.

Kurz danach ist der Saal schon voller Gäste, darunter zwei Kinder im Grundschulalter und vier syrische Flüchtlinge aus einer Notunterkunft in der Nähe. Jemand kommt mit der Kunde, dass draußen vor der Tür lokale Neonazis stehen. Der Saal reagiert, scheint mir so, mit der stoischen Ruhe. Ich auch.

Gleich kommt er hoch zu uns, Herr Bahlmann, der NPD Leader und, wie ich später erfuhr, Mitglied des Gemeinderats. Der Saal reagiert weiter nicht, die Meisten kennen ihn vielleicht, wie es halt in einer kleinen Stadt üblich ist. Dann wissen sie auch, was ich nicht weiß, dass er zwar vorher, irgendwann Mal, vorbestraft war, jetzt aber ist er Gemeinderats-Mitglied und wird sich nicht tätlich aggressiv zeigen. Auch verbal hält sich alles mehr oder weniger im Rahmen.

Herr Bahlmann schreit etwas, ich weiß nicht was, weil ich gar nicht zuhöre. Ich sitze an meinem Tisch und schaue die Menschen an, die gekommen sind, um zu erfahren, was ihnen eine gewisse Śląska (so wurde ich angesagt) sagen wird, weshalb sie keine Angst vor den Flüchtlingen haben sollen. Der einsam im Türrahmen stehende Schreier interessiert mich zuerst nicht. Vielleicht in dieser Phase sagt Herr Bahlmann Wörter, wegen denen er später beschuldigt wird und die ich nicht wahrgenommen habe: dass die Polen Parasiten sind und sich verpissen sollen.

Ich erhebe mich von meinem Platz erst dann, als ich wahrnehme, dass sich ihm eine blonde Frau aus dem Publikum nähert. Sie versucht ihm etwas zu erklären. Intuitiv denke ich, dass man sie dort nicht alleine stehen lassen soll. Ich trete also an die Beiden heran und stelle mich neben Herrn Bahlmann. Da der Saal höher als der Flur liegt und vom Flur her über zwei Stufen zu erreichen ist, und Herr Bahlmann im Flur steht, überrage ich ihn ein bisschen, was mir, einer ziemlich kleinen Frau, selten passiert. Dies ist selbstverständlich ein verstärkendes Gefühl. Im Flur sehe ich zwei Begleiter von Herrn Bahlmann. Er selbst ist ein typischer kahlgeschorener Haudegen mit dickem Nacken, breiten Armen und Beinen. Seine zwei Kameraden sehen dagegen ganz anders aus. Es sind ein älterer schlanker Herr mit einer Brille und ein kleiner schmächtiger Typ ungewissen Alters in einer rot-schwarzen Windjacke. Bewusst analysiere ich es nicht, unbewusst aber klassifiziere ich die vor mir stehenden Volksvertreter: Ein Schreihals-Muskelprotz, ein Intellektueller und ein von niemandem geliebtes Männeken, ein Mitläufer, der der Gruppe angehört, um nicht einsam zu verrecken.

Ich höre mir an, worüber die Blondine und der Bahlmann miteinander reden. Ich glaube nicht, viel verpasst zu haben davon, was er vorher gesagt hat, weil er sowieso nur ein paar Floskeln zu sagen hat, die er immer wieder erneut losbrummt. Zwei Sätze und drei Fragen…

Mit welchem Recht hält man das Treffen nur auf Polnisch?
Mit welchem Recht hat man beschlossen, dass die Teilnehmer nur Polen sein dürfen?
Mit welchem Recht wurde auf dem Zettel geschrieben, dass er und seinesgleichen kein Zutritt haben?

herrbahlmann

Man kann nicht umhin – seine Fragen haben eine gewisse Berechtigung. Ich weiß nicht, was das Gesetz sagt (später erfahre ich, dass ein Verein so seine Treffen organisieren darf, und denke, klar, Jäger und Angler auch), aber vielleicht, Gesetze hin oder her, in Berlin hätte man ein Treffen nicht so organisiert, auch wenn man darf. Denn wenn es schon Konflikte gibt, dann verschärft man sie nur.

Schlimmer hören sich Bahlmanns Kernsätze an. Wir sollen uns unsere polnischen Treffen in Polen organisieren und nicht in Deutschland mit dem Geld von deutschen Steuerzahlern. Er zahlt Steuer und hat das Recht, den Saal zu betreten. Und die Flüchtlinge bedrohen die Reinheit der deutschen Rasse…

Es ist wie eine Tibetische Gebetsmühle, die sich dreht und dreht… Die Frau neben mir argumentiert, sie zahle auch Steuern, sie wohne in Deutschland, sie hat das Recht… Ich höre noch immer nur zu. Als aber der Satz über Verunstalten der deutschen Rasse das dritte Mal kommt, mische ich mich ein, und frage, ob der Schreiende selber Kinder hat?

– Ja. Zwei. Eigentlich drei…
– Wieso „eigentlich drei”? – frage ich.
– Eins ist gestorben.
– Wie gestorben, wieso?
– Krankheit…
– Och, wie es mir leid tut…

Ein winziger Dialog, der jedoch den Duktus und die Rhetorik der Kommunikation unter uns ändert. Er schreit nicht mehr, meine Nachbarin spricht mit ruhigerer Stimme, wir reden miteinander. Der Inhalt ist immer noch der gleiche, aber wir reden miteinander. Ein wesentlicher Schritt in Richtung Deeskalation des Konflikts. Meine Gesprächspartnerin und ich stellen gemeinsam fest, dass wir beide nichts dagegen hätten, wenn Herr Bahlmann und seine zwei Compagnons zu uns in den Saal gekommen wären und an unserem Treffen teilnähmen. Man kann über all die Meinungen diskutieren. Bahlmann pariert, dass es unmöglich wäre, da das Treffen auf Polnisch stattfindet. Macht nichts, beteuern wir beide, wir werden es übersetzen, nicht alles, aber so, dass er immer weiß, wovon die Rede ist.

Der Vorschlag kommt jedoch zu spät, die Polizei ist schon unterwegs. Ich bin total baff. Wieso die Polizei? denke ich. Wofür die Polizei? Es gibt doch keinerlei Bedrohung! Mindestens ich sehe keine…

Die Polizei tritt ein, schmeißt Herrn Bahlmann und seine zwei Kameraden aus dem Flur, aus dem Haus, aus dem Markt, wo das Bürgerhaus steht. Um die Gebäude herum stellen sich die Polizisten in schwarzen Kampfmonturen. Unsere Sicherheit wird von 30 Polizisten und neun Polizeiautos geschützt!

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Der Platz vom Bürgerhaus. Foto gemacht während der Veranstaltung.

Bild II

loecknitz-gazetaAm nächsten Tag beim Frühstück erfahren wir, wie die Meldung lautet, die die Polizei über den gestrigen Vorfall bei der Kreiszentrale vorgelegt hat (Löcknitz ist eine Gemeinde, Kreisstadt ist Greifswald mit Außenstellen in Passewalk und Anklam) – „großer Polizeiansatz“. Am nächsten Tag gab es schon Berichte in der lokalen Presse – „Nordkurier”, „Passewalker Zeitung” und andere. Die Journalisten schreiben von vielen Neonazis, viel mehr, denke ich mir, als wir sie gesehen haben: „die Situation war bedrohlich, richtig bedrohlich!” und „Nazis stören massiv Infoveranstaltung in Löcknitz“. Es geht weiter und höher. Es sind immer mehr Neonazis gewesen, mehr Bedrohung… Bald sind wir schon bei der “Deutschen Welle” und “Gazeta Wyborcza”. Und bei jeder lokalen Webseite.

***

Erst als ich dass alles aufgeschrieben habe, habe ich im Netz das Foto gesehen. Und die Unterschrift – auf Polnisch: Neonaziści zaatakowali Polaków. Neonazis greiften Polen an.

neonaziscizaatakowalipolakow

Ich möchte nicht behaupten, das Foto zeigt etwas, was nicht da war. Ich war im Saal, im Haus, also drinne, ich habe nicht gesehen, wer draußen stand und ob, und wenn ja, wie viele es wären. Ich kann nur sagen, ich nahm nichts dergleichen wahr. Es war ruhig, man hörte weder Schreie noch Parole, auch keine Befehle seitens der Polizei. Nicht Mal den Gemurmel, den man hört, seien viele Menschen beisammen. Zwei Frauen nacheinander gingen raus, um die Kinder nach Hause zu bringen, und kamen zurück. Leute schauten aus den Fenster, machten Fotos. Kein Mensch sagte, dass da eine massive Präsenz der Neonazis zu beobachten wäre. Keiner hatte Angst, scheint mir, wir lachten. Meines Erachtens war es, alles in allem, ein sehr eingenehmes Treffen.

Ich schaue mir genau das Foto an. Irgendetwas stimmt da nicht.

Herr Bahlmann hatte an dem Tag einen blau-weissen Sportanzug an. Es gab keine Sonne, er hatte, glaube ich, keine Sonnenbrille an, und hier haben sie alle Anwesenden an. Alle Streifenwagen, die ich später gesehen habe, waren blau. Auf “unseren” Fotos sind sie auch blau. Auf dem Foto oben ist der Wagen grün.

Unheimlich.

Haben die Journalisten aus einer Mücke einen Elephanten gemacht? Oder bin ich leichtsinnig und bagatelisiere die Gefahr?

 

Gül heißt Rose (3)

Anne Schmidt

Fragen

Frau Schulz saß geschockt und völlig ratlos auf ihrem Stuhl. Wie sollte sie nach diesen Enthüllungen mit ihren Schülerinnen umgehen? Sollte sie sie alle umarmen und mit ihnen weinen?

Sie schaute auf Gül, die mit aufgerissenen Augen an ihren Haaren drehte und keinen Ton von sich gab.

War sie die Einzige, die bisher unbeschädigt geblieben war? Der Vater hatte bei Elternversammlungen bisher immer einen sehr bemühten Eindruck gemacht und sein “kleines” Mädchen zärtlich auf dem Schoß gehalten, was einen etwas absonderlichen Eindruck machte. Aber so war Gül nah an seinem Ohr und konnte ihm die Übersetzung der Lehrerinformationen zuflüstern.

Dennoch war bei Frau Schulz und ihrem Kollegen immer ein Gefühl der Befremdung zurückgelieben, wie sie sich später eingestanden.    Jetzt war Gül die Einzige, die sich nichts Belastendes von der Seele reden wollte.

Frau Schulz fragte die bedrückten Mädchen, ob sie bereit seien, mit ihr zu “Wildwasser” zu gehen, um mit professionellen Beraterinnen über das Erlebte zu reden. Jenny fand diesen Vorschlag gut und versuchte die Anderen zum  Mitgehen zu überreden. Marie klinkte sich aus mit der Begründung, dass sie keine Erinnerung an die alte Geschichte habe und mit ihrer Mutter genügend darüber geredet hätte.

Jenny akzeptierte Maries Entscheidung und wandte sich fragend an Nuren und Betty. Nuren zupfte nervös an ihrem Taschentuch und meinte, das Ganze sei eigentlich das Problem ihrer Eltern und sie wolle auf keinen Fall, dass die von ihrem “Verrat” etwas erführen.  Sie schaute unsicher zu Betty hoch, die aufgestanden war.

Betty  fing an zu stottern, wie sie es früher oft getan hatte, wenn sie unsicher war. Sie sah Jenny mit einem flehenden Gesichtsausdruck an, denn Jenny war cool und ihre Meinung war für sie maßgeblich.  Sie hatte Betty immer verteidigt, wenn einer der Jungs sie wegen ihrer plumpen Figur oder ihres Stotterns hänselte.

Jetzt nickte Jenny ihr zu und sagte: “Wir gehen nur zusammen zu der Psycho-Tante rein, keine Angst.”

Betty lächelte dankbar und versprach mitzukommen, wenn auch Nuren sich bereit erklärte; Nuren nickte.

Für alle war klar, dass Gül nicht zur Beratung mitkommen würde, denn sie hatte keine Probleme offenbart; sie war in den Augen ihrer Freundinnen das verträumte kleine Mädchen, das noch am Daumen lutschte und verschämt lächelte, wenn man es darauf ansprach.

Als Marie rief, dass die Schulstunde schon längst um sei, war klar, dass Frau Schulz bei “Wildwasser” einen Termin besorgen würde.

Glückliche Tage

Kurz vor der Klassenreise tauchte Güls Vater – nach langer Abwesenheit –  auf der Elternversammlung auf, die für die Teilnahme an der Reise wichtig war. Er hörte still den Informationen der Lehrer  und Fragen der Eltern zu und wartete zum Schluss als Letzter auf Frau Schulz. Als er sicher war, dass kein anderes Elternteil in Hörweite war, flüsterte er: “Probleme mit Gül. Gül macht manchmal Bett nachts nass. Darf sie trotzdem mitfahren?”

Auf der Klassenreise passierte nichts dergleichen. Gül war fröhlich, ging mit den anderen im Badeanzug schwimmen, machte sich abends schick für die Jungs der eigenen und der Nachbarklasse und hörte mit den anderen aus der Clique Jennys Lieblingsmusik, wenn die Nachtruhe beginnen sollte.

Alles war gut!!

Wiedersehen

Frau Schulz ist unterwegs auf der Bergmannstrasse und hat den Wochenendeinkauf gerade auf ihrem Fahrrad verstaut, als sie von einer hübschen jungen Frau angesprochen wird. Sie durchforstet ihr Gedächtnis, sieht noch einmal genau hin und freut sich: Gül steht vor ihr. Sie hatte über sie erfahren, dass sie auf ein OSZ gegangen war, das nicht weit von Kreuzberg seine SchülerInnen auf Berufe im Verkehrswesen vorbereitet.

Nun steht Gül unsicher lächelnd vor ihr und schaut auf sie herab; sie ist einige Zentimeter größer als Frau Schulz, trägt  ihre langen schwarzen Haare immer noch Schulter lang, ist kaum geschminkt und trotzdem sehr hübsch.

Frau Schulz umarmt sie impulsiv, was Gül zögernd zulässt. Sie wirkt erfreut, aber angespannt.

Frau Schulz schlägt vor, zusammen einen Kaffee in der Menagerie zu trinken, in die sie nur zu besonderen Anlässen geht. Gül zögert, was Frau Schulz auf einen schmalen Geldbeutel zurückführt. Sie wundert sich zwar, da Gül inzwischen mit ihrer Ausbildung fertig sein müsste, lädt sie aber selbstverständlich ein.

Kaum sitzen sie an einem Tisch in der hintersten Ecke, wohin gül zielstrebig gesteuert ist, als Frau Schulz nach ihrer beruflichen Karriere fragt. Gül senkt den Kopf und flüstert: ” Ich durfte meine Ausbildung nicht zu Ende machen.”  Frau Schulz wird klar, dass dieses Gespräch länger dauern wird, wenn sie die richtigen Fragen stellt und genügend Empathie zeigt.

“Wer hat Dich gehindert?”

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Junge Flüchtlinge mit den Augen einer älteren Lehrerin gesehen

Ewa berichtet jetzt seltener über Flüchtlinge. Da sich aber die Situation im Lande und besonders in Berlin sehr verkompliziert hatte, wollte sie doch über ein paar positive Eindrücke von der Arbeit mit den jungen Flüchtlingen schreiben.

Sie unterrichtete Deutsch, zuerst in einer Jugendherberge, wo ungefähr 80 männliche Jugendliche untergebracht waren, die ohne Begleitung nach Deutschland gekommen waren. Die ärztlichen Untersuchungen hatten alle absolviert; man hatte sie weiterhin als Jugendliche eingestuft, obwohl sie einige von ihnen eindeutig für älter hielt. Sie wurden geimpft und in Willkommensklassen untergebracht. Manche waren wirklich extrem begabt und fleißig; sie wurden in einem Talentcampus gesammelt und einen Monat lang besonders gefördert; zu ihrer Überraschung waren das eher Jugendliche aus Afghanistan als solche aus Syrien, von denen alle behaupteten, sie wären so gebildet und kultiviert.

Leider musste die Gruppe die Herberge räumen und weit weg in die Stadt ziehen, doch soweit sie sah, kümmerte man sich wirklich gut um sie; nur dass der Weg zur Schule, also der Willkommensklasse so lang werden würde, hatte man nicht bedacht.

Es gab ein Abschlussfest mit persischem, afghanischem und deutschem Essen (Letzteres: Hähnchenschenkel mit Pommes). Wir – die Lehrer, die Sozialarbeiter und die Betreuer – stürzten uns auf Humus, die vielfältigen Salate und die Auberginen-Zubereitungen, die köstlich und bunt auf einem Buffet aufgebaut waren; die Jungs beluden ihr Teller mit Pommes, Hähnchen, Ketschup und Mayonnaise; jedem das seine, dachte sie. Selbstgebackener Kuchen und Süßes, auch Obst waren von den Lehrern mitgebracht worden. Die Jugendlichen halfen bei den Vorbereitungen, und sie hatten einen Film über ihren ersten Aufenthalt in Berlin gedreht. Das schöne dabei war, dass sich wirklich alle gegenseitig kenngelernt hatten. Die afghanische Gruppe wusste inzwischen, welche Städte es in Syrien, dem Irak gab und umgekehrt; sie wohnten immer noch in getrennten Zimmern unter sich, doch es waren auch Freundschaften quer zu den Nationalitäten geschlossen worden; auch die wenigen Schwarzen fühlten sich wohl in der Gruppe.

Nachdem die Aufgabe in der Jugendherberge zu Ende gebracht war, tat sie sich um, wo sie weiterhin Jugendliche unterrichten konnte. Sie fand in einem anderen Unterbringungsort Gruppen von Teenagern, die mit ihren Familien gekommen waren. Sie warteten länger auf die Aufnahme in die Wilkommensklassen. Ihr fiel auf, wie viel unbeschwerter und einfach netter sich in einer koedukativen Klasse mit Mädchen und Jungen unterrichten ließ. Sie waren alle auch ruhiger und „normaler“, unaufgeregt – wie viel doch die Anwesenheit von Angehörigen bedeutete, sah man hier ganz deutlich. Die Jungs räumten sogar den Klassenraum auf, fegten den Gang ohne Murren, und die Mädchen brachten Lächeln und Lockerheit, auch Schönheit in die Klasse.

Sie dachte, bei gut organisierter Hilfe würde man diese Jugendlichen leicht in die heutige deutsche Gesellschaft integrieren können. Man musste sich nur weiterhin sehr intensiv um sie kümmern, sie begleiten und fördern, auch persönlich, jeden Tag. Viele von ihnen schienen sowieso von der westlichen Kultur fasziniert zu sein, kleideten sich in Jeans und Nike-Sportschuhe, dazu kamen bei den Jungen die in ihren Augen besonders hässlichen modernen Frisuren. Die Mädchen trugen ihre Kopftücher sehr locker, es lugten immer Haare hervor, und ihre engen Pullover und Jeans beinahe gleich aus wie hier üblichen. Wichtig war, dass sie dieses „beinahe“ nicht als Demütigung empfanden, sich ihrer Vergangenheit nicht schämten und einen Weg für sich zu finden schienen.

Besonders für die Mädchen würde das viele Chancen eröffnen; sie würden dann ihr eigenes Leben leben können, entscheiden, was sie lernen und ob sie Familien gründen, arbeiten oder beides zusammen versuchen wollten. Sie dachte, dass man ihnen das kommunizieren müsse, immer wieder vor Augen führen, damit sie sich nicht in ihrer Vergangenheit gefangen und daran gebunden fühlten. Dazu würde man viele Lehrer, Begleiter brauchen; sie würden sich nicht so schnell auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen, aber mit genug Geduld und Offenheit würde man ihnen etwas Neues für sie entwickeln können. An jungen Psychologen, die nur darauf warteten, alle in jeder Lebenslage zu beraten, fehlte ihres Wissens nicht; man musste sich nur eben auf diese Situation wirklich einlassen und die Jugendlichen fördern, unterstützen und informieren.

Und dann das große, alles übergreifende Wort „Integration“. Dazu fiel ihr nur eine Anekdote ein, ein Witz: Ein Flüchtling begegnet eine gute Fee und klagt über sein schweres Schicksal und das Leben in der Fremde. Darauf sagt die gute Fee zu ihm: „Dann will ich dir helfen. Ich erfülle deine drei Wünsche sofort“. Der Flüchtling denkt nicht lange nach. Er sagt: „Ich will ein schönes Haus haben“. Und schwupp die wupp steht ein schönes Haus vor ihm. Dann sagt er: „Ich brauche natürlich auch ein schnelles, schickes Auto“. Auch dieser Wunsch wird sofort erfüllt. „Und was ist mit dem dritten Wunsch“, fragt ihn die gute Fee. Ja, sagt der Flüchtling, „ich will ein Deutscher werden, mich nicht mehr fremd fühlen“. Da verschwinden sowohl das Haus als auch das Auto; der Flüchtling schaut die gute Fee ganz erschrocken an: „wohin sind meine zwei Wünsche verschwunden?“. „Du willst ein Deutscher werden? Dann musst du dir das alles schwer erarbeiten, fang gleich an“, sagt die gute Fee ganz ruhig.

 

Gül heisst Rose

Anne Schmidt

Bekenntnis 3

Frau Schulz will Gül nicht bedrängen und wendet sich Nuren zu, die während des – automatisch gewordenen – Kämmens mit gesenktem Kopf Sätze vor sich hinmurmelt, wie: “Ich kann keine Nacht durchschlafen, weil mein Vater meine Mutter durch die Wohnung jagt.” Betty schaut verständnislos zu Nuren hoch. Es fällt Nuren schwer, weiterzusprechen. Die anderen Mädchen rücken geräuschlos näher. “Er will jede Nacht mit ihr schlafen, aber sie hat keinen Bock. Deshalb rennt sie vor ihm weg und er rennt hinterher.”

Frau Schulz steht vor dem Abwaschbecken, traut sich jedoch nicht, jetzt Lärm zu machen. Sie muss an ihren Urlaub in der Türkei denken, als nachts im Zimmer über ihr Stunden lang Möbel gerückt wurden und ein kindliches Wimmern zu hören war. Am nächsten Morgen  erfuhr sie, dass kein Kind Ursache der nächtlichen Ruhestörung gewesen war, sondern sich ein eheliches Drama abgespielt hatte. An der Rezeption sah sie eine junge, verschleierte Frau, die von einem ernsthaften jungen Mann ihren Pass gereicht bekam. Sie schienen auf Hochzeitsreise zu sein.

Nuren erzählt weiter: “Meine Mutter droht immer damit, sich umzubringen, wenn er sie nicht in Ruhe lässt. Einmal hat sie es auch versucht und ganz viele Schlaftabletten genommen. Mein Vater hat den Notarzt gerufen, als sie morgens nicht aufstehen wollte. Seitdem bewahrt mein Vater alle Medikamente an einem geheimen Ort auf.  Aber er hört nicht auf, meine Mutter zu bedrängen. Wenn er sie endlich ins Bett gezerrt hat, höre ich die Bettfdern quietschen, auch wenn ich mir die Decke über den Kopf ziehe.”

Frau Schulz kann es nicht fassen, dass die Fünfzehnjährige immer noch mit den Eltern in einem Zimmer schläft.

Nuren bricht in Tränen aus. Betty steht auf und nimmt sie in den Arm. Sie streichelt Nuren über das Haar und zieht sie auf ihren Schoß. Ihre blauen, inzwischen malerisch betonten Augen füllen sich wieder  mit Tränen. Jenny kann ihre Empörung nicht zurückhalten: “So ein Schwein. Das hätte ich nie von ihm gedacht, dass er so ein Schwein ist. Ich dachte immer, er sei total nett. Von unserem Küchenfenster aus kann ich quer rüber in Nurens Hof schauen und Nuren kann in unseren Hof schauen. Wenn ich im Hof bin und an meinem Fahrrad etwas reparieren muss, ruft er meistens rüber, ob er mir helfen kann. Letztens hat er mir die Kette wieder auf den Zahnkranz gelegt. Ich war froh, dass er mir geholfen hat, aber jetzt will ich keine Hilfe mehr von ihm.”  Jenny lässt geräuschvoll das Besteck ins Spülbecken knallen. Frau Schulz überlegt, ob sie Nurens Vater schon mal bei einer Elternversammlung gesehen hat. Sie erinnert sich schwach an einen kleinen rundlichen Mann mit Brille, der sich am ersten Elternsprechtag in der siebten Klasse nach den Noten seiner Tochter erkundigte und ihre Erfolge in der Grundschule pries. Nie wäre Frau Schulz auf die Idee gekommen, dass dieser kleine besorgte Mann ein Vergewaltiger ist und seiner Frau und Tochter jede Nacht die Hölle bereitete.

Jetzt kann sich Frau Schulz Nurens Müdigkeit und häufige Konzentrationsschwäche im Unterricht erklären.  Was kann sie als Lehrerin tun, wie kann sie Nuren helfen? Kann sie sich in fremde Eheprobleme einmischen? Sie steht vorm Spülbecken und überlegt krampfhaft.

Bekenntnis 4

Während Frau Schulz grübelt, hört sie hinter sich eine Stimme sagen: “Ein Glück, dass sich meine Mutter von meinem Vater getrennt hat, als ich noch ein Baby war.” Betty und Nuren heben ihre Köpfe, Gül steckt ihren Daumen wieder in den Mund. Marie merkt, dass alle, auch Jenny sie anschauen und fährt fort: “Meine Mutter hat mir erzählt, dass er mich missbraucht hat, als ich noch ein Baby war. Sie hat es sehr früh entdeckt und hat ihn sofort rausgeschmissen. Sie hat mich vom Arzt untersuchen lassen und der hat ihren Verdacht bestätigt. Ich weiss nicht genau, was sie noch getan hat, um sich möglichst schnell scheiden lassen zu können; das war alles noch in der DDR . Ich bin in Tangermünde geboren und mit meiner Mutter  in meinem ersten Lebensjahr nach Magdeburg gezogen.”

Marie sagt das alles so lakonisch, als berühre sie dieser frühkindliche Missbrauch wenig. Frau Schulz weiss, dass Maries Situation in ihrer gegenwärtigen Familie nicht einfach ist; nachdem sie Jahre lang mit der Mutter allein gelebt hat, muss sie sie jetzt mit einem neuen Vater und zwei kleinen Halbbrüdern teilen.

Aber Marie erzählt immer euphorisch von den Wochenenden im Garten am Rande des Flughafens Tempelhof.

Sie machen nie Urlaub in einer anderen Umgebung , weil dafür das Geld fehlt; zwar arbeitet die Mutter als Altenpflegerin, aber für einen Urlaub ausserhalb des Schrebergartens reicht der Verdienst der Eltern nicht aus.

Frau Schulz kennt Maries Mutter von den Elternabenden als resolute und optimistische Frau, die auf ihre Tochter stolz ist und trotz aller beruflichen Belastung die schulischen Aufgaben und Leistungen nie aus dem Blick verliert.

Wahrscheinlich hat Marie es ihr zu verdanken, dass sie keine traumatischen Gefühle zurück behalten hat.

Oder ist ihr Selbstbewusstsein nur Show?

Gül, Rose ohne Dornen

Anne Schmidt

Bekenntnis 1

Gül schaute nach Innen, so schien es. Sie lutschte am Daumen und wickelte eine Strähne ihres schwarzen Haares um den rechten Zeigefinger.  Sie war 15 Jahre alt, verhielt sich aber wie eine müde Fünfjährige.

Frau Schulz bemerkte dieses Verhalten nur am Rande ihres Blickfeldes, denn ihre Aufmerksamkeitwurde  von vier Mädchen beansprucht, die mit ihr in der Schulküche Spagetti gekocht hatten und gerade dabei waren, diese zu verzehren.

Anfangs hatten sie herum gealbert und Küchenutensilien kreisen lassen, aber Frau Schulzens Frage hatte  sie während der Mahlzeit verstummen lassen.

“Kennt Ihr Mädchen, die sexuell missbraucht worden sind und Hilfe brauchen?”, hatte Frau Schulz ohne jegliche Einleitung gefragt. Die vier schauten auf ihre Teller, nur Gül schien weiter vor sich hin zu träumen.

Jenny brach als Erste das Schweigen. “Ich kenne niemanden, aber mir wäre so etwas beinahe selber passiert.”

Zögernd erzählt sie, dass ein Kollege ihres Vaters sie vom Garten im Auto mitnehmen und zu Hause absetzen sollte.   Unterwegs habe er ihr komische Fragen gestellt und seine Hand auf ihren Oberschenkel gelegt.

Sie habe ihm seine intimen Fragen teilweise beantwortet und versucht, seine Hand wegzuschieben. Aber er habe gelacht und sie kindisch und naiv genannt. Als sie merkte, dass er in eine ruhige Parallelstr. zu ihrere eigenen fahren wollte, habe sie damit gedroht, aus dem Fenster zu schreien oder aus dem Auto zu springen.

Er habe weiterhin gelacht, sie eine Zicke genannt, sie aber am Friedhof aussteigen lassen.

Jenny fängt in Erinnerung an ihre Hilflosigkeit an zu weinen.
Das Schlimmste sei für sie aber gewesen, dass ihr Vater, als sie ihm das Erlebte schilderte, ärgerlich geworden sei.  Er habe gebrüllt, sie solle sich  nicht so anstellen, es sei doch gar nichts passiert.

Jenny schnieft noch ein bisschen und sagt trotzig: “Männer halten immer zusammen; sie sind halt Schweine.”

Bekenntnis 2

Betty umarmt Jenny und meint, sie könne gut verstehen, dass das Unverständnis des Vaters für Jenny sehr schmerzhaft gewesen sei.   Sie selber sei von ihrer Mutter angeschrien worden, als sie sich die Pulsadern aufgeschnitten habe. Alle starren Betty ungläubig an und Jenny hört auf zu schluchzen.

“Du wolltest dich umbringen? Warum?”

Alle stellen gleichzeitig diese stumme Frage, nur Jenny spricht sie laut aus. Betty zögert verschämt mit ihrer Antwort; sie schaut ziellos zu Tür, als sie flüstert: “Ich war für meine Eltern völlig unwichtig. Für sie gab es nur meinen Bruder; bei ihm war ein Tumor im Kopf festgestellt worden und er musste operiert werden. Als er wieder zu Hause war nach der Operation, wurde er von vorne bis hinten verhätschelt, besonders wenn er angeblich Kopfschmerzen hatte.  Ab und zu bekam er einen Tobsuchtsanfall und alle hatten Angst, er könne jemanden angreifen oder die Wohnung zertrümmern. Einmal hat er meine Mutter mit der Gabel bedroht, weil sie ihm kein Bier geben wollte. Keine Ahnung, ob er vorher schon mal Bier getrunken hatte, aber Alkohol ist für ihn absolut tabu, immer noch. Seit diesem Ausraster bekam er so ziemlich alles, was er wollte. Mich kommandierte er immer herum, als sei ich seine Sklavin.

Meine Eltern haben mich nie in Schutz genommen vor ihm. Sie haben mich entweder gar nicht beachtet oder auf mir herum gehackt. Mein Vater war tagsüber arbeiten und kam immer so müde nach Hause, dass er früh schlafen ging. Aber meine Mutter war tagsüber zu Hause, weil sie wegen Jens ihren Job an der Kasse vom Supermarkt aufgeben musste.  Sie ging am späten Abend hin zum Regale einräumen. Wenn ich von der Schule kam, passte sie mich immer schon an der Tür ab. Meistens war ich müde und hätte mich gern auf mein Bett geschmissen, aber sie hatte immer irgendwelche Arbeiten für mich. Putzen und Bügeln schaffte sie nicht, wenn sie kochen musste. Aber meistens hatte sie auch das nicht gemacht.  Ich kam mir vor wie der letzte Dreck.”

Betty fängt in Erinnerung an ihre häusliche Hölle an zu weinen. Jenny und Marie streichen ihr beruhigend über die Haare.

“Als mich mein Vater mit blutenden Armen nachts ins Krankenhaus bringen musste, schnauzte meine Mutter mich an. Du machst Papa nur Arbeit, du solltest dich schämen.”

Die Mädchen können ihrer Empörung nur Ausdruck verleihen, indem sie Bettys Mutter mit wüsten Schimpfworten belegen. Betty scheint das ein wenig zu beruhigen, denn sie hört auf zu weinen und schaut ihr Freundinnen dankbar an.  Nuren holt einen Kamm aus ihrer Tasche und beginnt Bettys strähniges Haar zu kämmen.

Jenny bringt Eyeliner und Wimperntusche und konturiert Bettys grüne Augen, die noch nie jemandem aufgefallen sind.

Gül schaut unsicher lächelnd der Verschönerung ihrer unscheinbaren Freundin zu und nimmt sogar den Daumen aus dem Mund. Marie fragt sie, ob ihr noch nie etwas Gemeines passiert sei.   Güls Gesicht, das vorher noch Erstaunen gezeigt hatt, verschließt sich und sie schüttelt ablehnend den Kopf. Sie dreht sich um und räumt die Teller vom Tisch.

Gül heisst in Wirklichkeit anders und war eine Schülerin von mir; alles, was ich geschrieben habe, ist authentisch und mir so von den Mädchen erzählt worden.
Fortsetzung nächsten Donnerstag