Fotografie in Berlin, zwei Einladungen

Einladung 1

Seit Jahren führt der Fotograf Karsten Hein Projekte für und mit den Blinden. Er hat ein Fotostudio für Blinde Fotografen gegründet, eine Webseite eingerichtet, wo die Sehenden für die Blinden ihre Fotos interpretieren. Er hat auch Modenschauen mit den Blinden organisiert, ein Projekt, das ihm viel Renommee brachte.

Morgen gibt es im Kunger-Kiez eine neue Vernissage aus dieser Reihe.

XXX
Für Diejenigen, die einen Text bevorzugen, HIER kann man dasselbe lesen.


Die Autorin des wunderbaren Fotos, die man auf der Einladung findet, ist Silja Korn, eine faszinierende, “bunte”, engagierte Frau. Sie ist farb- und modebewusst, sie gründete eine Stiftung zur Verbesserung der Lebensqualitet blinder und taubblinder Menschen, sie malt, sie kann euch porträtieren und ich vermute in der Tat ist sie vieles mehr. Siehe HIER.

Ach, und noch eins… sie sucht uns:

Liebe Leser,

ich suche fotobegeisterte Menschen, die ehrenamtlich (oder für Vortrag, Bachelor, Masterarbeit, usw.) mit mir gemeinsam mit der Fotokamera durch Berlin streifen wollen.
Ich habe im Laufe der Zeit schon viele Erfahrungen als blinde Fotografin sammeln können.
Darüber könnt Ihr Euch gerne hier informieren.
Mein Wunsch ist es, mein Gefühl zur Kamera und dem erwünschten Objekt noch genauer ins Visier zu bekommen, damit die Themen die ich fotografieren möchte, gezielter abgelichtet werden.
Bisher bin ich auch oft allein mit der Fotokamera unterwegs gewesen. Dabei entstand schon so manches tolle Foto.
Es kann auch als ein Tandem gesehen werden. Wir beide fotografieren das gleiche Objekt und später stellen wir daraus eine gemeinschaftliche Serie her.
Alles weitere können wir dann bei näherem Kontakt noch genauer ausarbeiten. Ich freue mich schon sehr auf Eure Zuschriften!
E-Mail: sk@siljakorn.de

Mit besten Grüßen
Silja


Einladung 2

Peter Bialobrzeski: Bei Wismar, 2012. Aus der Serie: »Die zweite Heimat«, 2011-2016 © Peter Bialobrzeski

Peter Bialobrzeski – Die zweite Heimat

Für Die zweite Heimat reiste Peter Bialobrzeski von 2011 bis 2016 mit seiner Kamera
durch Deutschland. Mit seinen Fotografien versucht der Künstler, die soziale Oberfläche
des Landes zu beschreiben, das ihm seit 50 Jahren eine Heimat bietet. Ihn interessiert die
Frage: Wie sieht das Land aus, in dem ich lebe, wenn ich es im Bild festhalte? Wie sieht die
Gegenwart aus, wenn sie als Vergangenheit betrachtet wird?
Bialobrzeski fotografiert den vom Menschen geprägten Außenraum: Stadt, Land, Architektur. Er fokussiert dabei auf häufg übersehene Objekte, die vordergründig keine Bedeutung zu haben scheinen und erst dann ihr Wesen zeigen, wenn sie wahrgenommen und in einen Kontext gebracht werden. Treffend beschreibt Henning Sußebach im Vorwort zum gleichnamigen Buch (2017) den Fotografen als „… unterwegs im weiten Dazwischen, im Fremdvertrauten eben, wo sich Garagentore, Laternen und Tankstellen aneinanderreihen …“
Die entstandenen Fotografen sprechen für sich selbst. Sie legen künstlerisch Zeugnis ab und erlauben, auch in soziologischen, dokumentarischen und damit historischen
Zusammenhängen verstanden zu werden.

Peter Bialobrzeski (geb. 1961) ist einer der bekanntesten und international erfolgreichsten deutschen Fotografen der Gegenwart. Er lehrt seit 2002 als Professor für Fotografe an der Hochschule für Künste in Bremen. Seine Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet. Der Künstler stellt weltweit aus, seine Fotografien befinden sich in zahlreichen privaten und öffentlichen Sammlungen.
11.1. – 31.3.2019
HAUS am KLEISTPARK
Grunewaldstraße 6– 7, 10823 Berlin, Tel 90277- 6964, Di bis So 11 – 18 Uhr, Eintritt frei, kein barrierefreier Zugang
Verkehrsanbindung: U7 Kleistpark, Bus M48, M85, 106, 187, 204; http://www.hausamkleistpark.de, http://www.bialobrzeski.de
Eine Ausstellung des Fachbereichs Kunst, Kultur, Museen Tempelhof-Schöneberg.

Ausstellungseröffnung
Donnerstag, 10. Januar 2019 um 19 Uhr
Es sprechen:
Barbara Esch Marowski
Leiterin der kommunalen Galerien Tempelhof-Schöneberg
Jutta Kaddatz
Bezirksstadträtin für Bildung, Kultur und Soziales Tempelhof-Schöneberg
Ingo Taubhorn
Kurator Haus der Photographie | Deichtorhallen Hamburg

Unten noch ein pdf, um das alles in Ruhe zu lesen:

2018-11-12 hak einladung bialobrzeski web

Vergessene Texte 3

Ewa Maria Slaska

Nicht nur die Kirchen

Fortsetzung

In Templin

Nie im Leben habe ich mit so vielen Priestern geredet, wie jetzt, als ich den Text über Ulitzka schreibe. Nicht mal zwei Wochen nach meinem Besuch in Biesenthal fahre ich nach Templin, wo ich mich mit Pfarrer Beier treffe. “Haben Sie ihn gekannt?” stelle ich noch am Telefon meine übliche Frage. “Nein, das nicht, aber sein Wirken war in der Gemeinde immer wichtig“.

Unterwegs vom Bahnhof zu seiner Wohnung besuchen wir noch eine Kirche, wieder eine Herz-Jesu-Kirche, eine katholische Kirche in Templin, wo Pfarrer Beier trotz seiner 86 Jahre jeden zweiten Sonntag die heilige Messe zelebriert. An den Wechselsonntagen ist er in Zehdenick. “Sport hält fit”, lacht er, “in meiner Studienzeit spielte ich Fußball, dann ganzes Leben lang bin ich viel geschwommen bis noch vor zwei Jahren, und ich fahre immer noch Rad”.

Als ich die kleine Wohnung in der Am-Eulen-Turm-Straße in Templin betrete, die Pfarrer Baier seit seiner Emeritierung bewohnt, wartet schon eine Sammlung von Büchern und Ordnern auf mich, die er auf seinem Wohnzimmersofa gestapelt hat. Sein Ulitzka-Fundus. Das Buch von Guido Hitze gibt’s gleich zweimal – die normale Ausgabe, die ich ja auch (aus der Bibliothek geliehen) habe, außerdem aber auch ein umfangreiches maschinengeschriebenes Manuskript mit persönlicher Widmung des Autors.

“Der war mal einen Tag lang in Bernau”, meint Pfarrer Beier, “sonst hat man sich auch woanders oft getroffen. Ich hatte ihm viel zu zeigen und zu erzählen. Das ganze Archiv.”

Wir reden und reden, und reden. Ich fotografiere. Wir reden. Nicht nur über Ulitzka. Dann gehen wir essen und spazieren. Dann begleitet er mich noch zum Bahnhof. Ich komme nach Berlin mit dem Gefühl, einen den schönsten Tage in meinem beruflichen Leben erlebt zu haben. Ich würde gern wiederkommen, in diese schöne kleine Stadt, zu diesem Menschen, mit dem man sich so gut unterhalten kann.

Die Politik

Im März 1910 verließ Ulitzka Bernau und kehrte nach Oberschlesien zurück, wo er dreißig Jahre, bis 1939 Pfarrer in Ratibor-Altendorf war.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges war Ulitzka Zentrumsabgeordneter Oberschlesiens in der Weimarer Nationalversammlung, und anschließend von 1920 bis 1933 Zentrumsabgeordneter im Reichstag.

Solange er als Politiker in Berlin zu weilen hatte, wohnte er im Hospital der Grauenschwester in der Niederwallstr. 8-9 im Bezirk Stadtmitte. Die Schwestern führten ihr Krankenhaus bis 1993. Heute ist es Sitz des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin.

Man erzählt, dass er seinerzeit als Politiker fast jeden Samstagabend in Berlin den Nachtzug nach Schlesien nahm und im Zug schlief, um in Ratibor in „seiner“ Nikolai-Kirche um 9.15 Uhr die heilige Messe zu halten. Oft auf Polnisch! 14 Jahre lang, von 1919 bis 1933. Der Biograf nennt es sogar das „Doppelleben“ des Geistlichen. Möglich war es, schreieb er, dank der außergewöhnlichen Glaubenstiefe, eiserner Disziplin, großem Fleiß und einem beachtlichen Organisationstalent.

1939 wurde Ulitzka wegen seines Eintretens für den Gebrauch der polnischen Sprache in der katholischen Kirche aus Schlesien ausgewiesen und wurde Krankenhausseelsorger im St. Antonius-Hospital in Berlin-Karlshorst.

Er beschloss, sich nicht mehr politisch zu engagieren. Die Politik wollte es aber anders. Am 28. Oktober 1944 wurde Ulitzka von der Gestapo verhaftet und am 21. November 1944 in das Konzentrationslager Dachau verbracht. Nach der Entlassung aus Dachau am 29. März 19455 ging er zuerst ins Pfarrhaus von Kösching bei Ingolstadt, wo er bei den Pfarrer Landgraf  wohnte, den er im KZ kennengelernt hat. Erst am 22. Juni begann seine  mühselige und gefahrvolle Reise nach Berlin und von dort weiter nach Schlesien. Er kam am 5. August 1945 in Ratibor an, im kommunistischen Polen! Er wollte sein Pfarramt in Ratibor zurück bekommen. Bereits am 12. August 1945 musste er Ratibor fluchtartig wieder verlassen, nachdem ihm von den Polen Morddrohungen zugingen.

Es ist die Ironie des Schicksals, dass ihn die beiden totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts verfolgt und in seiner Wirkung gehindert haben. Vielleicht kann man sagen, dass es ihnen gelungen war, den politisch engagierten Menschen aus der Politik zu verbannen. Der Geistliche ist er aber geblieben. In seinen letzten Lebensjahren war er der Krankenhausseelsorger in den Hospitälen.

St. Antonius-Krankenhaus in Karlshorst

Köpenicker Allee 39
10318 Berlin

Heute Katholische Hochschule für Sozialwesen

Das Krankenhaus wurde von der Breslauer Kongregation der Marienschwestern von der allerseligsten und unbefleckten Jungfrau Maria gebaut. Insgesamt hatte die Kongregation circa 100 Krankenhäuser in Deutschland. Das St. Antonius-Hospital wurde 1930 eröffnet. Der Architekt Felix Angelo Pollak aus Wien ließ es im Bauhaus-Stil errichten. Er hat in seinem einfachen, im schlichten Stil gebauten Krankenhaus, die Figur des Heiligen Antonius, Patrons des Hospitals, eingebaut.

Mit den Schwestern verband Ulitzka eine innige Beziehung, die schon 1897 begann. Ulitzka war am 21. Juni dieses Jahres zum Priester geweiht und seine Primiz – die erste von einem angehenden Priester zelebrierte Messe – durfte er im Orden der Marienschwester in Breslau feiern. Als er, aus Ratibor verbannt, 1939 nach Berlin kam, wandte er sich wie selbstverständlich an die Schwestern und bekam die Stelle im Krankenhaus.

Das Krankenhaus galt seinerzeit als die modernste Hospitalanlage Deutschlands und verfügte über 350 Betten (später – 375) für Innere Medizin (besonders Tuberkulose), Geburtsheilkunde und Chirurgie. Es gab eigene Wäscherei, Fleischerei, Bäckerei, eigene Stromversorgung, eigenes Wasserwerk (Tiefbrunnen im Garten).

In einem Referat von Professorin Angelika Pleger sind folgende Eigenschaften des Krankenhauses aufgelistet:
• Parkähnliche Gartenanlagen („Kurklinik“)
• Verbindung der Architektur und Natur
• Von der Individualmedizin zur Sozialmedizin
• „Ganzheitliche“ Medizin
• Patientenfunk, Radio und Kopfhörer am Patientenbett
• Hygienische Vorlesungen für die Patienten
• Schwesternausbildung
• Dachliegeterrassen auch für Nachtaufenthalte geeignet
• 150 Diäten im Angebot
• Therapiebegleitende Frischluftgymnastik auf dem großen Gartengelände
• Therapien: Hydrotherapie, Elektrotherapie, „Lichtkuren mit Höhensonne“ sowie Radium-Tiefentherapie

Die Kapelle des St. Antonius-Hospitals wurde mit gestauchten Spitzbögen gebaut – eine sehr expressionistische Formensprache. Man hielt sehr viel von dem besonderen Licht – „gelbes Licht“ – das die Kapelle durchströmte. Die Schwestern verfügten auch über einen nahezu abgeschlossenen Innenhof, konzipiert in Anlehnung an mittelalterliche Kreuzganggestaltungen, wo sich Klausur und Wohntrakt befanden. Die Kapelle fungiert heute als eine Aula, den Kreuzgang gibt es nicht mehr.

Hier, in einer kleinen separaten Wohnung lebte Ulitzka bis zu seiner Inhaftierung. Schwester Bernhildis führte seinen Haushalt. Später wird mir Schwester Walburga erzählen, die mit Schwester Bernhildis befreundet war, dass Ulitzka große Stücke von Bernhildis hielt und sich sein Leben ohne sie gar nicht vorstellen konnte. Das Schicksal wollte es zwar anders, aber als Ulitzka tatsächlich nach der Inhaftierung und einem misslungenen Versuch, sich in Ratibor niederzulassen, zurück kam, übernahm Bernhildis wieder ihre Dienste. Sie ist 1919 geboren, dh. sie war erst 20 als Ulitzka 70 jährig nach Karlshorst kam, und 30 als er starb.

Nach 1945 änderte sich dramatisch die Nutzung des Hauses und des ganzen Bezirks. Die Sowjets kamen in die Stadt. Als Sieger und Befreier, aber auch als Besatzer. Am 7. Mai 1945, also noch vor dem offiziellen Kriegsende, wurde das Krankenhaus geräumt – der Bezirk wurde zum sowjetischen Sperrgebiet erklärt. Nachdem die Sowjets 1964 das Haus verlassen hatten, wurde es vom Ministerium für Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft der DDR benutzt. Nach der Wende wurde das Haus wieder den Marienschwestern rückübertragen. Man erwartete, dass sie das Hospital wiederaufbauen würden. Sie haben sich aber anders entschieden, das Haus wurde verpachtet und 1991 wurde hier die Katholische Hochschule für Sozialwesen eröffnet, die sich sehr gut entwickelt und jährlich ca. 1400 Studenten immatrikuliert.

Interessant, dass weder die Sowjets noch die DDR-Funktionäre die religiösen Symbole des Krankenhauses zerstört hatten. Die Figur des heiligen Antonius an der Außenwand wurde nur umhüllt, die Kapelle wurde mit provisorischen Wänden verdeckt, und lediglich der Altarbogen wurde umgebaut, um für eine kleine Bühne Platz zu machen. Überhaupt ging man mit der Bausubstanz sehr sorgsam um. Es blieben aus der Gründerzeit noch gebogene Wände, alte Fenster und farbige Fußbodenkacheln im Bauhausstil.

Das Krankenhaus in Müggelsee

Josef-Nawrockistraße 34 (ehem. Waldowstr. 8/9)
12587 Berlin

Heute Wohnhäuser im Bau

Das Krankenhaus zog im Mai 1945 aus Karlshorst zunächst in das Restaurant „Wilhelmshallen“ im Hirschgarten um. Als Prälat Ulitzka aus Ratibor zwangsweise ausgesiedelt wurde und im August 1945 wieder nach Berlin kam, ging er zu den Schwestern in den Hirschgarten.

Am 1. September zogen die Schwestern, die Kranken, die Ärzte und der Prälat in ihr neues Domizil: Ehemaliges Etablissement „Hotel Bellevue“ in Friedrichshagen, direkt am Müggelsee. Es war vor dem Kriege ein legendärer Ort für Reiche und Neureiche gewesen. Im Tanzsaal gab es eine Rosendiele, statt der es jetzt einen großen Hospitalsaal für 50 Mann gab. Ulitzka bekam ein kleines Zimmer zugewiesen, mit Blick auf den Müggelsee. Es sollte für die nächsten acht Jahre sein Zuhause werden. Eines änderte sich jedoch nicht: Schwester Bernhildis führte auch in Friedrichshagen seinen Haushalt und kümmerte sich um seinen Hund Frigga. Hitze hat noch 1994 mit Bernhildis über Ulitzka sprechen können. Sie starb 1999 und liegt auf dem Schwestergrabfeld auf dem katholischen Friedhof Tempelhof.

 

 

 

Ehrw. Schwester Bernhildis Kawalle, geb. 13.1.1919, gest. 1.6.199914. Ebenso wie Schwester Walburga, war auch Bernhildis Zeitlang die Oberin der Marienschwester-Kongregation in Berlin.

Ulitzka war mit über 70 Jahren, als er nach Friedrichshagen kam, immer noch aktiv. Er kümmerte sich nicht nur um seine Patienten und seine Friedrichshagener Gemeinde, sondern auch um seine Landsleute, die aus der Heimat ausgesiedelten Oberschlesier. Er schrieb über sie: Wer sind denn die, die heimatlos und obdachlos geworden, ausgeplündert, abgehärmt und ausgehungert, oft krank, ja nicht selten sterbend an die Türen ihrer Volksgenossen im Reich klopfen? Er half als Seelsorger, als Vorsprecher und Verfasser unzähliger Artikel und Schriften, aber auch als Sozialarbeiter. Er versuchte für seine Landsmänner Arbeit zu finden, brachte notwendige Kontakte zustande und half mit Sach- oder Gelspenden aus, oft aus der eigenen Tasche. Vor allem aber, so Hitze, schrieb er Zeugnisse für seine Gemeindemitglieder aus Ratibor.

Sein Alltag war genau geregelt. Um 6:00 Uhr zelebrierte er die Frühmesse, um 7:00 gab es Frühstück, dann die Büroarbeit bis 10:00 und anschließend Zeit für eine Tasse Kaffee und eine Zigarre. Dann schrieb er seine Predigten, Texte, Artikel, Manifeste, manchmal auch Gedichte. Um 12:00 Uhr gab es ein Mittagessen, bis 14:00 Uhr die Mittagsruhe; ab 14:00 Uhr Spaziergänge (mit Hund), Krankenbesuche, Religion-Unterricht für Schwesterschülerinnen, und um 18:00 Uhr das Abendessen. Was die Patienten an ihm schätzten, und zwar auch konfessionsunabhängig, waren Ulitzkas Sinn für Humor und die Bereitschaft, über durchaus profane Themen zu sprechen.

1947 feierte Ulitzka das 50-jährige Jubiläum seiner Priesterweihe. Man versuchte, leider vergeblich, eine Feier auch in Ratibor zu organisieren. Die Schwestern machten für ihn eine große Feier im Krankenhaus.

Am 24. September 1953 wurde Ulitzka 80 Jahre. Diesmal feierte man im Konvikt der Marienschwestern in Berlin-Lankwitz. Er war schon sehr krank, vielleicht sogar teilweise gelähmt. Es kamen wieder massenweise Gäste, auch aus der Politik, und tonnenweise schriftliche Glückswünsche, von Konrad Adenauer etwa oder Ernst Reuter, oder von Papst Pius XII. In einer Tischrede beim feierlichen Essen spottete Ulitzka, dass ihm diese Feierlichkeiten wie eine Generalprobe zu seinem Begräbnis vorkommen. Ein paar Wochen später starb er.

Das Krankenhaus am Müggelsee existierte bis 2001, 2013 wurden die Häuser abgerissen, jetzt sind da neue Wohnblocks in der Entstehung. Als ich dort war, um den Ort zu sehen, wo Ulitzka seine letzten Lebensjahre verbrachte, fotografierte ich die Baustelle und eine schöne Stadtvilla nebenan. Aus einer Baracke kam ein Wächter und sagte, ich dürfe erst fotografieren, wenn ich die Genehmigung vom Bauherren habe. Er zeigte mir die Bauinfotafel. “Ja, natürlich”, sagte ich. “Auf Wiedersehen”.

Marienschwester in Lankwitz

Maria Trost Krankenhaus
Galwitzallee 115
12249 Lankwitz

Heute Parkplatz des neuen Krankenhauses Galwitzallee 123-143.
Die Schwester wohnen jetzt im benachbarten Kloster St. Augustinus in der Galwitzallee 143.

Müggelsee und Karlshort, das war zuerst die Sowjetische Besatzungszone und danach die DDR. Lankwitz lag im Westen. Man muss es sich in Erinnerung rufen – sie wohnten im Ostteil der Stadt, durften aber noch ungehindert zwischen verschiedenen Zonen verkehren. Die Mauer wurde erst Jahre später errichtet.

Ich versuche das Konvikt in Berlin-Lankwitz anzurufen. Sie haben eine Handynummer, aber man bekommt nur eine Ansage zu hören: Der gewählte Gesprächspartner wünscht keine Gespräche, bitte haben Sie Verständnis dafür.

Ich fahre trotzdem hin. Haltestelle Marienkrankenhaus. Schneller Blick ins Internet sagt mir, dass der Träger des St. Marien-Krankenhauses Berlin Kongregation der Marienschwestern v.d.U.E. ist.
Ich weiß nicht, was “v.d.U.E.” bedeutet. Vor Ort erst lese ich auf einer Infotafel, dass es die Kongregation der Marienschwestern von der Unbefleckten Empfängnis ist, die Mitte des 19. Jahrhunderts von Pfarrer Johannes Schneider, einem Breslauer Diözesanpriester, gegründet wurde. Der Auftrag lautete damals – wie auch heute noch – für junge Frauen in Not da zu sein und sie auf vielfältige Art zu unterstützen.
Ja, also diese Schwestern sind es, die man aus Bildern, der Literatur und den Filmen kennt, die sich für „gefallene Mädchen“ einsetzen. Es sieht heue natürlich anders aus. Um gefallene Mädchen kümmert sich eh der eingetragene Hydra-Verein oder Sozialamt als ein Schwesternorden. Darüber kam über die Jahre die Arbeit mit Kranken und alten Menschen.

Und überhaupt das Dogma von der unbefleckten Empfängnis, eines der vielen Missverständnisse in der katholischen Religion: Fast jeder, auch ein gestandener Intellektueller, wird schwören, es handle sich darum, dass Maria Jungfrau war, als sie Jesus gebar. Kaum jemand weiß, dass es um die Geburt Marias selber geht, die ohne Makel der Erbsünde auf die Welt kam. Es ist ein Dogma sehr neuen Datums: Erst am 8. Dezember 1854 verkündet.

Auf der Webseite der Marienschwestern gibt es noch eine Handynummer, die ich jetzt wähle. Diesmal ist sofort Schwester Walburga am Telefon. Ich erzähle die Geschichte meiner Recherche, die mit jedem Tag länger wird. Schwester Walburga reagiert wie alle, denen ich sage, dass ich über Ulitzka schreibe: “Ach ja“. „Der Name sagt Ihnen etwas?” frage ich. “Natürlich.” “Pfarrer Beier meinte, ich sollte mit Ihnen sprechen”, sage ich. “Selbstverständlich”.

Am Nachmittag fahre ich zum Kloster, um erst pünktlich um 15 Uhr von der Schwester Pförtnerin zu erfahren, dass ich mich in Lankwitz befinde und Schwester Walburga auf mich im Seniorenstift in Karlshorst wartet. Nichts desto trotz ist auch diese Fahrt im tropisch heißen Berlin nicht umsonst. Ich frage Schwester Pförtnerin, ob sie mir den Saal zeigen könnte, wo Ulitzka seinen 80. Geburtstag feierte. Nein, sagt die Schwester, es muss im Krankenhaus Marias Trost gewesen sein, hier ist doch alles neu, das Kloster und das Krankenhaus. Die alten Gebäude sind alle abgerissen.

Im Internet finde ich eine Postkarte aus den 1970er Jahren und die Adresse von Maria Trost: Galwitzallee 115. Ich glaube das Haus unterwegs gesehen zu haben. Ich fahre nochmals hin. Aber nein, da wo das alte Krankenhaus stand, gibt es jetzt nur einen ummauerten Parkplatz, nun, an der Straße sehen viele Häuser so wie Maria Trost mal ausgesehen hat – graue, einstöckige Häuserreihen, Polizei, Apotheke, Wohnhäuser.

Schwester Walburga

Seniorenstift St. Antonius
Rheinpfalzallee 46-66
10318 Berlin

Dem Plan kann man entnehmen, dass der Stift ein Bestandteil der alten Krankenhausanlage St.-Antonius ist. Zwei Schritte trennen ihn von der Katholischen Hochschule, ein paar Hundert Meter von dem Eingang zum Friedhof. Der Kreis schließt sich. Das Pflegeheim in Berlin-Karlshorst bietet sowohl stationäre Pflege als auch betreutes Wohnen an. Das Heim ist auf Demenz, Wachkomapatienten und Palliativpflege spezialisiert. Zudem wird zusätzlich Ergo- und Physiotherapie angeboten.

Schwester Walburga ist nicht viel älter als ich, sie ist 1946 geboren, ich drei Jahre später. Ich finde sie auf Anhieb sympathisch. Nein, sie kannte Ulitzka persönlich nicht, aber er hat sie immer interessiert. Teilweise, weil Schwester Bernhildis ihr von ihm erzählt hatte. Er war ein charismatischer Mann und zog die Menschen in seinen Bann. Einfach so. Daher sammelte sie sehr vieles über ihn, Bücher, Fotos und Zeitungsausschnitte. Auch ein Büchlein von Jendryssek ist darunter. Schwester Walburga erzählt mir von den Versuchen Jendrysseks, Ulitzkas Leiche nach Ratibor zu überführen. Sie hat in den letzten Jahren den Neffen von Ulitzka kennengelernt, der entschieden gegen die Umbettung ist. Ich bekomme seine Visitenkarte. Ein Abgeordneter der CDU aus Bonn. Er wird es nie erlauben, meint Schwester Walburga, solange er lebt. Ich versuche es selber von ihm zu erfahren, aber er geht nie an keine von seinen vier Telefone und antwortet auch nicht an die Mails.

Der Friedhof

Friedhof “Zur frohen Botschaft”
Robert-Siewert-Str. 67 (ehem. Warmbader Straße)
10318 Berlin-Lichtenberg (Karlshorst)

Der Besuch am Grabe war der erste Schritt meiner Reise auf den Spuren Ulitzkas in Berlin und Umgebung. Im Text kommt er aber nun zuletzt. Carl Ulitzka starb am 12. Oktober 1953 in Berlin Friedrichshagen.

Ich rufe bei der Friedhofsverwaltung an. Ja, es gibt immer noch „unseren Prälat Ulitzka“, ja, ich könne kommen, das Grab sehen, eine kleine Ausstellung besichtigen und mit Herrn Thürling sprechen, dem Friedhofsdirektor, der sich für die „Sache Ulitzka“ einsetzt.

Die Ausstellung über die wichtigsten Persönlichkeiten und Personengruppen, die dort beigesetzt sind, darunter Pfarrer Ulitzka und die Marienschwester, gibt es auf dem Friedhof Karlshorst gleich zweimal – im Friedhofsgebäude und dann in einem Glaspavillon mitten im Friedhof.

Carl Ulitzka wurde hier am 19. Oktober 1953 zu Grabe getragen. Die Totenmesse zelebrierte man in der katholischen Pfarrkirche St. Marien der Unbefleckten Empfängnis in der Gundelfinger Straße in Karlshorst. Es ist ein denkmalgeschützter Kirchenbau, errichtet 1935-1937 im Stil der Neoromanik. Die Kirche diente nach 1945 vorübergehend als Depot und wurde erst seit 1949 wieder als Gotteshaus genutzt.

Die Totenmesse zelebrierte Kapitelsvikar Oskar Golombek. In Anschluss am Requiem setzte sich ein langer Trauerzug mit über 60 Geistlichen und 180 Ordensschwestern in Richtung der Grabstätte der Marienschwestern in Bewegung. (…) Im märkischen Sand bestattet, wurde dem Grab Ulitzkas seinem Wunsch entsprechend Erde aus seiner oberschlesischen Heimat beigegeben; Erde, die Ulitzka selbst vor seiner Flucht aus Ratibor im August 1945 dem Grab seiner Eltern auf dem Altendorfer Friedhof entnommen hatte.

Die Totenmesse fand um 9 Uhr statt, die Beisetzung um 10.30 Uhr. Von der Kirche zum Friedhof geht es 1,5 Kilometer zu Fuß, dazu vielleicht noch 800 Meter auf dem Friedhof selbst. Wurde der Sarg getragen oder gefahren? Der Trauerzug ging zu Fuß, dessen bin ich mir sicher.

Das Grab

Auch Herr Thürling erzählt mir, dass es eine Anfrage aus Ratibor gegeben hat (oder gibt es sie noch?), ob man das Grab Ulitzkas nach Polen umbetten dürfte. Das soll er sich selbst gewünscht haben. Herr Thürling meint jedoch, dass man die Leichen, so weit wie möglich, in Ruhe lassen soll. Er möchte nicht, dass der Leichnam Ulitzkas verlegt wird. Um jedoch dem polnischen Antragsteller nicht sofort „nein“ sagen zu müssen, antwortet man ihm zugleich diplomatisch und wahrheitsgetreu, dass man eigentlich nicht weiß, wo sich die sterblichen Überreste von Ulitzka genau befinden. Sicherlich nicht da, wo jetzt der Grabstein zu sehen ist. Die Grabanlage wurde im Laufe der letzten 60 Jahre zigmal verschoben und umgestaltet worden. Ich habe selber im Abstand von nicht Mal zehn Jahren zwei verschieden aussehende Grabanlagen gesehen, wo Ulitzka begraben liegt. Nicht nur der Ort, auch die Ausgestaltung des Grabes hat sich geändert. Am Anfang stand das Grab quasi allein. Heute sieht es so aus, als ob Ulitzka im Quartier der Marienschwestern begraben liegt, ein einziger Mann unter 19 Nonnen aus dem Krankenhaus St. Antonius: …gebenedeit unter den Frauen.

Vergessene Texte 2

Ewa Maria Slaska

Auf der Spurensuche nach “unseren Prälat” Ulitzka in Berlin

Fortsetzung

Ich wohne in Berlin, meine Spurensuche umfasst bewusst nur Berlin und Umgebung. Ulitzka war auch jahrelang in Ratibor tätig, aber ich bleibe bei meinem Leisten.

Ich finde Verschiedenes, auch etwas, was die Wissenschaftler, wie ich vermute, nicht gefunden haben. Darüber aber später. Zuerst zur Chronologie. Ulitzka in Berlin – das sind drei Zeitspannen: seine ersten Priesterjahre in Brandenburg (1901-1910), die Zeit nach seiner Ausweisung aus Schlesien bis zur Inhaftierung (1939-1944) sowie seine letzten Lebensjahre von 1945 bis 1953. Seit November 1939 war er ein Seelsorger im katholischen St. Antonius Krankenhaus in Karlshorst und anschließend in Friedrichshagen. Natürlich war er zwischen 1919 bis 1933 gefühlte Tausendmale als Abgeordneter der katholischen Zentrumspartei (Volkspartei) in Berlin.

Es war zuerst sein Name, der mein Interesse weckte. Das Wort Ulitzka: uliczka, eine kleine Straße. Eine Frage der Herkunft: Ulitzka ist selbstverständlich ein Deutscher gewesen, aber natürlich kommt mir dabei ein Satz aus dem Buch von Anna Poniatowska in den Sinn: Die ältesten Adressbücher oder Telefonbücher Berlins enthalten auf jeder Seite mehrere polnische Namen. Nicht alle Namensinhaber sind der Meinung, sie seien Polen, aber ihre Ahnen und Urahnen kamen aus dem Gebiet Polens hierher.

Und im Falle Ulitzka werde ich ergänzen: oder aus Tschechien. Das heißt, auch wenn Carl Ulitzka zweifellos in einer deutschen Familie in Oberschlesien geboren worden war, waren seine Ahnen und Urahnen Tschechen oder Polen. Der Historiker Guido Hitze, Autor einer umfassender Biografie des Prälats, schreibt, die Familie stamme aus dem Tschechisch-Mährischen her.

Das ist aber eigentlich unwichtig. Denn unabhängig davon, welche nationale Abstammung seine Familie vorweist, situierte er sich selbst im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Polen. Er sprach beide Sprachen (Polnisch erlernte er während seines Theologiestudiums) und setzte sich für seine Landsleute ein, unabhängig von deren Muttersprache, selbst wenn es unbequem oder gar gefährlich war. Mein Freund Engelbert Kremser, der selber aus Ratibor stammt, meint die polnische und die deutsche Sprache waren in der Umgebung gründlich gemischt, „wie in einem Streuselkuchen – ein Streusel sprach Deutsch, ein anderer, gleich nebenan – Polnisch“. Und das Polnische war oft uralt, eine Sprache, die selbst die Polen in Polen seit Jahrhunderten nicht mehr sprachen, eine Sprache aus den Zeiten von Kochanowski (1530-1584), eines Renaissance Dichter, der als erster die Gedichte auf Polnisch schrieb. Bis dahin schrieben alle Wortmenschen Polens Latein .

Sicher ist eins: Ulitzka war ein Oberschlesier und baute um Berlin herum mehrere Kirchen.

Die Kirche in Bernau

Katholische Herz-Jesu-Kirche
Börnicker Str. 12 (Pfarramt) / Ulitzka Straße / Bahnhofstr. 9 (Hauptportal)
16321 Bernau bei Berlin

Die katholische Gemeinde in Bernau wurde 1849 gegründet. Ulitzka kam 1901 hierher. Jung, gerade erst 28 geworden, gutaussehend, groß. Ausdrucksvoller Profil, Gesicht mit prägnanter Knochenstruktur. Ein kluger Mensch, intelligent, charismatisch. Ein katholischer Seelsorger wie geschaffen fürs vorwiegend protestantische Umfeld. Die Gemeinde war arm, hatte keine Kirche und nutzte die Bonifatiuskapelle im Missionshaus in der Tuchmacherstraße als Gotteshaus. Dort bewahrte man das sog. Mariahilf-Bild auf, das später in die Kirche übernommen wurde.

Übrigens: Wegen des Bildes pilgerte man seit 1869 aus Berlin dorthin. Eine Idee von rebellierenden Pfarrer Eduard Müller, dem man die älteste Wahlfahrt des Erzbistums Berlin verdanke.

Schon früh kam Ulitzka in den Sinn, dass man hier eine Kirche bauen muss. In jeder Stadt, wo die Katholiken und Protestanten miteinander oder nebeneinander wohnen, hat man mindestens zwei Kirche. So wollte es Ulitzka auch in Bernau haben und später überall, wo er als Priester tätig war. Dies ist jedoch nicht so einfach, eine Kirche zu bauen. Erst müssen bürokratische Hürden überwunden werden, oft, wie es der Fall in Bernau war, politische, und dann auch finanzielle. Man braucht viel Geld – und dieses muss vorerst gesammelt werden, bevor man mit der Grundsteinlegung beginnt. Der ehemalige Pfarrer der Herz-Jesu-Kirche, Peter Beier, der 33 Jahre Gemeindepfarrer in Bernau war, erzählte mir, dass er zwar Ulitzka persönlich nicht kannte, aber seinerzeit in Bernau Johannes Lipinski, einen Mitarbeiter von Ulitzka, getroffen habe. Seine Aufgabe war es, in der heißen Phase des Geldsammelns, die ‘Bettelbriefe’ per Hand zu kopieren. Er erinnerte sich, man habe sich dabei die Finger wundgeschrieben!

Mit dem Bau begann man 1907. Die Kirche wurde am 13. September 1908 feierlich eingeweiht. Georg Kardinal Kopp kam aus Breslau zu diesem Anlass nach Bernau! Interessant ist, dass praktisch zu gleicher Zeit Ulitzka zuerst eine Kapelle für eine Arbeiterkolonie des Pastors Friedrich von Bodelschwingh in Lobetal bauen wollte und mit dem Bau einer anderen Kirche in der Gemeinde, der Maria-Verkündigungs-Kirche in Biesenthal, begann.

Pfarrer Kort organisierte 2007 Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum des Kirchenbaus. Die Schulkinder spielten dabei ein Theaterstück über Ulitzka und seinen Vorhaben. Der Junge, der Ulitzka gespielt hatte, ist danach selber Priester geworden und bat darum, seine Primiz in Bernau feiern zu dürfen.

1998 (90 Jahre Kirchenweihe, 125. Geburtstag und 45. Todestag des Prälaten) hat Pfarrer Beier erreicht, dass ein kleiner Abschnitt der Breitscheidstraße, zwischen der Börnicker Straße und der Bahnhofstraße, genau dort, wo die Kirche steht, in die Ulitzka-Straße umbenannt wurde.

Kurz danach, am 20. August 1999 ging Pfarrer Beier in Ruhestand und somit nach Templin.

Es gab einen weiteren Versuch, an den Kirchenerbauer zu erinnern, diesmal von einem Gemeindemitglied vorgeschlagen: An der Giebelseite des Pfarrhauses der Herz-Jesu-Kirche sollte ein Porträt des Kirchenerbauers angebracht werden. Der Vorschlag fand jedoch keine breite Zustimmung und letztlich ganz fallen gelassen wurde.

Die Kirche kann man schon von der S-Bahn aus sehen. Ich bin um 12 Uhr mit Pfarrer Eberhard Kort verabredet, gehe aber zuerst um die Kirche herum. Eine schöne neugotische Kirche, mit einem blau-weißem Schild des Denkmalschutzes. Und das seit 1977, d.h. seit der DDR-Zeit! Als Erklärung dazu findet man nur einen Satz, der doch keine Erklärung liefert: Die Kirche wurde in den Jahren 1907/1908 nach Plänen des Charlottenburger Architekten Paul Ueberholz als einschiffige Hallenkirche im Stil norddeutscher Backsteingotik erbaut.

Ich vermute, dass es der Turm ist, der dem Denkmalschutz so gut gefallen hat. 66 Meter hoch! Und sehr schön. Pfarrer Baier wird mir später erzählen, Ulitzka wollte den Turm noch höher haben, damit er die evangelische Kirche überragt. Oh, du fromme Bescheidenheit!

Ich fotografiere fleißig. Neogotische Kirchen sind mir vertraut wie keine anderen. Ich wuchs im Danziger Stadtteil Langfuhr auf, wo alle Kirchen das Prädikat „neo“ tragen. Meine – Herz Jesu Kirche, wie die in Bernau und Templin – ist ebenfalls neogotisch.

Pfarrer Kort zeigt mir seine Kirche, die seit Ulitzkas Zeiten intensiv umgebaut wurde. Einfluss darauf hat das Jahr 1965, meint Pfarrer Kort, das 2. Vatikanische Konzil, die Änderung der Liturgie, die Entstehung der Volkskirche. Der Gemeindehirt kommt den Menschen näher. Die Kanzel wird nicht mehr benutzt, der Priester steht den Gläubigen zugewandt hinter einem schlichten Tisch oder – beim Vorlesen – am Pult. Jede katholische Kirche in der Welt wurde nach diesem Muster umgebaut.

Die Umgestaltung der Kirche in Bernau, die 1964-1966 unter Pfarrer Alfons Schneider erfolgte, ist nicht besonders gelungen. Zuständig für den Umbau war Herr Architekt Gottfried Zawadski aus Kamenz. Ende April 1966 war die Weihe des neuen Altares. Pfarrer Beier wurde kurz danach, am 19. Juni eingeführt. „Ich war nicht gerade glücklich über die völlig umgestaltete Kirche. Der Tabernakel auf einer Stelle und das Relief am Ambo stammen von Herrn Schötschel. Die große Herz-Jesu-Figur kam erst einige Jahre später in den Altarraum zurück. Zum 100-Jahr-Feier werden noch einige Dinge verändert, u.a. kamen die Platten in den Altarraum. Das Abendmahl-Relief, seitlich von Tabernakel, stammt aus dem einstigen Hochaltar und fand dort seinen Platz in Erinnerung an früher.“

Ja, ich bin auch der Meinung, dass man mit dem, was gemacht wurde, nicht besonders glücklich sein kann. Die auseinandergenommenen Teile des alten Altars, 1968 von schon erwähnten Friedrich Schötschel neu gemacht, sind sehr schön, aber unvorteilhaft platziert. Das Tabernakel steht auf einem kleinen Tisch rechts vom Altar, der Lesepult – links. Vorne an der Apsis-Wand sind drei Altarteile in Form eines Tryptychons angebracht, schmucklose Spanplatten, auf der mittleren die alte Christus-Figur aus der Entstehungszeit. Merkwürdig. Originell, aber merkwürdig. Genauso merkwürdig scheint mir der kleine, irdene Weihwasserbehälter, der wie ein polnischer Gurkentopf aussieht. Oder gar einer ist. Bevor ich mit meinen Recherchen fertig werde, werde ich noch ein paar solche bescheidenen Behälter sehen. Wir sind in der Uckermark, es ist ein armes Land. Gewesen.

Seelsorge in Hoffnungstaler Anstalten

Bevor Ulitzka mit dem nächsten Kirchenbau – Katholisches Pfarramt St. Marien in Biesenthal – richtig anfangen konnte, fand er 1905 die nächste wichtige Aufgabe, als in seinem Pfarrgebiet die Hoffnungstaler Anstalten Lobetal durch Pastor Friedrich von Bodelschwingh gegründet wurden.

Bodelschwingh, 1905 schon ein alter Mensch, hatte damals bereits die Verwirklichung mehrerer sozialer Projekte hinter sich, die allesamt nach dem Motto Arbeit statt Almosen organisiert wurden. Eine seiner letzten Gründungen lag in der Umgebung Berlins. In dem heute 15 km nördlich gelegenen „Hoffnungstal“ ließ er eine Arbeiterkolonie anlegen – eine Zufluchtsstätte und Herberge für die Obdachlosen der Hauptstadt. Die Arbeiterkolonie umfasste drei Dörfer: Rüdnitz, das alteingesessene Dorf, und zwei neu gegründete Dörfer, Lobetal und Hoffnungstal. (Sehr passende Namen. Lobe den Herren, meine Seele, lobe und verliere niemals die Hoffnung).

Unter den Bewohnern der Anstalt befanden sich sowohl Menschen evangelischen Glaubens als auch Katholiken. Ulitzka besprach die Lage mit dem Pastor von Bodelschwingh und übernahm die Seelsorge seiner in der Arbeiterkolonie weilenden Glaubensbrüder, unter denen auch viele Polen zu finden waren.

In Lobetal gab es ein kirchenähnliches Gebäude (heute: Verwaltungshaus), das zuerst eine provisorische Kirche in Berlin gewesen war, die Pastor Bodelschwingh nach Lobetal kommen ließ.

Dieses Haus diente vor allem als Ess-Saal, man hielt dort aber Gottesdienste ab und bei Bedarf wurde es auch als Leichenhalle benutzt. Dort zelebrierte Ulitzka einmal im Monat die katholischen Messen, bei großer Nachfrage auch auf Polnisch. Danach, als die neue evangelische Kirche gebaut wurde, fanden dort auch die katholischen Messen statt.

Die zweite Gelegenheit der Betreuung der Katholiken aus den Hoffnungstaler Anstalten bot sich auf dem Gut der Begründer der Bekleidungskette Peek & Cloppenburg. Sie stellten einen Pferdestall als provisorische katholische Kapelle zur Verfügung.

Alles schien bestens geregelt zu sein. Aber nein, ein unermüdlicher Kirchenbauer wie Ulitzka konnte nicht umhin, hier eine Kirche oder mindestens eine Kapelle bauen zu wollen. Er wollte, nein, er musste sie bauen! Das Geld wurde zusammengebettelt, auch Pastor Friedrich von Bodelschwingh spendete eine erhebliche Summe. Man wählte für den Neubau ein Stückchen Wald zwischen Rüdnitz und Hoffnungstal. Es gab bereits eine Baugenehmigung und man hat schon Bäume gefällt. Auf tausend Quadratmetern ragten nur Baumstümpfe empor. Es sah wie eine Wartehalle in einem Bahnhof aus, daher wurde es unter den Koloniebewohnern katholischer Bahnhof genannt.

Guido Hitze schreibt, dass Ulitzka hier seinen zweiten Kirchenbau errichtete. Der Text ist merkwürdig vage und irgendwie unwissenschaftlich, es fehlen genaue Angaben, wo und wann die Hoffnungstaler-Kirche gebaut werden sollte. Es gibt auch keine Fotos und keine Berichte über die Gottesdienste, die dort angeblich stattgefunden haben. Ich schrieb Frau Elisabeth Kruse an, die Pastorin der Lobetaler Kirche an und stellte die Frage: Gibt es eine katholische Kirche in den Anstalten? Hat es sie je gegeben? Am nächsten Tag rief sie zurück. Nein, eine katholische Kirche oder eine Kapelle ist in den Hoffnungstaler Anstalten NIE gebaut worden! Ich soll nach Lobetal kommen und mit Herrn Andreas Buntrock reden. Der würde es mir alles genau erzählen. Am nächsten Tag bin ich nach Lobetal gefahren. Ich habe mit Herrn Buntrock, dem emeritierten Diakon der Hoffnungstaler Anstalten und Kenner der Geschichte dieser Ortschaft, gesprochen. Ja, sagte er, Ulitzka wollte hier bauen, und von Bodelschwingh wollte es auch. Und trotzdem ist es nie dazu gekommen. Wieso? Das weißt man heute nicht mehr.

In der Chronik der katholischen Kirche in Biesenthal finde ich einen interessanten Eintrag: April 1985: Wiederaufforstung unseres Waldgrundstückes in Rüdnitz. Ob damit der katholische Bahnhof gemeint ist? Herr Buntrock sagte mir, dass es die alte Waldlichtung nicht mehr gibt.

Und so habe ich erfahren, dass eine Journalistin, die lediglich mit Menschen redet, manchmal mehr erfahren kann als ein Wissenschaftler mit ungehindertem Zugang zu allen möglichen Archiven und Bibliotheken.

Kirche in Biesenthal

Katholisches Pfarramt St. Marien
Bahnhofstraße 162
16359 Biesenthal

Eine wunderschöne Kirche, ruhig, schlicht, elegant. Auch sie ein Baudenkmal wie die Kirche in Bernau. Den Bau dieser Kirche begründete Ulitzka somit, dass in der Sommerzeit ca. 100 katholische Schnitter aus Polen in die Gemeinde kommen, um bei der Ernte zu arbeiten. Sie hatten Anspruch an einen würdigen Gottesdienst, den er, Ulitzka, ihnen doch auf Polnisch halten kann.

Pfarrer Horst Pietralla von Biesenthal erzählte mir, dass man Ulitzkas Spendenaufrufe für seine Kirchen nicht mehr hören wollte. Dann kam er auf eine erfolgreiche Idee. Ich werde, sagte er, eine barocke Kirche bauen. Dies hat geholfen, zumal seine Geldgeber und Spender aus dem Bayrischen stammten, wo man große Stücke von der barocken Kirchenarchitektur hielt. In Windeseile hat derselbe Architekt, Paul Überholz, der bereits in Bernau tätig war, eine neue Kirche entworfen und gebaut, eine der ganz wenigen barocken Kirchenbauten im Erzbistum Berlin. Pfarrer Beier sagte mir, dass die Salvator Kirche in Lichtenrade ebenfalls barocke Züge vorweist.

Die Biesenthaler Kirche wurde am 10. Oktober 1910 eingeweiht. Die Bänke, die Fußbodenplatten, die Farbgebung sind authentisch, aus der Bauzeit also. Dh. im Gegensatz zu der Kirche in Bernau ähnelt die Kirche sehr dem, wie sie zu Zeiten ihres Stifters ausgesehen hat. Sie ist auch sehr gepflegt und sehr gut besucht. Leider ist Pfarrer Pietralla, der kurz vor dem Kriege geboren ist und 1953 sein Abitur machte, der letzte Pfarrer in der Gemeinde. Ist er weg, wird die Kirche geschlossen. Schade, weil sie sehr gut besucht ist. Es kommen ca. 80 Personen zu Hochmessen, darunter etwa 20 Kinder. Es gibt 15 Ministranten (mehr Mädchen als Jungs!) und eine achtköpfige Blaskapelle, deren Chef Biesenthals Bürgermeister ist. Im wunderbar gepflegten Garten steht eine Campanile mit einer Glocke, die noch zu Ulitzkas Zeiten aus Hildesheim geliefert wurde, zuerst nach Bernau, dann nach Biesenthal. Da der Glockenturm aber für drei Glocken gebaut wurde, hat sich Pfarrer Pietralla um den Erwerb zwei weiterer Glocken bemüht. Mit Erfolg. Neue Glocken werden noch im Jahre 2015 eingesetzt. Sie waren nicht teuer, erklärt mir Pfarrer Pietralla, die kleinere kostete 3000 Euro, die größere – 5000. Mehr wird das Bestimmen der Glocken kosten, zumal sie auch mit den Glocken in der evangelischen Kirche abgestimmt werden. Pfarrer Pietralla betont dabei, dass die dafür ausgegebenen Gelder nicht für soziale Zwecke vorgesehen waren. Ich brauche diese Erklärung überhaupt nicht, sie ist für Kritiker gedacht.

In der Kirche gibt es einen wunderbaren Altartisch, der ebenfalls von Friedrich Schötschel angefertigt wurde. Seine Werke (u.a. Tabernakel und Taufbeckendeckel) hatte ich bereits in Bernau gesehen. In Biesenthal war er lange Zeit zwischen 1969 und 1986 tätig. Aus seiner Hand stammten nicht nur der Altartisch im schlichten Barockstil, der gut mit der Kirche harmoniert, sondern auch ein Vortragekreuz und das Kirchenportal. Auf der Innenseite des Portals sind Verse von Gertrud von le Fort und Rainer Maria Rilke in Kupfer eingearbeitet.

Pfarrer Pietralla stellt mir die Kirchenchronik zur Verfügung. Was wirklich rührt ist der erste Eintrag der Chronik: 25.3.1902: Am Fest Maria Verkündigung hält der Pfarrer von Bernau, Carl Ulitzka, den ersten katholischen Gottesdienst seit der Reformation in Biesenthal in einer Notkapelle. Als Notkapelle dient das Gartenhäuschen des Herrn Neumann in Biesenthal, Schulstraße 28. Die Laube bestand aus Stube und Küche. Der Trennwand wurde entfernt und so entstand ein Raum von 9 m Lange und 3 m Breite. Die Höhe betrug 1,9 m. Dies hat ein Maler festgehalten und das Motiv wurde als Postkarte und zugleich Bittbrief gedruckt:

Leider reichen die vorhandenen Mittel nicht aus, schrieb Ulitzka. Ich muß daher betteln, obgleich ich weiß, wie schwer es ist, und dass weite Kreise des Gebens müde geworden sind.

Der letzte Teil in ein paar Tagen

Vergessene Texte 1

… und zwar so vergessen, als ob sie nie exitierten. Und dabei habe ich den honorarlosen Text gern geschrieben und ihm den ganzen Sommer 2015 gewidmet. Er erschien 2016 in einer Zeitschrif mit dem Datum 2014 und so vielen Fehlern, dass ich mich schämte die Autorenexemplare jemanden zu zeigen. Somit ist es offiziell ein Nachdruck und nicht Originaltext. Obwohl, ich habe es natürlich umgehend geändert und korrigiert. Durchgesehen, wie man es schön auf Deutsch sagt.

Hier die ofiziellen Angaben zu den Protagonisten: Carl Ulitzka Wikipedia

Ewa Maria Slaska, Berlin

Ach, unser Prälat Ulitzka“

Ich bedanke mich bei Frau Pastorin Elisabeth Kruse, Ehrwürdigen Schwester Walburga, Pfarrer Peter Beier, Herrn Diakon Andreas Buntrock, Pfarrer Eberhard Kort, Herrn Engelbert Kremser, Pfarrer Horst Pietralla, Herrn Bernd Thürling

Als ich – Schriftstellerin und Publizistin – damit beauftragt wurde, über Carl Ulitzka zu schreiben, war ich mir über das Ausmaß dieses Wagnisses nicht im Klaren. Ich wusste, wer er war und dass er zu den vielen Persönlichkeiten gehörte, die schon vor dem Kriege grenzübergreifend zwischen Deutschland und Polen tätig waren, als symbolische Figuren der deutsch-polnischen Verständigung einen wichtigen Rang verdienten und stattdessen mit der Zeit in Vergessenheit geraten sind. Was mich aber persönlich an seiner Biographie am tiefsten berührte, war die Tatsache, dass er von der Nazis als „Polenkönig“ verfolgt und von den Polen als „Scheiß-Deutscher“ beschimpft wurde. Und ich wusste noch, dass (und wo) er in Berlin beerdigt wurde. Mehr noch, ich war einmal bei seinem Grab. Aber das war auch schon alles. Daher dachte ich, als mir der Auftrag erteilt wurde, prima, ich kann dabei mehr über Ulitzka erfahren…

Jeder Journalist, der über etwas schreibt, prüft heutzutage nach, was sich über sein Thema im Internet finden lässt. Auch ich tat nichts anderes. Und dabei überkamen mich Zweifel. Zuerst fand ich Hunderte und Aberhunderte Texte über Ulitzka. Auf Deutsch und auf Polnisch.

Dann kam es aber noch schlimmer, als ich das Buch von Guido Hitze entdeckte – Carl Ulitzka (1873-1953): Oberschlesien zwischen den Weltkriegen. 1440 Seiten! Der Autor schrieb darin folgendes:

Seine Biografie spiegelt gleichsam die besondere Entwicklung dieser umkämpften Grenzregion, die Abstimmungskämpfe in Oberschlesien nach dem Versailler Friedensvertrag wieder. Deutlich werden die Positionen des Zentrums innerhalb des Parteienspektrums sowie des deutschen Katholizismus vor und während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Die umfassende Studie porträtiert erstmals die Geschichte Oberschlesiens bis 1945 und den Lebensweg Ulitzkas aufgrund neuester Forschungsergebnisse. Der Autor wertet bisher unbekanntes Quellenmaterial deutscher und polnischer Archive aus und kommt zu neuen Ergebnissen…

Wie kann ein Journalist, ein Laie, ein Unwissender wagen, über einen Mann zu schreiben, über den allein dieser Autor 1440 Seiten geschrieben hatte? Und erst recht all die anderen Forscher…!

Aber bei all diesen Zweifeln ob eigener Unzulänglichkeit wusste ich, dass ich doch etwas über Ulitzka zu sagen habe, dass ich einen persönlichen Zugang zu ihm habe. An einem Novembertag 2006 war ich auf dem Friedhof und versuchte sein Grab zu finden. Vergeblich. Am nächsten Tag rief ich bei der Friedhofsverwaltung an. „Ach,“ sagte meine Gesprächspartnerin, „unser Prälat Ulitzka“… der liegt dort und dort begraben. Es folgten genaue Hinweise…

Interessant, dachte ich, dass er für Menschen, die ihn nicht persönlich kannten, immer noch „ihr Prälat“ war. 60 Jahre und mehr nach seinem Tod bewahrt ihn die kollektive Erinnerung. Das wollte ich näher untersuchen. So begann die Spurensuche, deren Etappen Bernau bei Berlin, Biesenthal bei Bernau, Templin, Lobetal, Berlin-Karlshorst, Berlin-Friedrichshagen, Berlin-Lankwitz und Potsdam wurden. Ich wurde mit einer Empfehlung von einem Ort in den nächsten geschickt. Nur die erste Etappe bestimmte ich selber, ich ging dorthin, wo ich sicher war, etwas zu finden: Auf den Friedhof. Das heißt, mein Ausgangspunkt war das Ende – von da rollte ich seine Geschichte auf.

Ich kannte das Wort Prälat, wusste aber nicht, was es/er ist? Ulitzka ist 1926 Päpstlicher Hausprälat geworden. Wikipedia informiert, dass in der katholischen Kirche als Prälat der Inhaber ordentlicher Leitungsbefugnisse, Inhaber höherer kurialer Ämter oder ein verdienter Priester, der den Ehrentitel vom Papst erhalten hat, bezeichnet wird.

Fortsetzung folgt in ein paar Tage


Quellen:
Guido Hitze, Carl Ulitzka 1873-1953 oder Oberschlesien zwischen den Weltkriegen, Düsseldorf 2002

Ist sie, oder ist sie nicht? (reblog)

Christof Kuhbandner
14. Dezember 2018

Intelligenz ist nicht angeboren


Forscher behaupten immer wieder das Gegenteil. Richtig aber ist: Die Gene haben kaum einen Effekt – es kommt auf die Förderung an.

Manchmal ergibt ein einziges Wort einen großen Unterschied. Carol Dweck, eine der weltweit führenden Forscherinnen auf dem Gebiet der Lernmotivation, erzählt dazu in Vorträgen gerne von einer Schule in Chicago, auf der Schüler nach einer schlechten Leistung anstatt der Note “nicht bestanden” die Note “noch nicht bestanden” bekommen. Ein minimaler Unterschied, mit großer Wirkung. Das “noch” transportiert nämlich etwas, das sich in zahlreichen Studien mit Hunderttausenden Schülern als einer der zentralen Motoren für Lernen und Leistung erwiesen hat: die Überzeugung, dass jeder prinzipiell zu guten Leistungen fähig ist, weil Intelligenz nichts Angeborenes oder Festes ist, sondern vielmehr erst durch bestimmte Lernerfahrungen entsteht. Und diese kann man durch bessere Lernstrategien, mehr Anstrengung oder besseren Unterricht erreichen.

Schlägt man aktuell eine Zeitung auf, findet man immer wieder Beiträge von Wissenschaftlern, in denen die gegenteilige Überzeugung verbreitet wird – dass Intelligenz hochgradig vererbt sei. Aus diesem angeblichen Einfluss der Gene werden bildungsbezogene Schlüsse gezogen: “Das Verständnis, dass die DNA den wichtigsten Einfluss auf den Bildungserfolg hat, kann Eltern helfen, die Schwierigkeiten ihres Kindes zu akzeptieren”, schrieb der Genforscher Robert Plomin Anfang Oktober in der Zeit. 2015 behauptete er dort sogar: “zehn Prozent sind das, was Lehrer aus einem Kind herausholen können”. Und die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern schrieb unlängst in der Zeitschrift Forschung und Lehre: “Ich halte sehr viele Vorträge vor Lehrern und Lehrerinnen, und die akzeptieren inzwischen, dass angeborene Intelligenzunterschiede existieren”.

Solche Sätze haben eine fatale Wirkung auf Schüler, Eltern und Lehrkräfte. Demnach wären schlechte Leistungen naturgegeben und müssten hingenommen werden. Anstatt zu versuchen, etwas zu lernen, sollten die betroffenen Kinder dann besser lernen, mit ihrer Dummheit gut zu leben.

In den entsprechenden Beiträgen wird auf umfangreiche Studien verwiesen, die scheinbar zeigen, dass die Intelligenz zu mindestens 50 Prozent und im Erwachsenenalter sogar bis zu 70 Prozent oder mehr vererbt sei. Ein genauerer Blick hinter diese Studien eröffnet allerdings eine Welt, in der nichts so ist, wie es zunächst erscheint, und in der sich offenbar selbst Fachexperten verirren. Der Begriff der “Erblichkeit” ist in dieser Welt sehr eigentümlich definiert, ohne dass dies bei der Interpretation der Ergebnisse beachtet und in der Kommunikation nach außen kenntlich gemacht wird. Um es vorwegzunehmen: Der Blick hinter diese Studien zeigt genau das Gegenteil – dass Gene in Wirklichkeit bei der Intelligenz kaum eine Rolle spielen.

Diese sogenannten populationsgenetischen Studien halten diverse Überraschungen bereit. Die wohl größte ist: Die Studien untersuchen gar nicht, ob bestimmte Gene die Intelligenz verringern oder erhöhen. Das wird erst in jüngerer Zeit erforscht – mit ganz anderen Ergebnissen, wie wir noch sehen werden. Stattdessen ermitteln die Studien, wie stark in einer Gruppe die IQ-Werte von Individuen um den Mittelwert der Gruppe streuen – egal, wo dieser Mittelwert liegt. Die Annahme ist, dass die Streuung durch genetische Unterschiede und unterschiedliche Umwelteinflüsse erzeugt wird. Je unterschiedlicher die Gene und die jeweilige Umwelt sind, umso breiter die Streuung.

Ein logischer Fehlschluss

Durch den Vergleich bestimmter Personengruppen versucht man dann, darauf zu schließen, welchen Anteil die Gene an der Streuung haben. Etwa bei gemeinsam aufgewachsenen Zwillingen: Streuen die IQ-Werte der Eineiigen weniger als die der Zweieiigen, schließt man, das beruhe auf den Genen, weil die Umwelt pro Zwillingspaar ja gleich war. Fällt die Streuung zum Beispiel um 25 Prozent geringer aus, wird daraus errechnet, dass 50 Prozent der Streuung genetisch bedingt sind. (Da sich zweieiige Zwillinge die Hälfte ihres Genmaterials teilen, wird zur Abschätzung der Geneffekte der Wert verdoppelt.)

Worauf also fußt eine solche angebliche “Erblichkeit” von 50 Prozent? Sie stützt sich auf nichts weiter als auf die Streuung von Intelligenzwerten in Gruppen. Schlussfolgerungen über den Einfluss von Genen auf die Intelligenz von Individuen, beispielsweise von Schülern, oder auf die durchschnittliche Intelligenz einer Gruppe, lassen sich daraus grundsätzlich nicht ziehen. Eben das ist aber der Aspekt, der Eltern, Lehrer oder Bildungsforscher interessiert. Daher ist die Aussage, “zehn Prozent sind das, was Lehrer aus einem Kind herausholen können”, auch so gefährlich. Sie ist ein klassischer logischer Fehlschluss.

Die Menschen werden immer intelligenter

Wie viel man tatsächlich trotz der angeblich so hohen “Erblichkeit” aus Kindern “herausholen” kann, zeigt sehr eindrücklich der Flynn-Effekt. Er beschreibt das Phänomen, dass die Menschen immer intelligenter werden. Laut einer Überblicksstudie hat der durchschnittliche IQ von 1909 bis 2013 um etwas mehr als 29 Punkte zugenommen. Verglichen mit einer Person, die 1909 gelebt hat, sind wir heute im Schnitt hochbegabt. Dazu sei gesagt: Substantielle Veränderungen im menschlichen Genpool sind in so kurzer Zeit unmöglich. Der wundersame Anstieg des Denkvermögens beruht fast ganz auf Umwelteffekten wie besserer Bildung oder Ernährung.

Betrachtet man nun, welche Komponenten der Intelligenz überhaupt von Genen beeinflusst werden können, stellt sich heraus: Eigentlich sollte der Effekt der Gene relativ klein sein. Hilfreich ist der Vergleich mit einem Computer. Die Problemlösefähigkeit eines Computers hängt vom Potenzial seiner Hardware und von der Qualität der darauf installierten Software ab. Übertragen auf den Menschen heißt das: Seine Intelligenz besteht aus zwei Komponenten. Erstens der Hardware der biologisch vermittelten Fähigkeiten des Gehirns, etwa der neuronalen Speicherkapazität. Und zweitens der Software der im Laufe des Lebens erworbenen Wissensinhalte und Verhaltensstrategien. Wie beim Computer stammt die für intelligenzbezogene Tätigkeiten – Denken und Problemlösen – benötigte Software aus der Umwelt. Und da die beste Hardware ohne gute Software nichts leisten kann, hängt der Einfluss der Gene prinzipiell davon ab, dass die Umwelt eine gute Software bereitstellt.

Nun könnte man einwenden, dass genetische Effekte auf der Hardware-Ebene des Gehirns dem Erwerb qualitativ hochwertiger Software Grenzen setzen. Ein Blick in die Gehirnentwicklung zeigt aber, dass das unwahrscheinlich ist. Anders als oft vermutet wird, nimmt das Gehirnpotenzial eines Kindes nicht zu, sondern ab, während es wächst und klüger wird. Ein evolutionärer Trick: Kinder produzieren zunächst genetisch bedingt neuronale Verknüpfungen in großem Überschuss, damit sie flexibel auf die Umwelt reagieren können. Und während sie sich dann an ihre jeweilige Umwelt anpassen, wird der neuronale Überschuss erfahrungsbedingt abgebaut. Am Anfang der Intelligenzentwicklung steht also paradoxerweise ein relativ großes Gehirnpotenzial, das mit zunehmender Intelligenz abnimmt. Damit können Gene die Intelligenzentwicklung nur bedingt beeinflussen.

Studien, die den Einfluss bestimmter Gene auf die Intelligenz tatsächlich messen, bestätigen das. Es gibt Untersuchungen mit mehreren hunderttausend Personen, in denen zahlreiche Gene identifiziert wurden, die einen Einfluss auf die Intelligenz haben könnten. Allerdings ist der Effekt der einzelnen Gene verschwindend gering. Selbst wenn man alle Geneffekte kombiniert, kann die aktuelle Forschung Unterschiede in der Intelligenz nur zu vier Prozent erklären. Das Problem: Populäre Populationsgenetiker wollen den geringen Anteil der Gene an der Intelligenz nicht anerkennen. Stattdessen stellen sie mit statistisch fragwürdigen Extrapolationstechniken Vermutungen an. Etwa die, dass mit noch viel größeren Studien – eine Million Probanden oder mehr – weitaus mehr Gene identifiziert werden könnten. Irgendwann werde man sich dann der hohen populationsgenetischen “Erblichkeit” annähern. Aber auch diese Hoffnung ist ein Fehlschluss. Denn die möglicherweise zusätzlich identifizierbaren Geneffekte würden zunehmend immer kleiner ausfallen, so dass substanziell höhere genetische Anteile nicht zu erwarten sind.

Kommen wir zurück zu dem kleinen “noch”. Kindern zu sagen, sie hätten “noch nicht bestanden”, ist nicht nur aus pädagogischer, sondern auch aus biologischer Sicht angebracht. Weil die Intelligenz viel weniger mit den Genen zu tun hat, als einige Wissenschaftler behaupten. Sie verbreiten ihre Thesen, ohne wirklich überzeugende empirische Belege dafür zu haben. Das ist ethisch fragwürdig. Solche falschen Glaubenssätze können bei Kindern, die sich in der Schule schwertun, einen Teufelskreis auslösen. Das Kind selbst, seine Eltern, die Lehrer, alle haben dann weniger Vertrauen in das Potenzial, weil sie glauben das Kind sei “genetisch weniger intelligent”. Das demotiviert das Kind und verleitet Erwachsene, es weniger zu fördern, weil “es ja eh nichts bringt”. Klar, dass dann die Leistung sinkt – was wiederum zu bestätigen scheint, das sei vorherbestimmt. Und das Schlimmste: Bei dieser sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird tatsächlich eine geringere Intelligenz entwickelt. Mit den Genen hat das aber nichts zu tun. Umso mehr mit der Umwelt, die auf diese Weise verhindert, dass Kinder ihr wahres Potenzial entfalten können.

Wer Kinder beim Lernen, beim Welterforschen begleitet, muss aber noch etwas anderes wissen. Die Tatsache, dass jedes Kind potenziell eine hohe Intelligenz entwickeln kann, heißt nicht, dass der Weg dorthin einfach ist. Vielmehr ist es ein Weg, auf dem es Motivationstiefs gibt, vor denen man nicht weglaufen kann. Ein Schüler, der diesen Weg noch nicht gegangen ist, wird also nicht, wenn er anfängt, an sich zu glauben, urplötzlich nur noch Fortschritte machen. Und die Erkenntnis vom geringen Einfluss der Gene auf die Intelligenz bedeutet auch nicht, dass Schüler ständig angetrieben werden sollten, in allen Fächern Höchstleistungen zu vollbringen. Wer das tut, verkennt den wichtigen Unterschied zwischen Intelligenz und Expertise. Die Intelligenz ist eine grundlegende mentale Ressource. Bei der Expertise stellt sich die Frage, wo man schwerpunktmäßig diese Ressource investiert. Auf dieser Suche sollten Schüler begleitet werden, damit sie ihre wahren Interessen finden und ihr Intelligenzpotenzial dort auch entfalten können. Und wenn dann in Bereichen, die ihnen weniger interessant erscheinen, ihre Expertise kleiner ist, muss man das akzeptieren.

Christof Kuhbandner, 44, ist Professor der Psychologie und Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogische Psychologie an der Universität Regensburg.

Aus einer Kiste… / ze skrzyni z papierami…

Tibor Jagielski

Ich habe in einer Kiste ein paar Skizzen zu den Projekten, die ich vor ca. 20 Jahren selbst realisiert oder an denen ich mitgearbeitet habe, ausgegraben. Ein Weihnachtsfeier war auch dabei…

Wygrzebałem z pudła ze starymi papierami szkice, jakie przed 20 laty wykonałem do kilku projektów, własnych lub tych, przy których współpracowałem. Było też pewne święto bożonarodzeniowe…

1. Projekt eines Plakats zum Theaterstück “Wilde Hunde”
Projekt plakatu sztuki teatralnej “Dzikie psy”, 1998, Berlin

2. Seelauf und Kanufahrt
Kajakiem i na piechotę, 1999, Brandenburgia

3. Skizze zum “Sommernachtstraum”
Szkic do “Snu nocy letniej”, 1996, Berlin

4. Der Ritter der Schwerte (Tarot)
Rycerz mieczy, projekt karty do gry w taroka (Koziorożec/ Wodnik), XII 1996, Vals

5. Einladung zum 25-jährigen Jubiläum des Klubs der alten Junggesellen in Stettin
Projekt zaproszenia na 25-lecie Klubu Starych Kawalerów, Szczecin, XII 2004

Diese Arschlöche Santa Kläuse greifen ein Weib an

Komentarz adminki: Jak szybko zmieniają się obyczaje (bo przecież nie natura ludzka). Obawiam się, że dzisiaj za taką ilustrację kobiety obdarłyby rysownika ze skóry.

6. Happy Hannuka,E-Postcard nach NY
Happy Hannuka, pocztówka elektroniczna do ny, 2004

Rabi's levitation or the pernicious effects of reading Kabbalah

7. Entwurf eines Logos auf dem Portal “XXX”
Projekt logo na portalu “XXX”, XII 2004

Herstory

Kino Regenbogenfabrik / Sa 15.12.18 um 15.00 Uhr

Die Frauen der Revolte

Feministische Aktionen gegen Bevölkerungspolitik
Ein Rückblick in die 80er Jahre
Ein Film

2000-2003, 46 Min, Dokumentarfilm von der Filmgruppe Frauengeschichte(n) im Film

Im Anschluss Gespräch mit den Filmemacherinnen

In den 80er Jahren beschäftigten sich Frauengruppen in vielen Ländern mit dem Thema Bevölkerungspolitik. In der Dokumentation erzählen Aktivistinnen aus Deutschland von Debatten und Aktionen zum Thema Geburtenkontrolle. Sie berichten von der Entstehung humangenetischer Beratungsstellen, über Gen- und Reproduktionstechnologie und letztlich über Selbstbestimmung von Frauen über ihre Körper und feministische Kritik an Bevölkerungspolitik und Gentechnologie.


Frauen bildet Banden – Eine Spurensuche zur Geschichte der Roten Zora

2018, 80 Min, Dokumentarfilm vom Frauenlesben Filmkollektiv Las Otras

Im Anschluss Gespräch mit den Filmemacherinnen

Die „Rote Zora“ war in den 70er und 80er Jahren eine militante Frauengruppe in der BRD. Ihre Aktivitäten richteten sich gegen die alltägliche Gewalt gegen Frauen, gegen Gen- und Reproduktionstechnologie als Teil der Bevölkerungspolitik und internationalen Ausbeutungsbedingungen als Ausdruck patriarchaler Herrschaft.

In der linken Geschichtsschreibung in Deutschland weitestgehend ausgeblendet, greifen heute junge Frauen auf ihre Texte und Geschichte zurück.

Es ist auch den wissenschaftlichen Forschungen der in Großbritannien arbeitenden Katharina Karcher zu verdanken, dass wir heute wieder mehr über diese Gruppe erfahren können. Der Film trägt dazu bei, eine Lücke in der bundesdeutschen Geschichtsschreibung zu linkem Widerstand zu füllen. Erzählungen von Zeitzeuginnen, Interviews mit Katharina Karcher und ehemaligen Zoras lassen die Geschichte der „Roten Zora“ und der damaligen Frauenbewegung wieder lebendig werden.

Fiszbach / Rathaus / Kreuzberg / Görlitzer Park

Kommet heute / Przybywajcie / Just come today

Wiesław Stefan Fiszbach

Die Menschen von Görlitzer Park

Malerei, Fotografie, Zeichnung

Eine Veranstaltung vom Städtepartner Stettin e.V.

Freitag, 14. Dezember 2018 von 18:00 bis 20:00

Rathaus Kreuzberg, Yorkstr 4-11, 10965 Berlin, II Etage

Wiesław Stefan Fiszbach ist ein polnischer Maler, der seit der 80. in Berlin lebt. Vor ein paar Jahren begann er, die Menschen zu porträtieren, die man im Görlitzer Park trifft – Spaziergänger, Dealer, Junkies, Obdachlosen. Der Blick des Künstlers sieht sie an, sie werden nicht beurteilt und nicht bemitleidet. Sie sind, wer sie sind. Das sind wir, die Zuschauer, die uns darüber Gedanken machen sollen.
Die Ausstellung ist vom Mo 10. Dez bis Fr 4. Januar an den Werktagen von 7:00 bis 19:00 im Rathaus Kreuzberg zu sehen.

Ein kleiner Umtrunk mit dem Künstler haben wir für Freitag
14. Dezember ab 18 Uhr vorgesehen.

Bringt das Geld mit, man kann die Kunstwerke auch kaufen!
Und Weihnachten steht vor der Tür!

Reblog: St. Karol Kubicki und die FU

Annika Leister

Stanislaw Karol Kubicki prägte Berlin in der Nachkriegszeit wie kaum ein anderer: Der Mediziner gründete mit Kommiltonen vor 70 Jahren die Freie Universität und später die Berlinische Galerie. “Das bot sich einfach an.”

Annika Leister von der Berliner Zeitung schreibt über Professor Kubicki und wünscht sich im hohen Alter Kubickis Gelassenheit.

Der Text ist sehr gut, informativ und doch voller Gelassenheit, ernsthaft aber doch humorvoll. Die Frau hat den Nerv getroffen.
Und aber nun… Jaaaa…

Der Name Kubicki ist hier immer wieder präsent, das letzte Mal vor zwei Monaten listete ich hier alle Beiträge auf, die auf diesem Blog über den Maler und Dichter Stanisław Kubicki (1889-1942), seine Ehefrau, Malerin und Lehrerin Margarete Kubicka, geb. Schuster (1891–1984) und auch über und von deren Sohn, jetzt schon emeritierten Professor der Neurophysiologie, St. Karol Kubicki (Pseud. Peter Mantis) veröffentlicht wurden.

Sehen Sie selber.

Es tat wirklich weh, dass Frau Leister in ihren schönen Artikel, die Eltern des Professors kaum erwähnt, und es doch schafft, über beide etwas falsch zu schreiben. Der Stanisław Kubicki, der Vater des Professors, stammte aus einer polnischen adligen Familie und war ein Maler und nicht ein Musiker! Und Margarete Kubicka, war vor allem eine Künstlerin und erst dann eine Lehrerin, auch wer eine sehr begnadete. Die Bilder der beiden Künstlern sind unter anderen in der Berlinischen Galerie zu sehen, über die Frau Leister so viel schreibt.

Schade! Es hätte gereicht, bei Wikipedia zu schauen.

Nun aber der Text selber…

Kämpfer für die Freiheit

Stanislaw Karol Kubicki sitzt versunken in einem Ledersessel in seinem Wohnzimmer, eine dicke Strickjacke um seine Schultern. Um ihn herum finden sich, dicht an dicht, Zeugnisse seines beeindruckenden Lebens. An jeder Wand Regale, die vielen Hundert Bücher darin sind abgegriffen, die Einbände sind abgewetzt und haben Knicke. Sie handeln von der Nazi-Zeit oder von archäologischen Ausgrabungen in Mexiko, von seltenen Vögeln und expressionistischer Malerei. Einige davon hat Kubicki selbst geschrieben. Immer wieder gibt es Leerstellen im Regal. Kubicki stellt sein Wissen nicht aus. Er nutzt seine Bibliothek täglich. Internet, ein Handy oder eine Email-Adresse hat er nicht.

Vor den Büchern stehen, ohne jedes Kalkül gemixt, kostbare Marmorbüsten und Kinderbilder, auf denen Kubickis Enkel Löwen und Schmetterlinge gemalt haben. Obwohl dem 92-Jährigen das Gehen inzwischen schwer fällt, ebenso wie das Hören, steigt er regelmäßig auf einen wackeligen Sessel, um die Bücher im obersten Fach zu erreichen. „Aber nur, wenn meine Frau nicht hinguckt“, sagt er und lächelt schelmisch. „Sonst gibt es Ärger.“

Stanislaw Karol Kubicki, von seiner Frau wird er nur Karol genannt, hat in seinen 92 Lebensjahren Berlin geprägt wie wenige andere. Er war der erste Anästhesist der Stadt, eine Koryphäe auf seinem Spezialgebiet in der Neurophysiologie, gründete nach dem Krieg einen Berliner Kunstverein und die Berlinische Galerie. Sein größtes Projekt aber ist bis heute die Freie Universität, die erst auf Drängen und dank des Engagements von Studenten wie Kubicki entstand. Am 4. Dezember 1948 war das, vor genau 70 Jahren. Zur Feier an diesem Dienstag wird auch Kubicki in Dahlem erscheinen.

Er sei damals tief enttäuscht von der einzigen anderen Universität der Stadt gewesen, erzählt Kubicki. Die Berliner Universität Unter den Linden, die 1949 in „Humboldt-Universität“ umbenannt wurde, lag im Ostsektor der Stadt. Nach der Wiederaufnahme des Lehrbetriebs 1946 schlug sich die Politik des SED-Regimes bald in den Hörsälen nieder. Manche Gruppen – Arbeiter- und Bauernkinder zum Beispiel – wurden bei der Immatrikulation bevorzugt, andere hatten deshalb kaum Chancen, angenommen zu werden. Immer wieder wurden regimekritische Studenten exmatrikuliert, verhaftet, zu Zwangsarbeit verurteilt und sogar exekutiert.

Unerträglich waren die Verfolgungen aus Gesinnungsgründen für jemanden wie Kubicki, der damals Anfang 20 und für Medizin eingeschrieben war. Er hatte schon ein Semester unter den Nationalsozialisten studiert und deren Methoden und Einflussnahme auf den Lehrbetrieb zutiefst verabscheut. „Und dann war der Krieg vorbei, die Nazis entmachtet – und die neue Uni tut genau dasselbe!“ Kubicki schüttelt noch heute fassungslos den Kopf, richtet sich in seinem Sessel auf. „Das fehlte noch!“

Kubicki hat keine Lust, zuzusehen, wie sich Geschichte wiederholt. Er schließt sich mit Kommilitonen zusammen, die denken wie er, darunter viele Halbjuden. Der harte Kern des Widerstandes trifft sich oft in seinem kleinen Haus im Neuköllner Stadtteil Britz. Dasselbe Haus, in dem Kubicki noch immer lebt, seit 92 Jahren. Hier kamen die Studenten auf die Idee, eine eigene Universität zu gründen, im Westen der Stadt, unter der Obhut der Amerikaner. Der Name „Freie Universität“ habe von Anfang an festgestanden, sagt Kubicki. Denn genau das sollte sie vor allem anderen sein: ein Ort, an dem freies Denken und Lernen möglich sein sollte, ohne politische Restriktionen, ohne Denkverbote und Strafen. „Als Mahnmal gegen die Ost-Uni“, sagt Kubicki.

Die Studenten suchen Kontakt zu den Amerikanern. Die Besatzungsmacht ist von der Idee einer Uni im Westsektor schnell zu begeistern. Jeder Schritt muss mit ihnen abgesprochen werden, Änderungen verlangen sie kaum. Kubicki ist für die Bewerbungen und die Aufnahme der ersten Studenten zuständig. Die Uni im Osten verlangt Antwort auf Dutzende Fragen, um die Studenten zu durchleuchten, ein „Riesen-Fragebogen“ sei das damals gewesen, sagt Kubicki. Er macht es anders: Von den Bewerbern an der Freien Universität will er nur Name, Alter, vorangegangene Studienerfahrungen wissen – und ob sie Mitglied in NSDAP oder SED waren. Letztere sind die einzigen harten Ausschlusskriterien. Sieben einfache Fragen, die Antworten passen locker auf ein DIN-A4-Blatt. „Jeder sollte studieren können, der wollte“, sagt Kubicki.

Die Amerikaner segnen den Plan ab und stellen die ersten Gebäude in der Boltzmannstraße in Dahlem zur Verfügung. Die Studenten karren Möbel herbei, richten ein provisorisches Sekretariat ein. Circa 2 000 Bewerber melden sich zum ersten Semester, erzählt Kubicki, ebenso wie die ersten Professoren. Die meisten seien aus dem Osten gekommen. „Die hatten die Nase voll, genau wie wir.“ Im Westen habe die FU in den ersten Jahren hingegen keinen guten Ruf gehabt, habe als „aufständische Studenten-Uni“ gegolten. Schließlich ist es deutschlandweit ein Novum, dass Studenten so maßgeblich den Ton angeben.

Kubicki ist der erste Student, der sich an der neuen Universität einschreiben darf. Matrikelnummer 1. Eine historische Eintragung, in dunkelblauer Tinte, heute ist das Papier darunter vergilbt. Entschieden hat das der Zufall: Helmut Coper, Kubickis Kommilitone und ebenfalls Mitgründer der FU, wollte eigentlich auch an erster Stelle stehen. Kubicki und er warfen eine Münze. Das Glück war auf Kubickis Seite. „Ich behaupte gerne: Das hat Coper mir nie verziehen“, sagt er. Heute ist der Münzwurf Legende in der Geschichte der Freien Universität, verewigt in Büchern und auf der Uni-Homepage.

Auch an der FU studiert Kubicki Medizin. Wegen der „Pinkepinke“, behauptet er, reibt Daumen und Zeigefinger aneinander und lacht. Parallel will er, dessen Vater Musiker und Schriftsteller war, auch Kunstwissenschaft belegen. Doch der Vortrag des Professors in der Einführungsveranstaltung ist dröge. Also wechselt er einfach einen Saal weiter, wo Friedrich Wilhelm Goethert gerade eine Veranstaltung in Archäologie gibt. Goethert sei ein fantastischer Lehrer gewesen, sagt Kubicki, seine Stimme tief und eindrucksvoll, sein Vortrag immer mitreißend. An seiner Seite bereist Kubicki später Europa.

Doch auch in seinem Hauptfach, der Medizin, kommt er herum. Er konzentriert sich auf die Elektroenzephalographie, eine damals neue Methode, die Aktivität des Gehirns zu messen. In der Zeit vor der Erfindung der Computertomographie ist es die erste Möglichkeit, „den Menschen in den Kopf zu gucken“, wie Kubicki es formuliert. „Auch wenn in manchen Köpfen nicht besonders viel los war.“ Er reist zu Ärztekongressen weltweit, hält Vorträge. Das laut Kubicki „stinklangweilige“ Thema transportiert er lebendig, bunt, witzig. 1969 wird er als Professor an die FU berufen – und bleibt es, bis er mit 65 Jahren in Rente geht.

An so manche Zeit nach seinem Studium erinnert sich Kubicki heute nur noch schwer. Seine Frau Petra Kubicki sitzt mit im Wohnzimmer. Wenn er in seinen Erzählungen mal den Faden verliert, blickt er zu ihr und fragt: „Mensch, was wollte ich denn noch mal sagen?“ „Das weiß ich doch nicht!“, sagt die 76-Jährige dann lachend. „Warum denn nicht?“, erwidert er. „Du weißt doch sonst immer, was ich sagen will!“

Die beiden waren früher schon mal zusammen, Petra Kubicki hat bei ihm studiert. Sie trennten sich, bekamen Kinder mit anderen Partnern, fanden sich wieder und heirateten spät. Eigentlich habe sie in Kubickis kleines Haus ziehen wollen, erzählt sie. Das aber sei so voll gewesen, gefüllt mit Erinnerungen aus neun Jahrzehnten, dass sie sagte: Da ist kein Platz für meine eigenen Sachen. Kurzerhand kaufte sie ein Häuschen gleich gegenüber. Aus Kubickis Fenster kann man es sehen.

Fast vollständig verblasst ist bei Kubicki die Erinnerung an die prägende Zeit um 1968, als die Freie Universität Zentrum der Studentenproteste war. Rudi Dutschke, Benno Ohnesorg, Gudrun Ensslin, Otto Schily – sie alle waren Studenten der FU. Für viele von ihnen herrschte auch in so manchem Fachbereich an der noch jungen, von Studenten gegründeten FU bereits der „tausendjährige Muff unter den Talaren“. Die Revolution wollten sie an den Universitäten starten – und einige linksextreme Gruppen waren bereit, Gewalt anzuwenden. Andersdenkende Professoren wurden an Vorlesungen gehindert, eingeschlossen, manche auch mit Schlägen und Tritten aus dem Saal getrieben. Kubicki gründete damals die „Notgemeinschaft für eine freie Universität“ mit, die gegen den Extremismus protestierte. Zu sehr erinnerten die Übergriffe an die totalitären Methoden unter Nazi- und SED-Regime – nur dass er nun von den Studenten selbst ausging. Heute regt Kubicki das nicht mehr auf. „Ach, die“, sagt er nur über die 68er. „Studentenpalaver. Die waren praktisch ja zu nichts zu gebrauchen.“

Auch Kubicki redet gern. Noch lieber aber hat er schon immer Fakten geschaffen. In den 70ern sorgt er mit einem Artikel für die Gründung der Berlinischen Galerie, nur eines von vielen Kunstprojekten, die er in der Stadt anleiert. „Ich habe mir damals einfach angeguckt, was in Berlin alles gefehlt hat“, sagt er, als sei das alles nichts.

Die 68er? „Studentenpalaver“

Ob er nicht stolz sei auf sein beeindruckendes Leben? Auf die einzigartige Art, mit der er Berlin geprägt hat, für Hunderttausende Studenten und Kunstliebhaber? Wenigstens ein kleines bisschen? Kubicki verweist auf seine Eltern, vor allem auf seine Mutter, „eine beeindruckende Frau, eine aufrechte Demokratin, eine Revolutionärin, ohne Revoluzzerin“ zu sein. Sie setzte sich für die Entnazifizierung in Schulen im Westen ein. Sie habe ihn maßgeblich geprägt. Sich selbst kreidet Kubicki keine Verdienste an. „Es passierte damals so viel“, sagt er schulterzuckend. „Die Amerikaner waren bereit, Ideen zu unterstützen. Da musste man gründen. Das bot sich einfach an.“

Auf die Freie Universität sei er aber auch heute noch stolz. Sie habe sich gut entwickelt, biete inzwischen Fächer an, von denen er selbst gar keine Ahnung habe. „Eine richtige Elite-Uni“ sei die FU geworden, sagt er – und man weiß nicht genau, ob das jetzt Lob oder Tadel aus dem Mund eines Mannes ist, der immer dafür einstand, dass jeder sich beweisen dürfen sollte.

Wichtiger als sein vergangenes Leben, an das die Erinnerungen langsam schwinden, wichtiger als alle Einrichtungen, die er gegründet hat, ist ihm heute die Familie. Seine Frau, die sechs Kinder, sechs Enkel und eine Urenkelin. Der Hund seiner Frau, Fenja, schlecke die Jüngste gerne ab, die juchze dann und lache. „Das sollten sie mal sehen“, sagt Kubicki. „Es gibt nichts Besseres.“


Archäologe, Mediziner, Kunstliebhaber: Karol Kubicki ist inzwischen 92 Jahre alt.
Foto: Bernd Wannenmacher

Worldwide Reading for Freedom of the Press and in Memory of Jamal Khashoggi

Dear Friends! Please read it tomorrow!

Dear Madam or Sir,

Below please find our call for a Worldwide Reading on December 10, 2018, signed, among others, by Nobel laureates Elfriede Jelinek, Herta Müller, Wole Soyinka, Mario Vargas Llosa, as well as Manal al-Sharif, Margarete Atwood, Bernard Henri Levy, Roberto Saviano, Eva Menasse, David Van Reybrouck and the President of PEN International, Jennifer Clement. The list of over 100 authors who support the call can be found below.

With kind regards,

Ulrich Schreiber
Festival Director
international literature festival berlin

Sehr geehrte Damen und Herren,

unten stehend finden Sie unseren Aufruf für eine weltweite Lesung am 10.12.2018, den u. a. die Literaturnobelpreisträger*innen Elfriede Jelinek, Herta Müller, Wole Soyinka, Mario Vargas Llosa sowie Manal al-Sharif, Margarete Atwood, Bernard Henri Levy, Roberto Saviano, Eva Menasse, David Van Reybrouck und die Präsidentin von PEN International, Jennifer Clement, unterzeichnet haben. Die Liste der über 100 Autor*innen, die den Aufruf unterstützen, finden Sie unten.

Mit freundlichen Grüßen

Ulrich Schreiber
Festivaldirektor
internationales literaturfestival berlin

Worldwide Reading for Freedom of the Press and in Memory of Jamal Khashoggi on the 70th Anniversary of the Declaration of Human Rights, December 10, 2018

On December 10, 1948, 70 years ago, the Universal Declaration of Human Rights was announced by the United Nations General Assembly at the Palais de Chaillot in Paris. On this anniversary, the international literature festival berlin (ilb) calls upon individuals, institutions, universities, schools, and media who value freedom of the press and human rights to organize and participate in a worldwide reading in memory of the murdered Saudi journalist Jamal Khashoggi.

The last time Khashoggi was seen alive was when he entered the Saudi consulate in Istanbul on October 2. After nearly three weeks of silence, Saudi Arabia admitted that he died there during a fight with Saudi officials. However, the evidence – such as the deployment of a fifteen-member team of security officers including a forensic scientist – indicates that the murder of Khashoggi was planned well in advance or, at the very least, accepted. The involvement of the highest levels of the Saudi Arabian government, including the crown prince, Mohammed bin Salman, is very likely, since such an action against a prominent critic of the regime would hardly be undertaken without the approval of the royal family. Until now, Saudi Arabia has not offered any clues about the location of Khashoggi’s body. The initiators of the worldwide reading demand the complete and transparent truth about the events that transpired. The responsible parties must be held accountable.

In the last text written by the 59-year-old (he would have celebrated his sixtieth birthday on October 13, 2018) Saudi journalist, which the Washington Post published two weeks after his disappearance, Khashoggi emphatically calls for freedom of expression in the Arab world. His firm stance has now cost the journalist his life.

This murder is the climax of a series of oft-unsolved murders of male and female journalists in recent years, as seen by recent cases in Mexico, Bulgaria, Malta, and Slovakia. Freedom of the press and freedom of expression, the indispensability of which Khashoggi emphasized with regard to the Arab world, is under threat everywhere, including in Europe. Consequently, journalists and political dissidents, even those in exile, are no longer safe, as this case blatantly shows. Jamal Khashoggi is simply the most prominent victim thus far. Many murders against journalists do not even reach the attention of the world public. We also remember that in Turkey, too, freedom of the press is extremely restricted. Over 150 journalists and authors are imprisoned, with some serving lifelong sentences.

At the same time, this incident has already led to serious consequences for international politics and the global economy. Numerous leading managers and economic policy makers will no longer participate in the large Future Investment Initiative scheduled to take place in Riyadh at the end of October. Therefore, this incident clearly shows that the protection of freedom of the press and freedom of expression and the fight against the murder of journalists and extrajudicial state killings are not about some kind of unrealistic idealism in terms of human rights, but rather that we are all affected by these crimes – culturally, politically, and economically.

If this incident, the most stunning murder of a journalist in recent years, does not lead to consequences – what then? Who will be the next murdered journalist, activist, or dissident, and in which country? Even after the partial confession by the Saudis, this incident may not be swept under the rug. Remembering Khashoggi on the anniversary of the Declaration of Human Rights is intended to make this emphatically clear.

With all this in mind, on December 10, we call upon you to participate in the worldwide reading of texts by Jamal Khashoggi and – depending on the specific national context – other murdered, missing, and imprisoned journalists. Please send information about the reading in your location to worldwidereading@literaturfestival.com so that we may publicize the events on our websites  http://www.worldwide-reading.com and  www.literaturfestival.com.

Ulrich Schreiber
Festival Director, international literature festival berlin

Our film “What Matters”, which presents a reading of the 30 articles of human rights with Vivienne Westwood, Nina Hoss, Can Dündar, Patti Smith, Simon Rattle, Ai Weiwei, Elfriede Jelinek, David Grossman, and others, is now available online with subtitles in 9 languages (Arabic, Chinese, English, French, Russian, Hindi, Turkish, Spanish and German) – we especially recommend screening the film in schools, universities, and cultural institutions:
http://literaturfestival.com/festival-en/projekte-en/what-matters-en?set_language=en

For the reading, we recommend texts by Khashoggi, such as these from the Washington Post:
https://www.washingtonpost.com/opinions/global-opinions/jamal-khashoggi-what-the-arab-world-needs-most-is-free-expression/2018/10/17/adfc8c44-d21d-11e8-8c22-fa2ef74bd6d6_story.html?utm_term=.f4a73f975eeb
Arabic:
http://blogs.aljazeera.net/blogs/2018/10/18/جمال-خاشقجي-أمس-ما-يحتاجه-العالم-العربي-هو-حرية-التعبير

See also Khassogis speech in Aril, this year:
https://www.nytimes.com/2018/10/22/opinion/khashoggi-mbs-arab-democracy.html

خاشقجي
في الذكرى السبعين للإعلان العالمي لحقوق الإنسان بتاريخ 10 ديسمبر 2018

في العاشر من ديسمبر عام 1948 صدر الإعلان العالمي لحقوق الإنسان من الجمعية العامة للأمم المتحدة في باريس. بهذه المناسبة يدعو مهرجان الأدب الدولي في برلين كل من تهمّهم حرية الصحافة وحقوق الإنسان من أفراد ومؤسسات وجامعات ومدارس ووسائل إعلام لتنظيم قراءات عالمية أو المشاركة فيها في ذكرى الصحفي السعودي المقتول جمال خاشقجي.
شوهد الأخير حياً للمرة الأخيرة في 2 أكتوبر، عندما دخل القنصلية السعودية في اسطنبول. وقد اعترفت السعودية بعد ثلاثة أسابيع من اختفائه أن خاشقجي مات من جراء “اشتباك” حصل بينه وبين موظفين سعوديين. إلا أن الأدلة، منها إرسال طاقم أمني سعودي الى القنصلية في ذات النهار، بينهم طبيب شرعي، تشير إلى أن اغتيال خاشقجي كان مخططاً له أو مقبولاً على الأقل لدى القيادة السعودية، مع العلم أن تورُّط أعلى المسؤولين في السعودية في الجريمة، بما في ذلك ولي العهد محمد بن سلمان، أمر وارد جداً. كما أن السعودية لم تشر بأية عبارة إلى مكان وجود جثة المقتول. يطالب المبادرون للقراءة العالمية بالكشف الكامل والشفاف عن حيثيات هذه الجريمة وبمحاسبة المسؤولين عنها.
لقد طالب جمال خاشقجي الذي كان سيدخل الـ60 سنة من عمره في 13 أكتوبر 2018 في مقاله الأخير في صحيفة واشنطن بوست، والتي نشرتها الصحيفة بعد أسبوعين من اختفائه، بضرورة حرية الرأي في العالم العربي، ودفع ثمن هذا الموقف حياته.
قتل جمال خاشقجي هو الأخير في سلسلة اغتيالات بحق صحفيين وصحفيات في الآونة الأخيرة، منها جرائم حدثت في المكسيك وبلغاريا ومالطا وسلوفاكيا، ولم يُكشف عن جميع حيثياتها. مما يوضح أن حرية الرأي والصحافة التي طالب بها خاشقجي للعالم العربي مهددة في كل مكان، وأيضاً في أوروبا، وأن أي شخص معارض ليس في أمان، حتى لو تواجد في المنفى. قضية جمال خاشقجي قضية بارزة، إلا أن الكثير من حالات القتل ضد الصحفيين لا تصل أخبارها إلى عناوين الصحف العالمية. يضاً في أوروبا

انعكست هذه القضية على السياسة والتجارة الدولية، فالكثير من رؤساء الشركات والسياسيين الاقتصاديين ألغوا مشاركتهم في مؤتمر استثماري كبير في الرياض في نهاية شهر أكتوبر، مما يُثبت أن حماية حرية الصحافة والرأي ومقاومة قتل الصحفيين على أيدي الدول ليست مجرد مثالية ساذجة، بل أنها قضية تهمّنا جميعاً من الناحية الثقافية والسياسية والاقتصادية.
أما إذا كانت قضية خاشقجي بصفتها أفدح حالة اغتيال بحق صحفي في السنوات الأخيرة لا تؤدي الى عواقب، فمن سيكون مصيره نفس مصير جمال خاشقجي من الصحفيين والناشطين والمعارضين، وفي أية دولة؟  حماية الصحفيين والناشطين تعني حماية الجميع. لا يجوز أن يُستر على هذه القضية حتى بعد شبه الاعتراف الذي جاءت به السعودية. نود أن نشير إلى ذلك بإلحاح بمناسبة ذكرى الإعلان العالمي لحقوق الإنسان، عندما نذكّر بمصير جمال خاشقجي في الوقت نفسه.
كما نذكّر أيضاً بأن حرية الصحافة مقيدة الى حد بعيد في تركيا أيضاً، حيث يقبع في سجونها أكثر من 150 صحفياً وكاتباً، وقد صدرت بحق بعضهم أحكام تصل إلى السجن مدى الحياة.
على هذه الخلفية ندعو للمشاركة في القراءات العالمية لنصوص جمال خاشقجي في العاشر من ديسمبر، أو قراءة نصوص غيره من الصحفيين المقتولين أو المختفين أو المسجونين، بحسب سياق كل بلد. مع الرجاء أن ترسلوا لنا معلومات عن هذه الفعاليات في أماكنكم إلى العنوان worldwidereading@literaturfestival.com ، حتى نشير إليها في صفحاتنا الالكترونية www.worldwide-reading.com و www.literaturfestival.com.

أولريش شرايبر
رئيس مهرجان الأدب الدولي في برلين

فيلمنا بعنوان “What Matters” والذي يحتوي على قراءة بنود حقوق الإنسان الثلاثين بمشاركة العديد من الفنانين والممثلين والصحفيين العالميين متوفر على الانترنت بترجمات مكتوبة بتسع لغات (عربي، صيني، إنجليزي، فرنسي، روسي، هندي، إسباني، ألماني). ننصح بعرض الفيلم خاصةً في المدارس والجامعات والمراحكز الثقافية:
http://literaturfestival.com/festival-en/projekte-en/what-matters-en?set_language=en

كما ننصح بقراءة النصوص التالية لجمال خاشقجي علناً:
https://www.washingtonpost.com/opinions/global-opinions/jamal-khashoggi-what-the-arab-world-needs-most-is-free-expression/2018/10/17/adfc8c44-d21d-11e8-8c22-fa2ef74bd6d6_story.html?utm_term=.f4a73f975eeb

See also Khassogis speech in Aril, this year:
https://www.nytimes.com/2018/10/22/opinion/khashoggi-mbs-arab-democracy.html
http://blogs.aljazeera.net/blogs/2018/10/18/جمال-خاشقجي-أمس-ما-يحتاجه-العالم-العربي-هو-حرية-التعبير

Weltweite Lesung für Pressefreiheit und in Erinnerung an Jamal Khashoggi am 70. Jahrestag der Erklärung der Menschenrechte, am 10. Dezember 2018

Am 10. Dezember 1948, vor 70 Jahren, wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von der Generalversammlung der Vereinten Nationen im Palais de Chaillot in Paris verkündet. Anlässlich dieses Jahrestages ruft das internationale literaturfestival berlin (ilb) Menschen, Institutionen, Universitäten, Schulen und Medien, denen Pressefreiheit und Menschenrechte wichtig sind, zur Organisation und Teilnahme an einer weltweiten Lesung in Gedenken an den getöteten saudischen Journalisten Jamal Khashoggi auf.Zum letzten Mal wurde Khashoggi lebend gesehen, als er am 2. Oktober das saudische Generalkonsulat in Istanbul betrat. Nach fast dreiwöchigem Schweigen haben die saudischen Machthaber eingeräumt, dass er dort während eines Streits mit Beamten ums Leben gekommen ist. Die Indizien, etwa die Entsendung eines fünfzehnköpfigen Teams von Sicherheitsbeamten inklusive eines Forensikers, deuten jedoch darauf hin, dass die Ermordung Khashoggis von langer Hand geplant oder zumindest billigend in Kauf genommen wurde. Die Verwicklung höchster Regierungsstellen bis hin zum Kronprinzen Mohammed bin Salman in Saudi-Arabien ist sehr wahrscheinlich, da eine solche Aktion gegen einen prominenten Regimekritiker wohl kaum ohne die Billigung des Königshauses hätte durchgeführt werden können. Über den Verbleib von Khashoggis Leichnam ist Saudi-Arabien bis jetzt jeden Hinweis schuldig geblieben. Die Initiatoren der Weltweiten Lesung fordern die vollständige und transparente Aufklärung des Falls. Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.Im letzten Text, den der 59 Jahre alt gewordene (am 13.10.2018 hätte er seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert) saudische Journalist geschrieben hat und den die Washington Post zwei Wochen nach seinem Verschwinden publiziert hat, fordert Khashoggi mit großem Nachdruck die Meinungsfreiheit in der arabischen Welt ein. Für seine klare Haltung hat der Journalist nun mit seinem Leben bezahlt.Dieser Fall ist der Höhepunkt einer Reihe von oftmals unaufgeklärten Morden an Journalistinnen und Journalisten in den letzten Jahren, wie die jüngsten Beispiele in Mexiko, Bulgarien, Malta und der Slowakei gezeigt haben. Die Presse- und Meinungsfreiheit, deren Unerlässlichkeit Khashoggi mit Blick auf die arabische Welt betont hat, ist überall bedroht, auch mitten in Europa. Folglich sind Journalistinnen, Journalisten und politische Oppositionelle selbst im Exil längst nicht mehr geschützt, wie dieser Fall auf eklatante Weise zeigt. Jamal Khashoggi ist nur das bislang prominenteste Opfer. Viele Journalistenmorde rücken gar nicht mehr ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Wir erinnern daran, dass auch in der Türkei die Pressefreiheit extrem eingeschränkt ist. Über 150 Journalisten und Autoren sind inhaftiert, einige erhielten lebenslange Haftstrafen.Zugleich hat dieser Fall bereits jetzt schwerwiegende Folgen für die internationale Politik und Wirtschaft. Zahlreiche führende Manager und Wirtschaftspolitiker werden nicht an der großen, Ende Oktober geplanten Future Investment Initiative in Riad teilnehmen. Der Fall zeigt damit exemplarisch, dass es sich bei dem Schutz von Presse- und Meinungsfreiheit, beim Kampf gegen Journalistenmorde und extralegale Tötungen staatlicherseits nicht um einen weltfremden menschenrechtlichen Idealismus handelt, sondern dass wir alle von diesen Verbrechen betroffen sind – kulturell, politisch, wirtschaftlich.

Wenn der Fall, als der spektakulärste von allen Journalistenmorden der letzten Jahre, nicht zu Konsequenzen führt – was dann? Wer wird der nächste ermordete Journalist, Aktivist, Oppositionelle sein, und in welchem Land? Der Schutz von Journalisten und Aktivisten ist der Schutz aller Menschen. Der Fall darf auch nach dem Teilgeständnis der Saudis nicht unter den Tisch gekehrt werden. Die Erinnerung an Khashoggi anlässlich des Jahrestages der Deklaration der Menschenrechte soll dies mit Nachdruck deutlich machen.

Vor diesem Hintergrund rufen wir am 10. Dezember zur Teilnahme an der Weltweiten Lesung von Texten Jamal Khashoggis und – je nach länderspezifischem Kontext – anderer ermordeter, verschwundener und inhaftierter Journalisten auf. Bitte senden Sie Informationen über die Lesung an Ihrem Ort an worldwidereading@literaturfestival.com, damit wir die Veranstaltungen auf unseren Websites www.literaturfestival.com und www.worldwide-reading.com  kommunizieren können.

Ulrich Schreiber
Festivaldirektor, internationales literaturfestival berlin

Unser Film „What Matters“ ist nun mit Untertiteln in neun Sprachen (Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Russisch, Türkisch, Hindi, Spanisch und Deutsch) online verfügbar – wir empfehlen die Präsentation vor allem in Schulen, Universitäten und kulturellen Einrichtungen: http://literaturfestival.com/festival-en/projekte-en/what-matters-en?set_language=en

Wir empfehlen zur Lesung Texte Khashoggis, wie diesen aus der Washington Post:
https://www.washingtonpost.com/opinions/global-opinions/jamal-khashoggi-what-the-arab-world-needs-most-is-free-expression/2018/10/17/adfc8c44-d21d-11e8-8c22-fa2ef74bd6d6_story.html?utm_term=.f4a73f975eeb
Arabisch:
http://blogs.aljazeera.net/blogs/2018/10/18/جمال-خاشقجي-أمس-ما-يحتاجه-العالم-العربي-هو-حرية-التعبير

Eine Rede Khassoggis vom April diesen Jahres:  https://www.nytimes.com/2018/10/22/opinion/khashoggi-mbs-arab-democracy.html

Sowie:
https://www.washingtonpost.com/opinions/global-opinions/jamal-khashoggi-chose-to-tell-the-truth-its-part-of-the-reason-hes-beloved/2018/10/07/4847f1d6-ca70-11e8-a3e6-44daa3d35ede_story.html?utm_term=.b0474b26edb5

Porträt von Khashoggi aus der NZZ: https://www.nzz.ch/international/khashoggi-ein-saudi-der-nicht-schweigen-konnte-ld.1428431

Signers:

Héctor Abad, Colombia
Basma Abdel Aziz, Egypt
Anna Aguilar-Amat, Spain
Manal al-Sharif, Saudi Arabia
Scott Anderson, USA
Kerri Arsenault, USA
Vladimir Arsenijević, Serbia
Margaret Atwood, Canada
Hanan Awwad, Palestine
Zsófia Bán, Hungary
Doreen Baingana, Uganda
Maria Cecilia Barbetta, Argentina/ Germany
Priya Basil, UK/ Germany
Zoë Beck, Germany
Charles Bernstein, USA
Manfred Bissinger, Germany
Hans Christoph Buch, Germany
Brian Castro, Australia
Evans Chan, China/ USA
Bernice Chauly, Malaysia
Amir Hassan Cheheltan, Iran
Christos Chryssopoulos, Greece
Jennifer Clement, Mexico/ USA
Bora Ćosić, Serbia/ Germany
Mark Z. Danielewski, USA
Emmanuel Delloye, France
Migmar Dhakyel, Germany
Ariel Dorfman,  Chile
Reimer Eilers, Germany
Hannele Eskola, Finland
Stella Gaitano, South Sudan
V.V. (Sugi) Ganeshananthan, Sri Lanka/ USA
Paul Gilroy, UK
Namita Gokhale, India
Elvira M. Gross, Austria
Christian Grote, Germany
Miriam Haidle, Germany
Milton Hatoum, Brazil
Alban Nikolai Herbst, Germany
Iman Humaydan, Lebanon
Elfriede Jelinek, Austria
Pierre Joris, Luxembourg/ USA
Christoph Jürgensen, Germany
Archil Kikodze, Georgia
Vjačeslav G. Kuprijanov, Russia
Andrei Kurkov, Ukraine
Stan Lafleur, Germany
Louis Jensen, Denmark
Christoph Leisten, Germany
Bernard Henri Lévy, France
Joris Lieve, Belgium
Mario Vargas Llosa, Peru/ Spain
Jonas Lüscher, Germany/ Switzerland
Nikola Madzirov, Republic of Macedonia
Sindiwe Magona, Southafrica
Vasyl Makhno, Ukraine
Zakes Mda, South Africa
Claus Martin, Germany
March for Science e.V.
Lorenzo Marsili, Italy
John Mateer, Southafrica/ Australia
Eva Menasse, Austria/ Germany
Maaza Mengiste, Ethiopia/ USA
Amanda Michalopoulou, Greece
Fanny Moreno, Colombia
Davide Morosinotto, Italy
Ibrahim Nasrallah, Jordan
Ralf Nestmeyer, Germany
Norman Ohler, Germany
Laksmi Pamuntjak, Indonesia
Elisabeth Plessen, Germany
Francine Prose, USA
Laura Restrepo, Colombia
David Van Reybrouck, Netherlands
Daniel Roeder, Germany
Meg Rosoff, USA/ UK
Jaroslav Rudis, Czech Republic
Alberto Ruy-Sanchez, Mexico
Philippe Sands, UK
Sapphire, USA
Allen Say, Japan/ USA
Roberto Saviano, Italy   Wolfram Schrettl, Germany
Gereon Sievernich, Germany
Eduardo Sguiglia, Argentina
Samuel Shimon, Iraq/ UK
Tajima Shinji, Japan
Ostap Slyvynsky, Ukraine
Maria Sommer, Germany
Wole Soyinka, Nigeria
Gerhard Stadelmaier, Germany
Heino Stöver, Germany
Rick Stroud, UK
Murat Suner, Turkey/ Germany
George Szirtes, UK
Janne Teller, Denmark
Stefan Thome, Germany
Imre Török, Hungary/ Germany
Mario Vargas Llosa, Peru/ Spain
Joachim Walther, Germany
Dima Wannous, Syria
Steve Wasserman, USA
Peter Wawerzinek, Germany
Stefan Weidner, Germany
Suse Weisse, Germany
Levin Westermann, Switzerland
Herbert Wiesner, Germany
Viktor Yerofeyev, Russia
Abraham Zere, Eritrea
Jenni Zylka, Germany