Aus der Reihe “Eine Buchseite auf der Strasse”

Ewa Maria Slaska

Treue Leser:Innen dieses Blogs wissen, dass ich immer ausgerissene Buchseiten auf der Strassen sammele und versuche, den Buchtitel zu finden, dann kaufe das Buch, lese es und darüber schreibe. Oft waren es sehr gute wertvolle Bücher und ich wunderte mich immer wieder, weshalb man solche Bücher nicht behalte, mehr noch, ihnen die Seiten ausreisst?

Für Weiteres siehe hier: https://ewamaria.blog/2024/06/04/eine-seite-die-ich-auf-der-strasse-gefunden-habe/

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Frauenblick. Lea Ypi

Monika Wrzosek-Müller

Nachdenken über ein Buch: Lea Ypi, Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte.

Vielleicht ist es an der Zeit, einen neuen Blick auf die Umbrüche, Revolutionen, gewaltfreien, stillen Revolutionen, „Wenden“ um und nach 1989 zu werfen. In Polen hatten diese Umwälzungen eigentlich schon früher stattgefunden und die sperrigen, oft bruchhaften Biografien verliefen vielleicht doch etwas milder als die, die Lea Ypi in ihrem Buch nachzeichnet. Sich wirklich ernsthaft damit beschäftigen, worum es den Menschen in den später so genannten post-sozialistischen Ländern in Ost-, Süd- und Mitteleuropa in dieser Zeit ging! Das würde allerdings bedeuten, sich den einzelnen Biographien zuzuwenden und wirklich genauer hinschauen, was die Menschen da bewegt hat, jenseits großer Schlagworte: Freiheit, Demokratie; worum sie wirklich gekämpft haben.

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Überall Don Quijote

Ewa Maria Slaska

Rattenbarataria (drei Bücher und eine Skulptur)

Firmin wächst im Keller einer Bostoner Buchhandlung auf und liest sich Buch für Buch durch die Weltliteratur. Er entdeckt, wie spannend das Leben der Menschen ist und macht sich auf, ihre Freundschaft zu suchen. Sam Savage erzählt in diesem gefeierten Kultbuch die traurig-charmante Geschichte eines verkannten Außenseiters.

“Hin und wieder stelle ich mir vor, dass während der ersten Augenblicke in meinem Kampf ums Dasein, begleitet von einem Triumphmarsch, Moby Dick zu Konfetti zerfetzt wurde. Das würde meine angeborene Abenteuerlust erklären. An Tagen, an denen ich mich wie ein echter Außenseiter und Freak fühle, suche ich die Schuld bei Don Quijote. Hören Sie sich das mal an: »Schließlich versenkte er sich so tief in seine Ritterromane, dass ihm die Nächte vom Zwielicht bis zum Zwielicht und die Tage von der Dämmerung bis zur Dämmerung über dem Lesen hingingen; und so, vom wenigen Schlafen und vom vielen Lesen, trocknete ihm das Hirn so aus, dass er zuletzt den Verstand verlor. Zuletzt, da er mit seinem Verstand völlig zu Ende gegangen, verfiel er auf den seltsamsten Gedanken, auf den jemals in der Welt ein Narr verfallen; nämlich es deuchte ihm angemessen und notwendig, sowohl zur Mehrung seiner Ehre als auch zum Dienste des Gemeinwesens, sich zum fahrenden Ritter zu machen.« So steht er vor uns, der Ritter von der traurigen Gestalt: töricht, eigensinnig, ein Narr, naiv bis zur Blindheit, idealistisch bis zur Groteske – und wer soll das sein, wenn nicht ich? Ich war schon immer, und das ist die Wahrheit, ein Spinner. Allerdings greife ich keine Windmühlen an. Ich mache etwas noch Verrückteres: Ich träume vom Kampf gegen Windmühlen, ich sehne mich nach der Attacke auf Windmühlen, und manchmal bilde ich mir ein, ich hätte gegen Windmühlen losgeschlagen. Und was ist am Ende daran so anders? Ein hoffnungsloser Fall ist ein hoffnungsloser Fall. Doch will ich darauf jetzt nicht herumreiten. Das kommt später.” (S. 17)

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Frauenblick: Kunst

Monika Wrzosek-Müller

Warschau – Überlegungen zu einer Ausstellung

In Warschau war es so warm, eigentlich heiß, schwül, und es gab so viel zu tun, dass ich diesmal sehr wenig von der Stadt mitbekommen habe. Geplant war, abends mit der kleinen kostenlosen Fähre vom Saska Kepa-Strand auf die andere Seite überzusetzen und dort dem Nachtleben der jungen Leute zuzuschauen, doch daraus ist nichts geworden – zu müde, zu weit, zu viel noch zu erledigen; ich habe sogar meine alte Freundin versetzt.

Doch an einem Nachmittag bin ich dem nicht enden wollenden Aufräumen und Aufteilen entwischt und habe mir im Zentrum für zeitgenössische Kunst, im Ujazdowski-Schloss, eine Ausstellung (eigentlich mehrere kleinere) angesehen. Schon lange habe ich keine so irritierend politisch aufgeladene Malerei gesehen; es handelt sich um die Ausstellung von den Werken des Künstlers Ignacy Czwartos mit dem Titel Polnische Übungen zur Tragik der Welt. Zwischen Deutschland und Russland.

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Polnische Idiome / Polskie powiedzenia

Sorry für das anti-feministische Frauenbild, aber chatgpt war nicht imstande Punk-Ladies mit wenig Busen, keine Taille und kurzen Beinen zu malen! Wir haben es versucht, die Antwort war: Deine Anfrage entspricht nicht den Richtlinien…

Joasia Rubinroth & Tanja Krüger


Polnischer Ausdruck: Marzyć o niebieskich migdałach. 

Wörtliche Übersetzung ins Deutsche: Von blauen Mandeln träumen. 
Bedeutung: Vor sich hin träumen. Von etwas Unmöglichem träumen. 

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Frauenblick: Abschiede

Monika Wrzosek-Müller

Zuerst war der Hund, unser Mini-Dackel genannt Zitta aus unserem Leben verschwunden. Zugegeben, in der letzten Zeit war sie sehr anhänglich, aber dass das Ende naht, haben wir wirklich nicht geahnt.

Tier und Mensch
So viele Jahre ohne Tier schon
Kein Klagen an der Tür, kein Grüßen
Kein sehnsuchtsfeuchter Blick, kein Drängen
Kein Streichen um das Bein, kein Schnurren
Kein selbstvergessenes Mahl, kein Lecken
Kein traumverlorenes Ruhn, kein Schlummern
So viele Jahre schon gar kein richtiger Mensch mehr.
(Robert Gernhardt)

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Hedwig (Jadwiga) Neumann

Ela Kargol & Ewa Maria Slaska

Rozpoczynamy nową akcję upamiętniania Polek w Berlinie: Ambasada Polek e.V. / Dziewuchy Berlin, Ela Kargol, Anna Krenz i ja. Napisałyśmy właśnie list w tej sprawie do Aktives Musem. Wesprzyjcie nas! / Wir starten eine neue Kampagne zum Gedenken an die polnischen Frauen in Berlin: Ambasada Polek e.V. / Dziewuchy Berlin, Ela Kargol, Anna Krenz und ich. Wir haben gerade einen Brief an das Aktive Museum zu diesem Thema geschrieben. Bitte unterstützen Sie uns!

Berlin, 08.07.2024

Aktives Museum
Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.
Stauffenbergstraße 13–14
10785 Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren,

wie Sie wahrscheinlich wissen, nachdem wir 2022 unser Projekt “Irena Bobowska, vergessene Heldin. Fehlende Hälfte der Geschichte” durchführten, arbeiteten wir im Jahre 2023-2024 unter anderem am Projekt „Frauen im Schatten der Guillotine. Polinnen im Gefängnis Plötzensee“.

Dabei stießen wir an eine Polin aus Berlin, Hedwig (Jadwiga) Neumann, die während des Kriegs im Untergrund tätig war. Um sie gruppierte um sich eine Zahl der anderen Polinnen, die sich ebenfalls konspirativ engagierten, u.a. Marianna Gąszczak und die Schwestern Przybył – Stefania und Helena, geheiratet Maćkowiak.

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So entstehen die (Fußball-)Legenden

Vorgestern, am 9. Juli 2024, gewann der 16-jährige Lamine Yamal die Fußball-Finale für Spanien und eine Legende für sich. Er ist der jüngste Torschütze in der Geschichte der Europa-Meisterschaften; er gewann und darüber hinaus gewann er in einem großen Stil mit einem wunderschönem Tor (so die Spezialisten).

Reblog vom 10.07.2024

Am selben Tag ging um die Welt ein unglaubliches Foto von einem 20-jährigen Lionel Messi und einem ein paar Monate alten Lamine Yamal. Der Fotograf des Bildes erklärt die Hintergründe.

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Kairos. Am Meer. Frauenblick.

Monika Wrzosek-Müller

Zwei Romane

Gerade habe ich zwei Romane von zwei Schriftstellerinnen gelesen; ungleicher hätten sie für mich nicht ausfallen können, obwohl sich beide mit Leben einer Frau beschäftigen und durchaus autobiografische Züge tragen.

Es geht um Elisabeth Strouts „Am Meer“ und Jenny Erpenbecks „Kairos“, beide behandeln sie zwischenmenschliche Beziehungen, eher die zwischen Mann und Frau. Die Simplizität, fast Gedankenlosigkeit und Plattheit des Romans „Am Meer“ hat mich getroffen und verwundert. Strout erzählt das Leben einer älteren Frau, die sich als Schriftstellerin tapfer durchs Leben geschlagen hat (erfahren wir aus ihren Erzählungen); während der Pandemie landet sie, durch ihren Ex-Mann fast entführt, in einem einsam stehenden Haus am Meer in Maine. Während ich den Roman las, wartete ich eigentlich die ganze Zeit darauf, dass sich herausstellen würde, es handele sich um eine Parabel, die Szenen seien ironisch gemeint, oder es ginge um eine Satire auf das Leben während des Lockdowns. Doch weit gefehlt: Der Ernst der Lage, die Situation eine Familie mit zwei Töchtern und das eigene Leben während der Pandemie soll ganz ohne Ironie beschrieben werden. Übrigens handelt es sich um sehr wohlhabende Leute, die sich erlauben können, einfach aus der Stadt zu fliehen und andere dafür zu engagieren, dass sie die für sie unbequeme und vielleicht gefährlichen Dinge erledigen. Dabei wundert sich die Ich-Erzählerin dann noch, dass sie in Maine unangenehme Erfahrungen macht und die Unfreundlichkeit der örtlichen Bevölkerung erleben muss – so dass sie sich sogar gezwungen fühlen, ihre New Yorker Nummernschilder abzumontieren und andere anzubringen. Nur wirklich am Rande behandelt das Buch die Ereignisse nach dem Tod von George Floyd, der von einem weißen Polizisten de facto umgebracht worden ist. Das Sinnieren über die Demonstrationen danach wird eher in den Kontext der Angst vor Ansteckung und gefährlichen Kontakten gestellt und drückt die Sorge der Mutter um die Sicherheit ihrer beiden Töchter aus. Die Regierungszeit von Donald Trump wird im ganzen Buch auch nicht thematisiert, seine Existenz wird in einem Satz erwähnt, als die Meute in Washington das Capitol stürmt. Wie gesagt, die gutsituierten Menschen fliehen aus New York, die Schriftstellerin beschäftigt sich mit ihren Panikattacken und den menschenleeren Stränden und den kleinen Orten in Main.

Sie scheint auch nicht recht fähig, ihr Leben selbständig zu organisieren; sie leidet am Tod ihres zweiten Mannes; aber über ihr weiteres Leben bestimmt ihr Ex, ihr erster Mann, sie fügt sich allem ohne Bedenken und ohne eigene Initiative. Das Buch ist ganz aus ihrer persönlichen Perspektive geschrieben und so nehmen ihre gesundheitlichen Malaisen viel Raum in der Erzählung ein. Selten hat mich ein Buch so irritiert und aufgebracht – der „American way of life“, die Frau als Dekoration, durch den Mann chauffiert, untergebracht, „bemuttert“. Und doch ist sie eigentlich die Heldin und Hauptbezugsperson des Buches, meistens geht sie aber gedankenverloren spazieren und ihre Sorgen kreisen darum, dass sie immer mehr vergisst und vielleicht eines Tages auch verrückt werden könnte. Mich hat das Bild dieser Frau wirklich abgeschreckt – immer wieder durch ihre Männerbeziehungen relativiert, auf sich selbst bezogen, vielleicht durchaus ehrlich in der Darstellung, aber durch das Bild, das sie malt, doch so vereinfacht und banal. Manchmal ist diese vordergründige Ehrlichkeit, die ich schon bei Emmanuel Carrère („Yoga“) beobachtet habe, eher erschreckend, weil dahinter vielleicht purer Narzissmus steckt. Schon früher habe ich ein anderes Buch von Strout gelesen, „Mit Blick aufs Meer“, ebenfalls in Main verortet, fand es damals etwas deprimierend – wegen der Art der menschlichen Beziehungen, die hier beschrieben werden, deren Einsamkeit – und doch interessant und lesenswert. Jetzt das Thema Pandemie aufzuarbeiten, sich damit auch in der Literatur auseinanderzusetzten, dürfte eigentlich viele Menschen beschäftigen, wir sind ja noch lange nicht mit den Folgen fertig geworden.

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Das andere Buch hat mich wirklich fasziniert und bis zum letzten Wort in Spannung gehalten: Jenny Erpenbecks Roman „Kairos“. Eigentlich war ich nach der Lektüre ihres Romans „Heimsuchung“ ihr gegenüber eher negativ eingestellt – weil mich da manche Passagen irritiert haben, wie die über den Weg einer jüdischen Heldin aus Deutschland in das Warschauer Ghetto (meiner Meinung nach gab es so etwas nicht; es ging nur in die KZs…) und die in diesem Zusammenhang falsch geschriebenen Warschauer Straßennamen.

„Kairos“ aber hat mich von Anfang an elektrisiert; ich habe ziemlich schnell für mich festgestellt, dass Erpenbeck mit diesem wirklich grandiosen Roman mit der „Wiedervereinigung“, mit der DDR- Zeit abrechnet. Es ist auf vielen Ebenen ein großer Roman und es wundert mich, dass er erst durch den International Booker Prize den gebührenden Ruhm erfahren hatte. Der Satz: Erpenbeck „ist im Ausland berühmter als in Deutschland“, müsste uns zu denken geben.

Erzählt wird die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe zwischen dem mittfünfziger Intellektuellen Hans und Katherina, die gerade erst 19 geworden ist. Ein Mädchen, aber eins, das genau weiß, was es will. Sie begegnen sich Ende der 80er Jahre an einer Bushaltestelle in Ostberlin. Auch wenn sich die Geschichte manchmal verstörend liest, bringt sie unheimlich viel Leben, Einsichten, Schlussfolgerungen, Erkenntnisse über Liebe, Beziehung zwischen zwei Menschen, Mann und Frau, aber auch über die letzten Jahre der DDR. Alles oszilliert zwischen Hass, Gewalt, Obsession aber auch Liebe, Zuwendung und Hoffnung, zwischen Wahrheit (schöne Äußerungen dazu, zum Beispiel das Zitat von Lenin: „Die Wahrheit ist immer konkret“; an anderer Stelle: „Die Wahrheit muss sehr gut gemacht sein, damit man sie glaubt.“) und Lüge, in ihren individuellen Lebensgeschichten sowie in ihrem untergehenden Land. Das Leben passiert nicht einfach so, ohne Willen, ohne Plan, immer steckt eine bestimmte Anstrengung dahinter. Man kann diese Beziehung auf vielen Ebenen lesen, literarisch ist es eine Art Pingpong-Spiel; nicht, dass die junge Frau dem alternden Intellektuellen unterliegt. Mit allen ihren Katastrophen und Wirrungen lebt Katharina ein selbstbestimmtes, reiches Leben, wie sie einmal sagt: ihr Leben, von dem sich manche Frau im Westen eine Scheibe abschneiden könnte. Das ärgert auch vielleicht die westlichen KritikerInnen, dass sie so selbstbewusst und souverän auftritt und dass die DDR nicht als völlig degeneriertes und kaputtes Land dasteht. Zwar trägt die Beziehung der beiden kranke, krankhafte Züge und es wird an mehreren Stellen die Unzufriedenheit und Ratlosigkeit gerade dieser intellektuellen Eliten angesprochen, sie selbst sehen die Mängel und Schwächen des Systems, doch es ist eindeutig kein nur negatives Bild dieser letzten Jahre der DDR. Sie hatten ihr Leben, das war bunt, verrückt, mit vielen Freunden, Begegnungen, manche konnten auch durchaus reisen, es fehlte weder an Geld noch an Ideen. Die sog. Kunstszene verfügte in allen sozialistischen Ländern über mehr Freiheiten, mehr Möglichkeiten und nicht alle mussten dafür mit der Mitarbeit und Unterschrift und Loyalität gegenüber den allseits verhassten Organen bezahlen. Ich weiß, wie ich, während ich das Buch las, dachte, das ist es, da ist jemand, der sich der Überheblichkeit und Arroganz der westlichen Intellektuellen stellt und mutig sagt, ich brauch euch nicht. Sie, die Autorin, und Katharina erschienen mir so autonom, so souverän und brillant. Ihr Leben, denn – seien wir ehrlich – gewisse Parallelen gibt es im Buch schon zu den Leben einiger realer Personen, auch wenn es auf dem Buchumschlag heißt: „Dieser Roman ist ein Werk der Fiktion. Handlungen und handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen wären rein zufällig“. Schön, das Leben findet eben im hier und jetzt und in einer konkreten, spezifischen Situation statt.

Die Sache mit der Zeit, der Titel Kairos: ein griechischer Gott des Moments, definiert als „die festgesetzte Zeit im Plan Gottes“. Es gab in der griechischen Kultur drei Götter der Zeit: Chronos, Kairos und Äon. Die Chronologie der Zeit mit Kirchenglocken kommt erst später, früher bestimmen die Ereignisse den Lauf der Zeit. Irgendwann wird Kairos, ähnlich dem Hermes, als Gott der Gelegenheit, des guten Moments, der Schnelligkeit dargestellt. Später, bei den Philosophen, verkörpert er ein intellektuelles Konzept von einer bestimmten Zeit. So ist es in dem Roman, alles geschieht in einem Moment, alles kann sich auch ganz schnell ändern, nichts bewegt sich in festen Bahnen, nichts ist Routine – angefangen von ihren kurzen Eintragungen in dem Kalender, den ihr Hans geschenkt hat, bis hin zu seinen Anmerkungen in einem Brief festhält, dem er den Titel „Notizen für eine Heilige“ gibt. „Katharina irrt durch das Niemandsland in der Zeit“, ihre gemeinsame Zeit ist immer gestohlen, hastig organisiert, vorläufig, spontan.

Für mich, für die ganz am Anfang ihres Lebens in der BRD ein längerer Aufenthalt in Köln stand, ist die Beschreibung von Katharinas Reise zu ihren Verwandten nach Köln wie ein Ausflug in die eigene Vergangenheit; sie weckt bestimmte Erinnerungen, die bei mir immer präsent waren. „Alles in dieser Welt, die Katharina vielleicht nur einmal im Leben zu sehen bekommt, muss angesehen werden, auf den Grund der Freiheit muss sie mit dem Sehen gelangen, und der Grund ist zweifellos hier: „Sexshop“ steht am Eingang zu Unterwelt, im Schaufenster sind Fotos spärlich bekleideter Frauen zu sehen…Wie blind ist sie einen Moment lang, bevor sie ins Sehen hineinstürzt…
Sieht Geschlechtsteile von Männern, aufgerichtete Glieder mit hervortretenden Adern, rosig, hell häutig, braun oder schwarz, mit glänzenden Kuppen, sieht, wie sie steif und prall in Spalten stecken, wie sie in Mündern stecken, wie sie zwischen Brüsten stecken, wie sie von Händen umklammert werden…. Die Freiheit richtet da unten ein Massaker an und macht, dass ihr schlecht wird. Katharina drückt die blickdichte Tür wieder auf und tritt hinaus ins Helle.“

Tja, das mit der Freiheit und der Demokratie ist viel schwieriger als wir alle gedacht haben.

In dem Roman scheinen auch so viele Kultstätten des alten Ostberlin auf; bestimmte Cafés, das Restaurant Ganymed, seine Speisen, seine Kellner und Routinen mit den Gästen, die Theater nebenan oder auch etwas weiter weg, wo auch Katharina arbeitet.

Vielleicht am schwächsten fällt die Beschreibung der gemeinsamen Reise nach Moskau aus, die wie ein Abschied von dieser alten Welt klingt. Sie besuchen weder das Lenin-Mausoleum, noch gehen sie zum Hotel Lux oder dem Metropol, meiden die Lyubyanka (erstaunlich geschrieben: Lubjanka eigentlich) – der Platz und das Gebäude Synonym für den KGB und seine Verhaftungen, Folterungen und Hinrichtungen. Halten aber an den Heroen der sozialistischen Zeit, an dem von Vera Muchina geschaffenen Denkmal „Arbeiter und Kolchosbäuerin“, das „Im Vorspann einer jeden Mosfilm-Produktion“ über die Leinwände flimmert. Dabei fällt ein interessanter Satz: „Nur die Amerikaner sind genauso größenwahnsinnig, …, Amis und Russen sind sich im Grunde genommen zum Verwechseln ähnlich. Und eben auch in ihrer Liebe zum Kitsch.“ Zwar zeigt ihr Hans eher die positiven Seiten, Bauten (die Metro) von Moskau und zitiert Lenin: „Kommunismus, das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“, doch sein Nachdenken darüber, bis zu welchem Punkt die revolutionären Machthaber berechtigt sind, weitere blutige Taten zu begehen, beginnt so: „Welche Sache würde je wieder so groß sein, dass die Opfer wie Täter unter einem Herzschlag vereint? Dass sie sogar aus Tätern Opfer macht und aus Opfern Täter, so lange, bis keiner mehr sagen kann, wer er selbst eigentlich ist? Verhaften und verhaftet werden, schlagen und geschlagen werden, verraten und verraten werden, bis Hoffnung, Selbstlosigkeit, Trauer, Scham, Schuld und Angst in jedem einzelnen Körper unentwirrbar ineinander verbissen sind.“ Er hat Zweifel, ihm kommen immer mehr Fragen, zum Beispiel nach der Lektüre der Protokolle des Schauprozesses gegen Bucharin 1937/38. Trotzdem soll der Aufenthalt in Moskau ein Lichtblick in ihrer Beziehung bedeuten. Erstaunlich für mich die Erkenntnis, dass die Kunst in den Zwischenräumen, in der Reibung entsteht. Was wäre heutzutage die zeitgenössische deutsche Literatur ohne die DDR-Autoren oder die post-DDR-Autoren?

Das Buch endet mit einem Epilog. Nach Hans‘ Tod arbeitet sich Katharina mutig durch die Stasi-Akten der Gauck-Behörde. Sie findet heraus, dass Hans unter dem Decknamen Galilei als IM geführt wurde. „In aller Stille werden hier allen möglichen Bürgern eines Landes, das nicht mehr existiert, die Schädeldecken geöffnet und man darf hineinsehen. … Zu besichtigen ist die Hoffnung, dass es wenigstens unter vier Augen noch eine gemeinsame Sache gäbe“. Und es kommt ein Vorwurf, eine starke Frage, für mich sehr gut nachvollziehbar: „Und warum werden die Seelen der Osthälfte Deutschlands bis in ihre verborgenen Tiefen offengelegt? Warum wurde es nach der Nazizeit in ganz Deutschland nicht genauso gemacht?“ Die Figur von Hans, voller Wiedersprüche, auch wirklich ekelhaften Verhaltensweisen, ist aber zugleich auch sehr menschlich. In den Akten enden die Einträge über und von Hans kurz bevor sie sich kennenlernen. Katharina versteht, dass sie damals ihrerseits unter Beobachtung der Stasi gestanden haben. „Hätte ich damals gewusst, dass ich dein Spiegelbild war… Aber er kann sie weder sehen noch hören, und kann ihr auch keine Antwort mehr geben.“

Philo Live

29. Juni 12:00 – 22:00
Silent Green (https://www.silent-green.net/)

Philosophie Festival

Die Hauptstadt bekommt ein Philosophie-Festival: Das Philosophie Magazin und die phil.COLOGNE bündeln die Kräfte und veranstalten gemeinsam Philo.live! In diesem Jahr ist unsere Leitfrage:

WAS HEISST HIER FREIHEIT?

Es geht also um einen umkämpften Begriff, der in Zeiten großer Umbrüche eine Neujustierung erfährt. Diesem Neuen wollen wir nachspüren und darüber streiten, was Freiheit in unseren Tagen bedeuten kann, bedeuten sollte. Ist individuelle Freiheit der Kern menschlicher Autonomie oder egozentrische Ideologie? Zwingt uns der Klimawandel, Freiheit zeitlich zu denken? Was wird aus der Freiheit durch die geopolitischen Herausforderungen?

Auf der Bühne diskutieren Eva von Redecker, Peter Sloterdijk, Donatella Di Cesare, Herfried Münkler, Christoph Möllers, Wolfram Eilenberger, Thea Dorn, Florence Gaub, Heribert Prantl und viele andere. Großer Dank gilt unseren Unterstützern, der Giordano-Bruno-Stiftung, dm-drogerie markt, der Udo-Keller-Stiftung, der C.H. Beck-Stiftung sowie unseren Medienpartnern radioeins (rbb), radio3 (rbb) und Tagesspiegel. Sie alle machen ein Fest des Denkens möglich, das wir gerade in diesen Zeiten dringend brauchen.

Es freuen sich auf Sie
Rieke Brendel und Svenja Flaßpöhler
Geschäftsführerinnen Philo.live!

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