Reblog: Der Lippenstift meiner Mutter

Artur_BeckerArtur Becker

Der Lippenstift meiner Mutter

Verlag Weissbooks, Frankfurt/Main 2010

lippenstift

Masuren, Winter, polnische Provinz  in den 70ern.

Die Bloggerin bedankt sich bei Artur Becker, der ihr erlaubt hatte, hier ein Fragment seines Romans
zu präsentieren.


Kapitel I
Der Stepptanz und »Die Geliebte des französischen Leutnants«

Die sichelförmigen Absatzeisen, deren unermüdliches und unüberhörbares Klappern auf den Straßen von Dolina Róż erst in den langen und schneereichen Wintern fast gänzlich zum Verstummen kam, waren bei Herrn Lupicki, dem einzigen Schuster des Städtchens, der Verkaufsschlager. Damit würde Herr Lupicki zwar nie reich werden, und das wusste er, der seinen Beruf seit mehr als vierzig Jahren ausübte, wohl am besten, doch was sollte er machen. Alle Männer und Halbwüchsigen ließen bei ihm ihre Schuhe regelmäßig mit diesen hauchdünnen Absatzeisen veredeln. Sechs Nägel reichten, um die halbmondartigen und etwa sieben Zentimeter langen Eisen aufzuschlagen, und schon war selbst der letzte Armleuchter ein gemachter Mann. Keiner der Männer und heranwachsenden Jungen mochte auf das metallische Klappern auf den Bürgersteigen und Straßen – den hörbaren Beweis für die Männlichkeit oder Gerissenheit eines Kerls – verzichten. Ja, selbst die Pfarrer, die Milizionäre und Barteks Lehrer griffen zu diesem altbewährten Köder, der alte Weiber, widerspenstige Töchter und begehrenswerte Schülerinnen vom Gymnasium oder von der Nähschule davon überzeugen sollte, dass sie es nicht mit irgendwelchen Angsthasen und dahergelaufenen Hunden zu tun hätten, sondern vielmehr mit echten Helden, die zu jedem Schritt bereit seien − buchstäblich. Und den zahlreichen Mitbewerbern wurde signalisiert, sich warm anzuziehen, denn je lauter das metallische Klappern, dieser tägliche chaotische Stepptanz von Dolina Róż, war, desto wichtiger kamen sich die Träger der durch Herrn Lupicki persönlich aufgerüsteten Schuhe vor.
An diesem Stepptanz im Städtchen fand auch Bartek großen Gefallen, obwohl er erst fünfzehn Jahre alt war. Sein wichtigster Feind Schtschurek − die Ratte − ging sogar so weit, dass er sich selbst seine Turnschuhe mit Eisen, die er im Übrigen ständig verlor, beschlagen ließ. Doch jeder wusste, dass Schtschurek ein Idiot war und nur eines im Sinn hatte: solchen Muttersöhnchen, wie seiner Meinung nach Bartek eines war, bei passender Gelegenheit die Nase zu polieren. Schtschurek hasste Kinder, deren Mütter beliebte, hübsche und schwarzhaarige Lehrerinnen waren, da seine eigene Mutter, die an der Flasche hing, nicht einmal für knauserige Freier vom Lande ein Objekt der Begierde darstellte. Schtschureks Vater war zudem Totengräber, und man erzählte sich in der Werkstatt von Herrn Lupicki, dass der Totengräber Biurkowski ein mieser betrügerischer Grabhändler sei. Er würde nämlich die besten Liegeplätze des alten Friedhofs an der Luna für teures Geld an die Reichen verhökern, und die Armen hätten wieder einmal das Nachsehen und müssten ihre Angehörigen an den Randzonen bestatten, wo man noch hier und da alte Gräber mit Skelettresten und Schädeln aus deutschen Zeiten vermutete oder gar zu erkennen glaubte. Die von Efeu, Sträuchern und Gräsern überwucherten Gräber ähnelten riesigen Ameisenhaufen. Herr Lupicki sagte bloß: »Was ärgert ihr euch über dieses Stinktier Biurkowski! Ihr würdet an seiner Stelle genauso handeln! Der Gute will mit seiner Familie doch auch nur überleben!«
Jedenfalls versuchte Bartek, seinem größten Feind aus dem Weg zu gehen, nicht deshalb etwa, weil er dessen Arschtritte fürchtete. Nein, Schtschurek tat ihm sogar leid, zumal das Gesicht seines Erzfeinds tatsächlich der spitzen Schnauze einer ausgehungerten Ratte ähnelte. Diese Schnauze war der wahre Grund für Barteks Fluchten vor Schtschureks Verfolgungsjagden. Barteks Opa Monte Cassino väterlicherseits, der mit zwei Beinstümpfen im Rollstuhl saß, weil ihm im Krieg die Beine amputiert worden waren, und der in der Werkstatt von Herrn Lupicki als Aushilfe arbeitete, hatte nämlich seinen Enkel schon mehrmals gewarnt, Schtschurek nicht ins Gesicht zu sehen, vor allem nicht in seine Augen, denn das Böse sei eine Krankheit, die sich durch direkten Blickkontakt automatisch vermehren würde. Er wisse, wovon er spreche, so Opa Monte Cassino, er habe schließlich den Krieg an allen denkbaren Fronten mitgemacht – von Monte Cassino bis nach Afrika. Böse Augen seien stärker als die eines Normalsterblichen, mahnte er seinen Enkel, wenn dieser wieder einmal in die Fänge Schtschureks geraten war, und selbst Heilige zögen den Kürzeren, wenn sie von Angesicht zu Angesicht vor einem Bösewicht stünden.
Da Bartek nach der Schule so gut wie nie direkt nach Hause ging, wo ihn ohnehin niemand erwartete − außer seinem jüngeren Bruder Quecksilber vielleicht, der weinerlich und kränklich war, regelmäßig gläserne Fieberthermometer zerbiss und nach dem täglichen Schulunterricht meistens von Oma Olcia umsorgt wurde −, trieb er sich bis zum Abend auf den Straßen von Dolina Róż herum. Immer wieder suchte er die Werkstatt von Herrn Lupicki auf, um sich vor dem Regen oder einem Schneesturm zu verstecken oder, ganz einfach, um den neuesten Klatsch zu erfahren. Dann saß er stundenlang am Tresen, machte dort seine Hausaufgaben, hörte den Schustergesprächen und der eintönigen Musik zu, welche die Schuster mit ihren Hämmern und Feilen und Schleif- und Nähmaschinen erzeugten, oder er unterhielt sich mit der jungen Meryl Streep, von der er glaubte, sie wäre sein Mädchen, seine erste große Liebe! Er hatte im Kino Zryw den Film »Die Geliebte des französischen Leutnants« mit der Streep in einer Doppelhauptrolle gesehen, und seitdem war er wie ausgewechselt. Er begriff, dass er sich verliebt hatte, und obwohl seine Geliebte nur auf der Leinwand zu sehen war, beschloss er, der rothaarigen Meryl treu zu sein – bis er eines Tages eine echte Meryl treffen würde: eine aus Fleisch und Blut. Bartek machte sich da zwar keine allzu großen Hoffnungen, aber das Wichtigste war für ihn, dass er ein hübsches Mädchen liebte, das begehrenswerter war als die Schülerinnen vom Gymnasium oder von der Nähschule.
Zu Hause zu sitzen bedeutete für Bartek, dass er keine einzige ruhige Minute hatte, denn seine Eltern ließen ihn gern kleine Botengänge erledigen: »Bartek, renn schnell los und kauf bitte für den Papa eine Schachtel Zigaretten!« Oder: »Hol bitte für die Mama den neuen Schminkstift ab! Ich hab ihn bei Frau Żuławska unter dem Ladentisch gekauft!«, sagte Stasia gelegentlich, Barteks schwarzhaarige Mutter. Sie ist eine Hexe, eine ganz ausgebuffte Hexe, dachte er oft, mit ihren schwarzen Haaren fängt sie die Männer wie mit einem Kescher und stopft ihnen ihren schwarzen Schopf in den Mund, damit sie an ihrer Hexenschönheit ersticken.
Am schlimmsten war es jedoch am frühen Morgen oder am frühen Abend, wenn etwas Wichtiges fehlte, und es fehlte immer etwas Wichtiges: Zigaretten zum Beispiel. Warum kauft sich der Vater nie selbst Zigaretten?, fragte sich Bartek jedes Mal, wenn er wieder zum Kiosk gehen musste, um Popularne, Sporty oder Klubowe zu besorgen. Warum muss ich ständig seine Zigaretten kaufen? Und das Brot – entweder war es verschimmelt oder vertrocknet, und Bartek musste wieder los und einen Laib Brot, einen Liter Milch und ein Kilo Zucker und kostkę masła, ein Stück Butter, kaufen. Manchmal dachte er, seine Eltern hätten ihn lediglich deshalb gezeugt, um einen guten und gehorsamen Diener zu haben, den fleißigen Hermes. Sie saßen im Wohnzimmer auf dem Kanapee, sahen fern und erteilten ihm Befehle, während der Fernseher Neptun − eine alte polnische Schabracke, wie sich sein Vater Krzysiek auszudrücken pflegte − laut aufgedreht war, aber nur dann, wenn keine Konzerte mit klassischer Musik übertragen wurden. Chopin, Debussy und der Pianist Krystian Zimerman machten den Vater wahnsinnig, er fasste sich an den Kopf und schrie: »Bartek! Stell diesen fürchterlichen Krach aus! Diese Musik ist krank!«
Zum Glück stand der Fernseher auf vier dünnen Beinen, und zu Barteks Freude – Schadenfreude − war es ganz leicht, ihn im Vorbeigehen umzustoßen. Er landete immer auf dem Rücken, sodass der Bildschirm nie zu Bruch ging. Aber Stasia verteidigte ihren Sohn nicht, weil sie Angst vor ihrem Mann hatte, Angst vor seinen cholerischen Wutattacken, wenn sein Adamsapfel wieder einmal zu zittern begann, die Augäpfel sich mit roten Äderchen bedeckten, weshalb er von Sekunde zu Sekunde geistesabwesender und wutentbrannter wirkte. Diese Väter waren keine Freunde der Menschheit. Im ganzen Haus, auf jeder Etage des orange gestrichenen Wohnblocks im Plattenbauquartier, in dem Bartek mit seinen Eltern und seinem Bruder Quecksilber wohnte, waren sie anzutreffen, und einmal in der Woche zogen diese unberechenbaren Väter ihre von Herrn Lupicki gelochten Ledergürtel genüsslich aus der Hose, um ihre Söhne zu verprügeln. Ja, solche Weltmeister der cholerischen und alkoholgesteuerten Wutattacken bewohnten ganze Plattenbausiedlungen, und Bartek sorgte sich, eines Tages auch so ein unberechenbarer Weltmeister der Wut zu werden. Daher beschloss er für sich schon früh, nie Kinder zu zeugen. Manchmal fragte er seine Geliebte, der er fast jeden Tag einen neuen Namen gab: »Und, willst du mit mir Kinder haben?« − »Nein, mein Liebster! Du weißt doch, was sie ihren Kindern antun! Sie bilden sie zu Butlern aus und schicken sie jeden Sonntag in die Kirche zur Heiligen Messe, um ein reines Gewissen zu haben, oder sie lassen sie bei ihren alkoholischen Sexorgien in Ungewissheit taumeln, ob es da im benachbarten Wohnzimmer, aus dem seltsame Geräusche und Stimmen kommen, wirklich mit rechten Dingen zugeht…« − »Ach meine Liebe! Du musst jetzt schlafen gehen, ich habe noch etwas Wichtiges zu erledigen.« Und dann verschwand seine Meryl Streep, die so gut wie jeden Tag anders hieß und die noch nie jemand gesehen hatte, weshalb man Bartek für einen Angeber, Lügner und Träumer hielt, der steif und fest behauptete, Meryl Streep sei in ihn verliebt. Doch seine Eltern und auch der Schuster Lupicki und selbst Opa Monte Cassino sagten ihm: »Bartek! Du hast keine Freundin! Du sprichst mit Gespenstern! Und mit dir selbst!« Die Mutter Stasia machte sich Sorgen, und sie überlegte ernsthaft, ob sie ihren Sohn nun nicht doch einem Facharzt vorstellen sollte, einem Psychiater oder einem Psychologen aus Gdańsk oder Olsztyn; oder auch dem Mörder Baruch, der, nachdem er seine Strafe abgesessen hatte, ein Heiliger geworden war – nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis war er zum besten Kurpfuscher des Landkreises Dolina Róż avanciert: Mit flauschigen Pfoten von Kaninchen, die er züchtete und mit großem Appetit verspeiste, versuchte er, die Menschen zu heilen und die bösen Geister zu vertreiben, indem er die Stirn seines Patienten mit einer Kaninchenpfote massierte.
Der einzige, der Bartek glaubte und auch seine Meryl mehrmals gesehen hatte, war Norbert, der dreißigjährige Sohn von Herrn Lupicki.
Norbert hatte einen Buckel − und an der rechten Hand sechs Finger. Für diese Laune der Natur und auch dafür, dass er nicht imstande war, seinen erbsengroßen Wortschatz zu erweitern, stellte man ihm gelbe Papiere aus: »Gelbe Dokumente für die Ewigkeit des Universums…«, sagten kichernd die älteren Jungen, die nach der Heiligen Messe vor der St.-Johann-Kirche Zigaretten rauchten. Der geistig behinderte Sohn von Herrn Lupicki spielte in Dolina Róż den Narren, und er spielte diese Rolle gern, zumal er von den Bewohnern des Städtchens für seine Nummern immer wieder mit Beifall oder gar Geschenken (Pfannkuchen mit Heidelbeeren, einer Flasche Bier oder einer Zigarette) belohnt wurde.
Man kann nicht gerade sagen, dass Norbert, der anhänglich war wie ein herrenloser Hund, Barteks bester Freund war. Und da Bartek − wenn er nicht gerade in der Schusterwerkstatt die Zeit totschlug − die Abende am liebsten mit Marcin und seiner Musik, seinen Büchern und Geschichten über exotische Auslandsreisen teilte, musste er Norbert oft den Laufpass geben. Er konnte ihn zu Marcin nicht mitnehmen, den verlorenen Narren, da Marcin, der bald achtzehn werden sollte, als Aristokrat des Denkens und Handelns – diese Bezeichnung war seine eigene Erfindung − keine Launen der Natur tolerierte. Er zitierte pausenlos große Namen, so auch den Philosophen Nietzsche, den er übrigens ins Polnische übersetzte − in Nietzsches eigentliche Muttersprache, so Barteks Kumpel und Lehrmeister −, und manchmal sagte er in belehrendem Ton: »Bartek! Du weißt gar nicht, wozu der Mensch fähig ist! Der Bucklige beleidigt nicht das Antlitz Gottes, sondern vielmehr das unserer menschlichen Spezies. Ich würde ihn in einem Käfig halten wie ein wildes Tier!«
Im Grunde genommen war Marcin in Dolina Róż nur ein Gast, ein Astronaut, der seit Jahren seine baldige Rückkehr ins Paradies, in das Gelobte Land plante. Er sagte, er wandere nach dem Abitur sofort in die USA aus und er bereitete sich auf diese große Ausreise jeden Tag vor, nicht nur, indem er intensiv Englisch lernte, nein, er versuchte auch, ein vorbildlicher Antikommunist zu sein. In der Tat war er in seiner politisch konsequenten Haltung eines Unangepassten und Aufwieglers nicht zu übertreffen, doch Bartek hatte dafür eine Erklärung: Nur der Sohn eines hohen Parteibonzen durfte ungestraft in seinem eigenen Rhythmus trommeln und protestieren und die Kommunisten für alle Misserfolge und die bitteren Niederlagen der Meinungsfreiheit in den Tageszeitungen aus Olsztyn oder Warschau verantwortlich machen; sein Papa würde ihn so und so immer in Schutz nehmen, und Marcin konnte damit nicht von der Schule verwiesen werden, obwohl er schon so oft die Lehrer und die Partei beleidigt hatte, meist im Gemeinschaftskunde- oder Polnischunterricht, wenn die Lehrer Gedichte über die Revolution von 1905 und 1917 vortrugen.
Marcin wohnte im einzigen von Reklamen und grellen Farben erleuchteten Wolkenkratzer des Städtchens – einem Wolkenkratzeraspirant, wie diese Mietskaserne im Jargon der Bewohner von Dolina Róż hieß. Dabei handelte es sich bei dem buntscheckigen Gebäude um einen ganz gewöhnlichen Wohnblock aus Betonplatten, der vier Eingänge und Stockwerke hatte. Da aber der Wolkenkratzeraspirant auf einem gewaltigen Sockel thronte, ragte er hoch in den Himmel wie der Turm der St.-Johann-Kirche. Im Sockel befand sich ein Restaurant mit der berüchtigten Dancing-Bar Piracka, in dem Barteks Tanten Hania und Agata, die zwei schwarzhaarigen Schwestern seiner Mutter Stasia, von Zeit zu Zeit für ungeheure Skandale sorgten: klassische Liebesszenen auf dem Billardtisch oder unangekündigte Verlobungs- und Hochzeitsfeiern. Einmal machte Barteks Oma Olcia, die in der Kopernikusstraße wohnte, vor dem Eingang des Piracka eine Verschnaufpause, weil sie unter mörderischem Bluthochdruck litt und ihr die Einkäufe vom Wochenmarkt zu schwer geworden waren – vor allem die Gans, die noch lebte und in einem Korb aus Todesangst ununterbrochen schnatterte. Und da das Piracka wegen einer Feier wirklich aus allen Nähten platzte, fragte Oma Olcia den nächstbesten Passanten, wer denn in diesem vom Teufel besessenen Schuppen feierte: »Das wissen Sie nicht, Pani Olcia?«, antwortete der junge Mensch. »Ihre Tochter Agata hat den Versicherungsbetrüger geheiratet, diesen Russischpolen! Jetzt saufen sie und tanzen sie!«
Mit anderen Worten: Marcin, der Aristokrat des Denkens und Handelns, lebte im Zentrum von Dolina Róż wie mitten im verruchten Warschau. Und wenn man zum Beispiel in der Silvesternacht auf dem Dach des Wolkenkratzeraspiranten stand − was eigentlich verboten war −, blickte man als Erstes auf die alten Wallanlagen, die einst die Altstadt vor den Angriffen der Pruzzen und anderer heidnischer Barbaren beschützten. Dann wanderte der Blick unweigerlich zum mittelalterlichen Kreuzrittertor mit der schwarzen, im Winter meist verschneiten und vereisten Uhr, auf der weiße Ziffern leuchteten. Im nächsten Moment schaute man auch noch auf den gigantischen Defilierplatz und das Kino Zryw, und vor allem flog man zu der Hanka-Sawicka-Straße und ruhte wieder eine Weile auf dem mittelalterlichen Tor mit der schwarz-weißen Turmuhr, von Bartek auch liebevoll Big Ben genannt, um schließlich bei den kleinen Läden und Arztpraxen und Ämtern der Hanka-Sawicka-Gasse zu verweilen: Dort auch lag die Werkstatt von Herrn Lupicki.

Der ehrenvollste und den Schustern immer willkommene Gast − zugegeben, ein seltener Gast − war Mariola, Herrn Lupickis Tochter, die junge, fünfundzwanzigjährige Krankenschwester, in die selbst der Aristokrat des Denkens und Handelns verliebt war. Jedes Mal wenn sie, stets leichtfüßig wie aus dem Nichts, die Schusterwerkstatt betrat, brachte ihr Halbbruder Norbert seine Ministrantenglocken zum Läuten, die er immer bei sich trug und die meist in einer ledernen Umhängetasche steckten. Mariolas Halbbruder kramte die Ministrantenglocken nur in Momenten hervor, wenn er seine Freude bekunden wollte. Allerdings verursachte er dann einen riesigen Lärm, und da er vor allem von seinem Vater für das debile Läuten, wie sich Herr Lupicki auszudrücken pflegte, ordentlich Schelte bekam, verwandelte sich die unbändige Freude in Sekundenschnelle in Wut und Trauer. Norbert zerrte im nächsten Augenblick hastig aus seiner Soldatenumhängetasche die aus sechs fetten Lederriemen geflochtene Geißel hervor, schlug sich damit auf den Rücken und wiederholte den einzigen Satz, den er in grammatikalisch korrektem Polnisch sagen konnte: »Norbert hat eine böse Strafe verdient! Norbert hat eine böse Strafe verdient! Norbert zasłużył na tę straszną karę!«

http://de.wikipedia.org/wiki/Artur_Becker_%28Schriftsteller%29
http://pl.wikipedia.org/wiki/Artur_Becker

Staub. Die Erbse. Alles blüht.

Agnieszka Dębska

Staub

Ich lag halb auf dem Sofa und las ein Buch. Hin und wieder nippte ich an meinem Weißwein. Es war ein schöner Tag, aber das Buch stimme mich traurig. Vielleicht als Resultat davon, fing mein Inneres an zu knurren. Es machte schon immer laute Geräusche, ganze Welten lebten darin. Singende Sägen, ein klappernder Storch, knarrende Dielen, so etwas eben.

Diesmal war es anders. In mir explodierten Bomben. Ich hörte, wie sie einschlugen. Nicht das Pfeifen, bevor sie den Boden berührten, es war die Explosion, die Wucht der umher fliegenden Partikel. Ich hatte nie Bomben fallen gehört, außer in Fernsehen, doch das Geräusch war eindeutig. Langsam verhallte es. Dann kamen die Maschinengewehre; sie schossen kurze Salven ab, abgehackt und unerbittlich. Eine weitere Bombe fiel, Gebäude stürzten zusammen. Ich sah, wie jemand gebückt über den Platz lief, schemenhaft zu erkennen inmitten der Wolken aufgewirbelten Staubs. An der Oberfläche, wo die Sonne auf die feinen Partikel traf, leuchtete er kupferfarben, fast golden, wie ein Heiligenschein für diese unheilige Stätte. Irgendwann kamen die Schüsse nur noch vereinzelt. Nach einiger Zeit schließlich legte sich der Staub und ich erhob mich vom Sofa. Es war der 15. Mai 2012 und der Krieg verlangte nach Nahrung.

Die Erbse

Ich saß in der Bahn und schaute allen Menschen ins Gesicht. Es waren nicht viele, es war Dienstag Nachmittag, die Luft drückend heiß. Ich war an diesem Tag wie auf Wolken gewandert, wie in Watte gepackt. Die Sitze waren aus Stoff, man blieb nicht an ihnen kleben. Ich fragte mich, wie viel fremden Schweiß sie aufgesogen haben, das nun in meine Poren drang; meine Beine waren nackt. Ich wollte mich anfassen, dort in der Bahn, mit den Menschen drin. Meinen Körper ertasten, mir selbst genug sein. Eine Königin, von Geburt Gnaden.

Ich wollte, dass jemand meine Gedanken fühlt. Ein einziger Mensch auf der Welt, meinetwegen. Ich müsste nicht sprechen, nicht schreiben, nicht malen. In meinem Kopf würde alles entstehen, und so auch im Kopf dieses Menschen. Welten ohne Anfang und ohne Ende, Blitze am Tag und erotische Spiele.
Ich schaute die anderen Fahrgäste an. Ich sendete jedem: Kannst Du Mich Fühlen?
Dem Mann, der trotz Hitze Krawatte trug, dem kleinen Mädchen, das an der Haltestange leckte. Die Frau in Blau ignorierte mich völlig, das junge Paar fühlte nur einander.
Wenn ich mal groß bin, sagte das kleine Mädchen, werde ich Prinzessin.
Unter all der Watte spürte ich etwas hartes. Nicht jedes Mädchen wird Prinzessin, dachte ich. Nicht jede Prinzessin Königin.

Alles blüht

Es war einer dieser Vorsommertage, die Sonne schien, die Luft roch risch.
Sie war auf dem Balkon, als das Telefon klingelte; sie ging hinein. Unter ihren Fingernägeln war Erde.
“Hallo?”
Stille.
Sie trat wieder hinaus. Wenn es keinen Frost gibt, dachte sie, kommen bald die Tomaten.
“Hallo”, sagte sie zum letzten Mal.
Alles blühte. Die Leitung war tot.
Wenn es keinen Frost gibt, denke ich, wird man sie bald riechen.

Hosstegori, Ard, Arrusi

Persische Gattin

Heiraten auf Persisch

Man kann in Iran auf viele Weisen heiraten. Es ist ein einzigartiges Erlebnis, aber nicht immer ein Einmaliges. Die Iraner dürfen ja mehrere Frauen haben. Man muss sich allerdings an die Regeln halten. Den Iraner fällt es nicht sonderlich schwer, denn sie lieben ihre Regeln. Falls allerdings jemand es wagt, aus der Reihe zu tanzen, muss er mit einer gnadenlosen Kritik und scharfen Zungen rechnen, und zwar Jahre, manchmal auch Jahrzehnte danach.

Das Heiraten fängt an mit:

Hosstegori – es ist ein kleines Fest, nur die engste Familie ist dabei. Der Bräutigam in spe, begleitet von seinen Eltern, kommt ins Haus seiner Auserwählten. Früher hat das Mädchen ihren Zukünftigen bei dieser Gelegenheit das erste Mal flüchtig gesehen. Er dürfte auch ein Blick auf sie erhaschen, in den paar Sekunden, in denen sie ihm den obligatorischen Tee (Tschai) serviert hat. Heutzutage kennt sich das junge Paar schon, zumindest in den meisten Fällen. Das wichtigste ist – die Eltern des Mädchens müssen einverstanden sein. Nicht ohne Bedeutung ist die Höhe der Mehrije. Mehrije ist eine Art Geldanlage für die Braut, für ihre Zukunft. Falls die jungen Leute heiraten, muss der Ehemann seiner Gattin zu jedem Zeitpunkt die Summe der Mehrije auszahlen können, falls sie diesen Wunsch äußert. Falls er es nicht tut, wandert er ins Gefängnis. Und es geht hier um keine symbolische Summen: 500 Seke (Goldstücke) ist oft der Standard. Für dieses Geld kann eine Frau bis Ende ihres Lebens, in Iran, fast sorglos leben. Am häufigsten wird die Zahlung der Mehrije in dem Fall einer Scheidung verlangt, aber manchmal will die Frau das Geld ohne Grund, einfach so!

TanzenVor allem die Mutter der Braut ist daran interessiert die höchst mögliche Summe für ihre Tochter auszuhandeln. Mich selbst hat man auch gefragt, welche Mehrije ich haben möchte. Überrumpelt habe ich geantwortet: ich will gar nichts! Geld von meinem Mann zu verlangen, nur weil er mich heiratet, fand ich irgendwie komisch. Das geht aber nicht – war die Antwort –  Mehrije muss sein, mindestens Nabot (Zukerkristalle) und Koran. Ich antwortete: ich möchte aber kein Zucker und mit dem Koran, da bin ich mir auch nicht so sicher…. Mein Mann meinte – sie mag Rosen. Ich habe zugestimmt und so wurden 500 rote Rosen zu meiner Mehrije. Ich kann sie jede Zeit von meinem Mann verlangen. Die versammelten Frauen waren mit meiner Entscheidung nicht besonders glücklich. – Du verdirbst unsere Preise! – hat mir eine von ihnen zugezischt.

Nach Hosstegori kommt Ard.

Ard ähnelt unserer europäischen, standesamtlichen Eheschließung. Die Ehe kann hier für immer oder auf Zeit geschlossen werden. Die Ehe auf Zeit heißt Sirkhe und kann ab einer Minute bis 200 Jahre dauern. Diese Art Ehe wurde eingeführt wegen der unehelichen Kindern. Falls die Eltern nicht geheiratet haben, und infolge ihres Verhältnisses ein Kind zur Welt gekommen ist, wird das Kind nicht automatisch zu einem iranischen Bürger erklärt, denn das Kind nimmt immer die Nationalität des Vaters an. Wenn man aber keine Sicherheit hat, wer der Vater ist…

In der Schah-Zeit war Sirkhe verboten, nach 1979 wurde sie wieder zugelassen. Im Islam sind bis zu 40 Zeitehen für jeden Mann möglich. Früher, als die Perser viele neue Länder und Territorien erobert haben, war die Zeitehe sehr praktisch. Bei den Schlachten, im Kampf wurden ja die männlichen Gegner ausgerottet, die Frauen blieben alleine zurück. Die Perser haben sie also geheiratet, damit sie einen sicheren Hungertot nicht sterben müssen und dank der Sirkhe in Einverständnis mit dem islamischen Glauben.

Das Fest aller Feste ist für die Iraner – die Arrusi,

also – die Hochzeit. Jedes Mädchen in Iran träumt von einer Hochzeit in Weiß, und da unterscheiden sich die iranischen Mädels von den europäischen ganz und gar nicht – und wenn Eine sagt, sie macht sich nichts daraus – lügt sie. Der einzige Unterschied ist, dass ein europäisches Mädchen sich überhaupt nicht vorstellen kann mit welchen Pracht und Prunk so eine persische Arrusi gefeiert wird, außer es hat´s  gesehen.

Heute heiraten Mehdije und Ahmed. Der wichtigste und schönste Tag im Leben des jungen Paars ist vor allem anstrengend. Bei Morgendämmerung rennt Mehdije zum Schönheitssalons. Diese spezialisieren sich in Hochzeits-Make-up und Hochzeits-Frisuren. Sobald die Kosmetikerinnen und Friseurinnen erfahren, dass es sich um eine Hochzeit handelt, steigen die Preise bis ins Unendliche. Ich habe gehört, manche Bräute sagen, dass sie Geburtstag feiern wollen, damit sie nicht so viel bezahlen müssen. Das Make-up ist stark, glitzernd, provokativ, nichts mit der unschuldigen, natürlichen Braut, so was ist kein Modetrend in Iran. Was interessant ist – die Männer werden auch geschminkt. Ahmed kriegt zwar nur etwas Puder, Lippenglos und seine Augenbrauen werden depiliert, aber ich habe schon einen iranischen Bräutigam gesehen, dessen Augen stark geschminkt, Lippen karminrot angemalt und die Haare auf den Tokyo-Hotel-Leader frisiert waren, ein echter ästhetischer Horror.

Fotografen und die Braut

Auch das Make-up von Mehdije, der heutigen Braut, hält sich in Rahmen, sie behält immerhin ihre natürliche Haarfarbe – schwarz, und ich kann nur drei verschiedene Lidschatten auf Ihren Augenlieder zählen, aber ich habe schon eine Braut gesehen, deren lange Locken platinblond, wie bei Pamela Anderson gefärbt wurden, die Augenbraue abrasiert und darauf gemalt, und die Lippen in Feuerwehr-rot geschminkt wurden.

Das Prinzessin-Kleid wartet schon auf Mehdije und es ist wirklich sehr schön, ähnlich wie in Polen oder Deutschland, schulterfrei, mit kleinen glitzernden Steinchen besetzt, mit Schleppe, auf dem Kopf ein Schleier. Sie sieht umwerfend aus, und ich beneide sie ein bisschen, da ich keine Arrusi in Weiß hatte.

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Den ganzen Vormittag und halben Nachmittag verbringt das junge Paar mit einem Fotografen und einem Kamera-Team. Die arbeitslosen Filmemacher in Iran haben ihre Nische gefunden. Der Film mit Mehdije und Ahmed wird am Ende über drei Stunden dauern, er wird mit der Musik von Modern-Talking, iranischem Pop, den ominösen Klängen von Enya und zahlreichen filmischen Effekten: Überblenden, Ausblenden, Zeitluppen, Zeitraffen, sowie Bilder in Sepia im Still der 30-er Jahre und dramatischen schwarz-weiß, untermalt. Die Dreharbeiten beginnen mit einer spektakulären Autofahrt durch Teheran. Die Hupe und die Lichthupe werden ununterbrochen von dem Fahrer betätigt, der Wagen ist, genau wie so oft in Europa, mit Blumen und weißen Schleifen geschmückt, und was vor allem wichtig ist: es ist ein Nissan, also ein ausländisches Auto, und kein produzierter in Iran und sehr populäre Pride, der allem Anschein nach, aus Plastik gebaut wurde und aussieht wie aus den 80-er Jahren.

Das Paar und Fotografen

Danach geht es zu einem Park und an der kitschigen Romantik wird es hier nicht gespart. Mehdije und Ahmed werden von den Fotografen und Kameraleuten dazu ermutigt:  hinter sich her durch die Grünanlage zu rennen, sich im Laub auf dem Parkrasen zu wälzen, die Blätter von den Kleider abzuschütteln und es noch mal zu wiederholen, sich auf den Treppen einer kleinen Pagode zu strecken, sich sentimental aus den halbgeschlossenen Augen anzustarren, die Lippen an die Lippen den anderen zu nähren, aber um Gottes Willen nicht küssen! Noch sind sie ja nicht verheiratet, und was nicht geht, geht es halt nicht! Casablanca kann man hier nicht nachmachen. Schade um die Kunst!

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Dann geht es zu dem gemieteten Festsaal. Mehdije und Ahmed steigen aus dem Auto, und vor ihnen direkt auf der Straße wird ein braunes Lämmchen mit einem Messerschnitt durch die Kehle, also nach Halal-Vorschriften, geopfert (auf diesen Brauch könnte ich persönlich verzichten, so sehr tat mir das Lämmchen leid). Das Blut fließt über den Gehweg, die Braut hebt geschickt das weiße Kleid und springt drüber, der Bräutigam hinter ihr her. Im Eingang wartet schon die Familie (es ist eine kleine Hochzeit, nur 200 Leute), das Paar wird mit unzähligen Geldscheinen förmlich überschüttet. Sie gehen aber unbeirrt weiter und betreten den festlich geschmückten Saal. Mehdije und Ahmed zünden eine Kerze von dem Koran an. Sie setzen sich an zwei Thronen. Vor ihnen mehrere Tische – bedeckt mit Musselin, auf den Tischen stapeln sich Blumen und Früchte, Nüsse, Perlenketten, Hirtin-Figürchen, kleine Spiegel in goldenen Rahmen, idyllische Bildchen, Ketten aus raren Muscheln.  In der Mitte auf einem silbernem Tablett liegen Eheringe und steht ein Schälchen mit Honig, daneben Nabot –  damit das gemeinsame Leben süß wird. Über die Köpfe des Paares wird ein goldenes Tuch ausgebreitet, das von etwa zehn jungen Frauen gehalten wird. Eine Auserwählte darf zwei Zuckerköpfe über das Tuch reiben – damit das Leben des Paares wie Zucker schmeckt.

Ahmed nimmt den Koran und schlägt es auf. Ein Mulla liest eine Art Eheversprechens. Mehdije sagt als erste: Bale – Ja. Die Frauen jubeln. Nun ist Ahmed an der Reihe und auch er sagt  mit einer etwas zitterigen Stimme: Bale. Alle klatschen. Ahmed schließt den Koran und küsst Mehdije auf den Mund, das erste Mal – zumindest theoretisch. Das Paar unterschreibt den Ehevertrag, und es ist nicht eine Seite wie bei uns, sondern gleich ein ganzes Buch. Die Eheringe werden ausgetauscht. Im Hintergrund singt die Band schon: Man tora micham! – Ich will dich! Mehdije taucht den kleinen Finger in die Schale mit Honig und hält ihn Ahmed hin. Ahmed leckt den Honig ab, dann ist er an der Reihe und Mehdije muss ablecken. Ich weiß selber nicht, ob es auf mich leicht erotisch oder unhygienisch wirkt.

Dann kommen die Geschenke – es ist eine wahre Zeremonie, bei welcher alle zuschauen müssen. Ich werde wieder etwas neidisch, als ich sehe, was Mehdije alles kriegt, und muss auf meinen biederen Modeschmuck starren. Also sie bekommt: goldene Ohrringe mit echten Perlen, einen Armband dazu, eine Kette, eine Uhr, noch mal Kette, und noch mal Ohrringe – alles aus puren Gold. (Ahmed bekommt übrigens fast denselben Satz). Danach kommt Geld oder Goldstücke (Seke). Eine Tante verkündet über ein Mikro, wer und wie viel dem jungen Paar geschenkt hat. Danach erfahre ich – eine iranische Hochzeit ist ein “Null-Summe-Spiel”, meistens das ganze Geld, welches ausgegeben wurde (und es ist ein kleines Vermögen) wird durch die Geschenke wieder reingenommen.

Mit einem Blumenstiel

Das Ritual mit dem Geld wiederholt sich gleich wieder, denn das Paar erhebt sich und geht durch den Saal zu der Tanzfläche, dabei begrüßt sie jeden Familienmitglied persönlich. Der Geldregen fällt wieder auf sie.

Der erste Tanz beginnt: Mehdije und Ahmed schwingen die Hüften, die Mutter der Braut überschüttelt das Paar mit Geldscheinen. Da wurde wahrscheinlich der Tresor einer iranischen Sparkasse gänzlich leergefegt.

Nach dem ersten Tanz, wie auf Befehl, rennen alle auf die Tanzfläche und fangen an sinnlich, rhythmisch, einfach grandios zu tanzen, egal ob jung oder alt, die Iraner haben es einfach im Blut. Lichter pulsieren, ein künstlicher Nebel erfüllt den Saal, und ich habe den Eindruck, ich bin in einer Berliner Disco, wäre da  dieser orientalische Rhythmus nicht gewesen.

Etwas später erfahre ich, dass man eigentlich auf dieser Weise nicht feiern darf, dass es verboten ist und die Familie musste ordentlich schmieren, damit Frauen und Männer zusammen sind. Normalerweise erscheint der Bräutigam nur kurz bei den Frauen, danach geht er zu den Männer und die Festlichkeiten finden getrennt statt. Es ist etwas trist: Frauen tanzen mit Frauen, und Männer mit Männer in getrennten Räumlichkeiten.

Aber zurück zu der Hochzeit von Ahmed und Mehdije. Nach dem Tanzen begeben sich die Braut und der Bräutigam nach draußen und rauchen gemeinsam Schisha und so entspannen sie sich ein wenig.

Kurz darauf folgt die Torte! Zuerst eine junge Frau tanzt mit dem Kuchen (natürlich nicht mit der dreistöckigen Torte), sondern mit einem Mandelgebäck, in der Größe eines Tellers. Die Hüften der jungen Schönheit in einem geschmeidigen grünen Kleid bewegen sich sinnlich. Der Kuchen auf der Handfläche kreist rhythmisch mit den graziösen Bewegungen ihrer Arme. Sie ist eine gute Tänzerin und sie stiehlt der Braut die Show ein wenig, aber es ist zu einem guten Zweck, denn auch sie sammelt für das junge Paar die Scheine.

Die Mutter der Braut bringt ein Teller mit zwei kostbaren, weißen Blüten. Ahmed und Mehdije tauchen die Stiele der Blume in Henna und schreiben gegenseitig ein Zeichen auf die Handflächen. Dann schließen sie die Hände, und verschmieren alles. Ab jetzt sind sie unzertrennlich, auf jeden Fall sie sollen es werden.

Ein anderes junges Mädchen tanzt mit dem festlich geschmückten Torte-Messer. Und auch sie wird mit Scheinen überschüttet, dann übergibt sie das Messer dem Bruder des Bräutigams, er tanzt mit einer ernsten Miene, versucht, so gut wie möglich den Auftrag zu erfüllen und wieder fliegen die Scheine. Der Bruder ärgert den Bräutigam ein bisschen und verzögert die Übergabe des Messers.

Normalerweise gehört der Tanz mit dem Messer der Schwester des Bräutigams. Und falls die Schwester, die Zukunftige ihres Bruders nicht mag, kann der Tanz sehr lange, sogar bis zu einer Stunde dauern. Aber Ahmed hat nun keine Schwester. Endlich übergibt Ahmeds Bruder dem Paar das Messer, die Torte wird aufgeschnitten, aus der Torte schießen Wunderkerzen. Mehdije und Ahmed futtern sich gegenseitig mit der Torte, dann futtern sie ihre Eltern, ihre Geschwister, und alle aus der Familie, die zufällig in der Nähe stehen.

Das gemeinsame Tanzen geht von vorne an. In jeder persischen Familie gibt es eine alte Tante oder einen Onkel, der die Bude rockt. In diesem Fall ist es der Onkel Golem Reza, mit einer weißen Mähne, bringt er ans Licht solch unglaubliche Hüftbewegungen und Vitalität, dass ich staunen muss, dass er schon fast 80 ist.

Hochzeit7

Es wird noch lange getanzt, was das Zeug hält, erst danach kommt das Essen. Bis jetzt hat man nur Früchte, süße Plätzchen und die Torte serviert. Das Essen kommt zum Schluss, und es ist ein Zeichen, dass das Fest sich dem Ende neigt.

Aber nicht in den Familien von Ahmed und Mehdije, hier wird es weiter getanzt, gelacht, geredet, gefeiert und das alles ohne ein Tropfen Alkohol. In Polen kann nicht Mal eine Taufe ohne Prozentiges geben. Und bei einer Hochzeit sind sowieso alle vollgetankt. Eine persische Hochzeit ist vollkommen alkoholfrei. Und es ist das Schönste für mich an diesem Fest.

Das Leben von Kobra Hanum

Persische Gattin

Aus den Erzählungen meiner Schwiegermutter (85 Jahre alt)

Das Leben von Kobra Hanum

Besmella el Rahmone Rachim – Im Namen des allmächtigen Gottes.

Kobra war ein kleines Kind, sie war sehr klein, 2 Jahre alt, da starb ihre Mutter, und sechs Monate danach ist ihr Vater gestorben. Sie waren vier Geschwister:  Laro, Kobra –  die Zweitälteste, Odrat und Atollah. Der Onkel von Kobra war Arzt und er hat sie zu sich genommen.  Dann wurde der Onkel alt und ist gestorben, seine Frau auch. Aber Kobra hat geschafft in dieser Zeit groß zu werden, 18 Jahre alt wurde sie. Sie kam nach Teheran zu ihrem Bruder. Aber das war nicht gut, weil sie sich mit der Frau des Bruders verstritten hat.  Und sie hat Kobra rausgeschmissen. Aber es war nicht so schlimm, da Kobra robust war. Und die iranischen Männer, du weißt selber wie sie sind, haben sie belästigt. Dann hat sie  um Erlaubnis in der Familie gebeten und einen davon geheiratet. Sie hat einen Christen geheiratet. Wir haben spekuliert, dass er Armenier ist, aber niemand wusste es mit Sicherheit. Was soll man tun, sie haben sich verliebt. Da ist es egal ob man Bahai, Zoroaster oder sonst was ist. Ein Junge und ein Mädchen verlieben sich halt, das ist kein Problem. Der Mann hieß Amir, aber er wollte dass man ihn Ghossem nennt. Ich bin Ghossem –  hat er erzählt und  hat seine Geburtsurkunde geändert. Aber Kobra hat von vorne herein kapiert, dass er Christ ist. Mein Mann, Agha Jun, meinte auch zu ihr – Mädel, der ist kein Moslem, weil er Hatne (Beschneidung) nicht gemacht hat. Sie meinte – was soll ich denn machen, er liebt mich, wir werden zusammen leben. 5 Jahre haben sie zusammen gelebt. Und es war sehr gut, da er Mechaniker war und hat gut verdient, aber dann hat sich herausgestellt, dass er eine andere Frau hat! Und drei Kinder. Kobra hat es herausgefunden, da er  ständig nach Kangavar ging. Aber sie haben trotzdem weiter zusammen gelebt.  Und Kobra wurde schwanger.

Amir faehrt wegAmir fährt weg

Als sie in fünften Monat war, ist er wieder verschwunden und Kobra ist außer sich durch den Schnee, es war so kalt, die Erde war gefroren, in unsere Straße gekommen und hat geklagt- mein Amir, wieso kommt er nicht? Dann sagte sie zu mir: ich werde das Kind nicht behalten, ich treibe es ab. Und so war es. Etwas später kam Amir zurück und wieder lebten sie zusammen, aber er ging oft zu der anderen Frau, er ging hin und zurück, hin und zurück. Und Amir hat gesagt:  ich will kein Kind mehr –  weil er ja schon drei Kinder hatte, mit der anderen Frau. Und er hat sein Röhrchen zugebunden, bei einem Arzt – das hat Kobra herausgefunden, und dadurch konnte sie nicht schwanger werden. Ein Mann muss in diesen Sachen schon sein Erlaubnis geben, eine Frau kann alleine nichts tun. Kobra hat kein Kind mehr bekommen, und war sehr traurig. Sie lebten noch etwas zusammen und dann ist Amir weggegangen. Und als er gegangen ist, kam er lange Zeit nicht wieder.

Er ging hin und zurueckEr ging hin und zurück, hin und zurück…

Kobra kam eines Tages  zu mir, wir haben im Hof eine Arbeit zusammen verrichtet und sie sagte zu mir: er ist gegangen und ist nicht zurückgekommen, ich weiß nicht mal, ob er schon tot ist, oder noch lebt, ich weiß gar nichts. Also ging Kobra zu den Behörden und hat die Ehe annulliert,  hat sich bescheinigen lassen, dass sie eine unverheiratete Frau ist, und hat den alten Namen wieder angenommen.

Kobra schaut ihm nachKobra schaut ihm nach…

Und bis jetzt hat Kobra keine Kinder. Auf weitere Kinder hat sie jetzt keine Lust. Sie hatte zwar zwei Freier, solche ohne Bedeutung. Daraus ist nichts geworden. Mit der Zeit  ist sie älter geworden und die Männer wollen eine junge Frau haben und nicht eine Alte, und vor allem nicht solche, die schon mit einem anderem Mann gelebt hat. Man muss ja Jungfrau sein. So wollen sie es haben und nicht anders. Wenn die Frau sagt-  ich bin nicht mehr ganz, und habe schon ein Loch, dann sagen sie: hau ab, geh weg von mir! Du bist jetzt verdorben, andere Männer haben dich angefasst. So ist es.

In einer Woche erzähle ich von Ehe und Hochzeit in Iran. Es wird auch demnächst wieder eine Erzählung von meiner Schwiegermutter Monavar geben!

Sine

Der erste Text kam am Montag.
https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/03/04/kommunikationsmittel/
Ab heute aber sollen wir Beiträge der
Persischen Gattin regelmäßig zum Sonntag bekommen. “Frau zum Sonntag” so zu sagen.

Sine bedeutet Brust

Im Dezember sind in Iran alle sehr traurig und weinen ständig, weil in diesem Monat Imam Husain (626 – 680) ermordet wurde. Husain war der Enkel des Propheten Mohammed und ist eine Zentralfigur des schiitischen Glaubens (fast alle Iraner sind Schiiten). Seine Gegner haben Husain in der Schlacht bei Karbala ermordet, er hatte 33 Speerwunden, 34 Schwertwunden und unzählbare Pfeiltreffer erhalten.

Plac Imama HusainaMahnoz, die Frau des Cousins meines Mannes entscheidet sich, mich, eine polnische Katholikin, also eine Ungläubige, zu den religiösen Festivitäten mitzunehmen. Sie heißen Sine, was Brust bedeutet, weil sich die Frauen und Männer (getrennt natürlich) auf die Brust schlagen, um der Trauer Ausdruck zu verleihen.

Mahnoz ist eine attraktive, schlanke Frau in den Fünfzigern, und obwohl sie weder lesen noch schreiben kann und aus einem kleinen Dorf im Norden Irans stammt, ist sie immer sehr elegant und geschmacksvoll gekleidet. Jede Kudamm´er Elegantin könnte sich eine Scheibe von ihr abschneiden.

Und auch an diesem Morgen kommt sie in einer olivenfarbenen Hose, einem eleganten beigen Mantel und einem dazu passenden seidenen Kopftuch und vor allem nicht in Schwarz, der Farbe der Trauer. So ziehe ich auch helle Hose und einen hellen, leichten Mantel an. Und ich bin erleichtert, da mein schwarzer Wintermantel sehr warm ist, und aus Erfahrung weiß ich, dass ich den Mantel die ganze Zeit anbehalten muss. Obwohl man die Wohnungen in Iran im Winter, wie verrückt heizt, und die Temperatur in den Räumen oft fast 40 Grad übersteigt, behalten die Frauen in der Öffentlichkeit immer ihre Mäntel an, aus moralischen Gründen. Man kann sich leicht vorstellen, wie man dabei schwitzt.

uliczka do niego dochodzaca Der Cousin Agha Abbas kutschiert uns, und nach einer halben Stunde parken wir vor einem prachtvollen Haus in einer der meist angesagten Gegenden in Teheran. Das Haus ist vierstöckig und sieht, wie ein kleiner Palast aus. Vor gewaltigen Türen hat man riesige Vorhänge angebracht. So gelangen wir zuerst in eine Schleuse, eine Art Zwischenraum, wo die Frauen ihre Schuhe ausziehen und in dafür speziell vorbereitete Plastiktüten verstauen. Ich schaue mich nach Mahnoz um, und erkenne sie nicht wieder. Sie trägt nicht mehr ihren beigen Mantel, sondern einen  schwarzen Tschador. So ähnelt sie, all den Frauen, die das Gebäude stürmen und wie schwarze Krähen aussehen. Ich fühle mich unwohl in meiner hellen Kleidung, ich gehöre einfach nicht dazu!

Stragan przy placu Imama HusainaAber Mahnoz schubst mich nach vorne und so betreten wir den komplett mit Perser Teppichen ausgelegten Raum, von der Größe eines Fußballfeldes. Überall an die Wände angelehnt sitzen, etwa 200 Iranerinnen, Junge, Alte, kleine Mädchen, alle in Schwarz und alle flüsternd. Ein leiser Gemurmel erfüllt den Raum. Wir setzen uns in die Ecke auf dem Teppich und Mahnoz fängt sofort mir zuzuflüstern an: Die Gastgeberin ist eine Araberin aus dem Irak, und ihr Mann ist sehr reich, in den weiteren 4 Stockwerken wohnt die Familie. Sie sind unbeschreiblich reich.

Eine Frau nähert sich mir, sie ist sehr groß, ihr Rücken breit, wie bei einem Holzfäller. Ihr Gesichtsausdruck, alles andere als freundlich. Na klar, denke ich mir, ich falle auf, wie ein Albinos-Rabe unter diesen schwarzen Krähen. –  Was suchst du hier, wer bist du und zu wem gehörst du? – fragt sie mich. Etwas eingeschüchtert, mit zitterigen Stimme antworte ich in meinem besten persisch.- Man Renata hastam, bo Mahnoz omadam (ich bin Renata und bin mit Mahnoz gekommen). Ich zeige auf meine Begleiterin, und die Gastgeberin lächelt versöhnlich. Uff atme ich erleichtet auf – kein Rauschmiss. Sie küsst Mahnoz und tauscht Höflichkeiten mit ihr, was sehr lange dauert, und so vergessen sie mich für eine Weile. Die reiche Gastgeberin spricht paar englische Worte, und erzählt mir, dass ihre beiden Söhne in Harvard studieren. Man bietet mir einen Glas Tee, köstliche Feigen mit Orangenstreifen gefüllt, begossen mit Schokolade. Kein Wunder, dass die meisten Perserinnen etwas kugelförmig sind. Plötzlich ein schallender Mikro-Geräusch, eine Frau fängt an zu singen, die Geschichten aus dem Märtyrer-Leben des Imam Husain´s, sehr orientalisch und rhythmisch.  Das Mikro ist so eingestellt, dass die Stimme der Sängerin, in dem Raum hallt, es klingt dramatisch und geheimnisvoll zugleich, und ein bisschen auch, wie bei einem Rock-Konzert. Ich schaue mich um, und alle Frauen, wie auf Befehl, fangen an sich gegen die Brüste zu schlagen – Bum, Bum, Bum und dazu zu skandieren – Jo Husain, Jo Husain! Und fast alle weinen, einige leise, und manche ganz laut. Mahnoz flüstert mir zu: wenn du nicht weinen kannst, stell dir vor, jemand aus der Familie ist gestorben, das hilft! Ich schaue mich verdutzt um, eine junge Schönheit, mit einer Haut, wie das Ebenholz, zerkratzt sich das Gesicht.  Die Tschadors fallen in dem ganzen Durcheinander. Die Kleider der Frauen sind zwar alle schwarz, aber oft tief ausgeschnitten, manche mit Glitzern und Pailletten versetzt, wie zur Silvester in einem polnischen Dorf. Na klar denke ich, wo sonst können sie ihre besten Stücke zeigen? Nur unter Frauen, auf einem Fest. Der Rhythmus der orientalischen Klänge  beschleunigt. Zwei alte Frauen, sitzen sich gegenüber – Gesicht ins Gesicht und verpassen sich Ohrfeigen, heftiger und heftiger, sie scheinen sich gegenseitig anzufeuern, welche am härtesten zuschlägt. Junge Frauen springen auf, reißen die Kopftücher von den Köpfen und fangen an zu tanzen. Dann springen sie nach vorne, und nach hinten, die langen schwarzen, roten und blondgefärbten Haare fliegen in die Luft. Und die Frauen springen noch schneller und werfen die Köpfe, wie bei einem Head-Banding während eines Heavy-Metall Konzerts. Sie tanzen bis zur Erschöpfung, mit roten Gesichter, wie Verschwörerinnen eines heidnischen Rituals, wie in einer Gemeinschaftshysterie. Und das alles, um die Trauer nach dem Tod des Imams zu zeigen. Ich stelle mich in die Ecke an der Tür, wo es kühler ist, da die Hitze im Raum, unerträglich wird. Mahnoz schubst mich in Richtung der Frauen – ich soll mit ihnen tanzen? Nein um Gottes Willen. Ich weiche erschrocken zurück. Plötzlich der Gesang bricht ab, die Lichter gehen an. Uff… ich bin gerettet, es ist zu Ende.

tez uliczkaDie Frauen hüllen in Tschadors ihre Körper. Sofre – ein längliches Tischtuch wird auf den Teppichen ausgebreitet, auf dem Sofre werden Getränke gestellt, persische 7Up´s und Colas, die etwas fad schmecken und deutlich übersüß sind. Das Essen – Reis und Lammfleisch – wird in Plastikbehälter serviert. Ich kann keinen Schluck unterkriegen, aber das macht nichts, denn alle Reste werden eingepackt und nach Hause mitgenommen.

Im Auto, auf dem Rückweg, noch etwas benebelt, denke ich über das Ganze nach. Und mir  fehlt ein, dass in Iran erst das Jahr 1391 ist, also ein tiefer Mittelalter. Der Islam ist rund 600 Jahre jünger, als Christentum. Und wenn man bedenkt, was in Europa sich im Jahre 1391 religionsmassig abgespielt hat…  da haben sich doch die Leute aus Buße Monate lang nicht gewaschen und gegeißelt, und Hexen wurden verbrannt… So gesehen ist Sine – das sich bisschen auf die Brust-Klopfen – nicht mehr so skurril.

Alle Fotos: Platz von Imam Husain und Umgebung in Teheran.

Nächste  Woche: Aus den Erzählungen meiner Schwiegermutter (85 Jahre alt) – Das Leben von Kobra Hanum.

Modenschau für Blinden

Ewa Maria Slaska

Es ist die Fortsetzung der Seite von Karsten Hein “Die Schönheit der Blinden” – mein Anteil am Gelingen seines Projekts. Ich machte schon früher solche Bilderbeschreibungen, für die Ausstellung habe ich mehrere Bilder beschrieben, wählte hier aber nur fünf. Sie wurden mir ganz zufällig zugeteilt. Für mich bildeten sie trotzdem eine in sich geschlossene Geschichte: Defragmentierung des Ichs.

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Drei Männer und eine Frau in einem undefinierbarem Innenraum, oben weiß getüncht und unter dunkelbraun. Ein Mann in weißem Hemd steht ganz vorne am rechten Rand des Bildes. Sein Gesicht ist abgeschnitten und verschwommen. Nicht desto trotz weißt man, dass er der wichtigste Protagonist der Szene ist. Er lächelt sehr breit. Zwei Männer hinter ihm, obwohl besser sichtbar, sind nur Zuschauer.  Einer mit geliertem nach oben gezupften Haar trägt eine schwarze Sonnenbrille. Der andere scheint ganz andächtig auf die Hände der Frau zu schauen, die links steht und sehr konzentriert etwas auf dem Rücken des Mannes in weißem Hemd zupft. Man sieht sie vom rechten Profil. Sie wirkt wie eine blasse Indianerin mit rot geschminkten Mund.

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Eine Frau in grauer schwarz gemusterten Bluse steht neben einen schlanken Mann in weißem Hemd. (Es sind wahrscheinlich dieselbe Menschen wie auf dem Bild Nr. 7, zumal man auch die zwei Zuschauer vom Vorhin vermutet – von einem, rechts vom Mann im Hemd, sieht man die Finger seiner linken Hand, von dem anderen – hinterm Hemdkragen der männlichen Hauptfigur ein Stückchen vom Stirn und Haare. ) Die Frau mit spitzen dunkel lackierten Fingernägel berührt mit ihrer rechten Hand das Hemd des Mannes, schaut aber nicht in seine Richtung, sondern nach unten. Sie wirkt wie eine Ärztin, die vielleicht  den Puls des Mannes abhört, indem sie seine Brust leicht berührt. Von dem Mann im Hemd, der eigentlich den Großteil des Bildes annimmt, sieht man nur das Hemd, Hals und Unterkiefer. Er lächelt ganz ganz leicht.

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Zwei Figuren auf dem Bild waren schon auf den Bildern 7 und 8 zu sehen – der Mann in weißem Hemd (jetzt sieht man, dass er auch eine weiße Hose trägt und schwarzen Gürtel mit metallener Schnalle), der ganz zentral im Bild steht und die schwarzhaarige Frau, die neben ihm kniet. Von ihr sieht man nur den Arm, rechtem Profil und rechte Hand mit bemalten Nägel, von ihm lediglich den mittleren Körperteil, vom Oberschenkel hin bis Stückchen über die Taille. Er steht zwar nicht steif, aber doch bewegungslos, mit beiden Armen nach unten, dem Stegreif entlang. Die Frau berührt ganz leicht den Hosenschlitz der weißen Hose, die mit kleinen roten Schrägstichen bestickt ist. Vor dem Mann im Weiß steht, unerklärlich  und fast bedrohlich nah, ein dunkel angezogener, kaum sichtbarer Mann, der in der linken Hand einen dünnen Stiel hält, von einem Mop vielleicht.

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Es ist ein Bild von dem weißen Mann von den Fotos 7,8 und 9, der hier aber nicht mehr zu erkennen ist. Er steht immer noch zentral im Bild. Man sieht nur ein Stückchen seiner Teille und des Hemdes, sowie ein Teil des rechten Ärmels. Um ihm herum drängeln sich fünf Hände, die drei oder gar vier Personen gehören, die allesamt etwas an dem weißen Hemd ziehen, zupfen oder betasten. Eine Person, neu in der bisherigen Konstellation, die sich am rechten Rand des Bildes befindet, wahrscheinlich eine weiß angezogene langhaarige Frau mit einem rosa Schal, ist die einzige, die den Mann mit aller Sicherheit  mit ihrer zwei Händen berührt, oder gar ankratzt und angreift. Sie unterscheidet sich somit von allen anderen, die vorhin entweder ganz unbeweglich da standen oder nur ganz leichte Berührungen betätigten. Die neue Person dagegen wirkt dominant und possesiv.

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Diesmal sieht man den Mann im Weiß von hinten, vom Po ab zu Schulterblätter. Er steht ganz still und hinter ihm stehen drei Personen, von denen man nur Hände sieht. Sie alle verbessern etwas am Hosensattel oder Hemd des Mannes. Die zwei Hände und nackte Unterarme im Hintergrund gehören wahrscheinlich einer Frau, die zwei in der Mitte – in den schwarzen Ärmeln, linke Hand mit einer dicken Uhr  und zwei massiven silbernen oder stahlernen Eheringen – einem Mann. Von der Person, die ganz vorne steht, kann man unmöglich sagen, ob ein Stückchen Hand, das man sieht, einem Man oder einer Frau gehört.

***
Wenn man all diese Bilder als eine Reihe sieht, kann man sagen, dass sich auf dem ersten Bild vier glückliche Menschen befinden, konkrete Personen, mit Gesichter und Namen, auch wenn wir sie nicht kennen. Diese vier Personen werden im Laufe dieser kurzen Geschichte immer stärker fragmentiert und depersonaliesiert, um auf dem letzten Fotos als laute Fragmente anonymer Menschen zu enden. Sehr befremdend.

Fotos: Karsten Hein. Mehr über das Projekt auf der Seite “Bilder für die Blinde”

Kommunikationsmittel

Aus den Erzählungen der Persischen Gattin:

Seit einigen Monaten bin ich mit einem echten Perser verheiratet und bin nun die persische Gattin geworden. Erstaunlich, was das Leben manchmal mit sich bringt… In kurzen Erzählungen werde ich verschiedene Aspekte meiner Besuche in Teheran beschreiben. Und damit ich nichts auslasse, unterteile ich meine Geschichten in thematische Kapitel.

Kapitel 1: Kommunikationsmittel

Flugzeug:

Etwa 6 Stunden dauert die Reise nach Teheran, und es gibt nichts außerordentliches daran, außer einer Sache:  kurz vor der Landung am Flughafen Imam Khomeini in Teheran weckt mich nicht die Ansage des Bordpersonals, sondern eine heftige Geräuschkulisse: ein aufdringliches Rascheln verschiedener Stoffe. Ich schaue mich noch verschlafen um, und sehe, dass alle Frauen im Flugzeug von irgendwo ein Schaal oder Halstuch hergezaubert haben, die sie jetzt synchronmassig, wie auf Befehl,  über die meist glänzendschwarze oder blondgefärbte Haare, die an das Fell eines Kamels erinnern, werfen. Mein Mann hält mir mein Halstuch hin und flüstert: es wird Zeit, zieh das an, sonst kommen die Revolutions-Wächter (meist alte Frauen in schwarze Tschadors gehüllt, die über das islamische Moral wachen) und holen dich ab. Obwohl mein Mann sich bemüht, dass es nicht bedrohlich klingt, weiß ich, dass dies keine leeren Worte sind.  Und ab diesem Zeitpunkt ist das violette Halstuch mein ständiger Begleiter. Ehrlich gesagt habe ich nichts gegen das Kopftuch, da die meisten  Hauptstadt-Perserinnen ihre Kopftücher so, wie die großen Stars in Cannes in einem Cabrio, oder zur Goldene-Palme Verleihung tragen, was sehr schick aussieht, wäre da nicht diese kleine Tatsache, dass ich echt schlecht höre. Die Stimmen drängen sich nun kaum durch den Stoff meines Kopftuches und ich fühle mich, als ob ich unterm Wasser wäre.

Bus:

Die Busse sind in Teheran sehr modern und in zwei Abteilungen geteilt. Die Frauenabteilung befindet sich vorne – unmittelbar hinter dem Busfahrer und beträgt etwa ein Fünftel der Busfläche. Die riesige Männerabteilung ist im hinteren Teil. Zwischen den Zonen gibt es eine Stange, die man aus moralischen Gründen nicht überschreiten darf. Der Frauenabteil wird sehr schnell brechend voll. Ich stehe wie eine Sardine in der Dose, zwischen den Perserinnen in schwarzen Tschadors, (die wir intern “Zelte” nennen,) oder der in bunten Mäntelchen, die unbedingt über das Popo reichen und es bedecken müssen, und bunten Kopftüchern. Ich schaue zu meinem Mann rüber, der sich bequem auf einem Sitz gemacht hat und staune, der Männerabteil ist fast leer! Ich muss ganz politisch unkorrekt an die Filme über das Warschauer-Ghetto denken, mit welchen die uns in Polen zur Kommunismus-Zeit in der Schule gefuttert haben. Da standen auch die Juden in den Straßenbahnen, zusammengequetscht und die Deutschen haben sich breit gemacht. Ich nehme mir vor, einen Brief an Ahmadinejad zu schreiben. Ja, ja das ist echt möglich, denn Ahmadinejad hat gesagt, dass jeder ihm einen Brief schreiben darf, wenn er etwas benötigt oder etwas ändern will. Mit den Änderungsvorschlägen da hat sich niemand getraut, aber die Iraner haben ihm durchaus geschrieben, dass sie einen Kühlschrank, oder Teppich, oder Monatsticket brauchen, und viele davon haben diese Sachen tatsächlich gekriegt. Plötzlich – eine Unruhe und Flüstern unter den Frauen, die haben es gecheckt, dass ich Ausländerin bin, schauen mich, wie ein UFO an und flüstern aufgeregt untereinander. Es ist mir etwas peinlich, aber ich kann es ihnen nicht übel nehmen, denn die Touristen sich so selten in Iran blicken lassen, wie Afrikaner in der 80. in Polen: Man sichtet uns Touristen zwar ab und zu auf den Teheraner Straßen, aber wir sind eine Rarität und ein Gesprächsstoff der Extra-Klasse bei dem Abendessen jeder iranischen Familie. Ratz Fatz wird für mich ein Platz frei gemacht und ein Höflichkeitsritual, der ” Tarof”  heißt, beginnt. Das Ganze ist sehr zeitaufwendig  und verläuft nach einem festen Muster, der ungefähr so aussieht: Eine Zelt-Frau erhebt sich und sagt zu mir: bitte liebe Frau, setzen sie sich, bitte, bitte. Daraufhin antworte ich ungefähr so: Ihre Hände sollen nicht weh tun, bleiben Sie doch bitte sitzen. Die Zelt-Frau staunt kurz, dass ich ihr auf Persisch antworte, aber sie sammelt sich schnell und fährt unbeirrt mit dem Tarof fort:  Aber nein, liebe Frau, setzen sie sich doch, ihre Hände sollen Ihnen nicht weh tun, ich würde mich für Sie opfern. Und daraufhin, bin ich gezwungen zu sagen: aber nein, danke schön, ich opfere mich für Sie, Ihre Hände sollen nicht weh tun… Und das ganze wiederholt man drei Mal! Und erst danach darf ich ihren Platz annehmen, sonst wäre ich für sie, wie jemand aus dem Busch, grob und komplett unerzogen.

U-Bahn:

Im Gegensatz zu Bus wird die U-Bahn nicht nach Geschlechtern zweigeteilt. Es gibt zwar zwei Waggons im vorderem und hinterem Teil des Zuges, die nur für Frauen bestimmt sind, aber der Rest ist koedukativ. Das wundert mich tierisch, weil es so unlogisch ist. In dem Bus muss alles nach dem Prophet gehen und in der U-Bahn nicht… hmmm, dann ist der Moral auch zweigeteilt. Ich frage meinen Mann wieso das so ist, der weißt es auch nicht.

Das Auto:

Es ist für die Iraner das beliebteste Kommunikationsmittel. Jeder hat ein Auto, oder strebt danach, eins zu haben. Und wenn man bedenkt, dass in Teheran inoffiziell 17 Millionen Menschen wohnen, kann man sich vorstellen, was auf den Straßen los ist. Stau ist ein normaler Zustand, man fährt Stange in Stange und kann buchstäblich unterwegs Blumen aus den Fenstern pflücken, oder von den Straßenhändler gemütlich gekochtes Rote-Bete oder Nun-Homei (persische Windbeutel) kaufen. Die Regierung kämpft mit dieser Lage und jeden zweiten Tag dürfen bis 18 Uhr nur Autos mit geraden oder ungeraden Zahlen in den Nummernschildern fahren. Trotzdem wegen der Pollution werden die Schulen oft, manchmal auch für eine Woche, zugemacht, damit Kinder zu Hause bleiben und den Smog nicht einatmen müssen. Was die Fahrkultur angeht, hat das mit der uns bekannten nichts zu tun. Man fährt über rot, hupend wie wild, biegt abrupt ab, ohne zu blinken, parkt auf dem Gehweg, laut lachend, wenn die Passanten, schreiend, wie ein verscheuchter Hühnerschar in alle Richtungen weglaufen.

Das Motorrad

Ein Motorrad in Teheran zu besitzen gleicht einem Todesurteil. Selber habe ich gesehen, wie bei einem Motorradunfall eine Zelt-Frau in die Luft flog und gegen den harten Straßen-Asphalt prallte. Die meisten Fahrer sind an ihr vorbeigefahren und nicht mal in diese Richtung geblickt.

Das Fahrrad

Das Fahrrad ist den Perser als Kommunikationsmittel komplett unbekannt. Es gibt zwar in Teheran Fahrradverleihe- schicke Häuschen aus Glas, platziert an den Rändern der größeren Teheraner Straßen,  voll mit ganz modernen, schönen, nagelneuen Fahrrädern – ein Geschenk der Regierung, das komplett in die Hose gegangen ist. Man schaut  sich  die Fahrräder an, bewundert sie, fährt aber nicht damit. Weder mein Mann noch ich haben in Teheran je einen Fahrradfahrer gesichtet.

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Nächste Woche erzähle ich, wie ich an exklusiven, persischen, religiösen Festivitäten teilgenommen habe. Zusätzlich kommt der 1. Teil aus den Erzählungen meiner geliebten und glorreichen Schwiegermutter –  Monavar (Monavar, rechts im Bild, daneben ihre Schwester, Yazd, Iran 2013)

Die Schönheit der Blinden

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Modenschau und Ausstellung

Hände tasten über einen schimmernden Stoff, dann über einen flauschigen, dann über feine und glatte und grobe und rauhe; staunende und konzentrierte Gesichter, rätselhafte Blicke.
Fotografien einer Modenschau von Blinden für Blinde. Blinde Models und ein blindes Publikum, eine Modenschau zum Anfassen.

Ausgangssituation

Es gibt heute viele selbstbewußte Blinde, die im Berufsleben stehen und eine Rolle in der Gesellschaft spielen, denen es wichtig ist, dem allgemeinen Bild der Blinden eine selbstbewußte Wendung zu geben. Die Welt der Blinden ist anders als die der Sehenden – sie ist nicht per se schlechter, geschweige denn bemitleidenswert.
Unser Projekt zielt auf ein postives Bild von Blindheit – die Schönheit der Blinden.

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Zur gleichen Zeit, als ich vor drei Jahren Blinde für meine Fotografie entdeckte, taten sich mehrere blinde Frauen zusammen, um in zwei Büchern über das Thema „Blindheit und Schönheit“ zu reflektieren und aus ihrer Perspektive über ihre Wahrnehmung des Gesehenwerdens, über ihr Bedürfnis nach Wahrgenommensein zu schreiben.

Gemeinsam möchten wir dieses Projekt realisieren.

Veranstaltungsort wird die Aula des BfW Halle sein. Die Kleider werden von drei bis vier Modedesignern stammen, teilweise von Modestudenten der Kunsthochschule Halle.
Besonders wichtig ist die Vielfalt der Oberflächenstruktur der benutzten Stoffe und sonstigen Materialien; dessen was die Blinden mit ihren Händen “sehen” können.

Die Bilder

Die Veranstaltung wird nicht vor sehendem Publikum stattfinden. Sie wird nur in Gestalt ihrer fotografischen Dokumentation, in einer Ausstellung und einer Website und ggfs einem Katalog veröffentlicht werden.

Die Fotografien bieten sozusagen einen Blick in eine geschlossene Gesellschaft: Blinde haben etwas, das Ihr Sehenden nicht habt! Die Blinden sind schön und ihre Welt, in die die tastenden Hände hineinführen, ist es ebenfalls.

Meine Entdeckung beim Fotografieren war, daß viele Blinde sich nicht nur sehr gut fotografieren lassen, sondern unter den richtigen Voraussetzungen dabei sogar zu ganz besonderem Ausdruck fähig sind. Ich muß nur mein Vorgehen ein wenig anpassen. Das Fotografieren mit Blinden ist ein langes ruhiges Gespräch, untermalt von sporadischem Klicken. Dies vorausgesetzt läßt sich bei manchen Blinden ein reinerer Ausdruck, eine unverstelltere Mimik finden als bei vielen Sehenden.

Fast ebenso wichtig wie die Gesichter sind bei unserem Projekt die Hände der Abgebildeten.

Ohnehin sind Hände ein wertvoller Bestandteil bei Portraits, da sie viel über den Portraitierten erzählen. Zudem können sie Bildern sowohl Intimität als auch Dynamik verleihen. Jede Handbewegung zum Körper hin ist ein Zeigen – es schafft Beziehungen.

Das gilt umso mehr für die Hände von Blinden beim Tasten. Wenn Blinde etwas ertasten, sieht es ganz anders aus, als wenn Sehende das versuchen.

Eben als ob – was ja der Fall ist – jede ihrer Bewegungen einen Sinn hätte. Es wirkt auch viel eleganter als die Bewegungen Sehender, gerade auch auf Fotos.

Damit die tastenden Hände in der Ausstellung sozusagen ein Ziel haben, werden die Kleider mit Texten in Punktschrift versehen sein. Wir haben eine Kunststickerin gefunden, die die unseres Wissens erste Technik entwickelt hat, mit der Kleidung wirklich gut tastbar mit Punktschrift bestickt werden kann. (Das könnte übrigens auch einen praktischen Nutzen haben: Man könnte damit zB die Farbe des Kleidungsstücks und die Waschanweisungen auf den Saum sticken.)

Die Ausstellung

In der Ausstellung werden dann parallel zu den Bildern die Erlebnisberichte und Reflexionen der Blinden hörbar gemacht. Die Models und die Besucher werden aus ihrer Perspektive die Veranstaltung und die Kleider beschreiben.

Die Texte und einige O-Töne werden aufgenommen werden, so daß sie in der Ausstellung auf verschiedene Weise wiedergegeben werden können. Teils zum Hören, teils auf Tafeln gedruckt, in Punkt- und in “Schwarz”-Schrift.

Für blinde Ausstellungsbesucher wiederum werden die Fotos von unseren Bildbeschreibern  beschrieben. Auf diesem Feld haben wir durch unseren Bildbeschreibungsblog „Bilder für die Blinden“ bereits Erfahrung. Es ist übrigens das erste Projekt seiner Art und kommt in der Blindenszene sehr gut an. Gegründet habe ich den Blog als Grundlage für meine Arbeit mit blinden Darstellern, um mich mit ihnen über unsere gemeinsame Arbeit austauschen zu können.

the soundtrack to mein herz

Alexander Gumz

                           tłumaczyła ©Karolina Golimowska

THE SOUNDTRACK TO MEIN HERZ

ist das meer, natürlich. eine abfolge von irrfahrten.
wissen die krebse, wer sie über die felsen schleift?

vielleicht ist es ihnen egal. wie ihren scheren egal ist,
wer sich an ihnen schneidet. dumme sache das.

wie zu behaupten, dass die fenster früher, als wir
nicht hinschauten, kinder bekamen.

daher die vielen paläste, daher die wolkenkratzer
am strand. ist es das, was im sommer

zwischen unsern knien zu flattern beginnt?
wenn das salz sie kitzelt, öffnen sie sich,

ein zucken und knirschen. mein herz ist der song,
den wir hören, solang wir ratlos

auf dem grund liegen. wir haben vergessen
wie man die brandung abstellt.

***

SOUNDTRACK DO MOJEGO SERCA

to morze oczywiście. kolejność tułaczek.
czy raki wiedzą, kto każe wlec się im po skałach?

może jest im wszystko jedno. tak, jak ich szczypcom wszystko
jest jedno, kto się o nie skaleczy. głupia sprawa to.

to tak, jakby przypuszczać, że okna, wcześniej,
kiedy nie patrzyliśmy, rodziły dzieci.

stąd te liczne pałace, stąd drapacze chmur
na plaży. czy to jest to, co latem

zaczyna łopotać między naszymi kolanami?
gdy połaskocze je sól, otwierają się,

drżą i skrzypią. piosenka, której słuchamy,
to moje serce, tak długo, jak bezradnie

leżymy na dnie. zapomnieliśmy już
jak wyłącza się morskie fale.

***

DAS WUNDVERZEICHNIS, BRUDER

einschmelzen die geschlechter, überziehen
mit einer spröden glasur. stich für stich
die glieder zurückbinden. ausgepumpt.

das kinn erhoben. eine lange nadel
läuft ins unsichtbare. jede nacht
zwischen auferstehung und klogang.

eine röhre um den schmalen schmerz,
acht monate zusammen stolpern
durch all die verpassten momente.

einmal springen übers viel zu straffe netz.

(für meinen vater)

***
INDEKS RAN, BRACIE

stopić płcie, powlec je
kruchą polewą. ukłucie za ukłuciem
ponownie związać ze sobą członki. wycieńczone.

uniesiony podbródek. długa igła
prowadzi w otchłań. każdej nocy
między zmartwychwstaniem i wyprawą do ubikacji.

rura wokół wąskiego bólu,
osiem miesięcy wspólnego potykania się
o wszystkie przegapione chwile.

przeskoczyć raz przez za mocno napiętą siatkę.

(dla mojego ojca)


Gedichte auf deutsch erschienen in: / Wiersze (po niemiecku) ukazały się:

Alexander Gumz: ausrücken mit modellen. Gedichte.
kookbooks, Berlin 2011
mit einem Nachwort von Antje Rávic Strubel, gestaltet von Andreas Töpfer
ISBN 9783937445441

 

Grenze / Granica

2010 hat Dorota Cygan diesen Text in beiden Sprachversionen zugleich geschrieben. Er wurde auf Deutsch und Polnisch in der Bibliothekenzeitschrift “Pro libris” in Zielona Góra veröffentlicht. Den Text gibt es in beiden Sprachen im Internet, daher hier nur zwei Fragmente, damit man auf den Geschmack kommt.
Achtung: Die Fragmente ergänzen sich.

Dorota Cygan napisała ten tekst w roku 2010. Został on po polsku i po niemiecku opublikowany w czasopiśmie biblioteki w Zielonej Górze “Pro libris”. Ponieważ można go przeczytać w obu językach w internecie, przedrukuję tu tylko dwa fragmenty, zachęcając gości tego blogu do przeczytania całego artykułu w sieci.
Uwaga – fragmenty się uzupełniają.

Dorota Cygan

(…)

Eine Region – zwei Heimat(-)

Der Weg zurück nach Berlin vom Dolmetscheinsatz führt durch ein Dorf im Kreis Lubań/Lauban. Für diesen Beitrag müssen dramatis personae der längst vergessenen Kriegszeit nicht anonymisiert werden – die noch leben, würden vielleicht gern selbst Zeugnis ablegen und ihre Befindlichkeit über all die Jahre schildern. Der Zeitgeist will es aber, dass alle Akte der dramatischen Handlung hinter sich gelassen werden, denn der vollständige szenische Dialog wäre eh nicht mehr zu rekonstruieren – durch den Exitus der ältesten Figur.

Mit 14 Jahren kommt sie als Landarbeiterin aus Südpolen hierher. Zwangsarbeit wäre ausgerechnet in diesem Fall nicht das richtige Wort, denn sie meldet sich – der nationalsozialistischen Werbepropaganda folgend – freiwillig, um dem Hunger zu entkommen, und gibt dazu ein falsches Geburtsdatum an, um als älter eingestuft zu werden. Kurz vor Kriegsende bringt sie ein Kind zur Welt und wird niemandem je verraten, wer der Vater ist. Mit gutem Grund. Denn nach Kriegsende geht sie zu ihren Verwandten zurück, wird zur Heirat gezwungen, lässt für ihre Tochter eine neue Geburtsurkunde ausstellen und muss zu allen Umständen ihres 18-jährigen Lebens einen gehörigen Abstand gewinnen. Es geht niemanden etwas an, das private Drama. Im Mai 1945 muss sie keine Grenze mehr passieren, da ist jetzt Polen.

Es gibt aber auch noch die andere Geschichte. Auf der deutschen Seite hat der Ausgang des Zweiten Weltkrieges und der Epilog der beschriebenen Geschichte eine andere Dramatik und einen anderen Kommentar – die Verdrängung der Vertreibung. Im Falle der in tiefen Westen ziehenden Flüchtlinge wird er gar manchmal politisch instrumentalisiert. Aber hier ist die DDR, und die duldet keine Ressentiments. Notfalls werden sie einem aberzogen. Man thematisiert den Verlust und den erzwungenen Grenzgang allenfalls in Familienkreisen. All das geht die politischen Instanzen nicht viel an. Immerhin können die Umsiedler das Zielort ihres Umzugs wählen – und so erfolgt die Umsiedlung dieser Bauernfamilie um nur 30 km weiter westlich. Ihr neuer Wohnort liegt auf derselben Autobahnstrecke, die jetzt die Dolmetscherin auf dem Weg nach Berlin ansteuert. Der Blick von oben würde den neuen Wohnort derselben Region zuordnen, und das ist geografisch zweifellos korrekt.

Der Epilog des privaten Dramas von deutschen Bauersleuten und der polnischen Landarbeiterin enthält keine spektakulären Momente: Man arrangiert sich mit der Vergangenheit, hält Kontakt zueinander, schickt Weihnachtsgrüße und Päckchen, kann sich beim Besuch selbst nach vielen Jahren noch einigermaßen verständigen, wohnt relativ nahe voneinander, im schlesischen Raum. Bei der Befragung ist von keinem der Akteure zu hören, dass sie bei diesen Treffen ein besonderes Unbehagen empfanden. Sie haben das Wissen um diese Zeiten – eines, das keiner historischen Korrektur und auch keiner Ergänzung bedarf.

Jeden region – dwie małe ojczyzny

Stan duchowy mieszkańców obszaru, na którym po 1945 roku osiedliło się przypuszczalnie wiele niemieckich rodzin – tak blisko, że z nowego domostwa prawie można by dotknąć swojej starej stodoły – jest jako model tożsamościowy trudny do uchwycenia. Zbiorowa tożsamość Wschodnich Niemców nałożyła się na tę indywidualną lub ją wyparła. Kiedy po zjednoczeniu chcieli nawiązać do dyskursu wypędzenia, toczącego się przed laty w społeczeństwie zachodnioniemieckim, reagowano na to uśmiechem zmęczenia – jak na „wiecznie wczorajszych”. Z problemem tym zostali sami. Przystąpienie Polski do Unii po raz pierwszy dało realną szansę zaangażowania się na rzecz regionu i regionalizacji – ze świadomością, że poza dyskursem historycznym chodzi tu o realne współdziałanie, z którego obie strony mogą czerpać korzyści, nie tylko tzw. interkulturowe, ale i realne.

Krajobrazowa jednorodność regionu ma swój odpowiednik w słabości strukturalnej. Nierówności jednak bardziej rzucają się w oczy niż elementy wspólne, i to one określają strategię przy realizacji unijnych programów kooperacji. Już same różnice w rozwoju infrastruktury drogowej sprawiają, że Polacy są bardziej zainteresowani projektami budowlanymi niż wymianą idei i doświadczeń. Nieubłagana statystyka usprawiedliwia rozmijanie się w dyskusji. Polacy zgodni są co do tego, że najpierw trzeba pokonać nierówność w rozwoju gospodarczo-technicznym. Dopiero potem równie chętnie przyjmą projekty na rzecz innowacji technicznych, budujące społeczeństwo informacyjne, jak i studia wykonalności czy regionalne prognozy rozwoju. Te atrakcyjne są dla Niemiec, których zapotrzebowanie na obiekty i projekty infrastrukturalne zostały już, można uznać, zaspokojone, gdyż główna fala modernizacji po zjednoczeniu przyniosła wyrównanie różnic strukturalnych do poziomu standardów zachodnich. O sukcesie będzie więc można mówić wówczas, gdy niemiecka gotowość do dialogu i wspólnej realizacji projektów napotka u Polaków na pełną gotowość do kooperacji, bez automatycznych roszczeń, by trwałość oznaczała to, iż po projekcie pozostaną konkretne obiekty budowlane lub sprzęt techniczny. To deficytami natury materialnej tłumaczyć trzeba fakt, że gotowość do współpracy jest częściowo asymetryczna. Z jednej strony niepokój, że projekty unijne służą sąsiadowi wyłącznie do usunięcia zacofania cywilizacyjnego, a niemiecki partner jest jedynie pretekstem. Po drugiej stronie zaś zachodzą obawy, że występuje się w roli biednego krewnego, który musi się wstydzić za deficyty materialne i dać się zawsze pouczać. Zachodniego sąsiada zdaje się nie obchodzić ta cywilizacyjna nierównoczesność. Jest ona powszechnie znana. Pragmatycznie myślący Niemiec dziwi się raczej temu, jak różne są w obu krajach kultury dyskusji, jak nikły poziom zaufania między konkurującymi regionami Polski – podczas gdy w powiatach i gminach niemieckich regionalizm, struktury federalne i dążenie do konsensusu wręcz tworzą tożsamość zbiorową. Budowanie transgranicznych struktur regionalnych okazuje się więc większym wyzwaniem niż zakładano. Po żmudnych rozmowach nawet polscy uczestnicy pertraktacji sami zastanawiają się, czy my Polacy potrafimy ze sobą kooperować. Praca nad integracją regionu jest pracą u podstaw i nie bez powodu rodzi pytanie, jak to jest ze zdolnością regionów Polski do współtworzenia Europy. Odpowiedź brzmi tak: Tam, gdzie po stronie niemieckiej nie ma konkurenta, a jest – z definicji – partner, polskie regiony konkurują ze sobą niekiedy do tego stopnia, że nawzajem niweczą swoje szanse rozwojowe. Nawet w obrębie Śląska podział interesów jest niekiedy taki, że Wrocław jako stolica Dolnego Śląska mniej zainteresowany jest wspieraniem okolicznych miejscowości – choćby przez wspieranie turystyki wiejskiej – niż administracja komunalna graniczących tu z Polską obszarów Saksonii. Decyzja o tym, czy popierać turystykę w ogóle czy turystykę wiejską w szczególności, zapada w tym wypadku nie w kontekście narodowym, lecz zależy od cech strukturalnych kooperujących regionów. Siła przebicia większej jednostki, np. większego miasta, może w pewnych okolicznościach prowadzić do nowych aliansów, niezależnie od przynależności narodowej. I dobrze, że tak jest. Konkurencja wewnątrz Unii ma właśnie rozluźniać istniejące zależności, by tworzyć efekt synergii. Nowe osie kooperacji mogą równie dobrze nazywać się Wroclaw-Drezno-Berlin-Praga jak i Lubań-Löbau-Jablonec. Obojętnie, czy są to warsztaty, wspólne akcje policyjne czy działania na rzecz poprawy wizerunku regionu – tzw. „miękkie“ kontakty w sferze gospodarczej i społecznej umacniają się dzięki temu, że ludzie zwiększają zasięg swej działalności, bez konieczności szczególnych uzasadnień. Proces orientowania się w tych oczywistych realiach jest niekiedy najtrudniejszym etapem przedsięwzięcia, którego przebieg mamy przywilej obserwować. Największym przywilejem jest przy tym szansa redefinicji pewnych struktur. Fakt, że aktywność obywateli jest pożądana, stanowi zasadę unijną, a jednak tam, gdzie ich mobilność wymyka się spod kontroli państw narodowych, brak nagle ponadgranicznego związku z Europą. Czy zatem trzeba z powodu zwiększonej mobilności redefiniować zbiorową tożsamość? Nazwać ją ogólnoeuropejską osobowością transgraniczną“, która funkcjonuje w zintegrowanym europejskim życiu publicznym?


O komunikacji międzyludzkiej.
Wiele lat temu pracowałam w schronisku dla uciekinierów politycznych jako opiekunka. Schronisko było wielkie, na stanowiskach opiekunów pracowało kilkanaście osób. Mieliśmy na co dzień do czynienia z tysiącami ludzi i wieloma narodowościami. Naszym zadaniem było pomaganie tym ludziom w kontaktach z instytucjami, co oczywiście oznaczało, że najpierw trzeba było zrozumieć, czego potrzebują. Aby temu sprostać, uczyliśmy się podstawowych słów i zdań w każdym języku, ale trzeba przyznać, że i nasi podopieczni starali się przedstawić swój problem jak najbardziej zrozumiale.
Ale nie zawsze naprawdę rozumieliśmy, o co chodzi. Przez dłuższy czas lekkim niepokojem napawał nas fakt, że Arabowie i Arabki po wejściu do biura kilkakrotnie uderzali kantem lewej dłoni w nadgarstek prawej. W opisie brzmi to może niegroźnie, ale naprawdę miało się poczucie, że jakby co, to odrąbią ci dłoń, a może nawet obie. Kiedyś zrozumieliśmy wreszcie, że mamy im coś napisać. Ulżyło nam, ale nie do końca, bo napisać, OK, ale to odrąbywanie rąk?
Dopiero po wielu latach zobaczyłam na filmie, jak uliczny pisarz w Marrakeszu strzepuje z pióra, takiego staroświeckiego, obsadka ze stalówką, a więc – jak strzepuje z pióra nadmiar atramentu, postukując lekko obsadką w nadgarstek.