Ballonaktion zum Mauerfall

oder eine LICHTGRENZE

Vom 7. bis zum 9. November 2014 ist das innerstädtische Berlin von der Bornholmer Straße über den Mauerpark und die Gedenkstätte Bernauer Straße, zum Reichstag, vorbei am Brandenburger Tor und Checkpoint Charlie bis zur East Side Gallery vorübergehend geteilt: 8.000 weiße, leuchtende Ballons markieren dann den ehemaligen Mauerverlauf. Die emotionale und visuelle Kraft dieser Lichtinstallation ruft auch die Brutalität der Mauer in Erinnerung. Die Installation basiert auf einer Idee von Christopher Bauder und Marc Bauder.

Die LICHTGRENZE ist ab Freitag (7.11.) mit Einbruch der Dunkelheit bis zum Sonntagabend (9.11.) rund um die Uhr erlebbar. Wir empfehlen Ihnen Spaziergänge entlang der LICHTGRENZE.

Die Open-Air-Ausstellung „100 Mauergeschichten“ gibt auf der gesamten Strecke faszinierende Einblicke in den Alltag der geteilten Stadt.

Der Museumsdienst Berlin offeriert spezielle einstündige Führungen auf Deutsch und Englisch, an denen man spontan
ohne Anmeldung teilnehmen kann. Tickets: 5 € (bis 14 Jahre freier Eintritt)
Termine: 7. Nov, stündlich von 18 bis 20 Uhr/ 8. Nov, stündlich von 12 bis 20 Uhr/ 9. Nov, stündlich von 12 bis 16 Uhr
Startpunkte und Ticketverkauf: Mauerpark, Checkpoint Charlie und East Side Gallery
Gruppen könnten im Voraus buchen. Kosten: 80 € (max. 25 Teilnehmer)

Zum Höhepunkt des Jubiläums lassen die Ballonpaten am 9. November ab 19:00 Uhr in einer spektakulären Gemeinschaftsaktion alle Ballons in den Himmel steigen.  Am Brandenburger Tor spielt die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Daniel Barenboim den Schluss-Satz der 9. Sinfonie von Beethoven mit der “Ode an die Freude”! ARD und rbb übertragen die Ballonaktion live im Fernsehen.

PS: Nur der Skeptiker fragt sich: was tun die Vögel bei dieser Aktion?                          

In Archiven und Museen (2)

Dorota Cygan

Marbach. Mal schnell in die Stadt und schon zurück im Archiv

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In diesem Turm wohnte kein Dichter, der wahnsinnig geworden ist (in welchem denn und wo dann?), die Leser dürfen ohne andächtiges Schweigen den Anblick genießen.

(Erklärung: die Autorin meinte den Dichter Friedrich Hörderlin, geb. 1770, gest. 1843, der wahnsinnig geworden ist und 35 Jahre in einem Turm in Tübingen verbrachte.)

Und drunter: Vielleicht klärt mich jemand auf, ob es der schwäbische Pragmatismus ist, Mauern in die Häuser zu integrieren – oder vielleicht eine weit verbreitete historische Baupraxis?

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Und schon wieder im Literaturarchiv.

Ich nehme an, dass diese Plastik darunter jedem sehr nahe steht, der schon mal mehrere Stunden und Tage hintereinander hier las und glaubte, die Augen würden ihm bald herausfallen. Dabei war es nur die Brille, die sich auf einmal verselbständigte und tanzte.

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Wahrscheinlich lag dem ein demokratisches Prinzip zugrunde: Jeder Mitarbeiter des Archivs sollte gleich viel Licht in seinem Büro haben und ins Grüne hinaus gucken. Wir Benutzer haben freilich immer das Gefühl, ALLE sehen uns, wenn wir wieder einmal zu spät ins Archiv kommen.

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LiMoLiteraturmuseum der Moderne im geheimnisvollen Nachtgewand. Würde man es jetzt indiskret lüpfen, wäre man Zeuge der höchst privaten, epochenübergreifenden Kontakte zwischen Schriftstellern, Kritikern, Objekten und allerlei „Ismen“. Das nenne ich eine Party!

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Oben und unten. Exklusive Fotos nur für Euch: Lesesaal von außen – das Fotoverbot (von innen) wird selbstverständlich eingehalten. Leser erzählen sich Anekdoten, wer alles schon beinahe eingeschlossen worden ist, weil er sich zwischen den Buchregalen festgelesen hatte und im letzten Augenblick bemerkt worden ist.

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marbachsordek3So nüchtern wie dieser Eingang wirkt auch der Handschriftenbereich (Tiefgeschoss). Damit ist sichergestellt, dass die Schönheit des Raumes (also die Form) nicht die Schönheit der Archivalien (also den Inhalt) überdeckt.

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Sancta sanctorum – Handschriftenlesesaal
Ich weiß selber nicht, warum ich mich in dem Fall der Wahrheit verpflichtet fühle und Euch das echte Foto vom Handschriftenlesesaal zeige. Ich könnte doch viel besser fabulieren: Den Handschriftenlesesaal erfüllt der Schein alter Möbel und alter Gegenstände, durch alte Fenster schimmert in der Sonne der alte Staub und die alten Archivare gehen am Stock und können sich noch detailliert an ihr letztes Gespräch mit Thomas Mann, nein, mit Franz Kafka erinnern… Nö. Warum sollt Ihr eigentlich die Sache weniger nüchtern sehen als ich? Das wäre ungerecht.

skarpetkischilleraUnd dort. Ja! Zum Beispiel Schillers Socken!
In der Kunstbibliothek in Berlin darf man viele alte Bücher nur mit weißen Handschuhen anfassen. In Schwaben gönnt man das eigentlich nur Schillers Socken. Gut so. Allerdings wäre der Anblick interessant: Benutzer tippen in weißen Handschuhen Briefe und Handschriften ab. Tradition und Modernität. Soll ich das vielleicht anregen?

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Hier wohnen wir alle – Schnüffler, Buchfetischisten und manische Literaturdeuter. Eingeschlossen in den Mönchszellen. Ihre schlichte, aber interessante Innenarchitektur folgt dem demokratischen Prinzip – auch übrigens die Platzierung der Gäste. Ich durfte vier Wochen lang meinen Lärm einem hochverdienten älteren Professor zumuten.

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Lemberger oder Trollinger – wenn es der Wein von hier sein sollte. Die Marbacher selbst trinken eher den edlen Italiener oder reden sich aus.

Prost!

In Archiven und Museen

marbach6Dorota Cygan

Magie der vergilbten Papiere

Unser ausländisches Interesse an deutscher Kultur braucht eine Konkretisierung in etwas Fassbarem: Es erfreut sich an dem, was materiell ist und sinnlich erfahrbar. Da die generationenschweren Dachbodenschätze unserer Großeltern keine deutsche Signatur tragen, fühlen wir uns besonders wohl an einem Ort, wo das kulturelle Gedächtnis in besonderer Weise aufbewahrt, mit Signatur versehen und kultiviert wird – in Museen und Archiven. Zugegeben, das moderne…

Denkt nicht, dass das Leben eines
Archivbenutzers mit Rosen gesäumt ist.
Das ist der steile Weg zum Tageserfolg …

… Ausstellungswesen zeichnet heutzutage eine besondere Lebensnähe aus: Schillers Socken, Taufhemdchen von Thomas Mann, Kafkas auf Reisen verlorener Löffel oder Rechnungen mit Gedichtzeilen haben erfolgreich die Totenmasken und Fotos von Grabsteinen abgelöst. Ehrwürdige Museen oder Archive müssen sich freilich mit solchen Exponaten nicht schmücken, sieht der Bildungsbürger doch nach wie vor in der Pflicht, etwas für die Erhaltung der Kulturgüter zu tun und seine 100 Euro pro Jahr für Museumsbesuche auszugeben.

marbach1Marbach: Das Museum-Archiv-Komplex im Hintergrund; das ist eine optische Täuschung Schiller-Archiv thront nicht über der Stadt – eher liegt es vornehm-abseits und verlangt von den Besuchern, dass sie sich zu ihm bemühen.

Und wie ist es mit uns Ausländern? Was ist etwa an Handschriften so spannend, dass man freiwillig bei gutem Wetter in geschlossenen Räumen eines Literaturarchivs sitzt und die unmögliche Schrift eines längst verstorbenen Monomanen entziffert? Was ist spannend an diesen unzähligen Blättern rissigen Papiers mit Durchstreichungen, Altersflecken, vergilbten Rändern, überschriebenen Passagen, handschriftlichen Anmerkungen und flüchtigen Zeichnungen? Und was ist, wenn sie von den Autoren selbst verworfen wurden und nur durch die Böswilligkeit von Witwen oder ignoranten Kindern ans Archiv verkauft wurden und jetzt den Dichter kompromittieren? Wie weit soll man sich dem natürlichen Voyeurismus hingeben? Die Alltagslügen enttarnen? Randphänomene des Schreibprozesses studieren, um aus den Abfällen des kreativen Vorgangs eine revolutionäre These zu basteln? Assoziative Ketten zerlegen und mit der zeitgenössischen Logik neu begründen? Warum will man sich das antun? Um der Wahrheit willen? Na, eher um zu zeigen, dass die Literaturwissenschaft nicht bloß das Stiefkind der Literatur ist, sondern neben ihr ebenbürtig thronen kann. Niemandem ist es ja entgangen, dass sich die Germanistik seit Jahren Denkmäler setzt. Etwa mit der Geschichte ihres Faches.

marbach2Das Schiller-Nationalmuseum strahlt so viel Würde aus, wie ihm der Geist der Zeit um 1910 verlieh. Wir haben im Prinzip nichts dagegen, dass diese Würde nun auch auf uns ausstrahlt.

In der Tat kann man nur zu leicht der Versuchung erliegen, den Dichter vom Sockel zu zerren, sobald man seine Entwürfe schwarz aus weiß sieht. Nun, das trifft gleichermaßen Forscher im Inland wie im Ausland. Die Praxis beweist aber vielfach, dass ausgerechnet ausländische Germanisten gern quellenbezogen arbeiten, wenn sie diese Möglichkeit bekommen. Sonst, wer in entlegenen Ländern wohnt, ist auf die Sekundärliteratur angewiesen und seine Forschung orientiert sich mehr an der Theorie – und damit mehr an der Germanistik als an der Dichtkunst selbst. Der Umgang mit Rohmaterial wie Primärliteratur und Handschriften ist zunächst in dieser ungefilterten Form nicht so praktisch wie die Sekundärliteratur, wo die Zusammenhänge bereits hergestellt und Lücken mit entsprechendem Infomaterial geschlossen wurden und man sie nur noch mit eigenen Worten wiedergeben muss. Und doch beweist die Zahl der jährlich im Marbacher Literaturarchiv getätigten Recherchen ausländischer Forscher, dass diese Art von Arbeit als besonders intensiv und attraktiv empfunden wird.

marbach3Neckar, der Fluß der Dichter.
Man will es nicht glauben, aber vom Archiv läuft man bis hierher schon eine runde Stunde. Man weiß allerdings auch, wofür…

Warum sitzen sie also jetzt nicht alle in Marbach? Wohl, weil sie noch nicht wissen, was alles sie dort finden können, scheint mir. Ich habe dort einmal Briefe des polnischen Nobelpreisträgers an seine erste Übersetzerin gefunden. Gut versteckt im Nachlass ihres Mannes, der eine wichtige Figur im Zeitungswesen war. Im Grunde also sind es die Bestände selbst, die jede Argumentation überflüssig machen: Der ganze Berg unter dem Archiv beherbergt das Magazin mit Handschriften je nach Gusto – samt den dazugehörigen Werkausgaben, Widmungsexemplaren, Zeitungsausschnitten, Filmen, historischen Aufnahmen, Rundfunksendungen und sogar Hausrat. Alles in allem 800.000 Bücher, 200. 000 Kunstobjekte, 50 Mio. Blatt Papier, 11.000 Nachlässe von Schriftstellern und Gelehrten, die einen hierher verlocken. So hilfreich die historisch-kritischen Werkausgaben auch sind, sie ersetzen nicht den sinnlichen Umgang mit angegriffenem Papier. Hätten sonst gebückte Germanisten bei gutem Wetter hier gesessen? Sei es nur, um die Epoche zu verstehen: finanzielle Not des Autors, der auf billigstem Papier schreibt, Papierknappheit um 1945, Statusverbesserung durch eine Schreibmaschine oder demütigende Verhandlungen um das Zeilenhonorar für Rezensionen und sonstige Zeugnisse der Reibungen zwischen Verlegern und ihren Autoren – alles Bezüge, die sich einem viel besser erschließen, wenn man die Informationen nicht aus dritter Hand bekommt.

Nein, das ist weder Schillers Geburtshaus noch das seiner Mutter. Das müssen die Leser schon selber ergoogeln. Ich bekenne mich nicht zu irgendeinem Bildungsauftrag. Zumal ich noch in keinem von beiden drin war.

Einer Gesprächspartnerin habe ich daher gestern eröffnet, was mir als Krönung meiner eigenen Lebensleistung vorschwebt: Sollte ich doch meine längst überfällige, durch Jahrhunderte verschüttete Doktorarbeit jemals zu Ende schreiben, lasse ich sie auf gelblichem Papier drucken. Inhalt und Form werden so übereinstimmen. Und für mich wäre das ohnehin die kostbarste Archivalie. Was lacht Ihr mich aus? Perlen werden auch nur noch gezüchtet.

In einer Woche, nochmals Marbach
und ein Rätsel.
Fotos – Autorin

Ausstellung / Exhibition / Wystawa: Bruno Schulz

Lidia Głuchowska

Foto oder Grafik? »Kabinett der historischen Fototechniken« von Mariusz Kubielas bei dem Europäischen Monat der Fotografie in Berlin 2014

Der Fotozyklus „Bruno Schulz – Mariusz Kubielas – In Transitu“ ist das Ergebnis eines 2004 initiierten Kunstexperiments, das vom literarischen und bildkünstlerischen Werk des polnisch-jüdischen Künstlers Bruno Schulz aus Drohobytsch (früher Österreich-Ungarn und Polen, heute Westukraine) inspiriert wurde. Sein Effekt bilden inszenierte und auf dem Negativ festgehaltene Szenen aus dem Grenzbereich zwischen Performance und Pantomime, die an eingefrorene Bildausschnitte aus einem Stummfilm erinnern.

Schulz 1Dieses transmediale Projekt, das auch durch Auszüge aus Schulz’s Prosa und die metaphorischen Titel der Arbeiten bereichert wird, dient der Aktivierung des internationalen und generationsübergreifenden Diskurs über das multinationale und multikonfessionelle Kulturerbes Mittelosteuropas.

Schulz 2Die größte Attraktion dieser Fotoschau ist jedoch das »Kabinett der historischen Fototechniken«, welches ca. 20 einmaliger Aufnahmen umfasst, welche Zeichen des persönlichen Stils des Künstlers tragen. Wie kaum einem zeitgenössischen Fotografen ist es Kubielas (geb. 1953) gelungen, einige um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts verwendete manuelle Techniken der Fotografie und deren Varianten zu rekonstruieren. Damit erreichte er Effekte von genauester Wiedergabe der Wirklichkeit sowie schärfster Licht-Schatten-Kontraste oder bis zur „impressionistischen“ Körnigkeit und edlen Matts der Bildoberfläche.

Der Realisierung des Kabinetts gingen Kubielas Studien zur Rekonstruktion archivalischer Technologien zur Schaffung von Lichtbildern voraus, die er 2004 an der Hochschule für Fotografie in Jelenia Góra/Hirschberg begann und bis heute in Zusammenarbeit mit führenden polnischen Experten, wie Cezary Chrzanowski, Roman Michalik, Janusz Sochacki und Rafał Warzecha weiterführt. Der Initiator dieser Arbeiten war Andrzej Pytliński, Patron des informellen Freundeskreises der historischen Fototechniken.

Das „Kabinett der historischen Techniken” von Mariusz Kubielas ist ein offenes Projekt: auch nach Ablauf des Europäischen Monats der Fotografie wird es fortgeführt und um weitere Varianten derselben Motive in weiteren Techniken ergänzt. In näherer Perspektive ist die Präsentation des Zyklus in Belgrad, Helsinki, Brüssel, Bratislava und Prag geplant – vorbereitet von dem Künstler in Zusammenarbeit mit der Kuratorin Dr. Lidia Głuchowska.

Ausstellung Bruno Schulz – Mariusz Kubielas – In Transitu

Kuratorin: Dr. Lidia Głuchowska
Vernissage: Donnerstag, 2. Oktober 2014, 19.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 4. Oktober bis 14. November 2014

Begleitpublikation:
Lidia Głuchowska (Hg.): Bruno Schulz – Klisza Werk – Transgresiones, Wrocław: Ośrodek Kultury i Sztuki we Wrocławiu, 2013.

Über das Projekt wurde schon auf diesem Blog berichtet
https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/04/18/bruno-schulz-reloaded/
https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/03/22/kobieta-i-kon-rewers/

Ein Projekt im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie Berlin
http://www.mdf-berlin.de
und des Berliner Kunst- und Kulturfestivals Kunstkreuz: 10. bis 12. Oktober 2014
http://www.kulturring.org/kunstkreuz/

Vorbereitet vom Kultur- und Kunstzentrum OKiS in Wrocław
Mitfinanziert aus den Mitteln der Woiewodschaft Niederschlesien
http://www.okis.pl/site/zapowiedzii/n/1/n/1/951/n.html

Fotogalerie Friedrichshain, Helsingforser Platz 1, 10243 Berlin
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr, Sa 14 bis 18 Uhr, Do 10 bis 18 Uhr
Tel. (030) 296 16 84, Fax (030) 29 04 98 02
fotogalerie@kulturring.org • www.kulturring.org
S- und U-Bahnhof Warschauer Straße, Tram M10 und M13

Abbildungen

1. Mariusz Kubielas, Das große Glas oder Damals war die Mutter noch nicht da, jedoch…, 2010/14, 42 x 54,5 cm, 3 Paralell-Aufnahmen aus dem „Kabinett der historischen Techniken”
2. Mariusz Kubielas, Gebadet, Gummi
-4-chromatschicht, „Kabinett der historischen Techniken”, 2011/14 (Im Rahmen).
2a. Mariusz Kubielas, Gebadet, Gummi
-4-chromatschicht, „Kabinett der historischen Techniken”, 2011/14 (ohne Rahmen)

***

Photo or Graphics? “Cabinet of Historic Techniques” by Mariusz Kubielas during the European Month of Photography in Berlin 2014

Schulz2aThe photography cycle „Bruno Schulz – Mariusz Kubielas – In Transitu“ is a result of an artistic experiment inspired by the literary and fine arts oeuvre of the Polish-Jewish artist of Drohobycz (previously Austria-Hungary and Poland, today located in Western Ukraine). Its result are scenes from the edge of performance and pantomime, recorded on the negative, which resemble the stopped frames of a silent movie.
That trans-media project also comprises fragments of Schultz’s poetry and metaphorical titles of the works. It aims at activating an international and beyond-generational discourse about a collective future, and the future of the multicultural and multi-confessional cultural heritage of Central-Eastern Europe.
The very special attraction of the show is the “Cabinet of Historic Techniques”, to which belong c. 20 versions of the unique photographs, which carry the hallmarks of inimitability as well as the artist’s style. Unlike many contemporary artists, Kubielas (1953) has managed to reconstruct numerous photographic methods from the turn of the 19th and 20th centuries, as well as their abbreviations. Using traditional manual techniques, he achieved not only a precise reflection of details of the reality or the sharp light-shadow effects but also the sophisticated mat of the picture’s surface up to its “impressionist” graininess.
The development of “Cabinet” was preceded by Kubielas’ study on the reconstruction of archival methods of creating photographs which he had started in 2004 at the Photography Professional School in Jelenia Góra and has continued up to today in cooperation with leading Polish experts, such as Cezary Chrzanowski, Roman Michalik, Janusz Sochacki and Rafał Warzecha. The initiator of these works was Andrzej Pytliński, patron of the informal Society of Historic Photographic Techniques.

“Cabinet of Historic Techniques” by Mariusz Kubielas is an open project: also continued after the end of the European Month of Photography it will be enriched by further variants of the same motifs in other techniques. In the nearest future it will be shown in Belgrade, Helsinki, Bratislava and Prague prepared by the artist in cooperation with the curator Dr. Lidia Głuchowska.

Curator: Dr. Lidia Głuchowska
Vernissage: Thursday, Oktober, 2nd, 2014, 7 pm.

4th of October until 14th of November 2014

Related publikation:

Lidia Głuchowska (ed.): Bruno Schulz – Klisza Werk – Transgresiones, Wrocław: Ośrodek Kultury i Sztuki we Wrocławiu, 2013.

Projekt in the framework of the European Month of Photography Berlin
http://www.mdf-berlin.de
and the Berlin Art- and Culture Festival „Kunstkreuz“: 10- 12. Oct. 2014
http://www.kulturring.org/kunstkreuz/

Prepared by the Culture and Art Office OKiS in Wrocław
Supported by the of the Województwo Lower Silesia
http://www.okis.pl/site/zapowiedzii/n/1/n/1/951/n.html

Fotogalerie Friedrichshain, Helsingforser Platz 1, 10243 Berlin
Opening times: Tuesday, Wednesday, Friday, Saturday 2-6pm, Thursday 10am-6pm
Tel.
(030) 296 16 84, Fax (030) 29 04 98 02
fotogalerie@kulturring.org • www.kulturring.org
S- and U-Station Warschauer Straße, Tram M10 and M13

Images
1.
Mariusz Kubielas, The Great Glazing – The Mother Was Still not Present Then, Though 2010/14, 42 x 54,5 cm, 3 Paralell-Photographs from the “Cabinet of Historic Techniques”
2.
Mariusz Kubielas, Bathed, gum 4-chromate technique, “Cabinet of Historic Techniques”, 2009/14 (in the frame)
2a. Mariusz Kubielas, Bathed,
gum 4-chromate technique, “Cabinet of Historic Techniques”, 2011/14 (without the frame)

Deutsch 1914 Papua Niugini 2014

Seit ein paar Wochen präsentierte ich hier an Mittwochs eine polnische in Berlin lebende Künstlerin /Od paru tygodni prezentowałam tu w środy polską artystką z Berlina / Since some weeks I was presenting here on Wednesdays a Polish artist from Berlin.

Aleksandra Hołownia

Dziś kolejny projekt, w którym Aleksandra bierze udział. Heute ein weiteres Projekt, an dem sich Aleksandra beteiligt. Today another project she is participating in.

Deutsch 1914 Papua Niugini 2014

Sie folgte dem Ruf vom 29.07.2014 / Odpowiedziała na wezwanie, które ukazało się w Berlinie w lipcu 2014 roku / She answered to an open call for participation issued in Berlin on 29th of July 2014

Maske 100kleinProjekt – Współcześni artyści z Berlina w Papua Nowa Gwinea

Do dziewiętnastego wieku Papua Nowa Gwinea była całkowicie niezbadana. Dzisiejsza Papua Nowa Gwinea powstała z połączenia dwóch terytoriów kolonialnych, obejmujących wschodnią część Nowej Gwinei oraz pobliskie wyspy. Początkowo stanowiła kolonię brytyjską. Później została przekazana pod administrację australijską. Północno-wschodnia część wyspy nazwana Ziemią Cesarza Wilhelma należała do protektoratu niemieckiego. Po przegranej I wojnie światowej Niemcy musiały zrezygnować ze swych posiadłości kolonialnych.
W 1914 roku przed wybuchem pierwszej wojny światowej, berlińscy ekspresjoniści, Emil Nolde i Max Pechstein podobnie jak wielu innych awanturników, biznesmenów, misjonarzy, dobroczyńców, pisarzy, podróżników udali się na wyspy zachodniego Pacyfiku. Spragnieni przygody oraz poznania egzotycznych kultur malarze swe spostrzeżenia, badania, i inspiracje pozostawili na znanych europejskiej publiczności płótnach. W latach 1915 do 1918 również polski etnograf i antropolog, Bronisław Malinowski, odwiedził regiony wysp Triobriandzkich należących do państwa Papua Nowa Gwinea. Efektem czego były wydane w 1922 roku w języku polskim i angielskim książki: „Argonauci Zachodniego Pacyfiku”, „Zycie seksualne dzikich w północno-zachodniej Melanezji”oraz „Zwyczaj i zbrodnia w społeczności dzikich”. Warto przypomnieć, że w 1915 roku, w podróży do krainy Papua Nowa Gwinea Malinowskiemu towarzyszył fotograf Stanisław Ignacy Witkiewicz.

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W 2004 roku berliński artysta i kurator Alfred Banze wspólnie z antropolożką Marion Struck-Garbe postanowili zrealizować projekt artystyczny konfrontujący prace zafascynowanych kulturą Oceanii, współczesnych artystów berlińskich z dziełami artystów Papua Nowej Gwinei. Dziś, w dobie nieograniczonej komunikacji i podróży, sztuki wizualne są „lingua franca” stosunków międzykulturowych – twierdzą kuratorzy. Do udziału w projekcie zakwalifikowali propozycje 12 artystów, w tym również moje czarno białe rysunki masek z 1994 roku. Ja sama kolekcjonuję maski z Oceanii, Afryki, Azji.

Maski kolekcja AHW 1987 roku lecąc z Moskwy do Warszawy spotkałam szwagierkę operatora filmowego Waldka Czechowskiego. W Moskwie miałyśmy tylko przesiadkę. Ja wracałam ze stypendium w Meksyku a ona z Papua Nowej Gwinei, gdzie towarzyszyła zaprzyjaźnionym etnografom. Jej barwne opowieści rozbudziły moją wyobraźnię. Kupiłam wszystkie dzieła Bronisława Malinowskiego. Do dziś stoją na półce – jeszcze nie przeczytane. Natomiast w latach 90, gdy mieszkałam już w Niemczech, pod wpływem wspomnień związanych z opowieściami owej znajomej, stworzyłam cykl stu rysunków masek inspirowanych sztuką ludów Papua.

Kolekcja masek Aleksandry Hołowni

Seria ta stanowi próbę transformacji na papier ducha nieżyjącej osoby, której odbicie twarzy zostało uwiecznione w masce. Rysunki masek były między innymi dwukrotnie wystawiane w Nowym Jorku w galeriach: Monserat (1994) i The Cork (1999) – tam też naprawdę znalazły uznanie.

Alexandra Holownia Masks  Exhibition, Monserat Gallery NYC 1994Wystawa masek Aleksandry w Nowym Yorku

Pod koniec października 2014 roku kuratorzy, Marion Struck-Garbe i Alfred Banze, jadą do Nowej Gwinei, gdzie zrealizują projekt. W Muzeum Narodowym w Port Moresby i w Wyższej Szkole Sztuki w Gorka zaprezentują prace 12 artystów z Berlina. Są to Barabara Eitel, Juliane Laitzsch, Christine Niehoff, Ingeborg Lockemann, Maurice De Martin, Jacob Roepke, Patrick Jambon, Moritz R., Alexandra Holownia, Ilse Ermen, Michel Aniol, Stephan Gross. W maju 2015 pokaz ten wraz z workshopem i performance będzie można obejrzeć w Projektraum Alte Feuerwache i ZK/U w Berlinie.

2maski1***

Dzięki wpisom Aleksandry i o Aleksandrze w tym blogu, zainteresowała się nią nasza autorka, Johanna Rubinroth, która nakręciła o niej film, wyemitowany 1 lutego 2015 roku w audycji Kowalski & Schmidt.

Szekspir na lato / Shakespeare für den Sommer

Berlińska gazeta TIP twierdzi, że na lato nie ma to jak Szekspir na świeżym powietrzu.
TIP Berlin meint, es gibt nicht Besseres für Sommer als Shakespeare Open Air

Kilka dni temu byłam w ruinie klasztoru franciszkanów koło Alexanderplatz na przedstawieniu grupy teatralnej Shakespeare & Partner, obejrzałam Wie es euch gefällt, było super.

szekspir (1)Wczoraj byłam na tym samym Szekspirze w teatrze Monbijou i było równie śmiesznie.  / Vor ein paar Tagen war ich in der Klosterruine, wo Shakespeare & Partner Wie es euch gefällt aufführten. Es war super, lustig, witzig, intelligent! Gestern war ich wieder zu demselben Shakespeare im Monbijou Theater und es war genauso lustig.

Wiecie, prawda? / ihr wisst schon:

All the world’s a stage, and all the men and women merely players.

W programie / Im Programm

Es gibt noch / Ponadto jest jeszcze


Naturpark-Südgelände
&
Shakespeare Company Berlin (die ist SUUUUPEEEEER!)
&
Macbeth
&
Wie es Euch gefällt

Und ausserdem / a na dodatek

Auf Deutsch und Polnisch / Po polsku i po niemiecku

Liebe Freunde, Drodzy przyjaciele,

bald ist es so weit… Am 29. August um 20.00 in der Ruinen der Altstadt in Kostrzyn, findet die Premiere von unserem deutsch-polnischen Sommernachtstraum statt.

już niedługo, 29 sierpnia, o 20.00 w ruinach starego miasta w Kostrzynie, odbędzie się premiera naszego polsko-niemieckiego Snu nocy letniej.

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Auf den Spuren der Dichter

Edda Frerker

Drei Wochen in Masuren

bocianIch habe es geahnt. Keiner glaubt mir, wenn ich berichte, dass in jedem Dorf Masurens mindesten 30 Storchennester zu finden sind. Besetzt von je einem Storchenpaar. Der Himmel würde verdunkelt sein, wenn all die Störche auf einmal zum Flug abhebten. Sie brüten. Allenfalls zu einem Stelldichein mit einem Fuchs lassen sie sich überreden. Ich schreibe die Wahrheit: links der Straße auf einem Feld ein Storch – 20 m daneben ein Fuchs – und rechts der Straße eine Vogelscheuche. Ein Storch ist durch nichts zu erschüttern. Daher bringt er ja auch die Babys. Jedenfalls in Deutschland. Wie es in Polen ist, weiß ich nicht. Vielleicht aber ist es in Masuren so. Aus alter Gewohnheit.

Es war eine wunderbare Reise durch Masuren. Drei Wochen voller Anstrengung, Überraschungen, Begegnungen, neuen Einsichten. Ohne Ewa hätte ich das alles nicht erleben können. Sie war diejenige, die mich durch das chaotische Labyrint der polnischen Sprache geführt hat und die mit unermüdlicher Neugier Menschen für sich eingenommen und für uns zu Lotsen gemacht hat durch Dörfer, Städte, Museen, Friedhöfe und Wälder. Ich bin ihr unendlich dankbar.
RIMG0076Denn welch` ein Glück. Da schäumende Grün der Wälder. Auch wenn der Himmel schwer mit Wolken verhangen ist. Und wenn die Sonne scheint, dann singt die Erde. Dann glühen die Farben des Mohn. Dann steigen Schwäne aus dem See wie Pfönix aus der Asche. Wobei ich zugeben muss, dass ich noch keinen Vogel Phönix gesehen habe. Aber so kann es gewesen sein: Die Flügel riesig weit ausgestreckt, den Hals unendlich lang hochgereckt und die Füße den Bruchteil einer Sekunde über dem Wasser schwebend.

Nun bietet Masuren keine lieblichen Landschaften. Aber die tiefe Schwermut, die einen hinabzieht beim Lesen der Bücher Ernst Wiecherts, in denen er seine Heimat immer wieder beschreibt, habe ich nicht gefunden. Es ist wohl der besondere Blick eines Menschen wie Ernst Wiechert, dessen Leben schwer gezeichnet war durch den Selbstmord von Mutter und Ehefrau und den Tod des einzigen Kindes nur einen Tag nach seiner Geburt.

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Links: Erinnerungsstücke an Ernst Wiechert in Forsthaus Piersławek (Kleinort), rechts: Erinnerungsstücke an Konstanty Ildefons Gałczyński in Forsthaus Pranie.

Auf den Spuren der Dichter Ernst Wiechert und Gałczyński habe ich Gräber gefunden und lebendige Menschen. Einen Pfarrer der Evangelischen-Augsburgischen Kirche in Mrągowo, der im Gottesdienst eine Predigt hielt wie ein gesungenes Gedicht – natürlich auf Polnisch. Ich habe nur sehr wenig verstanden, aber wieder einmal bestätigt bekommen: Polnisch ist eine wunderbar klingende Sprache.
Eine pensionierte Ethnologin, Barbara, die mit unendlicher Hingabe das Eisenbahnmuseum in Angerburg (Węgorzewo) betreut und die uns den Weg wies ins weite Land Richtung russische Grenze auf halber Strecke nach Goldap, wo die Straßen schlechter, die Dörfer kleiner und ärmer werden, der Himmel aber gleichbleibend großartig ist. Dort fanden wir die Republika Ściborska des Dariusz Morsztyn. Ein Sammler und Kenner der indianischen Alltags- und Volkskunst. Und der Eskimos. Ein Besessener von der Idee des einfachen Lebens. Ein Kämpfer für Gerechtigkeit und Frieden. Old Shatterhand und Winnetou in einer Person. Leider habe ich nicht daran gedacht, ihn zu fragen, ob er die berühmten Winnetou-Bücher von Karl May gelesen hat. Ein Mann der Grundsätze: kein Alkohol, kein Nikotin, kein Fluchen, kein Fleisch, keine negativen Worte.
Dariusz Morsztyn sammelt alles, was er über und von Maria Rodziewiczówna ergattern kann. Bruchstücke der Orte, wo sie gelebt hat. Bruchstücke der Gegenstände, die sie einmal berührt hat. Er wird ein Museum für die Schriftstellerin gründen. Soweit ich dies mitbekommen habe, ist sie wohl die Courts-Mahler der polnischen Literatur. Aber da gebe es einen Roman, sagt man mir, der sei mehr. Sommerwaldmenschen ( Lato leśnych ludzi). Es ist die Geschichte vom einfachen Leben, die fasziniert und den herausfordert, der die zerstörerische Lebensweise der modernen Welt nicht mehr erträgt.
Der Dichter Ernst Wiechert, in Kleinort (heute Piersławek) im tiefsten Masuren geboren, hat sich damit auseinandergesetzt in seinem Roman „Das einfache Leben“. Auf seinen Spuren waren wir fast drei Wochen unterwegs. Wir haben Menschen gefunden, die das Andenken an ihn bewahren in kleinen Museen. In Deutschland ist er schon fast vergessen, obwohl er uns viel zu sagen hat. In Polen ist er geachtet. Das tut gut. Das Walddorf Sowiróg, in dem Teile seines großen Romans „Die Jeromin-Kinder“ angesiedelt sind, gab es wirklich einmal. Seine letzten Bewohner haben es nach 1945 in Richtung Deutschland verlassen. Die Spuren des Dorfes haben wir gesucht und nach mehrstündiger Wanderung durch einen grandiosen Wald gefunden. In der Nähe von Jaśkowo. Brennesseln habe die wüste Stätte gekennzeichnet. Daneben ein Friedhof, der von deutschen, polnischen und russischen Jugendliche vor einigen Jahren wieder hergerichtet nun doch seinem Vergehen anheimgefallen ist. Die Natur wird ihn gnadenlos überwuchern. So wie es vielen Dörfern in Europa ergeht.

martwanaturawhoteluEs muss noch über Essen geschrieben werden. Gibt es die polnische Küche? Wohl doch. Die deutsche? Vielleicht eher nicht mehr – wenn man die schlechten Gewohnheiten berücksichtigt. Wie auch immer. Ich habe in Polen vorzüglich gegessen. Wie man vielleicht hochgestochen sagen würde: klare Texturen. Oh diese Pieroggi – süß oder salzig gefüllt! Die wunderbaren Kartoffeln. Die so kernig schmecken. Und der Fisch, frisch aus dem See. Nicht in Becken gemästet oder gezüchtet. Aus der tiefen Flut der Seen. Er schmeckte herrlich: der Hecht , der Barsch, der Zander, die Maräne. Allein um diesen Geschmack wieder zu erleben lohnt sich die Reise nach Masuren. Denn wie lange noch wird man diese Geschmackserlebnisse haben können? Der europäische Markt ist unaufhaltsam auf dem Marsch in die Gleichmacherei. Der die Voraussetzung dafür ist, dass die Erträge sich erhöhen. Immer „besser“, immer schneller, immer billiger. So wird es auch in Masuren werden.

kwiatymydwieVielleicht aber gibt es doch eine Hoffnung. Wenn wir uns der Dichter erinnern, die in diesem wunderbaren Land gelebt haben, und sei es auch nur in ihren Träumen.
An Ernst Wiechert, der sich sein Leben lang nach Masuren zurückgesehnt hat. Den die deutsche Verbrecherbande ins Konzentrationslager Buchenwald einkerkerte. Und der vor der bösartigen Dummheit und Beschränktheit der Deutschen nach dem Ende des 2. Weltkriegs in die Schweiz emigrierte, wo er nur 63-jährig an Krebs starb – oder vielleicht auch an gebrochenem Herzen
An Konstanty Ildefons Gałczyński, dessen Zufluchtsort vor dem Chaos des Großstadt und den Erinnerungen des 2. Weltkrieg – er war Kriegsgefangener u.a. im Stalag 11a in Altengrabow – in den masurischen Wäldern in Pranie ich mit Ewa besucht habe. Nur drei Jahre konnte er sich dort ausruhen. Auch er starb an gebrochenem Herzen, mit nur 48 Jahren. So will ich es nennen, wenn man nach einem dritten Herzinfarkt zusammenbricht.

 

Reblog zum Frühstück

Dieser Beitrag ist meiner Freundin, Christine Ziegler, gewidmet, die mir diesen Text zugeschickt hat. Sie schrieb mir, dass es ihr Fundstück für mich ist. Ich habe es zuerst aber als… “Frühstück” gelesen. Deshalb eben: ein Reblog zum Frühstück.

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Ich möchte zuerst über eine spezifische Form der Kultur sprechen, nämlich die Joghurtkultur. Oder sollte ich besser mit dem Thema Milch anfangen, denn ohne Milch gäbe es keinen Joghurt. Die Mutter des Joghurts ist keine Muttermilch, sondern die Kuhmilch. Vor einigen Jahren las ich in einer deutschen Zeitung über ein Gebiet in Afrika, in dem eine Menschengruppe Epidemien überlebte, weil sie Kuhmilch als Nahrungsmittel akzeptiert hatte. Der Autor des Artikels schrieb, dass Milch an sich kein bekömmliches Nahrungsmittel für Erwachsene sei, denn die Natur schenke nur dem Säugling die Enzyme, die Laktose verarbeiten. Ein Kind, das weiter Muttermilch zu trinken versuche, müsse erbrechen.

Der europäische Magen hat im Laufe der Zivilisation die Fähigkeit entwickelt, ein Leben lang Milch zu verdauen. Mit einem Wort: Europa trinkt Milch und erbricht nicht. Das war meine Definition von Europa bis vor kurzem.

Als ich in den sechziger Jahren in Tokio zur Grundschule ging, gab es Klassenkameraden, denen sofort übel wurde, wenn sie Milch tranken. Wir bekamen jeden Tag eine kleine Flasche Milch, zusammen mit dem Mittagessen. Unsere Lehrerin sagte, jeder gewöhne sich an Milch, man müsse Geduld haben. Ich weiß nicht, ob sie recht hatte. Denn selbst in Europa gibt es Menschen, die keine Laktose vertragen.

Joghurt nach Athen

Die europäische Kultur wurde ausschließlich aus Bulgarien nach Japan importiert, ich meine die Joghurtkultur. 1905 gelang es dem bulgarischen Wissenschaftler Stamen Grigorow, ein Bakterium zu isolieren, das für die Entstehung des Joghurts verantwortlich ist. Als ich in Sofia war, sah ich in einem Supermarkt die Joghurtmarken, die ich aus Deutschland kannte, ein ganzes Regal besetzen. Warum importieren die Bulgaren die teuren Produkte aus dem Ausland, wenn sie selber das weltberühmte Joghurtvolk sind? Der Joghurt war nicht mehr Joghurt, sondern eine globale Industrieware. Ich war entsetzt.

Eine Bekannte in New York kauft ausschließlich Joghurt aus Griechenland. Viele amerikanische Joghurtprodukte sind ihrer Meinung nach nichts anderes als chemische Schleimsuppe. Die Griechen sind für sie das Joghurtvolk. Aber eine Griechin, die ich letztes Jahr kennenlernte, offenbarte mir, es gebe keinen griechischen Joghurt mehr, es gebe nur noch europäischen Joghurt. So trägt man nicht nur die Eulen, sondern auch noch den Joghurt nach Athen.
Wortmilch, Prosamilch, Haikuhmilch

Der Joghurt ist ein Sauermilchprodukt, eine Art Dickmilch. Die Wörter „Sauermilch“ oder „Dickmilch“ werden selten verwendet, denn man soll heutzutage weder sauer noch dick sein. Man soll immer gute Laune haben und so dünn sein wie die Menschen auf jedem Werbefoto für Joghurt. Ich dachte, dieses Erfolgsrezept sei amerikanisch und in Europa dürfe man sauer sein – sauer auf die Zustände, sauer auf die politische Situation, sauer auf die Ungerechtigkeit. Denn das Sauersein bringt Nachhaltigkeit. Das Sauerkraut hält länger als der Kohl. Wenn ich Wörter wie Sauerkraut oder Sauerbraten höre, fließt mir Speichel im Mund zusammen – nicht weil ich diese Gerichte essen will, sondern, weil das Wort „sauer“ in meinen Magen hineinklingt.

„Joghurt“ ist ein Lehnwort aus dem Türkischen, und vielen Europäern ist nicht bewusst, wie oft sie sich etwas Türkisches auf die Zunge legen. Die Wörter „Sauermilch“ oder „Dickmilch“ sind noch nicht vergessen, während das Wort „Setzmilch“ kaum noch verwendet wird. Ich habe es in einem Wörterbuch gefunden und las zuerst „Satzmilch“. Als Folge entstanden im Sprachzentrum meines Gehirns Wörter wie Wortmilch, Sprachmilch, Prosamilch, Haikuhmilch, Nachlassmilch, Übersetzungsmilch. Es gibt auch Wörter, die neu geboren werden.

Wenn ich sauer bin und mein Kopf von neuen Wörtern anschwillt, setze ich mich an den Schreibtisch. Nachdem eine Autorin oder ein Autor die Schrift gestellt hat, setzt der Setzer die entsprechenden Buchstaben. Dabei benutzt er kein Setzbrett mehr, sondern ein Computerprogramm. Das Wort „Setzbrett“ wird sicher bald vergessen. Die Autorinnen und die Autoren setzen die Sätze, es klingt etwas streng, aber es geht nicht um eine Festlegung der flüssigen Ideen. Sie setzen die Sätze wie ein wildes Tier in der Setzzeit seine Nachkommen in die Welt setzt. Aus den gesetzten Sätzen soll kein Gesetz werden. Sie sollen besser wie Setzmilch in einen Gärungsprozess geraten.

Gefühle, die ihn Vokalen zu Hause sind

Ist die übersetzte Literatur vergleichbar mit einer Ausländerin, die mit Akzent spricht? Der Akzent ist das Gesicht der gesprochenen Sprache. Seine Augen glänzen wie der Baikalsee oder wie das Schwarze Meer oder wie ein anderes Wasser, je nachdem, wer spricht. Die Augen meiner Sprache enthalten Wasser aus dem Pazifik, in dem Vokale wie Inseln schwimmen. Ohne sie würde ich ertrinken. Die deutsche Sprache bietet mir nicht genug Vokale. „Lufthansa“ spreche ich „Lufutohansa“ aus, damit fast jeder Konsonant mit einem Vokal versorgt ist. Wo soll ich sonst hin mit meinen Gefühlen, die nur in den Vokalen zu Hause sind?

Wie würde die Welt aussehen, wenn es nur Konsonanten gäbe? Sprechen Sie einfach „k“ oder „g“ aus, und achten Sie darauf, wie sie auf Ihren Körper wirken! Sie klingen für mich nach Ablehnung, Abgrenzung oder einer leise gesprochenen Ausrede. Auch die explosiven Konsonanten „p“ und „b“ bereiten mir Kopfschmerzen. Sie klingen verärgert, verachtend und abweisend. Ich ziehe es vor, beim Aussprechen dieser Konsonanten die Luft nach innen zu ziehen, damit sie nicht zu heftig explodieren.

Jede Abweichung als Chance für die Poesie

Es gibt auch sanftere Konsonanten. Das heißt aber nicht, dass ich sie ohne meinen Akzent aussprechen könnte. Die Konsonanten „r“ und „l“ zum Beispiel bringe ich durcheinander. Sie sind für mich eineiige Zwillingsschwestern. Hier einige Übungen für einen besseren Umgang mit ihrer Verwechselbarkeit: „Durch das lustvolle Wandern in der Natur wandelt Herr Müller seine Gesinnung.“ Oder: „Der Rücken eines Ponys ist niedrig und deshalb niedlich. Wäre er doppelt so hoch, wäre er halb so niedlich.“ Oder so: „Kein Bücherregal ist illegal, egal welche Bücher da stehen, genauso wie kein Mensch illegal ist, selbst wenn er mit einem Akzent spricht.“

Der Akzent bringt unerwartet zwei Wörter zusammen, die normalerweise nicht ähnlich klingen. In meinem Akzent hören sich „Zelle“ und „Seele“ ähnlich an. Es ist nicht meine Aufgabe, eine regionale Färbung, einen ausländischen Akzent, einen Soziolekt und einen Sprachfehler medizinischer Art voneinander zu unterscheiden. Stattdessen schlage ich vor, jede Abweichung als Chance für die Poesie wahrzunehmen. Es kommt mir komisch vor, dass ich von einer „Abweichung“ spreche, denn ich bin nicht sicher, ob es überhaupt den „Standard“ gibt. Im Sprachunterricht habe ich gelernt, dass das reinste Hochdeutsch in Hannover zu finden sei, und zwar auf einer Theaterbühne.

Der Akzent lädt zum Reisen ein

Aber es gibt keinen Menschen, der in einem Theater in Hannover geboren wurde und nie das Theatergebäude verlassen hat. Also gibt es keinen Menschen ohne Akzent, so wie es keinen Menschen ohne Falten im Gesicht gibt.

Der Akzent ist eine großzügige Einladung zu einer Reise in die geografische und kulturelle Ferne. In einer modernen Großstadt muss man stets darauf gefasst sein, mitten in der Mittagspause auf eine Weltreise geschickt zu werden. Eine Kellnerin öffnet ihren Mund, schon bin ich unterwegs nach Moskau, nach Paris oder nach Istanbul. Die Mundhöhle der Kellnerin ist der Nachthimmel, darunter liegt ihre Zunge, die den eurasischen Kontinent verkörpert. Ihr Atemzug ist der Orientexpress. Ich steige ein. Der Akzent gibt den Menschen auch Mut, denn er ist ein lebender Beweis dafür, dass auch ein Erwachsener noch eine exotische Sprache lernen kann. Hätte er sie schon als kleines Kind gelernt, hätte er keinen Akzent. Auch im hohen Alter können wir unseren Gaumen erweitern, uns neue fiktive Zähne wachsen lassen, die Muskeln des Mundwerks trainieren, mehr Speichel produzieren und unsere Gehirnzellen durchlüften.

Ich bin zufrieden. Dank allen für alles.

Im Sommer 2012 starb Ursula Passier, geboren 1909. Sie hinterließ in ihrer Wohnung, in der sie 56 Jahre gelebt hat, unzählige Zettel und Notizen aus den letzten Jahren. In ihnen hält sie die Zeit fest, kommuniziert mit verstorbenen Liebenden und schwingt den Stift wehrhaft gegen Störer wie Nachbarn, Pflegepersonal und Anrufer. Sie berichtet von Einsamkeit, Schlaflosigkeit, Langeweile und das nahende Ende des Lebens. Dazu streift sie immer wieder in die Vergangenheit, ihren zweijährigen Aufenthalt in Afrika in den frühen dreißiger Jahren und in ihre Kindheit. Aus den letzten Gedanken ihrer Großmutter hat Melina von Gagern einen fragilen, ernsthaften und intimen Text gestaltet, von dem ich jetzt ein Paar Fragmente veröfentlichen dürfte.

NachtgedankenMelina von Gagern lebt als freie Schauspielerin in Berlin.

Melina von Gagern

Stellt den Sarg hochkant und tanzt! Tag- und Nachtgedanken einer Hundertjährigen

Schlafunterbrechung – wie jede Nacht! Mit Getränk und Schnittchen. Die S-Bahn rattert und erinnert mich daran, dass ich in Berlin bin.
Am: wieder einmal 11.00
Ich finde keinen Schlaf!! Nun sitze ich an der Bettkante mit einem guten Kaffee. Wieder wie so oft und immer wieder wandern die Gedanken rückwärts. Während meines Lebens fand ich an meinem Leben nichts Ungewöhnliches. Aber wenn ich es rückblickend bedenke, war vieles doch ungewöhnlich. Es war nicht absichtlich ungewöhnlich. Es ergab sich ohne Anstrengung und Absicht. Sozusagen ( wenn man müde ist und nicht schlafen kann) es lebte mich. Ich habe ein gutes Leben gehabt und habe mit Allen und allem einen heiteren Frieden geschlossen. Unebenes konnte ich Glätten. Selbst Enttäuschungen kann ich Heute einen Sinn geben. Wenn ich dieses Buch nicht hätte würde ich nichts aufschreiben. Und oder aber meine weitaus Erstbeste ist Armgard, unabhängig was ich für sie bin. Und weitaus Zweitbeste habe ich sehr, sehr viele. Und Zweitbester zu sein – ist doch auch viel!

Datum—- schreibe ich morgen
Manchmal erlebe ich Dinge, die bemerkenswert und zum aufschreiben geeignet sind. Es war schönes Wetter und ich frühstückte bei Henning draußen. Da tritt ein älterer Herr an meinen Tisch ( ich schätze 50 – 60 jährig) und sagt: „ Es ist mir peinlich, Sie mit „Tante Ursel“ anzureden, aber ich weiß nicht, wie sie heißen. Ich wohne hier ganz nah. Eines Tages sehe ich sie hier frühstücken. Ich erzählte das meiner Frau und die sagte: „ Sprich Sie an.“ Und dann berichtete er mir, er sei bei mir in der Assmanshauser im Kindergarten gewesen. „ Und ich war ganz aus dem Häuschen, als ich sie frühstücken sah. Ich habe vieles vergessen, aber Tante Ursel aus dem Kindergarten in der Assmanshauser, die habe ich nicht vergessen.“ Das stelle man sich vor; da trifft ein betagter Herr seine „Kindergartentante“ und gerät darüber aus dem Häuschen!!!! Noch mehr Lob gibt es kaum.

Eben ging Manuela.
Sie verabschiedete sich bis morgen früh.
Sie gehen heute um den Grunewaldsee, trinken dann irgendwo einen Kaffee (mit Familie)
Ich habe es gut hier im Sessel und mache meine Gedankenwanderungen.
Da gibt es viele Erinnerungswege. Ich liebe dieses Gedankenwandern. Aheu!
Also! Jetzt wandere ich los! „Aheu!“ Der Stift, mit dem ich schreibe ist gut. Aber für meine altersgeschwächten Augen etwas schwer zu lesen
Also denn!! Aheu! Ich wandere los!!
Das Wandern ist nicht nur des Müllers Lust. Es ist auch meine Lust Ahoi! Ahoi!
Es ist immer der gleiche kleine Vogel, den ich höre
Ich bin zufrieden.
Marianne ist nicht zufrieden. Für sie schade!!

Die „grosse Fliege“ kommt auf mich zu. Ich bemühe mich zu warten, bis Armgard Zeit hat- Jetzt hat sie keine. Irgend wer wird dann schon da sein. Man lebt zusammen. Aber die „grosse Fliege“ muss man allein schaffen. Möge meine „grosse Fliege“ sanft und friedlich sein, ohne Schmerzen.
„14 Engel“ werden bei mir sein

2 zu meinen Häupten
2 zu meine Füssen
2 zu meiner Rechten,
2 zu meiner linken
2 die mir weisen den Weg ins Paradies. Der Weg ist hell. Ich werden den Weg finden! Mit meinen Engeln
Ich bin nicht allein. Ich bin zufrieden. Dank allen für alles.