Frauenblick im Regen

Monika Wrzosek-Müller

Der Traum und die Wirklichkeit

Das allem sichere Kriterium zur Unterscheidung des Traumes und der Wirklichkeit ist … das ganz empirische des Erwachens, durch welches der Kausalzusammenhang zwischen den geträumten Begebenheiten des wachen Lebens fühlbar abgebrochen wird.
Arthur Schopenhauer

In der Nacht von Montag auf Dienstag letzter Woche kam der Traum, oder besser der Albtraum: eine riesige Tsunamiwelle raste, dunkel, meterhoch auf mich zu. Ich wusste, dass es keinen Ausweg, keine Rettung gibt; der Weg zu dem Kloster oben war durch einen Stau blockiert, zu weit entfernt, auch war die Welle schon zu nah, doch diese Gedanken hatte ich noch im Kopf. Ich wusste, gleich ist die Welle über mir, gleich werde ich unter den Wassermassen verschwinden, werde nicht mehr existieren. Alles rundherum wird schwer, unheimlich, schwer, unüberwindbar… doch ich spürte eigentlich eher Entspannung… In dem Moment wachte ich auf, draußen regnete es stark; ich war verschwitzt, erschrocken und orientierungslos. Im Zimmer war es ziemlich dunkel, immer wenn ich die Augen wieder zu schließen versuchte, kam der Traum, die Welle, mit einer Wucht und Stärke zurück, vor der ich Angst bekam. Also machte ich das Licht an, setzte mich im Bett auf und trank ein Schluck Wasser. Draußen dämmerte es, der Regen fiel gleichmäßig, aber doch nicht allzu stark. Gut, dachte ich, die Natur hat´s nötig, obwohl es eigentlich in der letzten Zeit immer wieder geregnet hat. Den ganzen Dienstag regnete es gleichmäßig, so dass man kaum rauskam. Wir packten unsere Sachen, räumten alles in den Urzustand zurück, putzten die Küche, das Bad und wollten doch noch einmal unsere Bar in Orbetello besuchen, auch den letzten Müll wegbringen. Wir warteten auf eine kleine Regenpause, die kam aber nicht…

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Frauenblick auf ein schönes Buch

Monika Wrzosek-Müller

Arno Geiger, Reise nach Laredo

Es gibt Schriftsteller, oder eher Bücher, bei denen ich total überrascht bin, woher wohl die Einfälle kommen. Ich selbst klebe leider an der Wirklichkeit, sehe alles um mich herum, reflektiere zwar, kann mich aber nicht davon lösen, eine Vision daraus entwickeln, eine phantastische Idee, eine große Frage. Wahrscheinlich deswegen hat mich Arno Geigers letzter Roman Reise nach Laredo so begeistert. Es ist ein Meisterstück in jeder Hinsicht; seine Sprache fesselt mich fast genauso wie diese imaginierte und doch bis zum Ende ausgedachte Geschichte. Ein ungewöhnliches Buch.

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Frauenblick auf ein berühmtes Buch

Monika Wrzosek-Müller

Um Salingers Roman Der Fänger im Roggen

Ich mag es, wenn die Themen zu mir kommen, mich sozusagen anspringen oder noch konkreter, wenn ich mit ihnen aufwache. So war das auch im Falle des Romans Der Fänger im Roggen von D.J. Salinger. Ewa hat den Roman Buszujacy w zbozu in einem Eintrag vom 18.07. für eine neue Lektüre empfohlen; zwar gefiel mir das Interview mit der polnischen Übersetzerin des Textes, Magdalena Słysz, nicht besonders, weil sie so bedrängt wurde in Richtung einer Interpretation, mit Fragen, die immer in eine Richtung gingen, die mir auch eher weit entfernt vom Text des Romans schienen; ich fand, die Übersetzerin schlug sich sehr wacker und versuchte den Fangfragen des Interviewers zu entkommen, sich nicht festzulegen. Auf jeden Fall aber weckte alles mein großes Interesse und ich habe das Buch bestellt (ist gar nicht so einfach, es zu bekommen) und gelesen.

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Frauenblick auf die Diven

Monika Wrzosek-Müller

Die neunzigjährigen Kinostars feiern ihren Geburtstag: Sofia Loren und Brigitte Bardot

Die beiden großen Diven des Films, des europäischen Films, werden im September 2024 neunzig.
Sofia Loren, eigentlich Sofia, Costanza, Brigida Villani Scicolone feierte gerade am Freitag und Brigitte, Anne Marie Bardot am 28. September. Beide haben unsere Zeit durch ihre unvergesslichen Filmrolle geprägt, könnten aber nicht verschiedener sein.

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Frauenblick: Der Kulturpalast

Monika Wrzosek-Müller

Pałac Kultury i Nauki PKiN

Vor ein paar Tagen habe ich im Spiegel einen Artikel mit dem Titel „Ein Teufel von einem Turm“ gelesen. Er handelte von dem Warschauer Kulturpalast und davon, wie dieser Bau, ein Geschenk Stalins, von den Polen zuerst gehasst, dann aber zum Symbol einer selbstbewussten, modernen Stadt wurde; die Warschauer lieben ihn inzwischen und können sich ihre Stadt ohne den protzigen Kolos nicht mehr vorstellen.

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Frauenblick auf die Natur

Monika Wrzosek-Müller

Natur, Natur … und noch mal Natur pur

Themenwechsel total bei mir; manchmal klage ich über die Passivität und Ideenarmut der Menschen hier in der Uckermark, doch wenn ich ganz ehrlich bin: gerade diese Langsamkeit und fast Langeweile entspannt mich ungeheuer, und gerade das mag ich hier so sehr. Vieles in den kleinen Städtchen rundherum wurde nach der Wende aufgebrezelt, renoviert; die alten Stadtkerne vorbildlich restauriert, saniert, mit kleinen Parks, Springbrunnen und Skulpturen aufgehübscht, viele neu aufgestellt, wie z.B. in Angermünde. Man spaziert durch eine ziemlich tote Theaterkulisse, mit einem wunderschönen Rathaus und eben mit den neuen Skulpturen etc., doch viel Leben, Beschäftigung ist leider nicht entstanden, vielleicht auch nie vorhanden gewesen. Außer ein paar Fremden, hauptsächlich Fahrradtouristen im Sommer, sieht man die Bewohner kaum in Aktion; aber am Rande des Städtchens lugt eine unrenovierte Fassade hervor mit einer alten schönen Aufschrift: Textilfabrik, auch eine alte Brauerei, jetzt in Wohnungen umgestaltet; also es gab früher mal wirklich so einiges in der Altstadt. Manchmal bedauern wir, dass ein funktionierendes, d.h. gutes Restaurant fehlt, vielleicht ein Kino, in dem auch gute Filme laufen. Andererseits sind wir eher froh, dass sich so wenig ändert und bewegt, in meiner eigenen Routine verlaufen die Tage, Einkäufe, lange Spaziergänge, Lektüre, Schreiben, Übersetzen, Kochen.

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Frauenblick. Lea Ypi

Monika Wrzosek-Müller

Nachdenken über ein Buch: Lea Ypi, Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte.

Vielleicht ist es an der Zeit, einen neuen Blick auf die Umbrüche, Revolutionen, gewaltfreien, stillen Revolutionen, „Wenden“ um und nach 1989 zu werfen. In Polen hatten diese Umwälzungen eigentlich schon früher stattgefunden und die sperrigen, oft bruchhaften Biografien verliefen vielleicht doch etwas milder als die, die Lea Ypi in ihrem Buch nachzeichnet. Sich wirklich ernsthaft damit beschäftigen, worum es den Menschen in den später so genannten post-sozialistischen Ländern in Ost-, Süd- und Mitteleuropa in dieser Zeit ging! Das würde allerdings bedeuten, sich den einzelnen Biographien zuzuwenden und wirklich genauer hinschauen, was die Menschen da bewegt hat, jenseits großer Schlagworte: Freiheit, Demokratie; worum sie wirklich gekämpft haben.

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Frauenblick: Kunst

Monika Wrzosek-Müller

Warschau – Überlegungen zu einer Ausstellung

In Warschau war es so warm, eigentlich heiß, schwül, und es gab so viel zu tun, dass ich diesmal sehr wenig von der Stadt mitbekommen habe. Geplant war, abends mit der kleinen kostenlosen Fähre vom Saska Kepa-Strand auf die andere Seite überzusetzen und dort dem Nachtleben der jungen Leute zuzuschauen, doch daraus ist nichts geworden – zu müde, zu weit, zu viel noch zu erledigen; ich habe sogar meine alte Freundin versetzt.

Doch an einem Nachmittag bin ich dem nicht enden wollenden Aufräumen und Aufteilen entwischt und habe mir im Zentrum für zeitgenössische Kunst, im Ujazdowski-Schloss, eine Ausstellung (eigentlich mehrere kleinere) angesehen. Schon lange habe ich keine so irritierend politisch aufgeladene Malerei gesehen; es handelt sich um die Ausstellung von den Werken des Künstlers Ignacy Czwartos mit dem Titel Polnische Übungen zur Tragik der Welt. Zwischen Deutschland und Russland.

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Frauenblick: Abschiede

Monika Wrzosek-Müller

Zuerst war der Hund, unser Mini-Dackel genannt Zitta aus unserem Leben verschwunden. Zugegeben, in der letzten Zeit war sie sehr anhänglich, aber dass das Ende naht, haben wir wirklich nicht geahnt.

Tier und Mensch
So viele Jahre ohne Tier schon
Kein Klagen an der Tür, kein Grüßen
Kein sehnsuchtsfeuchter Blick, kein Drängen
Kein Streichen um das Bein, kein Schnurren
Kein selbstvergessenes Mahl, kein Lecken
Kein traumverlorenes Ruhn, kein Schlummern
So viele Jahre schon gar kein richtiger Mensch mehr.
(Robert Gernhardt)

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Kairos. Am Meer. Frauenblick.

Monika Wrzosek-Müller

Zwei Romane

Gerade habe ich zwei Romane von zwei Schriftstellerinnen gelesen; ungleicher hätten sie für mich nicht ausfallen können, obwohl sich beide mit Leben einer Frau beschäftigen und durchaus autobiografische Züge tragen.

Es geht um Elisabeth Strouts „Am Meer“ und Jenny Erpenbecks „Kairos“, beide behandeln sie zwischenmenschliche Beziehungen, eher die zwischen Mann und Frau. Die Simplizität, fast Gedankenlosigkeit und Plattheit des Romans „Am Meer“ hat mich getroffen und verwundert. Strout erzählt das Leben einer älteren Frau, die sich als Schriftstellerin tapfer durchs Leben geschlagen hat (erfahren wir aus ihren Erzählungen); während der Pandemie landet sie, durch ihren Ex-Mann fast entführt, in einem einsam stehenden Haus am Meer in Maine. Während ich den Roman las, wartete ich eigentlich die ganze Zeit darauf, dass sich herausstellen würde, es handele sich um eine Parabel, die Szenen seien ironisch gemeint, oder es ginge um eine Satire auf das Leben während des Lockdowns. Doch weit gefehlt: Der Ernst der Lage, die Situation eine Familie mit zwei Töchtern und das eigene Leben während der Pandemie soll ganz ohne Ironie beschrieben werden. Übrigens handelt es sich um sehr wohlhabende Leute, die sich erlauben können, einfach aus der Stadt zu fliehen und andere dafür zu engagieren, dass sie die für sie unbequeme und vielleicht gefährlichen Dinge erledigen. Dabei wundert sich die Ich-Erzählerin dann noch, dass sie in Maine unangenehme Erfahrungen macht und die Unfreundlichkeit der örtlichen Bevölkerung erleben muss – so dass sie sich sogar gezwungen fühlen, ihre New Yorker Nummernschilder abzumontieren und andere anzubringen. Nur wirklich am Rande behandelt das Buch die Ereignisse nach dem Tod von George Floyd, der von einem weißen Polizisten de facto umgebracht worden ist. Das Sinnieren über die Demonstrationen danach wird eher in den Kontext der Angst vor Ansteckung und gefährlichen Kontakten gestellt und drückt die Sorge der Mutter um die Sicherheit ihrer beiden Töchter aus. Die Regierungszeit von Donald Trump wird im ganzen Buch auch nicht thematisiert, seine Existenz wird in einem Satz erwähnt, als die Meute in Washington das Capitol stürmt. Wie gesagt, die gutsituierten Menschen fliehen aus New York, die Schriftstellerin beschäftigt sich mit ihren Panikattacken und den menschenleeren Stränden und den kleinen Orten in Main.

Sie scheint auch nicht recht fähig, ihr Leben selbständig zu organisieren; sie leidet am Tod ihres zweiten Mannes; aber über ihr weiteres Leben bestimmt ihr Ex, ihr erster Mann, sie fügt sich allem ohne Bedenken und ohne eigene Initiative. Das Buch ist ganz aus ihrer persönlichen Perspektive geschrieben und so nehmen ihre gesundheitlichen Malaisen viel Raum in der Erzählung ein. Selten hat mich ein Buch so irritiert und aufgebracht – der „American way of life“, die Frau als Dekoration, durch den Mann chauffiert, untergebracht, „bemuttert“. Und doch ist sie eigentlich die Heldin und Hauptbezugsperson des Buches, meistens geht sie aber gedankenverloren spazieren und ihre Sorgen kreisen darum, dass sie immer mehr vergisst und vielleicht eines Tages auch verrückt werden könnte. Mich hat das Bild dieser Frau wirklich abgeschreckt – immer wieder durch ihre Männerbeziehungen relativiert, auf sich selbst bezogen, vielleicht durchaus ehrlich in der Darstellung, aber durch das Bild, das sie malt, doch so vereinfacht und banal. Manchmal ist diese vordergründige Ehrlichkeit, die ich schon bei Emmanuel Carrère („Yoga“) beobachtet habe, eher erschreckend, weil dahinter vielleicht purer Narzissmus steckt. Schon früher habe ich ein anderes Buch von Strout gelesen, „Mit Blick aufs Meer“, ebenfalls in Main verortet, fand es damals etwas deprimierend – wegen der Art der menschlichen Beziehungen, die hier beschrieben werden, deren Einsamkeit – und doch interessant und lesenswert. Jetzt das Thema Pandemie aufzuarbeiten, sich damit auch in der Literatur auseinanderzusetzten, dürfte eigentlich viele Menschen beschäftigen, wir sind ja noch lange nicht mit den Folgen fertig geworden.

***

Das andere Buch hat mich wirklich fasziniert und bis zum letzten Wort in Spannung gehalten: Jenny Erpenbecks Roman „Kairos“. Eigentlich war ich nach der Lektüre ihres Romans „Heimsuchung“ ihr gegenüber eher negativ eingestellt – weil mich da manche Passagen irritiert haben, wie die über den Weg einer jüdischen Heldin aus Deutschland in das Warschauer Ghetto (meiner Meinung nach gab es so etwas nicht; es ging nur in die KZs…) und die in diesem Zusammenhang falsch geschriebenen Warschauer Straßennamen.

„Kairos“ aber hat mich von Anfang an elektrisiert; ich habe ziemlich schnell für mich festgestellt, dass Erpenbeck mit diesem wirklich grandiosen Roman mit der „Wiedervereinigung“, mit der DDR- Zeit abrechnet. Es ist auf vielen Ebenen ein großer Roman und es wundert mich, dass er erst durch den International Booker Prize den gebührenden Ruhm erfahren hatte. Der Satz: Erpenbeck „ist im Ausland berühmter als in Deutschland“, müsste uns zu denken geben.

Erzählt wird die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe zwischen dem mittfünfziger Intellektuellen Hans und Katherina, die gerade erst 19 geworden ist. Ein Mädchen, aber eins, das genau weiß, was es will. Sie begegnen sich Ende der 80er Jahre an einer Bushaltestelle in Ostberlin. Auch wenn sich die Geschichte manchmal verstörend liest, bringt sie unheimlich viel Leben, Einsichten, Schlussfolgerungen, Erkenntnisse über Liebe, Beziehung zwischen zwei Menschen, Mann und Frau, aber auch über die letzten Jahre der DDR. Alles oszilliert zwischen Hass, Gewalt, Obsession aber auch Liebe, Zuwendung und Hoffnung, zwischen Wahrheit (schöne Äußerungen dazu, zum Beispiel das Zitat von Lenin: „Die Wahrheit ist immer konkret“; an anderer Stelle: „Die Wahrheit muss sehr gut gemacht sein, damit man sie glaubt.“) und Lüge, in ihren individuellen Lebensgeschichten sowie in ihrem untergehenden Land. Das Leben passiert nicht einfach so, ohne Willen, ohne Plan, immer steckt eine bestimmte Anstrengung dahinter. Man kann diese Beziehung auf vielen Ebenen lesen, literarisch ist es eine Art Pingpong-Spiel; nicht, dass die junge Frau dem alternden Intellektuellen unterliegt. Mit allen ihren Katastrophen und Wirrungen lebt Katharina ein selbstbestimmtes, reiches Leben, wie sie einmal sagt: ihr Leben, von dem sich manche Frau im Westen eine Scheibe abschneiden könnte. Das ärgert auch vielleicht die westlichen KritikerInnen, dass sie so selbstbewusst und souverän auftritt und dass die DDR nicht als völlig degeneriertes und kaputtes Land dasteht. Zwar trägt die Beziehung der beiden kranke, krankhafte Züge und es wird an mehreren Stellen die Unzufriedenheit und Ratlosigkeit gerade dieser intellektuellen Eliten angesprochen, sie selbst sehen die Mängel und Schwächen des Systems, doch es ist eindeutig kein nur negatives Bild dieser letzten Jahre der DDR. Sie hatten ihr Leben, das war bunt, verrückt, mit vielen Freunden, Begegnungen, manche konnten auch durchaus reisen, es fehlte weder an Geld noch an Ideen. Die sog. Kunstszene verfügte in allen sozialistischen Ländern über mehr Freiheiten, mehr Möglichkeiten und nicht alle mussten dafür mit der Mitarbeit und Unterschrift und Loyalität gegenüber den allseits verhassten Organen bezahlen. Ich weiß, wie ich, während ich das Buch las, dachte, das ist es, da ist jemand, der sich der Überheblichkeit und Arroganz der westlichen Intellektuellen stellt und mutig sagt, ich brauch euch nicht. Sie, die Autorin, und Katharina erschienen mir so autonom, so souverän und brillant. Ihr Leben, denn – seien wir ehrlich – gewisse Parallelen gibt es im Buch schon zu den Leben einiger realer Personen, auch wenn es auf dem Buchumschlag heißt: „Dieser Roman ist ein Werk der Fiktion. Handlungen und handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen wären rein zufällig“. Schön, das Leben findet eben im hier und jetzt und in einer konkreten, spezifischen Situation statt.

Die Sache mit der Zeit, der Titel Kairos: ein griechischer Gott des Moments, definiert als „die festgesetzte Zeit im Plan Gottes“. Es gab in der griechischen Kultur drei Götter der Zeit: Chronos, Kairos und Äon. Die Chronologie der Zeit mit Kirchenglocken kommt erst später, früher bestimmen die Ereignisse den Lauf der Zeit. Irgendwann wird Kairos, ähnlich dem Hermes, als Gott der Gelegenheit, des guten Moments, der Schnelligkeit dargestellt. Später, bei den Philosophen, verkörpert er ein intellektuelles Konzept von einer bestimmten Zeit. So ist es in dem Roman, alles geschieht in einem Moment, alles kann sich auch ganz schnell ändern, nichts bewegt sich in festen Bahnen, nichts ist Routine – angefangen von ihren kurzen Eintragungen in dem Kalender, den ihr Hans geschenkt hat, bis hin zu seinen Anmerkungen in einem Brief festhält, dem er den Titel „Notizen für eine Heilige“ gibt. „Katharina irrt durch das Niemandsland in der Zeit“, ihre gemeinsame Zeit ist immer gestohlen, hastig organisiert, vorläufig, spontan.

Für mich, für die ganz am Anfang ihres Lebens in der BRD ein längerer Aufenthalt in Köln stand, ist die Beschreibung von Katharinas Reise zu ihren Verwandten nach Köln wie ein Ausflug in die eigene Vergangenheit; sie weckt bestimmte Erinnerungen, die bei mir immer präsent waren. „Alles in dieser Welt, die Katharina vielleicht nur einmal im Leben zu sehen bekommt, muss angesehen werden, auf den Grund der Freiheit muss sie mit dem Sehen gelangen, und der Grund ist zweifellos hier: „Sexshop“ steht am Eingang zu Unterwelt, im Schaufenster sind Fotos spärlich bekleideter Frauen zu sehen…Wie blind ist sie einen Moment lang, bevor sie ins Sehen hineinstürzt…
Sieht Geschlechtsteile von Männern, aufgerichtete Glieder mit hervortretenden Adern, rosig, hell häutig, braun oder schwarz, mit glänzenden Kuppen, sieht, wie sie steif und prall in Spalten stecken, wie sie in Mündern stecken, wie sie zwischen Brüsten stecken, wie sie von Händen umklammert werden…. Die Freiheit richtet da unten ein Massaker an und macht, dass ihr schlecht wird. Katharina drückt die blickdichte Tür wieder auf und tritt hinaus ins Helle.“

Tja, das mit der Freiheit und der Demokratie ist viel schwieriger als wir alle gedacht haben.

In dem Roman scheinen auch so viele Kultstätten des alten Ostberlin auf; bestimmte Cafés, das Restaurant Ganymed, seine Speisen, seine Kellner und Routinen mit den Gästen, die Theater nebenan oder auch etwas weiter weg, wo auch Katharina arbeitet.

Vielleicht am schwächsten fällt die Beschreibung der gemeinsamen Reise nach Moskau aus, die wie ein Abschied von dieser alten Welt klingt. Sie besuchen weder das Lenin-Mausoleum, noch gehen sie zum Hotel Lux oder dem Metropol, meiden die Lyubyanka (erstaunlich geschrieben: Lubjanka eigentlich) – der Platz und das Gebäude Synonym für den KGB und seine Verhaftungen, Folterungen und Hinrichtungen. Halten aber an den Heroen der sozialistischen Zeit, an dem von Vera Muchina geschaffenen Denkmal „Arbeiter und Kolchosbäuerin“, das „Im Vorspann einer jeden Mosfilm-Produktion“ über die Leinwände flimmert. Dabei fällt ein interessanter Satz: „Nur die Amerikaner sind genauso größenwahnsinnig, …, Amis und Russen sind sich im Grunde genommen zum Verwechseln ähnlich. Und eben auch in ihrer Liebe zum Kitsch.“ Zwar zeigt ihr Hans eher die positiven Seiten, Bauten (die Metro) von Moskau und zitiert Lenin: „Kommunismus, das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“, doch sein Nachdenken darüber, bis zu welchem Punkt die revolutionären Machthaber berechtigt sind, weitere blutige Taten zu begehen, beginnt so: „Welche Sache würde je wieder so groß sein, dass die Opfer wie Täter unter einem Herzschlag vereint? Dass sie sogar aus Tätern Opfer macht und aus Opfern Täter, so lange, bis keiner mehr sagen kann, wer er selbst eigentlich ist? Verhaften und verhaftet werden, schlagen und geschlagen werden, verraten und verraten werden, bis Hoffnung, Selbstlosigkeit, Trauer, Scham, Schuld und Angst in jedem einzelnen Körper unentwirrbar ineinander verbissen sind.“ Er hat Zweifel, ihm kommen immer mehr Fragen, zum Beispiel nach der Lektüre der Protokolle des Schauprozesses gegen Bucharin 1937/38. Trotzdem soll der Aufenthalt in Moskau ein Lichtblick in ihrer Beziehung bedeuten. Erstaunlich für mich die Erkenntnis, dass die Kunst in den Zwischenräumen, in der Reibung entsteht. Was wäre heutzutage die zeitgenössische deutsche Literatur ohne die DDR-Autoren oder die post-DDR-Autoren?

Das Buch endet mit einem Epilog. Nach Hans‘ Tod arbeitet sich Katharina mutig durch die Stasi-Akten der Gauck-Behörde. Sie findet heraus, dass Hans unter dem Decknamen Galilei als IM geführt wurde. „In aller Stille werden hier allen möglichen Bürgern eines Landes, das nicht mehr existiert, die Schädeldecken geöffnet und man darf hineinsehen. … Zu besichtigen ist die Hoffnung, dass es wenigstens unter vier Augen noch eine gemeinsame Sache gäbe“. Und es kommt ein Vorwurf, eine starke Frage, für mich sehr gut nachvollziehbar: „Und warum werden die Seelen der Osthälfte Deutschlands bis in ihre verborgenen Tiefen offengelegt? Warum wurde es nach der Nazizeit in ganz Deutschland nicht genauso gemacht?“ Die Figur von Hans, voller Wiedersprüche, auch wirklich ekelhaften Verhaltensweisen, ist aber zugleich auch sehr menschlich. In den Akten enden die Einträge über und von Hans kurz bevor sie sich kennenlernen. Katharina versteht, dass sie damals ihrerseits unter Beobachtung der Stasi gestanden haben. „Hätte ich damals gewusst, dass ich dein Spiegelbild war… Aber er kann sie weder sehen noch hören, und kann ihr auch keine Antwort mehr geben.“