Meister und Margerita

Monika Wrzosek-Müller

Meister und Margarita, der Film

Schon wieder blühen die Korn- und Mohnblumen, die Felder, Wiesen und Wälder leuchten in allen Grüntönen, das Gelb der Rapsfelder ist fast verschwunden. Soweit das Auge reicht, herrscht majestätische Ruhe. Nur die Vögel zwitschern und die Störche sitzen in ihren Nestern, ziehen ihre Kleinen auf; auf fast jedem Schornstein oder Mast ein Storchenpaar. Der Himmel zieht sich aber öfters zu, es kommen dicke Wolken und manchmal plötzliche Gewitter mit Platzregen über das weite Land. Unten bleibt die Welt von Konflikten, Kämpfen, Habgier und Hass beherrscht. Vieles könnte man lösen, zumindest verbessern. Bleibt uns der Schwung, die Kraft für diese Anstrengung erhalten?

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Frauenblick auf die Nulllinie

Monika Wrzosek-Müller

Die Nulllinie. Roman aus dem Krieg

Von Szczepan Twardoch

Wir sitzen oben auf der Terrasse der Villa des Literarischen Colloquiums am Wannsee, unten geht eine riesige orangene Sonne unter; alles taucht in ein bläuliches, dann violettes Licht, es sieht magisch aus. Die Menschen sitzen dicht gedrängt, nicht nur im Saal, und es sind nicht nur Polen hier, wenn sie auch deutlich die Mehrheit bilden. Viele junge Menschen, auch erstaunlich viele junge Männer, auffallend gut angezogen, vielleicht folgen sie dem Helden des Abends.

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Die Hoffnung stirbt zuletzt

Monika Wrzosek-Müller

Wie erstaunlich es ist, dass ein Treffen mit einem jungen Menschen, der seinen Weg wirklich im Kleinsten, im Detail, in der Hingabe und dem meditativen Tun gesucht und darin die Erfüllung gefunden hat, mir endlich ein bisschen Hoffnung für die Zukunft gibt. Das Streben der ganzen Welt nach dem Großen, Unbeirrbaren, Fantastischen, Super-Exzellenten und vor allem nur nach dem ultimativen Deal macht uns klein und krank. Doch es gibt junge Leute, die zwar strebsam, ehrgeizig und fleißig sind, aber im kleinen Vorwärtskommen ihr Leben gestalten, ohne sich aufzuspielen. Das Beispiel von Marceli Klimek, der ein Künstler, ein Magier der Stickerei ist, zeigt das. Der junge Mensch (21 Jahre alt), noch in Ausbildung, aber schon sichtbar präsent, entwirft und zaubert Unheimliches. Wir sind vielleicht deshalb so fasziniert, weil seine Kunst der Stickerei uns in vergangene Welten führt, uns an unsere Omas erinnert, manchmal auch an die Handarbeiten in der Grundschule. Auf jeden Fall weht ein sanfter Wind der vorsichtigen Nostalgie und der verzaubert uns. Über den Künstler und über seine Ausstellung in der Galerie art.endart in Berlin gibt es hier schon mehrere Einträge und Berichte.

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Was mich der Krieg angeht

Monika Wrzosek-Müller

Ich bin einige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren und hatte inzwischen berechtigten Grund zu glauben, dass mich der Weltkrieg wenig anginge und beträfe, trotz der traumatischen Kriegserfahrungen meiner Großeltern und Eltern. Vielleicht wollten wir alle den Krieg einfach hinter uns lassen, vergessen, obgleich – oder vielleicht weil – wir in den Schulen ständig damit konfrontiert worden waren. Der russische Überfall auf die Ukraine war für mich ein Schock, trotz der Vorzeichen seit der Annexion der Krim von 2014; so wie Tausende andere Menschen konnte ich mir nicht vorstellen, dass Putin so etwas wagen würde. Noch in den Tagen direkt vor dem Angriff von 2022 sah ich, damals im polnischen Fernsehen, die militärischen Manöver an der Grenze zur Ukraine und war trotzdem überzeugt, dass es nicht zum endgültigen Bruch mit der zivilisierten Welt kommen würde.

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Sizilien

Monika Wrzosek-Müller

Syrakus, Begegnung mit S. Lucia

Diesmal hatten wir ein fürs Auge sehr schönes Appartement, wirklich einmalige Stuckdecken, dezent bemalt, dazu passende Kandelaber; leider waren die Wände wie aus Pappe, so dass man jede Bewegung, jeden Lärm von draußen direkt in der Wohnung zu hörten bekam, obwohl die Fenster neu waren. Jedes Gespräch unserer Nachbarn hörten wir mit, jede Putzkolonne und das Treppensteigen, den Hund sowieso; das alles wäre eigentlich nicht das Problem, problematisch war die Bar/Bistrot unten, die die ganze Nacht, bis vier Uhr morgens geöffnet war und sehr seltsame Geschäfte machte und oft ziemlich aggressive Kunden hatte. Oder werden wir einfach immer empfindlicher, sprich älter?

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Nun ist er tot

Monika Wrzosek-Müller

Nun ist Papst Franziskus tot; er starb mit 88 Jahren am Ostermontag, nach der schweren Lungenkrankheit, von der wir dachten, er hätte sie überwunden. Mit Lungenproblem hatte der Papst schon seit seiner frühen Jugend zu kämpfen. Die unmittelbare Todesursache war aber ein Schlaganfall. Noch am Sonntag sprach er sichtlich angestrengt den Segen urbi et orbi vor Tausenden von Gläubigen auf dem Petersplatz und fuhr in seinem Papamobil durch die Menge; er hat sich verabschiedet. Italien hat nun fünf Tage Staatstrauer angeordnet; man spürt echte Trauer und Anteilnahme. Auf dem Petersplatz versammeln sich Tausende von Trauernden aus der ganzen Welt. Die Beisetzung des Papstes soll heute, am 26.04. in der Basilika Santa Maria Maggiore stattfinden.

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Frauenblick auf Frauenbücher

Monika Wrzosek-Müller

Die Vegetarierin von Han Kang

Eigentlich wollte ich weiter über Syrakus für unseren Blog berichten, doch wie soll ich über antike, barocke Prachtbauten und unendlich grüne Ebenen mit Tausenden von Orangen- und Zitronenblüten und Früchten schreiben, wenn rundherum so viel zu Bruch geht, sich verändert und nach Hilfe ruft? So sind mir die letzten Eintragungen im Blog zur Inspiration geworden, außerdem ein Buch, das ich neulich gelesen habe. Wahre Künstler sind fast immer Vordenker, sensibel erspüren sie Prozesse, die vor sich gehen, die aber wir normalen Sterblichen vielleicht noch nicht so wahrnehmen. Was Ewa über Yoko Ono und Cut Piece auch über Marina Abramović und ihre Performance Rhythm 0, weiter über gewaltgeladene Filme schrieb, schien mir sehr einleuchtend. Einerseits wollen die Künstler unserer Gewaltaffinität nachspüren, aber auch unsere Verwundbarkeit testen. Da die Welt eigentlich auf Vertrauen basiert, überprüfen sie auch das. Sie fragen immer wieder: woher kommt die Gewalt, die von uns, über uns von irgendwoher kommt und uns überfällt, ob wir sie kontrollieren können.

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Frauenblick auf Wandern

Monika Wrzosek-Müller

„Spaziergang nach Syracuse“ – mit Flugzeug, Zug, Bus und letztendlich Taxi

Ich dachte eigentlich alle Wege würden nach Rom führen, doch realisiert habe ich gerade „den Spaziergang nach Syrakus“; zwar mit Johann Gottfried Seume im Kopf, aber nicht in den Beinen. An sich, denke ich, wäre die langsame Art sich dem Ziel zu nähern die richtige und faszinierendste. Wie der Schriftsteller aus dem späten 18. Jh. alle Etappen, Landschaften, Klimazonen Schritt für Schritt zu durchwandern. Doch wir steigen leider nur ins Flugzeug und landen dann, mit besserem oderschlechterem Ergebnis, ein paar Tausend Kilometer weiter, in einer anderen Welt, in einem anderen Klima, mit ganz anderen Menschen und einer anderen Kultur. Das schrittweise Vorangehen erlaubt uns das Ziel hinauszuschieben, sich darauf innerlich vorzubereiten, vielleicht auch mehr zu freuen, auf das Ankommen hinzuarbeiten.

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Frauenblick auf Europa

Monika Wrzosek-Müller

Für Europa in Italien

Heute am 15. März um 15.00 Uhr gehen die Italiener in Rom auf die Piazza del Popolo; sie wollen für Europa, den Zusammenhalt, noch nähere Zusammenarbeit demonstrieren. Sie wollen zeigen, dass die Intellektuellen, Künstler, Schriftsteller und einige Politiker inzwischen einsehen, dass ohne ein vereinigtes Europa, das wirklich zusammenarbeitet, kein Gefühl der Sicherheit mehr entstehen kann. Sie wollen ihre Positionen klarstellen und für ein offenes, diverses, gerechtes aber auch sich selbst verteidigendes Europa zusammenstehen.

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Frauenblick auf die Bäume

Monika Wrzosek-Müller

Der Harz und seine Fichtenwaldkatastrophe

Wir fuhren in den Harz, in das Mittelgebirge, das einst an der Grenze der zwei deutschen Staaten lag, wohin sich die Westberliner aus ihrer abgeschlossenen Insel immer wieder flüchteten. Vor Jahren war ich da einmal für längere Zeit, in Braunlage. Jetzt fuhren wir aus einem sehr schönen Anlass: unsere Nachbarin wurde 80 und wollte das entsprechend feiern; wir freuten uns auch, die Landschaft wiederzusehen. Leider war der erste Anblick, der der Vorläufer der höheren Hügel, fürchterlich, richtig grauenvoll, die gewaltigen Wälder, an die wir uns erinnerten, waren weg, abgestorben. Aus den nackten Wiesen ragten einzelne graue Skelette von Bäumen, viele waren umgefallen und lagen kreuz und quer herum. Die Szenerie erinnerte mich an den Elefantenfriedhof aus dem Film Der König der Löwen; überall graue Gerippe, graue ausgetrocknete Äste und Baumstämme in bizarrsten Stellungen. Rundherum Wiesen mit gelbem, schon jetzt ausgetrocknetem Gras. Ganz selten konnte man doch kleine Fichten erblicken, das war hauptsächlich an den Nordhängen, auf den südlich gelegenen wuchs nichts, sie waren der Sonnenstrahlung offensichtlich zu sehr ausgesetzt. Erst oben in St. Andreasberg gab es einzelne Bäume, auch nicht Fichten, sondern Laubbäume, und an manchen Stellen wurde jetzt auch Mischwald gepflanzt.

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