Die Kraft der Bilder, der gemalten und der gesehenen

Monika Wrzosek-Müller

Vor ein paar Tagen bin ich ins Museum Barberini gegangen; das Wetter war schon wieder sommerlich, alles aber nach den sintflutartigen Regenfällen grün, sauber, frisch, blühend, lebensbejahend. Die Gegend um das Barberini ähnelt inzwischen der Kulisse aus einem Film, der Anfang des 19. Jh. spielt und wo alles picobello aussieht; doch eigentlich gefällt mir das, die Patina und das Alltägliche werden sich noch schnell genug einnisten, der Grauschleier auf den Fassaden ausbreiten.

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Carlo Levi – Die doppelte Nacht. Eine Deutschlandreise im Jahr 1958

Monika Wrzosek-Müller

La doppia notte dei tigli

Welch eine Koinzidenz; gerade sprach ich darüber, dass in Italien auf dem Lande die „Madonna della segiolla“ von Raffael überall über den Betten hing und in Polen die „Matka Boska Częstochowska“ diese Aufgabe erfüllte. Da sah ich im Blog einen Eintrag: Matka Boska Częstochowska. Auf die Madonna kam ich wiederum über den Schriftsteller, Maler, Arzt und Politiker Carlo Levi (1902-1975), in Turin in einer wohlhabenden jüdischen Familie geboren, und über sein Buch „Die doppelte Nacht“; als Levi das schrieb, war er schon weltbekannt. Er wurde von den Faschisten schon 1935 nach Kalabrien in das Dorf Aliano verbannt. Seine Erlebnisse dort hat er in einem berühmten Roman „Christus kam nur bis Eboli“, [Cristo si e fermato a Eboli] verarbeitet. Darin beschreibt er das schwere Leben der Bauern auf den steinigen Feldern und erwähnt eben auch die obligatorische, berühmte „Madonna della seggiola“ über den Ehebetten, die er aber dann im Original im Palazzo Pitti gesehen haben muss, denn er bewohnte eine Wohnung in Florenz, während des Krieges, direkt an der Piazza dei Pitti.

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Frauenblick auf die Engel

Monika Wrzosek-Müller

Engel der Geschichte und andere Engel – und weitere Kunst in Bode-Museum

Paul Klees Engelsbilder begleiten mich schon seit langem. Es gab 2013 eine wunderbare Ausstellung dazu in der Kunsthalle Hamburg: Engel von Paul Klee. Da waren sie fast alle versammelt, kleinformatig und ungeheuer poetisch, immerhin 80 Bilder der geflügelten Wesen, die mit dem Betrachter in Dialog traten. Manchmal mit gesenkten Augen, nur mit leichtem Lächeln bescheiden etwas andeutend, was in der Luft lag, oder auf dem Herzen, aber nicht direkt und offensichtlich gezeigt werden konnte. Die meisten der Engelbilder entstanden in Klees letzten Lebensjahren, zwischen 1938 und 1940. Sie waren schon Boten, Beschützer, Begleiter und Flüsterer; man spürt die Nähe zum Tod aber auch die Verbindung zum Leben, so als ob sie mit letzter Kraft gezeichnet, gemalt worden wären; mit leichtem Pinselstrich oder gar dem Bleistift, markierten sie die Verbindung zwischen der irdischen und überirdischen Existenz.

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Frauenblick auf Kunst und Krieg

Monika Wrzosek-Müller

Von Odesa nach Berlin. Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts

Ich fahre zum Kulturforum; morgen geht die Ausstellung „Von Odesa nach Berlin“ zu Ende. Offensichtlich ist ein Bus ausgefallen, denn meiner ist proppenvoll und alle zwängen sich nebeneinander und übereinander. Vorne schreit plötzlich ein junger, südländisch aussehender Mann: „scheiß Deutschland“, „scheiß West-Berliner“, dann später aber auch „scheiß Türken“, „Scheiße, Scheiße…“ immer wieder und immer lauter. Im Bus werden die Passagiere unruhig, zwei ältere Damen greifen zu ihren Handys, „wen soll man anrufen: Polizei oder erste Hilfe?“ fragen sie. Eine Frau vorne, die neben dem Schreienden sitzt, versucht ihn zur Ordnung zu rufen: „schreien Sie nicht so, wenn es Ihnen nicht passt, dann steigen Sie aus“; da schreit er noch lauter. Auch die Busfahrerin versucht den Passagier zu ermahnen, es hilft nicht. Dann, am Steinplatz, steigt eine Gruppe von sehr entspannten, freizeitgekleideten, mitteljungen deutschen Männern ein; sie lachen, sprechen laut, sind offensichtlich mit sich selbst sehr zufrieden; sie haben den wütenden Passagier nicht in Aktion gesehen, nicht einmal bemerkt. Und plötzlich hört der junge Mann zu schreien auf, er schaut den Männern zu, beobachtet sie, ist von ihnen fasziniert, steigt mit ihnen am Bahnhof ZOO aus und scheint ganz beruhigt zu sein. Immerhin begleitet er mich in die Ausstellung, fährt mit dem weiteren Bus in derselben Richtung ruhig weiter mit. Unheimlich, ich sehe ihn tatsächlich in der Ausstellung; ist er ein Ukrainer, ein Exilrusse? Er geht bedächtig durch alle Räume und ich wage nicht, ihn anzusprechen.

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Meister und Margerita

Monika Wrzosek-Müller

Meister und Margarita, der Film

Schon wieder blühen die Korn- und Mohnblumen, die Felder, Wiesen und Wälder leuchten in allen Grüntönen, das Gelb der Rapsfelder ist fast verschwunden. Soweit das Auge reicht, herrscht majestätische Ruhe. Nur die Vögel zwitschern und die Störche sitzen in ihren Nestern, ziehen ihre Kleinen auf; auf fast jedem Schornstein oder Mast ein Storchenpaar. Der Himmel zieht sich aber öfters zu, es kommen dicke Wolken und manchmal plötzliche Gewitter mit Platzregen über das weite Land. Unten bleibt die Welt von Konflikten, Kämpfen, Habgier und Hass beherrscht. Vieles könnte man lösen, zumindest verbessern. Bleibt uns der Schwung, die Kraft für diese Anstrengung erhalten?

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Frauenblick auf die Nulllinie

Monika Wrzosek-Müller

Die Nulllinie. Roman aus dem Krieg

Von Szczepan Twardoch

Wir sitzen oben auf der Terrasse der Villa des Literarischen Colloquiums am Wannsee, unten geht eine riesige orangene Sonne unter; alles taucht in ein bläuliches, dann violettes Licht, es sieht magisch aus. Die Menschen sitzen dicht gedrängt, nicht nur im Saal, und es sind nicht nur Polen hier, wenn sie auch deutlich die Mehrheit bilden. Viele junge Menschen, auch erstaunlich viele junge Männer, auffallend gut angezogen, vielleicht folgen sie dem Helden des Abends.

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Die Hoffnung stirbt zuletzt

Monika Wrzosek-Müller

Wie erstaunlich es ist, dass ein Treffen mit einem jungen Menschen, der seinen Weg wirklich im Kleinsten, im Detail, in der Hingabe und dem meditativen Tun gesucht und darin die Erfüllung gefunden hat, mir endlich ein bisschen Hoffnung für die Zukunft gibt. Das Streben der ganzen Welt nach dem Großen, Unbeirrbaren, Fantastischen, Super-Exzellenten und vor allem nur nach dem ultimativen Deal macht uns klein und krank. Doch es gibt junge Leute, die zwar strebsam, ehrgeizig und fleißig sind, aber im kleinen Vorwärtskommen ihr Leben gestalten, ohne sich aufzuspielen. Das Beispiel von Marceli Klimek, der ein Künstler, ein Magier der Stickerei ist, zeigt das. Der junge Mensch (21 Jahre alt), noch in Ausbildung, aber schon sichtbar präsent, entwirft und zaubert Unheimliches. Wir sind vielleicht deshalb so fasziniert, weil seine Kunst der Stickerei uns in vergangene Welten führt, uns an unsere Omas erinnert, manchmal auch an die Handarbeiten in der Grundschule. Auf jeden Fall weht ein sanfter Wind der vorsichtigen Nostalgie und der verzaubert uns. Über den Künstler und über seine Ausstellung in der Galerie art.endart in Berlin gibt es hier schon mehrere Einträge und Berichte.

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Was mich der Krieg angeht

Monika Wrzosek-Müller

Ich bin einige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren und hatte inzwischen berechtigten Grund zu glauben, dass mich der Weltkrieg wenig anginge und beträfe, trotz der traumatischen Kriegserfahrungen meiner Großeltern und Eltern. Vielleicht wollten wir alle den Krieg einfach hinter uns lassen, vergessen, obgleich – oder vielleicht weil – wir in den Schulen ständig damit konfrontiert worden waren. Der russische Überfall auf die Ukraine war für mich ein Schock, trotz der Vorzeichen seit der Annexion der Krim von 2014; so wie Tausende andere Menschen konnte ich mir nicht vorstellen, dass Putin so etwas wagen würde. Noch in den Tagen direkt vor dem Angriff von 2022 sah ich, damals im polnischen Fernsehen, die militärischen Manöver an der Grenze zur Ukraine und war trotzdem überzeugt, dass es nicht zum endgültigen Bruch mit der zivilisierten Welt kommen würde.

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Sizilien

Monika Wrzosek-Müller

Syrakus, Begegnung mit S. Lucia

Diesmal hatten wir ein fürs Auge sehr schönes Appartement, wirklich einmalige Stuckdecken, dezent bemalt, dazu passende Kandelaber; leider waren die Wände wie aus Pappe, so dass man jede Bewegung, jeden Lärm von draußen direkt in der Wohnung zu hörten bekam, obwohl die Fenster neu waren. Jedes Gespräch unserer Nachbarn hörten wir mit, jede Putzkolonne und das Treppensteigen, den Hund sowieso; das alles wäre eigentlich nicht das Problem, problematisch war die Bar/Bistrot unten, die die ganze Nacht, bis vier Uhr morgens geöffnet war und sehr seltsame Geschäfte machte und oft ziemlich aggressive Kunden hatte. Oder werden wir einfach immer empfindlicher, sprich älter?

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Nun ist er tot

Monika Wrzosek-Müller

Nun ist Papst Franziskus tot; er starb mit 88 Jahren am Ostermontag, nach der schweren Lungenkrankheit, von der wir dachten, er hätte sie überwunden. Mit Lungenproblem hatte der Papst schon seit seiner frühen Jugend zu kämpfen. Die unmittelbare Todesursache war aber ein Schlaganfall. Noch am Sonntag sprach er sichtlich angestrengt den Segen urbi et orbi vor Tausenden von Gläubigen auf dem Petersplatz und fuhr in seinem Papamobil durch die Menge; er hat sich verabschiedet. Italien hat nun fünf Tage Staatstrauer angeordnet; man spürt echte Trauer und Anteilnahme. Auf dem Petersplatz versammeln sich Tausende von Trauernden aus der ganzen Welt. Die Beisetzung des Papstes soll heute, am 26.04. in der Basilika Santa Maria Maggiore stattfinden.

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