Die kleine große Welt (15)

Monika Wrzosek-Müller

Fliegen im Traum und Realität

Früher träumte sie oft vom Fliegen. Es waren sehr reale oder eher surreale Träume, in denen alles scharf, in Farbe, wirklichkeitsgetreu zu sehen war. Sie stand im Fensterrahmen brauchte eigentlich nicht einmal zu springen, sondern glitt schwerelos in die Luft, und dann war da schon die reine Wonne, über den kleinen Dörfern und Städtchen mit ihren Kirchentürmen, Straßen, Plätzen und Häusern zu fliegen, von oben auf die Landschaft zu schauen; die Menschen sah sie eigentlich kaum. Sie hatte nie Angst, dass sie abstürzen könnte; sie wusste, dass sie jederzeit innehalten konnte, unterbrechen, landen. Alles geschah mühelos und harmonisch, ihre Bewegungen waren unangestrengt und fließend. Eigentlich hatte sie auch keine richtigen Flügel, sie bewegte nur ihre Arme, manchmal auch die Beine, wie beim Schwimmen. Sie kannte nie die Gegend, es waren eher so etwas wie imaginäre Weltlandschaften, das war auch offenbar nicht wichtig, es zählte das Erleben des Fliegens. Später versuchte sie die Träume zu deuten und kam darauf, dass sie etwas mit der Freiheit, dem Gefühl von Loslassen, von uneingeschränkten Möglichkeiten zu tun hatten. Die Träume kamen in einem Zeitabschnitt geballt und dann verschwanden sie auf Nimmerwiedersehen. Sie fand das schade, denn wenigstens im Traum war das Leben leicht und angenehm.

Das Fliegen mit dem Flugzeug war eine ganz andere Sache, sie fand es eher bedrohlich; auch wenn man sich dadurch schnell von einem Ort zum anderen bewegen konnte, benutzte sie, wenn immer es ging, eher die Bahn oder das Auto. Manchmal war das Schauen von Oben auf die Wolken oder die untergehende Sonne bezaubernd und überirdisch; doch im Allgemeinen hatte das Fliegen mit dem Flugzeug für sie nichts mit dem Gefühl von Freiheit zu tun. Und doch wusste sie, dass für viele Menschen das Fliegen eben das große Versprechen der Freiheit in sich trug; die große Welt wurde immer kleiner, die Entfernungen schrumpften, man konnte überall hin, sich die Wünsche erfüllen, ausgefallenste Orte in der Welt zu besuchen . Für sie war das nicht besonders befriedigend, es ging ihr alles zu schnell, war zu laut, zu gewaltig, so von einem Ort zum anderen versetzt zu werden, ohne Vorbereitung und ohne Übergang in der Natur, dem Klima, den Menschen und ihren Bräuchen und Traditionen. Auch die Flugzeuge als fliegende Maschinen hatten nichts mit ihren Träumen zu tun, in denen das Fliegen sehr körpernah, körperlich und ohne solche Hilfsmittel geschah; die Flugzeuge waren ihr fremd, zu groß, zu hart und zu kompliziert. Die lärmenden Flughäfen mit überfüllten Abflughallen, mit Kontrollen und langen Gängen, alles das gehörte nicht zum Gefühl des Fliegens.

Erstaunlich oft beschäftigte sie das Fliegen; lag das daran, dass sie an ihren Großvater denken musste, der Flieger, Pilot und Experte für Luftrecht gewesen war? Er hatte mit anderen jungen Leuten in Polen, in Krakau, einen Areo Club gegründet und flog zum Schrecken der ganzen Familie mit kleinen Flugzeugen in Dreiecken in den Lüften, erkundete den Luftraum, bekam dafür immer wieder diverse Preise und war überhaupt ein sehr umtriebiger Mensch. Später, im Zweiten Weltkrieg kam er dann über Rumänien, Istanbul und Frankreich nach England und kämpfte in Royal Air Force, zum Ende des Krieges wurde er dann über Schottland von den Deutschen abgeschossen. Er war natürlich ein Überflieger auch in einem anderen Sinne, arbeitete an der Lemberger Universität als Dozent für Luftrecht und verpflichtete die Familie zu großen Taten und zum außergewöhnlichen Tun. Auch wenn sie ihn nicht kennengelernt hat, nicht kennenlernen konnte, war sie vielleicht dadurch immer wieder unzufrieden mit ihrem eigenen Tun; es war nie gut genug; es war nie das Fliegen, schon gar nicht das Überfliegen, sondern eher das mühsame Weiterschreiten und sich Fortbewegen und sie sehnte sich doch so sehr nach der Leichtigkeit und Unbeschwertheit der Lüfte. Doch der Traum von Fliegen existierte irgendwo im Hinterkopf und nährte ihr Tun und Leben, verhalf manchmal zu etwas mehr Leichtigkeit und Wohlfühlen, in der sonst für sie angestrengten Existenz.

Da dachte sie; die Flüchtlinge jetzt kamen fast alle mit Booten übers Wasser oder zu Fuß nach Europa. Das hatte nichts mit Leichtigkeit, mit Unbeschwertheit zu tun. Es war gefährlich, bedrohlich, ihre Wege einsam und schrecklich, verbunden mit dem Kampf ums Leben, ums Überleben. Sie zeigten Europa und der westlichen Welt, dass das Leben nicht immer nur in den Lüften und zur Befriedigung eigener Wünsche stattfinden konnte. Sie zeigten, dass noch so viel Unerledigtes und Grausames in der Welt passierte, dass die Träume vom Fliegen oder von einer Reise zum Mond und in die Lüfte beschämend waren, dass die Aufgaben tief verwurzelt auf dem Boden, auf der Erde erst einmal erledigt werden mussten, bevor man sich zu Höherem aufschwingen konnte. Die große kleine Welt war voll von Ungerechtigkeit und Missständen, die Träume von Fliegen und Leichtigkeit halfen nicht die elementaren Aufgaben zu lösen und den Menschen zu helfen. Und dann dachte sie; wie würden diese Menschen sich hier zurechtfinden nach all den Gräueln, die sie erlebt haben. Wie würden sie zurechtkommen in einer Welt, die, auf Konsum eingestellt, gierig ist und ihnen mit wenig Empathie gegenüber steht. Und sie bemühte sich zu helfen und mit ihren Möglichkeiten das Wenige zu tun, um den Flüchtlingen das Ankommen in der Gesellschaft zu erleichtern, die Sprache zu erlernen, sich zurechtzufinden. Der Traum von großen Fliegen in der kleinen Welt war sehr geschrumpft.

Die kleine große Welt (14)

Monika Wrzosek-Müller

Zehlendorf

Sie wohnte jetzt seit einigen Monaten in Zehlendorf; die Gegend war wunderbar, alles zu Fuß zu erreichen, die S- und U-Bahn, kleine und größere Läden, viel Grün rundherum, das man nicht selbst pflegen musste, auf dem Balkon viel Platz zum Sitzen, sich sonnen, die Mitbewohner ausgesprochen sympathisch, gebildet, freundlich, ruhig, unaufdringlich und doch gesprächig. Zehlendorf-Mitte fast städtisch, menschenvoll, geschäftig, urban, aber ohne riesige Einkaufszentren, mit einem kleinem Kino, einem Heimatmuseum, einer Kirche, dem Bürgeramt und allem was dazu gehört.

Das Haus lag in einer Sackgasse, sie endete mit einem Rondell, sehr elegant und den Verkehr mindernd. Das große Gebäude selbst offensichtlich ein Relikt noch besserer Zeiten, ein schönes altes Bürgerhaus mit bröckelnder Fassade mit Kriegsschäden, noch sichtbar und nachvollziehbar, morbid, elegant und gemütlich; der Eingang gesäumt mit zwei rostroten monströsen Meerungeheuern sehr außergewöhnlich. Ihr war das alles lieb und unangestrengt, eine Gegend gewachsen mit den Jahren, wie das Grün der riesigen Bäume im Streifen zwischen der kleinen Wohn- und der großen Verkehrsstraße, alles wirklich geplant für ein glückliches, ruhiges, gelungenes Leben. Wenn man sich die Menschen dann länger und näher anschaute, bemerkte man zwei Gruppen oder Sorten; die einen waren eher ausgeprägte Individualisten; meistens allein lebend, skurril, ältlich um nicht direkt zu sagen alt, mit interessanten Berufsbildern; die anderen dagegen ganz jung mit kleinen Kindern, viele alleinstehende Mütter darunter. Es fehlte die mittlere Ebene; die war entweder gut versteckt, nicht sichtbar, oder eben nicht vorhanden. Die weit verbreiteten Stereotypen über diesen Wohnviertel stimmten für die ein paar Straßenüberhaupt nicht; es wohnten hier keine sehr reichen, versnobten Menschen, mit teuren Autos und dicken Portemonnaies.

Sie ging ihren kleinen Beschäftigungen nach, lernte ein paar von den Nachbarn kennen, nicht näher aber doch so, dass es nett sein konnte, dass man immer wieder ein paar Worte wechselte, sich immer begrüßte. So plätscherte das Leben vor sich hin, ohne dabei mühevoll zu erscheinen.

Das junge Paar aus Chile, das in dem Gebäude Hausmeister spielte, war unheimlich nett, bemüht alles richtig zu machen; sie putzten jede Woche das ganze Treppenhaus genauestens, kümmerten sich auch um den Vorgarten. Ihr kleiner Sohn war weit und breit das einzige Kleinkind, das überhaupt keine Angst vor ihrem Mini-Dackel hatte. Da dachte sie, wie kommt es, dass die im Wohlstand lebenden, in einer Großstadt erzogenen Kinder so viel Angst vor Tieren an den Tag legen. Sie versuchte mit den Kleinen darüber zu sprechen, aber meistens gab es nichts zu bereden, sie schrien sobald der winzige Hund sich ihnen näherte, die Eltern lächelten dabei schief und unsicher und erklärten, es gebe doch so viele böse Hunde. Prinzipiell würde mein Kind keinen Hund streicheln dürfen. Sie dachte; das Leben besteht aber doch nicht aus prinzipiellen Verboten und Erlaubnissen, sondern aus Einzelfällen und Zufällen, es wird immer wieder neu entschieden, neu verhandelt und neu gelebt, auch wenn dabei oft die alten Muster wirken. So könnte man doch einem kleinen Kind erlauben einen kleinen Hund zu streicheln und ihm damit die Angst nehmen.

Das Hausmeisterehepaar war wirklich außerordentlich nett und irgendwie doch auch in der deutschen Wirklichkeit verloren, so hielt sie immer wieder an und unterhielt sich mit ihnen. Da erzählten sie ihr, sie würden nach Polen in Urlaub fahren, an die Ostsee. Das hat sie natürlich sehr gefreut, sie erklärte ihnen, dass sie aus Polen stamme, aus Warschau, der Hauptstadt. Ja, sie würden auch mit einer Polin fahren, die ihre Freundin geworden sei, sie wohne in unserer Straße, habe zwei kleine Kinder und ihr Mann leite eine Firma, die wiederum lauter Polen beschäftige…; so ging das weiter und weiter. Sie erzählten auch vom Heimweh und vom Sparen für Flugticket nach Chile, von der Freude mit dem wunderbaren kleinem Jungen, vom kurzen Sommer und langen Winter in Berlin. Es waren warme, sehr fleißige und besondere Menschen, durch ihre Liebe zueinander und zu ihrem Sohn vereint. Die Polin hatte sie schon von weitem einige male gesehen; es war eine sehr hübsche, sehr junge Frau, der es offensichtlich sehr gut ging, die Kinder waren wie aus dem Bilderbuch,sehr stillsicher angezogen, gut erzogen, mit hellen Puppengesichtern, fuhren mit ihrer Mama im riesigen Mercedes in ihren Kindergarten.

Irgendwann sah sie dann auch den Mann, von weitem; in der kleinen Straße begrüßten sich eigentlich alle, auch sie grüßten einander. Er kam ihr bekannt vor, das Gesicht kannte sie aus anderen Zusammenhängen, sie musste nur darauf kommen, aus welchen. Irgendwann grüßte er sie auch auf Polnisch und da fiel es ihr ein: sie hatte in seiner Firma die Polen unterrichtet, die da arbeiteten; hatte ein Jahr lang versucht, den Menschen die Sprache ihrer nächsten Umgebung näherzubringen. Es war eine mühsame Arbeit, die meisten wollten die Sprache gar nicht lernen oder beschränkten sich nur auf das Nötigste, da sie ohnehin ihren Lebensmittelpunkt in Polen hatten, das Geld dorthin brachten, dort ihr richtiges Leben führen wollten. So blieb ihre Mühe erfolgslos, die Zahl der Kursteilnehmer sank, die Firma wollte verständlicherweise kein Geld mehr ausgeben und der Unterricht wurde eingestellt.

Sie dachte bei sich, wie es ist, wenn man in einem fremden Land nur aufs Geldverdienen aus ist, nichts rundherum wahrnehmen will oder kann, wegen Sprachschwierigkeiten, wegen all der kleinen Problemen, die dann zu großen werden und einem das Kennenlernen erschweren oder unmöglich machen. Und sie dachte, dass da niemanden eine Schuld treffe, dass die Zeit einfach zu schnell lief, dass die Prioritäten woanders lagen und das konnte sie für sich nur sehr schwer nachvollziehen und akzeptieren.

 

Die kleine große Welt (13)

Monika Wrzosek-Müller

Yoga Festival-Kladow

Wie jedes Jahr fuhr sie mit der Fähre nach Kladow; was wichtiger war: die Fahrt selbst oder das jährliche Event des Yoga-Festivals, wusste sie nicht. Leider war die Fähre modernisiert und die alte, die an ein Boot erinnerte – klein, mit ein paar Plätzen auf dem Dach – durch ein Monstrum aus geschlossenem Plexiglas ersetzt, das an eine breite S-Bahn erinnert. Vorbei damit, dass man den Wind spürte und auf dem Deck eng mit den anderen auf Yogamatten zusammen saß. Es war sauber, übersichtlich, mit Reihen von Sitzplätzen, wie im Kino, mit enorm viel Platz für wenige, die ihn nicht brauchten; doch sie fuhr damit.

Und wie immer war die Überfahrt ein Erlebnis für sich; sie war in ihrem Kopf noch Meilen von dem Yoga Event entfernt; schaute verträumt um sich herum, auf das Wasser, die vielen Boote, die bewaldeten Ufer des Wannsees; die schöne Seite von Berlin stimmte sie melancholisch. So lange kämpfte sie schon mit sich um ihren Platz in diesem Berlin und den Platz von Berlin in ihr; es war unendlich schwer das zu verbinden, sich zu finden als Mensch, als Ehefrau, als Mutter, als Fremde, als Germanistin, als Arbeitskraft, als Yogalehrerin, als Übersetzerin und als Deutschlehrerin. Immer wieder nagte das Gefühl an ihr, nicht dazu zu gehören, etwas verpasst zu haben; sich nicht einmischen zu wollen, das Leben von außen zu betrachten, nicht bemerkt zu werden und nicht das eigentliche Leben zu leben. Es lag an ihr, der langsame passive Gang ihres Lebens, sich vorwärts schaukeln, wie die Wellen nach vorne rollen und schnell wieder zurückkehren, sich zurücknehmen, was man schon erreicht hat, zerstören. Die Überfahrt war lang und doch kurz oder genau richtig, um nicht zu lange grübeln zu können.

Die jungen Leute um sie herum mit eingerollten Matten zogen sie an, gaben ihr den Vorwand, weiter zu machen, nicht stehen zu bleiben, lebendig zu sein. Und doch spürte sie, dass es für sie eine Außenseiterrolle im Leben war, sie war nicht drin, sondern verlor sich an den Rändern der gesellschaftlichen Aufgaben, auch um nicht allzu ernst genommen zu werden und sich nicht allzu ernst nehmen zu müssen. War das eine Art Flucht oder Ausweg aus ihrer immer wieder sich verknotenden Seele, aus der oft nicht stimmigen inneren und äußeren Welt? Mit diesen Gefühlen saß sie in der Fähre und ging dann den mit blühenden Linden gesäumten Weg zum Gutshaus Neukladow und den Park rundherum, den Abschnitt bewältigte sie mit schnellem und energischem Gang, um mit den jungen Leuten Schritt zu halten. Das Festival, fand sie, war stimmig für Yoga, für sie und für die jungen Leute mit ihren Rasta-Locken und bunten, langen Kleidern mit Tattoos, oft barfuß, aber immer nett und mit einem Lächeln auf den Lippen, es war ganz frei, ohne feste Vorgaben, wo wie und wie lange man bleiben, zuhören, mitmachen sollte. Jeder ging, übte mit, saß, sang, meditierte solange er wollte, konnte oder es ihm Spaß machte. Das fand sie gut, sogar sehr gut in der Welt der vielen Zwänge; meistens sprach sie mit völlig fremden Menschen über dieses und jenes, es waren selten die yogischen Themen, obwohl es irgendwo klar war, dass Yoga sie alle verband, als die Art, wie man das Leben verstand oder zu verstehen versuchte und sich ohne Druck im Leben voran bewegen mochte. Dieses ein bisschen verrückt sein gab ihr mehr Platz, mehr Raum und Freiheit, in der geordneten, sehr von außen gesteuerten Welt zu bestehen; sie verstand, warum so viele Immigranten Künstler waren, es blieb ihnen nichts anderes übrig, das war ihre Art mit der Außenwelt fertig zu werden, zu überleben, im Meer der Fremdheit zu schwimmen.

Sie lagen dann alle auf den bunten Matten auf der Wiese, mit ganz verschiedenen Meditationskissen oder ohne, die Reihen von Menschen, unheimlich viele: jung und älter und manchmal ganz alt, mit dem Wunsch und der Neugier sich zu bewegen oder zu spüren, wie es ist, bewegt zu sein, sich wahrzunehmen, bei sich zu bleiben. Manchen gelang das vielleicht, andere kämpften mühsam darum, entdeckten es gerade für sich; eine ganz andere Welt, emotional und sehr nah, körperlich und geistig, sehr anspruchsvoll aber für jeden erreichbar, tolerant und inspirierend. Sie beobachtete die anderen, wie weit gingen sie mit, was machten sie mit dem Atem, wie gut waren sie in den Stellungen. Es gab viele, die alle Übungen perfekt ausführen konnten, und einige, die gerade dabei waren sie zu erlernen; diejenigen schaute sie immer wieder neugierig an, heimlich aber fasziniert. An ihre Anfänge konnte sie sich nicht mehr erinnern; sie übte Yoga schon sehr lange, was nicht bedeutete, dass sie geübt war, wie immer fehlte ihr der Ehrgeiz perfekt zu sein.

Zu Mittag aß sie Falafel, seit vier Jahren an denselben Stand, mit wenig Soße, und trank dazu ihren Mango-Lassi; es schmeckte und stärkte wunderbar. Nebenan saßen zwei ältere Inder in ihren weißen Dhotis und Kurtas sehr yogisch und sehr indisch; sie erzählten, dass bei ihnen zu Hause, in der großen indischen Welt immer Männer zum Yoga kämen, sie würden lange sitzen und Pranayama üben und einige Mantras singen, manchmal meditieren, doch hier würden sie nur Frauen vor sich haben, die alle auf diese gymnastische Übungen aus wären und gar nicht zuhören wollten und ganz bestimmt nicht lange unbeweglich sitzen. Das wäre hier eine ganz andere Welt und das Yoga hätte ein ganz anderes Gesicht; und sie mischte sich ein: dass man auch hier in dieser Welt Mantras singen und zu meditieren versuchen würde, doch viele würden eben dem Körperlichen mehr Platz einräumen. Und sie waren ganz erfreut das zu hören und sagten: Yes madam, you are welcome in our class, please come and join us. Und so gingen sie in ein ganz kleines Zelt der kleinen Yoga Welt in Kladow und übten ihre Pranayama und tönten Om und kehrten irgendwann alle zufrieden nach Hause zurück.

Die kleine große Welt (12)

Monika Wrzosek-Müller

Die blühenden Landschaften der sachsenanhaltinischen Wüste

Sie fuhr an einem Sonntag in die sachsenanhaltinische Wüste, ohne Zwang, von selbst, am heißesten Tag des Sommers. Die schönen Landschaften mit den Seen ließ sie um Berlin und dann an der Elbe links liegen und steuerte direkt in die ausgetrockneten Rapsfelder, die, alle gelblich-grau, von weitem wie unendliche Sandflächen aussahen. Sie zogen sich in die Länge und Breite, fast ohne Unterbrechung, auf riesigen Feldern. Dazwischen lagen wie Oasen kleine Dörfer mit ein paar Bäumen und einigen Häuschen, manchmal um eine Kirche gruppiert, alle so klein, dass man sich wunderte, wie man da überhaupt rein- und rauskam, geschweige denn wohnen konnte. Die Oasen hätten inzwischen zu den versprochenen blühenden Landschaften sein sollen, doch im Sommer, in der Hitze stand das Blühen still, alles stand still, und das meiste war vertrocknet und leer; die Leute waren versteckt, in den Kellern, weil es da am kühlsten war, oder in den kleinen Puppenstuben. Und sie fuhr durch die Gegend auf der Suche nach etwas Essbarem, nach Menschen, die ihr den Weg weisen würden, und kurvte und wendete. An der Straße gab es Kirschenbäume mit vielen roten Kirschen und Felder voll von gelben Himbeeren, die auf die Selbstpflücker warteten, die aber doch lieber himbeerrote Himbeeren essen wollten, und so standen auch diese Felder leer und still; sie wünschte sich aber etwas Warmes, Gehaltvolles zum Essen, das gab es leider nicht, nicht am Sonntag, nicht um diese Uhrzeit und nicht in der Gegend.

Und dann kam sie zu einem Gut, einem alten Rittergut, schön im Park gelegen, mit einem Teich – und mit einer Initiative unglaublich engagierter Leute, die anderen helfen wollten und sich selbst dabei auch. Vor dem Café stand schon eine Viertelstunde vor der Öffnungszeit eine Schlange; das ganze Dorf strömte herbei und versammelte sich, mitsamt der jungen Leute von der Initiative, und alle verspeisten frisch gebackenen Kuchen und tranken Kaffee oder Bier und sprachen von diesem und jenem, die Jungen mit den Alten.

Das Gut gehörte einer reichen Familie aus dem Westen, und inzwischen, nach Jahren der unbeholfenen aber durchaus hilfreichen Verwaltung, wollte die es verkaufen, für eine eher symbolische Summe, aber jetzt konnte die Initiative hier keine Events mehr organisieren und die Büroraume mussten aufgeben werden; die Heizung hatte man ihnen abgedreht, das Wasser abgestellt. Nur den Garten konnten sie weiter betreiben, blühende Landschaften schaffen und pflegen.

Sie dachte bei sich, wie kompliziert die ganze große Welt doch sei: auch die Kleine hat nichts gelernt, ist nicht klüger geworden, hat nicht verstanden, dass man nicht alles durch Fortschritt und Sparen in blühende Landschaften verwandeln konnte und dass nicht alles für Geld, mit Konkurrenz und Wettbewerb, durch Werbung zu gewinnen ist. Im Radio machten gerade die Griechen ihre „Hausaufgaben“ nicht, sie entschieden sich, auf dem falschen Weg in die falsche Richtung zu gehen und verdienten keinen Applaus; nein, sie bereiteten allen Kopfschmerzen und niemand wusste, wie es weitergehen sollte. Wer wem aus welchem Topf oder von welcher Bank Geld leihen und verzinsen und wo dieses Geld dann tatsächlich landen würde. Und sie dachte, die kleine Welt unterschied sich nicht mal so sehr von der großen; auch die wusste nicht, wie es weiter gehen sollte. Nach außen war alles geputzt und renoviert, dass aber gar kein Plan weiter dahinter steckte und die Leute damit nicht einverstanden waren, verschwand in der monströsen Hitze des Tages, floss mit dem Schweiß der Ärmsten weiter, ohne dass sich etwas änderte.

Es gab einige Gärtchen, die wie aus der Märchenwelt herausgeschnitten waren; auch mit den Zwergen und Fröschen und Fliegenpilzen und anderen Tieren, die still und unbeweglich, immer brav in ihrer Aufstellung, Positionen einnahmen und wie Stillleben von einer besseren Zukunft in der Märchenwelt zeugten. Manchmal hingen große Rosenbüsche über die Zäune oder verblühende Jasminsträucher standen in voller Pracht im Garten. Es blühten Gänseblümchen und Margeriten, Rittersporn und Kapuzinerkresse, beim näheren Hinsehen konnte man auch kleine Steingärten entdecken, in Terrassen angelegt und großen Steinen befestigt. Man sah die Mühe, den Aufwand von Zeit, Zuwendung und Hingabe, Geduld und Mühsal.

Bei der Initiative war alles groß: das Schloss, der Park, der Gemüsegarten, der Teich und es standen große hölzerne Skulpturen im Grass, vor dem Schloss, die man als Sitzangelegenheiten benutzen konnte oder doch eher bewundern sollte. Im Schlosswald gab es einen Erlebnispfad, wo man klettern konnte und balancieren in der Höhe, zwischen zwei riesigen Bäumen, auf einer Lücken-Brücke, die nur mit Absicherung zu begehen war und vielen anderen schwierigen Balanceakten in den Baumhäuschen wohnen konnte. Sie wunderte sich, wer um Gottes willen, in dieser Oase auf diese Bäume hoch klettern wollte, würde; wer sollte das alles unterhalten auch wenn es schwierigen Kindern helfen würde, war es doch sehr schwierig welche zu finden, um sie balancierend und abgesichert auf den Erlebnispfad hätte schicken können.

Und sie dachte bei sich; vielleicht war das wichtigste, die Initiative zu ergreifen und aufzubauen und mit anderen solche Pläne zu schmieden und sie doch auch irgendwie im Kleinen zu realisieren, ohne großen Ehrgeiz; aber sie war sich nicht sicher, ob sie hätte mitmachen können, denn es fehlte ihr der Glaube an den Erfolg und das Glück von solchen Initiativen. Und dann kamen ihr wieder die Griechen in den Sinn mit ihrem Nein zu den Forderungen und Sparprogrammen und sie dachte, ohne Initiative ist die ganze Sache nichts wert, aber ihr fehlte wiederum der Glaube auch an die Griechen und so fuhr sie weiter in die Wüste der Hitze des Sommertages und versuchte an nichts mehr zu denken und keine Initiativen zu ergreifen sondern für sich im Stillen zu sein.

Die kleine große Welt (11)

Monika Wrzosek-Müller

Dolomiti-Bruneck-Schifahren

Langsam gingen ihr die Ziele, die Zufälle und ihre kleine aber auch große Welt aus. Es gab natürlich Städte, die sie immer wieder mit Begeisterung besichtigte, aber das rutschte zu sehr ins Fremdenführer-Programm; sie war unentschlossen, sollte sie alles erfinden oder noch mal genauer ihre Erinnerungen durchforsten und nach wichtigen, prägenden Momenten suchen.

Was sie fand, war wenig sommerlich, auf jeden Fall abkühlend und vielleicht für den ganz heißen, schwülen Sommerabend bestimmt.

Es gab viele Winterreisen; sie waren freilich immer vom Schifahren geprägt, von langen weißen Pisten, von Gondeln, Sesselliften, Schihütten, von Menschenmassen mit und ohne Schier, mit und ohne Schihelme, mit Sonnenbrillen – und das war in fast allen Regionen, wo sie Schi gefahren war, gleich. Na ja, der Zustand der Pisten variierte manchmal; sie waren besser oder schlechter präpariert. Abends sah man beleuchtete Pistenraupen, die sich in atemberaubenden Höhen bewegten, dabei den Schnee vor sich her wälzten, alle Loipen und Pisten ebneten, glatt und makellos. Was für eine Wonne war das dann, wenn man am morgen als erster Schiläufer durch glatte, unberührte Pisten fuhr, seine Spur als erster hinterließ, in Schwüngen, in Kurven, in einem Takt, den dein Körper und der Untergrund dir vorgaben, nach unten sauste. Das war fast allen Schigebieten gemeinsam, immer fuhr man nach oben, sah sich die Landschaft rundherum an, der erste Blick auf die Bergspitzen und Täler manchmal mit Nebelschwaden unten und der Schifahrer oben auf dem Gipfel, über den Wolken, schwebend in der Gondel oder dem Sessellift, oder stehend und staunend über so viel Freiheit und Weite, befreit. So ein Schiurlaub gab ihr Kraft und Zuversicht für mindestens die nächsten zwei, drei Monate; fütterte den Körper aber auch die Seele mit Licht, das nicht nur von der Sonne kam, sondern auch von den weißen Pisten. Wie wohlig und schön müde fühlte man sich dann am Abend nach einem Tag oben auf den Brettern, die gar nicht mehr aus Holz sind, sondern irgendwelche High-Tech-Erfindungen, immer neu; mal kurz und breit, dann wieder länger und schmaler. Das wunderbare Gefühl der körperlichen Müdigkeit verbunden mit intensiver Durchblutung in der Höhe versetzte einen manchmal in einen Rausch, den die einen in viel Alkohol zu ertränken versuchten, die anderen in gesundem, ruhigem Schlaf, der ihr wie etwas Heiliges vorkam.

Ihr schönstes Schigebiet war in der Alta Badia in den Dolomiten. Sie wohnten zwar sehr unromantisch am Plan de Corones auf ladinisch, oder ganz plump am Kronplatz. Südtirol liegt schon auf der anderen Seite des Brenners, die Sonne schien hier heller, das Essen war unvergleichlich gut und es funktionierte wirklich alles. Das schöne Städtchen Bruneck/ Brunico im Pustertal lag ganz nah, man konnte einkaufen gehen, das Schloss mit dem von Reinhard Messner gegründeten Mountain Museum über Bergvölker besichtigen, in vielen Cafés vorzüglichen Kaffee trinken aber auch sehr schmackhafte Apfel- oder Topfenstrudel essen; es war alles da: die italienische Lässigkeit und Leichtigkeit verbunden mit der germanischen Ordentlichkeit und Perfektionismus.

Der Dolomiti-Superskipass war zwar teuer, aber er erlaubte jeden Tag auf anderen Pisten zu fahren, manchmal mehr als 50 Km, ohne ein einziges Mal auf denselben Ort zu treffen. Die Landschaften um Armenterola, Pedraches und Cinque Torri waren so schön, oft leer mit ein paar verlorenen Schifahrern, mit super organisierten Schihütten und wunderbar präparierten Pisten. Die längste Abfahrt vom Lagazuoi mit ihren 8, 5 Km auf der langen Schleife der Route um die Schauplätze der Schlachten des Ersten Weltkriegs war eine der abwechslungsreichsten, an fantastischen Ausblicken reichen Touren. Auch die Ausstellung über den Ersten Weltkrieg im Deutschen Historischen Museum Berlin konnte ihr nicht erklären, warum sich Österreicher und Italiener ausgerechnet dort so erbittert bekämpft hatten, in die schwindelnder Höhe mit steilsten Anstiegen. Für die Schifahrer wurde dann eine Gondelbahn gebaut, die einen ganz steil nach oben befördert; an der Gebirgswand waren die Spuren des Stellungskriegs zu sehen. Die Skitour machten sie mehrfach mit Freunden, beginnend mit dem Schlange stehen für den Ski Bus zum Lagazuoi, endend mit einer wunderbarem Runde mit Aperol-Spritz oder Kaffee auf der Terrasse des Luxushotels Armenterola. Es gab immer Sonnenschein, nicht immer genug Schnee, so dass man das letzte, flache Stück nicht mehr auf den Skiern bewältigen konnte, die hier von Pferden gezogen wurden, sondern sich in ein Sammeltaxi zwängen musste. Auf jeden Fall waren diese Gegenden reine Naturschönheiten: die rosa Granitfelsen, die in der Sonne manchmal rötlich leuchteten, und dann die eingefrorenen Wasserfälle, die in türkis-bläulichen Tönen schimmerten. Am Nachmittag wurde der Schnee oft schwerer, manchmal sogar matschig, die Beine mussten arbeiten, damit man vorankam.

Oft kamen mehrere Schipisten zusammen, so dass man aufpassen musste, wer aus welcher Richtung kam und wer Vorfahrt hatte. Plötzlich stieß sie mit jemandem zusammen, unerwartet und unkontrolliert, taumelte, rollte nach unten, ein Schi lag oben, die Bindung war aufgegangen. Mehrere Schifahrer standen um sie und einen jungen Mann herum. Jemand beschimpfte sie, dass sie von links kommend hätte aufpassen müssen, und überhaupt wo wäre denn ihr Skihelm. Der Ton war brüsk, fast unfreundlich, sie war sich eigentlich keiner Schuld bewusst; derjenige, mit dem sie zusammengestoßen war, saß still am Boden, es ging ihm aber gut. Der schimpfende Mann wollte ihre Personalien aufnehmen, sie wäre die Schuldige gewesen, der junge Mann wehrte ab. Da kamen schon ihre Freunde und der schimpfende Mann verstummte; es stellte sich heraus, es war ihr Wirt, der Besitzer der Pension, in der sie jedes Jahr während der Schiwoche wohnten. Gleich wurde die Tonlage geändert, der junge Mann stand auf, sie auch und alle zusammen fuhren sie ganz langsam nach unten und tranken einen Kaffee zusammen. Von Schuld oder Unschuld wurde kein Wort mehr gesprochen.

Die kleine große Welt (10)

Monika Wrzosek-Müller

Villa Meleto

Nach Meleto fuhr sie immer in Eile, wollte schnell ankommen; doch das ging wegen der Entfernung nicht, es waren immerhin 1264 km, und die Pausen, die sie einlegen mussten, waren manchmal auch gut und wichtig. Meistens kamen sie von Berlin aus mit dem Auto in einem Tag bis nach Sterzing/Vipiteno; gingen da, glücklich auf der ersten Station jenseits des Brenners, gut essen; doch sie wollte vor allem schnell da, in Meleto, sein. Manchmal flog sie auch nach Pisa, das war natürlich der schnellste Weg, und jemand holte sie am Flughafen ab; da wurde ihr bewusst, was Luxus bedeutet. Noch im Flugzeug, von oben, sah sie die Brennerautobahn, wenn das Wetter es erlaubte, genau; sie sah wie ein Fluss oder wie ein langes ausgerolltes Band aus, verlief den größten Teil am echten Fluss entlang, führte wirklich vom Norden in den Süden. Hinter dem Brenner war plötzlich das Grün nicht mehr so saftig, meistens eher gelblich, denn sie flog oft im Sommer. Und dann am Flughafen war es draußen schon warm, so warm, und sonnig und immer sonniger; und die Leute lachten, stritten und rempelten dich manchmal an, aber sie fühlte sich leicht und spürte Bewegung und Leben und Lust dazu.

Die Villa Meleto liegt majestätisch oben auf einem Hügel, mit so einer Allee von gleichmäßigen, schlanken aber riesigen Zypressen, die man auf den üblichen Toskana-Bildern sehen kann und die fast an Kitsch grenzen, nur in der Realität sind sie immer viel rumpeliger, verstaubt, ausgetrocknet; angerostet, und die Einfahrt alt. Ein Schotterweg führt nach oben, steil und kurvig, an manchen Stellen war er ziemlich zerfurcht, und das Auto hinterließ große Staubwolken. Die Villa thronte auf der Spitze, von unten sah sie noch größer aus, obwohl man, oben angekommen, erst die Dimensionen der ganzen Anlage entdeckte, die sich auch zu den Seiten und nach hinten ausbreitete. Es gab viele Nebengebäude, Schuppen, eine Mühle, ein Frantoio, wo einst die Oliven ausgepresst wurden, eine riesige Halle, wo früher Traktoren untergebracht waren, heute standen da auch die Quads, die Motorroller und Autos der Besitzerfamilie; es gab auch noch Überbleibsel von einem Fleischereianlage, die man wegen der Jagd betrieb; am schönsten war die verwunschene, ganz versteckte, kleine Kapelle…, die leider immer noch auf eine Restaurierung, auf Zufluss von größeren Geldmitteln dafür warten musste.

Sie liebte diese Gegend, die Villa, die Ausblicke von der Terrasse, vom Turm ganz oben auf die Hügel, auf die Ebene Richtung San Miniato und den Arno – Weltlandschaft, auf die weiteren Hügel, ganz in der Ferne, mit San Gimignano, auf der anderen Seite Vinci, das man nicht sehen, aber, wenn man es kannte, erahnen konnte; oder ganz in der Nähe der Blick auf die hauseigene barocke Parkanlage, wunderschön, mit exakt geschnittenen Buchsbaumhecken, mit weißen Pfauen, die immer weniger wurden, verdrängt durch ihre bunten Rivalen, bis sie ganz ausgestorben waren. Sie liebte die Villa nicht nur der Schönheit wegen; im Laufe der Jahre kamen immer mehr Erinnerungen zusammen, sie sah ihren Sohn und die Söhne der Besitzerfamilie jedes Jahr größer, erwachsener werden; die Erinnerungen waren mit diesem Ort verschmolzen, sie hingen wie auf einer Leine und man konnte auf sie immer wieder zurückgreifen. Sie liebte das wenig perfekte und doch sehr sorgsam organisierte Leben in der Villa, die Stunden der Muße wegen der Hitze, die man mit Lesen fühlen musste, denn alles andere erforderte zu viel Anstrengung und Energie.

Sie hatte die Villa zu allen Jahreszeiten gesehen: mit frischen Grün, blühenden Mimosen und unzähligen kleinen wilden Blumen, fast mit Schnee und doch mit viel Grün, mit kahlen Feldern rundherum, mit Sonnenblumenfeldern, mit etwas bunterem Laub im Herbst; viele der Bäume waren aber immergrün; mit Pilzen, Trüffeln und Esskastanien. Sie nahm die Veränderungen in der nächsten Umgebung wahr; die neue Wohnanlage auf dem Weg nach unten, die renovierten Häuser auf dem Wandertrakt Richtung San Miniato. Die neue automatische Einfahrt in das Gut, die wunderschönen Pflanzen und Blumen in den riesigen Terrakotta-Töpfen, die neuen Hunde und die kleinen und großen Katzen, eine Eule im Käfig und vieles mehr.

Die Wiederherstellung der Via Francigena, eines Fuß-Pilgerwegs von Canterbury nach Rom, der zufälliger- aber glücklicherweise ganz in der Nähe der Villa Meleto verläuft, war eine Wohltat für sie. Die langen Märsche, Wanderungen oben auf den Hügeln, die sich aneinander reihten, bei denen man genau sehen konnte, wo man in zwanzig, dreißig Minuten sein würde, waren für sie wie geschaffen. Diese Wanderungen, die den Kreis der Gedanken in ihrem Kopf zu unterbrechen vermochten, liebte sie besonders; ja, es war eine große Hilfe für sie auf dem Weg sein, bei der Befreiung vom Rattern der wiederkehrenden Gedanken. Sie ging bis zur Erschöpfung, stundenlang, unermüdlich, manchmal auch in der Hitze, dann legte sie sich hin und schlief ein, ohne denken zu müssen; in einem der Himmelbetten mit schweren samtenen Vorhängen, abgeschottet von der ganzen Welt draußen, in der ruhigen, behaglichen Dunkelheit der Belle-Etage der Villa.

Dann war da Charlotte, wunderbare Charly. Sie hat die Villa natürlich nicht gebaut, aber sie war und ist auf jeden Fall die Schöpferin und Ausführerin des Unternehmens Villa Meleto. Bedächtig, klug, ohne Firlefanz, richtete sie alle Appartements der Villa ein, ließ den Swimmingpool bauen, schuf die ungezwungene und doch professionelle Atmosphäre der Villa, und sie war ihr auch eine gute Freundin geworden; direkt, herzlich, kein bisschen zickig (und dazu hätte sie doch allen Grund gehabt als Ehefrau von einem Marquis mit so vielen Titeln und großartigen Vorfahren…), verständnisvoll und hilfsbereit.

Sie lief den Weg entlang, eine gut angelegte Strecke, oben auf den Hügeln mit weiten Ausblicken und leichtem Wind, die Via Francigena; sie sah von weiten Gruppen von Pilgern, Menschen auf sich zukommen. Sie pilgerten wirklich, mit Rucksäcken und schweren Schuhen, mit Bärten und ausgeblichenen T-Shirts, etwas müde und unausgeschlafen, schweigsam und doch voll Energie. Manche hatten einen Stock, fast alle trugen Hüte. Als sie näher kamen erkannte sie unter ihnen ihre Freunde aus Turin, die notorischen Wanderer, die während sie in Settigniano gewohnt hatten, auch dort lebten und an der Uni von Florenz lehrten. Das überraschende dabei war, dass keiner von ihnen wusste, wo sich die anderen aufhalten würden.

 

Die kleine große Welt (9)

Monika Wrzosek-Müller

Gaeta, Sperlonga,Terracina; die alten und neuen Römer

Irgendwann dachten sie, jetzt müssten sie doch ihre Reiseziele etwas verändern; nein, nicht gleich in die norwegischen Fjorde, in die schöne Kälte, aber doch Apulien vielleicht für einen Moment verlassen und trotzdem im geliebten Italien bleiben. Da kam ihnen ihr italienisch-deutsches Tandem im richtigen Moment zu Hilfe; man trifft sich und spricht abwechselnd Deutsch und Italienisch. Es war eine junge, bezaubernde Italienerin, zwar ausgerechnet aus Apulien, die aber längere Zeit in Rom, Barcelona, Neapel, New York und wo nicht noch gelebt hatte. Sie erzählte ihr, immer auf Italienisch, wahrscheinlich hatte sie von dem Tandem weniger profitiert, dass es eine wunderschöne, ausländerfreie, italienische Küste noch in Latium gäbe, mit langen Sandstränden, mit einer wunderschönen Vegetation, die schon mehr neapolitanisch als römisch wäre, mit einem weißen, perfekt renovierten, alten Städtchen Sperlonga auf dem halben Weg zwischen Rom und Neapel, in dem die Eltern ihres Freunds ein Hausbesaßen, in dem sie viele Wochen verbracht hätte.

Nach längerem Suchen fand sie dann ein Feriendomizil für uns, direkt an der steilen Küste, nahe beider kleinen Stadt Gaeta, die nicht so herausgeputzt und getüncht und schick war, dafür aber reich an echten einheimischen Festivitäten und Bräuchen. Eine verrückte Stadt mit einer großen Marina, einem großen Fischerhafen, einem echten Fischmarkt; mit Gassen, die an Neapel, das spanisches Viertel, erinnerten, wo die Wäscheleinen von Fenster zu Fenster und auch auf die gegenüberliegende Seite gespannt wurden und schöne Tischdecken und weniger schöne Unterhemden, allerlei Unterhosen im Wind baumelten; mit einer großen amerikanischen Navy-Basis, ganz in grau auch die Schiffe, sehr ernst und sehr Italien-fremd, die mit Stacheldraht und hohem Zaun umgeben; mit einer pittoresken Altstadt oben hin zur mittelalterlichen Burg, mit einem Park auf dem Monte Orlando auf dessen Spitze ein römisches Mausoleum steht; mit schönen Stränden und Grotten in den Felsen, die nur vom Meer aus zu erreichen waren; mit malerischem Hinterland: Hügel, Berge und tiefe Buchten, bei denen man nicht ersehen konnte, wo das Meer aufgehörte und das Land anfing; mit kleinen Inseln und auch größeren, die bei klarem Licht wunderbar thronend auf dem Wasser zu sehen waren, übrigens von allen drei Städten gleich gut.

Der E-Mail Verkehr mit dem Hausbesitzer war irritierend; noch nie hatte ein Italiener auf ihr Italienisch in Englisch geantwortet, knapp und fast unfreundlich, sehr von oben herab. Das begleitete sie in dem Urlaub schon ein bisschen; es gab keine Gespräche im Café, keine Freundlichkeiten und Nettigkeiten. Das salve wurde meistens schnell im Vorbeigehen hingeworfen, immer in Eile oder sie vortäuschend, halt beschäftigt in jeder Lebenslage. Dafür wurde der Müll sortiert, die Straßen waren sauber, Infrastruktur überall vorhanden.

Die Römer, stellte sie fest, kümmerten sich wenig um ihre Baudenkmäler, die alten Städte, die Städtchen waren meist vernachlässigt, vielleicht hatten sie einfach davon zu viel, zu wertvoll war ihnen ihre Zeit; auch wenn sie wunderschön waren, wie Terracina, wo man mit dem Blick auf die Reste vom römischen Kapitol auf dem original antiken Marmorpflaster, dem römischen Forum saß, umgeben von der zerfallenden mittelalterlichen Altstadt, bei der die alten Quadern der römischen Bauten als Unterbau für wackelige kleine Häuschen dienten, sie waren eben nicht Jahrtausende Alt sondern nur Jahrhunderte. Das Städtchen war voll von altertümlichen Preziosen und doch ganz natürlich, von Touristen fast vergessen. Das Leben ging langsam, der Kaffee wurde bedächtig serviert. Der Duomo, auch auf den Fundamenten eines alten römischen Tempels gebaut, mit wunderschönen Mosaiken und Fresken, meistens geschlossen. Das Leben ging seinem Rhythmus und nicht dem der Touristen nach. Ein Wunder, dachte sie, dass in dieser Stadt 1988 Polts Komödie „Man spricht deutsh“ gedreht worden war, wo sind denn der Rummel und die Deutschen geblieben?

In Terracina schiebt sich eine Bergkette direkt bis an die Küste vor, so dass sich die römische Via Appiaan einem Felsen ganz nahe am Wasser vorbei zwängen musste; die Stadt selbst erstreckte sich von 0 bis auf 864 Meter über dem Meer aufwärts. Ganz oben auf einem Berg mit einer atemberaubenden Aussicht auf die ganze Pontinische Ebene, mit dem Monte San Felice Circeo und den Inseln am Horizont auf der einen und den Felsen von Gaeta auf der anderen Seite, steht ein Tempel, eine Tempelanlage aus der vorrömischen Zeit, die aber von den antiken Römern auch benutzt wurde. Die Anlage ähnelt einer friedlichen Festung auf riesigem Areal, inmitten von Olivenhainen mit unheimlichen sakralen Bauten, die keinerlei Assoziationen in ihr weckten, nur von der Größe einer Kultur zeugten, die in ihren Dimensionen vielleicht der des antiken Rom glich. Auch wenn man sich für die antiken Kulturen und Völker wenig begeisterte, war der Ausblick einmalig.

Sie saßen mehrmals auf der kleinen Piazza, der mittleren Ebene von Terracina und hörten sich die schnellen und lauten Gespräche der Einheimischen zu, an der Bar, an den Treppen zur Kirche; manchmal verstanden sie nicht alles; es wurde im römischen Dialekt gesprochen. Kluge Untersuchungen der Linguisten haben ergeben, dass in Terracina das Verbreitungsgebiet des römischen Dialekts endete, doch in jüngster Zeit scheint eben auch noch der südlicher gelegene Ort Sperlonga von wohlhabenden, etwas versnobten, schönen und überkultivierten Römer bevölkert.

Wenn man die antike Villa von Kaiser Tiberius am Rand von Sperlonga besichtigt, kann man sich gut vorstellen, wie die reichen Römer ihrer Zeit gelebt haben. So eine Villa funktionierte eigentlich wie eine Art Farm, man musste autark sein, unabhängig und selbstgenügsam und das waren alle antiken Villen. Sie unterhielten Teiche mit Zierfischen, aber auch mit Karpfen, die sie essen konnten. Sie züchteten Schafe und Ziegen, hatten Oliven und Wein und natürlich Brunnen mit gutem Wasser aus den Bergen und für ihre Feste Grotten, wo es selbst bei größter Hitze im Sommer angenehm kühl war. In der Grotte der Tiberius-Villa sollen orgiastische Feste organisiert worden sein, die denen von dem ehemaligen Premier von Italien in nichts nachstanden. Daher kommt auch von dem Ortsnamen Sperlonga das deutsche Wort „Spelunke“. Während der Ausgrabungen fand man überdimensionale Skulpturen von Odysseus, der gegen Meeresungeheuer kämpft; sie werden dem Bildhauer Polydorosaus Rhodos und seinen Brüdern zugeschrieben, die auch die Laokoon Gruppe geschaffen haben sollen. Die antiken Römer mochten es eben übertrieben, alles war übergroß, ungewöhnlich und prachtvoll. Wie lange brauchte man eigentlich von Rom bis zu diesen Orten am Meer; kamen sie für ein Wochenende und kehrten dann nach Rom zurück? Die Straßen waren mit Steinen gepflastert, es gab die Via Appia und die Via Flacca; oder sie kamen per Schiff, die Küste entlang von Ostia; ein kleiner Hafen wurde an der Villa ebenfalls angelegt. Heute fährt der Zug aus Rom nach Gaeta eineinhalb Stunden, die Römer kommen immer noch für ein Wochenende dahin.

Sie saßen auf der Hauptpiazza von Sperlonga, oben in der Festung, mit vielen Cafés und Restaurants; inmitten von Italienern, meistens Römer, abgesehen von ein paar verlorenen Russen, die es komischerweise mit Busladungen in die Gegend verschlagen hat. Hinten ragten die kahlen, hohen Berge auf, etwas mehr unten gab es Pinienwälder, mit einem frischen Grün, wie es Teeplantagen haben. Sie hörten den Gesprächen zu über Essen, Kinder, Krankheiten und Politik; das Essen kam überdurchschnittlich oft vor; wo was wie viel kostete und am besten schmeckte. Nicht alles verstanden sie, es wurde eben römischer Dialekt gesprochen. Und auf einmal hörten sie ein Gespräch, in dem ganz oft das Wort Berlin vorkam. Es wäre dort grau und doch sehr kalt, aber sehr interessant und für junge Leute genau das richtige, genau, für junge Künstler wäre das eine richtige Stadt für den Anfang, auf jeden Fall, nicht wahr. Und sie traute sich zu fragen: I vostri bambini vivono li? Conoscete la citta?

Und wie oft schon stellte sich heraus, wie klein doch die große Welt war; es waren die Eltern von Andrea, dem jungen Künstler, der in Berlin zusammen mit der ragazza, dem Mädchen aus Foggia lebte, die mit mir deutsch-italienisches Tandem machte.

Die kleine große Welt (8)

Monika Wrzosek-Müller

Italien, Apulien, Lecce

Schauen Sie sich die Bücher von Gianrico Carofiglio an, besonders die Krimis, in denen Giudo Gurrieri, ein Rechtsanwalt, den Schwachen und Verfolgten in der Hauptstadt von Apulien, Bari, hilft. Er beschreibt die Verhältnisse und zwischenmenschliche Beziehungen in der Region sehr einfühlsam und wahrheitsgemäß: Reise in die Nacht, Im freien Fall oder Das Gesetz der Ehre.

Dass Italien ihr Land war, wusste sie spätestens, seitdem sie aus Florenz nach Kleinmachnow, in den „Speckgürtel“ von Berlin, umgezogen waren. Wieviel unbeschwerter lebte es sich da in den Hügeln von Settignano, über Florenz, mit dem weitem Blicken auf den Duomo und den Arno, mit dem schönen Wetter, der Helligkeit und den Farben. Selbst wenn man die Sprache nicht so gut konnte und immer wieder bei den Konjunktiven stolperte – auch mit einer gewissen sprachlichen Oberflächlichkeit lebte sich einfach leichter, zugegeben: vielleicht nur für eine Zeitlang. Jetzt, in Deutschland, versuchte sie krampfhaft, sich an die Reisen nach Italien zu klammern und die Sonne, die Harmonie und die Ausgeglichenheit für sich zu tanken. Das gelang ihr eher mäßig; dafür aber lernte sie Italien Stück für Stück kennen, entdeckte immer neue, interessantere und schönere Orte für sich.

So kam es, dass sie Apulien für sich entdeckt haben; der Absatz und das Ende des Stiefels und die Zusammenkunft beider Meere: der Adria und des Ionischen Meeres, zog sie magisch an. Sie fuhren vier Jahre in Folge dahin, besuchten ausdauernd alle kleinen, großen und mittelgroßen Städte, Städtchen und Dörfer, lernten Leute kennen, auch hörten sie dem apulischen Dialekt zu, verstanden manchmal wenig – und stellten fest: auch da unten war Italien unbeschreiblich schön, lieblich, liebenswert. Die Menschen waren noch offener, zugänglicher, kontaktfreudiger als in der Toscana, die alten Städte manchmal noch älter als alt; die Kontraste zwischen dem Schmutz an den Straßen, Schnellstraßen und den oft schön erhaltenen alten Stadtkernen enorm, die Weine kräftiger, aber keinesfalls schlechter als in anderen Teilen von Italien. Und dann kamen die endlosen Olivenhaine, Wälder muss man fast sagen, ganze Hügel regelmäßig bepflanzt mit Olivenbäumen, kilometerlang, die im Wind mal silbrig-grau, mal dunkel grün waren; es gab Jahrhunderte alte Bäume und junge Neuanpflanzungen. Ganz Apulien schien im Takt dieser Bäume und des Windes sich zu bewegen und zu schwingen; die Winde kamen ab und zu sehr kräftig durch dieses flache, selten etwas gewellte Land und fegten alles weg, was sie auf ihrem Weg fanden.

Ein ganz anderes Grün hatten dann die Weinberge, sie waren eher klein, mit Netzen und dunklen Plastikfolien zugedeckt, wegen der Vögel oder der Sonne; irgendwie konnten sie das nicht herausfinden. Interessant fanden sie, dass der Rotwein manchmal in zwei Stärken angeboten wurde und zwar 14 und 18 Prozent; der 18-prozentige war ein ganz dunkler, schwerer Rotwein und nach einem Glas drehte sich alles im Kopf.

Apulien teilt sich in mehrere Regionen; die wildeste und am meisten beeindruckende für sie war Salento: ganz flaches Land mit geraden Straßen, auf denen man ganz schnell von einem Meer zum anderen gelangt. Auf dem Weg die Masserien, alte adlige Gutshöfe, die wie Festungen aussehen und das auch waren; sie dienten der Verteidigung gegen die Sarazenen, die arabischen Piraten, die vom Meer ins Land stürmten, dann auch gegen herumziehende Banditen. Zu einer Masseria gehörten neben dem Wohngebäude, den Ställen und den Scheunen auch ein Taubenturm, eine Kapelle und ein tiefer Brunnen. Bei einer Masseria gab es einen Gemüsegarten und einen weiteren, größeren Garten mit Mandel- und Johannisbrotbäumen, auch riesigen blühenden Oleanderbüschen. Manchmal lagen auch Olivenhaine innerhalb der Mauern, öfters aber schon außerhalb; ein Weinberg oder mehrere gehörten auch dazu. Ihr erschienen diese Masserien so, wie sie sich die Anwesen der polnischen Magnaten in den Kresy, den östlichen Ländern des alten Polen, vorstellte: Wehranlagen, fast Burgen, gegen die Feinde, die regelmäßig das Land überfielen – nur dass sie hier viel ärmlicher, manchmal ganz arm aussahen. Die Masserien hatten einen unwiderstehlichen Charme, zeugten von einer Verbindung der europäischen Architektur mit der arabischen; die Grenzen zwischen den Stilen waren fließend, es gab romanische Ornamente auf barocken Formen und umgekehrt, viele waren ganz weiß getüncht, manche aber auch dunkelrot. Dazu gab es griechisch-orthodoxe Kirchen in den Felsengrotten mit wunderbaren Fresken und Mosaiken. Das alles machte das Land geheimnisvoll, interessant und verlockend, eben exotisch und aber vertraut.

Bei jeder Apulien-Reise wechselten sie ein Bisschen den Standort und zogen um ihren jeweiligen Wohnort immer größere Kreise mit den Besichtigungen, so dass am Ende nicht ein einziger Ort blieb, an dem sie nicht gewesen wären, kein Café auf einer Piazza oder Piazzetta, wo sie nicht einen Kaffee getrunken hätten. Sie sprachen auch immer wieder mit den Menschen; die Kellner erzählten von ihrer Zeit in Deutschland, die Fremdenführer von ihren Versuchen, woanders Arbeit zu finden. In vielen Ortschaften wurden auch aus verschiedenen Anlässen Feste veranstaltet, an denen sie auch teilnahmen, und sie stellten erstaunt fest: die meisten Teilnehmer dieser Feste waren schon in ihren jungen Jahren weit gereist, viel weiter, als sie gedacht hätten, sei es durch den Job, wegen des Kriegs oder wegen Familienangelegenheiten. Immer wieder fiel ihnen ihre Offenheit und Bereitschaft auf, über alles Mögliche zu sprechen.

Ein etwas anderes Publikum erlebten sie allerdings in einer märchenhaften Stadt – einer Stadt, die jedem im Gedächtnis bleiben musste. Sie ist aus einem besonderen Stein gebaut, Tuffstein, der nach dem Abbau ganz weich und formbar ist und dann erst erstarrt. Daher war die Stadt geschmückt mit steinernen Girlanden, Blumenkörben voll von Obst, unheimlichen Figuren, Säulen, allen möglichen Ornamenten. Lecce, die Hauptstadt der Provinz Salento, mit ihren barrocken Fassaden zog Touristen aus aller Welt an, auch Studenten in ihre Universität. Die Gesichter der Menschen waren hier ganz anders, nachdenklich, oft verschlossen, manchmal unausgeschlafen und unzufrieden, eben westeuropäisch. Sie schlenderten verschiedene Male durch die Altstadt, aßen die berühmten pasticciotti, ganz köstliche, feine, süße Küchlein mit einer leichten weißen Creme darin, die dunklen nannte man, nach der Wahl von Barack Obama zum Präsidenten eben obama; sie tranken wunderbaren Kaffee und bewunderten erstaunt die übertrieben geschmückten Fassaden. Man lief mit den Augen nach oben gerichtet, um alles zu sehen, aufzunehmen, noch bizarrere Formen zu entdecken.

Man konnte sich in dieser Vielfalt verlieren, unsichtbar machen; es war übertrieben, aber es hob die Stimmung, der Stein war ganz hell, die Formen meistens friedlich ruhend, rundlich; die Stadt schien wie aus einem Guss gebaut, hell auch die Straßen und die Plätze, die Trottoire und die Häuser auch die Kirchen, Klöster und Repräsentationsgebäude.

Wir saßen gerne in den Cafés, auch länger, und sprachen über dieses und jenes, meistens ohne auf die Menschen rundherum zu achten. Und irgendwann hörte ich Deutsch mit Italienisch gemischt, die Stimme kam mir bekannt vor, aber wenn man die Person gar nicht an dem Ort erwartet, oder man sie aus ganz anderen Umständen kennt, ist es ganz schwer die Tatsachen zu verbinden. Hinter uns saß ein Paar, sie sprachen abwechselnd italienisch und deutsch, beide Sprachen perfekt, und… ich kannte ihn, ich erkannte ihn; es war mein Italienischlehrer aus Berlin; und ich erinnerte mich, er hatte uns, der Italienisch-Klasse, auch erzählt, dass er eine Wohnung in Lecce hatte und eine italienische Frau, die aber perfekt deutsch sprach. Irgendwie dachte ich mir, es gibt kein Entkommen, deine deutsche Wirklichkeit holt dich ein, du musst dich mit ihr versöhnen.

Die kleine große Welt (7)

Monika Wrzosek-Müller

„Durch einen seltsamen Zufall – denn letztendlich liegt allem immer eine zufällige Begegnung zugrunde – durch eine merkwürdige Fügung wurde Albert mein Schicksal und ich seins.“

Tim Parks: Träume von Flüssen und Meeren, Kunstmann Verlag, München 2009, S. 449

Castiglione della Pescaia

Der Weg dahin war erst einmal eine Entscheidung; sie mussten eine Ferienwohnung suchen. Das taten sie bei der agenzia immobiliare „Casa Rossa“ und fanden fast immer etwas. Warum die meisten Wohnungen ausgesprochen hässlich waren, so dass man keine richtigen Lampen zum Lesen hatte und in der Küche auf einem Stuhl hockten musste, unbequem, beengt, mit Ausblick auf das nächste noch hässlichere Haus, selten mit einem Balkon versehen, vermag ich nicht zu beantworten. Vielleicht lag das an unseren finanziellen Mitteln, oder daran, dass die meisten Leute keinen so großen Wert darauf legten. Schließlich konnte man sich in der Mitte der schönsten Landschaft, in der Toskana, die Hässlichkeit der Unterkunft erlauben, man blieb sowieso sehr selten drin. Castiglione mit dem schönen Hafen und dem Fischmarkt, einem Castello, einer Pineta, dem ausgedehntem Pinienwald beiderseits des Orts, im Süden in Maremma übergehend, entschädigte für vieles.

Der Weg dahin ging durch die schönste Landschaft der Welt, wenn man es nicht eilig hatte und durch die Hügel des Chianti an Greve und den kleinen Ortschaften vorbei fuhr, nicht auf der super strada nach Siena. Die Anhöhen, meistens mit einem großen alten Haus darauf und einer Allee von Zypressen, die nach oben führte, reihten sich einer an den anderen. Manchmal waren die Zypressenreihen durch Pinien unterbrochen, das war eigentlich noch reizvoller, noch symmetrischer. Ein Strich horizontal, ein Strich vertikal, manchmal warfen sie auch bizarre Schatten auf die Erde, die mit der untergehenden Sonne länger wurden. Das Wunderbare an dieser Landschaft war die Verbindung des jahrhundertealten menschlichen Bemühens und der Natur, die mitspielte. Sie liebte diese sanften Hügel, die weiten Felder und Weinberge, die Olivenhaine, die vielen Schattierungen von Grün bis Silbergrau, die am Ende des Sommers zu Gelb, Braun, Rostfarben wurden; dazu im Frühling den Geruch von brennenden Olivenzweigen und die großen Wiesen voll von Anemonen, Mohnblumen, kleinen Krokussen und Schwertlilien, die die Wege säumten und sich zwischen den Steinen ihren Weg bahnten. Das alles war wie von Zauberhand gemalt oder gemeißelt. Die Häuser und jeglicher Art Gebäude waren nie perfekt restauriert, immer mit gewissem Gespür für das Alte und Heruntergekommene oder gar melancholisch Verfallende, aber immer malerisch und mit der Landschaft im Einklang. Sie fühlte sich hier geborgen, sicher, glücklich. Sie mochte auch die Menschen, ihre Direktheit, ihre Freundlichkeit; hier war sie keine Fremde, sie gehörte dazu. Die Menschen ließen einen an ihrem Leben, ihren kleinen Problemen teilhaben. Sie waren offen, freundlich, hilfsbereit aber keinesfalls aufdringlich.

Hinter Siena änderte sich die Landschaft; die Natur wurde wilder, es gab mehr Wälder: Eichenwälder auch mit Korkeichen, weniger menschlichen Einfluss, obwohl die Erde hier und da eine wunderbar rote Farbe hatte und sehr fruchtbar aussah. Es gab auch Reisfelder mit ihrem frischen Grün und doch ab und zu Weinberge aber viel weniger Ortschaften und Bebauung. Die Ebene am Fluss, Richtung Meer war von Kanälen durchschnitten, mit Schilf und Gemüseanbau, grün und sehr zugewachsen, man kam an dem Roten Haus vorbei und sah dann vom weiten den Felsen mit dem Castello in Castiglione. Man war angekommen.

Am Strand trafen sie jedes Jahr dieselben Menschen wieder; die meisten kamen aus Siena und mussten irgendwann zum Palio und vorher üben, auf ungesattelten Pferden zu reiten, historische Kostüme zu nähen, und die Fahnen ihrer Contrada zu schwenken, und wenn sie nichts dergleichen taten, dann kümmerten sie sich ums Essen oder um die Pferde; überhaupt war dieses Fest erstaunlich präsent in den Köpfen der Menschen, man sprach Wochen vorher darüber und ereiferte sich über die Details; es war kein Event für die Touristen, sondern man spürte die emotionale Zugehörigkeit zu einzelnen Contraden und wie die Animositäten und Gegensätze mit dem sich nähernden Fest zunahmen. Ich musste immer wieder an das Buch von Carlo Fruttero und Franco Lucentini denken „Il palio delle contrade morte“ [„Der Palio der toten Reiter“]. Sie beschrieben in einem wunderbaren Krimi, wie sich die Stadt für und dann durch das Fest veränderte und welche Emotionen der Palio bei den Menschen weckte.

Jedes Jahr trafen sie am Strand dieselben Leute: Alessandro mit seinen Großeltern, Bernardo mit seiner Mutter und Mateo mit der Großmutter, es war wie in dem italienischen Lied aus den 60er Jahren „ogni anno, stessa spiaggia, stesso mare“ [jedes Jahr, derselbe Strand, dasselbe Meer], unter demselben Schirm, immer im demselben Zeitraum und im selben Quartier. Man begrüßte sich erfreut und herzlich aber nicht verwundert, als sei es die natürlichste Sache der Welt, von Mitte Juli bis Mitte August seine Zeit in Castiglione zu verbringen. Die einen hatten große Villen, die anderen wohnten wie sie in einem Appartement, wieder andere bevorzugten Hotels oder Pensionen. Auch musste man sich entscheiden, auf welchem Abschnitt des Strandes man sich niederließ; auf ausgedehnte private, teure Bagni (mit Sonnenschirmen und Liegen bestückte Strandabschnitte) folgten enge, voll belegte öffentliche Strandplätze, aber da konnte man sich ausbreiten wie man wollte, war nicht von der Liege des Nachbarn belästigt.

Etwas abseits von Castiglione, hinter einer Absperrung und einem Schlagbaum lag inmitten von einer Pineta ein Villenviertel genannt Roccamare mit eher modernen aber architektonisch anspruchsvollen Häusern und separatem Zugang zum Privatstrand. Da wohnte im Sommer Sylvia mit ihrem Sohn; sie hatte mich immer wieder in das Haus eingeladen; es waren oft mehrere Leute da, auch die Nachbarn, es war lebendig, fröhlich und interessant. Oft erzählten die Leute, wer denn hier alles nicht wohnen würde; das berühmte Paar, die Autoren von den vielen Krimis auch dem über dem Palio: Fruttero und Lucentini waren eben auch darunter. Manchmal konnte man ihre Silhouetten im Garten umhergehen sehen, oder wenn es im Sylvias Haus still war, hörte man sie sprechen. Die beiden sprachen sehr schönes Italienisch, es erinnerte mich an das Italienisch von meinem Freund aus Turin, der damals so wie wir in Florenz, in Settigniano, lebte und an der Universität von Florenz lehrte. Manchmal konnte man sie auch am Hafen, am Abend in Castiglione sehen. Sie waren in ihre Gespräche vertieft, ich folgte ihnen und zu meinen Ohren drang der schöne Klang des Italienischen aus dem Norden, denn die beiden, was ich damals nicht wusste, stammten ausgerechnet aus Turin.

 

Die kleine große Welt (6)

An den Anfang seines Romans Wem die Stunde schlägt stellte Ernest Hemingway ein Zitat des englischen Dichters John Donne, Ausschnitte des geistlichen Gedichtes Meditation Nr. 17 als Motto:

No Man is an Island, entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main; […] and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee.

Kein Mensch ist eine Insel, in sich selbst vollständig; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinentes, ein Teil des Festlands; […] und darum verlange nie zu wissen, wem die [Toten-]Glocke schlägt; sie schlägt dir.

Monika Wrzosek-Müller

Bretagne

Nirgendwo schien ihr die Welt so harmonisch, vollkommen, rund, mit anderen verbunden, wie in der Bretagne. Waren das die alten Häuschen, die kleinen Kirchen mit ihren Calvaires, die Bars, wo die Einheimischen und besonders die Fischer ein Gläschen Wein schon morgens tranken, oder ging das auf die berauschende Natur zurück mit breiten, unendlichen Stränden und den Gezeiten, mit wechselnden Wolkengebilden am Himmel, mit Sturm, Regen, Sonne, Wind in einer enormen Intensität und dann gab´s da auch noch das Mirakel des Ozeans mit all dem Wasser, malbewegt, mal ruhig, unendlich weit bis hinter den Horizont, unfassbar lebendig und riesig, oft auch bedrohlich. Zwar lebte hier jeder für sich allein, doch irgendwie fühlte es sich an wie ein Puzzle, alles ein Teil vom Ganzen. Die Landschaft rundherum bildete oft ein Gemälde: die kleinen Häfen, die Fischkutter, die Jachten, die Boote, kleine Hügel, große Felder, Apfelbäume bewachsen mit Efeu und Misteln, die Hecken aus Hortensienbüschen in wunderbaren Farbtönen, manchmal Felsen und steile Klippen, Leuchttürme und die Leute mit ihren dunkelblauen Jacken, Pullovern, Mänteln und Mützen überhaupt die Farben; alles passte ins Bild.

Sie gingen stundenlang am Strand entlang, manchmal war das Meer weit, weit weg, dann stieg es wieder hoch, und man lief am Wasser entlang, manchmal musste man sich beeilen, um vor der Flut heil an einem bestimmten Ort anzukommen, sonst musste man schwimmen oder mehrere Stunden auf irgendwelchen Felsen die Ebbe abwarten. Der Sand war fest, glatt, man hinterließ Fußabdrücke, ganz präzise und deutliche, ab und zu gab es Häufchen dunklen Sandes von Würmen aufgeschüttet.

Diese Spaziergänge, fast Märsche, hatten etwas Beruhigendes, Tröstendes, schoben die dunklen Gedanken weg, beiseite, waren gut gegen Depressionen und gegen die innere Lähmung, die sie immer wieder überfiel. Der Strand war ganz breit, man konnte die Augen schließen und sich nach der Wärme der Sonne richten und vorankommen. Dann gab es Gruppen von Felsen über die man klettern musste, um in die nächste riesige Bucht zu gelangen. In den Felsen wimmelte es oft von Menschen, ganze Familien suchten nach Miesmuscheln, kleinen Krabben und Araigenées, den Meerspinnen, manchmal buddelten sie auch im Sand auf der Suche nach Bigourneaux und den Würmern, die sie als Köder zum Angeln benutzten. Es gab auch Buchten, die ganz abgeschlossen waren; man gelangte dorthin über steile Pfade, sehr mühsam. Dort lagen wunderbare runde Steine, die in hunderten von Jahren durch das Wasser, besonders bei Stürmen, zu riesigen runden Eiern oder sogar Bällen abgeschliffen wurden. Auch dahin gelangten sie und machten Anstalten einige von den Steinen mit nach oben zu nehmen.

An sonnigen, warmen Tagen gingen sie an den Strand, man blieb nicht lange, zwei Stunden reichten vollkommen. Rundum waren große Familien mit einem Reichtum an Kindern, an Plastikspielzeug und an Essen, transportiert in großen Kühltaschen; Sie setzten sich hin und fingen fast sofort an zu essen. Die Männer spielten mit den Drachen, rivalisierten heimlich untereinander und ließen selten die Kinder mitspielen. Die meisten Familien kamen mit drei Generationen; es gab sowohl Großmütter als auch Enkel, man konnte die Ähnlichkeiten in den Gesichtern sehen, die Großväter waren eher beim Angeln. Viel Kontakt zu den Familien hatte man nicht, es war äußerst selten, dass man mit jemandem ins Gespräch kam; jeder war für sich und doch bildeten sie alle zusammen das Bild einer großen Strandfamilie.

Es gab doch ein Paar, das immer wieder aufhorchte, als wir uns auf Polnisch unterhielten, oder zum Spaß einfach ein polnisches Wort fallen ließen, da schienen sie richtig aufzuwachen und mitzuhören. Wir achteten am Anfang nicht darauf. Irgendwann aber hörten wir, dass sie zueinander etwas auf Polnisch sagten. So grüßte ich sie am nächsten Tag auf Polnisch. Der Mann antwortete kurz aber mit starken französischem Akzent, so blieb die Konversation erst mal stecken. Als ich ins Wasser ging, war da auch die Frau, die ich auf Polnisch anzusprechen versuchte. Sie antwortete auch kurz angebunden, mit einem starken französischen Akzent. Die beiden weckten meine Neugier. Wir kamen jetzt regelmäßig an dieselbe Stelle am Strand, aber jegliche Versuche Kommunikation mit den beiden herzustellen, scheiterten.

Und wie das in der Bretagne häufig ist, änderte sich das Wetter plötzlich, so dass wir nicht mehr an den Strand gingen. An einem eher wolkigen Tag beschlossen wir dann, einen Ausflug zum Petit Mont Saint Michel zu machen; eine winzige Insel mit einer noch winzigeren Kapelle drauf. Bei der tiefsten Ebbe war die Insel zu Fuß zu erreichen, man musste alles gut planen, um trockenen Fußes zurückkehren zu können. Zu unserer Überraschung trafen wir auf der kleinen Insel ausgerechnet die beiden Strandnachbarn, die polnischen Franzosen, wie ich sie in Gedanken nannte. Wir grüßten uns, gingen in die Kapelle und setzten uns dann draußen zusammen auf eine steinerne Bank und schauten aufs offene Meer. Leider vergaßen wir dabei, dass wir eigentlich hätten sofort zurücklaufen müssen; das Wasser stieg jetzt sehr schnell, an Rückkehr war nicht mehr zu denken; und so saßen wir da und unterhielten uns, diesmal auf Französisch. Es stellte sich heraus, dass die beiden in Paris ein polnisches Ehepaar kennengelernt und sich mit ihnen angefreundet hatten – er konnte Polnisch wegen seines Berufes, Osteuropahistoriker an der Sorbonne, sie hat ihn bei den Archivreisen begleitet und immer wieder Polnisch Kurse belegt – die in zerfallenen Häusern wohnten, die der junge Mann renovierte, und dann mussten sie wieder umziehen, denn die renovierten Gebäude gingen an französische Käufer oder Mieter über. So zogen sie ständig um, und dabei waren es hoch gebildete Leute: sie Kunsthistorikerin und er Historiker. Da unterbrach ich sie unhöflich in meinem schlechten Französisch: „La dernière fois il ont abité à la Rue de la Roquette, n´est-ce pas?“

Wir verließen die Insel nach sechs Stunden, fast befreundet nach dem Motto:„die Freunde meiner Freunde sind auch meine Freunde“.