Die kleine große Welt (21)

Heute ist der 11. November, ein großer Jahrestag in der Geschichte Polens… 11.11.1918 ist der Polnische Unabhängigkeitstag. Der Text von Monika passt auch dazu. Alles was nach dem 11.11.1918 in Polen passiert ist, musste sich mit diesem Datum messen. Auch Solidarność.

Monika Wrzosek-Müller

Gdańsk und eigentlich Sopot, gesehen

Sie fuhr nach Gdańsk und eigentlich nach Sopot, da sollte ihr Mann einen Vortrag halten. Normalerweise machte sie das nicht, aber diesmal bedeutete die Reise für sie einen Ausflug in die Vergangenheit und in die Zukunft.

Die Vergangenheit offenbarte sich in Sopot, in den alten Villen, der Hauptstraße „Monte Casino“, die jetzt zwar sehr modern sein wollte, für sie aber voll von Bildern aus den alten Zeiten war. Die Stadt versuchte die Balance zwischen dem Neuen, Kommenden und ihrer mondänen Vergangenheit zu halten; nicht immer gelang das reibungslos und sie staunte über die Anhäufung von schlechtem Geschmack in der flächendeckenden Bebauung am Ende der Meile und der neuen, monströsen, erst im Entstehen begriffenen Station der S-Bahn mit der obligatorischen und allgegenwärtigen Einkaufsmeile. Doch die Mole und das Meer, dann auch die Hügel mit den Buchenwäldern im Hinterland entschädigten für Vieles und sie dachte, dass hier die ideale Lage für ein langes, glückliches Leben sei; zwischen zwei großen, pulsierenden Metropolen, der einen sogar mit einer langen, verwickelten aber, wie sie aus dem Vortrag ihres Mannes erfahren hatte, wunderbar alten Geschichte und entsprechend altem Stadtkern; alles verbunden mit einer Art S-Bahn, die die Massen ganz schnell von einer Ecke in die andere brachte. Diese S-Bahn, SKM, die alle Orte entlang der Danziger Bucht verband und Unmengen von Menschen beförderte, war für sie, wie ein Band, das sich nicht nur durch die geografische Weite, sondern auch in die zeitliche Tiefe schlängelte. Mit der Bahn war sie immer wieder gefahren, schon damals, bei den ersten Reisen nach Gdansk mit den Eltern und dann zu den Freunden nach Sopot und dann mit ihrem ersten, dann dem zweiten Mann und ihrem Sohn bei den Ausflügen nach Gdańsk. Sie war während des Kriegszustandes dort und vorher schon auf der Werft, bei den Streikenden, mit einem ARD Team, und immer wieder fuhr sie mit der S-Bahn. Es war eine geniale Verbindung, schnell, zuverlässig, sehr einfach, sich zu orientieren, immer noch, Gott sei Dank, nicht ganz modernisiert, manchmal quietschend, manchmal etwas schmutzig und schüttelnd, doch insgesamt ein wunderbares Verkehrsmittel, und da sie oben, d.h. oberirdisch fuhr, konnte man auch vieles sehen, ja besichtigen, bestaunen, wieviel sich änderte, auch drin die Leute beobachten, wie sich der Menschenschlag auf den längeren Strecken veränderte, an den Gesichtern abzulesen versuchen, was sie machten, wohin sie eilten, ihre Sorgen, kleinen Freuden, Langeweile und Hetze. Die jungen, frischen Gesichtern sehen, die überall in Europa fast gleich waren und die kleinen Unterschiede versuchen rauszukitzeln, was das Besondere in Polen, in Gdansk wäre, und mit Erstaunen feststellen: Wenn es um Mode ging, glichen sich die jungen Leute überall sehr.

Zum „Europäischen Zentrum der Solidarnosc“ musste man sich dann zu Fuß schwer durchkämpfen. Durch eine Wüste von Ruinen und chaotischer Bebauung, mit scharfen Winden, die plötzlich von einer Richtung in die andere wehten, gelangte sie an eine riesige, moderne Architektur, die sehr anders als alles rundherum war. Man konnte durch den alten Werfteingang auf die Rasenfläche um das Gebäude vordringen und sie dachte, früher gab es diese Rasenflächen nur um die großen Kirchen, die großen Kathedralen, das fanden die Menschen wichtig, die Kirche stand im Stadtzentrum. Jetzt breiteten sich große Flächen um die Museen, um die kulturellen Zentren, Einrichtungen, wohin die Menschen strömen sollten, konnten und, wie sie gesehen hatte, auch wollten.

Die Architektur war atemberaubend, es war alles durchdacht, es gab viele Ebenen und dahin führende Treppen, alles sehr spartanisch, industriell, funktional und doch beeindruckend. Sie erinnerte durch den Gebrauch von Cortenstahl für die Außenfassade an einen Schiffsrumpf, der im Entstehen begriffen war, mit der rostroten Farbe, der im Dock vor sich hin rostete, auch die Schrägen und Lichteinfälle dazu kamen ab und zu auf den dicken Taus hängende Elemente, das alles stammte aus der Schiffslandschaft. Innen war das Gebäude mehr als geräumig, riesig und luftig, im Hof mit Platz für viele Pflanzen. Ja, den Besucher empfing ein grüner, beleuchteter Garten Eden mit Bänken und Sitzgruppen zum Verweilen einladend, der im Kontrast zu den nackten, manchmal gläsernen Wänden stand. Rundherum und nach oben führten Eingänge, Rolltreppen und Korridore zu den Konferenz- und Bildungszentren, dem Archiv, der Bibliothek und den Cafés, zum Restaurant und zur Mensa; am Ende gab es auf zwei Ebenen, auf einer gewaltigen Fläche von 3 000 m², die Ausstellung über die Geschichte der Bewegung Solidarność, einführend auch über alle osteuropäischen Freiheitsbewegungen. Sie ging durch die Räume der Ausstellung wie betäubt, wollte auf den Fotos irgendwelche bekannte Gesichter finden, suchen; aber es war zu viel, zu gut inszeniert, so dass es einen in die erzählte Geschichte hineinzog.

Erst am Ende der Ausstellung, als sie die riesige Wand mit den weißen und roten Täfelchen, auf denen man sich verewigen konnte, und die als eine Art von Gästebuch funktionierte – dabei bildeten die Täfelchen die Kaligraphie des Wortes Solidarność – dachte sie, jetzt würde sie bestimmt bekannte Inschriften finden. Und siehe da: es gab tatsächlich mehrere von ihren Freunden, ihren Bekannten aus Warszawa, die ganz am Anfang, dem Tag der Eröffnung am 31 August 2014 die Ausstellung besucht und sich auf den Täfelchen verewigt hatten; und schon wieder wurde für sie die große Welt etwas kleiner, sicherer, eben heimischer.

Finissage

Lidia Głuchowska

Bunt, internationaler Expressionismus und die avantgardistische „Neue Welt“ – Finissage und Buchpräsentation im Kraszewski-Museum, Dresden

Sonntag, 8. November um 15.00 Uhr

Nur noch wenige Tage ist im Kraszewski-Museum, Dresden die Ausstellung Bunt – Expressionismus – Grenzübergreifende Avantgarde. Werke aus der Berliner Sammlung von prof. St. Karol Kubicki zu sehen.

Ab dem 26. November wird sie noch in Wrocław gezeigt.

Anlässlich der Finissage findet im Kraszewski-Museum, Dresden Vortrag und Führung von Dr. Lidia Głuchowska sowie die Präsentation der Begleitpublikation zur Ausstellung

10 Gluchowska Poet in TransituAuch wenn Expressionismus zumeist als eine „deutsche“ Stilrichtung bezeichnet wird, war der Radius seiner Wirkung durchaus viel breiter. Im Grunde entfaltete er sich international mit jeweils spezifischen lokalen Ausprägungen, häufig folkloristisch gefärbt, und verlieh der Idee der „neuen Staaten“ Ausdruck, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden war.

1a Gluchowska BuntKuratorin der Ausstellung und Autorin vor der Dokumentation der internationalen Vernetzung der Gruppe Bunt, Kraszewski-Museum, Dresden.

Foto: Mariola Nehrebecka

Das expressionistische Universum erstreckte sich von Skandinavien bis zum Balkan. Sein wichtigstes Zentrum in Polen wurde Poznań/Posen, wo die literarisch-künstlerische Gruppe Bunt (Revolte) und die Zeitschrift Zdrój (Quelle – 1917-1922) entstanden sind.

Der Sohn ihrer zweier Mitbegründer, eines deutsch-polnischen Künstlerpaares, Margarete und Stanisław Kubicki, hat sich entschieden, Werke der Posener Künstlervereinigung die nach ihren Berliner Ausstellungen in den Jahren 1918-1922 in der Sammlung seinen Eltern verblieben sind, den polnischen Museen zu vermachen. Dies war der Anlass, eine Wanderausstellung, auf der sie alle zu sehen sind, zu organisieren.

Die Gruppe Bunt, die Teil der transnationalen Kunstbewegung wurde, verkündete in ihren parallel auf Deutsch und Polnisch verfassten Manifesten die Utopie der avantgardistischen, grenzenlosen „Neuen Welt“. Die Fotodokumentation zur ihrer internationalen Zusammenarbeit der ist leider nur fragmentarisch erhalten. Aus ihrer Zeitschrift Zdrój und aus ihrem Briefwechsel ist jedoch bekannt, dass Kontakte mit Künstlerkreisen nicht nur in Deutschland gepflegt wurden, sondern auch in Frankreich, Belgien, Italien, Russland, Tschechien, Island und sogar Indien. Somit werden Initiativen der Künstlervereinigung von eindrucksvoller Reichweite bestätigt, die auch alle drei damaligen Teilungsgebiete Polens miteinbezogen. Diese wird ebenfalls durch die Publikationen in solchen expressionistischen Kunstzeitschriften wie Die Aktion, Der Sturm, Der Weg oder Die Bücherkiste bestätigt.

2 Skotarek BuntPlakate der ersten Ausstellung der Gruppe Bunt (Revolte) in Poznań/Posen 1918 sowie expressionistische Linolschnitte von Władysław Skotarek , darunter Schrei und Panik, inspiriert vom Schrei Edvard Munchs

Die Bunt-Mitglieder verewigten nicht einmal ihre erste Ausstellung, die als strategischer succès du scandale gilt und deren Aura den Veranstaltungen der Zürcher Dadaisten und Modernisten in Paris gleichen sollte. Das einzige Foto, welches das Zentrum ihrer Tätigkeit dokumentiert – den Gutshof des Verlegers der Zeitschrift Zdrój Jerzy Hulewicz in Kościanki – zeigt diesen nur in Begleitung ihrer ersten informellen Herausgebers, Stanisław Przybyszewski, der seinerzeit in Berlin als der „geniale Pole“ bezeichnet wurde. Dieser hat allerdings in Berlin 1894 die erste Monographie über den Urexpressionisten Edvard Munch und somit auch die erste Theorie des Expressionismus verfasst.

3 Przybyszewski HulewiczStanisław Przybyszewski und Jerzy Hulewicz vor dem Porträt Przybyszewskis aus der Hand von Jerzy Hulewicz. Kościanki, Wielkopolska [Großpolen].
Aus: Stanisław Przybyszewski, Listy, Hg. v. Stanisław Helsztyński, Bd. 2., Warszawa/Gdańsk 1938.

Ein groteskes Anti-Gruppenbildnis ist wiederum das Foto von den Separatisten des Kongresses Internationale Union fortschrittlicher Künstler in Düsseldorf im Jahr 1922, an dem Margarete und Stanisław Kubicki teilnahmen. Hier ist der spiritus rector des radikalen Flügels der Künstlervereinigung Bunt unter den wichtigsten Vertretern der internationalen Avantgarde zu sehen.

Dem Ex-Dadaisten Raoul Hausmann gelang es wiederum mithilfe von Licht-Schaffen-Effekten das expressionistische Linolschnittbildnis von Kubicki nachzuahmen.

4 Separatysci Hausmann

Links: Separatisten des Kongresses der Union Fortschrittlicher Internationaler Künstler, Düsseldorf, 1922 Stanisław Kubicki (sitzend), Franz W. Seiwert, Hannah Höch, El Lissitzky, Otto Freundlich, Ruggero Vasari, N.N., Nelly van Doesburg, Cornelis van Eesteren, Hans Richter, Theo van Doesburg, Raoul Hausmann, Werner Graeff.
Foto: Retina, aus: Central European Avant-Gardes: Exchange and Transformation, 1910-1930, Hg. Timothy O. Benson, Cambridge 2002, S. 35
Rechts: Raoul Hausmann, Korb mit Lampe, 1930, Fotografie, Privatsammlung von Prof. St. Karol Kubicki, Berlin. Foto: Mariola Nehrebecka

Ein im Privatarchiv Kubickis erhaltenes Foto der Gruppenmitglieder von Jung Jiddisch aus Łódź bestätigt die Einbindung von Bunt in das multikulturelle künstlerische Leben Polens nach dem ersten Weltkrieg. Suggestiv wirken auch die Porträts einiger Künstler beider Vereinigungen aus der Serie Menschen des 20. Jahrhunderts von August Sander, gestaltet in der Konvention der Neuen Sachlichkeit. Von Hausmann wurde Kubicki nicht nur porträtiert. Zusammen mit ihm realisierte er auch Fotoexperimente, deren Dokumente zwei in seinem Atelier entstandene und in seinem Nachlass erhaltene Aufnahmen, mit dynamisch und abstrakt wirkenden Formen bilden.

5Hausmann IdyszRechts: Marek Szwarc, Moses Broderson und Jankiel Adler präsentieren das zweite Heft ihrer Zeitschrift Jung Idysz (Jung Jiddisch) 1919, Nr. 2–3. / Links: Raoul Hausmann, Korb mit Lampe, 1930. Foto: Lidia Głuchowska

1926 in Berlin führte Kubicki in Berlin Gespräche mit dem polnischstämmigen Vertreter der russischen Avantgarde, Kasimir Malewich. Diese desillusionierten ihn endgültig zur Idee der „proletarischen Kunst“, was in seinen Beiträten in der Kölner Kunstzeitschrift a bis z zum Ausdruck kam. Diese wurde von der Gruppe progressiver Künstler herausgegeben, mit der die Kubickis zwischen 1923 und 1933 zusammen ihre Werke ausstellten. 1929 wurde Kubicki auf Empfehlung ihres Wortführers, Franz Wilhelm Seiwert, vom Hoffotografen der Progressiven, August Sander, in der Berliner Hufeisensiedlung auf einen für dessen Serie Menschen des 20. Jahrhunderts bestimmten Porträt verewigt.

6 Malevich Kubicki SanderLinks: Kasimir Malewitsch und Tadeusz Peiper in Berlin, Frühling 1927, Fotografie gesendet als Postkarte an Jalu Kurek in Krakau, aus: Andrzej Turowski, Malewicz w Warszawie, Kraków 2002, S. 212. /Rechts: August Sander, Der Maler (Stanislaw Kubicki), 1929, Privatsammlung von Prof. St. Karol Kubicki, Berlin. Foto: Mariola Nehrebecka

Wie ein Memento Mori an die nationalsozialistische Ära und an die Verbannung der sg. ‚entarteten Kunst’ aus dem offiziellen Kunstleben wirken Fotografien von Skulpturen Weiblicher Torso von Otto Krischer sowie Mutter und Kind von Pola Lindenfeld, welche von SA und SS während der Durchsuchungen im Berliner Haus der Kubickis zerstört wurden.

7 Kirscher LindenfeldOtto Krischer, Weiblicher Torso, ca. 1919 (links) und Pola Lindenfeld, Mutter und Kind, Gips, ca. 1922 (rechts).
Fotografie der Plastiken aus der Privatsammlung Kubicki die von den Nazis im Rahmen der Aktion ‚entartete Kunst’ vernichtet wurden. Foto: Lidia Głuchowska

Das nur noch von einer alten Postkarte bekannte Denkmal Zum ewigen Andenken an Józef Piłsudski, das einzige klassizistische Werk im Œuvre von Kubicki, bezeugt nicht nur den Kult um den polnischen Staatsanführer angesichts der wachsenden Stärke des sowjetischen und nationalsozialistischen Totalitarismus, sondern erinnert auch die Affinität der Bunt-Künstler zur Idee der Vereinigung Polens im Geiste seiner Politik während des Ersten Weltkrieges. Es veranschaulicht auch die Ambivalenz ihrer Selbstidentifizierung, die zwischen romantischer Begeisterung für den 1918 entstandenen polnischen ‚neuen Staat’ einerseits und avantgardistischer Utopie der internationalen ‚Neuen Gemeinschaft’ andererseits schwankte.

9 Kubicki PilsudskiStanisław Kubicki, Denkmal Zum ewigen Andenken (1935–1939) an Józef Piłsudski und seine Legionäre aus der Gemeinde Kobylepole, die in den Jahren 1919–1920 gefallen sind. Park des Palastes vom Grafen Stanisław Mycielski in Kobylepole. Denkmal vernichtet in den 1940ern.

Kubicki war nicht nur ein bildender Künstler, dessen Werke eine besondere geometrische Stringenz aufweisen, sondern auch ein Kunsttheoretiker und Dichter. 1918-1921, am Ende des Ersten Weltkriegs und in den Folgejahren verfasste er seine expressionistischen, manifestartige Poemen zugleich auf deutsch und polnisch, womit er seinen Beitrag zum avantgardistischen Internationalismus geleistet hat. Mit dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs schloss er sich der der polnischen Widerstandsbewegung an und wurde 1942 von der Gestapo ermordet, womit er die Wahrheit seiner eigenen Aussage „Nicht unsere Werke sind wichtig, sondern das Leben“ bestätigt hat.

11 Gluchowska Bunt EkspresjonizmWenn nicht anders beschrieben, stellen Fotos in diesem Beitrag Fragmente des Arrangements der Ausstellung Bunt – Expressionismus – Grenzübergreifende Avantgarde im Kraszewski-Museum, Dresden

Mehr zum Thema in: Lidia Głuchowska (Hg.): Bunt – Ekspresjonizm –Transgraniczna awangarda / Bunt – Expressionismus – Grenzübergreifende Avantgarde, Poznań: Muzeum Narodowe, 2015

Brückner raz jeszcze / Wieder Prof. Brückner

Ewa Maria Slaska & Roman Brodowski

Dzień zmarłych / Allerheiligen

Zaproszenie3-malePo polsku pisałam już TU o profesorze i jego grobie na Cmentarzu Parkowym Tempelhof, a TU i o grobie, i o naszej wspólnej wizycie tam przed rokiem.

ambasada4Über Professor Brückner und sein Grab

Zünden wir wieder die Grabkerzen.
Lassen wir unsere Erinnerungen frei.
Die Gestorbenen “leben” nur so lange, wie lange wir uns an sie erinnern.

Liebe Freunde,

heute ist der Tag der Allerheiligen, der Tag an dem die Katholiken ihren Gestorbenen gedenken.
Wie jedes Jahr werden wir heute die Gräber unserer Nächsten besuchen, uns an sie erinnern, an die Zeit denken, als sie noch unter uns weilten.
Wir sollen uns aber auch an die Menschen erinnern, die längst vergessen wurden.
Für uns, Polen in Berlin, ist Professor Aleksander Brückner solch ein Mensch. Der Linguist, Humanist, Historiker. Fast 60 Jahre lebte er in Berlin, 44 Jahre leitete er das Slawistik-Institut an der Humboldt-Universität, das er als junger Wissenschaftler gegründet hatte. Er hatte 600 Bücher auf Deutsch un Polnisch verfasst und unzählige Artikel, Kritiken, Besprechungen. Gestorben 1939, wurde er allmählich vergessen, bis wir, die Polen in Berlin, uns an ihn erinnerten und ihn in die kollektive deutsche und polnische Gedächtnis wieder rückten. Seit vielen Jahren besuchen wir sein Grab. Manchmal geht nur eine von uns hin, manchmal zwei, letztens sind wir aber immer mehr.

Auch dieses Jahr gehen wir wieder hin. Wir treffen uns am Sonntag, den 1. November um 11 Uhr unten in der U-Bahn-Station Ullsteinstrasse.

ambasada2 ambasadaUnd so war es. Kwiaty ufundowała Ambasada Polska w Berlinie.

brucknerFotos Ania /1. November 2015

Tu i tam. Hier und Dort.

Małgorzata Kowalska

Mam kuzynkę, która tak się nazywa. Ale to nie ona. Gdy szukam teraz tej innej Małgorzaty Kowalskiej w internecie, znajduję aktorkę. Dodaję więc słowo malarka  i znajduję… inną malarkę. Dodaję, że z Torunia i znajduję… inną Małgorzatę Kowalską. Przypominam sobie, że mieszka na wyspie, dopisuję więc nazwę wyspy i wujek google wyszukuje… reumatolożkę. Jest jeszcze pani profesor, znakomitość europejska. Przestaję szukać. Chyba trzeba by zaproponować artystce znany i szanowany pseudonim: Hermenegilda Kociubińska. Małgorzata Kowalska brzmi lepiej, ale Hermenegildy nikt nie pomyli. No i ma dwie torebki.

Lucyna Viale o Małgorzacie Kowalskiej

Urodziła się 41 lat temu w Toruniu. Studiowała malarstwo u Profesora Lecha Wolskiego na Uniwersytecie im. Mikołaja Kopernika.

Od roku 2003 pracuje jako projektantka i dekoratorka wnętrz dla instytucji państwowych i firm prywatnych, w czym wykorzystuje elementy inspirowane malarstwem i grafiką. Jej prace znalazły miejsce w wielu pomieszczeniach przez nią zaprojektowanych.

Przed dwoma tygodniami przyszlo na świat jej pierwsze dziecko.

Wystawa w Berlinie w galerii art.endart  jest pierwszą wystawą indywidualną Małgorzaty Kowalskiej. Pomysł wystawy powstał przed dwoma latami, gdy artystka zaczęła żyć w dwóch miejscach. W Polsce mieszka w małej osadzie na wyspie Chrząszczewskiej kolo Kamienia Pomorskiego, w Niemczech – w Berlinie. Artystka przelała na płótno swoje przemyślenia, obawy i rozterki związane z  podjęciem decyzji, gdzie jest jej miejsce. Polska czy Niemcy? Wyspa, spokój, natura, wolno biegnący czas czy Berlin – wielkie miasto, hałas, tłok, pośpiech i dużo konfliktów międzyludzkich? Jeszcze tego nie wie na pewno.

Nic dziwnego, że jej najnowsza wystawa nazywa się TU I TAM,TAM I TU.

Zdjęcia – sieć, Tomasz Fetzki

Liebe Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,

wir laden ein zur Vernissage!

DORT UND HIER, HIER UND DORT
Malerei von Małgorzata Kowalska
Ausstellung von 30.10 bis 15.11.2015
Vernissage am 30.10.2015 um 19.00.Uhr
Projektraum „art.endart“
Drontheimer Str. 22
13359 Berlin

Dort und Hier

Die kleine große Welt (20)

Monika Wrzosek-Müller

Der Tarot Garten der Niki de Saint Phalle

Sie wollte eigentlich von dem Skulpturengarten in der Toskana berichten, von dem Weg dahin, von ihrer Enttäuschung – und dann nach einem Gespräch mit einer Freundin hielt sie inne, schaute tiefer und fand viele Gesichter des Gartens, die sie vorher nicht gesehen hatte.

Den Garten wollte sie natürlich sehen, er war schon eine Berühmtheit und in der westlichen Welt so etwas, wie ein Muss, wenn man in der Gegend war. Sie kurvten und wendeten, um den Weg zu finden, ziemlich lange; die bescheidenen Hinweisschilder waren rar. Sie kamen von der falschen Seite, nicht von dem wunderschönen Städtchen Capalbio, das oben auf einem Hügel thronte und es mit seinen mittelalterlichen Mauern mit Monterregioni aufnehmen konnte, oder vielleicht sogar noch reizvoller war, mit dem Blick aufs breite, weite Meer. Aber sie kamen an und hatten, stellte sich heraus, wenig Zeit; der Garten wurde schon um 18.00 Uhr geschlossen, es war September.

Immer wieder hatte sie sich nach ihrer Ankunft im Westen konfrontiert gesehen mit dem westlichen Feminismus, mit dem sie nicht viel anzufangen wusste und den sie am Anfang in der BRD mit einem ziemlich schlampigen Stil der Kleidung assoziiert hatte, mit Stricken in den Hörsälen der Universitäten und dem Fehlen von Frauen in den oberen Chefetagen, vielleicht auch mit der Zeitschrift „Emma“ und der Person Alice Schwarzer. Für ihre Generation aus Polen, die der Töchter von Müttern, die alles schmissen: den Job, die Versorgung des Haushalts, Klavierspielen und eine gewisse Intellektualität, wenn die Zeit dafür reichte, waren die Kämpfe der Frauen hier anfänglich irgendwie lächerlich und auf jeden Fall unverständlich. Allmählich ging ihr auf, dass in der Welt des Geldes die Sachen sich anders gestalteten, und irgendwann etwas später, auf einer Konferenz im südenglischen Harrogate, bei einem Panel über Frauen in der polnischen Opposition, verstand sie, dass ihre Mutter zwar alles bewältigt hatte sich aber ihres Werts keineswegs bewusst gewesen war, und eigentlich auch keine Feministin. Den „kleinen“ Unterschied zwischen den Feministinnen und den überlasteten, chronisch kranken und überarbeiteten Frauen in ihren vielfältigen Berufen in den sozialistischen Ländern lernte sie erst allmählich.

An das alles dachte sie nicht, als sie durch den Garten an der Grenze zwischen Toskana und Latium ging; das kam erst später nach dem Gespräch mit Andrea. Danach hat sie sich über die Künstlerin, Niki de Saint Phalle informiert, über ihr Leben und den Fluch, der sie verfolgte, und den Segen der Kunst, der ihr erlaubt hatte, so zu leben, wie sie wollte, Kunst als Lebensprinzip zu kultivieren. Vor allem berührt hatte sie die Schönheit der Künstlerin, die aus den Fotos von ihr sprach: das feine filigrane Gesicht und die schlanke Figur, die Schönheit, die im Wiederspruch stand zu den von ihr dargestellten groben, fleischigen, rundlichen und manchmal fast vulgären Frauenfiguren. Ihre „Nanas“ waren für viele Frauen in der alten BRD ein Inbegriff des Feminismus; die bunten Gestalten sah sie einmal auf einer Reise nach Hannover, auch in Bonn, auch die riesige, viele Meter lange Figur von Hon vor dem Moderna Museet in Stockholm.

Doch da in der Toskana, an dem schönen Abend, erschienen ihr die Figuren zu grell, zu bunt, zu aggressiv und demonstrativ, ganz anders als die Umgebung; der Hinweis der Künstlerin auf die Verbindung und Inspiration bei Gaudi und Hundertwasser fand sie nicht gerecht, weil die beiden tief mit den Städten verbunden waren, für die oder wo sie ihre Werke schufen. Sowohl der Park Güell in Barcelona als auch das Elektrizitätswerk in Wien waren jeweils für den Standort errichtet, nicht austauschbar, verwurzelt und einmalig. Den Tarot Garten konnte sie sich dagegen in der Gegend um Berlin auch gut vorstellen; würden die Menschen nicht auch dahin strömten, um sich die wunderbar farbigen, bunten, fröhlichen Figuren anzuschauen? Das Argument, dass diese sich mit der männlichen Welt der italienischen Provinz auseinandersetzten, nahm sie nicht ab. Sie existierten für sich, im Kreis der 22 Figuren der Tarot Karten, das große Arkanum des Spiels, mit einigen Tiergestalten, Wohnensembles dazu. Zwar waren wie immer ihre Geschlechtsteile gut sichtbar und überdimensional, aber das war der Stil der Künstlerin.

Nun war sie aber drin und ging hinter Familien mit vielen Kindern her, die vor Freude und Erregung bei so viel Farbe, Spiegel und Spiegelung quietschten. Sie spielten mit den Tieren, ließen sich fotografieren, drauf, drunter und daneben. Überhaupt war der Garten für selfies wie geschaffen, animierte, die Posen der Figuren einzunehmen, sich zur Schau zu stellen. Sie bewunderte die unheimliche Arbeit, die feine und genaue Ausführung, die Fantasie der Künstlerin. Es war zugegeben schwerste Arbeit, die riesigen Figuren zu schaffen, zuerst aus einem Geflecht von Eisengittern, dann mit Beton zu bespritzen; erst danach kamen die Keramikfliesenarbeiten oder die Bemalung. Die oft verwendeten Spiegelscherben funkelten und spiegelten das Licht der untergehenden Sonne wunderbar, die Farben waren frisch und kräftig, lebendig, wie gerade aufgetragen. Je nach dem Licht der auf- und untergehenden Sonne konnte man unheimliche Fotografien machen, mit Farben, die aus einer ganz anderen Welt waren; wahrscheinlich, dachte sie, musste man sich da etwas länger aufhalten, um den Charme und die Seele des Gartens zu ergründen und ihm zu erliegen. Die Künstlerin selbst verstand den Garten als einen meditativen Ort und zum Tarot-Spiel sagte sie sehr klug einmal: „Das Leben ist wie ein Kartenspiel, wir werden geboren, ohne die Regeln zu kennen, aber jeder von uns muss mit dem Blatt spielen, das er bekommt.“

Zu Hause in Berlin stellte sie herrlich gelbe Sonnenblumen in eine prachtvolle Vase einer schweizerischen Künstlerin, der Mutter einer Freundin, die in Massa Marittima lebt und dort ihre wunderschönen Keramikarbeiten herstellt – eine einmalige Vase, die mit kleinen sich spiegelnden, gelblich-goldenen und burgunder-rostroten Mosaiksteinchen ausgekleidet ist.

Eine Lesung “vom Blog”

monika-einladungDie kleine große Welt

Lesung mit Monika Wrzosek-Müller

20.10.15 | 19 Uhr | RegenbogenCafé

Lausitzer Straße 22
10999 Berlin

Geboren bin ich in Warschau, noch in den Kinderboom-Jahren, was zur Folge hatte, dass es überall eng war, die Aufnahmeprüfungen für die Oberschule oder an der Uni. Nach turbulenten Jahren in Warschau; Mitgliedschaft bei der Solidarność, Arbeit im Polnischen Fernsehen, Entlassung nach Verifikationsgesprächen, siedelte ich 1984 in die BRD erst nach Frankfurt/Main dann nach West-Berlin. Hier habe ich zwei Jahre Kunstgeschichte studiert. Einige Jahre arbeitete ich im Polnischen Kulturzentrum in Berlin und längere Zeit unterrichtete ich Deutsch als Fremdsprache für Ausländer in der VHS Neukölln. Immer wieder übersetzte ich auch längere Texte und Bücher aus dem Polnischen ins Deutsche z. B: Solidarność, Geschichte einer Gewerkschaft, Die zwei Köpfe des Adlers…
Es folgte ein vierjähriger Aufenthalt in Italien, der mein Leben erleuchtete und wärmte. Zurück in Deutschland lebte ich längere Zeit in Kleinmachnow und beschäftigte mich mit Yoga, ich absolvierte auch eine vierjährige Yoga Ausbildung, mehrere Reisen nach Indien und Sri Lanka. Bis jetzt unterrichte ich Yoga an verschiedenen Stellen. Ich bin verheiratet und habe einen Sohn.
Geschrieben habe ich eigentlich schon immer; auf Deutsch bewusst und persönlicher erst in der Abschlussarbeit für die Yoga Ausbildung. Einen Ansporn meine Gedanken wirklich niederzuschreiben gab mir Ewa, indem sie mir ein Plätzchen in ihrem Blog einräumte. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass die Texte alle auf Deutsch aus mir herauskamen:

Und wie immer war die Überfahrt (nach Kladow zum Yogafestival) ein Erlebnis für sich; sie war in ihrem Kopf noch Meilen von dem Yoga Event entfernt; schaute verträumt um sich herum, auf das Wasser, die vielen Boote, die bewaldeten Ufer des Wannsees; die schöne Seite von Berlin stimmte sie melancholisch. So lange kämpfte sie schon mit sich um ihren Platz in diesem Berlin und den Platz von Berlin in ihr; es war unendlich schwer das zu verbinden, sich zu finden als Mensch, als Ehefrau, als Mutter, als Fremde, als Germanistin, als Arbeitskraft, als Yogalehrerin, als Übersetzerin und als Deutschlehrerin. Immer wieder nagte das Gefühl an ihr, nicht dazu zu gehören, etwas verpasst zu haben; sich nicht einmischen zu wollen, das Leben von außen zu betrachten, nicht bemerkt zu werden und nicht das eigentliche Leben zu leben. Es lag an ihr, der langsame passive Gang ihres Lebens, sich vorwärts schaukeln, wie die Wellen nach vorne rollen und schnell wieder zurückkehren, sich zurücknehmen, was man schon erreicht hat, zerstören. Die Überfahrt war lang und doch kurz oder genau richtig, um nicht zu lange grübeln zu können.

Eintritt frei – Spenden willkommen.

Eine Veranstaltung von Blog ewamaria2013 & Regenbogenfabrik

Berlin for everybody

It is well known, that we are living in the city which is dirty and ugly, but, alas!, everybody wants to live here. And everybody important lives here or at least comes to visit us. We can do nothing, everything will be done for us. Look, just now, next week, comes my favorite German journalist, Meike Winnemuth, in November Ai Weiwei  (yes yes THAT! Ai Weiwei) and in one month Miranda July… He comes for one year, they just for one day…

Meike Winnemuth

dressmeikeShe is a very funny girl. She spend one year in one blue dress and wrote a book about it. So funny!

In a year 2010 she took part on TV Programmm Who becomes a millionaire?, got really half a million euro, took the money and spend one year living every month in another big city all over the world. And of course she wrote a book about living one year in the world. So funny!

I wrote about it HERE.

Now she does nothing! And she wrote a boook about it. So funny!

You will meet her:

Wed, 21. Oktober 2015 – 20:00

Babylon
Rosa-Luxemburg-Str. 30

10178 Berlin

Tickets (ach!) 12 €

Just go!

Ai Weiwei

12141735_993862160635176_394371024703387085_nI am not very fond of him though I know to appreciate his doings and deeds. He is a hero, it is interesting to meet a hero. One does not have many occasions like that in one’s life.

Sun, 1st of November 17:00

Konzertsaal der UdK
Hardenbergstraße 33
10623 Berlin-Charlottenburg

There are no tickets any more, so do not try to go! But there will be a live video stream at www.livestream.udk-berlin.de – in German, English and Chinese.

Miranda July

She comes tu Huxleys New World to present her new book:
“Der erste fiese Typ”.

Moderation: Thomas Böhm
German voice: Tatiana Nekrasov
Presented by Verlag Kiepenheuer & Witsch and BUCHBOX! bookstores
The event will be in German and English

Miranda July Fr, 13.11.2015  at 20:00
Huxleys Neue Welt, Hasenheide 107, 10967 Berlin

Tickets, ach, 17,5 €

Buy the tickets and go!

Die kleine große Welt (19)

Monika Wrzosek-Müller

Monte Argentario

Sie war wieder im Paradies gelandet – zwischen den Grabmälern (tombe) der Etrusker, römischen Ruinen oder eher Ruinen einiger römischen Städte auf den Hügeln und in den küstennahen Ebenen. Daneben gab es Lagunen; die östliche Levante, in der das Meerwasser überwog, und die Westliche Ponente mit dem Süßwasser, wo sich mehrere Fischbecken und eine Fischfarm fanden und das Wasser leider die Gerüche der sich in engen Becken tummelnden Fische weitergab und die Lust, diese dann abends zu essen, etwas verdarben. Doch von oben, von dem Hügel einer antiken römischen Stadt, sah alles aus wie ein Traum, das Wasser in drei, eigentlich vier Farben, das offene Meer und die beiden Lagunen; die eine dunkel, morastig, verdunstend und die andere grün, grünlich, aber bewegt und das Meer blau, mit Schaumkronen auf den Wellen. Bei näherer Betrachtung waren selbst die beiden Meere verschieden, unterschiedlich das Wasser; das eine klar und durchsichtig, das andere mit Sand aufgemischt, gelblicher; alles durchbrochen mit langen Linien vom Grün der Pinienwälder, das sie an das Grün der indischen Teeplantagen erinnerte, und Schilf und Macchia, und der lange gelbe Streifen des Sands der Strände. Dahinter ragte der große Monte Argentario, von dem der Blick über die vielen Meere und die kleinen Inseln frei gleiten konnte. Es war ein Paradies für Menschen und Tiere, sorgsam vor den nachlässigen und, wenn es um die eigene Mühseligkeit und Bequemlichkeit ging, überaus toleranten Italienern geschützt und bewacht, ein Naturreservat, ohne die üblichen kleinen Umwege und größeren Wege, auf denen man doch mit einem Auto oder Motorino durchschlüpfen konnte; nur Fahrräder waren zugelassen; die konnte man sich ausleihen und die sechs Kilometer lange Pineta entlang radeln. Selbst die Zahl der streuenden Hunde und Katzen war begrenzt, genauso die Zahl der immer wieder an den Stränden wandernden Schwarzen, die verschiedensten Waren anboten. Doch sie waren vorhanden und machten aus dem Paradies ein purgatorio, ein Fegefeuer, wo die Versuchung groß war, immer mehr, immer neue Sachen zu kaufen, zu haben, und die Menschen in den Bars und in den Restaurants konnten es nicht lassen und kauften und redeten sich ein, sie würden den Bedürftigen damit helfen und ihr Gewissen etwas damit beruhigen und die andere Welt vergessen, die aber immer wieder an ihre Türen klopfte.

Sie war diesmal fest entschlossen, die Reste der alten Kulturen zu sehen; die geheimnisvollen Etrusker mit den stolzen Römern, die beiden antiken Kulturen, die sich hier immer wieder mischten und ergänzten. Von den Etruskern hatte man hauptsächlich die Nekropolen in Hülle und Fülle, die Sarkophage schmückten jedes größere Museum oder gar Rathaus, Rathausplatz oder andere wichtige Plätze; die Nekropolen lagen ausgebreitet auf weiten Flächen, darüber gingen dann irgendwann doch die Römer mit ihren breiten, mit Basalt gepflasterten Straßen, schufen weite Konstruktionen ihrer Städte, mit herrlichen Villen, mit Thermen und Küchen, mit Aquädukten, die das Wasser aus entferntesten Gegenden brachten, mit Tempeln und Foren, wo sich die Bürger versammelten. Man konnte die Übergänge oder besser das Zusammenleben der Kulturen sehen, beobachten, wer was von wem genommen, übernommen hatte, vervollständigt und nützlicher gestaltet. Es waren überschaubare Flächen, man konnte sie an einem Tag ablaufen, und sich dann im Stillen immer wieder wundern, wieviel Aufmerksamkeit diese alte Kultur der Etrusker ihren Toten widmete; die imposanten Skulpturen auf den Deckeln der Sarkophagen mit den auf einer Seite, in einer völlig unbequemen Pose liegenden Gestalten bewundern: die eine Hand vor dem Körper ihn abstützend, die andere auf der Hüfte, auf der Seite liegend. Es waren sowohl Männer als auch Frauen, reich gekleidet, in wallenden Gewändern, beide Geschlechter gleich zahlreich repräsentiert; eine der wenigen antiken Kulturen, in denen die Frauen die gleichen Rechte wie die Männer zu haben schienen, was selbst bei der Ausschmückung der Gräber zum Ausdruck kam.

Sie hatte den Eindruck, sie luden ein in ihr Reich, ihre Welt der Toten ein, verströmten steinerne und ewige Ruhe. Es gab so viele von den Skulpturen, dass man sich fragte, wie wohlhabend diese Gesellschaft gewesen sein musste, um sich solche Art von Gräbern leisten zu können. Wie gut oder schlecht ging es dann den Lebenden? Es gab auch bescheidenere Varianten der Gräber, die wie große steinerne Pilze aussahen. Sie standen zusammen auf größeren Flächen, runde wunderbar bearbeitete Steine, die auch etwas Tröstendes und Solides ausstrahlten. Diese ferne Welt der Toten, versteinert und in sich ruhend, verschaffte ihr ein wohliges Gefühl von Ruhe und Kühle, brachte Ablenkung und Abstand von der realen, sehr chaotischen Welt, die zu ihr aus den Bildern und Texten der Zeitungen vordrang und sie erschütterte.

In der globalen realen Welt gerieten die Massen der Flüchtlinge in Bewegung, sie waren nicht mehr zu stoppen, nicht mehr zu lenken; die Menschen kämpften um ihr Überleben, sie wollten ihr erbärmliches Schicksal nicht mehr ohne Gegenwehr ertragen; sie flüchteten vor der Unmenschlichkeit, dem Krieg, den Diktaturen. Das Erstaunliche dabei war nur: Warum passierte das in diesem Moment, als ob alle auf einmal bemerkt hätten, wie schlecht es ihnen ging und wie wenig sie dagegen in ihren jeweiligen Ländern tun konnten. Die Bilder der Menschen eher der Menschenmassen, die die provisorischen Zäune in Serbien und die solideren in Ungarn passierten, auf Bahnhöfen in die Züge drängten, erfüllten sie mit Angst. Sie konnte kaum glauben, dass sie alle jetzt, hier Hilfe benötigten; vielleicht wollten sie ihre Welt verändern oder an dieser heilen Welt wenigstens teilhaben.

Sie versuchte in den antiken Welten Ruhe und Antworten auf die vielen sich drängenden Fragen zu finden, wie lebten damals die Menschen zusammen; was verbindet die Menschen, was teilt, wie schafft man Harmonie, Wohlgefühl im Leben? Es gab natürlich keine Antworten; die steinerne Welt ruhte in verstaubten Räumen und auf den weiten Feldern der Steine und die neue schien erst den Anlauf zu nehmen, und es war nicht klar, wohin sie steuerte.

 

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Literatur-Nobelpreis geht an Swetlana Alexijewitsch

08.10.2015, 19:36 Uhr | dpa

Literatur-Nobelpreis 2015: Swetlana Alexijewitsch ausgezeichnet. Die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch. (Quelle: dpa)

Die Schriftstellerin und Journalistin Swetlana Alexijewitsch (67) wurde mit dem diesjährigen Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Das gab die Schwedische Akademie in Stockholm bekannt. Die Weißrussin bekam den Preis für ihr “vielstimmiges Werk”, welches “dem Leid und dem Mut unserer Epoche ein Denkmal” setzt.

Verliehen wird die mit 8 Millionen Schwedischen Kronen (etwa 850.000 Euro) dotierte Auszeichnung traditionell am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, in der schwedischen Hauptstadt.

Das moralische Gedächtnis des zerfallenen Sowjetimperiums

Alexijewitsch ist mit einem ganz eigenen literarischen Stil zum moralischen Gedächtnis des zerfallenen Sowjetimperiums geworden. Sie hat mit ihren Collagen das Leid, die Katastrophen und den harten Alltag der Menschen in ihrer Heimat aufgearbeitet. 2013 erhielt sie dafür den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Alexijewitschs Werke sind “Romane in Stimmen”. Erstmals wandte die gelernte Journalistin ihre literarische Methode 1983 im Buch “Der Krieg hat kein weibliches Gesicht” an. Mit Interviews dokumentierte sie das Schicksal sowjetischer Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg.

Porträts von Tschernobyl-Überlebenden

Für “Zinkjungen” (1989) sprach sie mit mehr als 500 Veteranen des sowjetischen Afghanistan-Feldzugs und Müttern gefallener Soldaten. Genauso porträtierte sie 1997 die Überlebenden der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Als ihr Großwerk gilt “Secondhand-Zeit” von 2013 – eine Sammlung von Stimmen über die erschütternden Erfahrungen des kommunistischen Experiments in der Sowjetunion.

Alexijewitsch wurde am 31. Mai 1948 im westukrainischen Stanislaw (heute Iwano-Frankowsk) geboren. Sie arbeitete nach einem Journalistik-Studium zunächst bei einer Lokalzeitung sowie als Lehrerin. Da sie unter dem autoritären Regime in Weißrussland öffentlich kein Gehör fand und ihre Werke nicht verlegt wurden, hielt sie sich viele Jahre im Ausland auf.

2011 zog sie trotz ihrer oppositionellen Haltung zurück nach Minsk. “Ich will zu Hause leben, unter meinen Leuten, meinen Enkel aufwachsen sehen”, sagte sie. Außerdem sei Quelle ihres Schaffens immer das Gespräch mit den Menschen gewesen. “Und das kann ich am besten hier und in meiner Sprache”, sagt Alexijewitsch.

Im vergangenen Jahr hatte die Nobel-Jury den Franzosen Patrick Modiano (70) für seine “Kunst der Erinnerung” geehrt, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen habe. Letzte deutschsprachige Preisträgerin war Herta Müller im Jahr 2009.

Zahlen und Fakten rund um den Literaturnobelpreis

Seit 1901 ist der Nobelpreis für Literatur bisher 107 Mal verliehen worden. Einige Zahlen und Fakten:

  • Es dominieren Preisträger aus dem westlichen Kulturraum. Führend ist Frankreich mit 15 Literaten. In den deutschsprachigen Raum ging die Auszeichnung bisher 13 Mal.
  • Nur viermal mussten sich zwei Autoren den Preis teilen, zuletzt 1974 die Schweden Eyvind Johnson und Harry Martinson.
  • Das Durchschnittsalter der Geehrten beträgt 65 Jahre. Der jüngste ist bisher Rudyard Kipling (“Das Dschungelbuch”), der 1907 mit 42 Jahren ausgezeichnet wurde. Doris Lessing war dagegen schon 88 Jahre, als sie 2007 den Preis erhielt.
  • 13 Frauen haben bisher den Literaturnobelpreis gewonnen.
  • Zwei Autoren mussten oder wollten verzichten: der Russe Boris Pasternak, dem die Auszeichnung 1958 zugesprochen worden war, und der Franzose Jean Paul Sartre 1964.
  • Niemand hat mehr als einmal den Nobelpreis für Literatur erhalten. (Aber in anderen Sparten schon – Marie Skłodowska-Curie, polnische Chemikerin 1903 fżr Physik und 1911 für Chemie – Anm. d. Red.)
  • Der Preis wird für das Lebenswerk eines Literaten vergeben. Bei neun Autoren hob die Schwedische Akademie eine spezielle Arbeit hervor. Bei Thomas Mann etwa war es 1929 sein Roman “Buddenbrooks”, bei Ernest Hemingway 1954 “Der alte Mann und das Meer”.

Die kleine große Welt (18)

Monika Wrzosek-Müller

Wittenberg
Cranach der Jüngere und die Cranachs

Seitdem sie den Umschlag des Katalogs der Cranach-Ausstellung gesehen hatte, war sie so in das feine Bild der Prinzessin Elisabeth von Sachsen verliebt, dass sie es sehen musste. Die Fahrt nach Wittenberg, in die weitere Umgebung von Berlin war gut für einen Sonntagsausflug. Sie wählten eine Route abseits der Autobahn, wie sich herausstellte auch zurecht, denn wie immer wurden in den Sommermonaten die Fahrbahnen repariert und ausgebessert und es staute sich direkt nach der Ausfahrt aus Berlin; Staus gab es auch schon in Berlin, wie immer im Sommer, wenn verstärkt an den Straßenschäden gearbeitet wurde, und sie standen da auch einige Minuten länger. Es war Sommer in voller Blüte und Trockenheit, doch das Grün überwog und manchmal blühten sogar noch Kornblumen, die Mohnblumen waren dagegen fast gänzlich verschwunden; an manchen Stellen war die Trockenheit nicht zu übersehen, der Mais stand nur halbhoch, die Maiskolben ganz ausgetrocknet und bräunlich, manche Felder schon abgeerntet. Doch der Weg führte durch kleine Ortschaften, in deren Mitte fast immer eine schöne alte Dorfkirche aufragte und an den Straßenrändern Menschen saßen und Pflaumen, Karotten, Blumen, alles was ihre Gärten hergaben,verkauften und dann wieder führte die Straße durch größere Waldstücke, Wälder, manchmal sogar leicht hügelig, also sehr reizvoll.

Die Stadt Wittenberg kannte sie von früheren Ausflügen, doch sie änderte sich mit jedem Jahr und es war immer wieder interessant das nachzuverfolgen, was neu dazu gekommen war; die Wasserläufe mit den prächtigen Blumen-, eher Pflanzen Arrangements, die vielen Plakate zur Cranach-Ausstellung und große über ungenutzten Flächen aufgespannte Abbildungen der Werke der Cranachs stachen in die Augen und auch die vielen Menschen, die doch offensichtlich zu der Ausstellung gekommen waren. Es war diesmal nicht Luther selbst, sondern seine Maler – denn man musste den Sohn auch einbeziehen – denen die Aufmerksamkeit galt. Besonderes gedacht wurde diesmal Cranach d. J. anlässlich seines 500. Geburtstages, mit einer extra für ihn eingerichteten Ausstellung: Lucas Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters, damit der Sohn einmal aus dem Schatten seines Vaters heraustreten und seine Arbeit und Werke erstrahlen konnten.

Das Konzept der Ausstellung, sie in realen von der Familie Cranach bewohnten Plätzen einzurichten, gefiel ihr sehr. So war die Ausstellung auf drei Orte in Wittenberg verteilt, an jedem kam man dem Werk des Künstlers näher: Cranach-Haus, Augusteum und Stadtkirche. Für sie war die Einführung Cranachs Welt im Cranach-Haus am Markt sehr einleuchtend; man lernte die Familie kennen, ihr Umfeld und das Schaffen. Demnach gehörten die Cranachs zu den einflussreichsten Familien in der Stadt; sowohl der Senior als auch der Junior wussten sehr wohl, wie man die Güter der Familie vermehrte, sie in Immobilien, die Apotheke und einen florierenden Weinausschank investierte. Natürlich war die Hauptbeschäftigung mit der Malerwerkstatt verbunden; da entstanden die vielen Werke, die Ideen, wie man sie schneller produzieren konnte; verbreitet war die Kunst des Pausens, d.h. eine einmal gemalte Figur, ein Gesicht konnte mit einer Technik, die in der Ausstellung mit einem Video erklärt wurde, sehr einfach auf ein neues Bild übertragen werden. So entstanden die zahllosen Bilder von Luther mit verschiedenen Kopfbedeckungen.

Eine Malerwerkstatt funktionierte wie ein kleines Unternehmen, die der Cranachs mit ihrer enormen Produktivität glich fast einer Bildermanufaktur; es waren viele Leute beschäftigt, die einen produzierten Farben, die anderen bespannten die Leinwände, die Söhne versuchten sich im Zeichnen, wurden von dem Vater an das Handwerk herangeführt. Das alles kann man sehr anschaulich und authentisch in den Cranachwerkstätten nachempfinden. Sie musste während des Gangs durch die Ausstellung immer wieder an die Beschreibung in einem Roman über Leben und Tun von Tintoretto in Venedig denken, auch er führte seine Kinder an das Handwerk heran und verstand es sehr gut zu investieren und sich immer weiter zu entwickeln, auch er verstand sich eher als ein perfekter Handwerker denn als ein genialer Künstler. Sie dachte, wie anders hatte man die Künstler damals wahrgenommen; sie richteten ihr Tun ganz nach den Marktgesetzen, produzierten die Bilder für die ganze Region in unheimlichen Mengen, zogen alle Aufträge an sich, oft konnte man nicht eindeutig feststellen, wer letztendlich der richtige, ausführende Künstler war, denn es gab einfach zu viel zu tun. Diese Gedanken kamen ihr verstärkt in den Räumen der Ausstellungen über die Cranachs.

Und noch eins beschäftigte sie die ganze Zeit, aber den Zugang dazu fand sie nicht; es war doch die Entstehungsstunde der protestantischen Kirche, d.h. die Cranachs bildeten die Ikonografie dieser neuen Glaubensrichtung. Lag das an ihrem Unwissen oder hatte man diesem Aspekt zu wenig Platz eingeräumt, zwar gab es Bilder wie die fantastische Darstellung: Die Arbeit im Weinberg des Herren, wo explizite der Kampf zwischen den guten, fleißigen Protestanten und den faulen, prächtig angezogenen Katholiken wunderbar zum Ausdruck kam, doch sie fand wenig Erklärungen und Erläuterung zu diesem Themenkreis. Vielleicht, dachte sie, alle die sich die Ausstellungen anschauen, sind selber Protestanten und das meiste ist für sie einfach selbstverständlich.

Erschreckend fand sie die Abbildungen, Fotos vom Zustand des Cranach-Hauses vor der Wiedervereinigung; erstaunlich, dass in der DDR nicht einmal so renommierte Künstler Beachtung gefunden hatten, jedenfalls dass ihre Wohnstätte so vernachlässigt worden war; sie selbst hatte doch vor vielen Jahren im Kulturzentrum der DDR in Warschau einen großen, sehr gut dokumentierten Bildband über die beiden Cranachs gekauft, also war das Werk von ihnen bekannt und anerkannt.

Doch am meisten berührt, bewegt oder einfach auch gefallen haben ihr die 13 Zeichnungen von Cranach dem Jüngeren. Sie kamen aus dem Musée des Beaux-Arts de Reims und sind zum ersten Mal alle zusammen in Wittenberg zu sehen, in einer Art von Schatzkammer, mit gedämpften Licht. Die Zeichnungen auf dem vergilbten, alten Papier leuchten trotzdem durch ihre Schönheit, Präzision und Ausdruckskraft. Man steht verzaubert und erstaunt von der Lebendigkeit und Bildhaftigkeit der Porträts. Lucas Cranach d.J. verstand es meisterhaft, die feinen Linien, die Lichteinfälle, die Schattierungen wiederzugeben; seine Zeichenskizzen erinnerten sie wiederum an diejenigen von Leonardo da Vinci, aus dem Museum in Vinci. Gerade diese Zeichnungen bilden für sie den Mittelpunkt der Ausstellung, sind modern, leben weiter und inspirieren junge Künstler.

Wichtig und interessant fand sie auch die Herausarbeitung der Unterschiede in der Malweise, dem Malduktus zwischen dem Vater und dem Sohn; denn nach dem Weggang des Vaters nach Augsburg blieb die Werkstatt weiterhin sehr gut ausgelastet mit neuen Aufträgen, hauptsächlich bürgerlicher Porträts, Epitaphien und Altären.

Viele der Epitaphien und Altarbilder hat sie dann in der Stadtkirche gesehen, der Rundgang bildete auch das Ende der Besichtigungstour; die anderen Ausstellungsorte in Dessau und Wörlitz, sowie in den kleineren Kirchen der Umgebung von Wittenberg konnte man an diesem einen Tag niemandem zumuten.

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Heute vor 500 Jahren, am 4. Oktober 1515, wurde Lucas Cranach der Jüngere als jüngster Sohn von Lucas Cranach dem Älteren und Barbara Brengebier in Wittenberg geboren. Das Land Sachsen widmete ihm und der ganzen Cranach-Familie mehrere Ausstellungen und Veranstaltungen – mehr