Noch ein Text zum Neujahr

Michael G. Müller

Kugelbomben

In der Silvesternacht 2024/2025 wieder Tote und Verletze – diesmal vor allem durch „Kugelbomben“. Seitdem wissen auch wir bisher Ahnungslosen, was Kugelbomben sind. Radio und Zeitungen erklären uns über die technischen Details auf, über den richtigen und den falschen, erlaubten und verbotenen Gebrauch, sogar – dank der Expertise Berliner UnfallchirurgInnen – über die Art der dadurch verursachten Verletzungen. Wer im Internet recherchiert, findet, von den unfallchirurgischen Informationen einmal abgesehen, noch viel mehr: „Kugelbomben Aufbau“ (mit praktischen Anleitungen), „Kugelbomben Funktionsweise“ (2 inch, 6 inch, 8 inch), „Kugelbomben shop“ (mit den Links zu Anzeigen bei „eBay“, „polenböller.net“ und vielen anderen Anbietern). Sollten wir also auf den Geschmack gekommen sein, haben wir es jetzt leicht. Einfach online bestellen oder, als Alternative, selbst basteln.

Wäre da nicht das Problem mit den katastrophalen Unfällen. Eigentlich sind die Kugelbomben bei uns in Berlin und in Deutschland ja überhaupt verboten. Na ja, nicht wirklich. Professionelle Feuerwerker dürfen sie natürlich kaufen, auch in ihren öffentlichen Feuerwerksspektalen einsetzen. Nur Privatmenschen sollen sie eben weder erwerben noch am Silvesterabend einfach vor der Haustür unkontrolliert verballern dürfen. Denn das geht doch nicht gefahrlos ohne „professionelle“ Mörseranlagen!

Was das wirkliche Problem ist, hat der innenpolitische Sprecher der regierenden Berliner CDU am 2. Januar 2025 öffentlich benannt. Die für deutsche Menschen so gefährlichen Kugelbomben wurden und werden „illegal“ aus Deutschlands östlichen Nachbarländern importiert. Deshalb – so sagt der Sprecher, sichtlich um nachbarschaftspolitische Korrektheit bemüht – müsse man mit diesen Nachbarstaaten darüber „ins Gespräch kommen“, wie dieser illegale Import zum Schutz der Deutschen unterbunden werden kann.

Gut. Aber was könnte damit gemeint sein? Wir alle wissen, dass praktisch Zigtausende Deutsche täglich über die Grenze nach Polen fahren, um ihre „Schnäppchen“ zu machen – billigeres Benzin, billigere Zigaretten und Wurstwaren, billigere Gartenpflanzen samt Gartenzwergen. Auch beim Halblegalen drücken wir gerne ein Auge zu: bei den in Deutschland nicht mehr zugelassenen Pflanzenschutzmitteln oder eben bei den jederzeit verfügbaren Feuerwerksartikeln. Beim so netten „kleinen Grenzverkehr“, bei den harmlosen Schnäppchen soll es natürlich auch bleiben. Mit dem Missbrauch muss aber Schluss sein!

O.k…. Wie machen wir das? Stellen wir uns vor, dass sich die deutsche Bundespolizei neben den seit Langem existierenden Grenzkontrollen zur Verhinderung illegaler Immigration jetzt auch um den illegalen Import von Kugelbomben kümmert – durch Polen, Deutsche oder sonst wen. Könnte funktionieren, wenn wir uns darauf einstellen, dass Reisende zwischen Polen und Deutschland wegen der Kontrollen nicht mehr nur, wie jetzt schon, zwei bis fünf Stunden Wartezeit an der Grenze in Kauf nehmen müssen, sondern vielleicht acht bis zehn. Man könnte Tschechien und Polen natürlich auch nahelegen, dass sie die Produktion bzw. den Vertrieb von Kugelbomben im eigenen Land überhaupt unterbinden – damit die Deutschen gar nicht erst in Versuchung geraten. Im Zentrum von Prag und in anderen tschechischen Städten ist das Böllern zu Silvester ja sowieso schon verboten; die Tschechen würden also gar nichts an Lebensqualität verlieren. Aber werden Tschechen und Polen das wirklich wollen? Vielleicht würden sie auch fragen, warum die durch illegal importierte Kugelbomben bedrohten Deutschen nicht auch einfach bei sich das private Böllern an Silvester verbieten…

Aber gut, stellen wir uns vor, dass Deutschland, Polen und Tschechien sich jetzt nachbarschaftlich-einvernehmlich darüber einigen, die Grenzen für den illegalen Warenverkehr mit Kugelbomben tatsächlich dicht zu machen. Zu Silvester 2025 für deutsche Fans keine einzige Kugelbombe mehr in Reichweite! Dann bleibt theoretisch immer noch der Eigenbau – z.B. nach der leicht verständlichen Anleitung auf YouTube (Fps PyroHD) „Wie ich eine kleine 3-inch Bombe gebaut habe“: Du brauchst eine Deko-Powerbox, einen Kanonenschlag und zwei Deko-Flashbacks (handelsüblich). Du zerlegst die Powerbox und den Kanonenschlag und die Flashbacks, weil du die Zuschnüre brauchst… Aber unbedingt beachten, was im Vorspann zu dem Video steht: Die eigene Herstellung von Feuerwerk ist „in Deutschland gesetzlich verboten. Die folgenden Inhalte dienen nur Demonstrationszwecken, sie dürfen unter keinen Umständen nachgeahmt werden“. Na, dann kann ja nichts mehr passieren.

Die kleine große Welt

Monika Wrzosek-Müller

Tropische Wälder

Wie sich Lebenswege kreuzen, verknüpfen, verbinden, abrunden… Kaum eine Geschichte kommt aus dem Nichts, irgendwo, oft tief in der Vergangenheit, hat sie ihren Ursprung. Manchmal erst im Nachhinein werden die Linien, die Verbindungen sichtbar. Es passiert mir immer wieder, dass sich ein Kreis plötzlich schließt und manchmal öffnet sich aber der Blick etwas weiter oder richtet sich auf etwas Anderes, auf jeden Fall taucht man für ein Moment in die Vergangenheit ein.

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Frauenblick auf Krieg und Frieden

Monika Wrzosek-Müller

Kalte Füße – nicht nur von Francesca Melandri

Schon wieder gab es einen Brief, von 38 Prominenten unterschrieben, initiiert von zwei Frauen, die ganz offensichtlich nicht müde werden, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen; die eine lebt diese Lust noch stärker aus, indem sie jetzt sogar eine Partei unter ihren Namen anführt. Dass ein solcher Brief noch einmal auftaucht, der von einem dritten Weltkrieg tönt und uns durch Angst von der Hilfe für die Ukraine abbringen will (und leider bei manchen auch auf Zustimmung stößt), finde ich traurig, richtig tief deprimierend. Denn die Ukraine im Winter des dritten Kriegsjahres verdient nichts anderes als unsere Unterstützung und die hatte ich mir eigentlich uneingeschränkt von der deutschen Seite gewünscht.

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Frauenblick aufs andere Land

Monika Wrzosek-Müller

No Other Land. Der Film

Vor einer Woche haben wir den Film No Other Land gesehen. Dann kam Ewas Eintrag: bissl optimistisch, die Buchvorstellung Und es wurde Licht… von Igal Avidan. Ja, es gibt Beispiele positiver Beziehungen zwischen einzelnen Israelis und einzelnen Palästinensern, aber manchmal, oder eben auch nach dem Film, bleibt einem das Bisschen Hoffnung im Hals stecken, auch wenn der Film – bis auf eine letzte Szene – kurz vor dem 7. Oktober 2023 zu Ende gedreht wurde.

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Frauenblick auf…

…die Veränderungen rundherum

Monika Wrzosek-Müller

Ich fahre immer wieder nach Warthe; in ein wunderschönes Fleckchen Erde in der mittleren Uckermark. Normalerweise dauert die Fahrt nicht lang, eine Stunde und zwanzig Minuten. Leider wird seit einem Monat die B 96 in der Höhe von Nassenheide erneuert und ist ab dort gesperrt. Dass eine Fahrbahn erneuert werden muss, ist an sich normal, und irgendwann muss das auch geschehen. Vielleicht hat man dabei sogar bedacht, dass während der Sommerferien weniger Menschen die Strecke benutzen, doch es ist auch eine touristische Region, also kommen in dieser Jahreszeit sogar mehr Menschen hierher. Der Umweg über den Berliner Ring verlängert die Anfahrtszeit um ca. 40 Minuten, so dass man jetzt doch zwei Stunden braucht. Leider sind auch auf dieser Strecke Bauarbeiten im Gang (es wurde überall Split aufgetragen, um die Fahrbahn auszugleichen), die fast die ganze Umleitung begleiten und die Fahrgeschwindigkeit auf 30 km reduzieren. Das verlängert die Fahrt noch einmal beträchtlich. Noch unverständlicher für mich war aber, dass einmal die Strecke über Nassenheide plötzlich freigegeben wurde und laut GPS die alte Strecke als befahrbar erschien, obwohl die Arbeiten gar nicht beendet worden waren. Ich habe mich darauf verlassen und dann einen Horrortrip durch die Seitenstraßen im Ort Nassenheide erlebt; natürlich war es den Häuschenbesitzern in den Wohnstraßen gar nicht recht, den ganzen Verkehr in den Norden vor ihrer Nase vorbeirollen zu sehen. Natürlich haben sie auch versucht, den Verkehr zu blockieren. Es gab unschöne Szenen.

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Brief an Frau Ministerin

Monika Wrzosek-Müller

Sehr geehrte Frau Ministerin,

dieses Jahr musste ich mehrfach die deutsch-polnische Grenze mit dem Auto auf der „Autobahn der Freiheit“ passieren, etliche Male im Mai und Juni, dann im Spätsommer und jetzt wieder im späten Herbst. Jedes Mal musste ich bei der Rückkehr nach Deutschland an der Grenze lange im Stau warten; einmal betrug wie Wartezeit volle vier Stunden.

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Erinnerungen an Yorkshire

Christine Ziegler

Ich habe alte Negative auf die Schnelle gescannt, denn damals, 1988, hatte ich alle Bilder zu Postkarten gemacht. Und nun war ich neugierig, was ich auf den Filmstreifen wohl finden würde. Was für ein schönes Land in Yorkshire, was für eine tolle und wichtige Zeit, mein Jahr in Sheffield. Erinnerungen tauchen auf, so vage wie diese Fotos. Die Zeit war erfüllt, heute denke ich, was ich um die nächste Ecke noch alles hätte entdecken können…

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Heute ein Bißl optimistisch

Aus Amazon:

Gute Nachrichten sind selten eine Meldung wert – auch nicht, wenn sie in diesen Tagen aus Israel kommen. Dabei gibt es sie, und sie sind nachzulesen in diesem Buch, das rechtzeitig zum 75. Jahrestag der Staatsgründung erscheint. Der israelische Journalist und Autor Igal Avidan berichtet, entgegen der üblichen Fernsehbilder, aus einer bewegten Gesellschaft, in der Juden und Araber längst ein Zusammenleben gefunden haben, das den Vorstellungen von ewigem Hass (von Politikern auf beiden Seiten gern geschürt) nicht entspricht. Eine friedliche und zugleich brüchige Co-Existenz auf dem Vulkan – davon erfährt man in diesen Reportagen aus dem Alltags­leben in Israel. Gewaltsame Übergriffe sind zwar an der Tagesordnung, gegenseitige Hilfe, Solidarität, Nachbar- und Freundschaft aber auch. Dieses Buch zeigt, dass die israelische Gesellschaft – allen Rückschlägen zum Trotz – dabei ist, zusammenzuwachsen.

»1991, als die Israelis von irakischen Raketen ­bedroht wurden, reiste ich dorthin, um mich mit den Menschen zu solidarisieren. Igal ­Avidan sorgt sich heute um die innere Bedrohung ­Israels. In seinem Buch redet er nicht nur über Israel, er redet mit Israelis – Juden wie Arabern. So gibt er die Stimmen derer wieder, die in den Medien sonst selten Gehör finden. Sein Buch differenziert, jenseits bestehender Klischees und Vorurteile.«
Günter Wallraff

Zum Lesen: https://www.google.de/books/edition/und_es_wurde_Licht/QlS7EAAAQBAJ?hl=de&gbpv=1&pg=PT4&printsec=frontcover