Ein Film von Renata Borowczak-Nasseri
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Поэзия – Poésie – Poezja – Poesie – Poetry / Francois Villon
François Villon & Булат Окуджава
Молитва / La Prière / Modlitwa / Gebet / Prayer
Пока Земля еще вертится, пока еще ярок свет,
Господи, дай же Ты каждому, чего у него нет:
Мудрому дай голову, трусливому дай коня,
Дай счастливому денег… И не забудь про меня.
Пока Земля еще вертится, Господи, – Твоя власть! –
Дай рвущемуся к власти навластвоваться власть,
Дай передышку щедрому хоть до исхода дня.
Каину дай раскаянье… И не забудь про меня.
Я знаю: Ты все умеешь, Я верую в мудрость Твою,
Как верит солдат убитый, что он проживает в раю,
Как верит каждое ухо тихим речам Твоим,
Как веруем и мы сами, не ведая, что творим!
Господи, мой Боже, зеленоглазый мой,
Пока Земля еще вертится, и это ей странно самой,
Пока еще хватает времени и огня,
Дай же Ты всем понемногу… И не забудь про меня.
***
Tant que la terre tourne encore, tant que la lumière est vive,
Seigneur, donne à chacun ce qu’il n’a pas:
au sage une tête, au poltron un cheval,
à l’heureux de l’argent… Et ne m’oublie pas!
Tant que la terre tourne encore, Seigneur, c’est en ton pouvoir!
Donne à ceux qui veulent le pouvoir de régner à loisir,
Donne à souffler au généreux, au moins jusqu’au soir,
A Caïn donne le remords… Et ne m’oublie pas!
Je le sais : tu peux tout, je crois en ta Sagesse,
Comme un soldat tué croit vivre en Paradis,
Comme chaque oreille croit à tes doux propos,
Comme nous croyons nous-mêmes, ne sachant ce que nous faisons!
Seigneur, mon Dieu, mon doux Seigneur aux yeux verts!
Tant que tourne encore la terre, et cela paraît bien étrange,
Tant qu’il lui reste encore du temps et du feu,
Donne à chacun un peu… Et ne m’oublie pas.
***
Dopóki nam ziemia kreci się,
Dopóki jest tak czy siak
Panie ofiaruj każdemu z nas
Czego mu w życiu brak.
Mędrcowi darować głowę racz
Tchórzowi dać konia chciej,
Sypnij grosza szczęściarzom
I mnie w opiece swej miej. / 2x
Dopóki nam ziemia kręci się
O Panie, daj nam znak.
Władzy spragnionym uczyń
By władza im poszła w smak.
Hojnych puść między żebraków
Niech się poczują lżej
Daj Kainowi skruchę
I mnie w opiece swej miej.
Ja wiem, że ty wszystko możesz
Wierzę w Twą moc i gest.
Jak wierzy żołnierz zabity
Że w siódmym niebie jest.
Jak zmysł każdy chłonie z wiarą
Twój ledwie słyszalny głos
Jak wszyscy wierzymy w Ciebie
Nie wiedząc co niesie los.
Panie zielonooki mój, Boże jedyny spraw
Dopóki nam ziemia kręci się
Zdumiona obrotem spraw.
Dopóki czasu i prochu
Wciąż jeszcze wystarcza jej
Dajże nam wszystkim po trochu
I mnie w opiece swej miej.
Przełożył Tadeusz Boy-Żeleński
***
Solange die Erde sich noch dreht,
Solange es noch das wärmende Licht gibt
Bitte ich Dich Herr, gibt jedem,
das, was er nicht hat
Dem Klugen gib einen Kopf,
Dem Feigen gib ein Ross,
Gib dem Glücklichen Geld,
Und vergiss auch mich nicht.
Solange die Erde sich noch dreht,
Oh Herr, es liegt in deiner Macht.
Gib dem Machthungrigen,
die Macht die ihn befriedigt.
Gib eine Atempause dem Grosszügigen,
und wenn, dann wenigstens bis zum Abend.
Gib Kain (die Möglichkeit) zur Reue
Und vergiss auch mich nicht.
Ich weiss das Du der Allmächtige bist,
Ich glaube an deine Weisheit,
So wie der getötete Soldat glaubt,
dass er weiterleben wird – im Paradies.
So wie jedes Ohr
deinen leisen Worten glaubt,
So wie wir uns selber glauben,
nicht wissend, was wir tun!
Oh Herr, mein allmächtiger Gott,
mit deinen Immergrünen Augen!
Solange die Erde sich noch dreht,
worüber sie sich selbst wundert,
Solange sie noch
genung Zeit und Feuer hat,
Gib doch allen ein wenig,
Und vergiss auch mich nicht.
***
While the world is still turning, while the daylight is broad,
Oh Lord, pray, please give everyone what he or she hasn’t got.
Give the timid a horse to ride, give the wise a bright head,
Give the fortunate money and about me don’t forget!
While the world is still turning, Lord, You are omnipotent,
Let those striving for power wield it to their heart’s content.
Give a break to the generous, at least for a day or two,
Pray, give Cain repentance, and remember me, too!
I know You are almighty, and I believe You are wise
Like a soldier killed in a battle believes he’s in paradise.
Like every eared creature believes, oh, my Lord, in You,
Like we believe, doing something, not knowing what we do.
Oh Lord, oh my sweet Lord, my blue eyed Lord, You’re good!
While the world is still turning, wondering, why it should,
While it has got sufficient fire and time, as You see,
Give each a little of something and remember about me!
Mama / Mutti / Mom
Irena Kuran-Bogucka
Zdjęcia z wystawy – Fotos von einer Ausstellung – Exhibion´s Fotos
Dariusz Drapella
Była graficzką i tłumaczką poezji, przede wszystkim hiszpańskiej, ale również i niemieckiej. / Sie war eine Graphikerin und Übersetzerin der spanischen und deutschen Dichtung. / She was graphic and translator of Spanish and German poetry.
To widać – to mój zaczytany egzemplarz Lorki.
Man sieht es – das ist mein zerlesener Exemplar von Mamas Übersetzungen Lorcas.
It is my book of Mom´s translation of Lorca. One could see, that I red it and red it ever again.






Reblog: Tanja Dückers, Über Schriftsteller, die immer ärmer werden
Das in Deutschland am besten bekannte Bild und früheste Meisterwerk des Malers: Carl Spitzweg, Der arme Dichter 1839, Neue Pinakothek (Wikipedia Commons)
Autoren am Rande des Existenzminimums
(Ursprungstext HIER)
Die derzeitigen Lebensbedingungen von Schriftstellern sind objektiv schwer zu ermitteln. Es scheint, als ob sich eine immer größere Kluft auftut zwischen wenigen Großverdienern und den »Prekären«, also der absoluten Mehrheit.
Zwar werden Schriftsteller stärker als je zuvor in den Medien als Stars inszeniert. Eine Handvoll von ihnen hat sogar eine eigene Fernsehsendung, wie Wladimir Kaminer oder Thea Dorn. Allerdings können immer weniger Schriftsteller vom Schreiben allein leben. Viele Autoren verdienen so wenig, dass sie kaum den monatlichen Beitrag zur Künstlersozialkasse entrichten können. Der Stern ging vor einiger Zeit der Frage nach, wie viel Schriftsteller denn nun verdienen. Das Ergebnis war niederschmetternd: Durchschnittlich waren es 955 Euro brutto monatlich. Das Einkommen eines Buchhändlers wurde dagegen mit immerhin 1 700 Euro brutto angegeben.
Nicht ohne Grund siedeln viele deutschsprachige Autoren in Länder um, in denen die Lebenshaltungskosten geringer sind. Offiziell heißt es dann zwar, der Autor möge vor allem die besondere Lebensart oder die schöne Landschaft. Nicht selten stecken dahinter aber wirtschaftliche Zwänge.
Die Literaturagentin Karin Graf ist überzeugt, dass sich die Arbeits- und Lohnverhältnisse von Schriftstellern in den vergangenen zehn Jahren wesentlich verschlechtert haben. Das liegt auch an den insgesamt gestiegenen Lebenshaltungskosten, die es Geringverdienern immer schwerer machen, ein halbwegs passables Leben zu führen. Zum anderen fehlen die Einnahmen. Die Zahl der in Deutschland stattfindenden Lesungen hat sich beispielsweise innerhalb von zehn Jahren von 30 000 auf 10 000 verringert. Viele Buchhandlungen und Literaturcafés haben Lesereihen mit monatlichen Terminen abgesetzt und bieten sie nur noch vierteljährlich an. Fast jeder Autor, den ich kenne, sagt, er habe weniger Lesungsanfragen als früher. Da die Mehrzahl der Autoren nicht vom Buchverkauf allein leben kann, sondern sich maßgeblich durch Lesungshonorare finanziert, bedeutet dieser Rückgang enorme finanzielle Verluste.
Eine weitere wichtige Einnahmequelle für Autoren sind Stipendien und Arbeitsaufenthalte. Doch die Träger haben das Budget in den vergangenen Jahren zumeist gekürzt. So erhält ein Stipendiat des Künstlerhauses Lukas in Ahrenshoop an der Ostsee heutzutage die Hälfte dessen, was ein Stipendiat vor fünf Jahren erhielt: 500 statt 1 000 Euro – für einen gesamten Monat. Von dieser Summe muss schließlich auch die Miete für die eigene Wohnung daheim bezahlt werden. Ich erinnere mich an einen Aufenthalt in Flandern/Belgien, bei dem ich ein Stipendium über 600 Euro für einen Monat erhielt. Mit den Lesungen, die ich in dieser Zeit in Deutschland absagen musste, hätte ich mehr verdient. Zuweilen bieten Stipendien dem Autoren auch lediglich freies Wohnen, aber kein Geld.
Je älter die Autoren werden, desto schwieriger wird oftmals ihre wirtschaftliche Situation. Jüngere Schriftsteller erhalten häufiger Stipendien als ältere. Viele Stipendien werden ohnehin nur bis zu einer Altersgrenze von 35 Jahren vergeben. Auch können Jüngere eher noch auf familiäre Unterstützung zählen. Insbesondere den Schriftstellern, die in den kommenden Jahren das Rentenalter erreichen, steht ein Leben in Armut bevor. Da die Künstlersozialkasse erst 1983 gegründet wurde, können sie den vollen Versicherungszeitraum von 40 Jahren gar nicht abdecken. Falls sie sich nicht zuvor privat versichert haben, was wegen der geringen Einkommens bei den wenigsten der Fall sein dürfte, sind sie auf staatliche Transferleistungen angewiesen – es sei denn, dass sich doch noch ein umwerfender Erfolg einstellt.
Ein psychisches Problem vieler Schriftsteller ist, dass es ihnen oft an Selbstbewusstsein mangelt, was den Wert ihrer Arbeit angeht. Während niemand von einem Zahnarzt erwarten würde, dass er seinen Job umsonst macht, werden Schriftsteller dauernd gefragt, ob sie bereit seien, auch ohne Honorar aufzutreten, zu lesen, zu debattieren, zu unterrichten oder eine Geschichte zu schreiben. Der Münchener Schriftsteller Georg M. Oswald hat diese Haltung in einem Essay für die Welt beschrieben: »Ich bekam einen Preis für mein Buch, den Bayerischen Staatsförderpreis, dotiert mit 10 000 Mark, was den Gesamtbetrag meiner Einkünfte durch ›Das Loch‹ auf 42 000 Mark erhöhte. Auch heute noch finde ich, das ist eine stattliche Summe für ein erstes Buch. Rechnete man einen Stundenlohn aus, erschien sie allerdings weniger glänzend. Aber so habe ich die Sache nicht gesehen. Ich hätte die Geschichten ja auch geschrieben, wenn mir niemand Geld dafür gegeben hätte, und so sah ich jede Mark, die ich dafür bekam, als Gewinn an, als Belohnung.«
Leider sind viele Schriftsteller, ob aus purer Unkenntnis oder aus Abneigung gegen die Beschäftigung mit dem Thema Geld, nicht gerade geschickt darin, über ihre Honorare zu verhandeln. Manche delegieren diesen Teil der Arbeit an Literaturagenten, die jedoch weniger Aufgaben als etwa die Booking-Agenten im Musikbetrieb übernehmen und zum Beispiel keine Auftritte organisieren.
Weil Autoren meist Künstler, Manager, Rechercheur und Sekretär in Personalunion sind, müssen sie ständig zwischen verschiedenen Rollen wechseln. Die notwendige Bewältigung unglaublich vieler kommunikativer und administrativer Aufgaben verträgt sich überdies schlecht mit einem introvertierten, romantischen oder weltfremden Gemüt. Als 15jährige wollte ich Schriftstellerin werden, weil ich mir einbildete, dann in Ruhe zu Hause am Schreibtisch sitzen und all die verwirrenden Gedanken in meinem Kopf ordnen und zu Papier bringen zu können. Auch meine Generation ist letzlich noch von Spitzwegs Bild des Dichters im stillen Dachstübchen geprägt. Nie hätte ich gedacht, in welchem Maße der Schriftsteller eine öffentliche Person geworden ist. Der Alltag des Literaten ist geprägt von Lesungen, Fernsehauftritten, Podiumsdiskussionen, Debattenbeiträgen, Radiointerviews, Fotoshootings, Terminen beim Steuerberater, der Suche nach dem richtigen Agenten, Gesprächen mit Schülern oder Studenten und Reisen im In- und Ausland. Das Schreiben an fremden Orten, das Leben und Arbeiten mit einem »mobilen Büro« gehören dazu. All diese Anforderungen, die raschen Themen- und Ortswechsel, produzieren eine große Unruhe, die sich unmittelbar auf das Schreiben auswirkt und nicht gerade förderlich dabei ist, zu umfangreichen Epochenromanen auszuholen. Nur wenige Gutverdiener können es sich leisten, die Teilnahme an öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen auch einmal abzusagen, um sich ins berühmte Dachstübchen zurückzuziehen. Nicht wenige entdecken deshalb die kleine Form für sich, wandern in den Journalismus ab oder schreiben ein 80-Seiten-Büchlein, das eigentlich »Erzählung« genannt werden müsste, vom Verlag aber aus verkaufstechnischen Gründen mit der Gattungsbezeichnung »Roman« beworben wird. Manchmal, selten, wird solch ein Werk über Nacht ein Bombenerfolg. Judith Hermanns »Sommerhaus, später« (250 000 verkaufte Exemplare) war ein Kurzgeschichtendebüt von 107 Seiten. Ebenso überraschend werden gestandene Autoren von ihren Verlagen vor die Tür gesetzt, weil sich ihre letzten Bücher nicht gut verkauft haben. Dann bleibt das Unterrichten an Volkshochschulen oder das Taxifahren, wenn sich kein zahlungskräftiger Verlag mehr findet.
Der Schriftsteller Georg M. Oswald schließt seinen Essay mit den Sätzen: »Sie sehen, es gibt keinerlei erkennbare Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich literarischer oder kommerzieller Erfolg voraussagen ließe. Zurück also zum Ausgangspunkt: Gibt es den Beruf des Schriftstellers überhaupt? Gegenfrage: Gibt es den Beruf des Lottospielers? Nein, es gibt nur Leute, die es nicht lassen können.«
Puppendienstag: Christine 2
Gertraud Pohl und nochmals Christine
Komm immer zu mir
Komm nicht zu mir,
wie Mann zur Hure geht –
das hat auch bei mir seinen Preis.
Willst du ehrliche Lust,
sprich mit meinem Geist,
liebkose meine Seele,
stimm´ mein Instrument ein
auf deine Melodie.
Lass dir Zeit.
Schau mich wirklich an –
Ich bin nicht austauschbar.
Meine Gefühle beherrschen mich nicht –
Sie stehen wie brave Rösslein
auf der Weide,
bereit zum wilden Ritt
im jubelnden Einklang mit dem Reiter.
Übermütig sonst mit ihresgleichen spielend.
Komm immer zu mir
Als Freund zum Freunde,
ebenbürtig und bereit
zum gemeinsamen Flug
der Gedanken.
Der glücklichste Tag
DER GLÜCKLICHSTE TAG
Drehbuch eines Kurzspielfilmes
Renata Borowczak-Nasseri
1. AUSSEN. HINTERHOF EINES ZWEIFAMILIENHAUSES. TAG
1. Mai, 1986. BURG. Sachsen-Anhalt
Monika (6), blondes, welliges Haar, saubere, weiße Bluse, dunkelblauer Rock, weiße Kniestrümpfe, rote Sandalen, um den Hals ein rotes Pionier-Tuch, sitzt auf einer Bank im Hof, neben ihr ein kleines Kätzchen mit zitternden Beinchen. Monika streichelt das Kätzchen und flüstert in sein Ohr.
MONIKA
Ich krieg heute ein Eis und Zuckerwatte, weißt du? Mama hat gesagt: ich darf dich nicht auf den Schoss nehmen, sonst machst du mir die Bluse dreckig!
Plötzlich, durch ein angelehntes Fenster des heruntergekommenen, winzigen Einfamilienhauses, hört man einen Streit. Monika setzt die Katze vorsichtig neben der Bank ab, ihre Gesichtszüge sind plötzlich angespannt. Sie geht zum Fenster, legt die Hände auf das Fensterbrett, zieht sich hoch, versucht durch das Fenster ins Innere des Zimmers zu schauen. Monika hört einen kurzen Aufschrei, hört jemandem weinen. Sie zieht sich mit aller Kraft hoch:
***
Monikas MUTTER (28), sehr hübsch und schwarzhaarig, in einer rosafarbenen Bluse und weißem Rock, steht in der Ecke des Zimmers, eine Hand auf der Wange, Augen und Gesicht vom Weinen nass und gerötet. Auf dem Tisch eine Wodka-Flasche, zwei leere Gläser. Monikas VATER (30), in einem schmutzigen Unterhemd, sitzt am Tisch. Zwischen Mutter und Vater steht HERMANN (32) in Milizuniform, versucht zu schlichten. Der Vater trinkt ein Glas Wodka auf Ex.
VATER
(provozierend)
Ist mein Geld, das ich hier vertrinke! Was dagegen?! He!?
Der Vater gießt Wodka in Hermanns Glas.
VATER
Trink! Sind wir Kumpels, oder was?
Hermann zögert kurz, dann kippt er den Alkohol herunter. Die Mutter schaut den Vater herausfordernd an.
MUTTER
Du hättest nie heiraten sollen, nie ´ne Familie haben! Du hast es versprochen!
Die Mutter stürzt nach vorne, greift zur Wodkaflasche, der Vater stellt sich ihr in den Weg, sie ringen miteinander, Hermann greift ein.
Monikas Augen weiten sich vor Entsetzen, sie atmet unruhig, die Finger rutschen vom Fensterbrett ab. Monika stürzt auf den trockenen Sandboden im Hof. Sofort steht sie auf und klopft den Sand vom Rock ab. Plötzlich greift jemand ihre Hand. Monika richtet sich auf, schaut hoch – es ist die Mutter, ihr Gesicht ist immer noch verweint, die Lippen zusammengepresst. Die Mutter zieht Monika hinter sich her, zum Gartentor, auf die Straße.
2. AUSSEN. 1. MAI FEST. MARKTPLATZ IN. TAG
Stände mit Zuckerwatte, Bier und Eis. Jugendliche in weißen Hemden, Pionieruniformen und roten Halstüchern spazieren, stehen Schlange, manche halten rote, manche DDR-Fahnen, rote Papiernelken, rote Luftballons in den Händen. Dazwischen ältere, festlich gekleidete Leute, ein paar russische Soldaten, manche sichtbar angetrunken.
Hinter den Bäumen auf einer Anhöhe sieht man die Burg, von dort her hört man Marsch-Musik herüberklingen. Monika und ihre Mutter stehen vor einem Eisstand. Die Mutter ist in Gedanken versunken, das Gesicht traurig, sie hält Monikas Hand. Plötzlich wird sie von einem der russischen Soldaten geschubst. Der SOLDAT (20) betrachtet die Mutter von Kopf bis Fuß, ihre weibliche Figur, die langen, schwarzen, glänzenden Haare.
SOLDAT
(russisch)
Kakaja krasavica, ja bym tak s taboj, uh!
(Was für ne Puppe, ich würde mit dir, uh!)
Monika schaut den Soldaten neugierig an. Er trägt einen Bürstenschnitt, Soldatenstiefel, eine grüne Uniform, das Hemd ist auf der Brust aufgeknöpft. Er ist groß und kräftig gebaut. Der Soldat stellt sich neben die Mutter, zwei andere russische SOLDATEN lachen auf, der Soldat lacht laut mit. Die Mutter hält krampfhaft Monikas Hand, zieht sie mit sich, sie entfernen sich schnell von dem Eisstand.
SOLDAT
(russisch)
Kakaja delikatnaja, poszla ty, poszutit nie moschna!
(Was für eine Mimose, geh doch, man kann nicht mal einen Witz machen!)
MONIKA
(kann kaum mit der Mutter Schritt halten)
Mutti, und mein Eis? Du hast es doch versprochen! Ich will mein Eis!
Die Mutter stellt sich in die Schlange vor dem Zuckerwattestand.
MUTTER
Willst du nicht eine Zuckerwatte? Die ist schön süß.
Monika klatscht in die Hände und springt vor Freude in die Luft. Plötzlich wird sie ernst.
MONIKA
(resolut)
Gut, dass Vater doch nicht mitgekommen ist.
Er hätte eh alles versoffen.
3. AUSSEN. AN DEM FLUSS. NACHMITTAG
Monikas Finger sind klebrig von der Zuckerwatte. Die Mutter steht am Fluss, beugt sich vor, nimmt zwei Hände voll Wasser und wäscht Monikas Hände.
Ein junges, verliebtes Paar geht Händchen haltend an ihnen vorbei, verschwindet in dem nahegelegenen Wäldchen.
Die Mutter nimmt Monikas Hand, geht in Richtung eines Waldpfades. Monika schlurft ihr hinterher. Einer ihrer weißen, vom Staub schmutzigen Kniestrümpfe ist heruntergerutscht.
MONIKA
Mama, meine Beine tun weh. Ist Vater schon… Dürfen wir schon nach Hause?
MUTTER
(leise, mehr zu sich selbst als zu Monika)
Ja, ich glaube, ich hoffe… wir können.
MONIKA
Und singst du mir das Soldatenlied?
MUTTER
Das ist doch für Jungs, Moni, nicht schon wieder!
MONIKA
Bitte, Mama, bitte!
MUTTER
(singt)
Wenn ich groß bin, gehe ich zur Volksarmee,
MONIKA
(singt mit)
Ich fahre einen Panzer ratata, ratata. Ich fahre einen Panzer ratatata
Wenn ich groß bin, gehe ich zur Volksarmee, ich steige in ein Flugzeug…
Monika und die Mutter verschwinden hinter der Kurve.
4. AUSSEN. WALDPFAD, IN DER NÄHE DER LANDSTRASSE. ABENDDÄMMERUNG
Monika und die Mutter gehen den steilen Weg hinauf. Aus einiger Entfernung hört man Geräusche von fahrenden Autos.
MONIKA
Mama, ich kann nicht mehr.
MUTTER
Noch ein paar Schritte, du bist doch kein Baby mehr, ich trag dich bestimmt nicht Hucke Pack!
Plötzlich das Geräusch eines auf den Boden geschmissenen Fahrrades. Monikas Hand wird aus der Hand ihrer Mutter gerissen. Alles passiert sehr schnell.
In Großaufnahme Monikas verdutztes, erschrockenes Gesicht:
***
Das Hinterrad des Fahrrades dreht sich schnell, rattert. Ein kräftiger Rücken, umspannt von einem grünen Soldatenhemd, Bürstenschnitt. Die Mutter liegt rücklings auf dem Boden. Der entblößte, weiße Oberschenkel der Mutter. Der von Anstrengung gerötete, fleischige Nacken des Soldaten. Das entsetzte Gesicht der Mutter. Aus der aufgeplatzten Lippe der Mutter rinnt Blut. Die Hand des Soldaten zerrt den weißen Rock hoch. Ein Strumpfhaltergürtel kommt zum Vorschein. Der Mund der Mutter vom Schrei verzerrt. Die Hand des Soldaten presst sich auf ihren Mund, ihr Schrei verstummt.
Monika steht daneben, wie versteinert, die Augen weit aufgerissen.
MONIKA
Mutti! Mutti!
Plötzlich stürzt sich Monika auf den Soldaten, sie schlägt mit ihren kleinen Fäustchen auf seinen Rücken und auf seinen Kopf ein. Der Soldat verscheucht sie wie eine lästige Fliege. Monika erblickt sein Gesicht und erkennt ihn. Es ist der Soldat, den sie auf dem Markt gesehen haben. Der Soldat versucht die Mutter auf den Mund zu küssen, die Mutter tritt um sich, ringt mit ihm. Monika rennt in Panik um das auf dem sandigen Boden liegende Paar herum.
MONIKA
Mutti! Mutti!
Plötzlich hört Monika das Motorengeräusch eines auf der Landstraße fahrenden Autos, sie lauscht, schießt hoch, läuft in Richtung Landstraße.
Die kleinen Füße in den roten Sandalen und den weißen, staubigen Kniestrümpfen wirbeln Staub auf. Monika atmet schwer, läuft aber weiter. Sie läuft den Weg hoch in Richtung Landstraße. Man hört wieder den Motor und das Fahrgeräusch eines auf der asphaltierten Landstraße fahrenden Autos. Monika stolpert, stürzt auf die Knie, steht sofort wieder auf, läuft weiter, läuft schneller, läuft, läuft…
5. AUSSEN. AM STRASSENRAND. LANDSTRASSE. ABEND
Monika kommt auf der Landstraße angelaufen. Sie schaut nach links, nach rechts: die Straße ist leer. An der Landstraße entlang führen Gleise, ein Zug nähert sich, Monika springt hoch, winkt hektisch. Monika sieht im Fenster des Zuges eine Frau, ihre Blicke treffen sich, die Frau winkt zurück, lächelt, der Zug rauscht vorbei, verschwindet. Monika lässt die Arme sinken. Plötzlich hört sie das Geräusch eines Automotors, ein Wartburg kommt um die Kurve gefahren. Monika winkt hastig, aufgeregt.
MONIKA
(schreit)
Meine Mutti, meine Mutti!
Der Wartburg, mit einer vierköpfigen Familie an Bord, fährt vorbei ohne anzuhalten, verschwindet hinter der Kurve. Monika schaut prüfend in Richtung des Waldpfades, von hier aus kann sie die Mutter nicht sehen. Sie schaut wieder auf die Landstraße. Am Straßenrand fährt ein MANN (55) auf einem Fahrrad. Monika läuft auf die Straße, fast vor das Fahrrad.
MONIKA
(schreit aufgelöst)
Meine Mutti, meine Mutti, da ist ein Mann, da ist ein Mann, da!
Der Mann hält an. Monika zeigt Richtung Pfad.
MANN
Was ist los?! Was ist los meine Kleine?
MONIKA
Meine Mutti, da, auf dem Boden. Sie ist da! Und ein Mann! Er tut ihr weh!
Monika rennt los, zu dem Pfad. Nach ein paar Schritten hält sie inne, dreht sich zu dem Mann um. Der Mann folgt ihr, das Rad schiebend. Monika beruhigt sich, läuft weiter, der Mann steigt auf das Fahrrad, überholt Monika. Schnell fährt er den Pfad hinunter.
6. AUSSEN. PFAD. ABEND
Monika läuft auf die Mutter zu. Der Mann mit dem Fahrrad steht neben der Mutter. Die Mutter verschämt, die Lippe aufgeplatzt, das Gesicht blutverschmiert, schüttelt den Staub und das Gras vom Rock ab. Der Soldat ist verschwunden. Monika schmiegt sich mit dem ganzen Körper an die Mutter. Die Mutter umarmt Monika, greift ihre Hand, streichelt ihr zärtlich das Haar, küsst sie auf beide Wangen.
MANN
Alles in Ordnung? Hat er Ihnen was angetan?
Die Mutter schüttelt heftig den Kopf, verneint.
MANN
Ich begleite sie bis zur Landstraße,
man muss die Miliz verständigen… eine Anzeige erstatten, oder so…
Die Mutter schüttelt heftig den Kopf. Die Mutter, Monika auf dem Arm, geht den Pfad hinauf. Der Mann, den Kopf gesenkt, schiebt sein Fahrrad, läuft nebenher. Sie schweigen.
7. AUSSEN. STRASSE. ABEND
Der Mann steigt auf das Fahrrad, entfernt sich. Die Mutter schaut hinter ihm her, setzt Monika vorsichtig auf dem Gehweg ab.
DIE MUTTER
Monika, jetzt kannst du selber laufen…
komm her, ganz nah zu mir, verdeck mich ein bisschen,
damit man den schmutzigen Rock nicht so sieht.
Bluse und Rock der Mutter haben Grasflecken und sind staubig.
MUTTER
(leise zu Monika)
Komm dichter `ran, dichter `ran.
Monika gehorcht schweigend, versucht so dicht wie möglich an der Seite ihrer Mutter zu gehen.
MUTTER
(flüstert vor sich hin)
Die Nachbarn, die Nachbarn… wenn sie das sehen…
8. AUSSEN. HOF DES EINFAMILIENHAUSES. ABEND
Monika und die Mutter sitzen dicht nebeneinander auf der Holzbank im Hof. Die Mutter bewegungslos, leicht nach vorn gebeugt, mit stumpfem Gesichtsausdruck.
Der Vater, zerzaustes Haar, das Gesicht von Alkohol und Schlaf gerötet, läuft vor der Bank auf und ab, wie ein Tiger im Käfig. Plötzlich bleibt er stehen, beugt sich zur Mutter herunter.
VATER
(zu der Mutter)
Sagst du`s mir endlich, oder nicht?!
Monika schmiegt verschreckt die Wange an den Arm der Mutter, lugt ängstlich zum Vater hoch. Der Vater greift Monikas Arme, zieht sie an sich heran, schaut ihr prüfend in die Augen.
VATER
(gespielt zärtlich)
Monika, sag dem Papi, was ist mit Mutti passiert?…
(plötzlich wird seine Stimme ganz scharf)
Na los!
(er schüttelt Monika kräftig)
Rede endlich!
Monika schüttelt den Kopf, schweigt beharrlich, dreht den Kopf zur Seite. Die Mutter starrt apathisch ihre Hände an, die auf ihrem Schoss liegen. Der Vater hebt die Hand, wie zu einem Schlag. Monika folgt dieser Handbewegung mit erschrockenem Blick.
VATER
(schreit die Mutter an)
Wer hat das getan?! Wo?!
MONIKA
(hastig)
Er hatte ein Fahrrad, so ein Mann! Ein Soldat!
Und… er hat Mutti auf den Boden geschmissen.
Monika spielt die Situation nach, der Vater packt sie wieder an den Armen, schüttelt sie leicht.
VATER
Wo? Monika, wo ist das passiert, mein gutes Mädchen, wo war das?
MONIKA
Am Fluss, im Wald.
Die Mutter schluchzt leise.
MUTTER
Er hat mir nichts getan… wegen dem Strumpfhaltergürtel… er kam nicht ran. Frag den Schmidtke, der hinter der Kaserne wohnt. Monika hat ihn geholt… dann ist der abgehauen. Frag ihn, wenn du mir nicht glaubst…
VATER
(zu Monika)
Moni, war das ein Soldat?
MONIKA
Ja, ohne Haare und er hatte so ein Hemd und eine Uniform. Wie die in der Kaserne… So Stiefel…
Der Vater steht eine Weile unbeweglich da, die Hände auf Monikas Armen. Plötzlich schaut er sich um, sucht den Hof ab: er sieht den Baum, das Fass mit dem Regenwasser unter der Rinne, die Schaukel. Sein Blick fällt auf ein an die Hauswand angelehntes altes Fahrrad.
Der Vater geht energisch auf das Fass zu, taucht seinen blonden, lockigen Kopf in das Regenwasser, taucht auf, schüttelt sich, wie ein nasser Hund. Das Wasser rinnt seinen Hals herunter, auf das Unterhemd. Der Vater schnappt sich das Fahrrad, springt auf, verschwindet hinter dem Tor. Das schwere Tor fällt krachend ins Schloss.
9. AUSSEN. HOF DES EINFAMILIENHAUSES. ABEND
Es ist dunkel geworden. Die Holzbank nur von einer Lampe vor der Haustür beleuchtet. Die Mutter sitzt immer noch bewegungslos da, den Kopf gesenkt, die Hände auf dem Schoss, Monika eng an sie geschmiegt, die Augenlieder fallen ihr zu.
MONIKA
(flüstert)
Mutti, gehen wir ins Haus, mir ist kalt.
Die Mutter reagiert nicht, starrt ihre Hände an, glättet mit einer nervösen Geste ihren Rock.
Plötzlich das Geräusch des auffliegenden Tores. Der Vater kommt mit dem Fahrrad angefahren. Die Mutter zuckt zusammen. Der Vater schmeißt das Fahrrad auf den Boden, in der Hand hält er ein Bündel. Der Vater wirft das Bündel auf den Boden, der Mutter vor die Füße, setzt sich neben die Mutter auf die Bank, nimmt sie in die Arme.
VATER
Dieses Schwein greift keine Frau mehr an. Ich hab` ihm alle Zähne ausgeschlagen, mit ‘m Fußtritt!
Die Mutter schmiegt sich an den Vater, weint. Der Vater drückt sie an seine Brust, streichelt ihr Haar. Monika rutscht von der Bank, hockt sich neben das Bündel. Es ist das grüne Soldatenhemd, befleckt mit einer braunen Flüssigkeit. Monika greift das Hemd mit zwei Fingern, aus dem Hemd fallen blutige Zähne. Monika zuckt entsetzt zusammen, zieht die Hand zurück, setzt sich schnell zu der Mutter auf die Bank, drückt sich an ihren Rücken. Alle drei: Monika, die Mutter und der Vater verharren eine Weile in der zärtlichen Umarmung.
10. INNEN. MILIZWAGEN. VOR DEM HAUS. NACHT
Monika sitzt auf dem Schoss eines MILIZBEAMTEN (26), lacht. Ihre Hände halten das Lenkrad, sie spielt Autofahren.
MILIZBEAMTER
Und jetzt sanft in die Kurve. Los! Brrr und wir düsen!
Monika lacht vergnügt. Der Milizbeamte schaltet das Fernlicht an, die Straße wird hell.
MILIZBEAMTER
Und jetzt gib Gas und wir fliegen!!!
Der Vater sitzt auf dem Rücksitz. Neben ihm Hermann, der Milizbeamte, mit dem er vor paar Stunden Wodka getrunken hat. Hermann hält einen Notizblock in der Hand, klopft mit einem Stift darauf.
HERMANN
Die Russen sind total sauer.
Hermann nimmt das blutbefleckte Soldatenhemd in die Hand.
HERMANN
Das ist Körperverletzung mit bleibenden Schäden! Jetzt sag mir, ganz ernsthaft, was verdammte Scheiße, hast du noch mit ihm gemacht?
MILIZBEAMTER
Schrei nicht so rum vor dem Kind!
Monika scheint es nicht zu hören, ihre ganze Aufmerksamkeit schenkt sie den Knöpfen auf dem Armaturenbrett des Milizwagens.
HERMANN
(zum Vater)
Spuck` s endlich aus!
Der Vater zuckt mit den Schultern, aus dem Augenwinkel schaut er zum Hemd.
VATER
(leise)
Ich habe ihn am Fluss erwischt. Ich hatte so eine Stinkwut. Nach dem er sie…. Der saß da, ganz ruhig, hat Bier getrunken, der Arsch! Ich bin auf ihn los, damit hat er nicht gerechnet, so ein Bulle, so ein Schwergewicht, um die 100 Kilo…
MONIKA
(ohne das Spiel zu unterbrechen)
Und mein Papa hat ihm alle Zähne ausgeschlagen, mit EINEM Fußtritt!
HERMANN
(zum Vater)
Stimmt das?
VATER
Meine Fresse, ich glaub, alle sind raus, der braucht ne neue Kauleiste!
MILIZBEAMTER
Wenn er mit meiner Uschi so… gut hast du das gemacht! Keine Frage! Ich hätte es nicht besser machen können!
HERMANN
(zu dem Milizbeamten)
Halt den Mund!
VATER
Die Zähne waren in dem Hemd, ich weiß nicht, wo die hin sind, hab ich irgendwie verloren. Vielleicht im Hof…
HERMANN
Scheiß auf die Zähne, jetzt im Dunkeln werden wir sie bestimmt nicht suchen.
MILIZBEAMTER
Wohl kaum!
HERMANN
Da hast du dir schön was eingebrockt. Mann o Mann, Scheiße. Jetzt musst du die Fresse halten, als ob nichts passiert wäre. Wir warten mal ab. Die Russen haben auch Schiss. Mal ehrlich, wenn die Kleine nicht da gewesen wäre, hätte er sie vergewaltigt.
Hermann streckt seine Hand aus, der Vater ergreift sie, ein kräftiges Händeschütteln unter Männern.
HERMANN
Und deine Moni, Alter, frech und gescheit! Besser als ein Junge! So eine hätt ich auch gern.
11. AUSSEN. AUF DER STRASSE VOR DEM HAUS. NACHT
Der Vater steigt aus dem Streifenwagen. Der Milizbeamte reicht ihm Monika. Der Vater hebt Monika hoch, wirft sie hoch in die Luft, fängt sie wieder auf. Monika gluckst vor Freunde.
VATER
(stolz)
Mein Blut!
Monika legt die Hände um den Hals des Vaters. Die Milizbeamten im Wagen lächeln und winken. Der Vater, Monika auf dem Arm, geht auf das Haustor zu. Hermann kurbelt das Autofenster herunter.
HERMANN
(ruft)
Hej, kommst du später zum Goldenen Krug?
Hermann hebt die Hand wie zum Trinken.
Der Vater bleibt stehen, zögert, verneint dann aber mit einem entschiedenen Kopfschütteln.
VATER
Nein! Heute nicht!
Anmerkung der Autorin:
Die Gewalt, vor allem sexuelle Übergriffe, durch die in der DDR stationierten russischen Soldaten, waren nicht nur unmittelbar nach dem Krieg, sondern auch noch in den 80-er und 90-er Jahren an der Tagesordnung. Im Jahr 1989 wurden allein in Burg (Sachsen-Anhalt) drei Frauen vergewaltigt , vier weitere fielen einer versuchten Vergewaltigung zum Opfer, die allein dadurch verhindert werden konnte, dass Passanten auf sie aufmerksam wurden und die Frauen fliehen konnten.
Die russische Kommandantur unternahm alles, um die Taten der Soldaten zu vertuschen: Die Opfer wurden eingeschüchtert, es gab sogar Bestechungsversuche.
Ein dunkles Kapitel der DDR-Geschichte, dem bisher nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde.
Anmerkung der Redakteurin:
Renata Nasseri fertigte im Sommer 2014 einen 14-minutigen-Spielfilm nach dieser Geschichte. Ich war dabei als eine Comparsin. Der Film ist sehr gut.
Poesis – Poetry – Poesie – Poezja / Carl Orff
Carl Orff “Carmina Burana”
Carmina Burana is a scenic cantata composed by Carl Orff in 1935 and 1936. It is based on 24 of the poems found in the medieval collection Carmina Burana. Its full Latin title is Carmina Burana: Cantiones profanæ cantoribus et choris cantandæ comitantibus instrumentis atque imaginibus magicis (“Songs of Beuern: Secular songs for singers and choruses to be sung together with instruments and magic images.”) Carmina Burana is part of Trionfi, the musical triptych that also includes the cantata Catulli Carmina and Trionfo di Afrodite. The best-known movement is “Fortuna Imperatrix Mundi” (“O Fortuna”) that opens and closes the piece.
Carl Orff (July 10, 1895 – March 29, 1982) was a 20th century German composer, best known for his cantata Carmina Burana (1937). In addition to his career as a composer, Orff developed an influential method of music education for children.
| FORTUNA IMPERATRIX MUNDI | |
| O Fortuna velut luna statu variabilis, semper crescis aut decrescis; vita detestabilis nunc obdurat et tunc curat ludo mentis aciem, egestatem, potestatem dissolvit ut glaciem.Sors immanis et inanis, rota tu volubilis, status malus, vana salus semper dissolubilis, obumbrata et velata michi quoque niteris; nunc per ludum dorsum nudum fero tui sceleris.Sors salutis et virtutis michi nunc contraria, est affectus et defectus semper in angaria. Hac in hora sine mora corde pulsum tangite; quod per sortem sternit fortem, mecum omnes plangite! |
O Fortune like the moon you are changeable, ever waxing and waning; hateful life first oppresses and then soothes as fancy takes it; poverty and power it melts them like ice.Fate – monstrous and empty, you whirling wheel, you are malevolent, well-being is vain and always fades to nothing, shadowed and veiled you plague me too; now through the game I bring my bare back to your villainy.Fate is against me in health and virtue, driven on and weighted down, always enslaved. So at this hour without delay pluck the vibrating strings; since Fate strikes down the strong man, everyone weep with me! |
| Fortune plango vulnera stillantibus ocellis quod sua michi munera subtrahit rebellis. Verum est, quod legitur, fronte capillata, sed plerumque sequitur Occasio calvata.In Fortune solio sederam elatus, prosperitatis vario flore coronatus; quicquid enim florui felix et beatus, nunc a summo corrui gloria privatus.Fortune rota volvitur: descendo minoratus; alter in altum tollitur; nimis exaltatus rex sedet in vertice caveat ruinam! nam sub axe legimus Hecubam reginam. |
I bemoan the wounds of Fortune with weeping eyes, for the gifts she made me she perversely takes away. It is written in truth, that she has a fine head of hair, but, when it comes to seizing an opportunity she is bald.On Fortune’s throne I used to sit raised up, crowned with the many-coloured flowers of prosperity; though I may have flourished happy and blessed, now I fall from the peak deprived of glory.The wheel of Fortune turns; I go down, demeaned; another is raised up; far too high up sits the king at the summit – let him fear ruin! for under the axis is written Queen Hecuba. |
| O Fortuna! Wie der Mond So veränderlich, Wachst du immer Oder schwindest! – Schmähliches Leben! Erst mißhandelt, Dann verwöhnt es Spielerisch den wachen Sinn. Dürftigkeit, Großmächtigkeit Sie zergehn vor ihm wie Eis.Schicksal, Ungeschlacht und eitel! Rad, du rollendes! Schlimm dein Wesen, Dein Glück nichtig, Immer im Zergehn! Überschattet Und verschleiert Kommst du nun auch über mich. Um des Spieles Deiner Bosheit Trag ich jetzt den Buckel bloß.Los des Heiles Und der Tugend Sind jetzt gegen mich. Willenskraft Und Schwachheit liegen Immer in der Fron. Drum zur Stunde Ohne Saumen Rührt die Saiten! – wie den Wackeren Das Schicksal Hinstreckt; alle klagt mit mir!Die Wunden, die Fortuna schlug, Beklage ich mit nassen Augen, Weil sie ihre Gaben mir Entzieht, die Widerspenstige. Zwar, wie zu lesen steht, es prangt Ihr an der Stirn die Locke, Doch kommt dann die Gelegenheit, Zeigt sie meistens ihren Kahlkopf.Auf Fortunas Herrscherstuhl Saß ich, hoch erhoben, Mit dem bunten Blumenkranz Des Erfolges gekrönt. Doch, wie ich auch in der Blüte stand, Glücklich und gesegnet: Jetzt stürze ich vom Gipfel ab, Beraubt der Herrlichkeit.Fortunas Rad, es dreht sich um: Ich sinke, werde weniger, Den anderen trägt es hinauf: Gar zu hoch erhoben Sitzt der König auf dem Grat: Er hüte sich vor dem Falle! Denn unter dem Rade lesen wir: Königin Hecuba. |
O Fortuno niby Księżyc nieustannie zmienna, ciągle rośniesz lub zanikasz ciemna lub promienna. Życie podłe wciąż kapryśnie chłodzi nas lub grzeje, niedostatek lub bogactwo jak lód w nim topnieje.Kołem toczy się Fortuna zła i nieżyczliwa, nasze szczęście w swoich trybach miażdży i rozrywa, z twarzą szczelnie zasłoniętą często u mnie gości, by na kręgach mego grzbietu grać swe złośliwości.Los zbawienia, cnót zasługi przeciw mnie są teraz, w mej słabości albo woli wspierały mnie nieraz. A więc zaraz nie mieszkając uderzajcie w struny i użalcie się nade mną, ofiarą Fortuny!Rany od Fortuny ciosów opłakuję łzami nigdy zresztą mnie nie psuła skąpymi łaskami. Wprawdzie mówię, że jej czoło zdobią pukle złote, lecz czas spod nich też obnaży łysiny sromotę.Na Fortuny złotym tronie siedziałem wyniosły, zdobny w wieniec powodzenia z wszystkich darów wiosny. Lecz choć stałem u zenitu o swe szczęście wsparty, nagle spadłem z wszystkich darów do szczętu obdarty.Obróciło się Fortuny koło nieżyczliwe, innego już po mnie wznosi na szczyty zdradliwe, król im wyżej nad tłum siędzie, tym pewniejsza zguba, gdyż na kole tym czytamy: “Królowa Hekuba”. |
Puppendienstag: Christine
Gertraud Pohl
Manchmal siehst du Menschen fröhlich beisammen sein
und du bist allein.
Du möchtest zu ihnen, ja sogar mit ihnen gehn –
würden sie das verstehn?
Es gibt Zeiten, in denen Kontakte überaus erschwert sind, und meine “Puppenaktion” ist ein guter Beitrag, die Blokade zu durchbrechen.

Vor einigen Monaten kaufte ich eine neue kleine Digitalkamera, die mich überall hin begleiten sollte und meinen Blick für die “Bilder” des Daseins schärfen sollte – und in Erinnerung an meine längst verstorbene Mutter, Gisela Agnes Christine, die uns Kinder angeleitet hatte, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen, nannte ich sie “Agnes”. Den Namen Christine verlieh ich meinem neuen, sehr fotogenen Puppen-Modell. Und nun kommuniziere ich auf zwei Ebenen über “Agnes” und “Christine” mit meiner eigenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und das bereitet nicht nur mir großes Vergnügen.

Dann entdeckte ich den bisher unbeachteten Charme einer Puppe von einem Flohmarkt, die sehr fotogen war, und ihr gab ich den dritten Namen meiner Mutter “Chistine”. Nun habe ich mit diesem Team Agnes-Christine einige Tage verbracht – und bin total begeistert von der Wirkung – nicht nur in Bezug auf die entstandenen Fotos, sondern auch von der Reaktion der Menschen, die mich beim Fotografieren bemerken, mit mir sprechen und manchmal auch Fotos geschickt haben möchten.
Ich kann vierblättrige Kleeblätter finden,
aus Sonnenstrahlen Girlanden winden,
ich kann tagtäglich Blumen verschenken
und über den Sinn des Lebens nachdenken,
ich kann ein köstliches Mahl bereiten,
wenn´s sein muss, kann ich königlich schreiten,
ich kann mein Lebensmuster stricken
und mich nach Regenwürmern bücken,
ich kann die spanische Sprache verstehen
und manchmal in die Zukunft sehen,
ich kann sehr schöne Fotos machen
und kann aus tiefstem Herzen lachen,
ich kann fast alles mit jemandem teilen
und lange an schönen Plätzen verweilen,
ich kann den Augenblick genießen
und meine Blumen pünktlich gießen,
im Luxus leben und bescheiden,
kann mich und andre richtig kleiden,
ich kann recht gut mit Stäbchen essen
und mich mit „Sternendeutern“ messen,
ich kann verstehen und kann schweigen,
kann mich in der Gesellschaft zeigen,
mit Mensch und Tier zusammenleben
und aufwärts zu den Gipfeln streben –
das bin ich…
Gottes Schuh – Boży but
Po polsku i po niemiecku / Auf Deutsch und auf Polnisch
Kolejny film Renaty Borowczak, tym razem o naiwnym artyście, Stanisławie Zagajewskim z Włocławka. Nächster Film von Renata Borowczak – über einen naiven Künstler aus polnischen Włocławek.
Stanislaw Zagajewski habe ich im Winter 2004 besucht. Der unscheinbare Künstler, der damals in einem bescheidenen Häuschen in Wloclawek, Polen, lebte, wollte zuerst nicht erlauben, dass ich über ihn den Kurzfilm “Der Schuh Gottes” drehe. Als er erfahren hat, dass ich den langen Weg aus Berlin zurücklegte, stimmte er zu.
Ich habe einen Tag mit ihm, seinen Hunden und seiner Kunst verbracht. Schon damals, als er noch lebte (er starb 2008), hatte er ein eigenes Museum in Wloclawek. Die Skulpturen haben solch eine enorme Kraft, dass man am liebsten Eine mit nach Hause nehmen möchte.
Stanislaw Zagajewski war ein Autodidakt, und ein Genie. Obwohl er nicht mal genau sagen konnte, wann er geboren wurde (man schätzt sein Geburtsdatum auf das Jahr 1927), als Waisenkind von Nonnen großgezogen wurde und nicht mal eine elementare Ausbildung genoss, verzauberte mit seinen ausdrucksvollen, kompromisslosen Tonskulpturen. Seine Werke werden in Warszawa, Katowice, Torun und Lausanne ausgestellt.
***
Odwiedziłam Stanisława Zagajewskiego zimą 2004 roku. Artysta mieszkał wówczas w małym domku we Włocławku. Początkowo nie chciał się zgodzić na propozycję, że nakręcę o nim film krótkometrażowy “Boży but”. Zgodził się, gdy dowiedział się, że przyjechałam specjalnie do niego aż z Berlina.
Spędziłam cały dzień z nim, z jego psami i z jego sztuką. Już wtedy, gdy artysta wciąż jeszcze żył (zmarł w roku 2008), we Włocławku znajdowało się jego muzeum. Jego rzeźby mają siłę i najchętniej człowiek zabrałby jakąś do domu.
Stanisław Zagajewski był samoukiem. I geniuszem. Nie był w stanie powiedzieć, kiedy się urodził, ale ocenia się, że było to w roku 1927. Osierocony, wychowywał się u sióstr zakonnych i nie otrzymał nawet podstawowego wykształcenia. Był wspaniałym rzeźbiarzem, a jago gliniane dzieła są magiczne, mocne i bezkompromisowe. Jego prace znajdują się w zbiorach muzealnych w Warszawie, Katowicach, Toruniu i Lozannie.
Poezja – Poesie – Poetry – Poésie / Baudelaire
It is a virtual movie of the legendary French poet Charles Baudelaire (1821 — 1867) reading his poem L’Albatros” The Albatros. Kind Regards Jim Clark All rights are reserved on this video recording copyright Jim Clark 2011
Charles Baudelaire L’Albatros / Albatros / Albatross / Der Albatross 1861
L’Albatros
Souvent, pour s’amuser, les hommes d’équipage
Prennent des albatros, vastes oiseaux des mers,
Qui suivent, indolents compagnons de voyage,
Le navire glissant sur les gouffres amers.
À peine les ont-ils déposés sur les planches,
Que ces rois de l’azur, maladroits et honteux,
Laissent piteusement leurs grandes ailes blanches
Comme des avirons traîner à côté d’eux.
Ce voyageur ailé, comme il est gauche et veule!
Lui, naguère si beau, qu’il est comique et laid!
L’un agace son bec avec un brûle-gueule,
L’autre mime, en boitant, l’infirme qui volait!
Le Poëte est semblable au prince des nuées
Qui hante la tempête et se rit de l’archer;
Exilé sur le sol au milieu des huées,
Ses ailes de géant l’empêchent de marcher.
Albatros
Czasami dla zabawy uda się załodze
Pochwycić albatrosa, co śladem okrętu
Polatuje, bezwiednie towarzysząc w drodze,
Która wiedzie przez fale gorzkiego odmętu.
Ptaki dalekolotne, albatrosy białe,
Osaczone, niezdarne, zhańbione głęboko,
Opuszczają bezradnie swe skrzydła wspaniałe
I jak wiosła zbyt ciężkie po pokładzie wloką.
O jakiż jesteś marny, jaki szpetny z bliska,
Ty, niegdyś piękny w locie, wysoko, daleko!
Ktoś ci fajką w dziób stuka, ktoś dla pośmiewiska
Przedrzeźnia twe podrygi, skrzydlaty kaleko!
Poeta jest podobny księciu na obłoku,
Który brata się z burzą, a szydzi z łucznika;
Lecz spędzony na ziemię i szczuty co kroku –
Wiecznie się o swe skrzydła olbrzymie potyka.
Tłumaczyła Bronisława Ostrowska
Albatross
Often, to amuse themselves, the men of a crew
Catch albatrosses, those vast sea birds
That indolently follow a ship
As it glides over the deep, briny sea.
Scarcely have they placed them on the deck
Than these kings of the sky, clumsy, ashamed,
Pathetically let their great white wings
Drag beside them like oars.
That winged voyager, how weak and gauche he is,
So beautiful before, now comic and ugly!
One man worries his beak with a stubby clay pipe;
Another limps, mimics the cripple who once flew!
The poet resembles this prince of cloud and sky
Who frequents the tempest and laughs at the bowman;
When exiled on the earth, the butt of hoots and jeers,
His giant wings prevent him from walking.
Translated by William Aggeler
Der Albatros
Oft kommt es dass das schiffsvolk zum vergnügen
Die albatros • die grossen vögel • fängt
Die sorglos folgen wenn auf seinen zügen
Das schiff sich durch die schlimmen klippen zwängt.
Kaum sind sie unten auf des deckes gängen
Als sie • die herrn im azur • ungeschickt
Die grossen weissen flügel traurig hängen
Und an der seite schleifen wie geknickt.
Er sonst so flink ist nun der matte steife.
Der lüfte könig duldet spott und schmach:
Der eine neckt ihn mit der tabakspfeife
Ein andrer ahmt den flug des armen nach.
Der dichter ist wie jener fürst der wolke
Er haust im sturm • er lacht dem bogenstrang.
Doch hindern drunten zwischen frechem volke
Die riesenhaften flügel ihn am gang.
Übersetzt von Stefan George







