Wie die Erdmännchen

Persische Gattin

Wie die Erdmännchen – die iranische Familie:

Meine Beobachtungen sind sicherlich sehr subjektiv, aber ich habe den Eindruck, dass in Iran die Frauen diejenigen sind, die einer Familie den Halt geben, und die letztendlich über sie entscheiden.

Früher war die Rollenverteilung so, dass der Mann Geld nach Hause gebracht hat. Die Frau hat sich um die Kinder und den Haushalt gekümmert. Heutzutage arbeiten, vor allem die jungen Frauen, in Iran. Ich kenne eine Chemie-Studentin, die bestimmt nach dem Studium ein Hohes Tier in der Öl-Industrie sein wird.

Das größte Gut sind für die Iraner die Kinder und sie sind in der Regel sehr verzogen. Man spart nicht an einer guten Schule, Englisch-Kursen, Klamotten.

irandawniej1-dubletIn Iran darf man in der Familie heiraten, und es wird oft gemacht. Bis zur Cousine ersten Grades darf man heiraten, ausgeschlossen sind nur die Tanten, die Omas und die Mütter. Manchmal jedoch endet es in einer Katastrophe, vor allem für die Kinder. Eines Tages bin ich mit einem Bus gefahren, wie immer in einem unglaublichen Gedränge. Neben mir saß eine junge Frau mit ihrer etwa 2-jährigen Tochter auf dem Schoss. Plötzlich hat mir das Kind sein Gesicht zugewandt, ich habe mich erschrocken – ich sah eine entsetzliche Hasenscharte, das Mädchen war noch zusätzlich behindert. Auch in der Familie meines Mannes gibt es zwei mittlerweile erwachsene Kinder, die blind sind und unter Epilepsie leiden. Die Eltern sind Cousin und Cousine ersten Grades. Es schreckt die Iraner nicht ab – sie sagen In Schallah – alles in Gottes Händen. Man macht zwar vor der Ehe einen Test, um zu überprüfen, ob die zukünftigen Eheleute genetisch übereinstimmen. Ein Beamter gibt eine Überweisung, man gibt das Urin und das Blut ins Labor, aber es gibt 1000 Tricks um die Ergebnisse zu fälschen, man nimmt das Urin von Bekannten etc. Außerdem, diesen Test  führt man auch durch, um eventuelle Drogen festzustellen.

Die junge Mahtab hat den gutaussehenden Ali Reza geheiratet, obwohl er einen Drogen-Problem hatte. Mahtabs Bruder hat Ali Opium rauchen gesehen und es ihr erzählt, doch sie war verliebt. Kurz nach der Hochzeit hat Ali öffentlich den Drogenkonsum (Opium und Heroin) gebeichtet und in einer Klinik eine Entzugskur gemacht. Danach hat er aber nur ein Monat ohne Drogen durchgehalten. Mahtab wurde schwanger. Ali Reza ging wieder in eine Entzugskur. Nach ein paar Monaten wurde es schlimmer, und da Ali schon seit geraumer Zeit nicht mehr gearbeitet hat, hat er Mahtab´s Schmuck geklaut und verkauft, um Geld für die Drogen zu beschaffen. Eine neue Entzugskur folgte. Die hat nicht gewirkt. Ali Reza ist nun zu Mahtabs Großmutter gegangen und hat ihr Geld und Schmuck gestohlen. Mahtab hatte endlich genug von Ali, hat die Polizei eingeschaltet, und hat sich von Ali getrennt. Ali landete im Gefängnis und ist da gestorben. Und das war Mahtabs Glück, da das Sorgerecht in Iran immer bei dem Mann liegt, aber so durfte sie den gemeinsamen Sohn behalten. Der zweite Mann von Mahtab war Fernfahrer und hatte schon drei Kinder (nach der Scheidung mit der ersten Frau sind die Kinder rechtmäßig bei ihm geblieben). Wegen verschiedenen Machenschaften landete er im Gefängnis und Mahtab ließ sich scheiden. Als ich vor einem Jahr in Iran wahr, war Mahtab wieder glücklich. Sie hatte einen Freund, kurz danach jedoch hat sich  Mahtabs Freund von ihr getrennt. Mahtab muss für sich und ihren 8-jährigen Sohn sorgen – sie arbeitet in einer Nachtschicht in der Fabrik. Die Familie hilft ihr finanziell, aber es ist schwer, ohne einen Mann, in Iran.

irandawniej2Ich habe auch Kinder gesehen, die Blumen auf den Straßen oder Stifte in der U-Bahn verkaufen. Und die Menschen kaufen die Blumen und die Stifte gerne ab, oft obwohl sie die nicht brauchen, Barmherzigkeit ist einer der Gesetzen im Islam. Die Kinderarmut ist in Iran durch eine Art bedingungslosen Grundeinkommens gemildert. Jeder Bürger, egal ob Kind oder Erwachsener, bekommt monatlich von der Regierung eine bestimmte Summe Geld. Es ist nicht viel, aber es reicht um jeden Tag für eine Person Brot, Käse und etwas Gemüse zu kaufen.

Die Männer in Iran dürfen mehrere Frauen haben.

Foteme und Anis sind Saids Frauen. Foteme hat eine wesentlich höhere Stellung, da sie die erste Frau ist und Said einen Sohn geschenkt hat. Sie ist auch diejenige, die ein Handy besitzt – wenn das Telefon klingelt, erklingt die melodische Stimme eines Muezzins. Anis schielt neidisch in die Richtung des Handys, denn sie besitzt keins. Sie ist noch mehr neidisch, da sie mit Said kein Kind hat.

Die Situation einer Frau, die keine Kinder zur Welt bringen kann, ist nicht beneidenswert. Es kann der Grund einer Scheidung werden. Der Mann muss nur zu der Frau kommen und drei Mal das Wort: Tallok, Tallok, Tallok aussprechen, um die Frau zu verstoßen. Meistens dauert jedoch eine Ehe in Iran das ganze Leben an.

Die Küche ist der wichtigste Raum in einer persischen Haushalt, und der Kühlschrank das wichtigste Möbelstück. Oft ist er riesig, noch mit der Schutzfolie an den Griffen, in welche er in der Fabrik verpackt wurde, um ihn von den Gebrauchspuren zu schützen (die Schutzfolie wird übrigens nie abgenommen, egal ob von Stühlen, Sitzen in Autos, Handys oder Haushaltsgeräten, obwohl die Geräte manchmal schon 20 Jahre alt sind und die Folie total zerfetzt ist – aus Sparsamkeit – die Perser sind die Schotten des Orients).

irandawniej3-dubletMindesten zwei Mal am Tag sammelt sich die Familie um gemeinsam zu essen. Wenn ich an eine iranische Familie denke, habe ich immer vor Augen die Erdmännchen. Sie sind immer in der Gruppe, immer zusammen, immer am kommunizieren oder kuscheln. Alleine werden sie krank, oder sterben! Genauso ist es mit den Iraner.

Die Familien sind sehr groß, oft leben viele Generationen zusammen, Altersheime sind da nicht bekannt, man findet in Iran Halt in der Familie. Wenn es einen Ehestreit gibt, werden von anderen Mitglieder der Familie Mediationen durchgeführt. Auch wenn einer arbeitslos ist, lassen sie die familiären Connections spielen. Sie lassen einen an Einsamkeit nicht sterben.

Und nächste Woche – Aus den Erzählungen meiner Schwiegermutter – Das glückliche Leben von Agha Said!

No ruz

Drogie Czytelniczki & drodzy Czytelnicy. Wiosna nie przyszła, i za Koszałkiem Opałkiem stwierdzamy, że w ogóle nie przyjdzie, ale mimo to składamy Wam życzenia ciepłych i pogodnych świąt Bożego Narodzenia! No oczywiście – Wielkiej Nocy. Ah, whatever…

Liebe LeserInnen – Alles Gute zu Weihnachten, o, pardon, zum Ostern!

Persische Gattin

NO RUZ – persisches Neues Jahr

Wie bei uns Ostern

No Ruz ist das wichtigste persische Fest. Es  hat mit unserem Silvester und Neujahr-Feierlichkeiten nicht viel gemeinsam, vielmehr erinnert es an Ostern. Vielleicht aus dem Grund, dass es auch in Frühling gefeiert wird.

Schon Wochen vor No Ruz, an dem Tag, an welchen der Schnee geschmolzen ist, wird Korsi abgebaut. Korsi ist eine Art Feuerstelle. In einem eisernem Behälter brennen Holzkohlen, drüber stellt man einen niedrigen Tisch. Auf den Tisch legt man einen riesigen Teppich, etwa 4 Meter mal vier Meter groß. Früher war das die einzige Wärmequelle in dem ganzen Haus. Mein Mann erzählt, dass er sich auf Korsi immer sehr gefreut hat. Nach der Schule rannte er, so schnell, wie er nur konnte, und das erste, was er, zu Hause angekommen, gemacht hat, war unter das Teppich zu schlüpfen. Im Haus betrug die Temperatur etwa 10 Grad, unter dem Teppich, dank Korsi, war es mollig warm. Aber vor No Ruz muss Korsi abgebaut werden, egal wie das Wetter spielt. Gleich im Anschluss wird Hune Tekuni gemacht. Hune Tekuni bedeutet – das Haus durchschütteln. Die Frau trägt alle Möbel nach draußen, die werden im Hof gründlich gewaschen, im Haus werden Fenster geputzt, Fußboden geschrubbt, wie in Polen vor Ostern, erst dann dürfen die sauberen Möbel wieder rein. Meine Schwiegermutter hat sich auf diese Weise Rheuma geholt, weil sie die Möbel und Hausgegenstände draußen bei den Temperaturen um den Gefrierpunkt, mit kaltem Wasser gewaschen und geputzt hat. Aber es ist eine der wichtigsten Traditionen in Iran und, unbeachtet der Verluste, muss sie durchgeführt werden.

Am meisten freuen sich die Kinder 1

Immer am Mittwoch vor dem Tag an welchem No Ruz gefeiert wird, werden Feuerwerks veranstaltet  und Feuer angezündet. Anders als in Deutschland, wo meistens ein großes Osterfeuer brennt, zünden die Iraner kleinere Feuer an, um drüber springen zu können –  diese Tradition ist auch in Polen bekannt (obwohl zu anderen Zeitpunkt). Auf diese Weise wollen die jungen Männer ihren Mut beweisen, und sich Gesundheit und das Wohl erkaufen, denn bei jedem Sprung wiederholt man eine magische Formel: Sardije man az to, Sorhije tora be Mane. Das Gelbe soll mit Dir (mit dem Feuer) verschwinden, das Rote zu mir kommen. Das  Gelb  symbolisiert in diesem Fall, das, was verwelkt, ungesund oder alt ist, und das Rote – das Neue, Vitale, Gesunde.

Festliches Essen

Zum No Ruz gehört auch Adschile Moszkel bosza – ein Teller mit Kernen und Nüssen –  man soll die mit Bedacht kauen und bei dieser ruhigen Tätigkeit, über die eigenen Probleme nachdenken bis man eine Lösung findet. Zu den bekanntesten persischen No Ruz Traditionen gehört auch Sabsi – Grünzeug – man tut auf flache Teller Wasser, schüttelt die Samen von Sabsi darauf und bedeckt sie mit einem Küchentuch. In zwei Tagen nimmt man das Tuch ab. Nun wächst Sabsi. Die Teller stellt man auf den Festtisch, sie sollen das neue Leben und den Neuanfang symbolisieren. Auch das kennen wir aus Polen – bei uns wächst die Kresse. Früher hat man große Wasserkannen mit Jute umwickelt, und da die Samen eingepflanzt, im Effekt sind grüne Wasserkannen entstanden, die wie lebende, wachsende und sich ständig ändernde Kunstwerke ausgesehen haben.

Sofre - Tischdecke auf dem Teppich ausgebreitetAm Tag des No Ruz Festes legt man eine festliche Decke auf den Tisch, oder breitet man sie auf dem Teppich aus. Darauf müssen  die Haft Sin – die sieben Sachen, die mit S anfangen, stehen (ähnlich wie bei Weihnachten in Polen- auf den Tisch müssen die vorgeschriebenen 12 Speisen). Es sind: Sabsi -Grünzeug, Sir – Knoblauch, Seke – Goldstück, Samanu – gemahlenes Getreide, Serkhe – Essig,  Sendschet – eine Art Maulbeeren, Sib – Äpfel. Ansonsten werden Lammfleisch, Reis und Tomaten gegessen. Viele Iraner glauben an Vorhersagen – auf die festliche Decke legt man einen Spiegel und auf den Spiegel ein Ei. Aus den Bewegungen des Eis kann man die Zukunft deuten.

No Ruz kommt um den 20 März, die Uhrzeit ist aber jedes Jahr unterschiedlich und wird durch die Position der Sonne und des Mondes zueinander bestimmt. Manchmal kommt der No Ruz tagsüber, manchmal nachts. Falls es nachts passiert, weckt man die Kinder und entweder schenkt man ihnen nagelneue Scheine, oder sie finden sie unter dem Kopfkissen. Vor dem No Ruz erleben die persischen Banken einen wahren Sturm, da die Erwachsenen die neuen, nicht geknickten und nicht abgenutzten Geldscheine massenweise holen.

Am meisten freuen sich die KinderAm ersten Tag des Neujahrs besuchen die jungen Familienmitglieder die Älteren. Es ähnelt einem Marathon, durchschnittlich statten an diesem Tag die jungen Iraner bis zu zehn Besuche ab. Obligatorisch werden Nüsse, Süßigkeiten und Tee serviert. Derjenige, der als Erstes eine Familie besucht, bringt mit sich Glück oder Unglück ins Haus. Falls jemand in der Familie stirbt, oder die Familie Geldprobleme bekommt, wird dessen, im Stillen natürlich, derjenige beschuldigt, der am No Ruz, als Erster zum Besuch war.

261px-HajjiFiruzDie Iraner haben auch eine Figur, die für No Ruz charakteristisch ist, wie wir den Hasen zum Ostern, oder den Weihnachtsmann zu Weihnachten. Die Figur heißt Hadsch Firuz und es ist ein Mann mit schwarzer Haut und rotem Gewand, wie früher die persischen Könige. Hadsch Firuz geht am No Ruz durch die Straßen und singt. Wenn die Iraner ihn kommen sehen, rennen sie nach draußen, und beschenken den Hadsch Firuz mit Geld. Interessant ist, dass den Titel “Hadsch” nur die Menschen tragen dürfen, die eine Pilgerreise nach Mekka absolviert haben. Für Firuz ist es jedoch nur ein Höflichkeitstitel.

An dem 13 Tag nach No Ruz darf man nicht zu Hause bleiben. Die Iraner glauben, dass es Unglück bringt und gehen picknicken. Die einzigen, die an diesem Tag arbeiten, sind die Diebe, denn sie genau wissen, dass an diesem Tag die Häuser leer stehen. Im Grünen kochen die Frauen Tee und bereiten Essen zu, die Männer spielen Karten. Es sieht etwa so aus, wie im Sommer in Berlin in dem Tiergarten, wenn die türkischen Familien, auf den Decken sitzend, die freien Nachmittage verbringen. Mit einem Unterschied – in Iran muss der Picknickplatz sich in der Nähe eines Baches mit fließendem Wasser befinden. Ein alter, persischer Brauch besagt, dass die jungen, unverheirateten Mädchen an diesem Tag Sabsi – grüne Pflanzen, miteinander zu einem Knoten gebunden, ins Bach werfen sollen, und sagen siszde bedar, soale digar, huneje schohar –  lass mich am dreizehnten Januar, nächstes Jahres, im Haus meines Ehemannes sein. Sie glauben der Wunsch nach einer Ehe wird auf diese Weise in Erfüllung gehen.

Nächste Woche ein Text über die iranische Ehe und Familienleben.

Hosstegori, Ard, Arrusi

Persische Gattin

Heiraten auf Persisch

Man kann in Iran auf viele Weisen heiraten. Es ist ein einzigartiges Erlebnis, aber nicht immer ein Einmaliges. Die Iraner dürfen ja mehrere Frauen haben. Man muss sich allerdings an die Regeln halten. Den Iraner fällt es nicht sonderlich schwer, denn sie lieben ihre Regeln. Falls allerdings jemand es wagt, aus der Reihe zu tanzen, muss er mit einer gnadenlosen Kritik und scharfen Zungen rechnen, und zwar Jahre, manchmal auch Jahrzehnte danach.

Das Heiraten fängt an mit:

Hosstegori – es ist ein kleines Fest, nur die engste Familie ist dabei. Der Bräutigam in spe, begleitet von seinen Eltern, kommt ins Haus seiner Auserwählten. Früher hat das Mädchen ihren Zukünftigen bei dieser Gelegenheit das erste Mal flüchtig gesehen. Er dürfte auch ein Blick auf sie erhaschen, in den paar Sekunden, in denen sie ihm den obligatorischen Tee (Tschai) serviert hat. Heutzutage kennt sich das junge Paar schon, zumindest in den meisten Fällen. Das wichtigste ist – die Eltern des Mädchens müssen einverstanden sein. Nicht ohne Bedeutung ist die Höhe der Mehrije. Mehrije ist eine Art Geldanlage für die Braut, für ihre Zukunft. Falls die jungen Leute heiraten, muss der Ehemann seiner Gattin zu jedem Zeitpunkt die Summe der Mehrije auszahlen können, falls sie diesen Wunsch äußert. Falls er es nicht tut, wandert er ins Gefängnis. Und es geht hier um keine symbolische Summen: 500 Seke (Goldstücke) ist oft der Standard. Für dieses Geld kann eine Frau bis Ende ihres Lebens, in Iran, fast sorglos leben. Am häufigsten wird die Zahlung der Mehrije in dem Fall einer Scheidung verlangt, aber manchmal will die Frau das Geld ohne Grund, einfach so!

TanzenVor allem die Mutter der Braut ist daran interessiert die höchst mögliche Summe für ihre Tochter auszuhandeln. Mich selbst hat man auch gefragt, welche Mehrije ich haben möchte. Überrumpelt habe ich geantwortet: ich will gar nichts! Geld von meinem Mann zu verlangen, nur weil er mich heiratet, fand ich irgendwie komisch. Das geht aber nicht – war die Antwort –  Mehrije muss sein, mindestens Nabot (Zukerkristalle) und Koran. Ich antwortete: ich möchte aber kein Zucker und mit dem Koran, da bin ich mir auch nicht so sicher…. Mein Mann meinte – sie mag Rosen. Ich habe zugestimmt und so wurden 500 rote Rosen zu meiner Mehrije. Ich kann sie jede Zeit von meinem Mann verlangen. Die versammelten Frauen waren mit meiner Entscheidung nicht besonders glücklich. – Du verdirbst unsere Preise! – hat mir eine von ihnen zugezischt.

Nach Hosstegori kommt Ard.

Ard ähnelt unserer europäischen, standesamtlichen Eheschließung. Die Ehe kann hier für immer oder auf Zeit geschlossen werden. Die Ehe auf Zeit heißt Sirkhe und kann ab einer Minute bis 200 Jahre dauern. Diese Art Ehe wurde eingeführt wegen der unehelichen Kindern. Falls die Eltern nicht geheiratet haben, und infolge ihres Verhältnisses ein Kind zur Welt gekommen ist, wird das Kind nicht automatisch zu einem iranischen Bürger erklärt, denn das Kind nimmt immer die Nationalität des Vaters an. Wenn man aber keine Sicherheit hat, wer der Vater ist…

In der Schah-Zeit war Sirkhe verboten, nach 1979 wurde sie wieder zugelassen. Im Islam sind bis zu 40 Zeitehen für jeden Mann möglich. Früher, als die Perser viele neue Länder und Territorien erobert haben, war die Zeitehe sehr praktisch. Bei den Schlachten, im Kampf wurden ja die männlichen Gegner ausgerottet, die Frauen blieben alleine zurück. Die Perser haben sie also geheiratet, damit sie einen sicheren Hungertot nicht sterben müssen und dank der Sirkhe in Einverständnis mit dem islamischen Glauben.

Das Fest aller Feste ist für die Iraner – die Arrusi,

also – die Hochzeit. Jedes Mädchen in Iran träumt von einer Hochzeit in Weiß, und da unterscheiden sich die iranischen Mädels von den europäischen ganz und gar nicht – und wenn Eine sagt, sie macht sich nichts daraus – lügt sie. Der einzige Unterschied ist, dass ein europäisches Mädchen sich überhaupt nicht vorstellen kann mit welchen Pracht und Prunk so eine persische Arrusi gefeiert wird, außer es hat´s  gesehen.

Heute heiraten Mehdije und Ahmed. Der wichtigste und schönste Tag im Leben des jungen Paars ist vor allem anstrengend. Bei Morgendämmerung rennt Mehdije zum Schönheitssalons. Diese spezialisieren sich in Hochzeits-Make-up und Hochzeits-Frisuren. Sobald die Kosmetikerinnen und Friseurinnen erfahren, dass es sich um eine Hochzeit handelt, steigen die Preise bis ins Unendliche. Ich habe gehört, manche Bräute sagen, dass sie Geburtstag feiern wollen, damit sie nicht so viel bezahlen müssen. Das Make-up ist stark, glitzernd, provokativ, nichts mit der unschuldigen, natürlichen Braut, so was ist kein Modetrend in Iran. Was interessant ist – die Männer werden auch geschminkt. Ahmed kriegt zwar nur etwas Puder, Lippenglos und seine Augenbrauen werden depiliert, aber ich habe schon einen iranischen Bräutigam gesehen, dessen Augen stark geschminkt, Lippen karminrot angemalt und die Haare auf den Tokyo-Hotel-Leader frisiert waren, ein echter ästhetischer Horror.

Fotografen und die Braut

Auch das Make-up von Mehdije, der heutigen Braut, hält sich in Rahmen, sie behält immerhin ihre natürliche Haarfarbe – schwarz, und ich kann nur drei verschiedene Lidschatten auf Ihren Augenlieder zählen, aber ich habe schon eine Braut gesehen, deren lange Locken platinblond, wie bei Pamela Anderson gefärbt wurden, die Augenbraue abrasiert und darauf gemalt, und die Lippen in Feuerwehr-rot geschminkt wurden.

Das Prinzessin-Kleid wartet schon auf Mehdije und es ist wirklich sehr schön, ähnlich wie in Polen oder Deutschland, schulterfrei, mit kleinen glitzernden Steinchen besetzt, mit Schleppe, auf dem Kopf ein Schleier. Sie sieht umwerfend aus, und ich beneide sie ein bisschen, da ich keine Arrusi in Weiß hatte.

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Den ganzen Vormittag und halben Nachmittag verbringt das junge Paar mit einem Fotografen und einem Kamera-Team. Die arbeitslosen Filmemacher in Iran haben ihre Nische gefunden. Der Film mit Mehdije und Ahmed wird am Ende über drei Stunden dauern, er wird mit der Musik von Modern-Talking, iranischem Pop, den ominösen Klängen von Enya und zahlreichen filmischen Effekten: Überblenden, Ausblenden, Zeitluppen, Zeitraffen, sowie Bilder in Sepia im Still der 30-er Jahre und dramatischen schwarz-weiß, untermalt. Die Dreharbeiten beginnen mit einer spektakulären Autofahrt durch Teheran. Die Hupe und die Lichthupe werden ununterbrochen von dem Fahrer betätigt, der Wagen ist, genau wie so oft in Europa, mit Blumen und weißen Schleifen geschmückt, und was vor allem wichtig ist: es ist ein Nissan, also ein ausländisches Auto, und kein produzierter in Iran und sehr populäre Pride, der allem Anschein nach, aus Plastik gebaut wurde und aussieht wie aus den 80-er Jahren.

Das Paar und Fotografen

Danach geht es zu einem Park und an der kitschigen Romantik wird es hier nicht gespart. Mehdije und Ahmed werden von den Fotografen und Kameraleuten dazu ermutigt:  hinter sich her durch die Grünanlage zu rennen, sich im Laub auf dem Parkrasen zu wälzen, die Blätter von den Kleider abzuschütteln und es noch mal zu wiederholen, sich auf den Treppen einer kleinen Pagode zu strecken, sich sentimental aus den halbgeschlossenen Augen anzustarren, die Lippen an die Lippen den anderen zu nähren, aber um Gottes Willen nicht küssen! Noch sind sie ja nicht verheiratet, und was nicht geht, geht es halt nicht! Casablanca kann man hier nicht nachmachen. Schade um die Kunst!

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Dann geht es zu dem gemieteten Festsaal. Mehdije und Ahmed steigen aus dem Auto, und vor ihnen direkt auf der Straße wird ein braunes Lämmchen mit einem Messerschnitt durch die Kehle, also nach Halal-Vorschriften, geopfert (auf diesen Brauch könnte ich persönlich verzichten, so sehr tat mir das Lämmchen leid). Das Blut fließt über den Gehweg, die Braut hebt geschickt das weiße Kleid und springt drüber, der Bräutigam hinter ihr her. Im Eingang wartet schon die Familie (es ist eine kleine Hochzeit, nur 200 Leute), das Paar wird mit unzähligen Geldscheinen förmlich überschüttet. Sie gehen aber unbeirrt weiter und betreten den festlich geschmückten Saal. Mehdije und Ahmed zünden eine Kerze von dem Koran an. Sie setzen sich an zwei Thronen. Vor ihnen mehrere Tische – bedeckt mit Musselin, auf den Tischen stapeln sich Blumen und Früchte, Nüsse, Perlenketten, Hirtin-Figürchen, kleine Spiegel in goldenen Rahmen, idyllische Bildchen, Ketten aus raren Muscheln.  In der Mitte auf einem silbernem Tablett liegen Eheringe und steht ein Schälchen mit Honig, daneben Nabot –  damit das gemeinsame Leben süß wird. Über die Köpfe des Paares wird ein goldenes Tuch ausgebreitet, das von etwa zehn jungen Frauen gehalten wird. Eine Auserwählte darf zwei Zuckerköpfe über das Tuch reiben – damit das Leben des Paares wie Zucker schmeckt.

Ahmed nimmt den Koran und schlägt es auf. Ein Mulla liest eine Art Eheversprechens. Mehdije sagt als erste: Bale – Ja. Die Frauen jubeln. Nun ist Ahmed an der Reihe und auch er sagt  mit einer etwas zitterigen Stimme: Bale. Alle klatschen. Ahmed schließt den Koran und küsst Mehdije auf den Mund, das erste Mal – zumindest theoretisch. Das Paar unterschreibt den Ehevertrag, und es ist nicht eine Seite wie bei uns, sondern gleich ein ganzes Buch. Die Eheringe werden ausgetauscht. Im Hintergrund singt die Band schon: Man tora micham! – Ich will dich! Mehdije taucht den kleinen Finger in die Schale mit Honig und hält ihn Ahmed hin. Ahmed leckt den Honig ab, dann ist er an der Reihe und Mehdije muss ablecken. Ich weiß selber nicht, ob es auf mich leicht erotisch oder unhygienisch wirkt.

Dann kommen die Geschenke – es ist eine wahre Zeremonie, bei welcher alle zuschauen müssen. Ich werde wieder etwas neidisch, als ich sehe, was Mehdije alles kriegt, und muss auf meinen biederen Modeschmuck starren. Also sie bekommt: goldene Ohrringe mit echten Perlen, einen Armband dazu, eine Kette, eine Uhr, noch mal Kette, und noch mal Ohrringe – alles aus puren Gold. (Ahmed bekommt übrigens fast denselben Satz). Danach kommt Geld oder Goldstücke (Seke). Eine Tante verkündet über ein Mikro, wer und wie viel dem jungen Paar geschenkt hat. Danach erfahre ich – eine iranische Hochzeit ist ein “Null-Summe-Spiel”, meistens das ganze Geld, welches ausgegeben wurde (und es ist ein kleines Vermögen) wird durch die Geschenke wieder reingenommen.

Mit einem Blumenstiel

Das Ritual mit dem Geld wiederholt sich gleich wieder, denn das Paar erhebt sich und geht durch den Saal zu der Tanzfläche, dabei begrüßt sie jeden Familienmitglied persönlich. Der Geldregen fällt wieder auf sie.

Der erste Tanz beginnt: Mehdije und Ahmed schwingen die Hüften, die Mutter der Braut überschüttelt das Paar mit Geldscheinen. Da wurde wahrscheinlich der Tresor einer iranischen Sparkasse gänzlich leergefegt.

Nach dem ersten Tanz, wie auf Befehl, rennen alle auf die Tanzfläche und fangen an sinnlich, rhythmisch, einfach grandios zu tanzen, egal ob jung oder alt, die Iraner haben es einfach im Blut. Lichter pulsieren, ein künstlicher Nebel erfüllt den Saal, und ich habe den Eindruck, ich bin in einer Berliner Disco, wäre da  dieser orientalische Rhythmus nicht gewesen.

Etwas später erfahre ich, dass man eigentlich auf dieser Weise nicht feiern darf, dass es verboten ist und die Familie musste ordentlich schmieren, damit Frauen und Männer zusammen sind. Normalerweise erscheint der Bräutigam nur kurz bei den Frauen, danach geht er zu den Männer und die Festlichkeiten finden getrennt statt. Es ist etwas trist: Frauen tanzen mit Frauen, und Männer mit Männer in getrennten Räumlichkeiten.

Aber zurück zu der Hochzeit von Ahmed und Mehdije. Nach dem Tanzen begeben sich die Braut und der Bräutigam nach draußen und rauchen gemeinsam Schisha und so entspannen sie sich ein wenig.

Kurz darauf folgt die Torte! Zuerst eine junge Frau tanzt mit dem Kuchen (natürlich nicht mit der dreistöckigen Torte), sondern mit einem Mandelgebäck, in der Größe eines Tellers. Die Hüften der jungen Schönheit in einem geschmeidigen grünen Kleid bewegen sich sinnlich. Der Kuchen auf der Handfläche kreist rhythmisch mit den graziösen Bewegungen ihrer Arme. Sie ist eine gute Tänzerin und sie stiehlt der Braut die Show ein wenig, aber es ist zu einem guten Zweck, denn auch sie sammelt für das junge Paar die Scheine.

Die Mutter der Braut bringt ein Teller mit zwei kostbaren, weißen Blüten. Ahmed und Mehdije tauchen die Stiele der Blume in Henna und schreiben gegenseitig ein Zeichen auf die Handflächen. Dann schließen sie die Hände, und verschmieren alles. Ab jetzt sind sie unzertrennlich, auf jeden Fall sie sollen es werden.

Ein anderes junges Mädchen tanzt mit dem festlich geschmückten Torte-Messer. Und auch sie wird mit Scheinen überschüttet, dann übergibt sie das Messer dem Bruder des Bräutigams, er tanzt mit einer ernsten Miene, versucht, so gut wie möglich den Auftrag zu erfüllen und wieder fliegen die Scheine. Der Bruder ärgert den Bräutigam ein bisschen und verzögert die Übergabe des Messers.

Normalerweise gehört der Tanz mit dem Messer der Schwester des Bräutigams. Und falls die Schwester, die Zukunftige ihres Bruders nicht mag, kann der Tanz sehr lange, sogar bis zu einer Stunde dauern. Aber Ahmed hat nun keine Schwester. Endlich übergibt Ahmeds Bruder dem Paar das Messer, die Torte wird aufgeschnitten, aus der Torte schießen Wunderkerzen. Mehdije und Ahmed futtern sich gegenseitig mit der Torte, dann futtern sie ihre Eltern, ihre Geschwister, und alle aus der Familie, die zufällig in der Nähe stehen.

Das gemeinsame Tanzen geht von vorne an. In jeder persischen Familie gibt es eine alte Tante oder einen Onkel, der die Bude rockt. In diesem Fall ist es der Onkel Golem Reza, mit einer weißen Mähne, bringt er ans Licht solch unglaubliche Hüftbewegungen und Vitalität, dass ich staunen muss, dass er schon fast 80 ist.

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Es wird noch lange getanzt, was das Zeug hält, erst danach kommt das Essen. Bis jetzt hat man nur Früchte, süße Plätzchen und die Torte serviert. Das Essen kommt zum Schluss, und es ist ein Zeichen, dass das Fest sich dem Ende neigt.

Aber nicht in den Familien von Ahmed und Mehdije, hier wird es weiter getanzt, gelacht, geredet, gefeiert und das alles ohne ein Tropfen Alkohol. In Polen kann nicht Mal eine Taufe ohne Prozentiges geben. Und bei einer Hochzeit sind sowieso alle vollgetankt. Eine persische Hochzeit ist vollkommen alkoholfrei. Und es ist das Schönste für mich an diesem Fest.

Das Leben von Kobra Hanum

Persische Gattin

Aus den Erzählungen meiner Schwiegermutter (85 Jahre alt)

Das Leben von Kobra Hanum

Besmella el Rahmone Rachim – Im Namen des allmächtigen Gottes.

Kobra war ein kleines Kind, sie war sehr klein, 2 Jahre alt, da starb ihre Mutter, und sechs Monate danach ist ihr Vater gestorben. Sie waren vier Geschwister:  Laro, Kobra –  die Zweitälteste, Odrat und Atollah. Der Onkel von Kobra war Arzt und er hat sie zu sich genommen.  Dann wurde der Onkel alt und ist gestorben, seine Frau auch. Aber Kobra hat geschafft in dieser Zeit groß zu werden, 18 Jahre alt wurde sie. Sie kam nach Teheran zu ihrem Bruder. Aber das war nicht gut, weil sie sich mit der Frau des Bruders verstritten hat.  Und sie hat Kobra rausgeschmissen. Aber es war nicht so schlimm, da Kobra robust war. Und die iranischen Männer, du weißt selber wie sie sind, haben sie belästigt. Dann hat sie  um Erlaubnis in der Familie gebeten und einen davon geheiratet. Sie hat einen Christen geheiratet. Wir haben spekuliert, dass er Armenier ist, aber niemand wusste es mit Sicherheit. Was soll man tun, sie haben sich verliebt. Da ist es egal ob man Bahai, Zoroaster oder sonst was ist. Ein Junge und ein Mädchen verlieben sich halt, das ist kein Problem. Der Mann hieß Amir, aber er wollte dass man ihn Ghossem nennt. Ich bin Ghossem –  hat er erzählt und  hat seine Geburtsurkunde geändert. Aber Kobra hat von vorne herein kapiert, dass er Christ ist. Mein Mann, Agha Jun, meinte auch zu ihr – Mädel, der ist kein Moslem, weil er Hatne (Beschneidung) nicht gemacht hat. Sie meinte – was soll ich denn machen, er liebt mich, wir werden zusammen leben. 5 Jahre haben sie zusammen gelebt. Und es war sehr gut, da er Mechaniker war und hat gut verdient, aber dann hat sich herausgestellt, dass er eine andere Frau hat! Und drei Kinder. Kobra hat es herausgefunden, da er  ständig nach Kangavar ging. Aber sie haben trotzdem weiter zusammen gelebt.  Und Kobra wurde schwanger.

Amir faehrt wegAmir fährt weg

Als sie in fünften Monat war, ist er wieder verschwunden und Kobra ist außer sich durch den Schnee, es war so kalt, die Erde war gefroren, in unsere Straße gekommen und hat geklagt- mein Amir, wieso kommt er nicht? Dann sagte sie zu mir: ich werde das Kind nicht behalten, ich treibe es ab. Und so war es. Etwas später kam Amir zurück und wieder lebten sie zusammen, aber er ging oft zu der anderen Frau, er ging hin und zurück, hin und zurück. Und Amir hat gesagt:  ich will kein Kind mehr –  weil er ja schon drei Kinder hatte, mit der anderen Frau. Und er hat sein Röhrchen zugebunden, bei einem Arzt – das hat Kobra herausgefunden, und dadurch konnte sie nicht schwanger werden. Ein Mann muss in diesen Sachen schon sein Erlaubnis geben, eine Frau kann alleine nichts tun. Kobra hat kein Kind mehr bekommen, und war sehr traurig. Sie lebten noch etwas zusammen und dann ist Amir weggegangen. Und als er gegangen ist, kam er lange Zeit nicht wieder.

Er ging hin und zurueckEr ging hin und zurück, hin und zurück…

Kobra kam eines Tages  zu mir, wir haben im Hof eine Arbeit zusammen verrichtet und sie sagte zu mir: er ist gegangen und ist nicht zurückgekommen, ich weiß nicht mal, ob er schon tot ist, oder noch lebt, ich weiß gar nichts. Also ging Kobra zu den Behörden und hat die Ehe annulliert,  hat sich bescheinigen lassen, dass sie eine unverheiratete Frau ist, und hat den alten Namen wieder angenommen.

Kobra schaut ihm nachKobra schaut ihm nach…

Und bis jetzt hat Kobra keine Kinder. Auf weitere Kinder hat sie jetzt keine Lust. Sie hatte zwar zwei Freier, solche ohne Bedeutung. Daraus ist nichts geworden. Mit der Zeit  ist sie älter geworden und die Männer wollen eine junge Frau haben und nicht eine Alte, und vor allem nicht solche, die schon mit einem anderem Mann gelebt hat. Man muss ja Jungfrau sein. So wollen sie es haben und nicht anders. Wenn die Frau sagt-  ich bin nicht mehr ganz, und habe schon ein Loch, dann sagen sie: hau ab, geh weg von mir! Du bist jetzt verdorben, andere Männer haben dich angefasst. So ist es.

In einer Woche erzähle ich von Ehe und Hochzeit in Iran. Es wird auch demnächst wieder eine Erzählung von meiner Schwiegermutter Monavar geben!

Sine

Der erste Text kam am Montag.
https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/03/04/kommunikationsmittel/
Ab heute aber sollen wir Beiträge der
Persischen Gattin regelmäßig zum Sonntag bekommen. “Frau zum Sonntag” so zu sagen.

Sine bedeutet Brust

Im Dezember sind in Iran alle sehr traurig und weinen ständig, weil in diesem Monat Imam Husain (626 – 680) ermordet wurde. Husain war der Enkel des Propheten Mohammed und ist eine Zentralfigur des schiitischen Glaubens (fast alle Iraner sind Schiiten). Seine Gegner haben Husain in der Schlacht bei Karbala ermordet, er hatte 33 Speerwunden, 34 Schwertwunden und unzählbare Pfeiltreffer erhalten.

Plac Imama HusainaMahnoz, die Frau des Cousins meines Mannes entscheidet sich, mich, eine polnische Katholikin, also eine Ungläubige, zu den religiösen Festivitäten mitzunehmen. Sie heißen Sine, was Brust bedeutet, weil sich die Frauen und Männer (getrennt natürlich) auf die Brust schlagen, um der Trauer Ausdruck zu verleihen.

Mahnoz ist eine attraktive, schlanke Frau in den Fünfzigern, und obwohl sie weder lesen noch schreiben kann und aus einem kleinen Dorf im Norden Irans stammt, ist sie immer sehr elegant und geschmacksvoll gekleidet. Jede Kudamm´er Elegantin könnte sich eine Scheibe von ihr abschneiden.

Und auch an diesem Morgen kommt sie in einer olivenfarbenen Hose, einem eleganten beigen Mantel und einem dazu passenden seidenen Kopftuch und vor allem nicht in Schwarz, der Farbe der Trauer. So ziehe ich auch helle Hose und einen hellen, leichten Mantel an. Und ich bin erleichtert, da mein schwarzer Wintermantel sehr warm ist, und aus Erfahrung weiß ich, dass ich den Mantel die ganze Zeit anbehalten muss. Obwohl man die Wohnungen in Iran im Winter, wie verrückt heizt, und die Temperatur in den Räumen oft fast 40 Grad übersteigt, behalten die Frauen in der Öffentlichkeit immer ihre Mäntel an, aus moralischen Gründen. Man kann sich leicht vorstellen, wie man dabei schwitzt.

uliczka do niego dochodzaca Der Cousin Agha Abbas kutschiert uns, und nach einer halben Stunde parken wir vor einem prachtvollen Haus in einer der meist angesagten Gegenden in Teheran. Das Haus ist vierstöckig und sieht, wie ein kleiner Palast aus. Vor gewaltigen Türen hat man riesige Vorhänge angebracht. So gelangen wir zuerst in eine Schleuse, eine Art Zwischenraum, wo die Frauen ihre Schuhe ausziehen und in dafür speziell vorbereitete Plastiktüten verstauen. Ich schaue mich nach Mahnoz um, und erkenne sie nicht wieder. Sie trägt nicht mehr ihren beigen Mantel, sondern einen  schwarzen Tschador. So ähnelt sie, all den Frauen, die das Gebäude stürmen und wie schwarze Krähen aussehen. Ich fühle mich unwohl in meiner hellen Kleidung, ich gehöre einfach nicht dazu!

Stragan przy placu Imama HusainaAber Mahnoz schubst mich nach vorne und so betreten wir den komplett mit Perser Teppichen ausgelegten Raum, von der Größe eines Fußballfeldes. Überall an die Wände angelehnt sitzen, etwa 200 Iranerinnen, Junge, Alte, kleine Mädchen, alle in Schwarz und alle flüsternd. Ein leiser Gemurmel erfüllt den Raum. Wir setzen uns in die Ecke auf dem Teppich und Mahnoz fängt sofort mir zuzuflüstern an: Die Gastgeberin ist eine Araberin aus dem Irak, und ihr Mann ist sehr reich, in den weiteren 4 Stockwerken wohnt die Familie. Sie sind unbeschreiblich reich.

Eine Frau nähert sich mir, sie ist sehr groß, ihr Rücken breit, wie bei einem Holzfäller. Ihr Gesichtsausdruck, alles andere als freundlich. Na klar, denke ich mir, ich falle auf, wie ein Albinos-Rabe unter diesen schwarzen Krähen. –  Was suchst du hier, wer bist du und zu wem gehörst du? – fragt sie mich. Etwas eingeschüchtert, mit zitterigen Stimme antworte ich in meinem besten persisch.- Man Renata hastam, bo Mahnoz omadam (ich bin Renata und bin mit Mahnoz gekommen). Ich zeige auf meine Begleiterin, und die Gastgeberin lächelt versöhnlich. Uff atme ich erleichtet auf – kein Rauschmiss. Sie küsst Mahnoz und tauscht Höflichkeiten mit ihr, was sehr lange dauert, und so vergessen sie mich für eine Weile. Die reiche Gastgeberin spricht paar englische Worte, und erzählt mir, dass ihre beiden Söhne in Harvard studieren. Man bietet mir einen Glas Tee, köstliche Feigen mit Orangenstreifen gefüllt, begossen mit Schokolade. Kein Wunder, dass die meisten Perserinnen etwas kugelförmig sind. Plötzlich ein schallender Mikro-Geräusch, eine Frau fängt an zu singen, die Geschichten aus dem Märtyrer-Leben des Imam Husain´s, sehr orientalisch und rhythmisch.  Das Mikro ist so eingestellt, dass die Stimme der Sängerin, in dem Raum hallt, es klingt dramatisch und geheimnisvoll zugleich, und ein bisschen auch, wie bei einem Rock-Konzert. Ich schaue mich um, und alle Frauen, wie auf Befehl, fangen an sich gegen die Brüste zu schlagen – Bum, Bum, Bum und dazu zu skandieren – Jo Husain, Jo Husain! Und fast alle weinen, einige leise, und manche ganz laut. Mahnoz flüstert mir zu: wenn du nicht weinen kannst, stell dir vor, jemand aus der Familie ist gestorben, das hilft! Ich schaue mich verdutzt um, eine junge Schönheit, mit einer Haut, wie das Ebenholz, zerkratzt sich das Gesicht.  Die Tschadors fallen in dem ganzen Durcheinander. Die Kleider der Frauen sind zwar alle schwarz, aber oft tief ausgeschnitten, manche mit Glitzern und Pailletten versetzt, wie zur Silvester in einem polnischen Dorf. Na klar denke ich, wo sonst können sie ihre besten Stücke zeigen? Nur unter Frauen, auf einem Fest. Der Rhythmus der orientalischen Klänge  beschleunigt. Zwei alte Frauen, sitzen sich gegenüber – Gesicht ins Gesicht und verpassen sich Ohrfeigen, heftiger und heftiger, sie scheinen sich gegenseitig anzufeuern, welche am härtesten zuschlägt. Junge Frauen springen auf, reißen die Kopftücher von den Köpfen und fangen an zu tanzen. Dann springen sie nach vorne, und nach hinten, die langen schwarzen, roten und blondgefärbten Haare fliegen in die Luft. Und die Frauen springen noch schneller und werfen die Köpfe, wie bei einem Head-Banding während eines Heavy-Metall Konzerts. Sie tanzen bis zur Erschöpfung, mit roten Gesichter, wie Verschwörerinnen eines heidnischen Rituals, wie in einer Gemeinschaftshysterie. Und das alles, um die Trauer nach dem Tod des Imams zu zeigen. Ich stelle mich in die Ecke an der Tür, wo es kühler ist, da die Hitze im Raum, unerträglich wird. Mahnoz schubst mich in Richtung der Frauen – ich soll mit ihnen tanzen? Nein um Gottes Willen. Ich weiche erschrocken zurück. Plötzlich der Gesang bricht ab, die Lichter gehen an. Uff… ich bin gerettet, es ist zu Ende.

tez uliczkaDie Frauen hüllen in Tschadors ihre Körper. Sofre – ein längliches Tischtuch wird auf den Teppichen ausgebreitet, auf dem Sofre werden Getränke gestellt, persische 7Up´s und Colas, die etwas fad schmecken und deutlich übersüß sind. Das Essen – Reis und Lammfleisch – wird in Plastikbehälter serviert. Ich kann keinen Schluck unterkriegen, aber das macht nichts, denn alle Reste werden eingepackt und nach Hause mitgenommen.

Im Auto, auf dem Rückweg, noch etwas benebelt, denke ich über das Ganze nach. Und mir  fehlt ein, dass in Iran erst das Jahr 1391 ist, also ein tiefer Mittelalter. Der Islam ist rund 600 Jahre jünger, als Christentum. Und wenn man bedenkt, was in Europa sich im Jahre 1391 religionsmassig abgespielt hat…  da haben sich doch die Leute aus Buße Monate lang nicht gewaschen und gegeißelt, und Hexen wurden verbrannt… So gesehen ist Sine – das sich bisschen auf die Brust-Klopfen – nicht mehr so skurril.

Alle Fotos: Platz von Imam Husain und Umgebung in Teheran.

Nächste  Woche: Aus den Erzählungen meiner Schwiegermutter (85 Jahre alt) – Das Leben von Kobra Hanum.

Kommunikationsmittel

Aus den Erzählungen der Persischen Gattin:

Seit einigen Monaten bin ich mit einem echten Perser verheiratet und bin nun die persische Gattin geworden. Erstaunlich, was das Leben manchmal mit sich bringt… In kurzen Erzählungen werde ich verschiedene Aspekte meiner Besuche in Teheran beschreiben. Und damit ich nichts auslasse, unterteile ich meine Geschichten in thematische Kapitel.

Kapitel 1: Kommunikationsmittel

Flugzeug:

Etwa 6 Stunden dauert die Reise nach Teheran, und es gibt nichts außerordentliches daran, außer einer Sache:  kurz vor der Landung am Flughafen Imam Khomeini in Teheran weckt mich nicht die Ansage des Bordpersonals, sondern eine heftige Geräuschkulisse: ein aufdringliches Rascheln verschiedener Stoffe. Ich schaue mich noch verschlafen um, und sehe, dass alle Frauen im Flugzeug von irgendwo ein Schaal oder Halstuch hergezaubert haben, die sie jetzt synchronmassig, wie auf Befehl,  über die meist glänzendschwarze oder blondgefärbte Haare, die an das Fell eines Kamels erinnern, werfen. Mein Mann hält mir mein Halstuch hin und flüstert: es wird Zeit, zieh das an, sonst kommen die Revolutions-Wächter (meist alte Frauen in schwarze Tschadors gehüllt, die über das islamische Moral wachen) und holen dich ab. Obwohl mein Mann sich bemüht, dass es nicht bedrohlich klingt, weiß ich, dass dies keine leeren Worte sind.  Und ab diesem Zeitpunkt ist das violette Halstuch mein ständiger Begleiter. Ehrlich gesagt habe ich nichts gegen das Kopftuch, da die meisten  Hauptstadt-Perserinnen ihre Kopftücher so, wie die großen Stars in Cannes in einem Cabrio, oder zur Goldene-Palme Verleihung tragen, was sehr schick aussieht, wäre da nicht diese kleine Tatsache, dass ich echt schlecht höre. Die Stimmen drängen sich nun kaum durch den Stoff meines Kopftuches und ich fühle mich, als ob ich unterm Wasser wäre.

Bus:

Die Busse sind in Teheran sehr modern und in zwei Abteilungen geteilt. Die Frauenabteilung befindet sich vorne – unmittelbar hinter dem Busfahrer und beträgt etwa ein Fünftel der Busfläche. Die riesige Männerabteilung ist im hinteren Teil. Zwischen den Zonen gibt es eine Stange, die man aus moralischen Gründen nicht überschreiten darf. Der Frauenabteil wird sehr schnell brechend voll. Ich stehe wie eine Sardine in der Dose, zwischen den Perserinnen in schwarzen Tschadors, (die wir intern “Zelte” nennen,) oder der in bunten Mäntelchen, die unbedingt über das Popo reichen und es bedecken müssen, und bunten Kopftüchern. Ich schaue zu meinem Mann rüber, der sich bequem auf einem Sitz gemacht hat und staune, der Männerabteil ist fast leer! Ich muss ganz politisch unkorrekt an die Filme über das Warschauer-Ghetto denken, mit welchen die uns in Polen zur Kommunismus-Zeit in der Schule gefuttert haben. Da standen auch die Juden in den Straßenbahnen, zusammengequetscht und die Deutschen haben sich breit gemacht. Ich nehme mir vor, einen Brief an Ahmadinejad zu schreiben. Ja, ja das ist echt möglich, denn Ahmadinejad hat gesagt, dass jeder ihm einen Brief schreiben darf, wenn er etwas benötigt oder etwas ändern will. Mit den Änderungsvorschlägen da hat sich niemand getraut, aber die Iraner haben ihm durchaus geschrieben, dass sie einen Kühlschrank, oder Teppich, oder Monatsticket brauchen, und viele davon haben diese Sachen tatsächlich gekriegt. Plötzlich – eine Unruhe und Flüstern unter den Frauen, die haben es gecheckt, dass ich Ausländerin bin, schauen mich, wie ein UFO an und flüstern aufgeregt untereinander. Es ist mir etwas peinlich, aber ich kann es ihnen nicht übel nehmen, denn die Touristen sich so selten in Iran blicken lassen, wie Afrikaner in der 80. in Polen: Man sichtet uns Touristen zwar ab und zu auf den Teheraner Straßen, aber wir sind eine Rarität und ein Gesprächsstoff der Extra-Klasse bei dem Abendessen jeder iranischen Familie. Ratz Fatz wird für mich ein Platz frei gemacht und ein Höflichkeitsritual, der ” Tarof”  heißt, beginnt. Das Ganze ist sehr zeitaufwendig  und verläuft nach einem festen Muster, der ungefähr so aussieht: Eine Zelt-Frau erhebt sich und sagt zu mir: bitte liebe Frau, setzen sie sich, bitte, bitte. Daraufhin antworte ich ungefähr so: Ihre Hände sollen nicht weh tun, bleiben Sie doch bitte sitzen. Die Zelt-Frau staunt kurz, dass ich ihr auf Persisch antworte, aber sie sammelt sich schnell und fährt unbeirrt mit dem Tarof fort:  Aber nein, liebe Frau, setzen sie sich doch, ihre Hände sollen Ihnen nicht weh tun, ich würde mich für Sie opfern. Und daraufhin, bin ich gezwungen zu sagen: aber nein, danke schön, ich opfere mich für Sie, Ihre Hände sollen nicht weh tun… Und das ganze wiederholt man drei Mal! Und erst danach darf ich ihren Platz annehmen, sonst wäre ich für sie, wie jemand aus dem Busch, grob und komplett unerzogen.

U-Bahn:

Im Gegensatz zu Bus wird die U-Bahn nicht nach Geschlechtern zweigeteilt. Es gibt zwar zwei Waggons im vorderem und hinterem Teil des Zuges, die nur für Frauen bestimmt sind, aber der Rest ist koedukativ. Das wundert mich tierisch, weil es so unlogisch ist. In dem Bus muss alles nach dem Prophet gehen und in der U-Bahn nicht… hmmm, dann ist der Moral auch zweigeteilt. Ich frage meinen Mann wieso das so ist, der weißt es auch nicht.

Das Auto:

Es ist für die Iraner das beliebteste Kommunikationsmittel. Jeder hat ein Auto, oder strebt danach, eins zu haben. Und wenn man bedenkt, dass in Teheran inoffiziell 17 Millionen Menschen wohnen, kann man sich vorstellen, was auf den Straßen los ist. Stau ist ein normaler Zustand, man fährt Stange in Stange und kann buchstäblich unterwegs Blumen aus den Fenstern pflücken, oder von den Straßenhändler gemütlich gekochtes Rote-Bete oder Nun-Homei (persische Windbeutel) kaufen. Die Regierung kämpft mit dieser Lage und jeden zweiten Tag dürfen bis 18 Uhr nur Autos mit geraden oder ungeraden Zahlen in den Nummernschildern fahren. Trotzdem wegen der Pollution werden die Schulen oft, manchmal auch für eine Woche, zugemacht, damit Kinder zu Hause bleiben und den Smog nicht einatmen müssen. Was die Fahrkultur angeht, hat das mit der uns bekannten nichts zu tun. Man fährt über rot, hupend wie wild, biegt abrupt ab, ohne zu blinken, parkt auf dem Gehweg, laut lachend, wenn die Passanten, schreiend, wie ein verscheuchter Hühnerschar in alle Richtungen weglaufen.

Das Motorrad

Ein Motorrad in Teheran zu besitzen gleicht einem Todesurteil. Selber habe ich gesehen, wie bei einem Motorradunfall eine Zelt-Frau in die Luft flog und gegen den harten Straßen-Asphalt prallte. Die meisten Fahrer sind an ihr vorbeigefahren und nicht mal in diese Richtung geblickt.

Das Fahrrad

Das Fahrrad ist den Perser als Kommunikationsmittel komplett unbekannt. Es gibt zwar in Teheran Fahrradverleihe- schicke Häuschen aus Glas, platziert an den Rändern der größeren Teheraner Straßen,  voll mit ganz modernen, schönen, nagelneuen Fahrrädern – ein Geschenk der Regierung, das komplett in die Hose gegangen ist. Man schaut  sich  die Fahrräder an, bewundert sie, fährt aber nicht damit. Weder mein Mann noch ich haben in Teheran je einen Fahrradfahrer gesichtet.

2irankiwokularach

Nächste Woche erzähle ich, wie ich an exklusiven, persischen, religiösen Festivitäten teilgenommen habe. Zusätzlich kommt der 1. Teil aus den Erzählungen meiner geliebten und glorreichen Schwiegermutter –  Monavar (Monavar, rechts im Bild, daneben ihre Schwester, Yazd, Iran 2013)

Monidło

Renata Borowczak-Nasseri niedługo będzie dla nas regularnie pisała. O…? Się okaże! A na razie zapraszamy do obejrzenia jej filmu pt. “Monidło”. To niemy film sprzed kilku lat, trwa 5 minut. Piękny!

Renata Borowczak-Nasseri wird bald für uns regelmässig schreiben. Worüber? Wird sich zeigen. Heute, als Vorgeschmack, ihr Film “Monidlo” – gemacht vor ein paar Jahren; ein Stummfilm; dauert 5 Minuten. Schön!

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Aśka & Renka
oder Johanna Rubinroth und Renata Borowczak-Nasseri
oder Metropolinnen / Metropolki

Sie schreiben über sich selber auf ihrer Homepage:
“… zwei Polinnen in Berlin. Die Küche ist der wichtigste Raum unserer Wohnung. Hier geht es hoch her. Wir braten nicht nur polnische Bouletten, hier wird vor allem diskutiert. Wie ist das zum Beispiel mit der Verteilung von arm und reich – wie kann man überleben am Rand der Gesellschaft? Und wie steht es mit Helmut, dem argwöhnischen Nachbarn, und der deutsch-polnischen Völkerfreundschaft? Wie…”
Als der Aufruf kam, 2011 für den Wetbewerb vom Polnischen Rat in Berlin, über Erinnerungen an den “Kriegszustand” in Polen und Hilfe aus Berlin zu schreiben, schrieben sie…

Weil das war so: Wir sitzen in dieser unserer psychodelischen Küche, Renka raucht diese dünne weiße Zigarette, und Aśka glotzt in diese ihre „Kauf-dich-glücklich“-Prospekte.

Und Aśka blättert bis in die Spielzeugabteilung, als ihre Augen werden plötzlich ganz weich:  Renka, guck, Barbies! Ich habe auch, als Kind, so eine Barbie bekommen. Sie war in einem Spendenpaket: normal, diese blonde Super-Puppe, in einem rosa Koffer, mit drei Kleidern zum Wechseln, und einem kleinen Plastik-Hund, und das in diesem kommunistischem Polenland!

Und auf einmal weiß Renka bescheid: Heiliges Recht hast du, ich auch! Schokolade aus Deutschland habe ich bekommen, damals in diesem Kriegszustand! Der Pfarrer hat in der Kirche Pakete verteilt,  und da waren die Lions, diese Schokoriegel mit Karamel, das sich göttlich an die Zähne klebt und auf der Zunge dreht!

AŚKA: Du Renka, mit meiner Barbie war ich noch drei Monate der Star im ganzen Dorf!

RENKA: Und ich, Aśka, die Verpackung von meinem Lion, die hab ich aufgehoben, um immer wieder zu riechen daran.

Und Aśka sagt: Wir wollen auch spenden, auch wenn wir selber leben am unteren Rand der sozialen Gerechtigkeit! Komm Renka, machen wir so ein Paket, mit Barbie, Schokolade, und andrem Essen. Und schicken es zu den Ärmsten der Armen, am Besten zu dem Hunger nach Afrika. Weil Renka eins sage ich dir: jedes arme Kind einmal im Leben hat so was verdient!

Aber Renka sagt: Aśka, Wann hat dein Konto das letzte mal Kasse gesehen, wenigstens einen Eurocent?

Aber Aśka muß helfen, kann jetzt nicht aufgeben, und schon stehen wir, vor diesem Bankomaten, und warten und beten, und wir haben Glück, weil wirklich – da kommt es – das erlösende Rattergeräusch. Und wir gehen raus, ganz glücklich, mit einem 50-Euro-Schein in der Hand.

Und wir gehen in dieses Ihre „Befriedige-alle-deine-Konsum-Wünsche“-Kaufhaus und müssen blinzeln, so viele Sachen gibt es da. Und wir streiten:

RENKA: Wir müssen diese Lions kaufen.

AŚKA: Nein, diese Barbie.

RENKA: Nein, erst das Essen, dann die Barbie, wenn was übrig bleibt.

Und Renka sagt: Du, Aśka, guck, wie wir uns daran gewöhnt haben, an dieses Übermaß. Erinnerst du dich, wie das damals war, als dieser General Jaruzelski, dieses kommunistische Oberhaupt, in der schwarzen Brille, uns mit dem Kriegszustand beschert hat, das war auch direkt vor Weihnachten – da gingst du in so ein Laden rein: alle Regale leer, und nur auf einem Brett stand Essig, oder höchstens Senf. Und das monatelang.

Und wir laufen durch dieses Riesenkaufhaus, und wir packen in den Einkaufswagen Schokolade, die mit den Rosinen und Zucker zwei Kilogramm.

Und auf Aśka flüstert: Ich weiß noch, wie ich das trockene Brot unter dem Wasserhahn naß gemacht habe, und mit Zucker bestreut, das war unsere made-im-Kommunismus-Süßigkeit. Du, und in dem Paket aus Deutschland, da waren warme Unterhosen. Und eine Winterjacke obendrauf. Komm, so was nehmen wir auch.

RENKA: Nach Afrika warme Unterhosen? Aśka, hör auf. Nehmen wir lieber doch mit so n Schweinefleisch in Soße in der Dose.

Aber  Aśka läuft schon zu dem bunten Obst-Gemüse stand, starrt die Früchte an, und haucht: Du Renka, für mich der Westen, damals, das war ein Zauberwort, und schmeckte nach rosa Kaugummis und Bananen!

Aber auch Renka hat ihre Erinnerungsvision an dem Gemüsestand; weil einmal Renka sollte Butter kaufen, und normal, es gab nur so was grünes rundes, wie Bälle, und es sah aus wie geschwollene Gurken. Und Renka hatte furchtbare Angst – kaufen, oder nicht kaufen. Zum Glück hat die Nachbarin gesagt: Nimm, was es gibt, weil morgen gibt es vielleicht gar nichts.

RENKA: Und als wir die geschwollene Gurke aufgeschnitten haben, hat sich gezeigt, daß sie innen drin rot sind und süß. Und so hab ich, mit acht, und meine Oma mit 77, zum ersten Mal eine Wassermelone gegessen.

Aber Aśka hört nicht zu, sie driftet zu der Spielzeugabteilung, die Barbiepuppe zu kaufen für das afrikanische Kind, Renka hinterher, und plötzlich bleibt sie stehen: Aśka guck, wie viele Waschmaschinen, normal, wie soll man entscheiden, welche man kaufen soll? Damals im Kommunismus, hat man sich gefreut, wenn man überhaupt eine hatte. Und um eine zu bekommen, in der Schlange mußte man stehen, Tag und Nacht, weil sonst ist der Platz verflogen. Und einmal, da standen wir und zwar eine Woche lang: Morgens mein Bruder, er hatte Schule zur Spätschicht, weil es nur wenig Klassenzimmer gab, wie ich von der Schule kam, hab ich ihn ausgewechselt, am Nachmittag ging Mutter in die Schlange, und Nachts stand Vater, und so die ganze Woche lang. Na und eines Nachmittags haben sie die Waschmaschinen angefahren. Sie haben 18 Waschmaschinen gebracht und stell dir vor: wir waren die 19 in dieser Schlange…

Und wir stehen an der Kasse und die Schlange ist lang, fast wie damals in diesem kommunistischen Polen, weil es gibt hier in Deutschland diesen Konsumwahn, und besonders vor diesen Weihnachten.

Und plötzlich sagt Aśka: Ich weiß nicht wie dieser Krieg ausgebrochen war, weil ich noch klein war. Ich weiß nur, wie ich mit meiner Tante war in der Stadt, um mir diese Okkupation anzuschauen. Soldaten, und Panzer, normal, überall. Und im Bus, eine Frau hat gesagt: “Jetzt werden wir die von “Solidarność” aufhängen“. Und die Augen brannten, von dem ganzen Tränengas.

Aber Renka hat ein Einstein-Gedächtnis und weiß alles ganz genau.

RENKA: Es ist der 13.12 Dezember 1981, ich stehe auf, zu gucken diese Kindersendung, diesen “Teleranek“, und wie immer gehe ich zum Opa, weil Opa und Oma haben über der Diele gewohnt, im gleichen Haus. Und dort auf dem Bildschirm, statt meiner Sendung: ein kahler Typ in großer schwarzer Brille und in Uniform, wie eine riesige schwarze Fliege sieht der aus. Und ich gucke – weil was macht mein Opa? Er steht auf und geht zum Fernseher, und spuckt auf den Bildschirm, auf diesen Fliegenmann. Und meine Oma, angepisst wie eine Messerschmitt, kommt mit einem Lappen gerannt, und reibt. Opa spuckt wieder, und schimpft: „Sie haben uns an die Russen verkauft.“

Und auf einmal sind wir schon an der Kasse angelangt, und müssen bezahlen, mit unserem kostbaren 50-Euro-Schein.

Und Aśka sagt: Weißt du noch? Damals, in Polen, da war alles auf Marken. Und auf ein Kind, auf ein Monat, fiel eine einzige Schokolade.

RENKA: Aha, von wegen, Schokolade, das war ein Schoko-ähnliches-Produkt, das schmeckte wie eine Mischung aus Asche und Mehl.

Und wieder stehen wir auf der Straße, vollgeladen wie die Weiber aus Rußland, mit diesem unserem Carepaket, und hauen in Richtung zu diesem Hilfswerk.

Und dort, die Frau, guckt uns an, und sanft sagt sie: Wir nehmen keine Sachen, wir nehmen nur Geld.

Und wir sehen aus, als ob uns eine Taube auf den Kopf geschissen hätte.

Aber Renka lässt sich nicht beleidigen von der Wirklichkeit und denkt wie immer praktisch: Komm, wir geben alles zurück, holen wieder das Geld, und bringen es her.

Und wieder hauen wir zu dem Kaufhaus, aber an der Kasse Aśka schaut in die Tasche, und, normal, der Bon ist nicht mehr da. Und Renka nervt sich, aber wie, auf maximal: Aśka, oh nein, du hast ihn verloren! Sollen wir die Afrika-Spenden jetzt selber essen?

Aber plötzlich Renkas Blick fällt auf einen Korb, voll mit Essen, und allerlei, und sie liest die riesige Aufschrift: „Kauf eine zusätzliche Packung für die Kinder zu Weihnachten“.

Und Aska guckt, denkt, auf einmal blitzt Intelligenz in ihrem Gesicht, sie lächelt von Ohr zu Ohr, und verkündet: Aber Renka, machen wir, wie da steht! Wieso suchen wir soweit? Die Deutschen haben uns damals gegeben, geben wir jetzt ihnen!

Die Kunst des schönen Gebens wird in unserer Zeit immer seltener, in demselben Maße, wie die Kunst des plumpen Nehmens, des rohen Zugreifens täglich allgemeiner gedeiht.
Heinrich Heine

Die Oder-Flut

Die Oder-Flut in Polen. Versuch einer Rekonstruktion
von Renata Borowczak-Nasseri und Johanna Rubinroth
Audycja radiowa – Radiosendung:
Freitag / 18.01.2013 /20:10 / Deutschlandradio

Sprecher 1: Radio-Moderator:
Polnischer Rundfunk Niederschlesien. Radio Dolny Śląsk, wir haben den 6. Juli 1997, es ist 20 Uhr 10. Unser Studiogast heute: Pan Krzysztof Miazga, Experte für die Prophezeiungen des Nostradamus. Wir Polen sind ja sehr abergläubisch und gehen öfter zu einer Wahrsagerin als in ein Lebensmittelladen, (Miazga lacht) – panie Miazga,  was passiert  in  Zukunft mit uns?

Sprecher 2: Krzysztof Miazga:
Lassen wir Nostradamus selbst sprechen:

Das Jahr folgt, entblößt durch Überschwemmung – so
schrecklich stark!
Bei Jung,  Alt und Tier: Blut, Feuer, Überschwemmungen,
die größten, die es je hier gab!

Sprecher 1:Radio-Moderator:
Das klingt ja ungeheuerlich!

Sprecher 2 Krzysztof Miazga:
In der Tat! Nostradamus hat für die Zeit zwischen 2003 und 2022 einen Klimacrash angekündigt. Es sollen kosmische Umwälzungen stattfinden, die sich katastrophal, aber zugleich auch heilend auf unseren Planeten auswirken werden. Die Pole werden schmelzen, es wird große Überschwemmungen in der Sahara und Hitze- und Dürrekatastrophen in Südeuropa und den Regenwaldgebieten geben.

Sprecher 1: Radio-Moderator:
Und Schuld daran sind wir selbst…

Sprecher 2: Krzysztof Miazga:
So ist es.

Sprecher 1: Radio-Moderator:
Lassen wir eine Hörerin zu Wort kommen – wir haben Magdalena in der Leitung:

Sprecherin 3:  Magdalena (Anruf)
Ja, hallo??

Sprecher 1: Radio-Moderator:
Dobry wieczor, wir hören Sie….

Sprecherin 3: Magdalena(Anruf)
Also ich finde, es ist schon beängstigend, dass so viele, unabhängig voneinander, das gleiche voraussagen… Nostradamus, von den Mayas ganz zu schweigen… denken Sie von mir, was Sie wollen, ich glaube, dass da irgendwas passiert… Also wir treffen schon Vorkehrungen…

Sprecher 1: Radio-Moderator:
Danke,  Magdaleno.  Und hier ist Pan Staszek:

Sprecher 4: Staszek   (Anruf, ältere Männerstimme)
Ich sag Ihnen was, wir müssen`s wie die Regierung machen und unseren Scheiß-Bunker selbst bauen! In den letzten 10 Jahren wurden in fast jedem Land Bunker gebaut, z. B. in Spitzbergen. Dort sollen Politiker, Multi-Millionäre, Wissenschaftler, Militär… usw. Unterschlupf finden. Da werden Samen eingefroren, die in der verdorrten Erde –

A0 Unterbrechungs-Signal von RADIO Dolny Śląsk  Pip Pip Pip,

Sprecherin 1:
Radio Dolny Śląsk. Wir unterbrechen die Sendung für eine aktuelle Durchsage. Głuchołazy ist in Folge der starken Regenfälle in den Ostsudeten und in  Südschlesien von Oder und Neiße überflutet worden. Der Premierminister hat Hochwasseralarm ausgerufen. Einwohner von Głuchołazy, Feuerwehr und Militär nehmen an der Rettungsaktion teil. Soweit die aktuelle Durchsage.

Sprecher 1:Radio-Moderator:
Panie Miazga, was sagen Sie zu der Hochwasser-Gefahr – sind Sie beunruhigt?

Sprecher 2: Krzysztof Miazga:
(lacht auf)
 Ach nein, das Ende der Welt beginnt garantiert nicht mit ein bisschen Regen und Wasser in den Gebieten, in denen so was ohnehin jedes Jahr passiert.

Sprecher 1:Radio-Moderator:
Ihr Wort in Gottes Ohr! Wir haben wieder einen Anrufer in der Leitung. 

Sprecher 5:Karol   (junger Mann)
Hallo, hier Karol aus Wrocław. Der Seher der Mayas war auf Drogen, das weiß doch jeder. Und nur weil er Nostradamus hieß, bedeutet das noch lange nicht…

(plötzlich abgebrochen)

Radiosprecherin:
Gerade erreicht uns die Information, dass weitere Städte überflutet sind. Unsere Reporterin, Anna Wilczak, ist  in Klodzko.

Sprecherin Anna:
Hallo? Bin ich zu hören?

Radiosprecherin:
Ja,  Anna, sprechen Sie.

(Totenstille…)

Der ganze Text: Das große Wasser

Der alles gesehn hat überall, das Land regierte,
Der die Ferne kannte, Jegliches erfasst hatte,
… er gleichermaßen;
Alles an Kenntnis der Dinge allzumal hatte Anu ihm bestimmt.
Verwahrtes auch sah er, Verborgenes erblickte er;
Hat Kunde gebracht von vor der Sintflut,
Fernen Weg befahren, war dabei matt einmal und wieder frisch,
Auf einen Denkstein hat er die ganze Mühsal gemeißelt.
Die Mauer um Uruk-Gart ließ er bauen,
Um das heil‘ge Eanna, den strahlenden Hort.
Gilgamesch, 1. Tafel