Frauenblick aufs Sterben

Monika Wrzosek-Müller

Das reine Land nach Olga Tokarczuk – Letzte Geschichten von Elzbieta Bednarska sowie das Buch selbst

Interessant, als ich über das Stück und das Buch nachdachte (allerdings habe ich das Buch auf Polnisch gelesen), kam mir in den Sinn, dass ich den Begriff „Reines Land“ aus dem Buddhismus kenne. Ja, denn der Amida (Amitabha)-Buddhismus ist ein wichtiger Weg, bei dem das Individuum in reinen Bereichen seine Entwicklung beschleunigen kann und, auf die Andere Kraft vertrauend, wiedergeboren wird, um schließlich in das Reine Land (ins Nirvana, Paradies) einzutreten. Diese Glaubens- und Denkrichtung ist in fast allen asiatischen Ländern weit verbreitet (Japan, China, Korea, Taiwan, Vietnam und Singapur). Der praktische Weg führt durch Konzentration und Visualisierungen zu höheren Entwicklungsstadien.

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Frauenblick auf Netflix

Monika Wrzosek-Müller

Vier Kurzfilme von Wes Anderson nach Erzählungen von Roald Dahl

Ewa hat uns über die beiden neuen polnischen Filme Znachor und Chlopi informiert. Ich bin ihr sehr dankbar, weil man immer wieder etwas verpasst, oder zu spät reagiert und manche Filme verschwinden sehr schnell auf Nimmerwiedersehen.

Daher möchte ich heute gerne über die vier neuen Kurzfilme von Wes Anderson nach Erzählungen von Roald Dahl auf Netflix berichten; ich habe sie mir zwei Mal angesehen und fand sie faszinierend, vielleicht nicht gerade filmisch, aber durchaus theatralisch und ästhetisch. Nach den Filmen Grand Budapest Hotel und The French Dispatch, die sich ähnlicher Kulissen, oder besser gesagt ähnlich ausgedachter Kulissen bedienen, konnte man auch vielleicht diese Art von Filmen erwarten. Sie entstehen nur im Auge des Regisseurs und haben meistens wenig mit der wirklichen Umgebung zu tun. Nun gut, The French Dispatch, der an einem fiktiven Ort in Kansas spielt, wurde doch in einer realen Stadt in Frankreich gedreht, in Angoulême. Sie wurde aber sehr verfremdet.

Ich sehe, was du nicht siehst, Der Schwan, Der Rattenfänger, Gift: vier Kurzfilme, von denen der erste, der längste ca. 40 Min dauert; die anderen wesentlich kürzer je ca. 17. Min. sind, bedienen sich völlig künstlicher Kulissen, oder reale Räume werden so umgestaltet, dass sie diese spezielle Aura der pastellfarbenen und geordneten Unordnung aufweisen, die mich sehr fasziniert. Natürlich, denke ich, ist da der Kameramann sehr wichtig, tatsächlich derselbe wie im French Dispatch: Robert D. Yeoman. Man kann nach diesen inzwischen, nach mehreren Filmen, auch alles als manieriert empfinden und es kann vielleicht auch irgendwann langweilig werden, doch es gibt immer wieder etwas zu entdecken, neue verrückte Farbkombinationen, neue Bühnenbilder, aber im Grunde ähneln sich die Filme und diese Art Filme, zu machen, sehr. Dies kann zu einer Falle für den Regisseur werden, in eine Sackgasse führen. Kein Wunder, denn so wie die Kameraführung ist auch für die Kostüme und das Bühnenbild eine feste Gruppe von Menschen verantwortlich, die für Anderson arbeiten, darunter die polnischstämmige, in den USA lebende Kostümbildnerin Kasia Walicka-Maimone. Für die Handschrift von Wes Anderson sorgen eben diese Personen. Gerade in den Kurzfilmen spielt kaum reale Umgebung eine Rolle, das ganze Bühnenbild ist arrangiert, wird, wie auf einer Theaterbühne von dem Hilfspersonal zurechtgerückt, verschoben, angeheftet, weggebracht, aufgestellt, zugemacht; dieses Personal gehört sozusagen zum Bild, trägt auch entsprechende Kleidung, jeweils passend zu dem Bild.

Es spielen hervorragende Schauspieler, wirklich solche, auf die man sich zu 100% verlassen kann, allerdings gibt es keine Frauenrollen, alles spielt sich unter Männern ab. Mir scheint, als ob sie etwas Postkoloniales an sich hätten, mit der Vergangenheit in der Gegenwart kämpfen würden. In diesen Filmen wird das meiste einfach von einem neutralen Beobachter erzählt, nur die wesentlichen Szenen werden gespielt, und zwar sehr entfremdet. Und sie handeln von Gewaltphantasien und von der Welt des Geldes; denn ob es der Henry Sugar ist oder andere Protagonisten, sie sind wohlhabend und haben keine Geldsorgen. Henry Sugar gelangt an ein Büchlein über einen Vorfall in einem Krankenhaus, wo sich ein Mann meldet, der seine Fähigkeit zum Hellsehen von den Ärzten bestätigt haben will, die er sich mit Ausdauer nach Yoga-Anleitung aneignet hat und im Zirkus vorführt. Henry Sugar liest dieses Büchlein und übt solange nach dessen Anleitung, bis er auch verdeckte Karten erkennen kann; diese Fähigkeit nutzt er dann zum Geldscheffeln in den Casinos. Um sein Gewissen zu beruhigen, spendet er dann dieses Geld an Waisenhäuser. Bei dem Schwan ist die sinnlose Brutalität interessant, bei dem Rattenfänger eigentlich der Schauspieler, der ihn spielt, und die sehr menschliche Ratte, vielleicht auch die Erkenntnis, dass die Ratten sehr viel cleverer, klüger als die Menschen sein können. Bei Gift ist das ganze ad Absurdum geführt; denn es gibt keine Schlange im Bett des von Benedict Cumberbatch gespielten weißen Mannes im kolonialen Indien und es geht nur darum, die Anstrengungen zu seiner „Rettung“ zu beschreiben und die Unterwürfigkeit der indischen Bediensteten zu zeigen. Allerdings sind sie es, die retten können und gute Einfälle haben. Alles ist schnell mit englischem Humor erzählt und endet im nirgendwo. Die Erzählungen von Roald Dahl wurden vor kurzen neu herausgegeben und übersetzt, und „mit hundert Veränderungen versehen um empfindsame Gemüter zu schonen“ (laut Wikipedia). Ihm wurden antisemitischen Äußerungen vorgeworfen. Offensichtlich sind sie aber sehr filmisch oder für das Theater tauglich, denn es wurden schon mehrere Filme nach dessen Vorlagen gedreht. Unabhängig davon schrieb er selbst Drehbücher (z.B. für James Bond). Er hat auch viele Kinderbücher für seine zahlreichen Kinder geschrieben und vielleicht sind die Inszenierungen der vier Filme etwas auch diesen Werken abgeschaut.

Auch wegen Ralph Fiennes, der den Schriftsteller Dahl spielt, und den Rattenfänger, Benedict Cumberbatch, Dev Patel und Ben Kingsley würde ich die Filme empfehlen.

Momentaufnahmen Berlin (1)

Monika Wrzosek – Müller

Kleiner Zwischenfall

An einer Bushaltestelle in Berlin will ein Behinderter im Rollstuhl zusteigen. Dazu muss der Busfahrer die Rampe herausziehen, also aus der Fahrerkabine aussteigen. Der Busfahrer ist ein älterer Türke, der Rollstuhlfahrer ein junger Mensch, vielleicht gay; schulterlange Haare in Rosa, die Fingernägel lang und weiß lackiert. Der junge Mensch ist beleibt, der Rollstuhl bewegt sich nur schwer und langsam. Die Menschen im Bus sind schon jetzt aufgebracht und unzufrieden, sie nörgeln, dass das alles so lange, zu lange dauert. Der Rollstuhl schafft es endlich rein. Der Busfahrer ist schmächtig und offensichtlich von der äußeren Erscheinung des jungen Menschen sehr überrascht, vielleicht auch irritiert. Er fährt die Rampe zurück, sie rastet mit einem lauten Klicken ein, er verrichtet die Aufgabe vielleicht einen Tick zu forsch. Der junge Mensch im Rollstuhl, schon im Bus, fängt an, laut zu überlegen, wo er denn hinwill, eigentlich doch zum Zoo. Offensichtlich hat er nicht auf die Busnummer geachtet und so hat er die falsche Linie erwischt; er will ja doch zum ZOO und steckt jetzt im 309er, der zur Wilmersdorfer Straße, S-Bahn Charlottenburg fährt. So schreit er – und zwar wie! – dass er sofort aussteigen will. Der schon genervte Busfahrer geht wieder raus, beginnt, die Rampe nochmal herausziehen, und stößt damit aus Versehen gegen das Schienbein eines jungen Mannes, der gerade noch den Bus erwischen will. Der junge Mann beginnt zu schreien, der Busfahrer ist völlig konfus und hilflos. Auch einzelne Businsassen beginnen, das Ganze laut schreiend zu kommentieren. Sie wollen den Busfahrer verklagen, das raten sie auch dem jungen Mann, es fallen Worte wie „unfreundlich“, „unprofessionell“, sie würden sich das nicht gefallen lassen. Inzwischen hat der junge Mensch im Rollstuhl es geschafft, den Bus zu verlassen, der Busfahrer fährt die Rampe wieder ein und geht zu seinem Platz am Lenkrad des Buses. Er schließt die Türen, der Bus fährt los. Doch im Bus ist jetzt die Hölle los, viele fühlen sich genötigt, ihre Meinung zu äußern und den armen Busfahrer schlecht zu machen. Zum Glück ist der junge Mann mit dem angestoßenen Schienbein vernünftig, er versucht, alle zu beruhigen, indem er sagt, dass nichts passiert sei, er lebe ja noch, er habe sogar den Bus erreicht, woran er gar nicht geglaubt hätte…

Der Busfahrer fährt los, danach zu schnell, bremst zu oft und missachtet sogar drei Mal die rote Ampel. Er ist sichtlich aufgewühlt, vielleicht mutet man ihm doch zu viel?

Frauenblick. Graue Bienen…

…von Andrej Kurkov, Erinnerung an den zukünftigen Krieg

Monika Wrzosek-Müller

Die Handlung des Romans entwickelt sich langsam, bedächtig, um nicht zu sagen schwerfällig. Der Leser wird Schritt für Schritt in die „graue Zone“ eingeführt, in das Niemandsland an der Front zwischen ukrainischen Regierungstruppen und den Verbänden der russisch kontrollierten „Volksrepublik Donezk“ – eingeführt in den Alltag dort um 2016/2017. Es passiert wenig, nur die Natur ändert sich mit dem Licht etwas. Die Handlung setzt noch im Winter ein, der Himmel ist grau und grau ist auch das Leben rundherum. Beschrieben wird die laute Stille, die herausfordernde Stille: ihre Arten und Abarten; ohne Strom, ohne jegliche Infrastruktur, ohne Nachbarn, in einem Nichts, in dem Dorf Malaja Starogradowka, das zum Untergang verurteilt ist, auf ein Minimum reduziert. Die Bewohner sind geflüchtet, haben ihre Fenster und Türen mit Brettern vernagelt, die beiden einzigen Verbliebenen, Sergej und Paschka, leben nicht weit voneinander entfernt, aber eher wie Katz und Maus, „Freundfeind“; der eine traut dem anderen nicht. Sie gehören auch zu verschiedenen Lagern; während Paschka mit den pro-russischen Separatisten kooperiert, ist Sergej Sergejiwitsch eher ein unauffälliger Ukrainer. Beide haben etwas im Leben verpasst, sind Rentner ohne Familienangehörige. Ab und zu hören sie Detonationen, es zischen Raketen über ihre Dächer, sie sehen einen Toten auf dem Feld liegen, zu dem sie nicht ohne Gefahr vordringen können. Uns, den Lesern, bleibt aber immer wieder völlig unverständlich, wie sie dort eigentlich überleben. Und wir verfallen diesen stimmungsvollen Bildern, die Kurkov für uns zeichnet.

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Gdzie byliśmy w czasie wakacji? Ronda.

Tanja & Joasia

Nasz blogowe podróżniczki napisały właściwie tylko tyle: Ronda! Zrób o tym wpis! To miasto na bloga.

I przysłały zdjęcia. Najpierw takie:

Potem takie:

I w końcu te:

Zacznijmy od końca. Pomnik i zdjęcia prezentują słynną hiszpańską gitarzystkę, tancerkę flamenco i piosenkarkę Aniyę la Gitana, znaną również jako  Ana Amaya Molina lub Anilla la de Ronda (1855-1933). Tańczyła wszędzie, gdzie w Hiszpanii działo się coś ważnego. Spotykali się z nią wielcy tamtego świata. Odwiedzały ją królowe. Pisał o niej Federico Garcia Lorca. Zmarła w Barcelonie w wieku 78 lat. W rodzinnej Rondzie upamiętnia ją doroczny konkurs flamenco.

Miasto jest piękne i jak o nim poczytać, to aż dech zapiera. Jest bowiem położone po dwóch stronach przepaścistego wąwozu. Ma on głębokość 160 metrów, a jego szerokość sięga niekiedy 100 metrów. Po jednej stronie wąwozu leży miasto chrześcijańskie, po drugiej – muzułmańskie, a łączy je kilka niezwykłych mostów.


Więcej można poczytać TU i już zacząć planowanie następnych wakacji.

***

A ja przygotowując ten wpis, zastanowiłam się nad tym, że zapewne wszyscy podróżowaliśmy w czasie wakacji i niektórzy z nas coś o tym napisali. Czyli, jak zaczniemy planować następne wakacje, sięgnijmy i tu.

Konrad poodróżował po Azji przez trzy miesiące, ale przebywał tam ponad pół roku, bo przez semestr studiował w Singapurze. Obiecał, że napisze o tych studiach i podróżach, ale na dużo długich wpisów przyjdzie nam jeszcze poczekać. Jego podróże pojawiły się na blogu już dwukrotnie: Japonia i Korea, a przemieszczanie się pomiędzy wieloma krajami umożliwiały mu samoloty, statki, pociągi i autobusy.

Ja, czyli Ewa Maria, byłam w kilku miejscach, niemal wszędzie bardzo krótko, a docierałam tam najczęściej i najchętniej pociągiem:

Lublin

Amsterdam został zapowiedziany TU, informacją o wielkiej wystawie Vermeera vand Delft. 1 czerwca byłam tam i ją obejrzałam.

Irlandia

Fryzja – Bredstedt, Sylt 1 i Sylt 2

Ela pojechała pociągiem do Amsterdamu, autem na polską wieś i klawiaturą do krainy wspomnień

Amsterdam
Wspomnienia o kurach (uwaga: wspomnienie jest w komentarzu!)
Ogórki małosolne i inne sprawy polsko-niemieckie są TU

Monika opowiedziała nam o pewnej podróży autem do pewnej małej niemieckiej miejscowości
Warthe

a Tabor Regresywny o dwóch podróżach w łodzi (łodzią?)
początek i koniec.

***

I tak sobie myślę, jak to dobrze, że czasem piszecie o tym, gdzie byliście. Dziękuję.

Frauenblick: Drei Kriminalromane

Monika Wrzosek-Müller

Ganz untypisch für mich habe ich letztens viele (also eigentlich drei) amerikanische Kriminalromane hintereinander gelesen. Was mich an ihnen berührt und interessiert hat, waren allerdings nicht die ausgesprochen ausgeklügelten Kriminalfälle, sondern die fast ethnographisch anmutenden, sehr kritischen Beschreibungen der Gesellschaft. Der Schmelztiegel, die Mischungen, die Extreme in den Landschaften, in der die Romane spielen, lassen das Zusammenleben vielleicht spannend aber auch unendlich schwer erscheinen; der blühende Rassismus gegenüber allen people of color ist unerträglich und macht, so sehe ich es, das Hauptthema der Bücher aus. Es handelt sich um das nordöstliche Texas, an der Grenze zu Louisiana, und um Louisiana selbst, mit Städten wie Lafayette, Baton Rogue, New Orleans. Es geht konkret um zwei Romane der schwarzen Schriftstellerin Attica Locke, Bluebird, Bluebird und die Fortsetzung Heaven, My home, und einen von James Lee Burke, aus seiner vielbändigen Serie mit Detektiv/Leutnant Dave Robicheaux, nämlich den 15. Band mit dem Titel Dunkle Tage im Iberia Parish.

Den beiden sehr ungleichen Schriftstellern (Attica Locke ist 49 und James Lee Burke 86 Jahre alt!) ist die Liebe zu ihrer Heimat, ihren Leuten gemeinsam. Bei Locke hat man fast den Eindruck, die Kriminalgeschichte diente nur als Vorwand, um die Gegend mit ihren Menschen, Missständen zu porträtieren. Doch bei allen Schreckensgeschichten dominiert die Wärme, der warme, wohlwollende Blick auf die Landschaft und die Bewohner. In beiden Fällen gibt es Detektive; den schwarzen Texas Ranger Darren Mathew und den berüchtigten Dave Robicheaux französischer Abstammung, die gerecht und bis zum letzten Tropfen Blut ermitteln, um die Wahrheit aufzudecken. Doch die Wahrheit erschließt sich nicht leicht, sie ist zu vielschichtig und zu kompliziert, als dass man sie irgendwo finden könnte, und je mehr sie nach ihr suchen, desto weniger können sie sie finden. Letztendlich hat dann auch die Wahrheit wenig mit Gerechtigkeit zu tun. Doch der Weg der beiden Cops auf der Suche danach zeigt uns das ganze Kaleidoskop der Gesellschaft. Bei Locke ist es die Gegend um den Lake Caddo, wo Native Americans, Indianer, die Hasinai, die teilweise ihre Sprache und ihre Traditionen noch erhalten haben, neben den Nachkommen der reichen Sklavenhalterfamilien leben, die weiterhin Macht ausüben. Sie leben wiederum neben den Nachkommen der füheren Sklaven, die meistens in Armut geblieben sind; nur einige wenige haben es zu etwas gebracht. Es ist eine explosive Mischung und sie alle leben unweit der Sümpfe des Lake Caddo, die symbolisch für diese Verhältnisse stehen. Da sind die Immobilienhaie, die sich bereichern wollen und die Natur nicht respektieren, und eben reiche Weiße aus alten Familien, die weiterhin Geld riechen und reich bleiben wollen – und es auch sind – ohne auf andere Rücksicht zu nehmen. Alle lügen oder erzählen ihre Version des Lebens, der Geschichte zu ihrem Vorteil. Dazwischen macht sich eine Organisation breit, deren Existenz ich mir nicht hätte träumen lassen – eine Nachfolgerin des Ku-Klux-Klans, die sog. Arische Bruderschaft. Sie funktioniert ähnlich und hat ähnliche Ziele wie ihre Vorgängerin. Das schlimme ist, dass auch die gerade vergangene Ära Obama offenbar nichts an dieser Situation geändert hat; paradoxerweise scheint sich der Konflikt eher noch verschärft, zugespitzt zu haben.

Unlängst hörte ich von einem Kenner der Gegend, dass es für die Städte in Louisiana wie Lafayette, New Orleans oder Baton Rouge besondere Karten der no go areas gibt, die alle meiden sollten, auch die schwarzen Einwohner.

Bei Locke blüht der Rassismus und gedeiht; das Land der Sümpfe ist damit getränkt bis an die Wurzeln der riesigen Bäume, die an dem Ufer wachsen. Die einen neiden den anderen ihren Erfolg, ihre gute Ausbildung, ihr Geld, ihren Wohlstand. Die Moose verdecken nur, lassen alles leise und im Verborgenen passieren, sie bedecken nicht nur den Boden, sondern hängen auch von den Ästen der Bäume. Da sind Kneipen oder auch Cafés, die nur von Weißen oder nur von Schwarzen frequentiert werden, die Grenzen sind säuberlich markiert durch all die Jahre, die Tradition, letztendlich auch den Willen der Menschen. Dazu kommt der Drogen- und Waffenhandel, der quer durch die Gesellschaft blüht und ganze Dörfer und junge Leben vernichtet. Es sind leider immer noch die jungen Schwarzen die diesen Handel betreiben, oft ohne sich der Folgen bewusst zu sein und ohne damit wirklich richtig Geld zu verdienen.

Ich las den Roman von James Lee Burke und dachte mir, das spielt in einem früheren Jahrhundert. Der Rassismus bestimmt das Leben von so vielen Menschen, auch derjenigen, die ihn nicht leben wollen, die ihn eigentlich besiegt glaubten. Doch dann kommt die Brutalität der Banden und des sich immer weiter entwickelnden Drogenhandels und das Leben von vielen wird vernichtet. Der Autor versteckt nicht die Schwächen des Detektivs, seinen Alkoholismus. Auch der Wunsch der Menschen nach einer autokratischen Führung, um dem seelischen Elend zu entkommen, ist manchmal nach den besonders harten Beschreibungen sogar verständlich. In der Person des Haupthelden Robicheaux kommt die Vielschichtigkeit der Gesellschaft zum Ausdruck, diesmal ist das auch die weiße Population, die hier noch französisch geprägt ist; die Liebe zu den französisch angehauchten Orten ist im Text spürbar:

„New Orleans glich mehr einem Sonett von Petrarca als einem von Shakespeare. Die Grundstimmung in der Stadt hatte mehr von der mittelalterlichen Welt im besten Sinn als von der Renaissance-Zeit. Im Frühling 1971 wohnte ich in einem Cottage beim Ursulinenkloster und besuchte jeden Sonntagmorgen die Messe in der St. Louis Cathedral. Danach schlenderte ich über den Jackson Square und über schattige Gehsteige, während Straßenmaler ihre Staffeleien an dem Zaun aufstellten, der von den Palmwedeln und Eichenästen überragt wurde. Draußen vor dem Café du Monde saß ich dann bei beignets und Kaffee mit heißer Milch und beobachtete, wie der Tag im Quarter Fahrt aufnahm. Vor der Kathedrale drehten Einradfahrer ihre Pirouetten, Jongleure warfen ihre Holzbälle in die Luft, Straßenmusiker spielten den Tin Roof Blues und Rampart Street Parade. Die Balkone entlang der Straßen ächzten unter dem Gewicht der Topfpflanzen, die Bougainvilleen an den Eisengittern leuchteten wie Blutstropfen im Sonnenlicht. Die von italienischen Familien betriebenen Lebensmittelläden hatten noch hölzerne Ventilatoren an den Decken und verkauften Boudin-Wurst und Poorboy-Sandwiches. Davor, im Schatten der Kolonnade, wurden Zucker- und Wassermelonen, Bananen und Erdbeeren angeboten. An der Ecke, in diesem wunderbaren Duft, der wie ein Hauch des alten Europas war, stand ein Schwarzer mit seinem Handwagen und verkaufte Snowballs. Die Eissplitter dafür schabte er von einem großen Block, den er in ein Tuch gewickelt hatte.

Das traditionelle New Orleans war wie ein Stück Südamerika, das vom Kontinent abgetrennt, von Passatwinden über die Karibik herübergeweht worden war und am Südrand der Vereinigten Staaten angedockt hatte. Die Straßenbahnen, die von Palmen gesäumten Plätze, die alten Cottages mit belüfteten Fensterläden, die Katz-Drugstores, deren Neonlichter im Nebel wie violetter und grüner Rauch aussahen, die irischen und italienischen Akzente, die einen Dialekt hervorbrachten, der nach Brooklyn oder der Bronx klang, die exzentrische Atmosphäre, die Tennessee Williams, William Faulkner und William Burroughs anzog – das alles wurde für immer verändert, als die Stadt mit Crack überflutet wurde.“ […]

„Doch in meinem Traum ging es nicht um die verheerenden Auswirkungen des Drogenhandels auf die Stadt, die ich liebte. Ich sah Clete und mich, kurz nachdem wir aus Vietnam zurückgekommen waren, als Streifenpolizisten die Canal Street entlanggehen, vorbei am alten Pearl Restaurant, wo die Straßenbahn hielt und unter einer grün gestrichenen Kolonnade Fahrgäste einsteigen ließ. Ein frischer Wind blies vom Lake Pontchartrain herüber, der Abendhimmel war von pinkfarbenen Wolken überzogen, die Luft pulsierte vor Musik. Schwarze Männer spielten Craps, Kinder verdienten sich ein paar Cent mit Stepptanzen – kurz gesagt, es waren Augenblicke, von denen man vergeblich hofft, dass Zeit und Vergänglichkeit ihnen nichts anhaben könnten.“

Ich denke, es ist ein sehr interessantes Landausschnitt. Attica Locke hat es in einem Interview so formuliert: „Ich bin schwarze Amerikanerin. In unserer Geschichte gibt es noch so viel, das gar nicht erzählt wurde“.

Frauenblick. Die Veränderungen rundherum.

Monika Wrzosek-Müller

Ich fahre immer wieder nach Warthe; in ein wunderschönes Fleckchen Erde in der mittleren Uckermark. Normalerweise dauert die Fahrt nicht lang, eine Stunde und zwanzig Minuten. Leider wird seit einem Monat die B 96 in der Höhe von Nassenheide erneuert und ist ab dort gesperrt. Dass eine Fahrbahn erneuert werden muss, ist an sich normal, und irgendwann muss das auch geschehen. Vielleicht hat man dabei sogar bedacht, dass während der Sommerferien weniger Menschen die Strecke benutzen, doch es ist auch eine touristische Region, also kommen in dieser Jahreszeit sogar mehr Menschen hierher. Der Umweg über den Berliner Ring verlängert die Anfahrtszeit um ca. 40 Minuten, so dass man jetzt doch zwei Stunden braucht. Leider sind auch auf dieser Strecke Bauarbeiten im Gang (es wurde überall Split aufgetragen, um die Fahrbahn auszugleichen), die fast die ganze Umleitung begleiten und die Fahrgeschwindigkeit auf 30 km reduzieren. Das verlängert die Fahrt noch einmal beträchtlich. Noch unverständlicher für mich war aber, dass einmal die Strecke über Nassenheide plötzlich freigegeben wurde und laut GPS die alte Strecke als befahrbar erschien, obwohl die Arbeiten gar nicht beendet worden waren. Ich habe mich darauf verlassen und dann einen Horrortrip durch die Seitenstraßen im Ort Nassenheide erlebt; natürlich war es den Häuschenbesitzern in den Wohnstraßen gar nicht recht, den ganzen Verkehr in den Norden vor ihrer Nase vorbeirollen zu sehen. Natürlich haben sie auch versucht, den Verkehr zu blockieren. Es gab unschöne Szenen.

Das ärgert natürlich, doch richtig traurig macht mich das, was in unserem Dorf in der Uckermark schon seit längerem passiert.

Das Dorf Warthe liegt an einem schönen See, umgeben von wunderbaren Buchenwäldern, in denen die Pilze bei Regen nur so in die Höhe schießen. Es ist eine Oase der Ruhe, wird aber leider immer ruhiger, fast verschwindet das Leben aus der Ortschaft gänzlich. Die alte schöne Schule wurde schon vor langer Zeit aufgegeben und wartet auf einen Investor, der darin eine Pension, eine Gaststätte oder sonst etwas einrichten könnte. Die wunderbare Dorfkneipe „Drei Eichen“ ist nach dem Tod des Betreibers, Kochs und Besitzers ebenfalls geschlossen, d.h. die Räumlichkeiten sind noch verfügbar, aber leider findet sich kein Nachfolger, der die Mühen des Gasthausbetriebs auf sich nehmen wollte. Zuletzt hat auch der letzte Treffpunkt des Dorfs, nämlich die Bäckerei zugemacht, wo man manchmal Kaffee und Kuchen, Brot und Brötchen, Milch und Zeitungen kaufen konnte. Damit sind eigentlich alle öffentlichen Orte, wo das Dorfleben zur Gemeinschaft wurde, verschwunden. Selbst die Kirche, die, wie mir schien, sehr selten aufgesucht wurde, ist nur noch sporadisch zugänglich – meistens ist sie geschlossen und der Pfarrer kommt alle vier Wochen, um einen Gottesdienst abzuhalten. Wahrscheinlich, wenn man sich mehr dafür interessiert, kann man die Gemeindemitglieder in anderen Kirchen in der Umgebung sichten und vielleicht kennenlernen.

Die Dorfgemeinschaft versucht jetzt, im Sommer, durch Dorffeste den Zusammenhalt zu stärken, das ist aber auf die Sommerperiode beschränkt und schafft keine Kontinuität. So ist es nicht verwunderlich, dass die jungen Leute aus der ländlichen Region hier verschwinden.

Noch eine Veränderung, die auf dem Waldweg um den See eingetreten ist und die teilweise schon durch die Biber und durch Windböen während der Stürme der letzten Jahre vorbereitet worden ist: unheimlich viele Bäume wurden gefällt, auch alte, schöne, gesunde Buchen neben vielen Kiefern, die vielleicht auch zu eng gestanden haben. Jemand hat offensichtlich viel Holz verkauft. Der Uferweg hat sich gänzlich verändert, es gibt jetzt viele völlig kahle Stellen; manche Leute fragen danach, was hier passiert ist. Wer hat das gemacht, erlaubt, ausgeführt? Hat es gebrannt?

Zum Glück lebt das Camp für Jugendliche im Sommer auf; es sind viele Kinder da, die ihre Sommerferien hier verbringen, im See schwimmen und im Wald herumlaufen. Sie haben auch richtig Kurse, die sie belegen können, für Malen, Fotografieren, Angeln, Schwimmkurse etc… Die Gegend eignet sich hervorragend dazu.

Doch irgendwie wäre mehr Initiative nicht schlecht.

Frauenblick: Macbeth

Monika Wrzosek-Müller

Macbeth bei den Salzburger Festspielen (und nicht nur)

In der Oberschule in Polen haben wir Shakespeares Drama Macbeth gelesen und dann auch Ausschnitte davon aufgeführt. Besonders gut erinnere ich mich an die drei Hexen, die ihren Text tanzend und singend vortrugen, denn eine von den dreien war ich. Diese Theateraufführungen liebte ich sehr; dadurch blieben mir auch viele Texte im Gedächtnis. Noch heute kann ich die Prophezeiungen der Hexen rezitieren.

Macbeths blutrünstiges Morden, die für mich schicksalhaft an den blutigen Händen von Macbeth und stärker noch an den Händen von Lady Macbeth hafteten, stellte, so schien mir, eine direkte Fortsetzung der griechischen Tragödien dar. Auch hier gab es einen Chor (eben den der Hexen), die die Ereignisse vorhersagten und kommentierten. Außerdem faszinierte mich die Person der Lady Macbeth, die eine viel wichtigere Rolle bei der Tragödie spielte als ihr Mann. Sie stiftete ihn zu den Morden an; irgendwann aber gerieten beide in den Sog der blutigen Ereignisse. Immerhin versuchte Macbeth sein Gewissen mit den Prophezeiungen der Hexen zu beruhigen, irrtümlich legte er sie immer wieder zu seinen Gunsten aus. Die Rolle der Magie, des Schicksals im Leben des Einzelnen strahlt aus diesem dunklen Drama. Shakespeare hatte und hat immer wieder Anschluss an die Gegenwart gefunden, seine literarischen Aussagen sind heute immer noch ganz aktuell.

Vor ein paar Tagen sah ich bei ARTE die Aufführung der Oper Macbeth von Giuseppe Verdi bei den Salzburger Festspielen. Wahrscheinlich habe ich die Produktion so aufmerksam verfolgt, weil sie von dem polnischen Regisseur K. Warlikowski, in der Choreographie seiner Frau Małgosia Szczęśniak, stammt. Warlikowski hebt den Gegenwartsbezug der Oper hervor, lässt den Größenwahn und die Zerstörungswut triumphieren. Das wunderbare Bühnenbild – mit einer langen Bank in einem Warteraum – erinnert mich etwas an die Gemälde von Edward Hopper; im Hintergrund kompliziert konstruierte Auf- und Übergänge, mit einem fahrbaren Kasten, in dem der Chor der blinden Hexen sitzt und steht. In gewisser Weise zu Warlikowskis festem Repertoire gehört auch die Kinderschar, ebenso das Psychologisierende der Inszenierung: dass Lady Macbeth keine Kinder gebären kann und aus diesem Grund zu einer machtgierigen, rücksichtslosen Person wird, wird sehr nachvollziehbar; eine lange Szene, auf einem riesigen Bildschirm eingespielt, zeigt die verzweifelte Lady Macbeth bei einer gynäkologischen Untersuchung – für mich eher wie ein Theaterstück als wie eine Oper wirkend.

Die wunderschönen Kostüme der Frauen aus ungefähr den 1930er Jahren und die konventionellen Anzüge der Männer, entworfen von M. Szczesniak, lassen das Mittelalterliche bei Shakespeare gänzlich verschwinden. Bei einer Szene, in der eine der Damen, Teilnehmerin an dem Fest zur Krönung Macbeths, den Kindern einen Gifttrunk verabreicht und sie damit umbringt, denkt man unwillkürlich an Magda Goebbels und ihren Mord an den eigenen Kindern und ihren Selbstmord. Allgemein zitiert Warlikowski ausgiebig Bilder aus Filmen oder anderen Genres.

Die Kinder in der Warlikowski-Inszenierung sind wehrlos, sie unterliegen ihrem Schicksal, sie werden sogar wie eine Speise auf einem Silbertablett serviert; sind sie aber nicht die heimlichen Helden des Spektakels?

Überzeugend fand ich die Sängerin Asmik Grigorian, vielleicht vor allem als Schauspielerin, bestimmt als eine schöne Frau, weniger als Opernsängerin. Im Vergleich zu ihr gerät Vladislav Sulimsky, der Macbeth im grauen Anzug, wohl etwas in den Hintergrund. Überhaupt gibt es keine klassisch opernhaften Stehbilder, in denen die Arien vorgesungen werden, die Darsteller bleiben ständig in Bewegung; auch das Gehäuse für den Chor wird rein- und rausgeschoben, eine riesige Neonröhrensonne leuchtete aber allem. Am Ende gab es standing ovations – zu Recht; die Bilder werden bleiben; an der Musik können wir uns auch anderweitig erfreuen.

Nebenbei habe ich etwas über Giuseppe Verdi erfahren: Macbeth ist die zehnte von seinen 26 Opern. Er hat den Text gekürzt und die Rolle der Lady Macbeth stark ausgebaut; damit hat er den Frauen einen Dienst erwiesen.

Frauenblick: Milan Kundera

Monika Wrzosek-Müller

Wir alle haben seinen Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ gelesen, darüber diskutiert und uns ereifert. Das Schicksal, das die Tschechoslowakei mit der gewaltsamen Beendigung des „Prager Frühlings“ erleiden musste, hat uns alle beeinflusst und bewegt. Alle, die aus Polen dann später in die Emigration gingen, aber auch alle, die in ihrem Land gegen den Kommunismus kämpften. Kunderas persönliches Schicksal spiegelte die Zerrissenheit der Menschen in jenen Zeiten in der Heimat und im Exil nur allzu genau wider.

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Frauenblick. Tu zaszła zmiana.

Monika Wrzosek-Müller

Tu zaszła zmiana [Hier hat sich etwas geändert]

Da ich dieses Thema vorgeschlagen habe, fange ich mit dem Titel einer Erzählung von Maria Dąbrowska aus dem Jahr 1951 an. Der Text war in meiner Schule Pflichtlektüre und erinnere mich dunkel an die Beschreibung eines Blicks aus dem Fenster ihrer Wohnung – dessen, was da alles unten auf der Straße passierte. Sie lebte in Warschau 40 Jahre lang in derselben Wohnung und der Ausblick aus ihrem Fenster diente ihr als eine Art Brennglas, in dem sie die historischen Ereignisse betrachtete, vor allem die in Warschau aber auch in Polen insgesamt, hauptsächlich während des Krieges. War das nicht ein Stück Propaganda, was da nach dem Krieg nicht alles aufgebaut worden war…?

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