Die große kleine Welt

Monika Wrzosek-Müller

Holland: um Leiden herum

Holland ist schön, aber so gar nicht ihr Land. Flach, von großen, auch kleinen und winzigen Wasserkanälen durchzogen. Von den typischen Mühlen, denen auf dem Land, hatte sie nur wenige gesehen. Aus dem Zugfenster blickt man über weite Strecken auf so etwas wie ein Schachbrettmuster, Wasser und Gras; die Züge fahren schnell, schweben lautlos, man ist von Leiden in 15 Minuten in den Haag und in 17 Minuten in Delft und in 12 auf dem Flughafen Schiphol. Weit und breit Wasser, und Grüne Flächen; sie wusste nicht, dass Leiden auch am Rhein liegt, dass sie sogar extra eine „Burcht“ gebaut hatten, die im Falle einer Flut allen Bewohner von Leiden Zuflucht bieten sollte; die Hauptgracht – das ist der alte Rhein, und der Fluss ist wohl gelegentlich über die Ufer getreten, bis die komplizierten Systeme der Schleusen, Regulierungen und Dämme alles unter Kontrolle brachten.

Für sie war es zu viel Wasser, ganze Landstriche mit Gewächshäusern, sogar die kleinen Wäldchen liegen alle auf dem Wasser, man hat den Eindruck alles liegt auf dem Wasser, auf Moor, die Kanäle und das Gras, alles so flach, dass man schon von ganz weit weg die Skyline von den Haag sieht. Die ist auch wirklich sehenswert; eine Skyline mit holländischen Motiven, das muss man können, dazu noch so bunt und trotzdem sehr ästhetisch. Das schöne, sehr bescheidene Museum in Mauritshuis, Königliche Bildergalerie, zeigt wunderschöne Werke; man steigt nach unten und arbeitet sich nach oben durch, alle Säle voller Preziosen; kleinen, manchmal wirklich sehr kleinformatigen aber wunderschönen Gemälden. Für das Museum wirbt das Bild „Mädchen mit dem Perlohrring“ von Vermeer, das von Plakaten die Fußgänger anschaut und von Fotografen nachgestellt wird.

Sie staunte über den Geruch, den wunderbaren Duft, der sich im ganzen Museum verbreitete und sie magisch anzog und neugierig machte; dann sah sie auf den Zwischengeschossen riesige Vasen mit Blumenarrangements, die an die aus den Bildern erinnerten, es waren echte Blumen, echter Duft, mit weißen Lilien und Alstremerien, alten englischen Rosen und Glockenblumen, dazu Gräsern, Efeu, allerlei kleinen Blumen; sie dachte, wie oft muss so eine Vase wohl neu arrangiert werden, damit der Duft so betörend ist und die Blumen so frisch und lebendig aussehen. Das Museum war nicht allzu groß und die Werke waren allesamt bedeutend, man hatte für den Betrachter eine Auswahl getroffen. Überhaupt fand sie den Haag sehr lebendig, ja lebenswert, großstädtisch; mit der schönen Altstadt, mit Parks, in denen sie zum ersten Mal riesige Sträucher von blühenden Christrosen gesehen hatte, und der bunten Skyline, mit der Lage fast am Meer. Es war eine tolle Stadt.

Später, schon zu Hause, dachte sie über das Element Wasser nach, warum ihr das Element so fremd und zuwider war. Sie selbst tendierte zur Erde, weil Stier und Aszendent irgendwas…, und Erde vernichtet Wasser, sie saugt sie auf. Aber in Holland war Wasser überall, auch unterirdisch, das musste einen Einfluss auf die Menschen haben. Wasser symbolisiert den Fluss von Energien, von Materie, Wasser trägt und reinigt; es nimmt den Weg des geringen Widerstands, doch es ist beharrlich, es fließt immer. Auf die Fähigkeiten der Menschen übertragen bedeutet das Kommunikation, Diplomatie, gute Geschäfte, Handel, neue Ideen und deren Vermittlung und Ausdauer. Etwas zu viel Wasser führt dann zu Gefühlslosigkeit und Überheblichkeit, Kälte und herrischem Auftreten. Ja, das dachte sie, nachdem sie aus Holland zurückgekommen war, zugegeben sie war sehr erkältet und hat sich ein Virus zugezogen und konnte das ganze Wasser nicht aufnehmen und wieder ausspucken.

Die Städte Leiden und Delft sehr schön, von fast makelloser Schönheit, mit Grachten und schönen alten Häusern, herausgeputzt und nach außen sauber; dass es hinter den Fassaden anders aussah, wusste sie von ihrem Sohn, der in so einem alten Haus wohnte. Es war das Haus einer männlichen Studentenverbindung; in Holland wohnen Studentinnen und Studenten getrennt. Das war für sie auch so eine Schocknachricht; in dem nach Außen freizügigen Holland wohnten tatsächlich Mädchen und Jungen getrennt. Dass ihr Sohn der Verbindung nicht beitreten wollte, fand sie mehr als vernünftig. Denn immer wieder gab es alarmierende Berichte in den holländischen, aber auch deutschen Zeitungen, wie es bei den Aufnahmeritualen der Verbindungen mit Demütigungen und Überforderungen der Seele und des Körpers zuging.

Sie sah sich diese jahrhundertealten Städte an und dachte, wie eine Postkarte, man kann nichts hinzufügen, aber auch nicht dahinterkommen. Es lud sie nicht ein, wie in Italien, wo die Landschaft noch schöner oder anders war als auf der Postkarte, mit dem Duft, den Gesprächen. Nicht dass die Holländer still wären, nein sie redeten eher laut und lachten viel und schienen durchaus mit sich zufrieden zu sein. Aber sie stand vor einer Mauer, auch wenn die Fenster keine Gardinen und man Einsicht ins Wohnzimmer hatte, die Mauer der prachtvoll verzierten Fassaden konnte sie nicht durchdringen. Vielleicht wenn man viel, sehr viel darüber wusste und sich aufklären ließ; doch das war eben nicht ihr Weg.

Es gab auch die Kirchen, riesige Backsteinbauten, sowohl in Leiden als auch in Delft; sie waren fast immer geschlossen, obwohl Adventszeit war und sie mehrmals angeklopft haben. Doch in Delft erwartete sie eine Überraschung, für ein paar Euro konnte man sowohl die Oude wie auch Nieuwe Kerk besichtigen. Die alte Kirche mit ihrem schiefen Turm, malerisch an einer Gracht gelegen, drin mit der Grabplatte für Johannes Vermeer und Bleiglasfenstern aus verschiedenen Epochen, eine Kirche, die ständig umgebaut und erneuert wurde, hatte sie weniger berührt. Ein paar Schritte weiter gelangt man auf einen riesigen Marktplatz, an dessen einem Ende sich das Rathaus und am anderen die Neue Kirche mit dem höchsten Turm weit und breit steht. Man kann sich hier gut die Zeremonien aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft des Königshauses Oranje vorstellen; Hochzeiten, Begräbnisse, es gibt einen Grabkeller für die Beisetzung der Mitglieder der königlichen Familie. Die Kirche lebt immer noch ihre Größe, das kann man auf einem Video sehr gut verfolgen. Es ist eine sehr harmonisch angelegte und 1655 in der jetzigen Gestalt ausgeführte Kreuzbasilika, mit großen, farbigen Bleiglasfenster, die viel buntes Licht im Innenraum spielen lassen.

Sie wusste, dass ihre Schul- und Studienfreundin seit Jahren in Holland lebte, sie hatten den Kontakt verloren, dann wieder gefunden und dann gelockert. Aber sie hatte das im Hinterkopf und versuchte sich Anka in diesem Land vorzustellen und dachte, das ist verdammt schwer und mühsam, hier richtig anzukommen. Du musst ihre Geschichte, ihren Stolz annehmen und dich nicht unterkriegen lassen, für sich da sein und einen Weg finden. Die Freundin wohnte auch noch dazu in einer ganz kleinen Ortschaft, nicht einmal in einer Großstadt, wo sich alles mischt Menschen, Haut- und Haarfarben, Häuser, Autos; doch sie schien zufrieden und angekommen.

Sie fuhren auch nach Katwijk, wanderten in der Dünenlandschaft herum. Eine unheimliche Landschaft, mit silbergrauem und frisch grünem Moos, auch einigen Sträuchern, Ginster und Sanddorn, kleinen Grüppchen von höheren Gräsern, leicht hügelig, weit und breit; war man mittendrin, dann hatte man den Eindruck, die Landschaft würde unendlich so weitergehen. Es schimmerte und leuchtete in der Sonne nach dem Regen. Davor lag ausgebreitet der lange und breite Streifen des Sandstrandes, der sich wie ein riesiges gelbes Band bis ins Unendliche zog, dahinter die graue Nordsee.

Irgendwann kehrten sie in einem der Strandrestaurants ein, für einen Wochentag war es erstaunlich voll und lebendig. Sie saßen an einem schönen Tisch, nebenan gab es eine größere Gesellschaft, es war laut, gesellig und sehr warm. Jetzt hätte der Teil kommen sollen, wo sie auf einmal ihre Freundin in einer Ecke sitzen sah, doch so war es nicht. Die wohnt für holländische Verhältnisse weit weg, in der Umgebung von Groningen. Was sollte sie denn hier auch suchen. Wir hatten uns nicht verabredet, seit Längerem nicht einmal geschrieben. So ist nur die flüchtige Erinnerung an sie da, und das ist alles.

Flüchtlinge – uciekinierzy

Tekstów o uciekinierach coraz więcej. Zgodnie z zapowiedzią będę je więc publikowała w każdą środę, a nie tak jak dotychczas – w co drugą.  Dziś dwugłos Monika Wrzosek-Müller i ja. Mój tekst – po polsku – pod tekstem Moniki. Oba zatroskane.

MonikaWrzosek-Müller

Die Jugendherberge und die jungen männlichen Flüchtlinge

Sie war erstaunt, dass jemand sich über eine so schöne Herberge noch beklagen konnte. Ein Zufall wollte, dass sie da mit ihrem Sohn vor Jahren an einem Vorbereitungskurs für seine Reise nach Kanada teilgenommen und er in der Herberge auch übernachtet hatte. Auf jeden Fall war die Unterkunft sehr schön gelegen, am Seeufer, fast im Wald, mit großem Essraum und allen denkbaren hygienischen Einrichtungen.

Die Jungs, die jetzt dort wohnten, kamen hauptsächlich aus Afghanistan, Syrien, dem Libanon und dem Irak; es gab vereinzelt welche aus Afrika: Ghana und Eritrea. Sie gaben an, unter 18 zu sein, doch sie vermutete bei vielen, dass sie diese magische Grenze schon überschritten hatten. Auf die Frage: „Wie alt bist du?“ kam meistens eine Zahl, die mit dem Gesicht nicht korrespondierte: 15, 16 – und die Gesichter waren eher die von Männern über 20. So einigte man sich auf eine ärztliche Untersuchung, die jetzt das ungefähre Alter feststellen soll. Eigentlich wusste sie nicht, wie man das feststellen konnte; wenn jemand ganz schlimme Erlebnisse hatte, würde er auch älter aussehen. Sie würde, wäre sie Ärztin, diese Aufgabe nur sehr ungern übernehmen.

Die ersten Wochen waren die Sprachgruppen national fast homogen, erstaunlich wie die einzelnen Nationen zusammen hielten; später wurden sie nach Grad und Fähigkeit Deutsch zu lernen eingeteilt. Es kam eine bunt gemischte Gruppe heraus. Eigentlich waren sie lernwillig, manche lernten auch wirklich schnell und konzentriert, aber es gab auch solche, die die ganze Zeit redeten und sich vielleicht gar nicht konzentrieren konnten. Es gab auch großen Bedarf an Alphabetisierung; viele kannten das lateinische Alphabet nicht, bei einigen wenigen hatte sie den Eindruck, dass sie überhaupt lernungewohnt waren.

Es gab viele Lehrer; die Jungs wurden in vier Gruppen eingeteilt und es wurde an allen fünf Tagen der Woche unterrichtet. Nachmittags organisierten die Sozialarbeiter für sie Ausflüge oder Heimkino, sie hatten auch Monatskarten, um mit der BVG zu fahren. Es war schon ein gut durchdachtes und funktionierendes System bei allen, die sich für die Jungs einsetzten. Sie dachte auch, dass es gerade für so junge Leute leichter sein müsse, sich an das Land und die Sitten zu gewöhnen. Bei einigen musste man dann auch hart durchgreifen, damit sie das machten, was von ihnen verlangt wurde. Allgemein waren sie aber eher fröhlich und zuversichtlich – sie dachte: vielleicht doch irgendwie aus besseren Verhältnissen.

Das wichtigste Accessoire war natürlich das omnipräsente Handy mit blinkender Oberfläche, je größer desto besser. Und natürlich versuchten sie am Anfang auch während des Unterrichts am Handy zu fummeln. Dann machte sie die Ansage, dass sie im Flugzeug wären und für die Flugzeit würde das Handy auf Flugmodus gestellt; das kapierten sie erstaunlich schnell und die Handyslagen unberührt; doch kurz vor dem Schluss des Unterrichts rief immer ein digitaler Muezzin sie per Handy zum Gebet und dann war Ende mit der Ruhe und der Schule; wie in ihren Heimatländern die Disziplin in den Schulen gehandhabt wurde, konnte sie sich nicht vorstellen.

Die Weihnachtsparty, die die Deutschlehrer organisiert hatten, war ein voller Erfolg. Die Jungen sangen aus vollen Herzen, sprangen herum und tanzten, führten auch ihre Lieder vor: den Afghan-Rap, die Lieder aus ihren Ländern. Manchmal dachte sie, als sie ganz wild herumtanzten und johlten, das ist jetzt aber zu viel, wir werden es nicht schaffen sie zu beruhigen, und doch endete alles erstaunlich ruhig und gesittet, aufgeräumt und still. Das Bingo-Spiel wurde mit großer Freude mitgespielt, die Lehrer hatten wirklich ein schönes Programm angeboten, mit Weihnachtsgebäck und Früchten und Getränken… die Jungs fühlten sich wohl und mit Aufmerksamkeit bedacht.

Einige wenige gingen schon in die Willkommensklassen, die lernten natürlich am schnellsten, hatten auch in den Pausen Kontakt zu anderen deutschen Jugendlichen. Es war wirklich der beste Weg sie zu integrieren, zusammen mit den anderen lernen, spielen, zusammen sein; sonst waren sie ausgegrenzt und im Ausnahmezustand, das sah man ihnen an. Viele waren apathisch oder sehr nervös und gereizt. Sie stürmten plötzlich aus der Klasse wegen angeblichen oder doch existierenden Durchfall, Nasenbluten etc… Sie versuchte dahinterzukommen: waren das wirkliche Symptome, oder wollten sie gerade aus der Gemeinschaft, aus dem Unterricht raus. Es war sehr wichtig, ihnen Aufgaben zu stellen, bei denen sie auch nachdenken mussten; zusammenzählen, etwas erfinden, mit abstrakten Dialogen und Situationen taten sie sich schwer; aber vielleicht taten sich alle Jugendlichen damit schwer.

Sie wollte zu dem Café-Treffen der Ehrenamtlichen gehen und fragen, wohin die Jungendlichen denn ab Ende Februar verlegt werden würden, was mit ihnen geschehen würde, denn die Betreiber der Herberge wollten für den Frühling keine Flüchtlinge mehr haben. Das war das Mindeste, was sie für sie weiter tun konnte, auch wenn sich nicht nur Erfreuliches im Unterricht ereignete.

Eine von den Deutschlehrerinnen wollte mit den Jungs in ein Supermarkt gehen, um die Sachen konkret beim Namen zu nennen, schauen was sie interessiert, was sie einkaufen, ihnen helfen sich zu orientieren und ihnen erklären, was die Sachen in der Verpackung sind. Sie hat jedem 2,50 € geben wollen, damit sie sich eine Kleinigkeit kaufen könnten. Natürlich hat sie das von ihrem Geld gespendet, wollte nur eine Quittung haben, vielleicht wegen der Steuererklärung… sie hatte das Geld schon einigen ausgegeben, als zwei Jugendliche sie überfielen und ihr den Beutel mit dem übrigen Kleingeld wegrissen und wegrannten. Die anderen rannten ihnen hinterher, es entwickelte sich eine Schlägerei, in der einige verletzt wurden. Sie war völlig entsetzt und meinte, so was wird sie nicht noch Mal versuchen.

Sie dachte bei sich, man soll auf alle Möglichkeiten vorbereitet sein; sie kannte nicht einmal deutsche Jugendliche gut und wusste nicht, wie die in einer Gruppe funktionieren. Die Flüchtlinge, nach ihren Erlebnissen in der Heimat und auf dem Weg, und in völlig fremder Umgebung sind natürlich überfordert. Und dann dachte sie weiter: die Aufgaben, die auf uns warten, sind unendlich schwer – damit sie wirklich integriert werden und in Frieden mit sich und mit der Umgebung leben könnten.

Ewa Maria Slaska

Sylwester

Drugą część tego tekstu napisałam przed Sylwestrem. Rzeczywistość mnie jednak dopadła, zanim zdążyłam podzielić się z Wami myślą, że uchodźców wcale nie widać na ulicy. Bo niestety w Sylwestra było ich widać i to w sposób groźny.

Dla kobiety gwałt jest jedną z najbardziej przerażających wizji tego, co je może spotkać. Na szczęście kultura zachodnia od lat tępiła i potępiała gwałty, tak w sferze prywatnej jak i publicznej. Kobiety w Niemczech czy w Europie nie liczą się już z tym, że jest to realna codzienna groźba. Sylwester 2015 pokazał, że może stać się znowu realna i może stać się zjawiskiem społecznym.

Gdy wiadomości o tym dotarły do mediów, w pierwszym odruchu pomyślałam, że to nieprawda, że to prawicowa prowokacja wewnątrzniemiecka wymierzona w rząd Angeli Merkel. Im bardziej jednak doniesienia się mnożyły, tym bardziej, nie wiem zresztą dlaczego, prowokacja prawicowa wydawała mi się mniej realna.

Gdzieś zgwałcona została kobieta w średnim wieku – miała, jak podała prasa, 58 lat. Oczywiście, może jest to pani, która znakomicie wygląda, tak też może być, ale jeśli jest to jednak starsza pani, to znaczyłoby, że był to gwałt wojenny, który nie jest zaspokojeniem potrzeby seksualnej, tylko metodą poniżenia wroga przez poniżenie zadane jego kobietom. Tak gwałciła zwycięska Armia Czerwona tryumfalnie wkraczająca na tereny padających na kolana Niemiec, a jej ideologiem był Ilja Erenburg…

A wtedy mogłoby to oznaczać, że była to prowokacja, ale nie ze strony skrajnej prawicy niemieckiej czy europejskiej, lecz ze strony państwa islamskiego. I że znajdujemy się w stanie wojny. I że rzeczywiście są tu ONi i jesteśmy MY.

I tę myśl zapisałam kilka dnie temu, a następnego dnia również policja niemiecka, wychodząc zresztą nie z przesłanek lecz poszlak i dowodów, doszła do wniosku, że była to zorganizowana akcja ISIS.

Stale powtarzam, przede wszystkim trzeba myśleć.

Czy uchodźców widać na ulicy?

Ludzie z Polski wciąż pytają, czy uchodźców widać na ulicy? A moja odpowiedź, wprawdzie trochę niepewna, brzmi – nie, nie widać. Widać i słychać cudzoziemców, niewątpliwie, i to zarówno tych, którzy mieszkają tu na stałe, jak i turystów. Przede wszystkim zresztą Włochów i Hiszpanów. Ale uchodźców niemal nie widać. Mieszkam naprzeciwko nieczynnego lotniska Tempelhof, oddzielonego od ulic Tempelhofer Damm i Columbiadamm wielkim prawie stuletnim budynkiem, kiedyś najdłuższym budynkiem na świecie. Teraz podobno jest jakiś dłuższy.


Ja mieszkam po drugiej stronie ulicy, na samym prawym końcu tego gmaszydła. W tym budynku ulokowano w listopadzie kilka tysięcy uchodźców, głównie samotnych mężczyzn, czekających na przeniesienie do jakiegoś bardziej przychylnego ludziom miejsca. Pewnej soboty miały tu miejsce bójki, o których donosiła prasa na całym świecie. A ja co? A ja, choć mieszkam od nich o rzut beretem, początkowo nawet ich nie widziałam. Oni wchodzą do siebie głównym wejściem, wysiadają więc przystanek wcześniej niż ja – bo wejście główne i boczne oddziela odległość całej stacji metra. Moja jest dziś całkiem niepozorna, ale w latach 20 wysiadali tu robotnicy budujący lotnisko. Były ich tysiące. Szli do pracy 17 tunelami!

Oni i ja korzystamy z tej samej linii metra, a jednak początkowo w metrze też ich nie było. Raz, gdy szłam na dworzec o 4 w nocy, spotkałam jednego zbłąkanego, szukał drogi do najbliższego szpitala, którego adres ktoś mu nieporadnie zapisał na świstku.

Teraz w budynku ulokowano ponad dwa tysiące uchodźców, w przyszłości ma ich być nawet siedem tysięcy. Jest ich teraz, po kilku tygodniach, może troszeczkę więcej w metrze. Widocznie się oswoili i otarli, dostali bilety na komunikację miejską, odważają się więc, wychodzą ze schroniska, zbaczają z utartych tras prowadzących do urzędów. Ale nadal widzę ich niewielu. Nawet w pobliskim sklepie, który zasadniczo jest i ich, i mój, ich nie ma. Jak się czasem spotka jakichś cudzoziemców, to najdalej przy kasie okazuje się, że mówią dobrze po niemiecku i są na pewno berlińczykami od dawna.

Pracuję z uciekinierami, pracowałam z nimi wiele lat, między innymi  w ogromnym schronisku dla tysiąca ludzi, ale nawet ja nie umiem sobie wyobrazić, jak może wyglądać taki moloch, gdzie zakwaterowano dwa, trzy, cztery, pięć tysięcy osób. Oczywiście – w ogromnym pustym gmachu jest dość miejsca, aby pomieścić tysiące ludzi. Ale jak ich karmić, jak mają się kąpać, jak załatwiać potrzeby fizjologiczne? Jak sprzątać? I co mają robić? To chyba główne pytanie – co mają robić, żeby nie zwariować w tym natłoku cudzej obecności i niedoborze sensownego zajęcia?

To niesamowite – tylu ich jest wśród nas, a my ich nie widzimy. Z jednej strony zaskakujące, z drugiej pocieszające. Najwyraźniej taki organizm miejski jak wielokulturowy Berlin, z jego prawie czterema milionami mieszkańców, jest w stanie bez śladu wchłonąć sto tysięcy przybyszów.

Weihnachten

Monika Wrzosek-Müller

Weihnachten war und ist für sie ein Fest der Harmonie, Liebe und Zuversicht; verständlich es wurde ein göttliches Kind geboren, alles bewegt sich, richtet sich in die Zukunft aus. Das kann mitunter in Kitsch ausarten, im äußeren und mentalen Kitsch, mit Liedern, sich Verbrüdern, mit Lichterketten und Weihnachtsmärkten, Glühwein, Essen ohne Ende; oder ist es das, was wir im Leben brauchen: ein bisschen Kitsch, damit die Wirklichkeit zu ertragen ist.

Als sie klein war, noch in Warschau, in Polen, konnte sie eine Woche vor Weihnachten nicht baden, oder sie ging zu Bekannten, um dort zu duschen, denn in ihrer Badewanne schwammen immer zwei gesunde, große Karpfen. Sie wollte sie nie essen, weder in Gelee, noch gebraten, noch in Gemüse oder auf griechische Art mit Tomaten. Immer schmeckte sie das sumpfige, morastige heraus und die Gräten machten ihr auch zu schaffen. Als sie da im Bad schwammen, hatte sie die Karpfen mit Brot gefüttert; sie bekamen auch Namen, leider hörten sie auf ihre Namen nicht, schwammen ihre Runden in dem kleinen Becken der Badewanne. Doch Karpfen gehörten zum Weihnachten ihrer Kindheit; vieles gehörte zu Weihnachten, sie erinnerte sich an das wohlige Gefühl und Vorfreude in den Tagen vorher, an viele Vorbereitungen und an das Horten von Lebensmitteln, ausrollen vom Teig für Pirogen und an Kutja mit Mohn, unendlich oft durch den Fleischwolf mit einem entsprechenden Aufsatz gedreht, es durfte ja gar nichts am Tisch fehlen. Und an den Moment als die Lichter am Tannenbaum brannten und die ewigen Streitereien aufhörten, als der Tisch gedeckt war, die Oblate auf ein bisschen Heu in der Mitte des Tisches lag und man mit den Wünschen begann. Als Kind versank sie förmlich in der Sicherheit zwischen Oma und Tante und vielen Geschenken und gesungenen Weihnachtsliedern. Es gab so etwas wie heilige Momente der glücklichen Leere und Wunschlosigkeit.

Später im Erwachsenenleben sollte sie die Sicherheit weitergeben, die Bräuche erhalten und sie kultivieren und diese Gefühle wiederherstellen für ihren Mann und Sohn, für Leute die mit ihr waren.

Sie erinnerte sich an eine lange Reise, noch in den achtziger Jahren, durch ganz Frankreich von Nancy über die Loire Schlösser in die Bretagne, in der vorweihnachtlichen Zeit, und wie sie über die Fülle und Verschiedenheit der angebotenen Waren staunte: es gab unendlich viele Sorten von Käse, von Gemüse, Obst und Meeresfrüchten, selbst von Austern die verschiedensten Formen und angeblich Geschmäcker und dann die ganze Vielfalt der Muscheln. In den Regalen lagen reihenweise, gestapelte Weinflaschen und es wurde lange gesucht, mehrere Läden aufgesucht, ausgewählt, probiert. Die Art der Einkäufe, die als Selbstbeschäftigung verstanden werden und an die angenehme Seite des Lebens erinnern sollte, die sie gar nicht kannte. Einkäufe waren in ihrer Welt immer lästig.

Die grande Fête du Noël fand immer am ersten Weihnachtstag statt und es war das große Essen, meistens doch im Restaurant. Es wurde im Kreis der Familie in ausgesuchtem, vorbestelltem Restaurant lange gespeist. Die riesigen Menüs mit 7 bis 9 Gängen wurden an festlich dekorierten Tischen sehr professionell serviert und verschwanden nach und nach, von den Tischen, Tellern in den Bäuchen; sie wunderte sich jedes Mal, wie man das alles aufessen konnte, aß aber selbst kräftig mit.

Später kamen dann die Weihnachten in Italien, die mit Krippenbauen, Tannenbaum suchen und Besuchen von Familie und Freunden verliefen. Zu Natale ging man Kirchen besuchen, um sich die mehr oder weniger kunstvollen Krippen anzuschauen, auch die Leute zu bestaunen, die unabhängig vom Wetter ihre teuren Pelze und die ganze Winterausstattung trugen. In kleinen Ortschaften stellte jedes Haus eine Krippe vor der Tür aus, es gab regelrecht Wettbewerbe für die schönste, witzigste oder ausgefallenste Krippe; sie erinnerte sich an eine Krippe bei den Carabinieri in San Miniato, die in einem Aquarium hergerichtet war. Weihnachten war die Zeit der Geschenke, kunstvoll verpackte Tüten mit Kleinigkeiten in Seidenpapier eingewickelt, alles wunderschön arrangiert. Und dann die Kartons mit panettone, sie suchten immer die einfachsten, traditionellsten aus, und Vin Santo mit cantuccini. Oft wurden die Reste der Trüffel zum ersten Weihnachtstag verspeist, die Küche war einfach aber aromatisch; die italienische Reihenfolge hielten sie nicht ein, aßen sich nicht durch die antipasti, primi mit Pasta oder und Risotto, secondi mit Fisch und Fleisch und dolci durch. Was sie am meisten genossen, war das Wetter, dass man oft viel Zeit draußen verbringen konnte und es für ihre Begriffe sehr warm war.

Die Städte waren aber nicht so opulent mit Lichtern geschmückt, es hingen manchmal rote Kokarden an den Eingangstüren und ein paar Lichterketten, eher ohne ganzheitliche Inszenierung, ohne große allgemeine Wirkung. Die blieb den Städten und Regionen im Norden vorbehalten.

Jedes Jahr kriegte Berlin ein neues Kleid aus Tausenden Lichterketten; manche glanzvoll und wirklich kunstvoll arrangiert, andere etwas kitschig, bunt, schrill, blinkend; den Möglichkeiten wurden keine Grenzen gesetzt. Das fing schon im Oktober mit dem Fest des Lichts an, als bestimmte Baudenkmäler in vielen Farben beleuchtet wurden. Später kamen dann die Weihnachtsbeleuchtung, die Weihnachtsmärkte und große Tannenbäume mit Lichterketten. Jedes Viertel hatte eigene Konzepte für die vorweihnachtliche Beleuchtung auch mit kleinen Eisbahnen für die Kinder; die schönste Weihnachtsdekoration war natürlich immer am Kudamm oder Unter den Linden, wo die Silhouetten der Bäume mit Tausenden von winzigen Lämpchen nachgezeichnet wurden, manchmal bewunderte sie die kunstvoll arrangierten Fensterläden. Sie fand diese Flut der Lichter ermutigend und aufbauend in der tristen Jahreszeit, auch wenn sie viel Strom verbrauchten. Eher wenig konnte sie mit den vielen Weihnachtsmärkten anfangen, sie mochte die ganz kleinen, künstlerischen, wo man ausgefallene Sachen kaufen konnte und sich aber meistens doch zurückhielt wegen der Preise. Es gab einen Ranking unter den Berliner Weihnachtsmärkten; die größten waren gar nicht die besten. Manchmal hatte man den Eindruck, dass seit Anfang Dezember die Berliner sich an Weihnachtsmärkten ernährten, an manchen war es immer eng und voll.

Es gab noch ein Neujahrsfest außerhalb jeder bekannten Tradition auf einer kleinen Insel, an den Backwaters, in Südindien. Da das Management des Hotels wusste, dass wir aus Europa kamen, gab es unendlich viele Plastikweihnachtsbäume mit blinkenden und pulsierenden Lichterketten und opulenten, sehr farbigen Weihnachtsschmuck, dazu auch indischen Tanz und Musik. Auf einen Weihnachtsbaum versuchte sich immer wieder ein ganz dicker, großer und bunter Vogel draufsetzen, so dass der Baum gleich umkippte zur Erheiterung der Allgemeinheit. Als Feuerwerk wurden die Wunderkerzen angezündet, die leider wegen der Feuchtigkeit gleich wieder ausgingen. So wurde ihr dann auch bewusst, dass der Gebrauch von so viel Plastikzeug und elektrischen Lichterketten eine Not war, alle Kerzen würden sowieso ausgehen, wegen der Feuchte und wegen des Windes. Doch es war ein schönes, buntes Fest.

In Berlin ging sie auch oft in Konzerte in den Kirchen, das Angebot an vorweihnachtlichen Aktivitäten war immens und man verpasste immer das meiste und alle fanden das toll, sie aber sehnte sich doch nach der Helligkeit der italienischen Sonne.

Die kleine große Welt

Monika Wrzosek-Müller

Baumwipfelpfad = Baumkronenweg, Beelitz Heilstätten

Sie kannte Beelitz Heilstätten schon aus der Zeit, als der kleine Michi da war. Die Neurologische Reha Klinik war teilweise in den alten Gebäuden der Heilstätten untergebracht, sie verfügte aber auch über einen Neubau. Schon damals fielen ihr die wunderschönen alten Häuser und Anlagen auf, die innerhalb der Reha-Klinik auch renoviert wurden, aber weiter draußen, auf der anderen Straßenseite vor sich hin rosteten, zerfielen, verfielen und auseinanderbrachen. Die Patienten konnten ausgedehnte Spaziergänge machen, auch im Rollstuhl, auch Querschnittsgelähmte, eigentlich nur diese traf man dort. Es gab verschiedene hölzerne Altane, wo man sich auch bei schlechtem Wetter aufhalten konnte, auch Liegehallen genannt, die früher für Liege- und Luftkuren genutzt wurden. Da der Weg aus Berlin schon etwas länger war, blieb sie jeweils länger, fast den ganzen Tag, und ging nach dem Besuch bei Michi über die Straße und fand immer neue Gebäude, neue Ruinen, neue Ausblicke, die ihr den Atem stocken ließen.

Manchmal sah sie in den Ruinen junge Fotographen, die ihre Freudinnen, oder waren das echte Models?, fotografierten; die Kulisse war atemberaubend, die Mädchen weniger: sie waren immer so extrem dünn, geschminkt und zurecht gestutzt, dass sie erschauerte und bei den Haaren manchmal Zuckerwatte vermutete. Neben hohen zerfallenden Räumen, kam noch das sich in Windeseile windende Grün des Hopfens und des Efeus, zwischen den Steinen und auf den Dächern um die Stahlkonstruktionen wuchsen fast neue Wälder mit Kiefern und Birken, an den breiten und langen Wänden und Mauern erschienen immer mehr Graffitis, die diese unheimliche Welt auf künstliche Weise belebten; ein Highlight für Castings und Shootings, sie sah immer mehr Fotografen und sogar Filmteams auftauchen (auf dem Gelände wurden Szenen für Polanskis „Pianist“ gedreht); daneben durchstreiften den Park auch unheimliche Wesen, auf der Suche nach esoterischen Erlebnissen. Zwar waren damals noch einige Gebäude fast intakt, manche sogar noch mit Fenstern, doch gingen die Zerstörung und der Zerfall sehr schnell voran. Sie wunderte sich, dass man so einen Komplex vor sich hin vegetieren ließ.

Die Geschichte der Heilstätten beginnt in 90er Jahren des 19. Jh.; es werden immer mehr Gebäude für Lungen- und Tuberkulosekranke gebaut, für Frauen und Männer getrennt, bis es 60 Häuser auf einer Wald/Parkfläche von 200 Ha sind. An dem Projekt arbeiten bis 1930 mehrere Architekten und es gibt mehrere Bauphasen; deswegen sehen wir da Häuser im historisierenden Stil und dann auch solche mit Jugendstil-Elementen, mit entsprechenden Kacheln und Stahlkonstruktionen, große Hallen mit imposanten Treppenaufgängen, die Wände gekachelt, mit schönen riesigen Fenstern, Bögen, Rundungen, kleinen Wandreliefs. Schon im Ersten Weltkrieg wird das Gelände mit den Gebäuden in ein Lazarett umgewandelt, genauso dann im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Krieg bis 1994 befindet sich in den Räumen das Zentrale Militärkrankenhaus der sowjetischen Besatzungsmacht, die meisten Häuser sind erhalten, wenngleich in schlechtem Zustand.

Nach der Wiedervereinigung werden die Neurologische Rehabilitationsklinik, Parkinson-Krankenhaus, Rehabilitationsklinik für Kinder in den Gebäuden untergebracht. Doch der größte Teil bleibt brach liegen; die Versuche, durch Eigentümergesellschaft die Sanierung der Denkmalsubstanz voranzutreiben, misslingen.

Und dann eines Sonntag Morgens fuhren sie mit Freunden nach Beelitz Heilstätten, um auf dem gerade eröffneten Baumkronenweg spazieren zu gehen. Sie war etwas misstrauisch, diese Art von Events mochte sie eigentlich nicht, auch nicht, dass etwas so massiv Künstliches in eine Landschaft gestampft wurde, so wie die Skilifte und Skipisten in den Bergen, die sie doch immer wieder benutzte, oder wie Wasserrutschen und dergleichen am Strand, von denen sie sich immer fernhielt. Ihr Gefühl gab ihr Recht, von unten sah der Pfad monströs aus, eine zusammen geschweißte Konstruktion, riesig in den Park reingestellt. Es war kein besonders gutes Wetter und es gabt nicht allzu viele Menschen, sie gingen getrennt nach oben, denn der Hund musste draußen bleiben. Sie stieg die nicht enden wollenden Treppen, unzählige Stufen, nach oben zum Pfad, der in 24 m Höhe liegt. Es war gerade Herbst, die Bäume hatten die letzten Blätter noch auf den Kronen, die Färbung war eher gelblich braun, die letzten Momente der Pracht mit Grün durchwebt; plötzlich stand sie mittendrin, in der Stille, spürte die Bewegung der Bäume, das leichte Schaukeln der Konstruktion, da oben weht der Wind viel kräftiger, und war begeistert. Vielleicht fühlt man sich ähnlich, wenn man die chinesische Mauer abläuft. Ja, es ist ein Erlebnis, von oben auf diese zerfallene Landschaft, Architektur zu schauen; mit einer großen Anlage des Frauenpavillions, mit kleinen, eingerissenen WC-Häuschen, großen Ruheräumen, Zimmern, Korridoren. Man erkennt noch alles und doch verschwinden die genauen Umrisse, weil sich da schon das Grün seinen Weg bahnt. Es entsteht etwas neues, Übergänge, die man sich kaum erträumt hat; ein neuer Wald auf dem Dach, ein Birkenwäldchen in den Zimmern unten; das Grün nimmt alles in Besitz, was es unterwegs findet.

Dann stieg sie noch höher auf den Turm, der in 40 m Höhe wirklich die Sicht über die ganze Gegend erlaubt, bis nach Potsdam, Werder, Beelitz, ein offener Horizont im Meer der bläulich grünen Landschaft, mit wechselnden Wolkenbildern oben und sich bewegenden Baumkronen unten. Von den Bauten sieht man nur Türmchen, Kirchtürme und Hochhäuser weit weg. Sie stand verzaubert und berührt bei so viel freiem Himmel, Luft und Raum, man kann tief durchatmen, den Blick weit schweifen lassen. Und dann hörte sie Rufe, sah lachende Gesichter, die ihren Namen riefen; siehe da, es waren ihre zwei Yogaschüler aus Luckenwalde. Sie versicherten sich gegenseitig, dass der Ausblick fantastisch sei und dass es sich gelohnt hätte den hohen Eintrittspreis zu bezahlen und sie spürte wieder einmal: mit den beiden ist die große Welt etwas kleiner geworden.

Die kleine große Welt (21)

Heute ist der 11. November, ein großer Jahrestag in der Geschichte Polens… 11.11.1918 ist der Polnische Unabhängigkeitstag. Der Text von Monika passt auch dazu. Alles was nach dem 11.11.1918 in Polen passiert ist, musste sich mit diesem Datum messen. Auch Solidarność.

Monika Wrzosek-Müller

Gdańsk und eigentlich Sopot, gesehen

Sie fuhr nach Gdańsk und eigentlich nach Sopot, da sollte ihr Mann einen Vortrag halten. Normalerweise machte sie das nicht, aber diesmal bedeutete die Reise für sie einen Ausflug in die Vergangenheit und in die Zukunft.

Die Vergangenheit offenbarte sich in Sopot, in den alten Villen, der Hauptstraße „Monte Casino“, die jetzt zwar sehr modern sein wollte, für sie aber voll von Bildern aus den alten Zeiten war. Die Stadt versuchte die Balance zwischen dem Neuen, Kommenden und ihrer mondänen Vergangenheit zu halten; nicht immer gelang das reibungslos und sie staunte über die Anhäufung von schlechtem Geschmack in der flächendeckenden Bebauung am Ende der Meile und der neuen, monströsen, erst im Entstehen begriffenen Station der S-Bahn mit der obligatorischen und allgegenwärtigen Einkaufsmeile. Doch die Mole und das Meer, dann auch die Hügel mit den Buchenwäldern im Hinterland entschädigten für Vieles und sie dachte, dass hier die ideale Lage für ein langes, glückliches Leben sei; zwischen zwei großen, pulsierenden Metropolen, der einen sogar mit einer langen, verwickelten aber, wie sie aus dem Vortrag ihres Mannes erfahren hatte, wunderbar alten Geschichte und entsprechend altem Stadtkern; alles verbunden mit einer Art S-Bahn, die die Massen ganz schnell von einer Ecke in die andere brachte. Diese S-Bahn, SKM, die alle Orte entlang der Danziger Bucht verband und Unmengen von Menschen beförderte, war für sie, wie ein Band, das sich nicht nur durch die geografische Weite, sondern auch in die zeitliche Tiefe schlängelte. Mit der Bahn war sie immer wieder gefahren, schon damals, bei den ersten Reisen nach Gdansk mit den Eltern und dann zu den Freunden nach Sopot und dann mit ihrem ersten, dann dem zweiten Mann und ihrem Sohn bei den Ausflügen nach Gdańsk. Sie war während des Kriegszustandes dort und vorher schon auf der Werft, bei den Streikenden, mit einem ARD Team, und immer wieder fuhr sie mit der S-Bahn. Es war eine geniale Verbindung, schnell, zuverlässig, sehr einfach, sich zu orientieren, immer noch, Gott sei Dank, nicht ganz modernisiert, manchmal quietschend, manchmal etwas schmutzig und schüttelnd, doch insgesamt ein wunderbares Verkehrsmittel, und da sie oben, d.h. oberirdisch fuhr, konnte man auch vieles sehen, ja besichtigen, bestaunen, wieviel sich änderte, auch drin die Leute beobachten, wie sich der Menschenschlag auf den längeren Strecken veränderte, an den Gesichtern abzulesen versuchen, was sie machten, wohin sie eilten, ihre Sorgen, kleinen Freuden, Langeweile und Hetze. Die jungen, frischen Gesichtern sehen, die überall in Europa fast gleich waren und die kleinen Unterschiede versuchen rauszukitzeln, was das Besondere in Polen, in Gdansk wäre, und mit Erstaunen feststellen: Wenn es um Mode ging, glichen sich die jungen Leute überall sehr.

Zum „Europäischen Zentrum der Solidarnosc“ musste man sich dann zu Fuß schwer durchkämpfen. Durch eine Wüste von Ruinen und chaotischer Bebauung, mit scharfen Winden, die plötzlich von einer Richtung in die andere wehten, gelangte sie an eine riesige, moderne Architektur, die sehr anders als alles rundherum war. Man konnte durch den alten Werfteingang auf die Rasenfläche um das Gebäude vordringen und sie dachte, früher gab es diese Rasenflächen nur um die großen Kirchen, die großen Kathedralen, das fanden die Menschen wichtig, die Kirche stand im Stadtzentrum. Jetzt breiteten sich große Flächen um die Museen, um die kulturellen Zentren, Einrichtungen, wohin die Menschen strömen sollten, konnten und, wie sie gesehen hatte, auch wollten.

Die Architektur war atemberaubend, es war alles durchdacht, es gab viele Ebenen und dahin führende Treppen, alles sehr spartanisch, industriell, funktional und doch beeindruckend. Sie erinnerte durch den Gebrauch von Cortenstahl für die Außenfassade an einen Schiffsrumpf, der im Entstehen begriffen war, mit der rostroten Farbe, der im Dock vor sich hin rostete, auch die Schrägen und Lichteinfälle dazu kamen ab und zu auf den dicken Taus hängende Elemente, das alles stammte aus der Schiffslandschaft. Innen war das Gebäude mehr als geräumig, riesig und luftig, im Hof mit Platz für viele Pflanzen. Ja, den Besucher empfing ein grüner, beleuchteter Garten Eden mit Bänken und Sitzgruppen zum Verweilen einladend, der im Kontrast zu den nackten, manchmal gläsernen Wänden stand. Rundherum und nach oben führten Eingänge, Rolltreppen und Korridore zu den Konferenz- und Bildungszentren, dem Archiv, der Bibliothek und den Cafés, zum Restaurant und zur Mensa; am Ende gab es auf zwei Ebenen, auf einer gewaltigen Fläche von 3 000 m², die Ausstellung über die Geschichte der Bewegung Solidarność, einführend auch über alle osteuropäischen Freiheitsbewegungen. Sie ging durch die Räume der Ausstellung wie betäubt, wollte auf den Fotos irgendwelche bekannte Gesichter finden, suchen; aber es war zu viel, zu gut inszeniert, so dass es einen in die erzählte Geschichte hineinzog.

Erst am Ende der Ausstellung, als sie die riesige Wand mit den weißen und roten Täfelchen, auf denen man sich verewigen konnte, und die als eine Art von Gästebuch funktionierte – dabei bildeten die Täfelchen die Kaligraphie des Wortes Solidarność – dachte sie, jetzt würde sie bestimmt bekannte Inschriften finden. Und siehe da: es gab tatsächlich mehrere von ihren Freunden, ihren Bekannten aus Warszawa, die ganz am Anfang, dem Tag der Eröffnung am 31 August 2014 die Ausstellung besucht und sich auf den Täfelchen verewigt hatten; und schon wieder wurde für sie die große Welt etwas kleiner, sicherer, eben heimischer.

Die kleine große Welt (20)

Monika Wrzosek-Müller

Der Tarot Garten der Niki de Saint Phalle

Sie wollte eigentlich von dem Skulpturengarten in der Toskana berichten, von dem Weg dahin, von ihrer Enttäuschung – und dann nach einem Gespräch mit einer Freundin hielt sie inne, schaute tiefer und fand viele Gesichter des Gartens, die sie vorher nicht gesehen hatte.

Den Garten wollte sie natürlich sehen, er war schon eine Berühmtheit und in der westlichen Welt so etwas, wie ein Muss, wenn man in der Gegend war. Sie kurvten und wendeten, um den Weg zu finden, ziemlich lange; die bescheidenen Hinweisschilder waren rar. Sie kamen von der falschen Seite, nicht von dem wunderschönen Städtchen Capalbio, das oben auf einem Hügel thronte und es mit seinen mittelalterlichen Mauern mit Monterregioni aufnehmen konnte, oder vielleicht sogar noch reizvoller war, mit dem Blick aufs breite, weite Meer. Aber sie kamen an und hatten, stellte sich heraus, wenig Zeit; der Garten wurde schon um 18.00 Uhr geschlossen, es war September.

Immer wieder hatte sie sich nach ihrer Ankunft im Westen konfrontiert gesehen mit dem westlichen Feminismus, mit dem sie nicht viel anzufangen wusste und den sie am Anfang in der BRD mit einem ziemlich schlampigen Stil der Kleidung assoziiert hatte, mit Stricken in den Hörsälen der Universitäten und dem Fehlen von Frauen in den oberen Chefetagen, vielleicht auch mit der Zeitschrift „Emma“ und der Person Alice Schwarzer. Für ihre Generation aus Polen, die der Töchter von Müttern, die alles schmissen: den Job, die Versorgung des Haushalts, Klavierspielen und eine gewisse Intellektualität, wenn die Zeit dafür reichte, waren die Kämpfe der Frauen hier anfänglich irgendwie lächerlich und auf jeden Fall unverständlich. Allmählich ging ihr auf, dass in der Welt des Geldes die Sachen sich anders gestalteten, und irgendwann etwas später, auf einer Konferenz im südenglischen Harrogate, bei einem Panel über Frauen in der polnischen Opposition, verstand sie, dass ihre Mutter zwar alles bewältigt hatte sich aber ihres Werts keineswegs bewusst gewesen war, und eigentlich auch keine Feministin. Den „kleinen“ Unterschied zwischen den Feministinnen und den überlasteten, chronisch kranken und überarbeiteten Frauen in ihren vielfältigen Berufen in den sozialistischen Ländern lernte sie erst allmählich.

An das alles dachte sie nicht, als sie durch den Garten an der Grenze zwischen Toskana und Latium ging; das kam erst später nach dem Gespräch mit Andrea. Danach hat sie sich über die Künstlerin, Niki de Saint Phalle informiert, über ihr Leben und den Fluch, der sie verfolgte, und den Segen der Kunst, der ihr erlaubt hatte, so zu leben, wie sie wollte, Kunst als Lebensprinzip zu kultivieren. Vor allem berührt hatte sie die Schönheit der Künstlerin, die aus den Fotos von ihr sprach: das feine filigrane Gesicht und die schlanke Figur, die Schönheit, die im Wiederspruch stand zu den von ihr dargestellten groben, fleischigen, rundlichen und manchmal fast vulgären Frauenfiguren. Ihre „Nanas“ waren für viele Frauen in der alten BRD ein Inbegriff des Feminismus; die bunten Gestalten sah sie einmal auf einer Reise nach Hannover, auch in Bonn, auch die riesige, viele Meter lange Figur von Hon vor dem Moderna Museet in Stockholm.

Doch da in der Toskana, an dem schönen Abend, erschienen ihr die Figuren zu grell, zu bunt, zu aggressiv und demonstrativ, ganz anders als die Umgebung; der Hinweis der Künstlerin auf die Verbindung und Inspiration bei Gaudi und Hundertwasser fand sie nicht gerecht, weil die beiden tief mit den Städten verbunden waren, für die oder wo sie ihre Werke schufen. Sowohl der Park Güell in Barcelona als auch das Elektrizitätswerk in Wien waren jeweils für den Standort errichtet, nicht austauschbar, verwurzelt und einmalig. Den Tarot Garten konnte sie sich dagegen in der Gegend um Berlin auch gut vorstellen; würden die Menschen nicht auch dahin strömten, um sich die wunderbar farbigen, bunten, fröhlichen Figuren anzuschauen? Das Argument, dass diese sich mit der männlichen Welt der italienischen Provinz auseinandersetzten, nahm sie nicht ab. Sie existierten für sich, im Kreis der 22 Figuren der Tarot Karten, das große Arkanum des Spiels, mit einigen Tiergestalten, Wohnensembles dazu. Zwar waren wie immer ihre Geschlechtsteile gut sichtbar und überdimensional, aber das war der Stil der Künstlerin.

Nun war sie aber drin und ging hinter Familien mit vielen Kindern her, die vor Freude und Erregung bei so viel Farbe, Spiegel und Spiegelung quietschten. Sie spielten mit den Tieren, ließen sich fotografieren, drauf, drunter und daneben. Überhaupt war der Garten für selfies wie geschaffen, animierte, die Posen der Figuren einzunehmen, sich zur Schau zu stellen. Sie bewunderte die unheimliche Arbeit, die feine und genaue Ausführung, die Fantasie der Künstlerin. Es war zugegeben schwerste Arbeit, die riesigen Figuren zu schaffen, zuerst aus einem Geflecht von Eisengittern, dann mit Beton zu bespritzen; erst danach kamen die Keramikfliesenarbeiten oder die Bemalung. Die oft verwendeten Spiegelscherben funkelten und spiegelten das Licht der untergehenden Sonne wunderbar, die Farben waren frisch und kräftig, lebendig, wie gerade aufgetragen. Je nach dem Licht der auf- und untergehenden Sonne konnte man unheimliche Fotografien machen, mit Farben, die aus einer ganz anderen Welt waren; wahrscheinlich, dachte sie, musste man sich da etwas länger aufhalten, um den Charme und die Seele des Gartens zu ergründen und ihm zu erliegen. Die Künstlerin selbst verstand den Garten als einen meditativen Ort und zum Tarot-Spiel sagte sie sehr klug einmal: „Das Leben ist wie ein Kartenspiel, wir werden geboren, ohne die Regeln zu kennen, aber jeder von uns muss mit dem Blatt spielen, das er bekommt.“

Zu Hause in Berlin stellte sie herrlich gelbe Sonnenblumen in eine prachtvolle Vase einer schweizerischen Künstlerin, der Mutter einer Freundin, die in Massa Marittima lebt und dort ihre wunderschönen Keramikarbeiten herstellt – eine einmalige Vase, die mit kleinen sich spiegelnden, gelblich-goldenen und burgunder-rostroten Mosaiksteinchen ausgekleidet ist.

Die kleine große Welt (19)

Monika Wrzosek-Müller

Monte Argentario

Sie war wieder im Paradies gelandet – zwischen den Grabmälern (tombe) der Etrusker, römischen Ruinen oder eher Ruinen einiger römischen Städte auf den Hügeln und in den küstennahen Ebenen. Daneben gab es Lagunen; die östliche Levante, in der das Meerwasser überwog, und die Westliche Ponente mit dem Süßwasser, wo sich mehrere Fischbecken und eine Fischfarm fanden und das Wasser leider die Gerüche der sich in engen Becken tummelnden Fische weitergab und die Lust, diese dann abends zu essen, etwas verdarben. Doch von oben, von dem Hügel einer antiken römischen Stadt, sah alles aus wie ein Traum, das Wasser in drei, eigentlich vier Farben, das offene Meer und die beiden Lagunen; die eine dunkel, morastig, verdunstend und die andere grün, grünlich, aber bewegt und das Meer blau, mit Schaumkronen auf den Wellen. Bei näherer Betrachtung waren selbst die beiden Meere verschieden, unterschiedlich das Wasser; das eine klar und durchsichtig, das andere mit Sand aufgemischt, gelblicher; alles durchbrochen mit langen Linien vom Grün der Pinienwälder, das sie an das Grün der indischen Teeplantagen erinnerte, und Schilf und Macchia, und der lange gelbe Streifen des Sands der Strände. Dahinter ragte der große Monte Argentario, von dem der Blick über die vielen Meere und die kleinen Inseln frei gleiten konnte. Es war ein Paradies für Menschen und Tiere, sorgsam vor den nachlässigen und, wenn es um die eigene Mühseligkeit und Bequemlichkeit ging, überaus toleranten Italienern geschützt und bewacht, ein Naturreservat, ohne die üblichen kleinen Umwege und größeren Wege, auf denen man doch mit einem Auto oder Motorino durchschlüpfen konnte; nur Fahrräder waren zugelassen; die konnte man sich ausleihen und die sechs Kilometer lange Pineta entlang radeln. Selbst die Zahl der streuenden Hunde und Katzen war begrenzt, genauso die Zahl der immer wieder an den Stränden wandernden Schwarzen, die verschiedensten Waren anboten. Doch sie waren vorhanden und machten aus dem Paradies ein purgatorio, ein Fegefeuer, wo die Versuchung groß war, immer mehr, immer neue Sachen zu kaufen, zu haben, und die Menschen in den Bars und in den Restaurants konnten es nicht lassen und kauften und redeten sich ein, sie würden den Bedürftigen damit helfen und ihr Gewissen etwas damit beruhigen und die andere Welt vergessen, die aber immer wieder an ihre Türen klopfte.

Sie war diesmal fest entschlossen, die Reste der alten Kulturen zu sehen; die geheimnisvollen Etrusker mit den stolzen Römern, die beiden antiken Kulturen, die sich hier immer wieder mischten und ergänzten. Von den Etruskern hatte man hauptsächlich die Nekropolen in Hülle und Fülle, die Sarkophage schmückten jedes größere Museum oder gar Rathaus, Rathausplatz oder andere wichtige Plätze; die Nekropolen lagen ausgebreitet auf weiten Flächen, darüber gingen dann irgendwann doch die Römer mit ihren breiten, mit Basalt gepflasterten Straßen, schufen weite Konstruktionen ihrer Städte, mit herrlichen Villen, mit Thermen und Küchen, mit Aquädukten, die das Wasser aus entferntesten Gegenden brachten, mit Tempeln und Foren, wo sich die Bürger versammelten. Man konnte die Übergänge oder besser das Zusammenleben der Kulturen sehen, beobachten, wer was von wem genommen, übernommen hatte, vervollständigt und nützlicher gestaltet. Es waren überschaubare Flächen, man konnte sie an einem Tag ablaufen, und sich dann im Stillen immer wieder wundern, wieviel Aufmerksamkeit diese alte Kultur der Etrusker ihren Toten widmete; die imposanten Skulpturen auf den Deckeln der Sarkophagen mit den auf einer Seite, in einer völlig unbequemen Pose liegenden Gestalten bewundern: die eine Hand vor dem Körper ihn abstützend, die andere auf der Hüfte, auf der Seite liegend. Es waren sowohl Männer als auch Frauen, reich gekleidet, in wallenden Gewändern, beide Geschlechter gleich zahlreich repräsentiert; eine der wenigen antiken Kulturen, in denen die Frauen die gleichen Rechte wie die Männer zu haben schienen, was selbst bei der Ausschmückung der Gräber zum Ausdruck kam.

Sie hatte den Eindruck, sie luden ein in ihr Reich, ihre Welt der Toten ein, verströmten steinerne und ewige Ruhe. Es gab so viele von den Skulpturen, dass man sich fragte, wie wohlhabend diese Gesellschaft gewesen sein musste, um sich solche Art von Gräbern leisten zu können. Wie gut oder schlecht ging es dann den Lebenden? Es gab auch bescheidenere Varianten der Gräber, die wie große steinerne Pilze aussahen. Sie standen zusammen auf größeren Flächen, runde wunderbar bearbeitete Steine, die auch etwas Tröstendes und Solides ausstrahlten. Diese ferne Welt der Toten, versteinert und in sich ruhend, verschaffte ihr ein wohliges Gefühl von Ruhe und Kühle, brachte Ablenkung und Abstand von der realen, sehr chaotischen Welt, die zu ihr aus den Bildern und Texten der Zeitungen vordrang und sie erschütterte.

In der globalen realen Welt gerieten die Massen der Flüchtlinge in Bewegung, sie waren nicht mehr zu stoppen, nicht mehr zu lenken; die Menschen kämpften um ihr Überleben, sie wollten ihr erbärmliches Schicksal nicht mehr ohne Gegenwehr ertragen; sie flüchteten vor der Unmenschlichkeit, dem Krieg, den Diktaturen. Das Erstaunliche dabei war nur: Warum passierte das in diesem Moment, als ob alle auf einmal bemerkt hätten, wie schlecht es ihnen ging und wie wenig sie dagegen in ihren jeweiligen Ländern tun konnten. Die Bilder der Menschen eher der Menschenmassen, die die provisorischen Zäune in Serbien und die solideren in Ungarn passierten, auf Bahnhöfen in die Züge drängten, erfüllten sie mit Angst. Sie konnte kaum glauben, dass sie alle jetzt, hier Hilfe benötigten; vielleicht wollten sie ihre Welt verändern oder an dieser heilen Welt wenigstens teilhaben.

Sie versuchte in den antiken Welten Ruhe und Antworten auf die vielen sich drängenden Fragen zu finden, wie lebten damals die Menschen zusammen; was verbindet die Menschen, was teilt, wie schafft man Harmonie, Wohlgefühl im Leben? Es gab natürlich keine Antworten; die steinerne Welt ruhte in verstaubten Räumen und auf den weiten Feldern der Steine und die neue schien erst den Anlauf zu nehmen, und es war nicht klar, wohin sie steuerte.

 

Die kleine große Welt (18)

Monika Wrzosek-Müller

Wittenberg
Cranach der Jüngere und die Cranachs

Seitdem sie den Umschlag des Katalogs der Cranach-Ausstellung gesehen hatte, war sie so in das feine Bild der Prinzessin Elisabeth von Sachsen verliebt, dass sie es sehen musste. Die Fahrt nach Wittenberg, in die weitere Umgebung von Berlin war gut für einen Sonntagsausflug. Sie wählten eine Route abseits der Autobahn, wie sich herausstellte auch zurecht, denn wie immer wurden in den Sommermonaten die Fahrbahnen repariert und ausgebessert und es staute sich direkt nach der Ausfahrt aus Berlin; Staus gab es auch schon in Berlin, wie immer im Sommer, wenn verstärkt an den Straßenschäden gearbeitet wurde, und sie standen da auch einige Minuten länger. Es war Sommer in voller Blüte und Trockenheit, doch das Grün überwog und manchmal blühten sogar noch Kornblumen, die Mohnblumen waren dagegen fast gänzlich verschwunden; an manchen Stellen war die Trockenheit nicht zu übersehen, der Mais stand nur halbhoch, die Maiskolben ganz ausgetrocknet und bräunlich, manche Felder schon abgeerntet. Doch der Weg führte durch kleine Ortschaften, in deren Mitte fast immer eine schöne alte Dorfkirche aufragte und an den Straßenrändern Menschen saßen und Pflaumen, Karotten, Blumen, alles was ihre Gärten hergaben,verkauften und dann wieder führte die Straße durch größere Waldstücke, Wälder, manchmal sogar leicht hügelig, also sehr reizvoll.

Die Stadt Wittenberg kannte sie von früheren Ausflügen, doch sie änderte sich mit jedem Jahr und es war immer wieder interessant das nachzuverfolgen, was neu dazu gekommen war; die Wasserläufe mit den prächtigen Blumen-, eher Pflanzen Arrangements, die vielen Plakate zur Cranach-Ausstellung und große über ungenutzten Flächen aufgespannte Abbildungen der Werke der Cranachs stachen in die Augen und auch die vielen Menschen, die doch offensichtlich zu der Ausstellung gekommen waren. Es war diesmal nicht Luther selbst, sondern seine Maler – denn man musste den Sohn auch einbeziehen – denen die Aufmerksamkeit galt. Besonderes gedacht wurde diesmal Cranach d. J. anlässlich seines 500. Geburtstages, mit einer extra für ihn eingerichteten Ausstellung: Lucas Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters, damit der Sohn einmal aus dem Schatten seines Vaters heraustreten und seine Arbeit und Werke erstrahlen konnten.

Das Konzept der Ausstellung, sie in realen von der Familie Cranach bewohnten Plätzen einzurichten, gefiel ihr sehr. So war die Ausstellung auf drei Orte in Wittenberg verteilt, an jedem kam man dem Werk des Künstlers näher: Cranach-Haus, Augusteum und Stadtkirche. Für sie war die Einführung Cranachs Welt im Cranach-Haus am Markt sehr einleuchtend; man lernte die Familie kennen, ihr Umfeld und das Schaffen. Demnach gehörten die Cranachs zu den einflussreichsten Familien in der Stadt; sowohl der Senior als auch der Junior wussten sehr wohl, wie man die Güter der Familie vermehrte, sie in Immobilien, die Apotheke und einen florierenden Weinausschank investierte. Natürlich war die Hauptbeschäftigung mit der Malerwerkstatt verbunden; da entstanden die vielen Werke, die Ideen, wie man sie schneller produzieren konnte; verbreitet war die Kunst des Pausens, d.h. eine einmal gemalte Figur, ein Gesicht konnte mit einer Technik, die in der Ausstellung mit einem Video erklärt wurde, sehr einfach auf ein neues Bild übertragen werden. So entstanden die zahllosen Bilder von Luther mit verschiedenen Kopfbedeckungen.

Eine Malerwerkstatt funktionierte wie ein kleines Unternehmen, die der Cranachs mit ihrer enormen Produktivität glich fast einer Bildermanufaktur; es waren viele Leute beschäftigt, die einen produzierten Farben, die anderen bespannten die Leinwände, die Söhne versuchten sich im Zeichnen, wurden von dem Vater an das Handwerk herangeführt. Das alles kann man sehr anschaulich und authentisch in den Cranachwerkstätten nachempfinden. Sie musste während des Gangs durch die Ausstellung immer wieder an die Beschreibung in einem Roman über Leben und Tun von Tintoretto in Venedig denken, auch er führte seine Kinder an das Handwerk heran und verstand es sehr gut zu investieren und sich immer weiter zu entwickeln, auch er verstand sich eher als ein perfekter Handwerker denn als ein genialer Künstler. Sie dachte, wie anders hatte man die Künstler damals wahrgenommen; sie richteten ihr Tun ganz nach den Marktgesetzen, produzierten die Bilder für die ganze Region in unheimlichen Mengen, zogen alle Aufträge an sich, oft konnte man nicht eindeutig feststellen, wer letztendlich der richtige, ausführende Künstler war, denn es gab einfach zu viel zu tun. Diese Gedanken kamen ihr verstärkt in den Räumen der Ausstellungen über die Cranachs.

Und noch eins beschäftigte sie die ganze Zeit, aber den Zugang dazu fand sie nicht; es war doch die Entstehungsstunde der protestantischen Kirche, d.h. die Cranachs bildeten die Ikonografie dieser neuen Glaubensrichtung. Lag das an ihrem Unwissen oder hatte man diesem Aspekt zu wenig Platz eingeräumt, zwar gab es Bilder wie die fantastische Darstellung: Die Arbeit im Weinberg des Herren, wo explizite der Kampf zwischen den guten, fleißigen Protestanten und den faulen, prächtig angezogenen Katholiken wunderbar zum Ausdruck kam, doch sie fand wenig Erklärungen und Erläuterung zu diesem Themenkreis. Vielleicht, dachte sie, alle die sich die Ausstellungen anschauen, sind selber Protestanten und das meiste ist für sie einfach selbstverständlich.

Erschreckend fand sie die Abbildungen, Fotos vom Zustand des Cranach-Hauses vor der Wiedervereinigung; erstaunlich, dass in der DDR nicht einmal so renommierte Künstler Beachtung gefunden hatten, jedenfalls dass ihre Wohnstätte so vernachlässigt worden war; sie selbst hatte doch vor vielen Jahren im Kulturzentrum der DDR in Warschau einen großen, sehr gut dokumentierten Bildband über die beiden Cranachs gekauft, also war das Werk von ihnen bekannt und anerkannt.

Doch am meisten berührt, bewegt oder einfach auch gefallen haben ihr die 13 Zeichnungen von Cranach dem Jüngeren. Sie kamen aus dem Musée des Beaux-Arts de Reims und sind zum ersten Mal alle zusammen in Wittenberg zu sehen, in einer Art von Schatzkammer, mit gedämpften Licht. Die Zeichnungen auf dem vergilbten, alten Papier leuchten trotzdem durch ihre Schönheit, Präzision und Ausdruckskraft. Man steht verzaubert und erstaunt von der Lebendigkeit und Bildhaftigkeit der Porträts. Lucas Cranach d.J. verstand es meisterhaft, die feinen Linien, die Lichteinfälle, die Schattierungen wiederzugeben; seine Zeichenskizzen erinnerten sie wiederum an diejenigen von Leonardo da Vinci, aus dem Museum in Vinci. Gerade diese Zeichnungen bilden für sie den Mittelpunkt der Ausstellung, sind modern, leben weiter und inspirieren junge Künstler.

Wichtig und interessant fand sie auch die Herausarbeitung der Unterschiede in der Malweise, dem Malduktus zwischen dem Vater und dem Sohn; denn nach dem Weggang des Vaters nach Augsburg blieb die Werkstatt weiterhin sehr gut ausgelastet mit neuen Aufträgen, hauptsächlich bürgerlicher Porträts, Epitaphien und Altären.

Viele der Epitaphien und Altarbilder hat sie dann in der Stadtkirche gesehen, der Rundgang bildete auch das Ende der Besichtigungstour; die anderen Ausstellungsorte in Dessau und Wörlitz, sowie in den kleineren Kirchen der Umgebung von Wittenberg konnte man an diesem einen Tag niemandem zumuten.

***

Heute vor 500 Jahren, am 4. Oktober 1515, wurde Lucas Cranach der Jüngere als jüngster Sohn von Lucas Cranach dem Älteren und Barbara Brengebier in Wittenberg geboren. Das Land Sachsen widmete ihm und der ganzen Cranach-Familie mehrere Ausstellungen und Veranstaltungen – mehr

Die kleine große Welt (17)

Monika Wrzosek-Müller

Warszawa – Warschau, Impressionen

Sie war in die Stadt ihrer Jugend gereist, mit Freunden und Sohn; ohne bestimmte Absichten, ohne Hintergedanken. Das erste Mal seit langem, oder war das überhaupt das erste Mal, als Touristin, ohne an tausende Sachen, die es erledigen gab, denken zu müssen, ohne sich mit den „daheim Gebliebenen“ beschäftigen zu müssen. Nicht einmal ihre Warschauer Freunde hatte sie benachrichtigt, sie wollte sich die Zeit für sich selbst und ihre Mitreisenden nehmen. Es waren auch nur drei Tage, die sie zur Verfügung hatten.

Ihre Stadt erlebte sie diesmal aus einer ganz anderen Perspektive und war sichtlich erstaunt, wie lebendig, gewachsen, sauber und menschenfreundlich sie geworden war. Abgesehen von den tropischen Temperaturen und einer Trockenheit, die die halbe Weichsel hatte verschwinden lassen, aber doch ein stetes Bemühen sichtbar machte, die Parks und Grünanlagen im Schuss zu halten, abgesehen auch von der gesperrten Brücke der Łazienki-Trasse, wegen der der Verkehr auf die andere Seite der Weichsel lahm gelegt war, war die sommerliche Zeit wunderbar, um die Stadt zu durchwandern und zu besichtigen. Die Warschauer selbst waren eher in Ferien, die große Sommerpause lag ausgebreitet über der Stadt, es gab weniger Verkehr, in den Parks sah man fast nur ältere Leute, kaum Studenten auf den Hauptstraßen Krakauer Vorstadt und Neue Welt; doch sicher viele Touristen, Unmengen von jungen Leuten in heiterer Sommerstimmung, die den Darbietungen verschiedener Akrobaten, Musiker und Theatergruppen aufmerksam folgten, auch viele Gruppen von Ausflüglern aus Israel, Deutschland, Italien und anderswoher. Man hörte vor allem Englisch aus allen Richtungen, in allen Varianten, Niveaus und mit unterschiedlichsten Akzenten und doch natürlich Polnisch, und sie hörte ab und zu ihren Sohn ihre Sprache sprechen und war sehr davon berührt.

Sie wohnten im Mittelpunkt der Bewegung der Menschenmassen, nämlich in der Altstadt. Nie hätte sie gedacht, dass sie da mal wohnen würde, dass man da überhaupt wohnen kann; doch im dritten Stock, in dem schönen, geräumigen und gut eingerichteten Appartement, war es erstaunlich ruhig. Sie durchstreiften die Stadt vor allem zu Fuß und dank der hervorragenden Lage ihres Domizils, konnten sie überall schnell hinkommen, manchmal nahmen sie auch eine Tram und einmal erlebten sie dort eine der zwei Warschauer Fixierungen, der zwei kleinen, ungefährlichen Manien, wie sie sie für sich so nannte und die ihr während des kurzen Aufenthalts aufgefallen waren. Im letzten Moment, als die Tram schon am Fahren war, sprangen vier jugendliche Musiker auf, die im Stil der Warschauer Aufständischen von 1944 angezogen waren, mit weiß-roten Armbinden, Hosenträgern, Schiebermützen und übergroßen, alten Klamotten, und die Lieder aus der Zeit sangen. Es waren sehr einfache, im Marschtempo gesungene Lieder, die damals zur Erheiterung und zum Ansporn, große Taten zu vollbringen, oder auch am Leben zu erhalten, was es zu erhalten gab, gesungen wurden. Wenn die jungen Aufständischen oft in ausweglosen Situation waren, halfen ihnen die Lieder, einen Faden des Optimismus zu spinnen. Sie kannte sie alle von ihrem Vater und konnte sie mitsingen; er hatte sie sein Leben lang, auch in schwierigen Situationen, immer wieder gesungen: „Pałacyk Michla“ [Das Schlösschen von Michler], „Serce w plecaku“ [Das Herz im Rucksack], „Rozszumiały się wierzby płaczące“ [Es rauschten die Trauerweiden] „Hej chłopcy bagnet na broń“ [Also Jungs, Bajonett präsentieren], „Pieśń szarych szeregów“ [Der Song der Grauen Reihen] und viele andere mehr. Mit manchen verband sie die Erinnerung an sie als kleines Kind während der Ausflüge in den Wald, ans Meer oder in die Berge, wo sie diese Lieder alle zusammen marschierend gesungen haben; eine Nostalgie und Melancholie bemächtigte sich ihrer; sie sang: „Ein Soldat marschierte seinen Weg, hat sich eines Herzchens angenommen, er steckte es in den Rucksack und marschierte weiter.“ oder „ Das Schlösschen von Michler, Zytnia, Wola, das alles verteidigen die Jungs von ‘Parasol’ [Schirm], obwohl sie nur Pistolen gegen den Tiger haben – das sind doch Warschauer Jungs…“ ganz im Marschtempo, mit dem großen Optimismus, den man sich einreden musste, sollte und wollte. Eine ältere Frau wandte sich an sie; so toll würden die jungen Leute heutzutage singen, bravo, bravissimo, besser als die herumlaufenden Zigeuner, noch mehr: sie hatte Tränen in den Augen. Die Gruppe bekam gutes Geld und stieg zufrieden mit Schwung aus dem Straßenbahnwagen aus. Noch eine ähnliche Gruppe und noch eine andere haben sie dann auf ihrem Weg zur Altstadt an diesem einen Tag auf diese Art spielen und singen gehört. Überhaupt war der Warschauer Aufstand in der Stadt omnipräsent, abgesehen von dem schönen, umstrittenen Museum des Warschauer Aufstandes, in dessen Archiv ihr Vater seine Erinnerungen deponiert hat, an den vielen Denkmälern und Erinnerungstafeln stolperte man auch in Warschau über die Stolpersteine; natürlich dachte sie, das historische Ereignis wurde so lange verschwiegen, also musste jetzt umso heftiger daran erinnert werden. Doch manchmal hatte sie so ihre Zweifel, wem und wozu das alles diente und diese Überpräsenz der Erinnerungsorte machte sie unsicher. Doch sie freute sich immer, dass ihr Vater noch zu Lebzeiten endlich Anerkennung und Beachtung für sein leidvolles Leben gefunden hatte.

Die zweite Manie betraf Chopin. Sie gingen ganz bewusst zum sonntäglichen Konzert an seinem Denkmal in Łazienki-Park; das ist eine sehr schöne, alte Warschauer Tradition. Es spielten meistens die Teilnehmer des Chopinwettbewerbes. Jung und Alt, hunderte von Menschen hörten sich Jahr für Jahr diese Musik an, die älteren saßen auf den Stühlen und Bänken, die jüngeren lagen im Grass, wie es sich gehört. Wir mussten leider zu den jüngeren zählen, denn es gab keine Sitzplätze mehr. Trotzdem war das Hören dieser sehr polnischen Musik in der besonderen Umgebung ein großes Erlebnis und alle vier waren wir sehr davon berührt und angetan. Sie beobachtete das Publikum; es gab junge Frauen mit kleinen Kindern, die ganz still auf dem Boden lagen, auch junge Väter mit Kindern, die sich meistens weniger ruhig verhielten, weniger präsent waren ganze Familien; die jungen Leute waren alle sehr lässig, eher sportlich angezogen. Es gab aber ältere Damen, sehr aufgemacht; in Hüten, in Sonnenhüten mit Blumen und Kokarden und ohne, mit bunten Tüchern, über die Schulter oder am Hals, mit kleinen Sonnenschirmen, mit kleinen Täschchen oder größeren Körben, weniger Herren in heller Sommerkleidung. Das gefiel ihr ausgesprochen gut; ins Staunen geriet sie aber erst später, auf der Krakauer Vorstadt, wo sich eine Frau auf eine der schönen Bänke setzte und, siehe da, Chopin-Musik erklang, und es stellte sich heraus, dass aus allen diesen schönen Bänken Chopin erklang, sobald man sich glücklich oder unglücklich hinsetzte. Sie war mit Chopin aufgewachsen, die Mutter zwang sie immer wieder zum Chopinwettbewerb zu gehen oder die Vorausscheidungen im Fernsehen oder Radio zu verfolgen. Sie selbst hatte unzählige CDs mit seiner Musik und hörte sie sehr oft und gerne, aber wurde die Musik des Künstlers nicht überstrapaziert mit dieser Omnipräsenz, einer nicht immer gewollten? Es hingen auch überall Erinnerungstafeln, wie lange und wo sich Chopin aufgehalten hatte. Angesichts der Tatsache, dass er eigentlich schon mit 21 Jahren, nach dem Novemberaufstand von 1831, ins Ausland gegangen war und fast sein ganzes erwachsenes Leben in Frankreich verbracht hatte, schien ihr diese Überpräsenz in Warschau etwas lächerlich und künstlich, aber auch rührend.

Des Weiteren besichtigten sie alle möglichen Museen und Gebäude, Galerien und Parks und auch natürlich; was für sie vor 20 Jahren noch gar nicht so natürlich gewesen wäre, den 31. Stock im Kulturpalast von Warschau – demselben ungeheuerlichen Palast, den sie früher immer gemieden, ausgelacht und manchmal auch gehasst hatte, als Symbol der fremden Macht, die sich ihrer Stadt, ihres Landes bemächtigt hatte – wo man das alles noch mal von oben sehen konnte, wo sie unten gewesen waren und staunten über die solide Inneneinrichtung des Palastes, die der vergangenen Zeit trotzte und glänzte und doch irgendwie imponierte.

Die kleine große Welt (16)

Monika Wrzosek-Müller

Die Flüchtlinge

Das Flüchtlingsheim war groß und unförmig; ein langes, hässliches Gebäude an einer sehr belebten Straße mit einem für Berliner Verhältnisse selten schmalen Trottoire. Es lag in einer Industriegegend, einem so genannten Gewerbegebiet mit vielen Betrieben und billigen Supermärkten einerseits und kleinen Einfamilien- oder auch Reihenhäusern andererseits. Eine Gegend, in der man sich fremd fühlen musste, aber nicht schlechter oder besser als andere dafür vorgesehene. Die Flüchtlinge waren zufrieden, manchmal sehr sogar. Sie waren immerhin dankbar für ein Dach über dem Kopf. Innen war alles frisch angestrichen, kleine Küchen und Bäder, die separat für Frauen und Männer, mit Duschen wurden eingerichtet; doch alles strahlte solche Ungemütlichkeit, Strenge und Leere aus, dass sie sich kaum vorstellen konnte, wie Menschen dort länger wohnen bleiben sollten und wollten. Immerhin hatten die Familien größere Räume, manchmal auch zwei; die alleinstehenden Männer mussten sich mit Zwei- bis Dreibettzimmern zufrieden geben. Sie bekamen eine Erstausstattung mit einem Set von in Folie eingeschweißten drei Töpfen, zwei Pfannen, Schneidebrett, einigen Messern etc…alles neu, von mittelmäßigen Qualität. In den Küchen gab es auch neue Herde, und Geschirrspüler; Kühlschränke standen in den Zimmern, alles fabrikneu, ungebraucht. Sie dachte, wer verdient hier so massiv, sind das die Unternehmen, die diese Gegenstände produzieren, warum kann man nicht gebrauchte Geräte benutzen und die Kosten auf diese Weise senken, damit man dafür andere Sachen bezahlen kann? Es gab auch einen Innenhof, auf dem für ihr Empfinden immer nur gestritten oder ständig laut geredet wurde, was sie dann als Streiten wahrnahm, und überall spielten Kinder in allen Altersstufen; Grüppchen von Männern standen verstreut auf dem ganzen Gelände herum, die Frauen immer ein paar Schritte weiter. Sie bildeten in kürzester Zeit ihre eigenen Gemeinschaften, mit ihren spezifischen Hierarchien, ihren Sitten und Bräuchen, von außen ziemlich abgeschottet und undurchdringlich; jede Nationalität für sich allein.

Und jeden Morgen so ab zehn Uhr schlichen die Ehrenamtlichen durch das Gelände, laut grüßend und unsicher, ob man sich auf die Menschen einlassen, wie man weiter mit ihnen kommunizieren sollte. Sie unterrichteten Deutsch, spielten mit den Kindern, organisierten manchmal Ausflüge, damit die Menschen aus der Gegend in eine andere rauskamen. Sie wollten aber oft zu viel Perfektion beim Organisieren, so dass die Menschlichkeit sich hinter den Ordnern, den Mappen und den Fragebögen versteckte und die Flüchtlinge manchmal verschreckte. Aber der Wille alles richtig zu machen, d.h. auch richtig zu helfen überwog. Es gab auch Helfer, die Spielzeug, gebrauchte Kleidung, Haushaltsgeräte etc. brachten, manchmal zu viel, manchmal zu stark gebraucht, so dass die Mitarbeiter es nicht schafften, alles zu sortieren, oder dass es sich das Sortieren nicht lohnte. Sie sah, dass die Hilfe spontan, herzlich, wenn auch oft unbeholfen kam.

Sie wollte auch helfen; es war ein innerer Wunsch, denn am Anfang war es auch ihr in der Fremde schlecht gegangen, und alles war so kompliziert und neu, dass sie sich gar nicht vorstellen konnte, wie diese Leute, nach ihren Erlebnissen im Mittelmeer oder auf dem Weg über die Berge, es hier schaffen sollten. Schließlich hatte sie selbst auch nie eine feste Arbeit bekommen, obwohl sie perfekt Deutsch sprach, aus Europa kam, einen deutschen Mann hatte, über einen (wie sich zeigte, völlig unbrauchbaren) Magistertitel in einem humanistischen Fach verfügte.

Sie spürte instinktiv, dass der Flüchtlingsstrom ein großes Problem sein würde; ein großes Problem für sie, für die anderen, für Deutschland, für Europa, schließlich für die ganze Welt. Aber obwohl man immer öfters darüber sprach, schien die Welt andere Probleme ernster zu nehmen als die Schicksale der Menschen, die sich in Bewegung gesetzt haben. Sie überlegte immer wieder, warum das erst seit Kurzem in so extremen Form aufgetreten war, warum die Leute so lange gewartet hatten, um sich jetzt umso desperater in ihr Abenteuer zu stürzen, ohne andere Wege zu sehen, zu erkennen oder wirklich zu haben; waren daran die Mobiltelefone und die globalen Vernetzungen schuld oder hilfreich, dass die große Welt so klein geworden war. Je länger sie sich damit beschäftigte, nicht nur im Kopf sondern auch ganz praktisch, indem sie ihnen half Deutsch zu lernen, erkannte sie, dass jeder Fall individuell und einzigartig war, jeder von den Flüchtlingen seine eigene Geschichte schrieb, und sie passierte schon und fand in Deutschland statt, ob man es wollte oder nicht. Es gab keine allgemeinen Lösungen; oder anders: es gab einige Lösungen, die die juristische Seite betrafen, doch ansonsten war jeder sein eigener Fall und es reichte nicht, ein paar Brocken Deutsch zu sprechen und etwas mehr zu verstehen, es war ein sehr kompliziertes Gefüge von allen möglichen Faktoren, die ihren Aufenthalt in Deutschland zum Gelingen bringen konnte – oder auch zum Scheitern.

Den Flüchtlingen war der Schrecken der langen Reise anzusehen; im Deutschunterricht saßen manche mit weit geöffneten, fast aufgerissenen Augen da, unbeweglich, andere wiederum bewegten sich ständig und zappelten und konnten nicht stillhalten. Es gab auch welche, die aus so diametral anderen Verhältnissen kamen, dass sie ernsthaft zweifelte, wie eine Sozialisation für diese Menschen aussehen sollte. Aber, und darüber war sie sehr erstaunt, es gab auch solche , die sich in Windeseile von den Strapazen erholt zu haben schienen, laut und herzlich lachten, entspannt waren, munter und zuversichtlich. Sie staunte, wieviel Kraft und Energie diese Menschen haben mussten, um unter diesen Umständen fröhlich sein zu können. Sie selbst war da viel düsterer und tat sich unnötig schwer mit der Umstellung; sie tauchte alles in Schwarz, war unzufrieden, abwesend und ablehnend. Klar, sie hatte Gründe dafür dazu, klar, es war nicht leicht, doch sie erkannte, dass letztlich jeder sein Leben so lebte, wie er konnte, und man musste sich bemühen, besonders in der Fremde, das Beste daraus zu machen.