Frauenblick 15

Monika Wrzosek-Müller

Cherchez la femme Perücke, Burka, Ordenstracht im jüdisches Museum

Die Ausstellung wurde bis zum 27. August verlängert… es lohnt zu gehen, speziell mit einer Führung.

Aufmerksam wurde ich auf die Ausstellung durch ein Plakat geworden, das an mehreren Orten in Berlin hing. Es war die Fotografie eines androgynen Wesens, den Kopf nach vorn gebeugt, halb von hinten, das Gesicht völlig durch die Haare verdeckt, nackt; es sollte quasi wie ein Porträt aussehen. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob das ein Jüngling, ein Mädchen oder eine Frau war. Die Haare waren hinten ganz kurz, vorne aber hingen sie wie ein ganz langer Pony. Es löste bei mir ein Gefühl der Unsicherheit aus, zum einem wusste ich nichts über das Geschlecht, und das Gesicht war durch die Haare auch verdeckt, es irritierte mich.

Also ging ich ins Jüdische Museum und sah mir die Ausstellung an, zum Glück mit einer kompetenten Führung. Da die Kuratoren nicht mit Texten und direkter Vermittlung von Wissen arbeiten, hätte ich vielleicht eher hilflos dagestanden.

Zuerst sind es die Augen der Männer, die Blicke, die dich verfolgen. Unter diesen Blicken beginnt das Nachdenken über das eigene Aussehen – und die Haare haben einen wichtigen Platz in diesen Gedanken. An die Wände der Ausstellung werden Zitate aus der Bibel, dem Koran und dem Alten Testament projiziert, die von der Verhüllung des Kopfes sprechen. Eigentlich sollen in allen Religionen die Frauen ihre Haare bedecken, wenn sie aus angesehenen Schichten kommen. Das Haar wird als sehr intim und wichtig für das eigene Aussehen empfunden. In den Vitrinen sind alle möglichen Formen und Arten weiblicher Kopfbedeckungen ausgestellt; für mich fehlen vielleicht Darstellungen der Art und Weise, wie die jüdischen Frauen ihren Kopf bedecken. Es gibt auch Exponate von Ganzkörperbedeckung, den arabischen Hidschab, der im Persischen Parde genannt wird und immer Vorhang, Schleier, Bedeckung bedeutet, es gibt auch Niqab und Burka bis zum weißen Hochzeits- und dem Trauerschleier aus unserer christlichen Kultur, es gibt auch Platz für die Ordenstracht, die Kopfbedeckung der christlichen Nonnen.

Die Ausstellung will vermitteln, wie Frauen zu der Entscheidung kommen sich zu verhüllen oder auch nicht, zugegeben: nicht alle haben die Wahl. Doch der letzte Schliff oder die Eleganz liegt in den Händen der Frau, und es ist nicht zu leugnen, dass die Frauen mit Kopftuch in der Ausstellung sehr anziehend aussehen. Es werden Videos gezeigt, wie man die Tücher auf dem Kopf bindet und richtig arrangiert, damit es perfekt aussieht; ich finde, und vielleicht will die Ausstellung das auch vermitteln, dass wenn die Frauen ihren Kopf so schön und präzis umhüllen, dann wird das Kopftuch nicht mehr zum Element der Unterdrückung der Frau.

Irgendwo im Raum steht dann auch eine Skulptur, eine Installation. Sie wurde von einer persischen Künstlerin, die in Schweden lebt, Mandana Moghaddam geschaffen. Von Weiten ist sie als eine Frauenfigur erkennbar, die gänzlich aus Haaren geknüpft wurde und in einer Glasvitrine steht. Von Nahem sucht man vergeblich nach dem Gesicht, der Blick verliert sich in der Unmenge von Haaren. Sie ist zwar in einem gläsernen Kasten eingegrenzt, doch die Haare kommen unten aus dem Glas heraus. Natürlich ist das eine Anspielung, dieses schöne, kräftige schwarze Haar, das die Frauen in dem Teil der Welt haben und das sie verstecken müssen. Doch die Skulptur drückt viel mehr aus; sie ist kräftig, und zugleicht zerfließt sie, die Gesichtslosigkeit macht sie auch gruselig. Die Künstlerin hat eine Reihe von „Chelgis“, wie sie das Werk genannt hat, geschaffen. Die Chelgis ist eine Figur aus einem persischen Märchen und bedeutet so viel wie „vierzig Zöpfe“. Im Märchen geht das Mädchen mit den vierzig Zöpfen in einen wunderschönen Garten und wird dort von bösen Dämonen eingeschlossen. In der Umgebung des Gartens leiden die Menschen an Wassermangel, weil das Wasser aus den Quellen, die im Garten sind, aufgehört hat zu fließen. Doch die Menschen können die Dämonen nicht töten und nicht in den Garten eindringen. Die einzige Hoffnung für sie ist Chelgis; sie soll das Lebenselixier der Dämonen finden und es zerstören, dann beginnt das Wasser wieder zu fließen. So hängt alles von der Frau ab, sie muss die Dinge des Lebens regeln und die Menschen beschützen. Für die Künstlerin soll die Figur das repräsentieren.

An einer anderen Wand hängt eine Videoperformance einer jungen Künstlerin, Nilbar Güres; sie heißt Undressing, in der sich die Künstlerin von mehreren Schichten von Schleiern befreit, man steht lange vor dem Bildschirm und schaut gebannt zu, wie sie Schicht für Schicht entfernt, und als man fast schon glaubt, sie würde das Gesicht nie entblößen, kommt es zum Vorschein. Andere Videoinstallationen zeigen, wie die Frauen die Kopfbedeckung arrangieren, und Interviews mit einigen zeigen, wie sie sich damit fühlen und warum sie eine Kopfbedeckung bevorzugen. Es sind Frauen, die freiwillig das Kopftuch tragen. Das Foto aus dem Plakat hängt auch in der Ecke, es ist von einer US-Künstlerin, Anna Shteynshleyger, und es heißt Covered , und obwohl der Kopf bedeckt scheint, sind die nackten, entblößten Schultern und der Rücken das Gegenteil von covered.

An anderer Stelle gibt es Informationen über die Verbote von Verhüllung des Gesichts in Frankreich und vom Baden in Burkinis. Es gibt auch eine Weltkarte, auf der die Regionen farblich gekennzeichnet sind, wo die Frauen welche Kopf- und Körperbedeckung tragen.

Eine andere Welt wird in einer Reihe von Fotografien westlicher Frauen mit Kopfbedeckungen gezeigt: mit Hut, Perücke oder Mütze und ohne. Manchmal kann man die Frau mit einem Hut oder in einer Perücke gar nicht wiedererkennen.

Dann gibt es auch eine Installation von Modenschauen aus Istanbul; da wird ganz genau sichtbar, dass die Welt des Kopftuchs ihren Weg in die ‚High Fassion‘ gefunden hat, alle Elemente der traditionellen orientalischen Kleidung fließen in diese Designerstücke, in die moderne Kleidung ein.

Was sehr positiv an dieser Ausstellung ist: sie drängt niemandem etwas auf, ist neutral bis zum geht nicht mehr, und durch ihre Konzeption zwingt sie den Besucher nachzudenken und sich auseinander zu setzen mit den Fragen von Verbote und Abneigungen. Wie die Kuratorin Miriam Goldmann sagt, sei die Ausstellung „als Kommentar zur Diskussion gedacht und ganz sicher nicht als abschließende Bewertung“.

Frauenblick 14

Monika Wrzosek-Müller

Arbeit mit Flüchtlingen (nein, jetzt sagt man eher Geflüchteten oder Migranten)

Ich habe immer wieder über die Arbeit mit Flüchtlingen geschrieben und es ist nicht so, dass sie (die Arbeit) und ich aufgehört hätten. Ehrlich gesagt, wird es immer mehr und immer schwieriger. Denn am Anfang waren alle noch voll Begeisterung und Hoffnung gewesen und dann verwandelten sich diese positiven Gefühle schrittweise in Ungeduld und manchmal auch Traurigkeit, doch es gab immer wieder einen Hoffnungsschimmer und herzerwärmende Beispiele des guten Vorankommens in der Integration, und was dahinter steht auch: Beispiele für einen gelungenen und glücklicheren Lebensweg für die geflüchteten Menschen.

Auf jeden Fall bin ich dabei geblieben und unterrichte Kinder und Jugendliche in den Schulen, die Nachhilfe in Deutsch brauchen. Dabei habe ich verschiedene Modelle beobachtet, von Willkommens- über Brückenklassen bis zu Kindern, die in „normale“ Klassen gehen und eben dann nach der Schule betreut werden. Urteilen will ich darüber nicht; es wäre außerordentlich schwer zu begründen, dass das ein Modell besser sei als das andere, denn alles hänge von dem Kind ab, sehr viel vom Lehrer und von der einzelnen Schule. Auf jeden Fall haben alle ihre Schwierigkeiten und die kommen meistens erst nach einiger Zeit klarer zum Vorschein, auch wenn sich beide Seiten sehr anstrengen. Eine ungeheuer positive Tatsache ist, dass alle Kinder in die Schule gehen; auch diejenigen, in deren Ländern das gar nicht so offensichtlich und der Normalfall war.

Ich habe Kinder betreut, die sich wahnsinnig anstrengen, pauken und üben und erklären, sofort „gute Deutsche“ sein zu wollen; aber es gibt auch andere, denen alles ziemlich egal ist, solange sie etwas Geld für Kleidung (sehr wichtig!) haben. Ich habe erlebt, was es für die großen Familien mit acht, neun Mitgliedern bedeutet, in zwei Zimmern zu hocken, mit einem ständig weinenden Baby und einem pubertierenden Jugendlichen, der unbedingt laut Musik hören will. Andererseits ist das vielleicht ein gutes Training für die Zukunft, sie müssen sich durchkämpfen und Geduld aufbringen, auch Techniken der Entspannung und des zur Ruhe-Kommens entwickeln.

Inzwischen bekomme ich ganz viele Anfragen von Bündnissen und Willkommensorganisationen, ob ich nicht da und dort ehrenamtlich arbeiten könnte. Ich lese zwischen den Zeilen, dass es zunehmend schwierig wird, Leute zu finden, die diese sehr strapaziöse und doch erfüllende Arbeit machen könnten. Ist auch verständlich, es müssten eigentlich inzwischen Strukturen greifen, die die einen mit den anderen zusammenbringen, auch auf bezahlter Basis. Es müsste auch eigentlich jetzt weiter gehen und die Familien müssten in großen oder kleinen in Wohnungen (notfalls auch in kleineren Wohnungen) untergebracht werden. Mein Sohn behauptet zwar immer wieder, es sei doch gut, dass sie überhaupt Unterschlupf gefunden haben. Dagegen bin ich anspruchsvoller, ich sehe ja auch direkt vor meiner eigenen Nase sozusagen, dass es nicht ausreicht so herumzuhängen. Sie müssten arbeiten gehen können, in einer normalen Wohnung wohnen und sich halbwegs mit den anderen, den Einheimischen unterhalten können. In einigen Fällen klappt das auch, aber das sind wirklich die Ausnahmen, der normale Flüchtling sitzt immer noch in seinem Heim, geht in einen Deutschkurs, spricht aber immer nur in der Muttersprache, befindet sich in einem Vakuum, wie auf dem Mond. Versucht sich mit dem Essen und dem Zusammensein mit seinen Landsleuten zu trösten; geht öfters zum Arzt, macht wenn es gut geht etwas Sport.

Natürlich haben es die Kinder leichter und doch möchte ich betonen, dass auch die Kinder unter enormem Druck seitens der Familie stehen, die alle ihre Hoffnungen in sie setzen. Aber auch der Staat übt Druck aus, dass sie sich bitte gleich, sofort integrieren und wie deutsche Muttersprachler funktionieren. Und sie setzen sich selbst unter Druck mit ihren Ambitionen, dem Ehrgeiz voranzukommen und in der neuen Gesellschaft zu bestehen. Ich hoffe, viele werden durchhalten und ihre Träume verwirklichen, doch es ist ein steiler Weg und man müsste ihnen eigentlich noch mehr helfen.

Gerade hielt ich den Spiegel in der Hand mit dem Titel „die Lage der Nation. Wie wir leben, wie wir denken“, ein Heft über Deutschland. Das Flüchtlingsthema gehört mit dazu; es gibt ein rührendes „Porträt einer syrischen Flüchtlingsfamilie, die deutscher sein möchte (und manchmal auch ist) als viele Deutsche“. Wie schaffen es diese Menschen mit unglaublicher Geduld, alle Schikanen durchzustehen und weiter an gelungene Integration zu glauben, obwohl sie sich gar nicht integriert haben, niemand sie zu sich einlädt, niemand sich für sie interessiert. Trotzdem versuchen sie in allem gute Seiten zu sehen, den Rasen vor ihrer Wohnung besser als die meisten Nachbarn zu pflegen, ihre Kinder sehr diszipliniert zu erziehen: eine bewundernswerte Kombination von Geduld, Liebe, Ergebenheit und Demut. Ich hoffe, sie kommen damit durch und ihre Kinder werden ihre Träume verwirklichen können.

Es gibt in dem Heft auch ein Interview mit Gastwirten der älteren Generation aus der Türkei, aus Italien und aus Griechenland, die in 60 Jahren nach Deutschland gekommen waren. Sie haben gut gehende Restaurants, die sie schon länger betreiben, sie sind zu Wohlstand gekommen. Ihre Kinder, die jetzt die Restaurants übernehmen, können vieles anders machen, sich überlegen, wie sie leben wollen. Sie selbst sind mit dem Leben zufrieden, haben aber sehr hart dafür gearbeitet. Ihre Integration ist durch die Küche, durch das Essen gelungen. Erstaunlicherweise aber denken sie, dass die Neuankömmlinge, also Syrier oder Afghanen, sich eher schwer tun werden mit der Arbeit in der Gastronomie, weil die eben schon durch Griechen, Italiener, Türken usw. okkupiert ist. Sie selbst sind nicht besonders neugierig auf die neuen Migranten und ihre Essgewohnheiten und ihren Geschmack. Vielleicht fürchten sie doch heimlich Konkurrenz oder finden ihre Küchen zu exotisch. Sie betonen aber immer wieder, dass sie nicht vor dem Krieg geflüchtet waren, sie kamen wegen der Arbeit. Was das für ihre Beziehung zu den Flüchtlingen bedeutet, erfahren wir nicht. Eigentlich müssten sie die Neuankömmlinge besser verstehen und ihnen helfen wollen.

Eines hat sich sicherlich sehr stark verändert, seitdem ich 1984 nach Deutschland (BRD) gekommen bin. Es wird jetzt viel mehr darüber gesprochen, diskutiert und überlegt, wie was und wo man mit den neuen Mitmenschen tun und mit ihnen umgehen soll. Ob das den Geflüchteten besonders hilft, weiß ich nicht, doch sie sind meistens in der Öffentlichkeit präsent; und das ist gut so.

In Marokko

Monika Wrzosek-Müller

Überall in Marokko sieht man das Foto mit dem Porträt vom König Mohammad VI., er begrüßt die Menschenmassen auf dem Flughafen und lächelt auch in vielen Hotels von der Wand der Lobby herab; in den kleinen Raststätten hängt er obligatorisch an der Fassade. Auch in manchen Läden findet man sein Bild, eigentlich immer das gleiche Porträt, gleich am Eingang. Es schaut und lächelt uns ein, etwas fülliger, ernster Mann an, freundlich und distanziert, etwas unglücklich aber würdevoll. Diese Omnipräsenz ist am Anfang gewöhnungsbedürftig, fast unheimlich, genauso die wiederholten Erklärungen des Reiseführers, dass der Monarch dem Volk so viel Gutes täte. Denn wir leben ja im 21 Jh., absolutistische Monarchien sind passé, und Gesten des Paternalismus, dass hier eine Schule gebaut und dort eine Frauenkooperative eröffnet wird, gehören in Europa der Vergangenheit an. Doch nach längerem Aufenthalt und genauerem Hinschauen ändert sich die Beurteilung des Monarchen etwas, auch die Perspektive. Auf jeden Fall handelte er sehr weise, als die Ausläufer des arabischen Frühlings Marokko erreichten und er dem Land vorsorglich eine neue, liberalere Verfassung verpasste und offen den religiösen Extremismus kritisierte. Viele neue Projekte entstanden in der Zeit, es wurden Schulen gebaut und die Beschäftigung der Frauen gefördert. Er sorgt auch für Ordnung, Sauberkeit und Sicherheit (das mit der Sicherheit, ist nach dem letzten Blog-Beitrag über Marokko nicht so offensichtlich), die man auf jedem Schritt und Tritt erlebt. Natürlich ist der König der größte Nutznießer der Entwicklung des Staats. Sein Vermögen ist legendär (er steht auf der Forbes-Liste der reichsten Monarchen der Welt), in jeder größeren Stadt steht ein Palast inmitten von Grünanlagen für ihn bereit; er verdient hauptsächlich an Phosphatminen, Landwirtschaft und vielen Unternehmungen von ONA.

Und doch müssten wir eigentlich zufrieden sein, dass es so jemanden gibt, der sich um Ordnung und Fortschritt kümmert und dafür sorgt, dass keine Flüchtlingswellen aus Marokko nach Europa überschwappen.

Im letzten Blog beschrieb ich den Weg in den hohen Atlas, doch es gibt auch noch die wunderschöne Atlantikküste, die wahrscheinlich noch mehr Touristen anlockt. Agadir haben wir uns gespart, die Hotelburgen und die Touristenmassen, aber nach Essaouira sind wir gefahren, in eine Sehnsuchtsstadt, eine atemberaubende Atlantikküste mit Nebel, Wind, Möwen und Wellen. In eine wunderschöne kleine Medina, so groß, dass sie noch authentisch wirkt, und so klein, dass man sich darin nicht verliert. Wir sind durch die Farbenpracht der kleinen Häuser mit den kobaltblauen Türen und ihren zahlreichen Geschäften gegangen, vorbei an vielen Cafés, und haben einen Flair der Freiheit, Sonne pur und Unbeschwertheit erlebt, dass sich wahrscheinlich immer nur von außen so anfühlt, aus der Entfernung. Die Weite der Strände erinnerte sie an die Bretagne, aber es war noch weiter, keine Buchten, keine Begrenzung, unendlich, es war Ebbe und der Ozean hatte sich zurückgezogen, überließ die freie Fläche den Wandernden, Joggern, weit draußen den Surfenden. Im März war es noch nicht so heiß, die Sonne kämpfte sich langsam durch die Nebelschwaden, der starke Wind wehte sogar durch die verwinkelte Medina. Es gab Pferdekutschen für Touristen und die Möwen wurden gefüttert, damit sie da blieben, wo sie Hitchcock für seinen Film wollte, der in Essaouira gedreht wurde. Jetzt aber kamen die Möwen über den Türmen der alten portugiesischen Festung für sie, sie nahm den Geruch der Meeresalgen und der Fische, des Wassers wahr. Es war viel los und es herrschte aber auch eine gewissen Stille, die sie nur an der Atlantikküste erlebt hatte, wo das Meer alles mit seiner Größe überschattet und schluckt. Die bunten Fischerboote lagen im Hafen, auf dem Fischmarkt sah man ganz außergewöhnliche Meerestiere, Meeresungeheuer.

Vom Land her kam eine andere Größe: die Sanddünen fingen hinter dem Strand an, sie sind bepflanzt mit Kiefern und Wacholdersträuchern, aber immer ragten zwischendurch nackte Sandstellen hervor. Den Hauch der Sahara, der Wüste, spürt man in Essaouira. Man atmet ihn mit dem feinen Sand ein, der manchmal von der Sahara herübergeweht wird, in Italien Scirocco genannt, hier ganz nah an der Quelle war es derselbe Wind, er trug aber viel mehr Sand, feinen Staub von der Wüste heran, manchmal rötlich, öfters gelblich-beige.

Die Landschaft im Hinterland ist sehr karg. Kaum Vegetation, keine Getreidefelder, dafür aber das sog. Gold von Marokko, d.h. Arganöl; das heiß begehrte Öl, in der Kosmetik und der Nahrungsmittelindustrie hoch geschätzt. Ein Öl, das alle Parameter erfüllt, nicht fett aber fettend, mit vielen wertvollen Stoffen, Mineralien angereichert ist. Es hat einen ganz feinen, nissigen Geschmack. 30 Kg Arganfrüchte werden für ein Liter Öl benötig, das erklärt auch den hohen Preis des Öls. Das Gebiet, in dem die Arganbäume wachsen, ist relativ klein, sie wachsen nur dort und sonst nirgendwo auf der Welt; die Versuche, die Bäume in anderen Regionen und Ländern zu pflanzen (Israel und Saudi Arabien) scheiterten, daher stehen die Bäume unter Naturschutz. Einige Tausend Familien ernähren sich durch die Bearbeitung von Arganfrüchten. Es ist nämlich sehr kompliziert, das Öl zu gewinnen, es kommt nicht aus der Nuss sondern aus ganz feinen und kleinen Samenplättchen in der Nuss der Frucht. Das Knacken, Bearbeiten und Auspressen der Samen wird den Frauen überlassen. In letzter Zeit arbeiten in Marokko die Frauen organisiert in Frauenkooperativen. Der wirklich hohe Preis des Öls kommt auf jeden Fall den Frauen zu gute. Den Baum erkennt man von Weitem an dem Grün, das etwas anders ist als das der Olivenbäume, und an der sehr ausladenden Gestalt. Die in der Presse verbreiteten Fotos von den Ziegen auf den Bäumen sind teilweise falsch, die Ziegen steigen selten so hoch auf die Zweige der Bäume, es sind die Bauern, die sie dort aufstellen, damit die Touristen sie fotografieren; wahr ist, dass die Ziegen die Früchte der Arganbäume lieben und sich von ihnen in den heißen, trockenen Monaten ernähren.

Die Frauenkooperativen arbeiten nicht nur an der Herstellung von Arganöl; Frauen sammeln die gelben Safranfädchen auf den Krokus-Feldern, sie weben auch die meisten Teppiche. Bekannt sind auch Pflanzen-Zentren z.B. für Kakteen, die auch von Frauen geführt werden. Diese Projekte werden von der Frau des Königs unterstützt und propagiert.

Inzwischen hat der König noch ein fortschrittliches Gesetz erlassen; über die Zahl der Nachfolgefrauen entscheidet jetzt die Hauptfrau, wenn sie nicht einverstanden ist, darf sich der Mann keine anderen Frauen mehr nehmen. Für unsere Ohren hört sich das unglaubwürdig an, ist aber in Marokko Realität. Doch man sieht im Straßenverkehr auch Frauen hinterm Steuer und in manchen Läden (leider wenigen) arbeiten sie auch. Allgemein ist aber die Stellung der Frau immer noch prekär.

Zum Schluss noch die Frage der Berbersprache. In vielen Regionen Marokkos gibt es jetzt Straßenschilder in drei Sprachen: Arabisch, Französisch und Berber; sie sehen wunderbar bunt aus, denn Arabisch wird rot auf orange geschrieben, Französisch grün auf blau und Berberisch in noch anderen Farben, immer wieder in neuen Variationen. Das Tamazight hat es auch in Marokko zur Amtssprache gebracht, wird an manchen Schulen unterrichtet. So sprechen viele Kinder in Marokko gleich drei Sprachen, die sehr kompliziert und völlig unterschiedlich sind. Die Berber-Sprache hat eine an griechische Lettern erinnernde Schrift, sehr kompliziert und verwinkelt, doch eigentlich pendelt sie zwischen arabisch und französisch. Das Problem besteht nur darin, dass es in Vergangenheit nie eine Schriftsprache von Berberisch gegeben hat. Sie existierte in mündlichen Überlieferungen, wurde zum Sprechen benutzt, in ganz vielen Dialekten, die die Bergvölker oder Tuareg benutzt haben; doch alte Quellentexte oder Poesie gibt es in der Sprache fast gar nicht. Es waren erst die Franzosen, die sich der Sprache annahmen und versuchten sie zu systematisieren und die Schrift festzulegen, die Grammatik und Phonetik zu beschreiben.

Eine interessante Reisebeschreibung über Marokko bietet das Buch von Edith Wharton „In Marokko. Vom Hohen Atlas nach Fès – durch Wüsten, Harems und Paläste“. Sie reiste noch in der Zeit, als es in Marokko keine Touristen gab, beklagte das Fehlen jeglicher Reiseführer und sah die Magie, Anziehungskraft, Buntheit von Marokko aber auch die Lethargie der Menschen in der sengenden Sonne, die Bettler und die Armut der Bevölkerung. Sie bewunderte Paläste, die damals noch existierten (sie reiste während des Ersten Weltkriegs), Bauten, die die Franzosen vor dem Verfall gerettet haben sollen. Da sie auf Einladung des französischen Generalresidenten Lyautey das Land bereiste, musste und wollte sie positiv über ihn berichten; vielleicht war er aber auch wirklich so bemüht, die alten Kulturschätze der Architektur und arabischen Bauweise zu erhalten; Tatsache ist, dass die neuen Bauwerke der französischen Administration meistens außerhalb der alten Medinas entstanden sind und somit diese nicht zerstört haben. Viele Medersa/Madrasa wurden restauriert und dank den Franzosen der ursprünglichen Bestimmung wieder zugeführt (als Koranschulen). Die Mederse Ben Yousef in der Medina von Marrakesch ist inzwischen ein Museum, wurde 1999 vollständig restauriert, sie bietet ein wunderschönes Beispiel der maurischen Architektur.

Die Wharton reiste noch auf unbefestigten Straßen, besuchte einige Harems, konnte Kamel- und Dromedar-Karawanen auf den großen Plätzen sowohl in Meknès als auch in Marrakesch bewundern, sie erlebte Marokko pur, auch einigen Zeremonien im Sultanspalast in Rabat wohnte sie bei; sie beschreibt eindrucksvoll die Schlichtheit der Gewänder der königlichen Familie und die übertriebene Fantasie, Glanz und Prunk der Gewänder und die komplizierten Frisuren der Lieblingsfrauen des Sultans, die Tänzer, Musiker und anderen Künstler. Ihr Bild der Frauen in Harem ist erschütternd, sie waren sehr jung, sehr unglücklich, saßen teilnahmslos auf Diwanen, wurden bedient und bewegten sich kaum; die Unterhaltung durch den Dolmetscher stockte, sie hatte immer den Eindruck, dass sie wie Spielzeuge, Puppen behandelt wurden. Bei ihren Beschreibungen spürt man die Überheblichkeit der westlichen, zivilisierten Dame, die wissend aber doch von oben herab die Zustände beurteilt. Doch die Beschreibungen sind intelligent und interessant, sie sieht das Land mit völlig fremdem Blick und kann nur mit Staunen die Realität betrachten.

Marokko 2

Monika Wrzosek-Müller

Der Tizi n`Tichka Pass etc…

Natürlich musste sie noch weiter, tiefer in das Land hinein, als sie sich eigentlich in einem schönen Hotel in Marrakesch hätte entspannen und ausruhen können; es zog sie in die Wüste und in das Hohe Atlas-Gebirge. Die Wege waren lang, kurvig, steil und gefährlich, auf schmale Serpentinen folgten langgezogene Anstiegsabschnitte; man sagte den Reisenden, die Fahrt würde vier marokkanische (?) Stunden über dem Tizi n`Tichka Pass nach Ait Ben Haddou dauern, tatsächlich waren es fünfeinhalb, gefühlt sieben Stunden. Sie fuhren von 100 Metern auf über 2.000 Meter, der Pass liegt genau auf 2260 Meter, und rundherum ragen die Berggipfel sogar 4.000 Meter auf. Auf den Gipfeln lagen noch Reste vom Schnee. Die Ausblicke und Panoramen waren wortwörtlich atemberaubend, die Farben pastell, nach oben hin immer gedämpfter.

Sie fuhren im Verlauf der Reise durch alle möglichen Landschaften; bald hinter Marrakesch verließen sie die Palmeria, einen angelegten Palmengürtel um die Stadt, der an Wassermangel leidet, und trafen auf ausgedehnte Getreide Felder; es war noch flach, aber sie bewegten sich jetzt doch unmerklich höher. Bald waren sie in einer paradiesischen Hügellandschaft angelangt, ganz grün und sehr saftig sahen die Obst- und Gemüsegärten um die Häuschen aus, an den Wegrändern wuchsen lila und blaue Schwertlilien, die sie aus der Toskana kannte, sie blühten gerade. Das Grün der sorgfältig beschnittenen Pomeranzen, die übrigens alle Avenues schmücken, war einmalig, wie das Grün der ersten zwei Blättchen der Teeplantagen, frisch, unvergesslich. Sie säumten meistens die Gärten oder auch die Straßen. Langsam gelangten sie höher und die Landschaft veränderte sich merklich, ab und zu sah man rote Felsen, rote Erde, es überwogen Olivenbäume, auch wenn dazwischen noch Gemüse angebaut wurde, hier dienten riesige Rosmarin-Büsche als Hecken. Danach kamen sie in kahlere Gebiete, da wuchsen Wacholder, die wir als Sträucher kennen, zu Bäumen, mit dicken Stämmen erreichten sie beachtliche Größen, dazwischen blühte gerade Lavendel. Der Boden war hier schon ausgetrocknet und steinig, ab und zu sah man Korkeichen, mit abgezogenen Stämmen leuchteten sie unten auch rötlich. Noch etwas höher gab es kaum mehr Vegetation. Sie erreichten den Pass, der in verschiedenen Ockerfarben der Steine, der Felsen und der Erde vor ihnen ausgebreitet lag. Sie befanden sich auf 2260 Meter Höhe, die Stelle wurde durch eine Raststätte mit vielen kleinen Lädchen markiert, wo hauptsächlich Fossilien und Touristen-Attraktionen verkauft wurden. Auf der anderen Seite erwartete sie nur Wüste, zuerst steinig noch mit Steppe und danach ging sie in Sand über; doch zu den Sanddünen gelangten sie nicht, es war einfach zu weit.

Das Weltkulturerbe-Dorf Ait Benhaddou sehen sie nur von weitem; es ist ein Berberdorf aus dunklem Lehm gebaut und gut erhalten, ähnlich den Bauten von Sanaa im Jemen, auch denen von Timbuktu in Mali. Die Kashbahs sind gut erhalten, miteinander verschachtelt, überall ragen die sich verjüngenden viereckigen Türme in den Himmel. Manche der Kashbahs sind bis heute bewohnt; es ist eine Oase, einige Palmen und etwas Grün zeugen von Wasservorräten.

Sie besichtigten noch ein Filmstudio, wo unzählige bekannte Filme gedreht wurden darunter Kleopatra, Spartakus, Babel etc…; in einiger Entfernung waren auch andere riesige Anlagen, die der Filmstudios für Asterix und Obelix und viele Fantasy-Filme zu sehen; es wirkte unwirklich und verrückt in dieser steinigen, gottverlassenen Gegend zu sehen, wie Hollywood das Land für sich einnimmt. Es ist eben Marokko, sie versuchen aus allem etwas Kommerzielles und Urbanes zu machen; auch hier gab es 5-Sterne-Hotels, wo die Stars und Starletts übernachteten, mit Swimmingpools und Bars und echten Grünanlagen rundherum.

Der Weg zurück ging über die gleiche Strecke, aber da sah sie nur schroff zerklüftete Felsenformationen, Geröllplateaus, steil abfallende Hänge, manchmal auch Canyons, zu der Jahreszeit mit Wasser gefüllt. An den steilen Felsen hingen ab und zu Berberdörfchen, ein buntes viereckiges Minarett ragte in die Höhe; die Bauten waren allesamt aus Lehm, den sie geschickt auch färbten; so erhielten die Minarette auch eine dezente Bemalung, sie sahen manchmal wunderschön aus.

Der Tizi n`Tichka Pass ist der Sage nach ein antiker Weg, von Timbuktu nach Marrakesch, der „Ziegenweg“. In der Berbersprache, bedeutet Tizi „Bergwiese“ und tichka „gefährlich“. Allerdings ist nicht ganz klar, ob der Weg wirklich von Timbuktu ausging; Timbuktu wurde wohl als Synonym für einen weit entlegenen Ort benutzt, der gar nicht zu existieren brauchte; in jedem Fall ging es um einen ein weiten Weg. Über diesen Weg, diesen Pass gelangten Karawanen nach Marrakesch, sie waren bis zu einem halbem Jahr mit 80 Mann unterwegs, transportierten ihre kostbare Ware, meist Silber, dann Gold und Edelsteine, dazu noch viele Sklaven und Eunuchen. Sowohl Timbuktu als auch Marrakesch waren Hauptumschlagplätze. Der Handel war das Leben, das Überleben in der trockenen und menschenunfreundlichen Umgebung; der Handel war auch eine ehrenhafte, sehr geschätzte Beschäftigung, die Händler waren hoch angesehene Leute, besonders wenn sie zu Reichtum gelangten. Die Routen der Karawanen waren weit verzweigt, aber sie führten schließlich alle auf den Djemaa el Fna Platz, den Nabel der Stadt Marrakesch; man kann sich heute noch sehr gut das damalige Treiben und Handeln auf dem Platz vorstellen. Selbst heutzutage überkommt einen auf dem Platz immer noch das Gefühl, in der Mitte des Lebens, der Welt der kleinen Geschäfte zu stehen. Der Muezzin ruft wie damals sanft ein paar Mal am Tag zum Gebet, nur dass es jetzt eine vom Band abgespielte Stimme ist; das Treiben ist vielleicht jetzt noch geschäftigter, denn es kommen viele Touristen hinzu, aber die Einheimischen gehen auch gerne dorthin. Auf dem Platz wird gegessen, gehandelt, gekauft, viele Gaukler führen ihre Kunststücke vor, die Schlangenbeschwörer spielen auf ihren Flöten, die Affen hüpfen von der Schulter des Besitzers auf die Schulter des Betrachters (sind aber meistens angekettet und in ein Kleidchen gezwängt, so dass sie nicht flüchten können), alle preisen ihre Waren, es ist bunt, laut bis schrill, heiß, manchmal unmöglich und manchmal magisch.

Der Handel mit Salz lag seit dem 14. Jh. in der Hand der Juden, sie hatten dafür das Monopol von den marokkanischen Königen erhalten. Salz war fürs Überleben von größter Bedeutung, es enthielt Mineralien; es hieß: Salz wurde mit Gold aufgewogen. Die Juden lebten in den Altstädten (medinas) in geschlossenen Vierteln Mellah; das Wort Mellah kommt aus dem Arabischen und bedeutet Salz. Die ersten Mellahs wurden im Mittelalter gegründet und die Juden lebten dort ziemlich abgeschieden, erst nach der Übernahme des französischen Protektorats öffneten sich die jüdischen Gemeinden der marokkanischen Gesellschaft. Während des Zweiten Weltkrieges betrieb der damals regierende Monarch Mohammed V. eine judenfreundliche Politik und beugte sich nicht der Politik des Vichy-Regimes, so fanden viele jüdische Flüchtlinge in den marokkanischen Städten Zuflucht (der Film Casablanca!). Erst nach der Gründung Israels gingen viele Juden aus Marokko weg. Noch heute ist aber die fast verlassene Medina von Marrakesch zu besichtigen, man sieht manchmal ein paar Kinder mit Schläfenlocken, doch die große Blüte jüdischer Geschäfte gehört der Vergangenheit an. Die marokkanischen Juden sind in der ganzen Welt verstreut, auch die Familie von Hilary Clinton stammt aus Marokko.

Elias Canetti, der Nobelpreisträger und vielsprachige Schriftsteller, hat das Leben der Juden in Marrakesch in einem kleinen Büchlein beschrieben, Die Stimmen von Marrakesch; in den fünfziger Jahren schien ihm deren Leben sehr ärmlich und einsam. Sie betrieben Handel, feilschten um völlig wertlose Dinge, waren in dieses kleine verschachtelte Viertel eingeschlossen. Als Jude leidet er mit ihnen, doch er kann nicht mit ihnen kommunizieren, er versteht sie nicht, wird nur zum stillen Beobachter, der ihr Leben von außen beschreibt und als fremd und somit auch exotisch empfindet.

Marokko 1

Monika Wrzosek-Müller

Schon der Flughafen in Marrakesch erfüllte sie mit Bewunderung; gelungene moderne Architektur, die alte Traditionen der marokkanisch-andalusischen Architektur beinhaltete und sie neu interpretierte – mit Ornamenten, Intarsien, Keramik, Stein und Edelhölzern; luftig, geräumig und menschenfreundlich. Natürlich nervten die unendlichen Kontrollen und Schlangen, aber man fühlte sich sicher. Nach dem hässlichsten Flughafen der Welt in Berlin-Schönefeld eine reine Wonne.

Sie fühlte sich sehr als Tourist verschoben, durchorganisiert, aber es war eine Rundreise; die Vorteile lagen auf der Hand: alleine hätte sie diese Menge an Städten, unterschiedlichen Landesteilen und Informationen nicht bewältigt. Die Leute rundherum waren nett, nicht alle, aber das konnte sie auch nicht erwarten. Sie war auch nicht immer nett und wollte auch gar nicht sein.

Sie ließ sich auf diese für sie neue Welt aus den Märchen aus 1001 Nacht ein; ließ sich verführen und bezaubern. Es war bunt, ordentlich, sauber und organisiert. Das wunderte sie am meisten, diese Durchorganisiertheit, die ständige Präsenz der Polizei, bei Ein- und Ausfahrten aus den Städten, mal auch so unterwegs, Scharen von Putzleuten, die die Straßen sauber fegten, ganze Kolonnen von Gärtnern, die in den Grünanlagen arbeiteten; wirklich Armeen von Straßenfegern und Menschen, die sich um Grünanlagen kümmerten, Pflänzchen setzten und gossen, Bäume und Hecken zurechtschnitten, Palmen von ausgetrockneten Blättern befreiten, Rasen mähten, Blätter sammelten. Es war natürlich Frühling und die Arbeiten standen an. Sie sah neue Areale für frisch anwachsende Stadtviertel vorbereitet und eingerichtet, schon mit Straßen und Laternen und Elektro-Anschlusskästen in den Ecken; dort sollten die zukünftigen neuen Häuser entstehen. Es lag an der Jahreszeit, dass alles unheimlich grün und in buntesten Farben glänzte; die Bougainvilleas blühten in allen möglichen Nuancen von Pink, Rot und Gelb, es gab sogar weiße; die Hecken waren manchmal mit blauen, mal mit gelben Blüten gesprenkelt, dazwischen gab es Scharen von Vögeln, die unermüdlich zwitscherten. Die Sonne brannte noch nicht alles aus; vieles sah vielleicht deswegen friedlicher und freundlicher aus.

Natürlich wusste sie von der Existenz der Bidonvilles, Slumgürtel um Casablanca, von der Armut in den verlassenen Quartieren der alten jüdischen Viertel Mellah, von den Dörfern der Berber in den Bergen, wo der Analphabetismus nicht unter 70 % sinken wollte, auch wenn man sich bemühte und alle 20 km Schulen einrichten ließ und den Kindern, die in die Schule gingen, ein Fahrrad schenkte; doch das Allgemeinbild bot einen Aufschwung und Mut zu Projekten, zu neuen Möglichkeiten. Es wurde auch überall gebaut und ausgebessert, gemauert und geputzt.

Fast in jeder Stadt, die sie besichtigte gab es eine, oder auch mehrere Prachtstraßen, Prachtavenues, gesäumt von Palmen und ausgedachten Laternen in verschiedensten Formen, mal auch sehr kitschig, mal modern und viel Licht spendend. Die Avenues waren immer sehr breit, führten ein- und aus der Stadt, mit einem Streifen Grün in der Mitte, flankiert von Trottoirs, und wieder Streifen von Grünanlagen. Sie war erstaunt, erbaut und neugierig auf diese exotische und doch irgendwie bekannte Welt; hier traf Europa, das französische Europa hauptsächlich, auf den Orient und Schwarzafrika, die Mittelmeerkultur und die Beduinen, die Berber und die Nachkommen der schwarzen Sklaven, die Haratin, die arabischen Juden und schließlich die sunnitischen Araber. Hohe Berge wechselten mit langen Ebenen; Hügel waren auch dazwischen und dann kam die Vegetation – mal minimalistisch, fast steppenartig karg und dann, je nach Wassermenge, verwandelte sich die Erde in ein Paradies mit Apfel-, Mandel- Aprikosen-, Pfirsich-, Orangen und Zitronenbäumen, und natürlich gab es auch Olivenhaine kilometerweit. Ganze Landstriche wurden mit Olivenbäumen bepflanzt, man sah abwechselnd junge Bäumchen und alte tragende Olivenbäume, sie wurden auch nicht, wie in Italien beschnitten. Man sagte, dass das marokkanische Olivenöl in die europäischen Kooperativen floss, in die spanischen, aber auch die italienischen. Dazu kam auch der Anbau von Gemüse, und dazwischen leuchteten Erdbeeren auf, die schon jetzt reif zu sein schienen. Daneben gab es Getreide- und Maisfelder, es wurde auch Zuckerrohr angebaut. Die Vielfalt war enorm; fast zu vielfältig, dachte sie bei sich, sie konnte nicht alles richtig aufnehmen und verarbeiten.

Das größte Problem des Landes war Wasser; natürlich floss aus dem hohen Atlas viel durch die Schneeschmelze, aber es gab immer weniger Schnee; die Flüsse, Bäche, die zu dieser Jahreszeit reißend sein müssten, waren ausgetrocknet, man legte Stauseen an, die sog. Barrages, baute unterirdische Wasserwege zum Transport, zum Schutz gegen Verdunstung, aber es war nicht genug, besonders wenn man sich die vielen Golfanlagen und Hotels um Marrakesch anschaute, konnte es nicht genug sein. Deswegen plante man auch die Entsalzung des Meerwassers nach dem Vorbild Israels. So hätte man vielleicht die riesigen Plantagen von Olivenbäumen wirklich bewässern können.

Sie erinnerte sich an einen Strandverkäufer in Italien, an ihrem Hausstrand im Naturschutzgebiet von Feniglia, der ihnen erzählt hatte, er sei aus Marokko und würde sechs Monate in Italien Ware verkaufen und im Winter in die Heimat zurückgehen. Es sei ein wunderbares Land für Touristen, billig und schön: „müssen unbedingt hinfahren Signora“. Jetzt verstand sie seine Kalkulation: das Durchschnittseinkommen in Marokko liegt bei 120 € im Monat, mancher Lehrer verdient nicht mehr als 350 €, deswegen gehen viele weg, verdienen in einem halben Jahr im Ausland genug, um das ganze Jahr in Marokko zu leben, kehren eben aber gerne zurück. Wie auch die Juden, denen im Moment der König besondere Bedingungen anbietet und viele kommen zurück, gründen Hotelketten, Restaurants, besonders in Marrakesch ist das der Fall. Die einst mächtige jüdische Gemeinde in Marokko hatte sich nach der Entstehung von Israel sehr ausgedünnt. Jetzt wird sie vielleicht wieder stärker werden.

Und wenn man über Deutschland nach Roger Willemsen sagt: „Am schönsten ist das Land als Versprechen, weit weg.“ So kann man über Marokko sagen, es ist schöner als sein Ruf. (Ff)

Frauenblick 13

Monika Wrzosek-Müller

Hier bin ich, Jonathan Safran Foer
Kiepenheuer&Witsch, 2016 1. Auflage

Schon wieder ein dickes Buch, kann man bei 683 Seiten wohl sagen; die Bücher werden immer dicker (Paul Auster „4321“, 1259 S., Nino Haratischwili, Das achte Leben (Für Brilka), 1275 S. Christoph Hein Glückskind mit Vater, 526 S. etc…). Liegt das am immer leichteren Zugang zu all den Informationen oder an dem Profitfaktor, der sich doch irgendwie pro Seite errechnen lässt: dicke Bücher sind auch teurer…
Aber vielleicht haben die Autoren auch so viel zu sagen und wir dann so viel zu lesen.
Jonathan Safran Foer hat auf jeden Fall immer viel und witzig zu sagen und zu erzählen. Sein erstes Buch, das er mit 23 Jahren schrieb „Alles ist erleuchtet“ wurde von der Kritik und den Lesern enthusiastisch aufgenommen. Darin begab er (der Held) sich auf die Suche nach einer Frau in der Ukraine, die mehreren Mitgliedern seiner Familie das Überleben während der Nazizeit ermöglicht hatte. Das Buch las sich wie man die Bilder von Chagall betrachtet, in all dem Grauen märchenhaft und poetisch; der Text verzauberte und zeigte, dass es unmöglich ist, sich der damaligen Wahrheit wirklich zu nähern, man kann sie vielleicht nur erspüren lernen. Das Buch war witzig, ironisch, heiter und schilderte, warum die dritte Generation der jüdischen Überlebenden immer wieder mit der Vergangenheit ringt und sie für sich aufzuklären, sich ihr zu nähern versucht. Es hatte auf jeden Fall etwas mit Foers eigner Biografie zu tun.
Sein neuester Roman, nach einer längeren Pause entstanden, steht wieder mitten in seinem eigenen Leben. Die Geschichte eines jüdischen Paars in Washington D.C., das sich, angetrieben von seiner Individualität, auseinanderlebt und letztlich auch trennt, erinnert sehr an seine eigene. Doch das eigentliche Thema des Buches ist das Jüdisch-Sein in Amerika und in Israel, sich dazu bekennen, stolz sein, die Traditionen zu leben und an die Kinder weiter zu geben. Auch wenn die Kinder sich gegen die Bar Mizwa wehren, ist für alle selbstverständlich, dass sie diese durchlaufen müssen, um in das Erwachsenenalter aufgenommen zu werden. Das Jüdisch-Sein nimmt ganz viel Platz in dem Buch ein, ohne dass das viel mit Religion zu tun hätte. Es ist einfach die Art, wie man lebt, was wichtig ist, wo man isst, was man unternimmt, wie man diskutiert und redet. Vielleicht ist Jüdisch-Sein eine Bereicherung, vielleicht aber erdrückt es einen.
Es gibt eine Ebene im Roman, die das alles verbindet: die Sprache, es geht um den Gebrauch der Sprache und folglich um die Kommunikation: Dialoge und Reden, auch Beschreibungen der Zustände. Sie erinnern mich an die Filme von Woody Allen, wo immer und lange geredet wird, jeder um eine eigene Pointe bemüht und nicht müde werdend, sie auch zur Geltung zu bringen. Auch hier haben wir den Eindruck, jedes Mitglied der Familie ist eigentlich ein Virtuose der Sprache, sogar der jüngste Sohn Benjy (wohlgemerkt 4 Jahre alt) kann seine Unsicherheit und alle möglichen emotionalen Zustände erstaunlich treffend zum Ausdruck bringen. Durch die Sprache leben sie alle, bewältigen ihre anwachsende Katastrophe in einer sich zerstörenden Welt, die Kommunikation darüber und das auf den Punkt bringen, rettet manchmal das Leben, verhindert das Scheitern. Es steckt darin viel, vielleicht auch unbewusste Weisheit, denn ein Roman, ein Schriftsteller leben sowieso von der Sprache, vom geschriebenen Wort. Doch so wie Foer sie einsetzt, bekommt sie eigenen Wert, die Dialoge sind manchmal Schlachten, manchmal dienen sie der Entspannung, um der Krise zu entkommen.
Jacob ging auf die Knie und nahm Benjys Hände.
„Schlecht geträumt, Kumpel?
„Sterben ist okay“, sagte Benjy.
„Was?“
„Sterben ist okay.“
„Ja, findest du?“
„Wenn alle anderen mit mir sterben, finde ich das Sterben okay. Ich habe nur Angst, wenn die anderen nicht mit mir sterben.“
„Hattest du einen Alptraum?“
„Nein. Ihr habt euch gestritten.“
„Wir haben uns nicht gestritten. Wir…“
„Ich habe gehört, wie Glas kaputtgegangen ist.“
„Wir haben gestritten“, sagte Julia. “Menschen haben Gefühle, manchmal sehr schwierige. Aber jetzt ist alles wieder gut. Geh zu Bett.“[…]
Jacob deckte Benjy zu und strich ihm über das Haar.
„Dad?“
„Ja?“
„Du hast recht damit, dass es wahrscheinlich keinen Himmel gibt.“
„Das habe ich nicht gesagt. Ich habe nur gesagt, dass man das nicht wissen kann und es deshalb nicht sehr klug ist, sein Leben darauf auszurichten.“
„Ja, genau damit hast du recht.“
Wenn er selbst auf Trost verzichtete, konnte er sich das verzeihen, aber warum sollte er ihn auch allen anderen vorenthalten? Warum sollte sich ein Kindergarten-Kind nicht in einer gerechten, schönen und unwirklichen Welt glücklich und geborgen fühlen?
„Und worauf sollen wir unser Leben ausrichten?“, fragte Benjy.
„Die Familie?“
„Ja, finde ich auch.“
„Gute Nacht, Kumpel.“
Jacob ging zur Tür, entfernte sich aber nicht.
Nach einigen langen Momenten der Stille rief Benjy: “Dad? Ich brauche dich!“
„Ich bin hier.“
„Eichhörnchen haben buschige Schwänze, warum?“
„Um das Gleichgewicht zu halten? Um sich zu wärmen? Zeit zu schlafen.“
„Wir googeln das morgen früh.“
„Gut. Aber schlaf jetzt.“
„Dad?“
„Ja. Hier.“
„Gibt es Fossilien von Fossilien, wenn die Welt lange genug existiert?“
„Oh, Benjy. Gute Frage. Wir reden morgen darüber.“
„Ja, ich brauche meinen Schlaf.“
„Genau.“
„Dad?“
Jacob begann die Geduld zu verlieren: “Benjy.“
„Dad?“
„Ich bin da.“
Wir erleben die Familie in einer Situation, die einer Katharsis ähnelt; die innere Spannung und Unzufriedenheit spitzt sich immer weiter zu, bis die Eltern auseinandergehen, sich trennen; und die äußere Situation in Israel wird durch ein fiktives Erdbeben und den Angriff islamischer Staaten nochmal zugespitzt. Diese Zuspitzung empfinde ich als befremdlich, denn das Leben in Israel fühlt sich sowieso für einen Europäer an wie auf dem Vulkan. Im Roman geht es darum, wenn ich richtig verstanden habe, eine Zuspitzung zu schaffen, um sich zum Judentum bewusst bekennen zu müssen, endgültig sich zu erklären und festzustellen, wieviel Raum doch diese andere Heimat im eigenen Leben einnimmt. Man stellt mit Erstaunen fest, dass dieses Israel und Jüdisch-Sein ganz viel Platz im Leben vieler amerikanischen Juden einnimmt.
„Was bedeutete ihm Israel? Was die Israelis? Sie waren seine aggressiveren, unangenehmeren, verrückten, haarigeren, muskulöseren Brüder… da drüben. Sie waren grotesk, aber sie waren die Seinen. Sie waren tapfer, schöner, schweinischer und wahrhafter, weniger gehemmt, draufgängerischer, mehr sie selbst. Drüben. Dort waren die Leute so. Und sie waren die seinen.
Nach der Beinah-Zerstörung waren sie immer noch dort drüben, aber sie waren nicht mehr die Seinen.
Jacob hatte sich bemüht, jede Maßnahme Israels vernünftig zu begründen – zu verteidigen oder wenigstens zu entschuldigen. Und er hatte jedes Mal geglaubt, was er sagte. […] War es richtig, Menschen in der gleichen Notlage eine medizinische Versorgung vorzuenthalten? Ja, denn es gewährleistete die Versorgung der eigenen Bürger, die sich im Gegensatz zu den arabischen Nachbarn an niemand anderen wenden könnten. […] Und dennoch führten all diese gerechtfertigten oder wenigstens entschuldbaren Maßnahmen dazu, dass Israel dringend benötigte Hilfsmittel zurückhielt, das heikelste muslimische Territorium auf Erden eroberte und Müttern von Kindern, die nicht zwangsläufig hätten sterben müssen, zwang, an geschlossene Krankenhaustüren zu hämmern. Vielleicht gab es keine andere Möglichkeit, doch es hätte eine geben müssen.“
Nachdem der Präsident von Israel nach dem Erdbeben und dem Angriff alle Juden in der ganzen Welt aufruft, die Heimat zu verteidigen, kehren viele aus der Diaspora zurück. Interessant ist nur, dass der Hauptheld, der Vater Jacob, gegen alle erklärten Absichten doch nicht nach Israel zurückkehrt, um zu kämpfen; offenbar sieht er ein, dass er vor Ort zu nichts nütze gewesen wäre, aber auch, dass man auch Zweifel an Israels guter Sache haben konnte.
Der Titel „Hier bin ich“ hebräisch hineni steht für den Autor; es geht um die Klärung wofür man steht oder besser für wen man steht, bedingungslos und immer bereit, aufrichtig und präsent. Diese Frage prägt unsere Identität besonders in der jetzigen Welt mit all ihrem Freiheitsdrang, auch wenn sie oft nicht mehr religiös bedingt ist.

Frauenblick 12

Monika Wrzosek-Müller

Glückskind mit Vater
von Christoph Hein, Suhrkamp Verlag Berlin 2016, schon 3. Auflage

Es gibt Bücher, die in die Zeit und in die Gesellschaft wie Bomben reinfallen und kräftige Reaktionen, Diskussionen und Polemiken hervorrufen. Doch es existieren auch einige andere, für mich die sogenannten stillen Bücher, die sich fast unbemerkt in die Gesellschaft einschleichen und manchmal erst allmählich einen tiefen Eindruck hinterlassen. So erging es mir bei der Lektüre des Romans Glückskind mit Vater von Christoph Hein. Den Autor kannte ich als junge Germanistin in Polen, als einen der wenigen Dissidenten, der auch eine fantastische Novelle Drachenblut veröffentlicht hat. die wir auch lesen konnten. Erst jetzt erfahre ich, dass die Novelle auch in der DDR unter einem anderen Titel erschienen war, und zwar Der fremde Freund. Schon damals war ich von Hein begeistert, wie treffend und unkompliziert er die Sachen beim Namen nennt: sachlich, konkret, schlicht die Wirklichkeit vor dem Auge entstehen lässt, ohne emotionale Zugaben.

Das Gefühl kehrt diesmal verstärkt zurück, der Roman Glückskind mit Vater erzählt fast 60 Jahre deutscher Geschichte, unaufgeregt und doch eindringlich. Die Handlung nimmt bestimmt Bezüge auf persönliche Erlebnisse des Autors, ist aber nicht autobiographisch. Es ist eine zutiefst psychologisierende Erzählung, mit der Moral, dass man seiner Vergangenheit nicht entkommen kann – im Fall von Glückskind mit Vater eben dem kriegsverbrecherischen Vater. Der Schatten des bösen Vaters legt sich wie eine dunkle Wolke über das Leben des jungen Helden, und trotz seiner sehr mutigen Versuche, ihn abzuschütteln, gelingt ihm das nicht. In allen Lebensstadien verfolgt der Vater den Jungen, obwohl er ihn nie gekannt, nie zu Gesicht bekommen hatte. Sowohl die Namensänderung als auch der erste Fluchtversuch nach Marseille enden mit der Erkenntnis, dass es keine Fluchtmöglichkeit gibt; immer wieder wird er mit den Kriegsverbrechen des Vaters und mit dessen Namen konfrontiert. Die ganze Familie, die Mutter und der Bruder, sind in die Vergangenheit verstrickt. Dem Bruder gelingt es aber daraus materiellen Vorteil zu ziehen und reich zu werden, allerdings brechen dann die Familienbande völlig auseinander.

Erstaunlich dabei ist die Tatsache, dass sich das ganze Buch nicht pessimistisch, nicht negativ liest, eher ironisch, manchmal sogar humorvoll, und es sorgt mit erstaunlichen Momenten für Überraschungen. Die negative Pointe des Buches, dass es keine Möglichkeit gibt, der Obsession mit dem verbrecherischen Vater zu brechen, zu entkommen, ist keine Sackgasse, kein sogenanntes Schicksal; der Held meistert sein Leben, obwohl er vom Glückskind zum Unheilkind wird; er findet seinen Platz in der DDR-Gesellschaft, wird sogar, zeitweilig, zum Direktor einer Oberschule. Er behauptet sich ganz munter und tapfer und durchläuft die Stationen des Lebens immer mit der Hoffnung, sich dem Einfluss des Schattens zu entziehen. Irgendwo, ganz in der Tiefe, spürt man aber doch den bitteren Geschmack und die Enttäuschung, dass er nicht frei ist sondern immer wieder davon läuft und sehr allein mit seinen Entscheidungen lebt.

Ganz bewusst versuche ich den Plot nicht zu erzählen, die Stationen des Lebens nicht aufzuzählen, die Konflikte mit dem Bruder, den Ämtern, seine Lieben, das Verhältnis zu seiner Mutter nicht zu beschreiben. Das soll jeder in dem Roman lesen und für sich die wichtigsten Momente und Stellen finden und viel über die Vorgänge in der damaligen BRD aber auch der DDR erfahren und mit eigenen Erlebnissen vergleichen können. Auf jeden Fall ist es ein Buch für die junge Generation, die die Nachkriegszeit nicht erlebt hat, aber auch für die ältere, die sich damit konfrontiert sah. Es ist eine deutsche Geschichte par excellence, das Leben und die Probleme im Nachkriegsdeutschland werden übersichtlicher und klarer durch die Lektüre.

Frauenblick: Unbegleitete

Aus den Gedanken einer Lehrerin in der Zeit der großen Flüchtlingsströme, in Deutschland im Jahre 2017

Natürlich arbeitete sie weiter und natürlich schimpfte sie auch. Die Sachen sind immer komplizierter, als wir sie uns vorstellen oder wahrhaben wollen. Die Zusammenhänge bringen uns an den Rand des Verstandes und doch verstehen wir immer weniger. Und es ist nicht der schlechte Wille, sondern die Umstände, die der Weltpolitik, sorgen dafür, dass wir verzweifeln.

Wie kam es, dass unter den sog. Unbegleiteten, d.h. den Kindern, die ohne Angehörige sich nach Deutschland durchgeschlagen haben oder durchgeschlagen sind, kein einziger Syrer war, sondern eher gut situierte Teenager aus Gambia, Mali, Somalia, Moldawien, Albanien etc… alle seit drei Monaten in Berlin. Von den Eltern auf die Reise gut vorbereitet, nicht alle, aber einige, viele, auch nicht schlecht ausgestattet?

Wie kam es, dass ihre Freundin, die ihr Leben lang hart gearbeitet hat, in dem Moment, in dem sie auf das Geld vom Staat angewiesen war, vor dem Nichts stand? Wie ging das zusammen mit der Tatsache, dass sie, die Lehrerin, Flüchtlingskinder in der Schule einzeln unterrichtete – damit die den Anschluss fanden – und dafür auch ganz gut entlohnt wurde; einzelne Kinder aus Flüchtlingsfamilien, nicht fünf, sechs Kinder in einer Gruppe? Woher kam plötzlich das Geld, scheinbar im Überfluss? Nicht dass diese Kinder das nicht brauchten, doch diese großzügigen finanziellen Gesten schockierten sie. Denn andererseits gab es eben diese Freundin, der, obwohl schwer krank, das Jobcenter die Erstattung ihrer Aufwendungen verweigerte. Oder die älteren Menschen in den neuen Bundesländern, die den Anschluss nicht geschafft haben und jetzt dahinsiechen.

Natürlich waren da die Ämter und die Beamten und Zufälle, und die Mühlen mahlten langsam – aber ob in die richtige Richtung; da war sie sich plötzlich nicht mehr so sicher. Die Welt geriet aus den Fugen und rundherum vergnügten sich die `richtigen` Menschen auf Reisen zu immer entfernteren Zielen, auf immer größeren Kreuzfahrtschiffen mit immer ausgedachteren und pompösen Menüs auf den Tellern, mit Theater, Kino, Swimmingpool, Casino und was sie alles noch brauchten. Sie wollte aber Gerechtigkeit in der Welt und für sich und helfen und sah, dass das nicht mehr ging, also sie konnte für sich diese Gerechtigkeit in der Welt nirgendwo entdecken.

Sie sah auch ganz deutlich, dass sich viele Flüchtlinge nicht anpassen wollten oder nicht konnten, dass sie sich auch in der Zukunft nicht anpassen würden. Und die ganze political correctness wurde plötzlich für sie ein Albtraum; sie vermutete manchmal, dass die Leute heuchelten und sich in etwas hineinredeten, woran sie selber nicht glaubten, indem sie z.B. Vorsicht bei der Bearbeitung des Themas Familie anmahnten, denn die Flüchtlinge wären weit weg von ihren Familien. Sie sah eher freche, fordernde Jugendliche, die Forderungen stellten, sich irgendwelche Hirngespinste zugelegt hatten und hauptsächlich hinter ihren Handy-Spielen verschwanden. Natürlich sah sie ein, dass es sinnvoll war, die Jugendlichen zu beschäftigen, erwartete aber Respekt und ein Minimum an Anpassungswillen.

Manchmal fragte sie sich, ob man diesen jungen Menschen etwas Gutes tat, wenn man ihnen hier eine goldene Zukunft vorgaukelte. Das Problem war so komplex, sie versuchte nicht daran zu denken. Klammerte sich an die wenigen geglückten Fälle, die sie inzwischen erlebt hatte, und ermahnte ihre Schüler, sich zu bemühen, richtig und fleißig Deutsch zu lernen, alles gleich mit den Artikeln, und die Handschrift zu üben.

Auch ihre persönlichen Gründe, warum sie diese Arbeit doch so magisch anzog, waren ihr oft nicht ganz klar. Manchmal fühlte sie sich doch ausgebrannt und leer und nicht fähig, ihnen etwas zu geben; doch sie fotokopierte, überlegte, baute Kreuzworträtsel, spielte mit ihnen Sprachspiele. Eines war sicher, sie brauchte das auch für sich; sie brauchte ihre Lebendigkeit, die sie hier vermisste, ihre Direktheit und ihr einfaches Lachen über nichts und keine Hintergedanken und große Denkkapriolen, und sie konnte da, mit ihnen, der förmlichen Höflichkeit entkommen.

Dazu kam noch die Achtung den Leuten gegenüber, die mit Flüchtlingen arbeiteten, und sie litt an dem Mangel von Achtung für sie in dem Land, in dem sie inzwischen so lange lebte, für ihren Beruf; da befielen sie wiederum Zweifel, ob das denn die richtigen Gründe wären, mit den Jugendlichen arbeiten zu wollen.

Manche Kinder mochte sie sehr und freute sich, dass sie ihnen helfen würde, sich im fremden Land zu orientieren; manchmal aber merkte sie, die Familien von ihnen wussten viel besser Bescheid über Ämter und Gänge zu den Ämtern als sie selbst; sie wäre in der Situation untergegangen; sie strotzten vor Zufriedenheit und verlangten nach mehr und suchten unbeirrt alle Möglichkeit, die ihnen zustehenden Zuwendungen auszuschöpfen. Da schlich sich bei ihr ein Gefühl von Unwohlsein ein, eine kleine Gemeinheit, denn sie dachte an das Konkurrenzpotential; oder nein, es kam der Gedanke an ihre Kinder, würden sie um ihre Existenz so kämpfen können, würden sie es schaffen, sich so um das Überleben zu kümmern. Daran zweifelte sie.

Irgendwann kam das Wort Übermut, ja, das Wort spielte eine große Rolle in der ganzen Sache: war das das Erbe der Kolonialgeschichte, dass sich die westliche Welt immer doch als Retter aus allen möglichen Weltproblemen auch für die Anderen aufspielte, von denen sie aber keine Ahnung hatte. Sie spürte oft, dass die Gedanken nicht gerecht waren, dass sie Leute traf, die ganz spontan halfen und sich aufopferten, ihre Zeit den Flüchtlingen widmeten, ohne dafür etwas zu verlangen. Sie bewunderte sie, verstand manchmal nicht und aber sah einen riesigen Berg sich vor ihr und vor der Gesellschaft auftun und dann klingelte das Wort Übermut leise im Hinterkopf.

Frauenblick 11

Monika Wrzosek-Müller

Juli Zeh „Unterleuten“

„Die Klatschsucht war ein Juckreiz und das Dorf kratzte sich.“

Es gibt Sätze, die einfach bleiben, die einen festhalten und nicht sich vorwärts zu bewegen erlauben, bis man sie auswendig kennt und sich irgendwann an sie erinnert, wie an Sprichwörter. Der Roman ist so gut, dass er jetzt schon wahrscheinlich zu den Klassikern zählt, obwohl er nicht einmal ein Jahr alt ist. Die Welt im Mikrokosmos, in Brandenburg, weit weg und nah zugleich. Das Buch ist über 600 Seiten dick, trotzdem schnell zu lesen. Die Mitwirkenden sind wie auf einer Bühne, es hat etwas von einem Welttheater, einer Weltbühne an sich und es ist wie ein antikes Drama. Ein Drama, in dem die Einheit von Ort, Zeit und Handlung im Groben beibehalten wird. Das Dorf rast auf eine Katastrophe zu und wir, die Leser, werden zum Chor stilisiert, der für sich alles kommentiert und Vermutungen anstellt. Die Handlung ist an sich einfach, doch die Charaktere und Beschreibungen der einzelnen Figuren meisterhaft. Zwar steht der Titel Unterleuten (unter Leuten) für menschliches Zusammensein, doch man spürt von der ersten Seite an, dass die Gemeinschaft des Dorfes in kleinere Parteien aufgeteilt ist, die am Anfang bedingungslos aneinander hängen. Die Schriftstellerin lässt zwei Paare aus Berlin nach Unterleuten kommen und sie dann streiten; die Paarbeziehungen gehen zu Bruch; ob man an der dörflichen Realität verzweifelt, muss jeder für sich entscheiden.

Die Ankunft der Neuen führt dazu da, dass sich die Konstellationen verändern. Man ist unter Leuten und die Konflikte werden direkter ausgetragen, man sucht ein Kind zusammen mit den anderen, man hetzt einen gegen den anderen auf, man geht von Tür zu Tür und sammelt Unterschriften; die Polizei wird immer erst zum Schluss gerufen.

Es ist ein Dorf, das alles miterlebt – in den sechziger Jahren die Kollektivierung, die Enteignungen und dann die Gründung einer LPG, und nach der Wende gründen dieselben Leute einen landwirtschaftlichen Biobetrieb, der alle mit Arbeitsplätzen versorgen soll. Und es kommen die Neuen, die Zivilisationsmüden aus der Stadt, halb Intellektuelle, Naturnaive und Freunde. Sie mischen die Bevölkerung neu auf und versuchen mitzumachen und den Lauf der Dinge mitzubestimmen.

„Für Gerhard hingegen war ständig irgendwas „unfassbar“ und er selbst dabei „fassungslos“.

Damit sorgen sie für ein Ferment, das vielleicht noch bedrohlicher wird, als es das Leben mit Leichen im Keller ohnehin ist. Sie geben ihren Frust, Durchsetzungswillen, Individualismus und einfach eigene Vorstellungen noch dazu.

Und es ist die Art, wie Juli Zeh schreibt, wie sie auf den Punkt genau formuliert und keine überflüssigen Wörter verliert und das trägt auch bestimmt zum Erfolg des Buchs bei. Es fallen Sätze, die man fast Aphorismen nennen würde, die aber ganz einfach nebenbei geäußert werden, in denen viel Klugheit und Einsicht in die zwischenmenschlichen Beziehungen steckt.

Der Epilog erklärt das Unerklärbare, wie die Schriftstellerin auf diesen Sammelsurium gestoßen ist, und er rundet die Geschichte ab. Ein gutes, wichtiges Buch für unsere Zeit und über unsere Zeit.

„Draußen legt sich die frühe Nacht dem Dorf wie eine beruhigende Hand auf den Scheitel“

Frauenblick 10

Monika Wrzosek-Müller

Giorgio Morandi

Morandi kehrt immer wieder und in ganz unerwarteten Momenten zu mir zurück. Einige Bilder sehe ich diesen Sommer, ganz erschöpft, in den Vatikanischen Museen, in der Sammlung moderner religiöser Kunst, die sich den langen Korridoren über oder unter der Sixtinischen Kapelle anschließt. Die Werke sind hauptsächlich Schenkungen der Künstler an den damaligen Papst Paul VI, der die Sammlung 1973 begründete. Darunter auch zwei natura morta, meine Lieblingsbilder von Morandi, wie er sie sein ganzes Leben lang gemalt hat. Vor allem die Pastellfarben, die Schatten und die Komposition bewundere ich immer wieder (Form, Farbe, Raum und Licht). Es sind kleinformatige Bilder und nach den riesigen Tafeln und Fresken, die sich über ganze Wände ziehen, sind sie mir auch wegen des Formats sympathisch und willkommen.

Dann sitze ich mit einer Freundin in meinem neuen Wohnzimmer, das noch nicht eingerichtet ist. Ihr Blick fällt auf die zusammengestellten, fast alle weißen oder cremeweißen Vasen, Töpfe und Schüsseln, die ich auf dem alten Brotschrank aufgestellt habe; „das sollst du so stehen lassen, das erinnert mich an einen Maler“, sagt sie…Morandi, klar. Daraufhin bringe ich einen Katalog mit den Bildern von Morandi, ganze Serien von verschieden Variationen der Zusammenstellungen seiner Objekte: Kannen, Dosen, Flaschen, Tassen, Vasen sind abgebildet; wir schauen und bewundern. Mal reduziert er die Zahl der Gegenstände, mal stellt er sie eng zusammen. Am Anfang sind die Schatten auch wichtig, mit den Jahren werden die Objekte noch mehr vereinfacht, die Schatten verschwinden, die cosidetta realta [die sogenannte Wirklichkeit] (so spricht Morandi selbst von seinen Bildern) manifestiert sich dann im Licht und in der Helligkeit, wir haben fast den Eindruck, er sieht die Bilder durch eine milchige Glasscheibe; auf jeden Fall ist der Anteil an Weiß in allen von ihm benutzten Farben sehr hoch. Sie sind reduziert und doch erzählen sie von den Vorgängen in der realen Welt; Nähe, Vortritt, Hintergrund, Enge, Platz. Das alles spielt bei Morandi eine wichtige Rolle, er selbst jongliert damit, er erforscht diese Vorgänge. Angeblich sieht man in seinem Atelier Markierungen und Skizzen, wie welche Gegenstände aufgestellt werden sollen; es wird nichts dem Zufall überlassen.

Ich habe die Bilder von Morandi nachgemalt, dann auch nach ihm die Stillleben eingerichtet; die vielen Flaschen, Krüge, Vasen, Töpfe, alle in einem Ton alle zusammenpassend hingestellt. Mit den klaren Linien und eintönigen Farben ist er sehr modern und aber eigenwillig; es geht nicht nur um Ästhetik. Er will in den Darstellungen der Objekte die cosidetta realta nachvollziehbar machen. Gibt es einen Platz für zwei, oder doch für drei Gegenstände oder sollen es fünf sein. Dieses Ausprobieren und den Weg dahin zeigt er; manchmal sind die Abstände groß und es spricht mehr Kälte und Abgeschiedenheit aus den Bildern, dann wieder rücken sie alle eng zusammen, so als ob es keinen Platz mehr geben würde. Auch die Formen werden immer weiter vereinfacht von dreidimensionalen Darstellungen zu den ganz flachen Quadraten, Vierecken.

Auf jeden Fall war und ist er der wahre Wegbereiter der modernen Kunst gewesen, bei ihm lernte ich, dass die Vereinfachung so unendlich schwierig ist und dahinter viele Jahre des mühseligen Probierens liegen. Genauso, wie uns die Engelbilder von Paul Klee so einfach, leicht gekritzelt vorkommen. Die wahre Einfachheit speist sich immer aus dem großen Schatz der komplizierten Erfahrung.

morandimonika