Meine Kriege. Kindheit.

Ewa Maria Slaska

In fremden Schuhen

Ich bin nur vier Jahre nach dem Kriegsende in Gdańsk geboren, aber ich muss gestehen, dass mir das sehr lange nicht klar war. Der Krieg war so weit entfernt, obwohl er die Gegenwart vor allem bestimmte. Er war immer da. Er wurde zur Abschreckung benutzt, als Vergleichszäsur – vor dem Krieg…. nach dem Krieg; nach dem Krieg war selbstverständlich alles besser… Er lieferte den Stoff für unzählige Filme, Bücher, Bilder. Und natürlich spielten die Jungen Krieg. Er war immer da, real und irreal zugleich. Der Schrecken und die Angst waren real, er selbst aber war irreal, bedeutete nichts und hielt sich eher in meinen Albträumen auf.

Bombenangriffe, das KZ-Tor, Lichtlosigkeit, Nacht und Kälte. Und nie die Sonne. So sieht ein Kind den Krieg, vor dem es sich fürchten muss, obwohl es ihm gelungen ist, erst vier Jahre nach Kriegsende geboren zu werden.

Gdańsk war als bloßer Trümmerhaufen aus dem Krieg hervorgegangen und die Hauptaufgabe aller Polen war es, dieser Stadt ihre ursprüngliche Pracht wiederzugeben. Überall war zu hören, die Stadt sei seit Ewigkeiten polnisch. Eine polnische Stadt. Von Polen, in Polen zum Leben erweckt. Selbstverständlich also, dass das, was im Krieg zerstört worden war, sofort wiederaufgebaut werden musste. Wie es dazu gekommen war, dass von Gdańsk nur Ruinen blieben, gab es unverbindliche und nebulöse Erklärungen. Jedes Kind weiß doch, dass im Krieg gekämpft wird und dass die Kämpfe Ruinen hinterlassen. Das Szenario lieferte den naiven Kindervorstellungen das Schicksal Warszawas: Die bösen Deutschen hatten die Stadt zerbombt, ihre Bewohner verschleppt, dann kamen die Russen, befreiten die Stadt und holten die Polen wieder zurück, und diese fingen sofort an, ihre Stadt wiederaufzubauen. So ist es in Warszawa gewesen. So musste es logischerweise auch anderswo sein. Zum Beispiel in Gdańsk.

Ich liebte Gdańsk.
Ich liebte die alten, wiederaufgebauten Gassen mit den schmalen Giebelhäuschen, den gotischen Kirchen und den Möwen an der Motlau.
Ich liebte es, aus Wrzeszcz nach Gdańsk zu fahren. Zusammen mit Tante Karolina fuhren wir mit der Straßenbahn, einer altmodischen Rumpelkiste, die an jeder Ecke die Luft mit kläglichen Rufen nach notwendigen Reparaturen erfüllte, in die Długa-Straße, zum Café Rokoko, das in ganz Gdansk für seine heiße Schokolade berühmt war. Die schmeckte zwar wie der Sonntagskakao zu Hause, wurde aber in echten Porzellantassen serviert und nicht in einem groben Becher, wie es sonst üblich war. Allein das Wort heiße Schokolade regte meine kindliche Fantasie an. Ich stellte mir vor, ich sei die Marianne aus dem “Nussknacker”, für die die sieben kleinen Prinzessinnen den königlichen Trunk aus geschmolzener Schokolade zubereiten. Die Einmaligkeit dieses Ortes wurde noch durch die Marmortischchen unterstrichen, die in keinem anderen Kaffeehaus der Stadt zu finden waren. Das Schokoladetrinken war zu einem Ritual geworden. Wir saßen immer am selben Tisch, umhüllt von den Sonnenstrahlen des angebrochenen Frühlings, betrachteten das Leben der Hauptstraße draußen, wechselten kaum ein Wort miteinander, tranken unsere heiße Schokolade, wir zwei Frauen: die kleine Marianne in Begleitung einer Hofdame.
Ich liebte es, ans Meer zu fahren. Besonders im Winter war die See beeindruckend. Die grauen Sturmwellen prallten gegen die Kais und Molen, ergossen sich über den Strand und überschwemmten die Rosenhecken. Die Welt verewigte sich im Grau. Und wie es auf einem Grisaille-Bild üblich ist, gab es keine anderen Farben außer Grau und keine anderen Klänge außer dem hohen Gekreische der grauen Möwen. Schwere Wolken hingen tief über der See, als ob sie die zur Gänze vereiste Oberfläche der Danziger Bucht fegen wollten. Eingefrorene Wellen türmten sich auf wie mächtige grauweiße Berge. Kleine schwarze Figürchen gingen in der weißgrünen Ferne spazieren. Wie ein Bild von Breughel sah es aus. Konkret, massiv, widerständig. Es war immer mein Traum, klein zu sein und in einem Bild zu leben.

Von den Russen war nie die Rede. Das heißt – schon, aber nur in der Politik. Die Politiker sangen stets das Loblied der Befreier, unserer Freunde und Brüder. Die Politiker waren aber nicht ernst zu nehmen, sie waren unvermeidlich, man konnte sie nicht loswerden, aber man hörte ihnen nie zu. Ebenso wenig wie in der Kirche dem Priester.
Ich jedenfalls tat es nie.
In derselben Herz-Jesu-Kirche, die auch Günter Grass beschrieben hat, betrachtete ich mir Sonntag für Sonntag die farbigen bleigefassten Fenster und hörte die Stimme des Priesters, und ich brachte es fertig, nichts zu verstehen. Weder vom Gesagten noch von den Bildern. Als ob ich ewig schliefe, nahm ich meine Welt nicht wahr. Ich tat nur so als ob. Vielleicht träumte ich tatsächlich nur.

Wie auch immer… trotz der Propaganda im Kindergarten, im Kino, im öffentlichen Leben und trotz der wöchentlichen Kirchenbesuche wuchs ich als eine regelrechte Heidin und zugleich als ein unpolitisches Wesen auf. Was die Religion betrifft, spielte ich gedankenlos mit. Die Rituale machten mir Spaß. Weihnachten, Ostern… Für kurze Zeit wurde ich sogar geradezu fanatisch, ich marschierte mit weißen Kunststofflilien in der Fronleichnamsprozession rund um die Stadt mit, ich verlangte von meinem Vater, dass er in die Kirche gehen müsse, sonst würde er in die Hölle kommen, aber der Inhalt der Religion blieb mir verschlossen. Ich ergründete und verstand ihn nie.
Mit der sozialistischen Indoktrination war es noch einfacher, weil ich sie zwar ebenso wenig ergründete und verstand, aber das auch nie vorgab. Nie bestrafte man mich dafür, dass ich mich nicht für Politik interessierte und nirgendwohin gehörte. Später, schon erwachsen, wusste ich mit stolzer Selbstverständlichkeit, zu erzählen, dass ich nie eine Mitläuferin war. Das klang gut und oppositionell. Nun, das war eine verlogene Viertelwahrheit, weil ich zwar tatsächlich nie eine Mitläuferin war, aber man hatte mich auch nie dazu genötigt. Meine politische Tapferkeit war nie auf die Probe gestellt worden. Sie war nur da, weil ich ganz einfach ein unbewusstes, politisch unaufgeklärtes Wesen war, das keine Ahnung hatte.

Es ist eine milde Juninacht in Berlin. Ich gehe zu Fuß nach Hause. Ich brauche Zeit, weil ich dringend über Gerda nachdenken muss.
Zuerst sind da die Katzen. Die dunkle Wohnung, früher einmal bestimmt vornehm, jetzt in einem verwahrlosten Zustand. Eine sehr große, dunkle Wohnung. Das Badezimmer mit einer gusseisernen Badewanne, die auf vier Löwenpfoten steht. Ein riesengroßes Katzenklo. Und der Gestank. Wie im Zoo.
Ich sitze auf dem Klo und kämpfe damit, mich nicht meinen Kindheitserinnerungen zu überlassen. Ich verdränge sie, mir ist übel und schwindelig, der Bauch tut mir weh, ich habe Kopfschmerzen. Das Klo ist gelblichgrau, die Schüssel innen mit einem Spinngewebe alter Risse geziert. Ein blaues Blumenmuster schmückt die Toilette, das alte Prachtstück einer preußischen Offizierswohnung. Ein kubischer Wasserbehälter aus Metall mit einer herabhängenden Kette, die sich lautlos hin- und her bewegt, am Ende mit einem Porzellangriff versehen. Der Griff ist weiß, ebenfalls mit blauem Blumenmuster und mit diesen albernen blauen Buchstaben darauf: ZIEHEN. In unserem Haus in Wrzeszcz hat es genauso ein Badezimmer gegeben, mit einer gusseisernen Badewanne und einem weißblauen Klo, das für uns Kinder ZIEHEN hieß.
Dass das ein deutsches Wort war, wussten wir nicht. Das Deutsche war uns fremd, die Sprache der Autochthonen, der unbekannten Menschen, die uns wie die Wilden während einer exotischen Weltausstellung vorkamen. Nie im Leben haben wir diese berüchtigten Autochthonen gesehen, sie waren nur ein Grund, um Angst zu haben. So pflegten immer Joannas Brüder zu behaupten. Die mochten uns überhaupt nicht, machten uns Angst, erzählten Geschichten von Autochthonenhexen, die kleine Mädchen lebendig auffressen. Jungen würden jedoch verschont; weshalb, sagten sie nicht. Sie nannten uns die SJEHENY, so liest man das Wort ZIEHEN auf Polnisch. Das Ypsilon am Ende bildet den polnischen Plural.
SJEHENY. Abscheulichen Tiere. Wie Hyänen. Einmal haben die Jungen irgendwo eine tote Katze entdeckt und sie zuerst seziert und dann im Badezimmer versteckt. Vielleicht wollten sie das Tier beseitigen, noch bevor die Eltern nach Hause kamen, oder der Kadaver wurde doch absichtlich für uns da platziert. Jedenfalls musste ich aufs Klo, stolperte über das arme Tierchen und fiel um. Ich beschmierte mich mit Blut, es stank, ich übergab mich und wurde ohnmächtig.
Diese SJEHENY haben mich nach 40 Jahren in Berlin heimgesucht. Sie kamen mit dem Katzengestank im Gerdas Badezimmer. SJEHENY sind immer mächtige Bestien gewesen. Wir hatten immer Angst, Joanna und ich, denn wir wussten, dass uns der Name mit einer böswilligen Absicht gegeben worden war. Denn tatsächlich gehörte er jemand anderem.
Ich brachte Gerda einen Blumenstrauß mit. Langsam gingen wir durch ihre Wohnung. Gerda öffnete die Zimmertüren und erklärte mir, was wir sahen. Das Arbeitszimmer… alte Zeitschriften, Schallplatten, Schulbücher. Das Katzenzimmer. Sie hatte zehn Katzen, was natürlich das Ausmaß ihres Katzenklos hinreichend erklärte. Das Esszimmer, ein riesiger Raum mit einem übergroßen Eichentisch, der mit Tischtuch aus altersgrauem Damast bedeckt war. Der Tisch war immer gedeckt. Für zwanzig Personen, mit feinstem Porzellan. Das Schlafzimmer mit einem Himmelbett in Silbergrau. Allmählich wurde mir übel und plötzlich spürte ich die alte Angst in mir emporkriechen. Gerda stand da, groß, kräftig, blond. Oder nur grau? Eine Walküre der Überlegenheit. Sie wusste von meiner Angst, dessen war ich mir sicher, und beobachtete mich forschend, als ob sie feststellen wollte, wie lange ich es aushalten würde. Ich musste sofort aufs Klo. Aufs Klo und die Tür schnell zu machen.
Sie ist ein Monster, eine Hexe, eine Schlange. Ich kenne sie. Sie ist immer da gewesen, wo sie hingehört, in meine Albträume. Die gefürchtete Autochthonenhexe. In meiner Kindheit hätte sie als Vorhut der Deutschen dienen können, die zwar den Krieg verloren hatten und fortgejagt worden waren, sich aber alles zurückholen wollten, was ihnen einmal gehört hatte. Sie lauerten in der Dunkelheit hinter einer eisernen Grenze, wie Kreuzritter bewaffnet.
Oder war Gerda eine unbekannte Geliebte meines Vaters, die – auch in der Dunkelheit – geduldig lauerte, bis wir alle tot waren. Sie wollte uns auffressen, mit Lebkuchen vergiften, mit Schokolade überziehen.
Diese imaginäre und doch bedrohliche Geliebte meines Vaters war für mich eine deutsche Frau, und dadurch, dass sie deutsch war, musste sie auch für die Judenvernichtung verantwortlich sein, und dies schien uns als das Schlimmste, was wir je gehört hatten. Mit den Juden war es sowieso kompliziert und unklar. Keiner wusste genau, wer sie eigentlich gewesen waren und warum sie ermordet wurden, aber so wenig reichte, um diese albernen Assoziationen in der Schule hervorzurufen: schwarzes Haar – Juden, krauses Haar – Juden, blasses Gesicht – Juden, Sommersprossen – Juden, gute Noten… Au weia! Eine Nase, ein Mund, die Augen, die Ohren, alles könnte den Juden gehören und ein Zeichen dafür sein, dass sie von den Deutschen sofort umgebracht würden, wenn sie kämen.

Mit den Polen wäre es nicht so einfach. Gegen Polen haben die Deutschen den Krieg verloren, Hitler und Eva Braun mussten sich umbringen, in einem Bunker… bei uns im Hof gab es auch einen Bunker… war es da geschehen? Falls die Deutschen, von der Gerda-Walküre-Autochthonenhexe geführt, zurückkommen sollten, würden sie garantiert vor den Polen Respekt haben. Wäre man aber verdächtig, ein Jude zu sein, würde man erstens nicht existieren, da die Juden bereits von den Deutschen vernichtet worden waren, zweitens aber wäre man doch der unmittelbaren Gefahr ausgesetzt, sofort und bedingungslos umgebracht zu werden, und zwar auf eine Weise, die einem Kind grausam und geheimnisvoll vorkam. In einer Gaskammer oder in einem Ofen. In einer Küche? Mit Gasherd? Die Gefahr, von den Deutschen, wenn sie kommen würden, und es war sicher, dass sie kommen würden – von den Deutschen also wegen der eigenen Nase oder den Augen als Jude bezeichnet und deshalb vernichtet zu werden, schien jedoch für ein Mädchen unwahrscheinlich. Es war nämlich stets nur von den Juden die Rede, von den Männern also. Die Jüdinnen schienen nicht zu existieren, was zu dem nie besprochenen Bild eines Krieges passte, da Krieg nur Männersache sein darf, Mädchen sind ausgeschlossen. Erst in einem Kinderspielchen tauchten auch die Jüdinnen auf.

Jedzie, jedzie pan,
na koniku sam,
a za panem chłop,
na koniku hop,
A za chłopem Żyd,
na koniku myk,
a za Żydem Żydóweczki,
pogubiły patyneczki,
piasek piasek piasek
kamienie kamienie
dóóóół
Es reitet der Herr,
ganz allein zu Pferd,
ihm folgt der Bauer,
auch zu Pferde, hop,
ihm folgt der Jude
auch zu Pferde hin,
dann die Judenmädchen
verlierend die Pantinchen.
Sand Sand Sand
Steine Steine Steine
Pluuuumps

Aber ein Kind konnte unmöglich die frohen Jüdinnen ohne ihre Pantinchen mit den von den Deutschen ermordeten Juden in Verbindung bringen.

Die SJEHENY, ein Wort das uns wie Hyänen, wie Friedhofshyänen vorkam, liefen gewöhnlich dem Gold hinterher. Auch Zahngold. Schrecklich und dazu noch die Habgier! Die Habgier, die sich in unseren überideologisierten Zeiten nicht entschuldigen ließ. Zum ideologischen Reichtum der polnischen Nachkriegsarmut fügten meine Eltern persönlich noch etwas hinzu, sie meinten, es sei unanständig, Besitz anzustreben. Es sei geschmacklos und passe nicht zu den Intellektuellen. Dies verstand ich zwar genauso wenig wie die Geschichten über Friedhofshyänen, ich war aber fest entschlossen, mich nie und nirgendwo als eine geschmacklose Person darzustellen, weil das gleichzeitig lächerlich war. Lächerlich waren zum Beispiel zu stark angemalte, große Blondinen. Besonders ihre Lippen unter einer dicken Schicht von rotem Lippenstift waren überaus geschmacklos. Die Ehemänner solcher Frauen waren nicht zu beneiden, sie ärgerten sich oder aber trugen ihre Last mit Würde.
Gerda. Ich kenne sie. Ja. Ich kenne sie vielleicht zu gut. Sie ist meine ewige Begleiterin gewesen, mein gehasstes Zweites Ego, meine Peinigerin. Immer hatte ich Angst vor diesen effizienten, autarken blonden Frauen, die mir so überlegen waren. Und ihren Mund knallrot malten.

Ich stehe auf einem Hügel im Wald. Es ist dunkel und kalt. Ich weiß, wo ich bin und wie ich nach Hause gelangen kann, aber ich bin gelähmt. Ich muss also warten, bis jemand kommt, der mich nach Hause schafft. Von fern höre ich zwei Männer kommen. Ich weiß, dass ein Mädchen Angst vor fremden Männern haben sollte, ich bin aber nicht verängstigt, da ich auch weiß, dass einer der beiden Männer mein Vater ist. Sie kommen näher und ich freue mich, weil ich nach Hause möchte, doch sie sehen mich nicht, sie diskutieren weiter, biegen dem Pfad folgend ab und entfernen sich, um in dem dunklen bewaldeten Tal zu verschwinden.
Dieser Traum wiederholte sich mit grausamer Regelmäßigkeit, mich immer wieder auf meinem einsamen Hügel im dunklen Wald allein lassend. Endlich, nach Jahren, gelang mir die träumerische Fortsetzung dieser Geschichte. Aus der Finsternis des Waldes tauchte eine große blonde Frau auf, die zu mir kam, meine Hand nahm und mich nach Hause brachte. Nur: zu Hause gab es keinen Platz mehr für mich. Alle Zimmer waren von fremden Menschen in Besitz genommen worden und diese blonde Frau war die Chefin des Ganzen, oder die Königin, wer weiß? Sie schaffte mich nach Hause, um mir zu zeigen, dass ich kein Zuhause mehr hatte. Ich begriff es. Klar. Es war nichts dabei, dass ein Mädchen nicht begreifen konnte. Ich hatte doch das Märchen von Aschenputtel gelesen. Mein Vater hatte jetzt eine neue Frau. Sie war meine Stiefmutter und bekanntermaßen haben es Mädchen bei Stiefmüttern sehr schlecht. Nie fragte ich in diesem Traum, was mit meiner Mutter geschehen war. Und nie wieder tauchte mein Vater in diesem Haus auf.
Ich träumte sehr oft davon, dass mein Vater auf meine Hilferufe nicht antwortet. Immer wieder lief ich suchend, flehend auf ihn zu und er stand da wie eine steinerne Figur.
Ich war sieben Jahre alt. Ich stand in der Küche und sah eine Axt auf dem Küchentisch liegen. Ich sah mich, wie ich die Axt in die Hand nahm und ins Zimmer ging, um meinen Vater umzubringen. Nein. Das war nicht ich. Irgendetwas in mir wollte das imaginäre Beil erheben und zuschlagen. ICH wollte es doch nicht!

Ansonsten war ich immer eine Vater-Tochter.

Mit dem Küchentisch aus meinem kindlichen Tagtraum schwenken meine Gedanken zurück in Gerdas Wohnung. Welche unglaubliche Idee, in einer Wohnung einen prächtig gedeckten Tisch für zwanzig Personen herzurichten.
Wir unterhielten uns, was hätten wir sonst machen sollen? Dafür hatten wir uns ja getroffen. Sie lebt allein. “Ein Mann, der meine Katzen nicht akzeptiert, wird von mir auch nicht akzeptiert”, sagte sie. Die Katzen als die Herausforderung, die Katzen als die Drachenmutproben, denen der sich die Bewerber um die Hand der Prinzessin stellen mussten. Oder saßen die Prinzessinnen eingeschlossen in einem Turm und man musste die böse Stiefmutter besiegen? Andere Prinzessinnen schliefen in einem Glassarg, wurden hinter einer Rosenhecke verborgen, besiedelten einsame Inseln hinter den sieben dunklen Wäldern oder residierten auf dem Gipfel eines Glasberges.
Ich habe Sie erwischt, Gerda!
Sie haben an Ihrem kühlen Berg auf die Bewerber gewartet. Sie kamen in Scharen, die Ritter, und scheiterten an den Glashängen des Berges. Sie selbst haben aber inzwischen Ihr Schloss eingerichtet, um den Erlöser fürstlich willkommen zu heißen. Sie haben den Tisch für die königliche Hochzeit gedeckt. Und es kam niemand, der Sie und Ihre Katzen erobern konnte. Und jetzt sind Sie eine enttäuschte und dadurch kaltblütige Furie geworden. Ein Alb. Ein Albtraum. Eine Walküre, die die Männer in die Hölle begleitet und die kleinen Mädchen auffrisst.
SJEHENY. Auf dem kalten blau-weißen Klo-Thron sitzende Albkönigin meiner Kindheit, der die Jungen Katzenopfer darbrachten, um nicht selbst von ihr gefressen, kastriert zu werden. Der die Männer kleine Töchterchen zum Opfer bringen, um von ihr verschont zu bleiben. Die kleinen Jüdinnen unterliegen müssen. Hop hop Judenmädchen, wo sind eure Pantinchen?
Es ist doch kalt, es ist kalt.
Wir unterhielten uns. Ich erzähle ihr von den Autochthonen und von meinem Haus, das auch ein Autochthone war. “Poniemiecki” sagte man damals: “ehemals deutsch”, was ein Kind aber eher als: “nach-deutsch” verstand. Das bedeutete nicht viel. Und das machte auch nichts, weil ein Kind sich kaum Fragen stellt, die die Vergangenheit betreffen. Vergangenheit existiert nicht, weil wir in ihr nicht existierten. Wir waren Neuankömmlinge, nicht nur im historischen Sinne, sondern auch rein biologisch, weil wir nachgeborene Kinder waren.

Das “poniemiecki” Haus war eine zweistöckige Villa mit tief heruntergezogenem Dach, zwei runden Türmchen, zwei Erkern und einem Seiteneingang mit kleinem Treppenlauf, einem gusseisernen Geländer und einem schrägen Vordach aus Glasplatten in dünnen bleiernen Rahmen. Licht drang durch das bleigefasste Fenster auf dem Treppenabsatz. Weiß, gelb und lila fiel es durch das Jugendstilmuster aus fantasievollen, eckigen Blumen.
Rechts vom Flur ging man ins Zimmer von Onkel Wiktor, dem pensionierten Beamten, der ein leidenschaftlicher Schnitzer war und Häuschen mit winzig kleinen Fenstern, Erkern, Giebeln und Türmchen aus weichem Lindenholz schnitt. Die mittelalterliche Stadt Danzig auf dem Tisch meines Onkels verkörperte für mich die einzig wahre Schönheit der Vergangenheit und ihre einzig schöne Wahrheit. Dies war eine Art historischer Existenz, die ich verstand.

Es war einmal eine Stadt Gdańsk, die den Musiker Johann Sebastian Bach als Kapellmeister nicht anstellte, weil er dem mächtigen Stadtrat nicht gut genug schien.
Es war einmal eine Stadt Gdańsk, die nach zweihundert Jahren unter der Herrschaft der Kreuzritter eigenständig die Entscheidung traf, sie wolle lieber dem Königreich Polen als dem Orden angehören.
Es war einmal eine Stadt Gdańsk, die noch dreihundert Jahre später den Jahrestag der Rückkehr zu Polen feierte. Sie ließ eine große Kantate für Chor und Orchester komponieren und es störte niemanden, dass die Lieder auf Deutsch geschrieben waren.
Es war einmal eine Stadt Gdańsk, in der Deutsche, Polen, Holländer, Juden und Schotten friedlich unter der wohlwollenden Obhut des polnischen Königs miteinander lebten.
Es war einmal eine Stadt Gdańsk, in schwarzen Samt und weiße Spitzen gehüllt, mit Bernsteinringen verziert, von fetten weißen Fischen ernährt, mit süßem rotem Wein getränkt, die nach Pfeffer, Nelken und Zimt duftende Stadt meiner Fantasie.

Im Garten vor unserem Haus befand sich eine Statue für die Poesie. Oder die Liebe? Man konnte nicht sicher sein, sämtliche Züge hatte die Verwitterung abgerundet und durchlöchert. Die kleinen orangen Flecken von Flechten und Moos vollendeten dieses Gartenkunstwerk, das – wie das Haus – ebenso “poniemiecki” war und dadurch als etwas angenehm Interessantes und Untypisches wahrgenommen wurde. Dies erfuhren wir erstmals in Warszawa. Als wir die modernen sozialistischen Betongebäude sahen, begriffen wir, dass es ein Privileg war, in einem “poniemiecki” Haus wohnen zu dürfen. In Warszawa waren die Häuser rein polnisch, und nur die Ruinen waren von Deutschen verursacht.
“Sind die auch poniemiecki?”, fragte ich mich – um zu erkennen, dass das nicht sein konnte. Die Ruinen bewiesen natürlich die deutsche Grausamkeit, das schon. In Warszawa war alles abgebrannt und wirkte deprimierend. Aber “poniemiecki” in diesem geheimnisvollen Sinne, den wir aus Gdansk kannten, waren die Ruinen in Warszawa nicht. Nur das, was die Deutschen selbst hergestellt hatten, durfte “poniemiecki” sein.
Na schön.
Die Ruinen Warszawas mischten sich in meine ewigen Albträume von den Städten, die verbrennen, und von den Öfen der bösen Hexen, vor denen man nackt Schlange stehen muss.

Man erzählte, dass unser Haus mal eine Arztvilla gewesen war. Mal – das heißt in irgendeiner Vergangenheit. Dann erwähnte Tante Karolina beiläufig, dass der Arzt ein Deutscher war.
“Was?” – fragte ich empört. – “Wie meinst du das?”
“Vor dem Krieg haben hier Deutsche gewohnt.”
„WOOO?!”
“In Gdańsk.”
“WIESO?!”
Ich war durcheinander. Ich wusste doch, dass Gdańsk eine seit Ewigkeiten polnische Stadt war. Das wusste doch jedes Kind. Und die Deutschen hatten hier nichts zu suchen. Außer im Krieg, selbstverständlich. Der Krieg war sowieso eine böse Angelegenheit, diente einzig dem Zweck, die Menschen auf grausamste Weise umzubringen und die deutsche Blutgier zu sättigen. Ein deutscher Arzt, noch dazu Bewohner eines Hauses, passte mir nicht ins Bild. Ich ging nach draußen. Ich musste mir das alles neu überlegen.
Die Deutschen haben also hier gewohnt. Und dann sind sie verschwunden. Aber nicht ganz. Die, die geblieben sind, heißen Autochthone. Ein Tag der Erkenntnis. Endlich wusste ich, wer die Autochthonen waren. Und nun nahm das Wort “poniemiecki” ganz neue Farben an.
Beim Abendessen fragte ich wieder:
“Heißt das, Deutsche haben in unserem Haus gewohnt?”
“Ja.”
“Und wo sind sie jetzt? Gestorben?”
Diejenigen, die damals – in der Vergangenheit – gelebt hatten, waren schon gestorben. Klar. “Wer weiß? Vielleicht sind sie geflohen.”
“Vor wem?”
“Vor den Russen.”
“Vor den Russen? Vor den BEFREIERN?!!”
Tante Karolina schwieg. Und ich bohrte hartnäckig weiter.
“Und wohin?”
“Nach Deutschland, nehme ich an.”
“Und da sind sie gestorben.”
“Wieso? Das ist doch erst zehn Jahre her.”
Zehn Jahre! Und ich selbst war schon sechs Jahre alt. Komisch.
Am nächsten Morgen machte ich mich daran, das Haus mit neuen Augen zu besichtigen. Das deutsche Haus. Hier hat vor zehn Jahren ein Arzt gewohnt. Und dann wurde ich geboren, und der Arzt ist verschwunden. Komisch.

Ich sehe mir alles genau an. Das Treppenhaus mit dem schwarz-weiß gekachelten Boden, das Jugendstilfenster, die Statue im Garten. Ich öffne die Tür zum Kontor von Herrn Jaworski. Erst jetzt spüre ich den Geruch von Medikamenten, der über die Jahre in diesem Raum hängengeblieben ist. Der Arzt ist nicht mehr hier, die Medikamente sind verschwunden, aber der Duft bleibt, beständiger als alle substantiellen Formen der Existenz. Ich stehe im Kontor und rieche das Aroma der Vergangenheit.
“Na, Kleine, was machst du hier?”, fragt Herr Jaworski freundlich. Er ist groß und dick. Ich habe ein bisschen Angst, weil er trinkt. “Na? Suchst du hier etwas?”, fragt Herr Jaworski.
“Ja”, nicke ich. “Die Deutschen.”
“Das sind die Deutschen”, sagt Herr Jaworski und zeigt mir ein Bild an der Wand. Eine grüngraue Landschaft mit einem Zaun, einem Tor, einer Esse. “Auschwitz”, sagt Herr Jaworski. Ich nicke verständnisvoll.
“Ja”, sage ich, “aber Tante Karolina meint, die waren hier, die Deutschen.” “Na klar”, sagt Herr Jaworski.
Meint er das, was ich meine, wenn er “ja” sagt? Meint er auch die “normalen” Deutschen und nicht die Soldaten?
“Wo sind sie jetzt?
“Weggejagt. Die Unseren sind gekommen und haben die verdammten Deutschen weggejagt. Recht hatten sie.”
Richtig, die musste man ganz einfach wegjagen. Die bewaffneten Deutschen in ihren feldgrauen Uniformen. Nur die ganz Alten mit ihren schwarzen Samtkaftanen und weißen Spitzkragen, die durften verschont bleiben. Die mag ich doch.
“Haben Sie die Deutschen gesehen? Die von hier?”
“Ja.”
Jetzt bin ich schon sehr vorsichtig. “Haben die das Haus hier gebaut?”
“Ja.” Also doch.
“Und die anderen Häuser?”
“Die auch. Hier haben reiche Leute gewohnt. Hast du mal ihre Sachen gesehen? Es sind noch welche hiergeblieben.”
Er führt mich zu einem kleinen verriegelten Verschlag unter der Treppe. Ein Vorhängeschloss hängt da seit eh und je. Wir haben uns nie gefragt, was da drin sein mag. Herr Jaworski gibt mir jetzt einen Schlüssel.
“Mach auf.”
Drinnen ist Spielzeug. Ich schaue Herrn Jaworski an. Er nickt und geht an seine Arbeit. Ich hole mir die Sachen aus dem Kämmerchen heraus. Eine Geige. Ich nehme sie in die Hand und versuche zu spielen. Ein schreckliches Gejammer ruft nicht nur Herrn Jaworski, sondern auch Frau Jaworska mit Joanna auf den Plan. Joanna ist zwar jünger als ich, aber sie ist meine einzige Spielgefährtin. Das Haus ist klein, nur vier Familien wohnen hier und nur zwei davon haben Kinder.
“Darf Joanna mitspielen?” – frage ich.
Ich lege die Geige zur Seite, und wir holen uns die nächsten Gegenstände aus dem Versteck. Eine Puppe, blond und blauäugig. Eigentlich ist diese Puppe sehr schön, aber es ist etwas Schreckliches an ihr, was uns Angst macht. Ihre Haare fallen aus. Ein Auge sitzt viel tiefer als das andere, wie in einem schwarzen Loch. Ich werfe die Puppe beiseite, nach einer kurzen Weile hole ich sie aber zurück. Komisch, man kann sie nicht wegwerfen. Sie liegt neben uns, als wir uns an die anderen Schätze in dem Versteck heranmachen. Ein paar Bücher mit Bildern. Struwwelpeter. Sein Haar sträubt sich bis zur Decke, und seine Fingernägel sind lang und spitz wie Messer. Die Buchstaben in dem Buch sehen eigenartig aus. Ich kann eigentlich schon lesen, aber diese Bücher lassen sich nicht lesen. Ich erkenne nicht einmal die Formen der Buchstaben. Wir können nur die Bilder anschauen. Wir holen uns die Brettspiele heraus. Ein paar kennen wir: Mühle, Mensch ärgere dich nicht, Gänseweg, Halma. Es gibt aber eins, das vollkommen anders ist. Ein magnetisches Spiel, dessen Besonderheiten wir erst mühsam entdecken müssen. Es macht aber Spaß. Man braucht nur die Platte von unten mit einem Magneten zu streichen, und schon werden die kleinen Figürchen oben beweglich. Es ist die Geschichte von Hänsel und Gretel in Bildern: das Häuschen, in dem Hänsel und Gretel gelebt haben. Der Weg durch den Wald. Ein Lebkuchenhaus. Die Hexe. Der Ofen. Der Käfig. Die böse Hexe steckt Gretel in den Ofen. Der tapfere Hänsel befreit seine Schwester und nun stecken die Kinder die Hexe in den Ofen. Die Tür knallt, als sie zugemacht wird. Die Hexe sitzt jetzt im Ofen und wird gebacken. Recht so! Das Böse wird bestraft, das Gute hat gesiegt. Die Gerechtigkeit verlangt es. Sie erlaubt einem Kind, eine böse Hexe zu töten. Es ist nichts Schlimmes dabei, einen Ofen zum Töten zu benutzen.
Hänsel ist blond, dünn und blauäugig. Wie die Puppe.
Nachts träume ich von Hänsel. In einer graugrünen Landschaft reitet er auf einem Ross. Jetzt wird die Hexe bestraft. Sie ist alt und nackt. Hat schwarzes Haar und eine Hakennase. Man nimmt ihr ihre Goldzähne weg. Sie hat ganz viele Goldzähne in ihrem Mund.

Das Spielzeug lässt mich nicht mehr los.
“Wer hat damit gespielt?” – formuliere ich endlich meine Frage. Tante Karolina ist erstaunt.
“Ich glaube, die Tochter.” Der Arzt hat also eine Tochter.
“Ist sie ein Kind?”
“Sicher.”
Waren die Deutschen auch Kinder? Ist das überhaupt möglich? Die Deutschen, das sind die Kolonnen der gesichtslosen Soldaten, die gen Osten marschieren und im Schnee sterben. Die Deutschen, das sind schwarzuniformierte Wächter in einem KZ, die man nie ohne ihre Hunde sieht. Die Deutschen, das sind die Flugzeuge, die Bomben werfen. Das sind die Roboter, die brüllen, die schreien, die bellen wie ihre Hunde.
Es ist schon schwierig genug, sich einen Deutschen als Arzt vorzustellen. In einem normalen Haus und nicht in einem Schützengraben, in einem weißen Kittel und nicht gestiefelt, behelmt, gepanzert.
“Ein Mädchen?” – frage ich noch einmal, obwohl die Tante es mir schon gesagt hat.
“Ich nehme an, ein Mädchen.”
Ein Deutscher, der ein kleines Mädchen gewesen ist. Nicht ein deutsches Mädchen. Nein. Ein Deutscher, ein Erwachsener, ein Mann, der plötzlich klein und weiblich geworden ist – ein Mädchen.

Ich nehme ihre Puppe in die Hand. Sie hat mit dieser Puppe gespielt. Ich hätte auch gern so eine schöne Puppe gehabt. Aber meine eigene. Mit dieser Puppe möchte ich nicht spielen. Ich kann sie aber auch nicht wegwerfen. Sie ängstigt mich. “Joanna” – sage ich entschieden – “wir begraben diese Puppe. Sie ist tot.”
Joanna macht sowieso alles, was ich vorschlage. Aber sie liebt es, immer Fragen zu stellen.
“Woher weißt du, dass sie tot ist?”
“Sie ist tot, siehst du nicht? Ihr Herz klopft nicht.”
“Und wie heißt sie?”
Wie kann eine deutsche Puppenhexe, die schon tot ist, heißen?
“Adolfa” – sage ich nach einer Weile. So kann keine Polin heißen.
Und so wird Adolfa begraben. Ganz so, wie es sich gehört. Auf einem deutschen Friedhof, der ein paar Straßen von unserem Haus entfernt liegt. Wir brauchen nur Eleonora, mein Kindermädchen, zu überreden, dass wir gern mal wieder auf dem Friedhof spielen würden. Der Friedhof ist noch ganz in Ordnung. Die Gräber sind ordentlich gepflegt, obwohl nicht so herausgeputzt wie die unseren auf einem anderen Friedhof im Königstal. Im Frühling blühen auf dem deutschen Friedhof unzählige Leberblümchen, und wir pflücken sie so gern, um die kleinen Hauskapellen zu dekorieren, die wir für Maria in der Kirche gebastelt haben. Ich streue die Blümchen über das ganze Papiergebäude.

“Die Muttergottes wird sich freuen” – verkünde ich laut und bin mit mir zufrieden. Dies ist eine gute Tat, und gute Taten liegen mir am Herzen. Bald kommt die Fastenzeit und wir werden unsere guten Taten in ein kleines Büchlein eintragen. Ich besitze sogar zwei Oktavhefte, in die ich meine guten Taten schreibe: eines für die Schwester Julia in der Herz-Jesu-Kirche, die uns in Religion unterrichtet, und ein anderes für Frau Helenka, unsere Erzieherin im Kindergarten. Nicht alle guten Taten taugen dazu, zweimal eingetragen zu werden. Den Unterschied zwischen dem Kindergarten und der Kirche begreife ich schon. Das mit den Leberblümchen lässt sich nur einmal eintragen. Schade. Frau Helenka und Schwester Julia mögen sich nicht, nehme ich an, obwohl mir das niemand gesagt hat.
“Worauf wird sich die Muttergottes freuen?” – fragt Tante Karolina.
“Auf die Blumen.”
Sie freut sich an allen unblutigen Opfern, die wir ihr bringen. So meint Schwester Julia. Ganz anders als der Herrgott, der das Opfer Kains nicht gerne sah. In der Zeit meiner tiefsten religiösen Hingabe nehme ich die biblischen Regeln ganz ernst: “Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen.” Das mit dem Opfer Kains kapiere ich nicht, mit den Blumen scheint mir alles besser und feierlicher zu sein als mit einem getöteten Schaf, und so lerne ich zum ersten Mal, dass es einen gewichtigen Unterschied zwischen einem Mann und einer Frau gibt. Die Muttergottes freut sich offensichtlich an den Blumen und der Herrgott eben nicht.
So ist das Leben.

Ich nehme Adolfa mit, in ein Tuch gewickelt, zur Beerdigung vorbereitet. Ich halte es allerdings nicht für nötig, Eleonora zu erzählen, was wir vorhaben. Eleonora ist ein munteres Mädchen aus der Kaschubei, hat zwei dicke, blonde Zöpfe und rosige Wangen. Sie ist 17, freut sich, in der Stadt arbeiten zu dürfen und hat keine Ahnung, weder von städtischen Erziehungsmethoden noch von meinen Ideen. Und so soll es auch bleiben. Sie ist sehr nett, erzählt uns kaschubische Märchen über den Purtek-Wassermann, über Seeteufel und die kleinen Nixen, die tief im Kaschubischen Meer ihr Schloss haben, in das sie das Mädchen Zazulka locken. Die kaschubischen Märchen sind immer fröhlich. Die Hexen, Teufel und Dämonen helfen den Armen und mögen die Reichen nicht. Und Zazulka kommt glücklich wieder aus dem Wasser und heiratet ihren treuen Fred, der sie so unermüdlich gesucht hat. Und sogar die Reichen müssen es billigen.
“Wer sind die Reichen?” – frage ich.
“Die Deutschen” – sagt Eleonora. Dann denkt sie eine Weile nach und fügt hinzu: “Und die Polen.”
Ein kaschubischer Standpunkt. Wir nicken gehorsam. Eleonora muss es wissen. Und vielleicht dürfen in einem Märchen sogar Polen schlecht sein. Die Märchenwelt ist doch anders als die unsere. Die kaschubischen Märchen haben mir sehr gut gefallen, besser als die der Brüder Grimm. Die waren grausam. Regelrechte Männermärchen. Mami meinte, die Kinder hätten danach Albträume. Die griechische Mythologie war ihrer Meinung nach viel besser für Kinder geeignet.

Wir gehen zum Friedhof – von dem später Günter Grass so faszinierend unken würde – Eleonora, Joanna und ich, und wir nehmen Adolfa mit. Auf dem Friedhof setzt sich Eleonora auf den niedrigen Eckstein eines Grabes, und wir dürfen laufen, wohin wir wollen. Es ist still, heiß aber schattig auf dem Friedhof, weil hier große, schöne Bäume wachsen, und zwar Arten, die man woanders nicht sieht. Jahrzehnte später erfuhr ich, dass die Deutschen für ihre Bäume und Büsche weltberühmt waren und dass man einen Ort, wo sich einmal ein deutsches Gut befand, am einfachsten an den Bäumen erkennen kann. Der Sumach, der Fuchsschwanz, der Goldregen. Der Quittenbaum und der Paradiesapfel für Konfitüren, der Maulbeerbaum für die Seide, die Azaleen, Zedern und Bambusse, alle diese Bäume und Sträucher haben mich immer besonders angesprochen. Ich las die Metamorphosen des Ovid und stellte mir vor, diese Gewächse seien in Bäume verwandelten Prinzessinnen und Dryaden. Adolfa hat keinen Baum verdient, sie kann höchstens eine Ranke Efeu sein, dünn, dunkel und abstoßend.
Adolfa wird in der roten Backsteingruft der Familie Meier beigesetzt, so entscheide ich. Die eiserne Tür der Gruft ist durchlöchert. Wenn man hineinschaut, kann man nur dicke, schwarze, undurchsichtige Finsternis sehen, aber wenn man hineinriecht, kommt einem ein merkwürdiger Geruch entgegen, eine Mischung aus Kälte, Keller und endgültigem Geheimnis des Todes.
Mühsam gelingt es mir, die verrostete Tür zu öffnen. Wir wagen nicht hineinzuschauen. Vielleicht sitzt ein Alb in der Gruft, mit langen kalten Armen und durchsichtigen blassen Fingern. Zu ihm wird Adolfa blitzschnell hineingeschoben. Die Tür knallt, als sie zugemacht wird. “Wieczny odpoczynek racz jej dać Panie” – möge Gott ihr die ewige Ruhe gewähren – rezitiere ich salbungsvoll. Sie ruht jetzt in einem stillen Grab und sämtliche Deutschen mögen da mit ihr ruhen.

Wir fahren in Eleonoras Dorf. Eleonora möchte mich unbedingt ihren Eltern zeigen. Nicht vorstellen, dafür bin ich zu klein und zu fremd. Wie eine Puppe soll ich zur Schau gestellt werden. Es wird zigmal hin und her besprochen. Endlich ist es so weit. Wir fahren hin.
Ich sehe die weidenden Kühe, kleine gelbe Küken in der Scheune und nixenhafte Butterblumen auf der Aue. Hier pflücken wir junge Brennnesseln. Das macht Spaß, die kleinen Sprossen zu sammeln, die noch nicht brennen.
“Die kann man essen” – meint Eleonora, und ich probiere, wie es wohl schmecken mag, Brennnesseln zu verzehren. Es schmeckt nach nichts, und ich bin enttäuscht. Mit einer großen Tüte voller Kräuter gehen wir jetzt zur Frau Grocholsky. Sie ist alt und schwach und Eleonora hilft ihr gern. Die Brennnesseln sind für ihre Perlhühner. Ich bin überglücklich – so eine gute Tat lässt sich garantiert zweimal in meine Büchlein der guten Taten eintragen.
Frau Grocholsky wohnt in einem Häuschen mit einem wunderhübschen Garten, in dem sich dicht an dicht die Tulpen, Osterglocken, Forsythien und Hyazinthen drängen. Im Obstgarten blühen die Kirschbäume und aus dem Gras schießen kerzengerade rote Tulpen und buschiger Löwenzahn. Eine Schar Truthähne und Perlhühner pickt zwischen den Blumen.
Frau Grocholsky kommt aus dem Haus. Sie hat weißes Haar und trägt ein blasslila Kleid. “Guten Morgen, Frau Grocholsky” – sagt Eleonora, und ich verstehe nicht, was sie sagt. Das ist das erste Mal, dass ich eine fremde Sprache zu hören bekomme. Ich zupfe an Eleonoras Rock.
“Was sprichst du da für eine Sprache?” – frage ich lauschend.
“Deutsch. Frau Grocholsky kann nicht Polnisch. Und Kaschubisch auch nicht.” Eine Autochthonenhexe!
Ich zittere. Hat sie einen Ofen da in ihrem Lebkuchenhaus? Aber Eleonora bleibt ungerührt. Wir sind eingeladen. In die Küche, selbstverständlich. Schließlich sind wir in einem Dorf und in einem Dorf lebt man in der Küche. Frau Grocholsky erhitzt schwarze, schwere gusseiserne Herzen in einem Ofen. Sie hat einen Ofen! Ein schrecklicher, dumpfer Kloß steigt mir in der Kehle hoch. Ein paar Minuten später sind die herzförmigen Waffeln fertig. Sie werden uns mit Honig kredenzt. So etwas habe ich nie in meinem Leben gesehen und die heißen, karierten Herzen mit Honig schmecken vorzüglich. Ich bin aber nicht käuflich. Auch nicht mit Honigkuchen. Das Hexenhaus war auch schmackhaft! Ich will raus! Nur raus…

Sonntag.
Wir sind in der Kirche gewesen, und jetzt werde ich vorgezeigt. Ich sitze in der Küche, werde mit Essen vollgestopft. Alle paar Minuten öffnet sich die blaubemalte Tür und eine weitere Person kommt herein. Zuerst werde ich nur beäugt. Es ist meine Aufgabe, der Sinn und das Ziel meines Besuches hier, mich beäugen zu lassen. Die Küche ist schon voller Menschen. Sie sprechen eine Sprache, die ich nicht verstehen kann, mit mir aber sprechen sie Polnisch.
“Sprecht ihr deutsch?” – frage ich und fühle den Kloß von gestern wieder in meiner Kehle hochsteigen.
“Nein, Kaschubisch” – sagt Frau Hinz, Eleonoras Mutter, und reicht mir einen frischgebackenen Berliner. Die Kaschuben ernähren sich hauptsächlich von Kuchen, stelle ich fest, und zwar von mir unbekannten Kuchensorten. Ich bin von Frau Hinz begeistert. So eine Mutter hätte ich auch gerne gehabt, die Berliner selber machen kann.
“Wirst du uns etwas vorlesen?” – fragt behutsam Herr Hinz und gibt mir sofort eine Zeitung. Das ist das Wunder, das Eleonora in ihrem Dorf präsentieren möchte. Das wollen sie alle mit eigenen Augen sehen! Ich schlage die Zeitung auf und suche etwas Interessantes, was ich vorlesen kann. Ja… ein Bericht über den Wiederaufbau meiner Stadt Gdańsk.
Eine verhängnisvolle Stille herrscht in der Hinzschen Küche, als ein kleines Mädchen aus der Stadt, eine lebendige Puppe, vor allen diesen alten, erfahrenen Männern – es sind hauptsächlich Männer, die sich bei den Hinzes an jenem Sonntag versammelt haben – lesen soll. Und ich lese.
Zehn Jahre dauerte es, bis sich meine polnische Stadt aus den Ruinen erhob.
Zehn Jahre anstrengender Arbeit.
Zehn Jahre Aufopferung aller Kräfte und aller Mittel.
Zehn Jahre beispielhafter Kooperation zwischen Künstlern und Arbeitern, die mit vereinten Kräften die alte unbeschreibliche Schönheit der baltischen Perle wiederhergestellt haben, die im Krieg vernichtet wurde.
Miasto Gdańsk niegdyś nasze…
“Donnerwetter…” sagt ärgerlich eine männliche Stimme. Ich fühle mich unwohl, lasse das soeben gelesene Zitat von Mickiewicz in der Luft hängen und schaue mein Auditorium fragend an. Jetzt reden alle auf einmal. Die Begeisterung, dass ein kleines Kind, das noch nicht eingeschult ist, so fließend lesen kann, mischt sich mit der Empörung über das Gelesene. Es soll eine unverschämte Lüge sein. Ich fasse die Vorwürfe als gegen mich gerichtet auf. “Ich lüge doch nicht” – beteuere ich weinend und klammere mich an Eleonora. Es wird von nun an Jahre dauern, bis ich wieder zu einem öffentlichen Auftritt fähig bin. Eleonora ist zwar älter als ich, aber den in der Küche sitzenden Kaschuben gegenüber ist sie genauso ohnmächtig wie ich. Frau Hinz schiebt mir wieder einen Teller mit Berlinern zu, aber ich will nichts essen. Ich will nach Hause. Ich verstehe nicht, worum es plötzlich geht, aber das Befremden, das entstanden ist, lässt sich nicht übersehen. Die Wörter, die ich aus anderen Zusammenhängen kenne, erfahren eine unerwartete Auslegung. Die Deutschen, die Polen, die Kaschuben, die Versprechungen, die Ausbeutung, der Hass. Die Russen, die Sowjets, die Roten, die Kommunisten. Ausgebombt werden, Vernichtung, Vertreibung. Die Lüge.

Wieder zu Hause wurde ich sogleich ins Bett gesteckt. Ich hatte eine Halsentzündung. Am Abend setzte sich Tante Karolina zu mir aufs Bett. Wie immer, wenn ich krank war, las sie mir etwas vor. Wir lasen die Gedichte von Baczyński, einem jungen Dichter, der 1944 während des Warschauer Aufstands gefallen ist.
“Sie prägten dir die Heimat ein, mein Sohn, mit toten Schritten.”
In meinem Kinderzimmer rückte die Welt wieder in den gewohnten Rahmen. Die Deutschen stehen dort, wo es das Böse gibt, und wir da, wo man stirbt, aber die Ehre bewahrt und ein Mensch bleibt. “Und warum haben die Russen Gdańsk plattgemacht?” – fragte ich.

Manchmal sehe ich vor mir einen Tisch, an dem viele Menschen sitzen und lautlos diskutieren. Man kann sie nicht hören, aber ich weiß, dass immer wieder, immer noch eine Diskussion über die Deutschen und die Polen von Gdańsk geführt wird. Ich sehe sie so deutlich – diese anderen Menschen, die am anderen Tisch sitzen. Anfangs fürchtete ich, ich sei vielleicht verrückt und sähe die Bilder. Jederzeit aber war ich imstande, diese beiden Welten auseinanderzuhalten: das Andere und das Hier. Ich wusste auch: Jetzt, hier, dies ist meine Wirklichkeit, und die anderen, die gab es einmal und gibt es jetzt nicht mehr. Sie wohnen nur in meinem Gedächtnis, klein wie die Puppen, versteinert in einem unvollendeten Diskurs. Ich trage sie in meinem Kopf und werde sie weiter tragen, bis ich eines Tages endlich begreife, was sie zu sagen haben: die Kaschuben, die Deutschen und die Polen aus einem kleinen kaschubischen Dorf. Vielleicht sogar – in dieser anderen Welt – sitze ich immer noch am Tisch, eine aufgeschlagene Zeitung in meinen Händen haltend, und warte auf eine Erklärung. In dieser Küche erfuhr ich, dass meine – seit Ewigkeiten – polnische Stadt vor zehn Jahren, vier Jahre bevor ich geboren wurde, von den Sowjets plattgemacht wurde, die sie als feindliches Nest, als Rest- und Zwingburg des Deutschtums zerbombt hatten. Ich war sechs Jahre alt, klug vielleicht für ein Kind, aber nicht klug genug, um dies zu fassen. Als eine seit Ewigkeiten deutsche Stadt zerbombt, als eine seit Ewigkeiten polnische Stadt wiederaufgebaut, steht mir meine Stadt vor Augen, nur und ausschließlich als MEINE Stadt.
Ja. Jetzt. Heute. Morgen. Vielleicht ist sie auch übermorgen meine Stadt, aber wenn die Deutschen kommen, und es ist doch klar, dass sie einmal kommen werden, dass sie wieder kommen werden…

Sie werden kommen… Die stalinistische Propaganda sorgt dafür, dass das sicher scheint, die Deutschen werden kommen, und ich muss mich plötzlich vor der Propaganda fürchten. Der Krieg aus der Vergangenheit, der Krieg des Übermorgen und meine nächtlichen Albträume verschmelzen… die zerbombten Städte… die Menschen, die zu Fuß, auf Fuhrwerken, auf Fahrrädern und zu Pferde fliehen… Bombenflugzeuge jagen sie aus der Stadt, die in Flammen zergeht. Ich habe Angst einzuschlafen. Ich weine viel. Man überlegt, ob ich nicht zum Arzt muss, ich sei hysterisch.

Der 1. September 1956.
Ein Traumtag. Ein Albtraumtag. Ich bin eingeschult, und ich freue mich. Zwei Jahre lang habe ich gewartet, dass ich endlich eine Schülerin werde. Der erste Schultag ist aber zugleich der Jahrestag des Kriegsanfangs. Alle Schulkinder haben sich in der großen Aula versammelt – man erzählt uns vom Krieg, ein Film wird gezeigt: “Der September 1939. So ist es gewesen.” Und so ist es gewesen. Zum ersten Mal sehe ich meine Albträume von dem gleichgültigen Auge einer Kamera aufgenommen. Zum ersten Mal begreife ich, dass es tatsächlich so gewesen ist, wie ich es mir in meinen Albträumen vorgestellt habe.

Oktober 1956.
Ich verstecke mich hinter einem Vorhang im Wohnzimmer. Man glaubt, ich schliefe schon, aber ich schlafe noch nicht und bin wach. Mein Vater und sein Freund unterhalten sich über Politik. Ich langweile mich ein bisschen. Ich dachte vorher, ich erführe weiß Gott was, wenn ich ungesehen das Leben der Erwachsenen belauern kann Und hier sitzen zwei Herren und reden von Panzern und Toten. Irgendwie denke ich mir, dass es sich wieder und weiterhin um den Zweiten Weltkrieg handelt. Erst nach einer Weile erfasse ich, dass es um JETZT geht. In Budapest ist etwas passiert, das wieder Krieg bedeuten kann. Ich verstehe aber nicht richtig, was. Die Erwachsenen pflegen nämlich ihre schreckliche Gewohnheit zu flüstern statt zu reden. DER KRIEG AUS DEUTSCHLAND. So viel verstehe ich. Wo Budapest liegt, weiß ich nicht. Nachts träume ich von einem kleinen Mädchen und mir. Wir laufen schnell über den deutschen Friedhof, wir öffnen die Gruft der Familie Meier und holen Adolfa aus ihrem Versteck. Die Stadt steht schon in Flammen. Wir packen Adolfa in einen alten Kinderwagen mit hohen Rädern und laufen weg. Adolfa lebt jetzt, sie ist auch ein kleines Baby, schön, blond, blauäugig.
“Wir müssen meinen Bruder mitnehmen” – schreie ich.
“Nein” – schreit das Mädchen zurück.- “Adolfa ist dein Bruder. Sie heißt jetzt Hänsel, und das ist doch dein Jasio.”
Sie hat recht, Adolfa ist verschwunden, der kleine Hänsel aus dem Spiel sitzt jetzt im Wagen, und sogar ich kann kaum einen Unterschied zwischen meinem Bruder und Hänsel erkennen.
“Gagaga” – sagt Adolfa-Jasio-Hänsel.
“Und wer bist du?” – frage ich. Wir laufen so schnell, dass ich keine Luft mehr bekomme. Ich ersticke.
“Ich bin Manuela, das Mädchen-der Deutsche. Adolfa ist meine Puppe. Und du schläfst in meinem Bett.”
“Nein !!!” – schreie ich – “Nein!!!”
“Hahaha” – höre ich Manuelas Lachen in der Ferne. Sie hat meinen Kinderwagen mit ihrer Puppe genommen.
“Nein!!” – schreie ich wieder – “Nein!!!”
„Beruhige dich” – sagt meine Mutter. – “Es war nur ein Albtraum. Schlaf schön, sonst wirst du Jasio aufwecken. Und er braucht doch seinen Schlaf.” Ich kann aber nicht schlafen.
“Es ist das Bett von Manuela” – sage ich.
“Ach, Quatsch” – sagt meine Mutter. Sie fragt nicht, wer Manuela sei. – “Es ist dein Bett. Wir haben es zusammen im Möbelladen gekauft. Du warst doch dabei.” Ach ja, stimmt. Es ist mein Bett.
Ich weine nicht mehr, aber einschlafen kann ich auch nicht. Ich versuche mir Manuela vorzustellen. Sie ist natürlich kein Mädchen mehr. Sie muss zehn, zwölf Jahre älter sein als ich. Also eine junge Frau wie Eleonora. Sie hat rotes Haar und ein weißes Gesicht mit braunen Sommersprossen. Sie trägt eine Brille und studiert Medizin. Sie wohnt im Haus von Frau Grocholsky in einer deutschen Stadt. Also in Berlin. Ich kenne keine anderen deutschen Städte. Morgens, bevor sie zur Uni geht, füttert sie Frau Grocholskys Perlhühner mit jungen geschnittenen Brennnesseln. Plötzlich wird mir klar, dass ich ja auch da wohne, mit Manuela und Frau Grocholsky zusammen. Und dass dies weder Gdansk noch Berlin ist, sondern das kleine Dorf in der Kaschubei.
Manuela hat einen Totenkopf in ihrem Zimmer. Er lächelt mich schrecklich an.
Manuela fürchtet sich nicht vor ihrem Totenkopf.
“Wo hast du ihn her?” – frage ich.
“Von einem polnischen Friedhof” – lacht Manuela. – “Von einem polnischen Friedhof.” Ich bin wieder wach. Ich möchte nicht, dass der Krieg wieder ausbricht.
Ich knie nieder und fange an zu beten. Vater unser, Vater unser, Vater unser, Heilige Mutter Maria, Ave Maria, Salve Maria, heilige Maria. Ich bin müde, Salve Maria. Um mich wach zu halten, Vater unser, hole ich mir meinen Rosenkranz. Vater unser, Heilige Mutter Maria. Ich stelle mir vor, dass wenn ich es schaffe, die ganze Nacht hindurch zu beten ohne einzuschlafen, dass dann die Welt, meine Welt und meine Stadt, gerettet werden wird. Ich knie stundenlang, ich döse ein, bin wieder wach und bete… Mir ist kalt, meine Knie tun mir weh, mein Kopf sinkt nach unten, schwer wie ein Totenkopf.
Am nächsten Tag fand mich mein Vater auf dem Fußboden.
“Du bist ja eine kleine Nachtwandlerin” – sagt mein Vater. – “Eines Tages wirst du von uns weggehen, um die andere Seite des Mondes zu entdecken.”
Ich schlafe ein. Ich bin ruhig und zufrieden. Ich schlafe in meinem Bett, und ich habe die Welt gerettet. Es gab keinen Krieg. Das ist schon etwas.

Trotz ihrer Beisetzung wollte mich Adolfa nicht in Ruhe lassen. Immer und immer wieder stellte ich mir die Vertreibung ihrer kleinen Herrin Manuela vor. Die wirklichen Bilder von der Vertreibung waren mir noch nicht bekannt, sie blieben mir noch jahrzehntelang unbekannt. Ich weiß sogar nicht einmal, wann ich sie überhaupt wahrnahm. Ist es möglich, dass sie mir erst seit der verbotenen Lektüre der “Blechtrommel” als eine unvermeidliche Wahrheit erschienen? Als ich feststellte, dass Günter Grass aus Danzig-Langfuhr weg musste in demselben Jahr, in dem meine Familie nach Gdańsk-Wrzeszcz kam. März 1945. Das Kriegsende. Und vier Jahre danach wurde ich geboren. Nur vier Jahre.
Aber auch die andere Seite – die Vertreibung der Polen aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten, aus Litauen, Weißrussland, der Ukraine, kannte ich nicht. Im Großen und Ganzen wusste ich herzlich wenig von der Welt, in der ich lebte. Ich nahm sie so wahr, wie sie mir in dem Augenblick erschien. Die großen Bewegungen der Geschichte, die doch nur ein paar Jahre zuvor stattfanden, haben für mich eine Wirklichkeit geschaffen, die die anderen Interpretationen eifersüchtig ausschloss. Die Richtigkeit dieser Welt stellte ich nicht in Frage – nicht, weil es verboten gewesen wäre zu fragen, sondern weil ich es nicht für notwendig hielt.
Ich verstand die Geschichte nicht. Gott sei Dank. Ich bezweifle nämlich, ob ich es ausgehalten hätte, unaufhörlich mit dem Gefühl belastet zu sein, es sei nicht mein Bett, in dem ich schlafe. Es seien fremde Schuhe, die ich trage.
Der einfache Satz meiner Mutter hat mir eine relativ ruhige Kindheit verschafft. Wir hatten mein Bett gekauft.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mein Bett gern jemand anderem überlassen würde. Ich weiß aber ganz genau, dass ich es mit Manuela-Gerda bereitwillig teilen werde. Das ist die Botschaft, die ich den in meinem Kopf sitzenden kleinen Figürchen hätte vermitteln wollen – ich bin bereit, mein Bett zu teilen.
Man sagt, das sei eine unerreichbare Utopie, man brauche politische Lösungen und nicht sentimentale Emotionen.
Schade.

Ewa Maria Slaska, Berlin, 1992, korrigiert von Monika Wrzosek-Müller, 2022

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