Frauenblick. Graue Bienen…

…von Andrej Kurkov, Erinnerung an den zukünftigen Krieg

Monika Wrzosek-Müller

Die Handlung des Romans entwickelt sich langsam, bedächtig, um nicht zu sagen schwerfällig. Der Leser wird Schritt für Schritt in die „graue Zone“ eingeführt, in das Niemandsland an der Front zwischen ukrainischen Regierungstruppen und den Verbänden der russisch kontrollierten „Volksrepublik Donezk“ – eingeführt in den Alltag dort um 2016/2017. Es passiert wenig, nur die Natur ändert sich mit dem Licht etwas. Die Handlung setzt noch im Winter ein, der Himmel ist grau und grau ist auch das Leben rundherum. Beschrieben wird die laute Stille, die herausfordernde Stille: ihre Arten und Abarten; ohne Strom, ohne jegliche Infrastruktur, ohne Nachbarn, in einem Nichts, in dem Dorf Malaja Starogradowka, das zum Untergang verurteilt ist, auf ein Minimum reduziert. Die Bewohner sind geflüchtet, haben ihre Fenster und Türen mit Brettern vernagelt, die beiden einzigen Verbliebenen, Sergej und Paschka, leben nicht weit voneinander entfernt, aber eher wie Katz und Maus, „Freundfeind“; der eine traut dem anderen nicht. Sie gehören auch zu verschiedenen Lagern; während Paschka mit den pro-russischen Separatisten kooperiert, ist Sergej Sergejiwitsch eher ein unauffälliger Ukrainer. Beide haben etwas im Leben verpasst, sind Rentner ohne Familienangehörige. Ab und zu hören sie Detonationen, es zischen Raketen über ihre Dächer, sie sehen einen Toten auf dem Feld liegen, zu dem sie nicht ohne Gefahr vordringen können. Uns, den Lesern, bleibt aber immer wieder völlig unverständlich, wie sie dort eigentlich überleben. Und wir verfallen diesen stimmungsvollen Bildern, die Kurkov für uns zeichnet.

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Hommage á Jan Buk III/1

Dr Lidia Głuchowska

Přeprošenje
na wotewrjenje dwójneje wustajency:

WŠO JE KRAJINA. SERBSKI MOLER JAN BUK“

Měšćanski muzej Wrócław

15.09.2023, w 17.00 a 18.30 hodźinach

Chcemy Was přeprosyć na wurjadne dwójne wotewrjenje wustajeńcow, kotrejž wukonjetej wažny přinošk k diskursej wo stawiznach a přichodźe swěta, Europy a wosebje kulturnych zarjadnišćow pólskich zapadnych kónčin, kaž tež k druhim wažnym temam kaž zakorjenjenje, přiswojenje/přichilnosće k městnam a ludźom, wosobinske a zjawne podawki a prašenja wo wuznamje indiwidualneje a narodneje identity a zhromadnosće w dobje globalizacije, masoweje migracije a ekologiskeje katastrofy.

Wustajeńcy we Wrócławskim měšćanskim muzeju – „Wšo je krajina. Serbski moler Jan Buk” a „Hommage à Jan Buk (III): PŘICHILENI“– pokazujetej na korjenje pólskeho kulturneho žiwjenja w zapadnych kónčinach. Wustajeńca w Kralowskim palasće pokazuje na wukony nestorow Eugeniusza Geppertoweje akademije rjanych wuměłstwow we Wrócławju a na pokročowanje jeje tradicijow a idejow.
Nimo wobšěrneho wuběra twórbow Jana Buka – jednoho z najzažnišich adeptow a nana serbskeje moderny – su tu widźeć dźěła jeho mištra Jana Cybisa a jeho docentow, kolegow a šulerjow. „Hommage à Jan Buk“ w Měšćanskim arsenalu je pokazka na pochad a přitomnosć wuměłstwa w „znowa zdobytych kónčinach“, inkluziwnje fenomena „Wrócław/Breslau – městno zetkawanja“ a wudobyćow Instituta za wizuelne wuměłstwa uniwersity Zielona Góra, kotrehož předchadnicy Jana Buka wjele lět pola tak mjenowanych energijowych pleinairow w Delnjej Łužicy zetkawachu a jich přećelstwa z nim dołhe lěta traajachu.

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Quest for Women. Kreuzberg. 16. September

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Wir treffen uns am 16. September 2023 um 12:00 Uhr in der REGENBOGENFABRIK, wo schon der Name ein Kreuzberg-Utopie-Programm ist.

Christine Ziegler, Jahrgang 1959 war 1983 eine der Mitmachenden, die am 8. März die alte Chemie-Fabrik besetzten. Im Lauf der vergangenen 42 Jahren erlebte die Fabrik viele ungewöhnlichen Phasen, um 2023 ein etabliertes aber immer noch utopisches Nachbarschafts-Zentrum zu sein.

Hier bekommt ihr Euren Spiel-Plan – mit den Namen vor 10 Frauen, die die Kreuzberger-Geschicke mitgestaltet haben und die es nicht mehr unter uns gibt, sowie zwei, die leben und die Sie treffen werden.

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Hommage á Jan Buk 2

Lidia Głuchowska

FILM “Hommage à Jan Buck (II)”

Cottbus/Chóśebuz

Am Freitag, den 25.08.2023 fand in der Kunsthalle Lausitz in Cottbus die Finissage der Ausstellungen aus der Reihen „Alles ist eine Landschaft. Der sorbische Maler Jan Buck“ und „Hommage à Jan Buck (II)“ – „Wir haben den Ort gesehen“ und „Nach der Kohle … – Landschaften und Gesichter der Lausitz“ statt, über die wir bereits geschrieben haben.

Anlässlich der Finissage veröffentlichen wir einen Film, der einen Einblick in die wichtigsten Ereignisse des ganztägigen „Deutsch-wendisch/sorbisch-polnischen Festtags – Begegnung und Dialog“ anlässlich der Eröffnung der genannten Ausstellungen am 2.06.2023 im Wendischen Museum/Serbski Muzej, in der Stadt und in der Kunsthalle Lausitz gibt, der auch Teil des Projektes des Instituts für Visuelle Künste der Universität Zielona Góra „Hommage à Jan Buck (II)“ unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. Lidia Głuchowska bildet.

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Frauenblick: Macbeth

Monika Wrzosek-Müller

Macbeth bei den Salzburger Festspielen (und nicht nur)

In der Oberschule in Polen haben wir Shakespeares Drama Macbeth gelesen und dann auch Ausschnitte davon aufgeführt. Besonders gut erinnere ich mich an die drei Hexen, die ihren Text tanzend und singend vortrugen, denn eine von den dreien war ich. Diese Theateraufführungen liebte ich sehr; dadurch blieben mir auch viele Texte im Gedächtnis. Noch heute kann ich die Prophezeiungen der Hexen rezitieren.

Macbeths blutrünstiges Morden, die für mich schicksalhaft an den blutigen Händen von Macbeth und stärker noch an den Händen von Lady Macbeth hafteten, stellte, so schien mir, eine direkte Fortsetzung der griechischen Tragödien dar. Auch hier gab es einen Chor (eben den der Hexen), die die Ereignisse vorhersagten und kommentierten. Außerdem faszinierte mich die Person der Lady Macbeth, die eine viel wichtigere Rolle bei der Tragödie spielte als ihr Mann. Sie stiftete ihn zu den Morden an; irgendwann aber gerieten beide in den Sog der blutigen Ereignisse. Immerhin versuchte Macbeth sein Gewissen mit den Prophezeiungen der Hexen zu beruhigen, irrtümlich legte er sie immer wieder zu seinen Gunsten aus. Die Rolle der Magie, des Schicksals im Leben des Einzelnen strahlt aus diesem dunklen Drama. Shakespeare hatte und hat immer wieder Anschluss an die Gegenwart gefunden, seine literarischen Aussagen sind heute immer noch ganz aktuell.

Vor ein paar Tagen sah ich bei ARTE die Aufführung der Oper Macbeth von Giuseppe Verdi bei den Salzburger Festspielen. Wahrscheinlich habe ich die Produktion so aufmerksam verfolgt, weil sie von dem polnischen Regisseur K. Warlikowski, in der Choreographie seiner Frau Małgosia Szczęśniak, stammt. Warlikowski hebt den Gegenwartsbezug der Oper hervor, lässt den Größenwahn und die Zerstörungswut triumphieren. Das wunderbare Bühnenbild – mit einer langen Bank in einem Warteraum – erinnert mich etwas an die Gemälde von Edward Hopper; im Hintergrund kompliziert konstruierte Auf- und Übergänge, mit einem fahrbaren Kasten, in dem der Chor der blinden Hexen sitzt und steht. In gewisser Weise zu Warlikowskis festem Repertoire gehört auch die Kinderschar, ebenso das Psychologisierende der Inszenierung: dass Lady Macbeth keine Kinder gebären kann und aus diesem Grund zu einer machtgierigen, rücksichtslosen Person wird, wird sehr nachvollziehbar; eine lange Szene, auf einem riesigen Bildschirm eingespielt, zeigt die verzweifelte Lady Macbeth bei einer gynäkologischen Untersuchung – für mich eher wie ein Theaterstück als wie eine Oper wirkend.

Die wunderschönen Kostüme der Frauen aus ungefähr den 1930er Jahren und die konventionellen Anzüge der Männer, entworfen von M. Szczesniak, lassen das Mittelalterliche bei Shakespeare gänzlich verschwinden. Bei einer Szene, in der eine der Damen, Teilnehmerin an dem Fest zur Krönung Macbeths, den Kindern einen Gifttrunk verabreicht und sie damit umbringt, denkt man unwillkürlich an Magda Goebbels und ihren Mord an den eigenen Kindern und ihren Selbstmord. Allgemein zitiert Warlikowski ausgiebig Bilder aus Filmen oder anderen Genres.

Die Kinder in der Warlikowski-Inszenierung sind wehrlos, sie unterliegen ihrem Schicksal, sie werden sogar wie eine Speise auf einem Silbertablett serviert; sind sie aber nicht die heimlichen Helden des Spektakels?

Überzeugend fand ich die Sängerin Asmik Grigorian, vielleicht vor allem als Schauspielerin, bestimmt als eine schöne Frau, weniger als Opernsängerin. Im Vergleich zu ihr gerät Vladislav Sulimsky, der Macbeth im grauen Anzug, wohl etwas in den Hintergrund. Überhaupt gibt es keine klassisch opernhaften Stehbilder, in denen die Arien vorgesungen werden, die Darsteller bleiben ständig in Bewegung; auch das Gehäuse für den Chor wird rein- und rausgeschoben, eine riesige Neonröhrensonne leuchtete aber allem. Am Ende gab es standing ovations – zu Recht; die Bilder werden bleiben; an der Musik können wir uns auch anderweitig erfreuen.

Nebenbei habe ich etwas über Giuseppe Verdi erfahren: Macbeth ist die zehnte von seinen 26 Opern. Er hat den Text gekürzt und die Rolle der Lady Macbeth stark ausgebaut; damit hat er den Frauen einen Dienst erwiesen.

Das beste Buch letzter Jahre

Ulrike Edschmid, Levys Testament, Suhrkamp 2021

Es beginnt in den 70ern in Berlin, führt über London in den 20ern letztes Jahrhunderts, ab den Nulle geht es immer wieder nach Polen, und dann noch nach Bulgarien. Es ist interessant, gut und schlicht geschrieben. Der Hauptprotagonist hat keinen Namen, er ist Engländer. Man braucht Zeit um plötzlich einzusehen, dass es ein ungewöhnliches Buch ist, dass die Geschichten erzählt, von denen wir am liebsten schweigen.

Immer wieder ist der narrative Strang mit kleinen Nebengeschichten gespickt. Ich zitiere hier einen der letzten Kapitel, der mit dem Hauptthema des Buches nicht zu tun hat, und gerade deshalb einen regelrecht umhaut.

Kapitel 47, Seiten 139-140

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Reblog Brücke Museum Mirga-Tas

Ich schrieb schon über sie, weil ich in Warszawa ihre Ausstellung gesehen habe und war beeindruckt. Als ich zurückkam, erfuhr ich, dass sich diesselbe Ausstellung seit 23. Juni auch in Brücke Museum befindet. Gibt es zwei Ausfürungen oder zwei Versionen? Ich glaube, es sind zwei Versionen. Sicher werde ich es wissen, wenn ich heute hingehe

On view exhibition

Małgorzata Mirga-Tas.
Sivdem Amenge. Ich nähte für uns. I sewed for us.

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Reblog: Malerinnen!

Vom TIP-Berlin habe ich diese Information erhalten:

Medea Film Factory präsentiert

Die Renaissance der Malerinnen 
~ Sofonisba Anguissola, Lavinia Fontana 
und Artemisia Gentileschi 

von Hilka Sinning

Sie waren Heldinnen in der Kunstwelt des 16. und 17. Jahrhunderts: Vor mehr als 400 Jahren verzauberten die italienischen Malerinnen Sofonisba Anguissola, Lavinia Fontana und Artemisia Gentileschi ihre kunstliebenden Zeitgenossen. Dennoch waren sie für lange Zeit aus dem Gedächtnis der Kunstgeschichte verschwunden. Jetzt erleben die Alten Meisterinnen eine Renaissance: Sie werden in großen Ausstellungen gefeiert.


Selbstportraits – oben: Sofonisba Anguissola
unten: Artemisia Gentileschi

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