Heilige Drei Könige

Ewa Maria Slaska

Dreikönigstagsnachtsgeschichte frei nach Shakespeare

– Schönes Kleid, sagt ein Mann und setzt sich zu ihr. Es ist 2 Uhr nachts, sie sitzt in der Roten Rose und hat ein langes rotes Kleid an. Sie trinkt Tee aus einem Glas.
– Ach, sagt sie.
– Bist du vom Theater, oder was? Wer bist du eigentlich? bohrt der Mann. Ich habe dich noch nie hier gesehen. Und hier kommen immer dieselben Menschen.
– Ich kann nicht schlafen, dann wandere ich.
– Nachts? Allein?
– Weißt du, es stört meistens nachts, dass man nicht schlafen kann. Am Tag gilt es als OK. Und meistens ist man dann alleine, weil sonst es nicht so tragisch wäre.
– Und wieso bist du so angezogen?
– Weil… Ach, es ist zu viel, um ihm das alles zu erzählen. Weil ich auf dem Jakobsweg war. Und weil heute der Dreikönigstag ist.
– Ich sehe keinen Zusammenhang.
– Macht nichts. Kein Mensch hätte ihn gesehen.

helgairudaEs sind so viele Sachen in diesem einem Satz. Der Jakobsweg, Shakespeare, drei Könige, rotes Kleid für Hochzeit, weißes für Tod, eine Gewittertochter, eine Prinzessin, ein Mönch, eine Fantasy-Erzählung und eine griechische Tragödie, sieben Selbstmorde, alle für Katz, ein Sohn, eine Nichte, eine geheimnisvolle Mutter, Rotkäppchen, Verkleidung. Verkleidung als Lebensentwurf… Masken tragen, sich verstecken…

– Alles ist nur deshalb, dass wenn ich an Jakobsweg denke, bin ich eine mittelalterliche Prinzessin aus Schlesien, die als Junge verkleidet, nach Santiago geht.

Der Mann schaut sie schweigend an.

– Sorry, sagt er, geht zur Bar und bestellt sich einen großen Wodka auf Eis. Er trinkt ihn in einem Schluck auf Ex und sagt: – Na dann, jetzt erzähle…
– Viel zu erzählen, schon alleine die Auflistung macht müde, aber im Endeffekt nur Karneval, weil letztlich folgenlos, sagt sie. Das Leben ist so wie es ist, voll von Tragik, die sich als Komödie gibt. Langweilig und macht müde.

Sie sitzt in ihrem roten Kleid und zupft an den langen Ärmeln ihres Kleids, die bis zum Boden reichen.

– Erzähl trotzdem. Was zum Trinken, bevor du beginnst?
– Tee, bitte. Schwarzen.

okoJetzt erzählt sie.

– Ich bin eine Schriftstellerin. Das ist wichtig zu wissen, weil vielleicht du keinen meiner Worte glauben sollst. Die Geschichte habe ich vor 25 Jahren gelesen. Die Geschichte von einer mittelalterlichen Prinzessin, die als Junge verkleidet, nach Santiago geht. Sie ist nicht wahr, es ist eine historische Fantasy, von einer alten polnischen Schriftstellerin geschrieben. Trotzdem ist sie der Grund, weshalb auch ich nach Santiago gegangen bin. Sie ist nicht wahr, aber möglich, auch aus Polen gingen im Mittelalter Leute nach Santiago. In Allenstein stand im Regionalmuseum eine kleine hölzerne Figur eines Mönches mit der Jakobsmuschel. Stand, jetzt steht sie nicht mehr. Die Gestalt war grob geschnitten, sehr einfach, plump. Ein Werk eines einfachen Dorfschnitzers, das bezeugt, dass im 11. Jahrhundert Jemand aus dieser Wildnis bis nach Ende Spaniens gegangen ist. Und zurück.
Ich habe es mir immer vorgestellt, ich sei eine Prinzessin, so wie die Mädchen es halt tun. Als ich die Erzählung gelesen habe, war ich schon erwachsen, die Prinzessin habe ich vergessen, aber in diesem Buch kam sie zurück. Diese Autorin, sie heißt übrigens Jadwiga Żylińska, hat mich und meine Fantasien beschrieben. Ich bin diese Prinzessin, die in Begleitung eines Mönches aus Schlesien ausbricht und nach Santiago und Finisterre gelangt. Zuerst im roten Kleid, so wie es sich für eine Prinzessin ziemt, später als Junge verkleidet. Wie die Viola in der Shakespeares Komödie, Dreikönigstag oder Was ihr wollt. Dreikönigstag ist die zwölfte Nacht nach Weihnachten. Eine bizarre Nacht, wann alles passieren kann, denn im elisabethanischen England wurde die Welt am Tag zwölf nach Weihnachten auf den Kopf gestellt: Parodistische Prozessionen, Saufgelage und krudes Treiben ließen das Volk an Symbolen der Macht spielerisch teilhaben. Der Karneval als soziales Ventil und als uraltes, heidnisches Ritual. In Griechenland wirft man am Tag der Drei Könige Gold ins Meer. Die Männer springen dann ins Wasser und suchen das Gold.
– Kalt.
– Freilich, aber nicht so kalt, wie wir es um diese Zeit gewöhnt sind. Vor zehn Jahren war ich zu Weihnachten auf der Insel Rhodos. Am Tag der Drei Könige ist auf der Insel schon Frühling. Also, die Männer springen ins Wasser und versuchen, das Gold zu holen. Das bringt Glück. Dieses Jahr, als ich dort war, sind im Meer drei Männer ertrunken. Alle drei waren Ärzte. Stell dir vor!
– Bedeutet es was?
– Im Allgemeinen oder für mich?
– Oje, so ernst… Für dich.
– Für mich ging es um einen Mann. Am Dreikönigstag flog ich zurück nach Berlin, um seinen Geburtstag zu feiern. Dies über drei Ärzte habe ich von der jungen Pastorin erfahren, Julia. Sie war sehr aufgeregt, weil es ihr sehr symbolisch zu sein schien.
– War es?
– Sicher. Die drei Könige aus der Bibel waren keine Könige, sondern Magier. In den archaischen Kulturen waren Magier sowohl Vermittler zwischen Gott und den Menschen, als auch Heilmänner. Also Ärzte. So wie die Hexen auch Hebammen waren. Es scheint, als ob die Drei Könige an diesem Tag vor zehn Jahren gestorben sind. Erst jetzt? Vielleicht lebten sie und schlugen sich durch die Jahrhunderte, irgendwie, irgendwo und jetzt sind sie gestorben. Oder ganz umgekehrt. Vielleicht müssen jedes Jahr drei Könige sterben, damit die Welt weiter existiert.
– Mister Aufziehvogel?
– Wieder umgekehrt. Murakami nahm die Idee vom Aufziehvogel aus dem heidnischen Glauben. Fast überall auf der Welt muss einmal jährlich oder einmal zu jedem Vollmond, oder einmal zu Sonnenwenden oder einmal zu der Tag-und-Nacht-Gleiche etwas getan werden, damit die Welt richtig funktioniert. Bist du religiös?
– Nee, nicht richtig.
– Das heißt also, du lässt jetzt die Religion links liegen, aber wurdest katholisch oder evangelisch erzogen, oder?
– Katholisch. Ich bin aus Bayern.
– Na dann, kennst du es auch. Einmal im Jahr zum Frühlingsanfang beichten. Ein neuer Mensch werden. Blütenweiß, sauber. Frühlingsputz. Zur Pessah reinigen die Juden die ganze Wohnung. Früher war das einmalige Tun sehr oft blutig. Oder sexuell. Oder beides. Es wurden Menschen oder Tiere geopfert. Drei Ärzte, die im Meer ertrunken sind. So was war vorher durchaus gang und gäbe. In unseren Zeiten wurde das de-ritualisiert und dadurch unwichtig. Das kann sich rächen. Das sind objektive Tatsachen und es kann immer eine Strafe für Nicht-Beachtung der objektiven Tatsachen geben.
– Komm, bitte, zurück. Also am Tag der Drei Könige 2004 sind auf der griechischen Insel Rhodos drei Ärzte im Meer ertrunken, als sie dabei waren, bewusst oder unbewusst, den alten heidnischen Ritual durchzuziehen, nämlich das Gold aus dem Wasser zu holen, um der Welt noch ein Jahr Existenz zu bewahren. Habe ich es richtig zusammengefasst?
– Klug klug klug, Mister Aufziehvogel. Weißt du, mit dem Aufziehvogel passierte mir Mal so eine Geschichte. Fast am Ende des Romans gibt es so einen Kapitel – Töri Okada also Mister Aufziehvogel sitzt in seinem Brunnen und zugleich ist er in einem Hotel, wo sich vielleicht seine verschwundene Ehefrau befindet. Im Brunnen ist es sowieso stockdunkel, im Hotel erlischt plötzlich das Licht. Ich las gerade diese Stelle als das Licht in meiner Wohnung erlosch. Es war aber keine gewöhnliche Sicherungspanne, sondern eine Elektro-Havarie. Im ganzen Bergmann-Kiez und Umgebung ist plötzlich stockdunkel geworden. Erst nach zwei Stunden wurde die Havarie bewartet.
– Es ist nicht dein Ernst.
– Wieso soll ich eine gelogene Geschichte erzählen? Natürlich ist es so passiert.
– Das glaube ich dir. Aber es war ein Zufall, er hatte mit deiner Lektüre vom Murakamis Buch nicht zu tun.
– So so, nichts zu tun… Ja, sicher… Es war nur so. Genauso wie du.

sukienka
– Was habe ich damit zu tun? Ich höre dir nur zu. Wir kennen uns überhaupt nicht. Übrigens, wir heißt du eigentlich?
– Halka.
– Jakob, sagt der Mann. Daher wollte ich deine Geschichte hören. Du sagtest, du warst auf dem Jakobsweg. Bist du in deinem roten Kleid gegangen?
– Nein, wie ein Junge gekleidet.
– Griechenland, sagt er. Wieso erzählst du Stories über Berlin, Polen, Griechenland und Japan, wenn du eigentlich über Spanien berichten wolltest.
– Die Drei Könige sind sehr wichtig in dieser Geschichte. Er ist nämlich am Tag der Drei Könige geboren.
– Wer er?
– Er, der Mann, um den es ging. Er ist in einem polnischen Bergdorf geboren, von dem man her eine Bergkette sehen kann. Die Berge sind weit entfernt, den höchsten Gipfel sieht man nur, wenn man irgendwo nach oben klettert. Aber aus dem kleinen Fensterchen in seinem Kinderzimmer sieht man ihn sehr gut. Der Gipfel heißt Drei Kronen. Drei Kronen für Drei Könige. Ein Steinbock wie Jesus. Der dreifältige König, dazu noch im keltischen Jahre des weißen Hirsches geboren, was ein königliches Zeichen ist. König über die Könige.
– Ej, sagt Jakob. Du übertreibst wohl ein bisschen.
– Klar, schon, nimm alles nicht so ernst. Aber alles ist zugleich wahr, der Tag, der Gipfel, der Sternzeichen, der weiße Hirsch, der chinesische Drachen, alles ist da. Ich habe all diese Stückchen zusammen geklebt, habe ihn zu König gemacht. Und zum Dämon zugleich. Als wir uns kennen gelernt haben, hat mir jemand zum Geburtstag den Pilger, das Buch von Coelho geschenkt, der wahrlich von Dämonen durchdrängt ist. Schon damals wussten alle, dass ich nach Santiago zu Fuß will…
– Weshalb eigentlich? Nur wegen einer Erzählung?
– Nein, nicht nur, es sind viele Gründe gewesen. Wollte eigentlich immer. Eine andere Geschichte. Die hängt mit meiner Kindheit zusammen, mit dem griechischen Schicksal.

Sie schweigen. Sie hat ihren Tee schon längst getrunken. Vor ihm stehen drei leere Wodkagläser.

– Du erzählst viel von Magie. Gehörst du einer Sekte? Oder, was weiß ich, einer New-Age-Gruppe?
Ach was. Ich mach mir selber meine Ängste und meine Magie, sagt sie. Auf dem Jakobsweg habe ich regelrecht Magie getrieben. Ich wollte ihn zurück gewinnen.
– Wen? Den König?
– Ja. Er ist aber kein König. Das ist dir klar, oder? Mir leider auch. Ein gewöhnlicher Kerl, mit einem starken Hang zu schattigen Seiten des Lebens.

Sie denkt an eine kantige Figur, die sie für ihn während einer Mondnacht auf dem Berg Cruz de Ferro aufgebaut hat. Gerade an dieser magischen Nacht, als sie den heiligen Berg bestieg, hat er sich in einem Klub eine Junkie-Frau geholt, die seitdem bei ihm wohnte.

– Damals wusste ich es nicht. Jetzt weiß ich es. Ich habe gestern mit ihm Schluss gemacht.
– Gestern? Deshalb schlaffst du heute nicht. Warum eigentlich? Du wusstest doch, wie er ist. Und wie lange hast du es ausgehalten?
– Fünf Jahre. Ich habe viel dafür bezahlt, schon als ich auf den Jakobsweg ging, wusste ich, dass es schon unerträglich ist, so viel zu bezahlen. Es war aber Klacks im Vergleich dazu, was ich danach zu zahlen hatte.
Er bestellt sich noch einen Wodka.
– Hast du das Buch von Hape Kerkeling gelesen?
– Ja, sagt sie. Ein arroganter Schnösel.
– Wieso?
– Benimmt sich so und beschreibt es auch. Und jetzt hat er es bewirkt, dass so viele aus Deutschland den Weg gehen.
– Vielleicht ist es auch so, sagt Jakob. Ich wäre auch beinah hingegangen.
– Wegen eines Buches? fragt Halka. Eigentlich ist ja OK, jemand muss uns sagen, was wir tun wollen.
– Du bist letztendlich auch wegen eines Buches hingegangen.
– In einem gewissen Sinne schon. Aber im Grunde waren es meine Selbstzweifel und Verzweiflung.
– Selbstzweifel und Verzweiflung, wiederholt Jakob. Du hast aber einen schweren Wortschatz. Wir leben aber in den Zeiten, in denen man nicht so schwermutig denkt. Schuld. Was ist Schuld? Gar Ethiker und Juristen wissen nicht mehr, was wirklich Schuld ist. Alles lässt sich rationalisieren und erklären. Durch Gene oder Erziehung und Sozialisierung.
– Es ist unwichtig, sagt sie. Du musst gar nicht wirklich Schuld tragen. Für manche deine Taten wirst du trotzdem zahlen müssen. So war es in einer griechischen Tragödie. In jeder griechischen Tragödie. Du hast keine andere Wahl, außer das zu tun, was du tun musst. Du tust es und zahlst dafür.

Ihre Stimme ist ruhig. Ohne Gefühl, ohne Emotion.

– Das heißt, im Endeffekt ist es doch deine Schuld, sagt sie nach einer Weile. Wenn du nur tiefer geschaut hättest als das, was du getan hast, weil du dachtest, du kannst nicht anders.
– O du heiliger Jakob, sagt er, da machst du aber alles verdammt kompliziert. Verstehe ich es richtig, du hast nicht gesündigt und du wolltest gar nicht Böses, du hast getan, was du getan hast und dafür hast du die Strafe bezahlt. Und da es niemandem gab, der dir deine Strafe auferlegt hat, hast du sie dir selber auferlegt.
– Ja. Mehr oder weniger.
– Was hast du eigentlich getan?
– An die Liebe geglaubt. An Blicke, Küsse, Beteuerungen…
– O nee, Liebe… Wie eine sechzehnjährige…
– Allerdings. Ich sah es nicht als die Schuld, für die ich zahlen werde. Aber trotzdem… Ich habe die objektiven Tatsachen nicht beachtet. Dafür zahle ich. Für Nicht-Beachtung der objektiven Tatsachen.
– Ungerecht, sagt Jakob. Du bist nicht schuldig, das hast du selbst gesagt. Du hast ein Problem, sicher. Aber Schuld, nee, Schuld in diesem hohen Sinne, das ist zu hoch für einen normalen Menschen.
– Ich machte meine Sühne.
– Altmodischer Begriff und wie! Und woher soll man wissen, dass man am Ende wie ein blöder Sündiger barfuss und mit dem mit Asche bedeckten Haupt stehen würde?
– Es gibt Orakel. Und es gibt Klugheit. Intelligenz. Wissen. Intuition. Man hat schon davon gehört. Ich habe davon gehört. Man kennt doch all die Antigonas, Elektras, Ifigenias. Man ist weder unvoreingenommen noch unvorbereitet. So ist es doch seine Schuld, weil er dem Los nicht genügend Achtung geschenkt hat.
– Ach, das Los.
– Ach, das Los, faxt sie. Ja. Ich weiß, ihr Deutsche mag es nicht, das Los, das Schicksal, die Fortuna.

(…)
– Na, sagt er, was war dann mit diesem Mann?
– Objektive Tatsachen, sagte sie. Er war alles, was ich in einem Mann immer suchte. Nur dies alles war nicht für mich. Ich sollte es wissen. Eigentlich musste ich es wissen. Er war zu jung. Das war bis dem Zeitpunkt kein Problem, fast alle meine Männer waren jünger als ich. Wesentlich jünger sogar. Es war nie ein Hindernis. Diesmal aber schon.
– Und?
– Man wird für alles bestraft, für die Liebe muss man besonders viel bezahlen.
– Liebe ist nicht Schuld.
– Ach nein? Natürlich ist sie Die Schuld. In diesem griechischen Sinne ist sie die Schuld. Ich habe es nicht gewollt, ihn zu lieben. Die Liebe kam aus dem Nix. Ungebeten, uneingeladen. Sie kam und traf mich wie ein Blitz. Bis zu diesem Moment war es immer anders, immer waren es die Männer, die sich darum bemühten, mich zu erobern. Sie mussten mir beibringen, sie zu lieben. Diesmal war ich diejenige, die liebte. Ich könnte nicht anders, nur das zu tun, was ich tun musste: Lieben. Und Liebe… sie trägt ihre eigene Strafe inne. Ablehnung, Ausbeutung, Betrug, Bitterkeit, Einsamkeit, Entbehrung, Gleichgültigkeit, Lächerlichkeit, Lüge, Minderwertigkeit, Ungläubigkeit, Unglücklichsein, Unsicherheit, Selbstzweifel, Verachtung, Verlegenheit, Verzweiflung, Verrat, Verwirrtheit, Verständnislosigkeit, Zurückweisung… Alles ungewollt, uneingeladen, schmerzhaft.
– Alle Achtung, sagt er, alphabetisch geordnet.
– Ich habe noch nicht alle Buchstaben abgearbeitet, sorry. Beim nächsten Mann wird alles anders.
Aus allen möglichen Sorten der griechischen Schuld ist gerade die Liebe die Schrecklichste, weil sie eben auf das Beste, Gütigste, Selbstlose und Hingebungswilligste zielt.
– Oh, du heiliger Jakob, was für eine Katastrophe die Liebe ist, sagt er.
Sie lächelt.
– O ja, sagt sie, wie wahr.
Jakob geht wieder zur Bar und bestellt das Essen.
– So, Scheherezade, sagt er, ich zahle für das Abendbrot und Wein, auch wenn es der Zeit nach eh Frühstück und Tee ist, du erzählst weiter.
– Es gab einmal, sagt Halka, einen griechischen König. Ödipus. Er ist der Sohn des Laios gewesen, des Königs von Theben, dem das Orakel prophezeite: „Dein Sohn wird dich, seinen Vater, erschlagen und deine Frau, seine Mutter heiraten.“ Als er geboren wurde, ließen seine Eltern, um den Fluch umzugehen, seine Füße durchstechen, zusammenbinden und ihn von einem Hirten Gebirge aussetzen. Der Mann übergab ihn einem anderen vorbeiziehenden Hirten. So gelangte Ödipus zum König Polybos von Korinth und wurde von ihm adoptiert. Dann erfährt auch er von dem Orakel: Er werde seinen Vater töten und seine Mutter heiraten. Somit brach er sofort in die Ferne auf, damit sich die Prophezeiung an seinen vermeintlichen Eltern in Korinth nicht bewahrheite. Unterwegs tötet er in einem Handgemenge zwei Männer. Einer davon ist der Laios, sein leiblicher Vater. Er geht weiter, kommt nach Theben, das von grausamer Sphinx heimgesucht ist, antwortet die Rätsel des Monsters, befreit die Stadt und darf als Belohnung die Witwe des gerade gestorbenen Königs, Iokaste, und damit seine eigene Mutter, zur Ehefrau nehmen. Erst später erfährt Ödipus, dass Iokaste und Laios seine leiblichen Eltern sind. Wie es vom Orakel vorausgesagt wurde, beging Ödipus also sowohl Vatermord als auch Inzest.
– Ej, sagt Jakob, deine Erzählkunst lässt nach, diese Geschichte kennt doch jeder.
Halka nickt.
– Die Frage ist, sagt sie, ob sich die Orakel bewahrheitet hätte, wenn Laios und Iokaste gesagt hätten, ihr könnt uns mal, liebe Götter, wir wollten immer einen Sohn haben, er bleibt bei uns. Das Sich-Erfüllen der Prophezeiung passierte nur, weil man versuchte seine Wirkung auszumerzen. Für mich wurde auch ein Orakel aufgehängt, sagt sie. Es musste so sein, ich bin mir sicher. Dieser sagte vor, dass ich niemand werde, nie wer werde, nie zur Ruhm und Ehre gelange. Zum Glück, Wohlstand und Sicherheit nebenbei gesagt auch nicht. Ich sollte nie etwas erreichen, ich war als ein Niemand geboren und werde als ein Niemand sterben.
– Wer hat es getan?
– Mama? Sie waren alle Künstler, meine Mutter, mein Vater, meine Schwester. Nur ich nicht. Ich wollte. Ich wollte malen, Gitarre spielen. Mir wurde sofort gesagt, nein, du nicht, du bist keine Künstlerin. Hast kein Talent, keine Gabe, keinen Daimonion. Deshalb konnte man mir die Aufgaben aufbürden, die den Künstler nicht würdig waren. Die sie ganz einfach keine Lust hatten, zu erledigen. Einkaufen, kochen, saubermachen, waschen, abwaschen, bügeln. Ich ackerte. Ich wusste, dass es so ewig sein wird. Sie werden immer größere Künstler sein, ich werde sie bekochen. Ich bin geflohen. Mit 18 machte ich mich vom Sand und ging. Ich wollte auch wer werden, und dies konnte ich zuhause nie im Leben erreichen. Zuerst bin ich in die andere Stadt geflohen, sie holten mich nach zehn Jahren zurück. Ein paar Jahre später flüchtete ich das zweite Mal, diesmal in einen anderen Staat. Ich versuchte mit meiner ganzen Kraft, wer werden. Umsonst. Jetzt ist mein Leben um. Ich bin Niemand und ich werde als Niemand sterben. Kein Geld, keine Arbeit, keine Sicherheit, kein Ruhm und Ehre. Allein, ohne Ehemann, ohne Partner. Einziges was ich erreicht habe, ist meine verbissene Unabhängigkeit, für die ich wie eine Wahnsinnige bezahle. Kein Mensch musste mich je aushalten, ich hielt mich immer selber aus. Nur, es ist nicht zu aushalten.
– Du bist doch eine Schriftstellerin.
– Ohne jeglichen Erfolg.
– Du kannst gut erzählen.
– Und du hast gut reden. Ich bin Ödipus. Ich versuchte meinem Schicksal zu entgehen, um am Ende genau das zu erreichen, was für mich vorgeplant wurde. Ich habe dafür 40 Jahre hart gearbeitet.

Er versucht ihre Hand in die seine zu nehmen, sie zu trösten. Barsch zieht sie ihre Hand zurück.

– Lass das, sagt sie. Wage nicht, mich zu trösten. Es ist schwierig genug, selber hart zu bleiben, um damit fertig zu werden. Mit dem Mitleid wird es unerträglich. Man kann der Bestimmung nicht entgehen. Das ist das Fazit meines Lebens.

Fotos Krzysztof Pukański

 

Schutzengel – Teil 2

Sieglinde Hocheisel

Fortsetzung vom gestern

Völlig verschwitzt erreichten wir unser Haus und sehnten uns nach einem Glas Wasser in der kühlen verdunkelten Küche. Doch schon beim Öffnen der Haustür hörte ich wieder das vertraute Gebrumm. Jetzt hatten wir noch nicht mit ihnen gerechnet. „Verdammt, sie sind schon wieder da. Wann kommt wohl die Feuerwehr?“ Entfiel es mir vor Schreck. Jetzt gingen mir die Viecher auf die Nerven.
Sie hatten unser Haus in Besitz genommen und ließen keine Ruhe. Das ging gar nicht.
„Ich setz mich nicht in die Küche. Ich hol mir das Wasser und setz mich draußen hin“,
entschied ich. „Wenn sie nicht bald kommen, brenne ich das Nest aus“, hörte ich Emanuel aus der Küche rufen. Von Entspannt- und Gelassenheit konnte plötzlich keine Rede mehr sein.
Und der Gedanke an die Feuerwehr gewann an Zustimmung. Plötzlich klingelte mein Handy, das auf dem Berg fast nie ein Signal hatte. Wer konnte hier zu uns durchdringen? Vielleicht ein Außerirdischer? Ich schoss zum Telefon und erwischte gerade noch die Stimme eines Feuerwehrmannes, der mir versicherte, dass sie heute noch kommen würden, aber erst sehr spät. So um Mitternacht. „Die werden überhaupt nicht kommen. Und wenn, dann erst morgen“, war Emanuels Kommentar dazu. „Was soll denn das? Glaubst du etwas, die arbeiten hier noch um Mitternacht“, legte er nach. Auch wenn mich diese Skepsis und dieser Pessimismus schon wieder nervten, schien er mir damit nicht ganz falsch zu liegen.
„Weißt du was? Ich mach das alleine.“ „Was machst du alleine?“ fragte ich ein wenig heuchlerisch nach. „Na was wohl. Die Hornissen ausräuchern.“ „Das tust du nicht. Das ist zu gefährlich,“ beschwor ich ihn. Doch wie ich ihn kannte, würde er keine Ruhe geben.
Inzwischen hatte die Mittagshitze mörderische Temperaturen entwickelt, die jeglichen Antrieb zunichte machten.
Ich mied es ins Haus zu gehen und hatte es mir in einem Liegestuhl im Schatten eines Baumes bequem gemacht. Da schaute ich in die weite Landschaft und versuchte von dem Geschehen Abstand zu gewinnen. Die Luft stand still, die Zikaden schrieen und ewiges Hintergrundgeräusch war ein Gebrumm. Wenn ich mich umsah, schossen kreuz und quer die Hornissen ums Haus. Emanuel war verschwunden. Sein Liegestuhl stand verwaist auf der Terrasse. Ich hatte ihn gewarnt und mochte ihm nun nicht hinterherlaufen, mal nachschauen, ob er hartnäckig weiter seinen Plan verfolgt. Eine Weile wartete ich noch, aber dann war ich zu neugierig und ging ihn doch suchen. Zuerst in den Keller, wenn es zutraf, dass er das vorhatte, was er nicht tun sollte. Und wie erwartet, fand ich ihn da, völlig vertieft in das Basteln seiner Waffen und Rüstung zum Angriff auf das Hornissennest. In einen alten Plastikeimer hatte er zwei Löcher geschnitten und diese mit einer durchsichtigen Folie verklebt. Den wollte er sich als Schutz über den Kopf stülpen. Die Angriffswaffe war auch schon fertig. Ein verrosteter Blecheimer mit vertrockneten Sonnenblumenresten, die er anzünden wollte.
„Lass das lieber. Die Feuerwehr kommt bestimmt. Sonst hätten sie nicht angerufen.“ Versuchte ich ihn noch einmal zu überreden, war aber nicht überzeugungsfähig, da auch in mir wieder die Stimme Oberhand gewonnen hatte, dass wir es allein hinkriegen.
So schaute ich zu, wie sich mein Mann seinen Eimer über den Kopf stülpte und zum Kamin schritt, in dessen Schornstein sich das Nest befand.
Der Kamin in einem umbrischen Bauernhaus ist eine dunkle archaische Höhle, in der ein Feuer brannte um das sich die Familie auf Bänken hinein hockte. Im Winter fegte der eisige Wind durch die Räume und nur um das lodernde Feuer war es erträglich.
Aus diesem rußigen Schacht kamen nun die Hornissen geflogen. Weit oben zum Schornstein hin, war ihr Nest. Emanuel mit dem Eimer auf dem Kopf mutete an wie in einem Kindertheater über Kreuzritter. Aber er meinte es ernst. Vorsichtig schaute er durch die beiden Augenlöcher in seiner Schutzrüstung, wie hoch das Nest lag, dann hatte er alle Vorbereitungen abgeschlossen, und marschierte entschlossen zum Stall um seine Waffe zu holen. Der Eimer mit einem dichten Büschel trockener Sonnenblumen stand schon bereit.
„Pass bloß auf“, fiel mir noch ein wenig lieblos als letzter Segen ein, dann nahm er wieder Kurs auf den Kamin mit Eimer und Feuerzeug bewaffnet, hängte den Eimer an eine lange Stange, zündete die trocknen Strünke an und steckte die lodernde Waffe hoch in den Kamin in das Hornissennest. Es zischte und aus dem Schornstein sah ich schwarzen Rauch und Schwärme von Hornissen aufsteigen.
Emanuel stürmte so schnell er nur konnte nach draußen, stand aufatmend und unversehrt wieder vor dem Haus und schleuderte seinen Kreuzrittereimer von sich. Sein unerbittlicher Kampfesausdruck wich großer Erleichterung.
Ab und zu drang uns ein beißend süßlicher Gestank in die Nase, der sich in der Hitze unerträglich ausbreitete. Aus dem Schornstein schossen immer noch vereinzelte Hornissen, die dann verzweifelt in der heißen Luft herumtaumelten.
„Ich habe sie nicht erledigt. Das Nest war viel zu groß, jetzt werden sie uns stechen und uns erledigen, wenn nicht bald die Feuerwehr kommt“, stellte Emanuel erbittert fest.
Vorsichtshalber gingen wir noch ein bisschen weiter, vom Haus entfernt, wo keine Hornissen herumschwirrten. „Die Feuerwehr kommt bestimmt. Ich glaube nicht, dass sie sonst angerufen hätten“, versuchte ich wieder zu beschwichtigen, um die Stimmung aufzubessern, denn mein Vertrauen an das nächtliche Erscheinen der Retter wankte ebenfalls.
Mindestens war unser Aktivismus vollständig zum Stillstand gekommen und damit sogar ein Moment der Ruhe eingekehrt. Grund, um eine zu rauchen, dachte sich Emanuel und zündete sich eine Zigarette an.
Doch diesmal hatten wir die Hornissen unterschätzt, vor denen wir uns in dieser Entfernung vom Haus unbehelligt fühlten. Kaum blitzte das Feuerzeug auf, schossen sie wie aus dem Nichts lautlos auf die Zigarette und das Feuerzeug zu. Das war ihr Killer und den wollten sie in Todesnot wütend angreifen. “ Wirf die Zigarette weg“, schrie ich verzweifelt. Dabei sah ich doch, dass Emanuel sie schon längst austrat. Mir war klar, jetzt wurden sie gefährlich. Mein Blick fiel auf den hingeschmissenen Plastikeimer, dessen Augenlöcher verwaist aufs Haus starrten. Um ihn herum eine kleine summende Wolke.
Auch ihn hatten sie gleich als Angreifer ausgemacht. „ Bald werden sie herausfinden, wer der Hintermann ist und mich angreifen. Komm wir hauen ab“ entschied Emanuel. „Aber vielleicht kommt gleich die Feuerwehr. Wir müssen sie jetzt abwarten und hier bleiben“, entgegnete ich, immer bemüht im guten Einklang mit aller Nachbarschaft zu bleiben. Wenn schon nicht mehr mit den Hornissen, dann wenigsten mit der Feuerwehr.
Sie hatte sich zwar für spät abends angemeldet. Aber genaue Termine waren in Italien nicht an der Tagesordnung. Da war es doch angeraten, am Haus zu bleiben.
Nur nicht so nah.

Plötzlich klingelte wieder das Handy. Ein Wunder bei dem katastrophalen Empfang auf unserem Hügel. Es war Giovanni. „Die Feuerwehr kommt erst spät abends. Sie haben mich angerufen, weil sie euch nicht erreichen konnten. Ich komme dann auch. Passt gut auf. Ciao.“ Ganz offensichtlich ließ man uns nicht allein mit den Hornissen, wie wir beide es im Stillen befürchteten. Das Gegenteil war der Fall. Sogar die Feuerwehr rief ein zweites Mal bei unserem Nachbarn an. „Wie Schutzengel“, kam mir der Gedanke und ich fühlte mich wieder sicher.
Dagegen konnten auch die Gluthitze und das Gebrumme nichts mehr ausrichten.
Gelassen gingen wir in die Küche, wo zu der Tageszeit nur ein paar Außenseiter dieser angeblich so gefährlichen Calabrone im Zickzack herum schossen und holten uns ein bisschen Verpflegung. Dann suchten wir uns ein schattiges Plätzchen und warteten auf den Abend.

Es war schon neun Uhr als es langsam dunkel wurde. Wie in der gestrigen Nacht war unser Haus wieder zu einem elektrischen Umspannwerk geworden, denn nachts kehrten die Hornissen in ihren Bau zurück. Die heiße Nachtluft vibrierte in einem monotonen Gebrumme.
Doch wir hielten uns diesmal in sicherem Abstand zu den vermeintlich so friedlichen Insekten.
Vom Hügel aus konnten wir aus erhobener Position das Anrücken der Feuerwehr schon aus weiter Entfernung frühzeitig erspähen. Denn schon die Vorstellung von der Feuerwehr löste eine ganz eigene Angst wieder aus. Behelmte Männer, die den Kampf gegen das Feuer aufnehmen, kämen auf unser Haus zumarschiert, um diese lächerlich harmlosen Hornissen auszuräuchern. Da war es angeraten, sich innerlich vorzubereiten.
Wir starrten gebannt auf die Straße, aber es tat sich nichts. Weit und breit keine Feuerwehr.
Und inzwischen wurde es dunkel. Es war Neumond, die Sterne funkelten und über den umliegenden Hügeln lag tiefes Schwarz. Ab und zu blitze der Scheinwerfer eines Kleinwagens auf, sonst hörten wir nur das Gebrumme der Hornissen.
„Ich glaube nicht, dass sie noch kommen“, verkündete Emanuel und ich wollte das lieber nicht hören, denn es schürte auch meine Zweifel und ging mir jetzt auf die Nerven. „Wenn sie zwei mal angerufen haben, werden sie wohl kommen“, begann ich wieder zu beschwichtigen. Dabei glaubte ich auch nicht mehr, dass sie mitten in der Nacht kommen würden.
Um mich zu beruhigen lief ich im Dunkeln den Weg auf und ab, doch alles was ich tat, machte mich nur nervöser.
Plötzlich schrie Emanuel: „Sie kommen. Mit Blaulicht. Ja, da kommt Blaulicht auf unser Haus zu.“ Ich wollte es nicht glauben, aber tatsächlich sah ich wie ein bedrohlich blinkendes Blaulicht sich in der Schwärze der Nacht sehr langsam auf unser Haus zu bewegte. „Warum denn dieses Blaulicht. Hier brennt doch nichts.“ Bemerkte ich, und fragte mich dann doch, wenn sie Blaulicht anhaben, ob das für uns sein konnte? Aber das war so gut wie sicher und das machte mir Angst. Ein schlimmes Unglück, eine Katastrophe, wenn sie so kommen.
Mir war so, als würden sie jetzt unser ganzes Haus zu einem Ort des Unglücks machen. Aber das war er doch gar nicht.
Wie eine fremde Macht nähert sich das gespenstische Blaulicht und war plötzlich hinter unserem kleinen Hügel verschwunden. Wieder starrte ich auf unseren Weg, aber kein Blaulicht, Nichts. Völliges Schweigen. Nur das Gebrumme. Ohne das blaue Geblinke war die Nacht wie ausgelöschtes Licht. Ein tiefes verlorenes Schwarz und keine Schutzengel mehr in Sicht.
„Sie kommen! Sie kommen zu Fuß hoch“, schrie plötzlich Emanuel. Und da sah ich sie.
Fünf Männer in weißen Schutzanzügen, die mich an die Bekleidung der Helfer aus Tschernobyl erinnerten, klommen den Weg zu unserem Haus hoch. Sie in diesen Schutzanzügen und wir beide in normaler Kleidung. Als hätten wir die Verseuchung aus dem Atomkraftwerk nicht bemerkt und sind jetzt verloren, kam es mir. Fernsehbilder vom Mond und fremden Unglücksorten tauchten vor mir auf irritierten mich. Wo war ich? Das konnte doch nicht wahr sein.
Aber da tauchte Giovanni auf und stellte uns die fünf Mondmänner vor. „Buona sera“, „Buona sera“, und wir schüttelten uns die Hände, wozu sie ihre riesigen Handschuhe ausnahmsweise auszogen. Sie hatten freundliche Stimmen, so dass sich meine Furcht ein wenig legte.
„Dove sono i calabroni“, hörte ich einen von ihnen, den Giovanni Antonio nannte, zur Sache kommen. Sie waren ja nicht zum Spaß hier, sondern um uns vor der Hornissengefahr zu retten.
Dazu brauchten sie nicht viele Worte. Sie schienen ein eingespieltes Team und machten sich fast schweigsam ans Werk. Ihre Arbeitswerkzeuge, die sie mühsam in der Hitze den Berg hoch geschleppt hatten, kamen sofort zum Einsatz. Schweigsam aber konzentriert und wie in einem Stummfilm. Eh wir uns versahen, hatten sie schon die Leiter an die Hauswand gelehnt und kletterten mit einer riesigen Taschenlampe und einer Sprühdose aufs Dach. Verzweifelt schaute Emanuel nach oben und klagte schon wieder, dass sie seine Dachziegeln kaputt treten würden. Und auch mich durchfuhr wieder ein Schrecken beim Anblick ihres gebieterischen Arbeitseinsatzes. Da hatten wir ruhig zu sein. Soviel war klar.
Diese fünf Männer in ihren weißen Schutzanzügen machten jetzt ihren Job mit unserem Haus.
Ohne wenn und aber. Und in einem Moment schien sogar Emanuel eingeschüchtert.
„Vedi, tutti calabroni qui“ kommentierte Giovanni, als wir über dem Kamin im Lichtkegel der Taschenlampe einen riesigen Schwarm Hornissen aufsteigen sahen. Sie flohen vor dem Gift, das der Feuerwehmann hineingesprüht hatte. Sie taumelten und schossen richtungslos durcheinander. Mir war klar; diesmal wurde ganze Arbeit getan. Ohne Federlesen schmissen die weißen Helfer die riesige Wabe in Fetzen nach draußen und stießen mit einer Schaufel auch die letzten Reste nach unten.
Ich hörte ein seltsames Aufplatschen und nahm einen widerlich süßlichen Gestank wahr. Das waren die Hornisseneier, die nun eine Matsche auf dem Fiesenboden unseres Wohnzimmers bildeten.
„Siamo pronti“, rief dann der Einsatzleiter und alle fünf Männer fanden sich wieder vor unserem Haus zusammen. Sie befreiten sich ein wenig von Maske und Handschuhen, tranken Wasser und atmeten auf. “Mille grazie, mille grazie“ kam es wie ein Chor aus unseren Mündern und wir hätten es gern noch hundertmal gerufen, doch war schnell klar, dass für allzu große Emotionen der Dankbarkeit keine Zeit war. Also mussten wir schnell zum Wesentlichen kommen. „Was kostet es?“ fragte Emanuel und zückte sein Portemonnaie.
„Niente. Siete ospiti“, sagte der Einsatzleiter und wies mit seiner Hand jegliche
Geldangebote von sich. „Steck es ihnen zu. Das ist hier so“, ratschlage ich und war insgeheim sehr froh, dass Emanuel es machen sollte. Der war auch ohne meine Ratschläge geistesgegenwärtig genug und versuchte unauffällig jedem der fünf Männer Geld zuzustecken. Doch niemand nahm sein Geld an. Das war Ehrensache.
Stattdessen gaben sie uns freundlich die Hand, verabschiedeten sich, nahmen ihre Werkzeuge und traten den Rückzug an. Nacheinander stapften sie mit ihren schweren Schuhen den Weg hinunter zu ihrem Auto. Wir schauten ihnen nach bis sie in der Dunkelheit verschwanden.

Auch Giovanni hatte sich ihnen angeschlossen und so standen wir jetzt wieder allein vor unserem Haus. Das Brummen war einer fast beängstigenden Stille gewichen, denn alle Hornissen waren tot. In der Luft lag der süßlich faulige Gestank ihrer zermatschten Eier und des ätzenden Gifts.
„Hast du gehört, was sie gesagt haben, als ich bezahlen wollte? Siete ospiti. Stell dir so etwas mal bei uns in Deutschland vor. Die Feuerwehr würde doch nach einem Einsatz bei Ausländern nicht die Bezahlung zurückweisen und sagen, Sie sind unsere Gäste“, sagte Emanuel berührt. Ja, es schien mir auch so. Wenn ich die Situation nach Deutschland verlagerte, konnte ich mir diese Art von Gastfreundlichkeit nicht vorstellen.
„Das waren echte Schutzengel“, erwiderte ich, während mir weiterhin ein Ekel erregender Gestank in die Nase stieg. Mir graute es, diese Verwüstung näher anzusehen.Überall lagen die Fetzen der Wabe und oben im Zimmer auf dem Boden die zermatschten Eier.
Das mussten wir jetzt erst einmal beseitigen.
Mit Schaufel und Schrubber machten wir uns an die Arbeit und putzen unser Haus bis in die letzte Fuge, bis wir tot müde waren.
Aber die wohl verdienste Nachruhe war noch immer nicht problemlos gesichert.
Während ich mich sofort in unserem Schlafzimmer ins Bett legen wollte, fürchtete Emanuel, dass das Gift gegen die Hornissen nun im ganzen Haus sei und richtete sich ein Nachtlager in unserem VW-Kombi.

Mir schien das Gift nichts anzuhaben, denn ich erwachte am nächsten Morgen frisch und gut gelaunt in meinem Bett. Erst als ich die verlassene Seite neben mir erblickte, fiel mir wieder alles ein. Neugierig sprang ich auf, um mir das Ergebnis der gespenstischen Nacht bei
Tageslicht anzusehen. Alle Türen standen weit offen und die frische Morgenluft hatte die üblen Gerüche vertrieben. Unser Kaminzimmer war blitzblank geputzt. Es gab keine einzige Hornisse mehr. Was würden der Berliner Verfasser der Naturschutzbroschüre zu diesem Schluss sagen? Vermutlich, dass wir das Haus für die Hornissen räumen müssten.
Aber das ließ mich jetzt kalt. Ich wollte Emanuel in seinem Auto einen guten Morgen wünschen und ging nach draußen. Doch wieder einmal traute ich meinen Augen nicht.
Wir hatten Besuch. Vor dem Auto lag ein großer kastanienfarbiger Hund, der bei meinem Erscheinen sofort aufstand und leise winselte. Wo kam er her? Vielleicht einer von Giovannis Jagdhunden, der ihm abgehauen war? „Der war die ganze Nacht bei mir am Auto“, rief mir Emanuel zu, der mein Erstaunen sah. Sein übermüdetes Gesicht ließ darauf deuten, dass er im Auto nicht die beste Nachtruhe hatte. „Ich wurde nachts wach, weil irgendjemand an meinem Autoblech kratzte und immer ums Auto herumlief. Ich wusste nicht, was das sein konnte. Vielleicht auch ein Stachelschwein?“ Vorsichtig schaute er dann aus dem Fenster und erkannte einen großen Hund. Er erschrak, denn ein Hund war noch nie an unserem Haus gewesen. In der Hoffnung, dass er wieder verschwinde, legte er sich wieder aufs Ohr. Doch dann drückte ihn seine Blase und er musste aus dem Auto. Kaum öffnete er die Autotür, war die Hundeschnauze im Spalt. Schnell schlug er die Tür wieder zu und überlegte, wie er das dringende Problem lösen könnte. “Vorsichtig öffnete ich den oberen Spalt des Fensters, doch wieder überkamen mich Zweifel, ob ich auf dem Rücken liegend, durch den schmalen Fensterspalt die Sache bewältigen könnte. Auf diese Weise würde die Hälfte des Inhalts im Auto verbleiben. Verzweifelt öffnete ich schließlich doch die Tür ohne Rücksicht auf die hartnäckig wartende Hundeschnauze und verschaffte mir Erleichterung,“ beschrieb er dann detaillierter sein nächtliches Abenteuer. Als es hell wurde, sah er den Hund neben dem Auto in einem Nest aus trockenen Blättern eingerollt liegen.

Während seiner Erzählung hatte sich der Hund wieder in seine Kuhle gelegt, und wirkte so ruhig, als ob er schon ewig mit uns zusammenlebte.
Überhaupt war dieser Morgen friedlich und paradiesisch schön. Nach überstandener Prüfung belohnte uns die Sonne mit einem Zauberwerk glitzernder Tautropfen und lud dazu ein, auf der Terrasse zu frühstücken. Auch der Hund sollte etwas zu Essen bekommen.
Immer noch lag er vor dem Auto. “Mal sehen, ob er ein Wurstbrot mag“, befand Emanuel, ging zu ihm hin und brachte ihm eine belegte Brotscheibe. Erfahrungsgemäß sind die Hunde aus dieser Gegend keine Feinschmecker. Sie fressen gierig alles, sogar Salat. Wurstbrot müsste doch eine schöne Leckerei für ihn sei. Dachten wir und beobachteten unseren Gast erwartungsvoll. Doch wider Erwarten rührte er die vermeintliche Delikatesse nicht einmal an. Im Gegenteil.
Er schaute uns tief enttäuscht an, drehte sich um, ging einfach weg und ließ uns mit dem Wurstbrot stehen. Traurig hofften wir er würde zurückkommen, doch wir sahen ihn nie wieder.
Am nächsten Tag erzählten wir Giovanni von dem Hund, weil wir davon ausgingen, dass er ihm gehörte. Doch Giovanni kannte ihn nicht und erwiderte selbstverständlich: „Ha fatto la guardia.“

Schutzengel – Teil 1

Sieglinde Hocheisel

Dieses Jahr war es schon bald Herbst, als wir uns auf den Weg zu unserem umbrischen Ferienhaus aufmachten.
Der Morgen verhieß eine endlose Sicht auf die Alpen und eine freie Autobahn. Voller Glücksgefühl trat ich das Gaspedal noch ein bisschen herunter und den mißbilligenden Blicken des Ehemanns widerstehend, raste ich Richtung Garmisch.

Mein Herz war an diesem Morgen weit offen. Ich fühlte mich wie in der Camelreklame, Freiheit und Abenteuer. Doch da schon leuchteten die ersten Rücklichter vor mir auf Stau. „Gerade war eine Abfahrt. Die hättest du nehmen können“, kam der Vorwurf von der Beifahrerseite. „Aber die war doch schon weit vor dem Stau. Das hätte ich doch nicht wissen können.“ „Die Straße um den See ist sowieso schöner. Du weißt genau, dass ich die gerne fahre, aber du fragst ja nicht, Hauptsache du kannst rasen. So, da siehst du. Stau.“
Fest entschlossen, mich von der Nervosität meines Mannes nicht beeinflussen zu lassen, stellte ich meine Ohren auf Durchzug und versuchte bei Stop and Go meinen nächtlichen Traum ins Gedächtnis zu fischen. Solange man sich gedanklich mit etwas beschäftigt, dachte ich, ist auch im Stau stehen keine herausgeschmissene Zeit.
Nach zwei Stunden hatten wir dann die fünf Kilometer bis nach Garmisch geschafft.
Es war bereits Mittag. Ich überschlug die noch vor uns liegende Fahrzeit bis Umbrien und kam auf acht Uhr bis zur Ankunft. „Das wird heute Mitternacht“, ertönte der nicht abstellbare Kommentator neben mir. „Wenn du nicht überholen kannst, laß mich fahren.“
Also gut, damit die liebe Seele Ruhe hat, fuhr ich rechts ran und wurde dabei von fünf Lastwagen, die ich schon bewältigt hatte, wieder überholt.

Als wir schließlich ankamen, hatte mein pessimistischer Ehemann leider recht gehabt.
Es war Mitternacht und im Stockdunklen näherten wir uns dem Haus auf dem umbrischen Hügel. Im Licht der Scheinwerfer schwirrten Insektenschwärme. Hier im Süden war es noch warm. Die letzte Strecke Berg- und Talfahrt durch die abgelegene Finsternis ließ uns wieder munterer werden. Die Müdigkeit wich der Spannung, was wir wohl vorfinden würden.
Man musste auf schlechte Überraschungen gefasst sein. Obwohl ich wußte, dass Gott über solche Angelegenheiten nur ärgerlich würde, betete ich still in mich hinein, dass der Strom nicht abgeschaltet sein möge und bitte auch die Wasserpumpe funktioniere.
„Sicher ist die Pumpe wieder kaputt. Dann gib’s kein Wasser“, kam ungefragt die Überlegung zu diesem Thema, während der Wagen die schmale Schotterstrasse zum Haus emporklomm.
Wucherndes trockenes Gestrunke scheuerte und kratze das neue Auto auf.

Dann waren wir da.
Der Wagen stand im hohen Gras, das mir beim Öffnen der Tür dornig entgegenschlug.
Im ersten Moment fühlte ich mich, als ob die Zeit plötzlich still stünde. Endlose Stunden anstrengenster Konzentriertheit auf dicht befahrenen Straßen wichen, wie beim Filmschnitt,diesem einsamen Ort mit seinen ureigenen Gesetzen. Das alte Natursteinhaus schien all die Monate unserer Abwesenheit sein Eigenleben zu führen. So wirkte es, während ich unter dem mondlosen Himmel im trockenen Gras stehend, von geheimnisvollen Lichtern angestrahlt wurde.
Waren es die Sterne, die sich mit bläulichem Schimmer verständigen? Hüter der fremden Nacht. Wie auch die Hunde, deren erregtes Geheul auf- und abschwoll.
Erleichterung und Lust mischen sich in mir. Wir waren wieder einmal gut angekommen und hatten nun zwei Wochen vor uns. Auf diesem wilden Berg können wir uns gehen lassen. „Jetzt nimm doch auch eine Tasche und lass mich nicht alles alleine tragen“, kam schon wieder die störende Stimme und brachte mich zurück in den Reisestress. „Erstmal ausladen. Hoffentlich ist Strom da. Herumstehen kannst du später.“
Also zerrte ich wütend an einer Tasche, die sich auf dem Rücksitz verklemmt hatte und hörte schon Emanuels schwere Schritte die Treppe hochstapfen und dann das Suchen des Schlüssellochs ohne Taschenlampe.
„Was ist denn jetzt los? Hör dir das mal an.“
Wie erstarrt standen wir vor der offenen Tür. Aus der Finsternis im Inneren summte es wie im Umspannwerk. Das ganze Haus vibrierte. Aus der offenen Tür aus dem Dunklen heraus stürzten große schwarze Insekten auf uns zu. Ich erschauderte und wich zurück. Was waren das für schreckliche Ungeziefer? Dieses ohrenbetäubende Gebrumme. Aus der Ferne heulten wieder die Hunde in die endlose Nacht. Und wieder direkt auf mich zu, floh panisch ein riesiges Insekt aus dem schwarzen Raum in das blässliche Sternenlicht.
Angsterfüllt standen wir da und es verschlug uns die Sprache. Was machen? Tür zu und zurück ins Auto? Nein, dazu würde es nicht kommen. Nicht mit Emanuel. Das war mir klar.
Dann wurde Emanuel wieder aktiv und drückte den berüchtigten Stromschalter nach unten. „Also Licht ist da. Guck mal, das sind Hornissen, Tausende.“ Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Aber ja, das sah ich auch. Es schien wie ein Tierfilm im Fernsehen, aber leider in unserem Haus und wir beide plötzlich zwei Insektenforscher. Selbst die hatte ich noch nie ohne Spezialanzüge inmitten eines Hornissenschwarms gesehen. Wir beide jedoch standen fassungslos in unserer Küche umsummt von Tausenden großer roter Hornissen.
Wie bei allen Erlebnissen, wo Gefahr im Verzug war, schaltete mein Gehirn auf die Funktion jetzt ruhig bleiben. Sofort fiel mir ein Bericht über Hornissen ein, den ich unlängst meinem Neffen aus den Broschüren eines Naturschutzvereins vorgelesen hatte. Da stand, dass alle Menschen so große Angst vor Hornissen haben, weil sie im Irrglauben seien, dass drei Stiche dieser Tierchen schon ein Pferd töten können. Dabei sei das ein Ammenmärchen. Und im beflissenen Lehrton pädagogischer Aufklärung zeigte uns die Broschüre eine überraschend neue Wahrheit. Hornissen seien viel ungefährlicher als Bienen und wenn man sie nicht angreift auch völlig friedlich. Während mich normaler Weise solche Aufklärungswerke ziemlich kalt lassen, war ich bei dieser Darstellung hellwach geworden. Denn schließlich hatten wir in Italien schon öfter unfreiwilligen Kontakt mit diesen Tierchen gehabt. Schon das Summen einer, sich in einem Spinnennetz verfangenen einzelnen Hornisse versetzte uns in Todesangst. Zum ersten Mal glaubte ich sofort der neuen Wahrheit. Denn im Gegensatz zum menschlichen Verhalten, musste das Verhalten von Insekten doch eindeutig erforschbar sein. Ich hatte diese Tierchen also völlig falsch eingeschätzt. Voller Vorurteile und nur negativ.
Es war mir wichtig damals diese Broschüre mit nach Hause zu nehmen, um sie auch meinem Mann vorzulesen. Denn schließlich sollte auch er wissen, wie unbegründet unserer Hornissenangst war.
„Erinnerst du dich noch an diese Tierschutzbroschüre? Da stand doch, dass Hornissen ungefährlich sind. Sie stechen nur, wenn man sie angreift, “ erklärte ich in beschwichtigendem Tonfall. „Aber hier sind Tausende“, kam wieder der negative Kommentar, während um uns herum mit ohrenbetäubendem Gebrumme der gesamte Hornissenstock zur Begrüßung erschienen war. Ich für meinen Teil beschloss, trotzdem keine Vorurteile zu haben und stellte gelassen die Tasche in unser Schlafzimmer. Das Licht lockte mehr und mehr dieser bedrohlich aussehenden Rieseninsekten herbei. Sie knallten an die Fensterscheiben und kreisten in spiralförmigen Trauben um die Lampe. Das Licht flackerte und Schatten von Hornissenschwärmen huschten über die weiß getünchten Wände. Schon ziemlich absurd das Ganze, dachte ich. Doch, was kann man jetzt machen? Sie sind da. Falls es so etwas wie einen gesunden Menschenverstand gibt, müssten wir schnellstens das Weite suchen. Aber nein, ich hatte im Grunde keine Panik. In mir war eine seltsame Gewissheit, dass dieser Bericht aus der Tierschutzbroschüre der Wahrheit entsprach, denn ich stellte fest, dass die Hornissen uns nichts antaten.
Ja, es schien zu stimmen, keine stach uns. Sie waren uns gegenüber friedlich. So, wie es aussah, war ich hier zu Gast in einem Hornissennest.
Auch Emanuel schien der Erklärung aus der Broschüre zu vertrauen und schleppte gelassen eine Tasche nach der anderen ins Hornissenhaus. Überall, auf dem Boden auf Tischen und Regalen lagen ihre toten Artgenossen, die einen schmutzigen Anblick boten.

So konnte man allerdings nicht zu Bett gehen. Ein wenig fegen müsste man mindestens, dachte ich, holte Feger und Schaufel und fing an zu putzen, während um meine Ohren monotones Gesumm toste.
Ab und zu verfing sich eine in meinen Haaren. Ich schnippte sie weg. Auch Emanuel hatte sich entschlossen noch ein wenig zu putzen, und hantierte mit dem Besen umher. Vielleicht mochten sie seine schnellen Bewegungen oder seine Locken oder einen Mann, jedenfalls stießen sie an ihn mehr als an mich. „Das ist der Horror. Gerade habe ich mir eine aus dem Kragen geholt. Ein Wunder, dass sie mich nicht gestochen hat.“ Dabei strich er sich hastig durch die Haare. Um seinen Kopf schwirrte es kreiselförmig. Die Lampe war inzwischen nahezu verdunkelt, weil sich mehr und mehr ansammeln. „Ich halte das nicht mehr aus. Gerade war wieder eine in meinem Kragen. Selbst wenn ein Stich nicht tödlich ist, reicht es doch schon, wenn sie dich in den Hals oder ins Gesicht stechen.“ „Nein, da stand doch, dass die Stiche nicht mal so schlimm wie ein Wespenstich seien. Und außerdem stechen sie dich doch nicht“, entgegnete ich, denn ich hatte den Eindruck, er geriet in Panik und das wiederum machte die Hornissen nervös und würde unser ganzes Konzept zerstören.
„Je länger wir das Licht anhaben desto mehr werden es. Guck mal sie kommen alle aus dem dunklen Kaminzimmer unter der Tür durchgekrabbelt“, schrie Emanuel verzweifelt. „Das hat keinen Sinn. Wir müssen hier abhauen.“ „Jetzt verlier mal nicht gleich die Nerven“, wandte ich ein, obwohl mir das Ganze auch nicht mehr geheuer war. Doch allem Gesumme zum Trotz hatte ich keine richtige Angst und noch dazu war ich müde und hatte keine Lust mitten in der Nacht loszufahren und ein Hotel zu suchen. „Wir gehen jetzt ins Bett“, beschloss ich und hoffte er würde sich beruhigen, wenn ich nur auf ruhig machte. „Willst du dich hier etwa mitten in das Hornissennest legen und sie auf dir herumkrabbeln lassen?“ Emanuel begann wild vor der Tür herumzutrampeln. „Hier kommen sie weiter alle durch“, er zeigte fuchtelnd auf den Spalt zwischen Tür und Fußboden. „Die hier kann ich erlegen“, schrie er, einen wilden Trappeltanz aufführend, der eine Matschspur auf dem Boden hinterließ. „Wenn du willst, dass sie uns angreifen, mach schön so weiter“, befand ich verärgert. Sie lassen uns nur in Ruhe, wenn sie sich nicht bedroht fühlen.“ „Ich hole jetzt das Moskitonetz raus. Wenn wir das über unser Bett hängen, kann eigentlich nichts passieren.“ Ein dumpfer Aufprall auf meinem Kopf ließ mich erschaudern. In meinem Haar brummte ein monotoner Motor. Ich bückte mich, schüttelte kräftig, doch es brummte weiter und hatte sich offenbar verfangen. „Mach mir das raus“, schrie ich, „siehst du nicht, da hängt eine in meinen Haaren.“ Wütend schüttelte ich weiter meinen Kopf, bis Emanuel mit der Fliegenklatsche kam und das brummende Insekt herausstrich. Eine Mumie in einem Kokon aus Spinnennetz eingewickelt, lag vor meinen Füssen. Lustvoll trat auch ich zu, und genoss das leise Knacken. Um meinen Kopf herum schwirrten besessen dunkle Trauben. Ein monotoner Bass vibrierte die schwüle Luft, begleitet von einem manischen Schattenspiel an den Wänden.
Und gleich wieder brummte es in meinen Haaren.
„Mach das raus aus. Sie sind schon wieder in meinen Haaren“. Empört schüttelte ich wieder meinen Kopf und schnippte mit meinem Finger herum, bis eine zu Boden fiel. Doch schon prallte die Nächste an meine Stirn und auch aus meinen Haaren drang wieder bedrohliches Brummen. „Jetzt sind sie sauer, weil Du welche zertreten hast“, schrie ich gespielt wütend, denn im Grunde waren wir immer noch völlig unversehrt. Nicht einmal die, die wir aus den Haaren holten, stachen uns. Der Glaube an den Wahrheitsgehalt unserer Hornissenlektüre wirkte und in diesem Fall schien es mir kein Wunder, sondern einfach das Ergebnis unseres Verhaltens zu sein.
„Das ist doch der helle Wahnsinn. Das glaubt uns niemand. Und fast glaube ich es selbst nicht. Wie wir hier inmitten tausender Hornissen unser Haus putzen und keine sticht uns,“ stellte ich noch einmal mit einer gewissen Genugtuung fest.
Wenn ich mich nicht bewegte und das ganze für Außenstehende surreale Schauspiel einfach nur betrachtete, konnte mir nichts passieren. Soviel war ich mir schon längst gewiss und empfand inzwischen eine Sicherheit. Wären sie gefährlich, hätten sie uns doch schon gestochen, als wir uns bewegten. Falls es nicht doch eine Außenseiterin gibt, die sich daneben benimmt und uns angreift, waren wir in einem Zustand der Harmonie mit den tausend Hornissen um uns herum. Vermutlich glauben mir das nicht einmal die Insektenforscher, die diesen Aufklärungsartikel geschrieben haben. Diese Art der Begegnung mit den Hornissen, in die wir hier hineingeraten waren, war einfach unglaublich.
Auch Emanuel fingerte plötzlich seelenruhig das Moskitonetz aus seiner Hülle und ließ sich von nichts mehr beeindrucken. „Ich geh jetzt mit deinen netten Hornissen schlafen.“ „Na sieh mal einer an, wenn ich in Panik gerate, wirst du wohl ruhig“, kommentierte meine innere Stimme diesen Anblick von Ruhe und Gelassenheit.
Emanuel stand inmitten eines schwarzen surrenden Schwarms in unserem Schlafzimmer, hängte das Netz über unser Bett und fing an das Bettzeug aus dem Schrank zu holen.
Wie von seiner seltsamen Ignoranz angesteckt, überfiel auch mich wie auf Knopfdruck eine innere Gelassenheit, die auch vor der Hölle nicht zurückzuschrecken schien.
Als könnte uns keine Macht der Welt mehr daran hindern die Nacht mit den Hornissen zu verbringen, zogen wir uns aus und legten uns unter das Moskitonetz schlafen.
Ab und zu ein weicher Schlag an die gespannte Netzwand im Dunkeln dann umfing mich ein tiefer Schlaf, weit weg der Hornissenwelt.

Beim Aufwachen drangen ferne Traktorengeräusche in mein Ohr. Ich lag in einem lichtdurchfluteten Zimmer unter einem weißen Vorhang, wie eine Prinzessin auf dem Zauberberg. Neben mir die dunklen Locken eines männlichen Kopfes, der in süße Träume versunken schien. Das orangene Morgenlicht erfüllte den Raum mit göttlicher Ruhe.
Ich sah mich um, doch ein Alptraum überschattete meine freudigen Gefühle.
Ich war eingeschlossen in einen Turm mit riesigen bösartigen Insekten. Sie hatten sich in Schwärmen um mich herumgruppiert, Fenster und Türen verriegelt und summten ohrenbetäubend einen elektrisierenden Schall.
Mit Erschrecken dämmerte mir, dass dieser wunderbare Morgenfriede trügerisch und der Alptraum hingegen nächtliche Realität war.
Ängstlich schaute ich mich im Raum um, aber die Hornissen waren spurlos verschwunden. Nur auf dem Boden lagen noch ein paar ihrer toten Artgenossen, die Emanuel nachts wütend zertreten hatte. Jetzt im klaren Licht des Morgens schienen mir die nächtlichen Szenen absurd, wie in einem Roman Franz Kafkas. Am absurdesten waren wir. Was war denn da in uns gefahren. Diese Naivität, mit der wir dieser Broschüre glaubten. Das war doch sonst nicht unsere Sache. Aber wohl gerade deshalb war uns nichts passiert. Die Hornissen hatten unsere guten Absichten gespürt und irgendwie dadurch hatte sich ein geheimnisvoller Vorgang abgespielt.
Ich hob den weißen Schleier des Moskitonetzes, schlüpfte in meine Sandalen und unternahm einen ersten vorsichtigen Erkundungsgang durch unser Haus. Es war still. Kein Gesumme.
Das kühle Morgenlicht hatte den nächtlichen Spuk verscheucht. Wie war das möglich? Wohin waren sie alle verschwunden? Schliefen sie tagsüber?
Diese Fragen konnte auch Emanuel nicht beantworten. Denn schließlich war er auch kein Hornissenkenner.
Erleichtert atmeten wir die aromatisch duftende Sommerluft, und genossen mit jeder Pore die Befreiung von den Hornissen. Klar war uns aber, dass sie nachts wiederkehren würden.
Und so schön es im Nachhinein war, die Genugtuung und sogar den Stolz eine solche Situation auf diese Art gemeistert zu haben, zu genießen, so Furcht erregend ja geradezu Horror auslösend wirkte schon ein einziger Gedanke an eine Wiederholung. Nein, welche Geister sich in der letzten Nacht auch immer uns schützend zusammengetan hatten, sie würden es sich beim zweiten Mal schwer überlegen. Wir hatten jetzt den ganzen Tag zur Verfügung, um uns von dem Hornissennest zu befreien.
Aber was sollten wir tun? Emanuel, der in handwerkliche Hinsicht gern ein Allroundmacher war, hatte sofort eine Idee. Obwohl er im Reich der Tiere noch keine einschlägigen Erfahrungen gesammelt hatte, fühlte er sich nach dem guten Ausgang unseres nächtlichen Abenteuers inspiriert auch diese Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen.
„Ich werde sie heute Abend ausräuchern. Ich frage Giovanni, ob er mir dabei hilft“.
Der Bauer Giovanni war unser Nachbar, der schon einmal mit einem Besucher unseres Hauses ein Hornissennest ausgeräuchert hatte, als wir nicht da waren. Giovanni galt jetzt als Experte und war immer hilfsbereit. Mit ihm zusammen würden wir das hinkriegen.
Das schien auch mir plausibel. Der einzige Haken war, dass Giovanni kaum Zeit hatte.
Das Nest musste jedoch noch heute beseitigt werden, sonst wären wir gezwungen in ein Hotel umziehen.
Da wir sowieso unseren Nachbarn begrüßen wollten, beschlossen wir, uns gleich auf den Weg zu machen und ihn bei der Gelegenheit vorsichtig darauf anzusprechen.
Giovanni stand vor seinem Traktor, war gut gelaunt und freute sich, uns wiederzusehen.
Um nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, stimmten wir erst einmal einen kleinen Small Talk über die Ernte und über das Jagen an und kamen unserem Thema schon näher, bis auch Giovanni fragte, wie wir denn unser Haus vorgefunden haben. „Tutto a posto?“
„Ja im Großen und Ganzen schon. Nur leider haben wir wieder ein Hornissennest im Kamin“, rückte ich mit der Sprache heraus, ohne auch nur mit einem Wort unsere Wahnsinnsnacht zu erwähnen, denn er sollte nicht denken wir seien verrückt.
Und unser Hilfegesuch sollte auch möglichst harmlos klingen. „Du hast doch vor ein paar Jahren mal mit dem Peter so ein Nest abgefackelt. Wie macht man das denn?“ Wie ich Giovanni einschätzte, könnte sein leidenschaftliches Jagdfieber auch beim Ausräuchern der Hornissen Funken schlagen. Doch da hatte ich mich diesmal restlos getäuscht.
„Calabrone? Questi grandi rossi?“ „Si questi rossi” bestätigte ich mit möglichst
harmlosem Tonfall und merkte schon seine Angst. „Abbiamo cinque morti.“
„Was für Tote?“ Wollte ich erst einmal nüchtern nachfragen, denn diese angeblichen Toten gehören ja zur Hornissenhysterie. Darauf wollte ich nicht gleich hereinfallen.
Aber Giovanni gehörte nicht zu diesen Hysterikern. Eher zum Gegenteil. Wenn er sagte, dass fünf Leute an den Stichen von Calabrone gestorben seien, war es glaubhaft. Wir waren schockiert, ließen uns jedoch nichts anmerken. Er sollte ruhig glauben, wir seien nur ein paar dieser Tierchen begegnet. Von dem absurden Geschehen kein Wort. Bloß nicht.
Wer unter diesen Unständen eigenständig ein Hornissennest abfackeln wollte, galt jetzt in Giovannis Augen als lebensmüde oder dumm und beides war er nicht. Damals hatte er nicht gewusst, wie gefährlich diese Insekten waren und hatte einfach Glück gehabt, dass er mit heiler Haut davongekommen war.
„Jetzt müsst ihr sofort die Feuerwehr alarmieren, denn sie sind für die Entfernung von Hornissennestern zuständig.“ Das schien uns nun doch mehrere Nummern zu dramatisch, aber Giovanni rannte kurz entschlossen sofort zum Telefon, um diese Lebensgefahr schnell aus der Welt zu schaffen.
Ein riesiger Feuerwehrwagen zu unserem kleinen Haus auf dem Hügel? Trotz Giovannis Schreckensszenario mit den Toten war ich im Grunde immer noch ziemlich entspannt und eine Stimme in mir sagte; das ist ja wie mit Kanonen auf Spatzen schießen.
Aber es war schon abgemacht. Giovannis gradlinige Denkweise hatte kurzerhand die Feuerwehr alarmiert. Nun gab es keine andere Alternative mehr.
Auf dem Nachhauseweg in der brütenden Hitze, schien mir die Vorstellung von der Feuerwehr bedrohlicher als unser Hornissennest.

Fortsetzung morgen

Neujahr / Nowy rok

Ewa Maria Slaska

Eine Neujahrsgeschichte

Po polsku TU.

Vor zehn Jahren war ich zu Weihnachten und Silvester auf einer griechischen Insel. Fast allein. Das heißt, natürlich, die Griechen waren da, aber ich wohne in einem Haus für Schriftsteller und kannte Niemanden.

Bei einem Spaziergang gelang ich rein zufällig in ein Haus und in dem Haus in einen Saal aus dem ich die Leute gehört habe, die auf Deutsch sangen. Es war eine evangelische Gemeinde. Die Mitglieder waren meistens deutsche, englische oder holländische Ehefrauen. Die Ehemänner waren Griechen, griechisch-orthodox, die Ehefrauen evangelisch. Es gab einen Pastor, eine Frau Pastor und eine Aushilfepastorin. Gottesdienst zum Sonntag, Predigt zum Gottesdienst, Gott zum Predigt.

Sie haben mich zum Silvester eingeladen, ich habe es dankend angenommen.
Silvester in Griechenland ist kein grenzenloses Vergnügen, wie man es sich so leicht vorstellen möchte, wenn man bedenkt, dass die Griechen so gern tanzen. Sie tanzen zum Silvester gar nicht, sie spielen, um die Wette, um Geld zu gewinnen. Von kleinen Kindern bis zu senilen Omas im Schwarzkleid, alle spielen um das merkantile Glück für nächstes Jahr. Und sie essen Vasilopita, Kaiserkuchen.

Bei dem Pastor haben wir Mahjong gespielt und Vasilopita gab es auch. Es ist so ein Hefekuchen in dem ein Geldstück eingebacken wurde. Floris. Blümchen. Man teilt den Kuchen in so viel Teilen, wie viele Leute zum Party kommen, plus drei. Die drei Extras sind für Gott, für Jesus und für Maria. Wir waren dreizehn, ja, ja, dreizehn, der Kuchen wurde also in 16 Stücke aufgeteilt.

Der Pastor war der Kuchengeber. Er nahm die Teller nacheinander und legte ein Stück Vassilopita drauf. Den ersten Teller gab er mir. Nein, wehrte ich mich, der ist für Gott. Aber nein, der ist für dich. Wir sind doch keine Griechen. Ich nahm den Teller. Als schon alle ihre Teller bekommen haben, da blieben die drei Stück Kuchen auf der Kuchenplatte liegen. Die nehm´ ich für morgen für den Gottesdienst, sagte der Pastor und schob die Platte beiseite.

Wir prosteten uns zu mit einem Glas Wein und machten uns an die Vasilopita. Die Münze war in meinem Stück Kuchen, im ersten Biss. Alle waren neidisch. Ich war stolz. Es ist so selten, dass mir etwas Derartiges passiert. Vielleicht gar nie. Ich gewinne nie, ich bekomme keine unerwarteten Geschenke. Und diesmal bekam ich den Floris, den Glücksbringer, gleich in ersten Biss, in einem Stück Kuchen, das mir gar nicht zukommen sollte, sondern Gott.

Alle waren neidisch, alle dachten aber, dass es für mich so schön war, den Floris zu bekommen.

Es war gar nicht schön, aber ich brauchte Monate, um es zu verstehen. Materiell gesehen mit diesem Silvester begann das schlechteste Jahr meines Lebens. Mein Geld schwand und verschwand. Egal was ich tat, das Geld ging weg. Ich wurde betrogen und bestohlen, mir wurde das Geld nicht ausgezahlt, das ich verdient habe, mein Lohn wurde gekürzt, die Kürzung mit Prämie ersetzt, die Prämie eingestellt…
Ich nahm den Kuchen, der für Gott war, ich eignete mir dadurch die Münze, die Gott gehörte, und ich zahlte dafür sehr sehr bitter.

Der Pastor irrte sich. Wir sind Griechen. Wir sind alle Griechen. Es war nicht meine Schuld, der Gottesdiener hat mir den Gotteskuchen mit der Gottesmünze gegeben, und trotzdem musste ich dafür bezahlen. Ich brauchte weitere paar Jahre, um zu erkennen, dass ich daran doch die Schuld zu tragen habe. Ich wollte Gott seinen Kuchen nicht wegnehmen, aber ich nahm ihn. Ich weiß nicht, was ich anderes tun sollte, aber ich sollte mir etwas ausdenken. Ich nahm den Kuchen, den mir der Pastor anbot und die Gottesmünze brannte mir ein Riesenloch in meinem Geldbeutel. Objektive Tatsache, Und dies war meine Schuld.

Ich fuhr also nach Griechenland zum Ende des Jahres und zum Silvester klaute ich Gott die Glücksmünze. Ich dachte, der Klau ist die Krönung eines sehr guten Jahres. Es war ein gutes Jahr in meinem Leben. Ich habe eine neue Wohnung gefunden, eine schöne Wohnung. Eigentlich war es sogar besser, die schöne Wohnung hat mich gefunden. Ich habe einen wichtigen Preis bekommen, bei der Preisverleihung habe ich einen Mann kennen gelernt. So kam er in mein Leben, in meine neue, schöne Wohnung, ein Mann der das alles war, was ich in einem Mann immer suchte…

Der das alles war, nur nicht für mich. So einfach war es mit dem Glück. Die Liebe war nicht für mich und ich klaute Gott seine Glücksmünze.

Reblog: Wielka Wojna / Der Große Krieg

Ten wpis już tu był rok temu. Wracam do niego, bo taki mi się wydaje ważny i piękny zarazem. / Den Beitrag gab es hier schon – genau vor einem Jahr. Ich kehre zu ihm zurück. Er war sehr wichtig und sehr sehr schön.

Inge da Silva

choinka-okopyWeihnachten 1914. An der Front harren Millionen Soldaten in den verschlammten Schützengräben aus. Im Niemandsland zwischen den feindlichen Linien liegen die Leichen der Gefallenen, teils mit Schnee bedeckt. Am Himmel stand ein blasser Mond. Bleich. Als hätte er die Farbe angenommen der Toten, die unten, im Schlamm, im Stacheldraht, im Niemandsland lagen. Doch mit einem Mal gehen auf beiden Seiten hinter den Wällen Pappschilder hoch: “Frohe Weihnachten” steht da, und “Merry X-Mas”. Was folgt, könnte ein Weihnachtsmärchen sein, aber es hat sich mitten im Ersten Weltkrieg, wirklich so zugetragen. Nach fünf Monaten Krieg mit Hunderttausenden von Toten auf beiden Seiten bricht an der Westfront von der Nordsee bis zur Schweiz der Friede aus. “Um neun Uhr abends werden die Bäume angesteckt, und aus mehr als zweihundert Kehlen klingen die alten deutschen Weihnachtslieder”, hält ein Soldat fest. “Dann setzen wir die brennenden Bäume ganz langsam und sehr vorsichtig auf die Grabenböschung. “Weihnachten, das hatten
so viele Soldaten geglaubt, als sie im Sommer 1914 trunken vor Euphorie an die Front marschierten, Weihnachten sollte der Krieg zu Ende sein. Aber Weihnachten ging gar nichts mehr an der Westfront, die vom belgischen Nieuwpoort an der Nordsee bis zur Schweizer Grenze im Süden reichte und an der sich Deutsche auf der einen, Belgier, Franzosen und Briten auf der anderen Seite gegenüberlagen.
Ein Brite schreibt seiner Frau: “Stell dir vor: Während du zu Hause deinen Truthahn gegessen hast, plauderte ich da draußen mit den Männern, die ich ein paar Stunden vorher noch zu töten versucht hatte.” Ein anderer berichtet: “Auf beiden Seiten herrschte eine Stimmung, dass endlich Schluss sein möge. Wir litten doch alle gleichermaßen unter Läusen, Schlamm, Kälte, Ratten und Todesangst.”

“Niemals sah ich ein schöneres Bild des Friedens”

Es dauert nicht lange, und die Feinde machen sich Geschenke, singen Weihnachtslieder, spielen Fußball, veranstalten Radrennen und trinken belgisches Bier. Vor allem Sachsen, Bayern und Österreicher verstehen sich gut mit den Briten – besser als mit ihren oft so schneidigen Kameraden aus Preußen. Ein britischer Soldat steht plötzlich seinem deutschen Coiffeur aus London gegenüber, der das Gastland bei Kriegsausbruch verlassen musste. Er bekommt sofort einen neuen Schnitt. Nach fünf Monaten Krieg mit Hunderttausenden von Toten auf beiden Seiten bricht an der Westfront von der Nordsee bis zur Schweiz der Friede aus. “Um neun Uhr abends werden die Bäume angesteckt, und aus mehr als zweihundert Kehlen klingen die alten deutschen Weihnachtslieder”, hält ein Soldat fest. “Dann setzen wir die brennenden Bäume ganz langsam und sehr vorsichtig auf die Grabenböschung. “Es war wie im Stadion bei einem Fußballspiel.” Ein britischer Offizier scherzt, für den Neujahrstag sei schon ein neuer Waffenstillstand verabredet worden: “Denn die Deutschen wollen sehen, wie die Fotos geworden sind”. Als das Fest vorbei ist, feuern sich die Soldaten zunächst noch über die Köpfe, dann geht das große Schlachten weiter. Im Jahr darauf ist Weihnachten ein Tag wie jeder andere. Befehl von oben: Jeder, der mit dem Feind “Stille Nacht” singt, ist sofort zu erschießen.
Bekannt ist nur, dass diese Geschichte am 9. Januar 1915 in der britischen “North Mail” erschien. Sie ist eine von zahllosen Beschreibungen eines Ereignisses, das als “Weihnachtsfrieden” in die Geschichte eingegangen ist, als an zahlreichen Abschnitten der Westfront die Soldaten spontan die Waffen niederlegten, um gemeinsam, mitten im Krieg Weihnachten zu feiern. Belgier und Franzosen reichten Deutschen die Hände. Das passierte auch. Aber meistens waren es Briten und Deutsche, die sich freundschaftlich begegneten. Sie sangen “Stille Nacht, heilige Nacht” und “Silent night, holy night”. Sie zeigten sich Fotos von ihren Liebsten. In der Nähe des französischen Dorfes Fromelles feierten sie einen Gottesdienst. “Der Herr ist mein Hirte” sprachen sie, den 23. Psalm, in Deutsch und in Englisch.

Manchmal trafen sich alte Bekannte, der britische Restaurantgast zum Beispiel und der Deutsche, der vor dem Krieg in London als Kellner gearbeitet hat. Und es gab ein Fußballspiel zwischen Sachsen und Schotten, das nicht zuletzt deshalb ein besonderes Erlebnis war, wie ein deutscher Soldat nach Hause schrieb, weil die Männer jedes Mal in Gelächter ausbrachen, wenn ein Schotte zeigte, dass er keine Wäsche unter dem Rock trug.

Eine Episode von vielen, die sich vor allem an den Abschnitten zwischen Mesen und Nieuwkapelle abspielten. “Einen solchen Frieden von unten gab es noch nie in der Geschichte eines Krieges”, schreibt Michael Jürgs, der in seinem Buch “Der kleine Friede im Großen Krieg” das Weihnachtswunder von 1914 minutiös nachgezeichnet hat.

Die Geschichte von Frederick W. Heath wurde erst vor wenigen Monaten wieder entdeckt. 96 Jahre, nachdem sie in einer Zeitung stand. Sie ragt deshalb aus den vielen Augenzeugenberichten heraus, weil sie so viel erzählt von Gefühlen. Von Ängsten und Misstrauen und von der Sehnsucht, trotz allem, einander als Menschen zu begegnen.

Er träumte noch von zu Hause, als er an jenem Weihnachtsabend auf der feindlichen Seite plötzlich ein Licht aufflackern sah. “Ein Flackern in der Dunkelheit”, schrieb er. “Ein Licht an der feindlichen Linie zu dieser Zeit war so selten, dass ich es gleich meldete.” Doch noch während er die Nachricht weitergab, ging an der deutschen Linie ein Licht nach dem anderen an. Und dann hörte er eine Stimme, eine deutsche. Ganz nah schien sie ihm, so nah, dass er sein Gewehr schussbereit hielt. “English soldier”, rief sie, “English soldier, a merry Christmas, a merry Christmas!”

Medien berichteten über den Weihnachtsfrieden

Die Briten schwiegen. Kein Laut war zu hören, außer den Befehlen der Offiziere, still zu bleiben. Es war noch nicht lange her, da hatten deutsche Soldaten an der Westfront vorgetäuscht, sich zu ergeben. Doch als die Briten ebenfalls die Waffen senkten, kamen Deutsche aus dem Hinterhalt – und schossen. Die englische Zeitschrift “The Sphere” hatte darüber ausführlich berichtet. Wer wird an diesem Weihnachtsabend nicht daran gedacht haben?

Doch etwas anderes war größer als die Angst. “Überall an unserer Linie”, schrieb Heath, “hörte man Männer, die den Weihnachtsgruß des Feindes erwiderten. Wie konnten wir dem widerstehen, uns gegenseitig schöne Weihnachten zu wünschen?” Sie begannen, mit den Deutschen zu reden, nicht ohne die Gewehre fest in den Händen zu halten. In dieser Weihnachtsnacht, in der sie Lieder hörten aus den deutschen Schützengräben und das Pfeifen von Flöten, in der die Briten mit Lachen antworteten und Weihnachtslieder aus ihrer Heimat sangen.

Sie riefen Segenswünsche

In dieser Nacht fiel kein Schuss. In der Dämmerung, als der Himmel grau und rosa wurde, da sahen sie ihre Feinde. Unbekümmert bewegten sich die Deutschen außerhalb der Schützengräben. Heath bewunderte den Mut. Es wäre geradezu eine Einladung an die Briten gewesen, abzudrücken. Aber sie schossen nicht. Sie standen auf und riefen Segenswünsche herüber zu den Männern, mit denen sie wenige Stunden zuvor noch gekämpft hatten um Leben und Tod.

Ein Jahr danach passierte schon kein Wunder mehr.

Kolędy oder…

Maria Gast Ciechomska

 …polnische Weihnachtslieder    

Das Singen von Weihnachtslieder hat seine Quelle in der römischen Feier Calendae mensis januarius. Es handelte sich um die Feier am 1. Januar. Es war im alten Rom ein besonderer Tag, denn an diesem Tag haben Konsule ihren Amt übernommen. Irgendwann wurde dieser Tag ganz offiziell zum Jahresanfang erklärt. An diesem Feiertag haben Menschen in Rom einander besucht, gaben sich Geschenke und sangen Lieder. Das Christentum hat diesen Brauch übernommen, und zwar im Zusammenhang mit Weihnachten. So wurde die Weihnachtsgeschichte zum Thema dieser Lieder.

Zunächst hat man die Motive aus Evangelien benutzt, dann auch aus der volkstümlichen Frömmigkeit, Apokryphen und auch aus der Literatur des Mittelalters.

Nach der christlichen Tradition war der erste nachgewiesene Autor eines Weihnachtsliedes der heilige Franz von Assisi, der auch die Krippe erfunden haben sollte. Das berühmteste Weihnachtslied der Welt ist natürlich Stille Nacht, entstanden 1818 und bisher 300 Sprachen übersetzt.

Auf Polnisch heißt ein Weihnachtslied kolęda (etymologisch von Calendae). In der Liturgie der katholischen Kirche werden Weihnachtslieder von der Mitternachtsmesse am Heiligabend bis zum Tag der Taufe Christi (erster Sonntag nach dem 6. Januar) gesungen. In der polnischen Tradition werden die Weihnachtslieder jedoch bis zum 2. Februar (Mariä Lichtmess) gesungen. Das älteste überlieferte polnische Weihnachtslied ist Zdrów bądź królu anielski (Gegrüßet seist Du, Engelskönig) aus dem Jahre 1424.

Die Gattung wurde sehr populär im 17. und 18. Jahrhundert, in dieser Zeit sind die wichtigsten polnischen Weihnachtslieder entstanden. Bis heute wurden über 500 Weihnachtslieder überliefert.

Eine besondere Art des Weihnachtslieds ist pastorałka (die Pastorale). Es handelt sich um ein Lied, das zu Weihnachten gesungen wird, aber nicht in der Kirche, weil es einen eher weltlichen Charakter haben. Das Thema ist meistens die Geburtsgeschichte aus dem Blickwinkel der Hirten. Es entstehen natürlich auch moderne Weihnachtslieder.

Bóg się rodzi

Bóg się rodzi (Gott ist geboren) ist das wohl berühmteste polnische Weihnachtslied. Es ist fester Bestandteil der Mitternachtsmesse und gilt fast als nationale Weihnachtshymne. Einst wurde es sogar kurzzeitig als Nationalhymne in Erwägung gezogen. Der Text wurde 1792 von Franciszek Karpiński (1741-1825) verfasst. Die feierliche Melodie ist eine altbekannte Krönungspolonaise für polnische Könige, die sich bis zum 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Der Komponist ist jedoch vom Namen unbekannt.

Das Weihnachtslied wurde zum ersten Mal in der Basilika Mariae Himmelfahrt in Białystok öffentlich aufgeführt, wo Karpiński zwischen 1785 und 1818 lebte. An diese erste Aufführung erinnert heute eine Gedenktafel an der Kirchenmauer.

Dieses Lied wurde von verschiedenen berühmten polnischen Künstlern aufgenommen. Sie wurde auch von polnischen Gefangenen in Auschwitz gesungen. Ein Bericht des Häftlings Józef Jędrych beschreibt, wie “das Singen deutscher Weihnachtslieder begann und dann wie Wellen des Meeres die machtvollen Worte des polnischen Weihnachtsliedes kamen ‘Die Macht wird schwach, Gott wird geboren’.“

Bogsierodzi-Gottwirdgeboren

Der Text der Hymne (hier von Golec Orkiestra gesungen) zeichnet sich stilistisch dadurch, dass er starke sprachliche Gegensätze verwendet. Durch solche Redefiguren wird die Bedeutung des Wunders betont, das mit der Geburt von Jesus in einem Stall von Bethlehem stattfand. Papst Johannes Paul II bezog sich am 23. Dezember 1996 in der Vatikanischen Audienzhalle auf das Weihnachtslied “Bóg się rodzi”. Er zitierte die Worte und führte hierzu aus: “Der Dichter zeigt uns das Mysterium der Menschwerdung von Gottes Sohn, indem er Gegensätze benutzt, um das auszudrücken, was für das Mysterium wesentlich ist: Indem er die menschliche Gestalt einnahm, nahm der unendliche Gott gleichzeitig die Begrenzheit eines Geschöpfs an.”

Der Liedtext enthält auch ein Zitat aus dem Johannesevangelium (Johannes 1, 14). Darüber hinaus flocht Karpiński eine patriotische Aussage zu Beginn der fünften Strophe ein. Das Lied ist gar in die Popkultur übergegangen: Eine Instrumentalversion dieses Liedes hat das “Brave New World” Expansion Pack von Computerspiel Civilisation V.

Jacek Kaczmarski, Przemysław Gintrowski und Zbigniew Łapiński waren ein legendäres Trio, eine der wichtigsten Musikgruppe in Polen in den 80er und 90er, die den Kultstatus hatte. Die Band hatte keinen Namen, trug nur die Namen der Mitglieder.

Diese drei Songschreiber, Musiker und Sänger gelten bis heute als Barden von Solidarność, weil sie sich politisch eindeutig positioniert und für demokratische Veränderungen in Polen eingesetzt haben. Viele ihre Lieder hatten zum Thema die polnische Geschichte und auch die Weltgeschichte, dabei setzten sie sich oft mit der polnischen Traditionen sehr kritisch auseinander. Das Leitmotiv war immer, die polnischen Erfahrungen aus der Zeit der Solidarność in einer historischen Perspektive darzustellen, so dass der Hörer begreift, dass es sich hier um einen Prozess, nicht um ein isoliertes Ereignis handelt. Anfang 1981 entstand das Konzertalbum Muzeum. Die Lieder dieses Albums beschreiben ausgewählte Werke der polnischen und Welt Malerei, darunter auch das Bild Heiligabend in Sibirien, ein Werk von Jacek Malczewski (1854-1929).

In seinem Bild hat der Künstler diesen wohl am meisten familienorientierten polnischen Feiertag dargestellt. Es geht um Menschen, die als Verbannte in Sibirien von ihren Familien getrennt sind. Es ist ein Bild der Einsamkeit und des Leidens, symbolisch für Polnischen Kampf um Freiheit und Souveränität, der immer leidvoll bestraft wurde. Von den acht Verbannten scheint jeder anders zu reagieren, einer betet, der andere verbirgt sein Gesicht im Teller, der dritte schaut auf die Flamme der Kerze… Durch deutliche Anspielungen an die Darstellungen des Letzten Abendmahls ist die Atmosphäre ernst und feierlich, man spürt die Stille und Erwartung. Das Lied des Trios ist die eigene Interpretation des Bildes. Es werden darin originale Weihnachtslieder zitiert und einige polnische Sitten und Bräuche zum Heiligabend sowie typische Gerichte erwähnt.

Wigilianasyberii

Beata Rybotycka, Schauspielerin und Sängerin aus Kraków, singt ein Weihnachtslied in dem es um den Brauch geht, auf dem Tisch ein zusätzliches Gedeck und am Tisch ein zusätzlicher Stuhl stehen soll. Die gängige Erklärung ist, man denkt an arme und einsame Menschen oder an einen unerwarteten Gast. Es geht aber um viel mehr. Dieser Brauch ist viel älter als das Christentum. Denn dieses Abendessen ist eine gemeinsame Mahlzeit von Lebenden und von Verstorbenen, der leere Stuhl ist der Stuhl der Verstorbenen. Ich musste immer dabei denken an einen Zitat aus dem Dialog “Phaidon” von Plato: “Die Lebenden entstehen aus den Toten nicht weniger als die Toten aus den Lebenden”. Am Heiligabend handelt es sich um diese Verbindung, diese Kette von Verstorbenen und von Lebenden, die wiederhergestellt wird. Das Lied bedient sich dieses Motivs, ist in diesem Sinne immer aktuell und ansprechend, denn in jeder Familie fehlt jemand hin und wieder am Tisch. Es bringt aber auch die christlich geprägte Hoffnung zum Ausdruck, dass wir uns alle irgendwann wieder treffen, an einem Tisch, der noch reicher gedeckt ist.

Wigiliadlanieobecnych

In diesem Blog findet man oft meine Familie. Auch hier, in diesem Beitrag, ist sie da. Das Weihnachtslied Gott wird geboren wurde vom Ur-Ur-Ur-Großonkel meiner Ur-Großmutter, Jadwiga Krynicka, geboren Karpińska, geschrieben. 🙂

Unten, nur für diejenige, die Polnisch kennen, noch zwei moderne, patriotische Versionen dieses Liedes, beide geschrieben in der Zeit des Kriegsrechtes in Polen dh. im Jahre 1981.

zaleze

Persische Gattin

hochzeit5Renata Borowczak-Nasseri publizierte bei uns ihre Geschichten aus dem Leben einer persischen Gattin. Sie sammelte sie jetzt zusammen, bearbeitete sie. Aus den Lebenserfahrungen wird Literatur. So ist eine Radiosendung entstanden. Sie wurde am 14. November gestrahlt.

Anna heiratet in Deutschland schlicht und standesamtlich Ahmed, einen Iraner. Dann fährt sie mit ihm in sein Geburtsland, um die Verwandten kennen zulernen. Sie wird als Ahmeds Ehefrau mit Respekt und Zuneigung behandelt. Doch auf einer Erkundungsreise durch den Iran muss Anna feststellen, dass ihre deutsche Heiratsurkunde nicht zählt.

Nicht einmal ein gemeinsames Hotelzimmer darf sie mit Ahmed beziehen, ohne die Rezeptionistin zu gefährden. Anna und Ahmed müssten nach hiesiger Sitte heiraten – vor einem Mullah. Aber dann könnte Anna ohne das Einverständnis ihres Mannes nicht mal das Land wieder verlassen. Obwohl Ahmed seit über 40 Jahren in Deutschland lebt, wird Anna bei diesem Gedanken mulmig zumute.

Und überhaupt: Wie lebt es sich eigentlich als persische Gattin? Anna lässt sich von den Frauen ihrer neuen Familie erzählen – besonders ihre Schwiegermutter, eine lebendige Dame von 84 Jahren, erweist sich als wahre Scheherezade.

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Liebe Leser(innen) – leider ist der Link zur Sendung nicht mehr aktuell. Schade.

Fiktive Fotografen / Fikcyjni fotograficy

Über das ungewöhnliche Buch von Karsten Hein
O niezwykłej książce Karstena Heina

dasviertealbumIch nahm teil an Entstehung dieses Buches und war vom Anfang an begeistert und zugleich berührt von der Intensivität der Geschichte.  / Brałam udział w tworzeniu tej książki. Od samego początku mnie niezwykle poruszyła, bo tak była intensywna.

wcafemelancholiaMłoda dziewczyna, Niemka, prosi mieszkającego w Berlinie fotografa, Polaka, by towarzyszył jej przez jakiś czas i fotografował ich wspólną wędrówkę. / Eine junge Frau, eine Deutsche, bittet einen Fotografen, einen Polen aus Berlin, dass er sie zeitlang begleitet und die gemeinsame Zeit fotografiert.

Dann verschwindet sie. Die Fotos bleiben bei ihm. / Po czym znika. Zdjęcia zostają u niego.

koniecDann stirbt der Fotograf, der fiktive Fotograf, und der Autor sichtet seinen Nachlass durch und findet das vierte Album. / Po czym fotograf, fikcyjny fotograf, umiera, autor książki przegląda jego spuściznę i znajduje czwarty album.

Es ist eine verschachtelte Gechichte vieler Rekonstruktionen. Die junge Frau rekonstruiert etwas, der Fotograf versucht zu verstehen, was sie beide tun und nach ihrem Verschwinden versucht er herauszufinden, was sie eigentlich suchte. Der Autor rekonstruiert diese Geschichte anhand der Bilder und Notizen des gestorbenen Fotografen, Kazimierz Henrykowski. Der Leser versucht zu entziffern, was sich hinter all diesen Rekonstruktionen versteckt…

To skomplikowana historia szufladkowa złożona z wielu warstw rekonstrukcji. Młoda kobieta próbuje coś odtworzyć. Co? Nie mówi swojemu towarzyszowi, ale widać też, że sama nie wie… że szuka. Po czym znika. Kazimierz Henrykowski, ów polski fotograf, próbuje odtworzyć sens ich wspólnych wędrówek, ale też sens tego, czego szukała jego towarzyszka. Autor konstruuje książkę, próbując z-re-konstruować sens tego spotkania z zapisków i zdjęć Henrykowskiego. I wreszcie ostatniej rekonstrukcji musi dokonać czytelnik…

onagdziesUngewöhnliches Buch von Karsten Hein. Ist gerade erschienen. Es reicht nicht, es zu lesen. Man muss es haben. Unbedingt!
Niezwykła książka. Właśnie się ukazała. Nie wystarczy ją przeczytać. Trzeba ją koniecznie mieć!

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Das vierte Album
Fotoroman

Karsten Hein, Kazimierz Henrykowski

ISBN: 978-3-99028-346-2
20 x 28 cm, 238 Seiten, zahlr. farb. Abb., Hardcover
€ 28,00

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Und noch zum Titel des heutigen Beitrags. 2011 gab es in Kraków eine Ausstellung unter dem Titel Alias über fiktive Fotografen; Karsten hat es jedoch zu spät erfahren, um sein Buch-Projekt dahin zu schicken. / Jeszcze informacja o tytule wpisu – była w Krakowie w roku 2011 wystawa pt. Alias o fikcyjnych fotografach; Karsten niestety przeczytał o niej za późno i nie zdążył tam zgłosić projektu swojej książki.

http://www.fotopolis.pl/n/12307/miesiac-fotografii-w-krakowie-2011-pierwsze-doniesienia/