Frauenblick auf die Schönheit

Monika Wrzosek-Müller

Kunstbetrachtungen in grauen Tagen

Die Tage sind eher unfreundlich, wir haben einen richtigen Winter; die Traktoren mit unzufriedenen Bauern rollen über die Straßen, auf den Gehwegen türmt sich der nicht geräumte Schnee. So habe ich angefangen, an schöne Dinge, an Schönheit zu denken und mir sind die letzte Ausstellung über Hayez in Turin und der Film über die Vermeer-Ausstellung eingefallen, und dann war ich letztens auch in dem Film über die Künstlerfamilie Giacometti. Ist euch aufgefallen, dass es im Kino immer mehr sehr gute Dokumentarfilme gibt (nur 2023: Joan Baez: I Am a Noise, Lagunaria, Anselm-Das Rauschen der Zeit, Heaven can wait etc…)? Was bedeutet das, was sagt das über uns aus, über unsere Zeit? Sehen wir uns gerne unsere glorreichen Storys an, Menschen mit großen Talenten – so als ob wir Angst hätten, unsere Zeit würde keine solchen Genies mehr hervorbringen, oder wollen ihnen gedenken?…

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Die Sache mit Deutschlands historischer Verantwortung

Michael G. Müller

Ende 2023 besucht eine polnische Journalistin ein Gymnasium in Frankfurt am Main. Sie spricht mit einem Lehrer und etlichen Schülerinnen und Schülern – um herauszufinden, was junge Deutsche über die Geschichte des deutschen Besatzungsterrors in Polen im Zweiten Weltkrieg lernen und wissen (wir berichteten darüber). Die Befragten zeigen sich offen und gesprächsfreudig, aber das Ergebnis ist dennoch niederschmetternd. Der eigentlich hoch engagierte Geschichtslehrer berichtet, wie schwierig es ist, in der knappen Zeit, die ihm für die Behandlung von NS-Regime und Zweitem Weltkrieg zur Verfügung steht (gerade einmal fünf Doppelstunden!), der Aufgabe gerecht zu werden. Trotzdem gibt er nicht auf, lädt Zeitzeugen in den Unterricht ein und organisiert Klassenfahrten nach Auschwitz oder Dachau, hat sogar ein Austauschprogramm mit einer Schule in Krakau eingefädelt (das allerdings die polnischen Partner zu PiS-Zeiten wieder einschlafen ließen). Am Lehrer liegt es jedenfalls nicht.

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Wim Wenders und die Nobeltoiletten von Shibuya

Michael G. Müller

Als ich aus dem Wenders-Film „Perfect Days“ kam, war ich beeindruckt und verwirrt zugleich. Beeindruckt war ich von den atemberaubenden Bildern von Tokio (meistens von den schöneren Seiten), von der wunderbaren Hauptfigur (dargestellt von Kōji Yakusho) mit ihrer irgendwie geheimnisvollen Geschichte – ja und natürlich von den öffentlichen Toiletten in Shibuja, nicht nur Tempel zivilisierter öffentlicher Hygiene, sondern auch kleine architektonische Meisterwerke. Sie entstanden übrigens im Rahmen des Prestigeprojekts The Tokyo Toilet, über das man sich auf der Homepage tokyotoilet.jp kundig machen kann.

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Frauenblick: Mary Ellen Mark Encounters

Monika Wrzosek-Müller

Eine Fotoausstellung

In der Zeit zwischen den Jahren, wenn „alles schläft“, habe ich mir eine sehr gute, inspirierende Fotoausstellung in C/O Berlin angeschaut. Auf den Gedanken „alles schläft“ bin ich gekommen, weil wir praktisch fast die einzigen Besucher der großen Retrospektive von Mary Ellen Mark waren. Dabei erinnere ich mich an die Menschenmassen in der Ausstellung Genesis von Sebastiao Salgado von 2015 in derselben Institution, wo man warten musste, um jeweils an die nächste Fotografie herankommen zu können, an die riesigen, wahnsinnig schönen Fotografien, die sich damals angeblich auch zu unheimlichen Preisen verkauften. Die inszenierte Natur auf diesen Fotos war so perfekt, die Naturvölker darin so in Szene gesetzt, dass sie fast unnatürlich wirkten; doch die Fotos an sich waren wirklich unglaublich, überirdisch schön. Warum fällt mir die alte Ausstellung jetzt plötzlich ein? Vielleicht weil sie eine ganz andere fotografische Vorgehens- und Arbeitsweise zeigt, die im krassen Gegensatz zu der jetzigen Retrospektive steht.

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Friedensengel

Brigitte von Ungern-Sternberg

An Sylvester hörte ich ein Konzert mit Trompete und Orgel in der Samariterkirche im Prenzlauer Berg – eine Stunde lang Barockmusik mit diesen Instrumenten.

Ich hatte in dieser Stunde Zeit, an der nächsten Säule eine Skulptur zu studieren: einen Engel, der zu „Friede auf Erden“ mahnt, darunter als Unterstützung einen ‚Grünen Mann‘.  Dieser taucht gelegentlich besonders in gotischen Kirchen auf, jetzt also in dieser neugotischen Berliner Kirche. 

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Vor 450 Jahren…

Warschauer Konföderation

Adm(inka): Der neuen Regierung Polens fürs Neujahr / Nowemu rządowi Polski na ten Nowy Rok

Michael G. Müller

Wo und wann wurde in Europa erstmals das Prinzip bestätigt, dass man Menschen anderen Glaubens dulden und respektieren soll? War es in Deutschland, im damaligen Heiligen Römischen Reich, als sich 1555 die Reichsfürsten und der Kaiser angesichts einer politisch-militärischen Pattsituation zähneknirschend darauf einigten, dass künftig das römisch-katholische und das lutherische (aber auch kein anderes!) Bekenntnis in den Territorien des Reichs zugelassen sein sollten – nach dem Prinzip cuius regio, eius religio (wessen Land, dessen Religion)? Oder war es im Westfälischen Frieden von 1648, der jetzt auch das Reformierte (calvinistische) Bekenntnis anerkannte? Oder aber in England 1689, als das Parlament, im Sinne der Ideen John Lockes, den Toleration Act verabschiedete, der manchen, aber durchaus nicht allen sogenannten „Dissentern“ eine begrenzte Glaubensfreiheit einräumte? Nein – es war im alten Polen-Litauen, vor genau 450 Jahren, nämlich 1573, als der polnisch-litauische Reichstag ein Gesetz über den allgemeinen Landfrieden für das gerade beginnende Interregnum erließ – die sogenannte Warschauer Konföderation.

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Gedanken zu Weihnachten / Neujahr

Monika Wrzosek-Müller

Weihnachts- und Neujahrfest liegen zeitlich so nah beieinander, dass man fast immer im gleichen Zug die Wünsche ausspricht: Frohe Weihnachten und glückliches Neues Jahr, Wesołych Świąt i szczęśliwego Nowego Roku, Merry Christmas und a Happy New Year; und doch handelt es sich scheinbar um zwei verschiedene Anlässe. Nach längerem Nachdenken kommt aber die Einsicht, dass der ursprüngliche Ausgangspunkt in ähnlichen Bereichen liegt, nämlich in Naturereignissen. Denn es handelt sich um die Zeit der Wintersonnenwende; auf den 22. (manche sagen: den 25.) Dezember fällt der kürzeste Tag und somit die längste Nacht. Das bedeutet, dass danach die Dunkelheit wieder abnimmt und die Stunden des Lichts wieder mehr werden. Somit könnten wir Weihnachten als den Abschied von der Dunkelheit feiern; da wird das Christkind geboren und damit neue Hoffnung geweckt, auch auf Licht. Mit der Geburt begrüßen wir den Neuanfang, so wie wir das zu Neujahr auch feiern; dass die Feste so neben einander liegen, ist dann ganz verständlich. Sicher kein Zufall auch, dass auch in China zur gleichen Zeit die Wintersonnenwende gefeiert wird – mit dem Dongzhi-Fest am 22. Dezember (wie uns unsere Freunde Jia und Fu erzählt haben).

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Puccini – Il Trittico

Monika Wrzosek-Müller


Die letzten Tage waren wirklich alles andere als lichtvoll und optimistisch, auch wenn die Weihnachtsmärkte überall mit dampfendem Glühwein einladen. Noch wenn Schnee liegt, erscheint die Welt heller und sauberer, eben weiß, aber mit dem Dauerregen ist alles zwar gewaschen und nass, doch auch dunkel, feucht und unangenehm. So war die Flucht in die Opernwelt sehr angebracht und willkommen, zumal es eigentlich drei Oper in einer sind.

Triptychon assoziieren wir mehr mit einem Altargemälde, das aus drei Teilen besteht. In der Mitte meistens die wichtigste Szene, flankiert von zwei Darstellungen aus dem Leben eines Heiligen (es waren ja meist Kirchenaltäre und dargestellt wurden Szenen aus der Bibel). Meistens waren die Flügel beweglich, man konnte sie schließen, und so gab es noch mehr Fläche für die Darstellungen. Ich erinnere mich, wie ich als Kind, in der Marienkirche in Krakau darauf gewartet habe, dass der Altar geöffnet wurde; dabei handelt es sich um ein Pentaptychon, also mit fünf Teilen: der Mittelaltar und die beidseitig bemalten Flügel an den Seiten. Die Öffnung des Altars war immer ein besonderer Moment, meistens ertönte auch Orgelmusik und die Lichter gingen an.

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Eine Frau!

Brigitte von Ungern-Sternberg

Liebe Ewa, 

nochmals zur Andromeda.

In Bezug auf das Datum habe ich Unterschiedliches gelesen, ist ja auch eigentlich nicht wichtig. Im Beitrag des ‘Deutschland Funks’ war es im Oktober, jedenfalls war es im Jahr 1923.

In diesem Beitrag  ist zu hören, dass die Forschungen einer  F r a u  zu den ‚Cepheiden’ bedeutsam dafür waren, dass Hubble seine Entdeckung machte.
In Amerika konnte sie an der Harvard University studieren, ob sie das in Europa so ohne weiteres gekonnt hätte!?!

Nach Hubble wurde das berühmte Hubble Teleskop benannt, die Frau kennen nur die Spezialisten. Es war Henrietta Swan Leavitt. Nach ihr wurde ein Asteroid und ein Mondkrater benannt (1973 entdeckte Asteroid (5383) Leavitt & Mondkrater Leavitt)

Siehe auch einen WIKIPEDIA Artikel.
Oder Videos auf youtube Hubblecast 116: Henrietta Leavitt — ahead of her time

Herzlich
Brigitte

P.S.

Immerhin hat ein Kollege Henrietta Swan Leavitt gewürdigt und sie für einen Nobelpreis vorgeschlagen. Wikipedia schreibt: 1921 starb Henrietta Swan Leavitt an Krebs. In Unkenntnis ihres Todes erwog der schwedische Mathematiker Gösta Mittag-Leffler 1925, Leavitt für einen Nobelpreis vorzuschlagen. Da dieser jedoch nicht postum verliehen wird, ging sie letztlich leer aus. Nota bene Edwin Hubble teilte ein Schicksal mit Henrietta: Auch für ihn war es für einen Nobelpreis war zu spät!


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Dirk Lorenzen in Deutschland Funk, 5. Oktober 2023

Hundert Jahre Andromeda-Galaxie

Historische Beobachtung 1923. Die Entdeckung der Andromeda-Galaxie

In der Nacht auf den 6. Oktober 1923 beobachtete der US-Astronom Edwin Hubble den Spiralnebel im Sternbild Andromeda. Diese Nacht veränderte unsere Kenntnis vom All – denn der vermeintliche Nebel ist eine riesige, weit entfernte Galaxie.


Seit 100 Jahren ist klar, dass M31 kein Nebelfleck in der Milchstraße ist, sondern eine eigene Galaxie. (Bill Schoening, Vanessa Harvey/REU program/NOIRLab/NSF/AURA)