Chicken Kiev

Es ist ein Post von meinem Freund, Autor, Fotograf und engagierten Mensch aus Berlin, Karsten Hein.
Er hat auch den Blog “Bilder für die Blinde” konzipiert und verwaltet ihn.

Den Post “Chicken Kiev” schrieb Karsten für meinen Blog “QRA”.
Daher geht es in ihm auch ums Essen und einen Kochrezept gibt.
Der zugesandte Text landete jedoch im Spam-Ordner (och, dieser gmx!) und da ich dorthin lange nicht geschaut hatte – ging verloren. Erst jetzt, bei dem Austausch der Neujahrswünschen, kamen wir beide darauf, dass es Mal einen Text gab…

… den ich jetzt präsentiere.

Karsten Hein

Chicken Kiev

Lately I’ve been to Donetsk again. Donetsk is a not-so-pretty city in eastern Ukraine, you might heard of since it was one of the stages of the UEFA Euro 2012 (Trademark). In the world of football, at least in that of Ukrainian football, Donetsk is notorious for being the one Ukrainian city-where-the-Ukrainian-side-always-looses. Its also notorious for suffering from a combined Aids-Tuberculosis-Drug-Addiction epidemic. Thats why I’ve been there, I attended a conference on Aids, tuberculosis and drug addiction. All three of them are problems of the impoverished 99% of Ukrainian society (and in Ukraine you may take the “99%” literally) and consequences of the underlying problem of mass poverty. Conferences on theses subjects always take place in quite expensive hotels (“international standard”), such as the hotel Praga (Prague) in Donetsk:

Foto Karsten Hein

Alas I’m quite frequently attending such conferences. Big problem – many conferences. Many Aids conferences – many expensive hotels, many hotel restaurants, many conference lunches, many opportunities to enjoy “chicken kiev”. Every conference lunch in every damned hotel in Ukraine serves chicken kiev. But why? Chicken kiev means chicken breast filled with butter, fried in oil. Close to tasteless. Do they regard it as the acme of Ukrainian cuisine? But Ukrainian cuisine is manyfold and can be really excellent. Or do they? As far as I can tell, its not their national dish. Or is it? I’ll have to ask them next. Maybe they think that foreigners think it is and thus feel obliged…  Anyway, the recipe:

4 chicken breasts
250 g butter
lemon juice
garlic
salt & pepper

flour, an egg & breadcrumbs for the coating

oil for frying

Mix the butter and the seasoning. Cut a pocket in the chicken breast, stuff in the butter. Bread the filled chicken breasts. Preheat the oven (200°). Fry the chicken breasts in a pan until lightly browned, then bake them in the oven for 20 minutes until they look like croquettes.

(I’m sorry I forgot to take a life picture of my last chicken kiev, so I have to borrow this one from Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Chicken_Kiev_Flickr.jpg
And I must say I hardly could have done it better. It’s so realistic.)

PS of Ewa Maria Slaska: Karsten, thanks for writing about that wonderful eating. It seems I forget it and it was so important! Chicken Kiev it is Polish “dewolaj” – in communistic Poland it was a “must have” dish in any elegant restaurant or hotel. Actually a common symbol of luxury.

Von der Polyphonie des inneren Monologs oder Wenn das Radio fehlt

Auch dieser Text wurde im Jahrbuch des Internationalen Studienzentrums Berlin (ISB) 2007/2008 veröffentlicht und auch er ist im Internet nicht vorhanden.

Dorota Cygan

Von der Polyphonie des inneren Monologs oder Wenn das Radio fehlt

Na, dann iss was, es hat doch keinen Sinn zu hungern, die zwei Würste vorher waren wohl ein Witz und die kleine Suppe auch eher dünn, das bisschen Schokolade und Eis tagsüber brauchst du gar nicht zu zählen, wo kämen wir denn hin, wenn alle ab jetzt nix mehr essen, ach was, Orangenhaut ist erblich und von Rettungsringen sollen die da nicht reden, wenn sie selber Augenringe haben, diese Arbeitsfetischisten und Zeitungsfreaks, selbsternannte Ernährungsberater im hysterischen Krampf auf der Suche nach Themen und  druckreifen Ratschlägen, die sich möglichst in Versform zu geflügelten Worten reimen und dauerhaft einprägen sollten, vergiss sie, iss was, der Abend ist noch lang, es geht nichts über ein Stück Schokolade, geistige Nahrung braucht mal auch eine konkrete Grundlage, allein ist sie bloß Ersatz, nee, stimmt gar nicht, ist nicht die zweite Tafel, der kleine Riegel zählt ja nicht, na dann nimmst du dir gleich alles Wichtige vor, was gestern liegen geblieben ist, ja, den alten Artikel auch, der vorige Woche hätte abgegeben werden können, wenn er nicht so offensichtlich unvollkommen gewesen wäre, machst halt ein paar Striche, hier und da ein Komma, eine treffende Metapher, subtile Pointe, streust ein paar Gedankenblitze und fertig, Magenkrämpfe haben noch keinem beim Schreiben geholfen, kein Wunder, dass du nichts zustande bringst, wenn der Bauch schnalzt und der Darm pfeift, für einen genialen Wurf brauchst du Energie, und wenn sie erst mal da ist, kannst ja gleich die Notizen vom vorigen Jahr suchen, liegen wohl unterm Bett, sicherlich runtergerutscht beim Nickerchen, ja, alles verstaubt sofort, diese Umweltverschmutzung, da waren doch, weißt du noch, ein paar geniale Ideen für drei neue Artikel, könnte man gleich einen ersten Entwurf machen und am Wochenende den Rest, ja vielleicht am besten gleich zwei, wenn man schon in Fahrt ist, dem Prof würden sie sicher gefallen, wenn er sie schwarz auf weiß vor sich hat, so bloß erzählt mag er sie nicht mehr, er sei schon zu alt, meinte er letztens, ja, Geschriebenes hat schon was, beruhigende Buchstabenreihen in klarer Abgrenzung vom Hintergrund, guter Kontrast, Schärfe der Argumentation und disziplinierte Gedankenführung, Ordnung des Gemachten,  fertiggestellte und abgeschlossene Größe, die – in Worte gebannt – nie mehr wachsen, geschweige denn über den Kopf hinauswachsen kann, tote Materie, die sich nicht verselbständigen kann, um in der Nacht herumzuspuken, ja, es hat schon was … wie auch diese Milka mit Joghurt-Füllung, gar nicht schlecht, viel Milch und Fruchtgeschmack, wie damals, als noch keine Diss im Raum stand, als Fahrradfahren und Fußballspielen zur normalen Fitness und die ersten peinlichen Gedichte zur gewöhnlichen Selbstprofilierung  gehörten, ach, eigentlich ist es wie gestern, kein großer Zeitsprung, immer noch derselbe Geschmack und dieselben Pickel, wenn du dich zusammenreißt, sieht man weder den Bauch noch die seichten Stellen im Textgefüge, noch ist alles möglich, jetzt um den Jahreswechsel hast du doch alles Vergangene weit hinter dir zurück gelassen, es holt dich nicht so schnell ein, nimm jetzt den richtigen Anlauf und dann fließen die Gedanken nur so hin, geordnet, gefügig und soooo schön, dass man sich nicht satt sehen kann – die längst überfälligen Sätze, endlich zu Papier gebracht, markieren die Grenze zum Neuen, und hinter dieser Grenze erstreckt sich eine weite Fläche ungeahnter Möglichkeiten, – die Freiheit, alles essen, denken, verbrechen, lieben und hassen zu können, was das Herz begehrt, vor lauter Übermut eine, zwei, drei oder vier weitere Dissertationen zu schreiben, ohne dass das Gefühl eigener Omnipotenz angesichts solch totaler Lebensentwürfe schwächelt, mehr noch –  ich sage dir, du wirst es noch heute schaffen, du wirst noch in dieser Nacht zu schreiben anfangen, du wirst Schriftstellerin, es ist die Geburtsstunde deines Genies. Du wirst es.

P.S. Hiermit schreiben wir einen Wettbewerb aus: Gesucht wird ein würdiges Pseudonym für die werdende Schriftstellerin ohne Werk. Gestiftet wird ein Preis in Höhe von 5 Euro für seriöse Vorschläge. Die Autorin tauscht die Urheberrechte für den vorliegenden Text gegen ein Radio oder eine psychedelische CD, die sie davor bewahrt, in der Stille ihres Arbeitszimmers Texte von solch peinlicher Offenheit zu produzieren, nur um die klirrende Stille der schalldichten Wohnzelle zu übertönen.

„Einsame Wörter“

Ich lade Autoren ein,  ihre Texte an diesem Blog zu veröffentlichen. Als erste hat Dorota Cygan, Linguistin, auf diese Einladung reagiert. Sie stellte mir ihren Text „Einsame Wörter“ zur Verfügung, der zwar im Jahrbuch des Internationalen Studienzentrums Berlin (ISB) 2005/2006 veröffentlicht wurde, den man aber im Netz nirgendwo findet.

Dorota Cygan
„Einsame Wörter“ oder Von der Poesie des Deutschunterrichts

Dichter sind sie eigentlich, ja, Dichter, ohne es zu wissen. Ausländer, die sich mühsam in das steife Korsett der deutschen Syntax zwingen, dafür aber in der Wortbildung in vollen Zügen die Freiheit genießen und sich manchmal bis in die sprachliche Anarchie vorwagen. Solange, bis die Lehrer, trostlose Besserwisser, ihnen den anarchischen Spaß vertreiben und das Richtige beibringen. Bis dahin ist es aber, Gott sei Dank, ein langer Weg, auf dem ein aufmerksamer Pädagoge (kein Sprachmoralist) manch eine Perle aufzulesen vermag. „Einsame Wörter“ – ich fand diese Verbindung in einem zu korrigierenden Beitrag und konnte mich nicht entscheiden, ob mich die frappierende Schönheit dieser Wortkombination mehr entzückt oder die tiefe Wahrheit über die existentielle Lage der besagten Wörter. Wenn man statt „einzelne Wörter“ – „einsame Wörter“ schreibt, ist man doch einen gewaltigen Schritt weiter als die nüchternen Linguisten, die ein Sprachphänomen, eben ein einzelnes Wort, isoliert betrachten wollen. Man ist mit dieser Kombination in einem einzigen (nicht einsamen!) Schritt direkt auf der existentiellen Ebene. Denn: Ist nicht alles Einzelne nicht auch ein wenig einsam? Liegt nicht ausgerechnet darin, in dieser misslichen Ausgangssituation das Bestreben der Wörter begründet, sich zu Paaren, Dreieckkombinationen und Ketten zu schließen? Weil man nämlich als Wortkette eine ernst zu nehmende kommunikative Einheit zu bilden vermag und einen gewissen Anspruch auf größere Ausdruckskraft gewinnt? Sicher ja, deshalb sei hier etwas zur Verteidigung der armen „einsamen Wörter“ gesagt, die sich, wenn sie einzeln auftreten müssen und keinen Schutz des ganzen Kollektivs von weiteren Wörtern genießen können, gar nicht trauen, als Einzelne zu bestehen und ihre Wahrheit laut zu verkünden. Diese „einsamen Wörter“ seien hier mal in Schutz genommen. Sie sind aussagekräftiger als Wortkaskaden. Und vor allem: Sie sind die BASIS. Ohne sie wäre ja nichts mit Deutschlernen. Als ich (bitte verzeihen Sie mir diese persönliche Einlage) vor einigen Jahren meine ersten Wörter der deutschen Sprache aufschnappte, besetzten sie, langsam aber sicher, alle Winkel meines Gehirns und ließen wenig Speicherplatz für Matheformeln und Geschichtsdaten. Nachts krochen sie hervor und meldeten sich ununterbrochen – alle einzeln, ohne jeden Zusammenhang. Ich träumte Wörter, immer nur Wörter. Sie waren nicht wegzukriegen aus dem Gedächtnis. Sicherlich ging es Größeren dieser Welt ähnlich, wenn ich in dem Zusammenhang Arno Schmidt zitieren darf, der mal schrieb: „Vielleicht bin ich von Mutter Natur ausdrücklich als 1 Gefäß für Worte angelegt.“ Doch diesen Satz kannte ich damals nicht. Und irgendwann aber traten die Wörter glücklicherweise aus der Isoliertheit (oder Vereinzelung) heraus und begannen Zusammenhänge zu bilden. Dass es jetzt, nach vielen Jahren, hauptsächlich auf die Zusammenhänge ankommt, soll uns jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass einzelne, zunächst einsame Wörter die eigentlichen Bausteine des gesamten Sprachgebäudes sind. Bei aller Liebe für komplexe Redewendungen serviere ich im Deutschunterricht deshalb Wörter gerne auch einzeln, und zwar sowohl den Anfängern in meinem Deutschkurs, als auch den fortgeschrittenen Studenten, die sich ihre poetischen Kombinationen selbst erfinden dürfen und sie mir dann auch bitte schenken sollen. Aus all den Geschenken wird vielleicht eines Tages ein kleines poetisches Brevier entstehen – aus Wörtern nämlich, die entgegen der herrschenden Konvention etwas willkürlich nebeneinander aufgestellt werden und einen Hauch des Neuen, Kreativen haben. Zum Beweis dafür, dass in ausländischen Lernenden manchmal Dichter stecken.

Für die „einsamen Wörter“ sei der Autorin jenes Beitrags, den ich korrigieren sollte, an dieser Stelle herzlich gedankt. Diese Wörter ruhen jetzt in der privaten Schatzkammer und glänzen dort – sogar in guter Gesellschaft.

Übrigens hat auch die StaBi Anflüge sprachlicher Kreativität: Dort stand vor ein paar Jahren auf einem Verbotsschild: „Die Tische und Stühle dürfen nicht verrückt werden.“ Der Satz gehört ja auch in die Schatzkammer, oder? Ob er wohl von einem Dichter stammt?