Frauenblick: Ferrante 2

Monika Wrzosek-Müller

In Sachen Ferrante

Da ich bei Ewa über Ferrantes Bücher geschrieben habe, drängt es mich, nach der letzten Affäre um die Enthüllung ihrer Identität darüber zu berichten.

Natürlich kann jeder denken, was er will: wozu sich hinter einem Pseudonym verstecken, wozu dann aber so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen? Dient das Spiel mit dem Pseudonym als Werbung, als geschicktes Manöver, anders zu sein, in der medial bestimmten Welt aufzufallen durch Andersartigkeit? Das mag alles stimmen und es kann auch sein Zweck wunderbar erfüllt haben. Und doch…

Die Neugier der Menschen ist geweckt worden, warum kann dann ein Schriftsteller nicht ohne Gesicht für sich in einer stillen Kammer arbeiten, schreiben, sich hinter seinen Texten verstecken. Warum darf überhaupt der Mensch nicht gesichtslos agieren; hier aber stoßen wir auf ein sogenanntes weites Feld … warum gefallen uns Burka, Niqab, Tschador etc… nicht, und im Namen der Demokratie wollen wir sie verbieten, abschaffen. Es ist schon schwer, dazu eine klare Meinung zu haben. Im Fall der Schriftsteller ist das Problem viel einfacher; lassen wir den Text sprechen, beurteilen wir den Text. Wir müssen nicht im Leben des Autors herumstöbern, herumstochern alles nach außen wenden und dabei zusehen, wie der Autor sich windet und erklärt und vielleicht nicht so rosig da steht wie in seinen Büchern. Wir sind gewöhnt, alles schnell über jeden zu erfahren, zu verbreiten und zu urteilen.

Gerade solche Bücher, wie Ferrante sie geschrieben hat, die auf Emotionen basieren und diese hervorrufen, halb autobiographisch mit Empathie, provozieren Nähe zum Autor. Doch im künstlerischen Prozess müsste man den Abstand respektieren. Überhaupt muss man dem Menschen mehr Respekt zollen. Das Wissen über den wahren Namen und das dazugehörige Gesicht ändert nichts an dem Lesevergnügen ihrer Texte. Die Romane bekommen vielleicht einen tieferen Hintergrund, aber dass sie in Neapel gewohnt haben musste, war sowieso schon bekannt. Man sollte den Willen des Schriftstellers respektieren und ihn in Ruhe lassen.

Die Art, wie der italienische Journalist ihr nachspioniert hat, finde ich abscheulich. Es müsste eigentlich verboten sein, und es ist wahrscheinlich verboten, die Menschen zu durchleuchten, ihre Steuererklärungen durchzuarbeiten, nur um den Namen und das dazu gehörige Gesicht zu finden, nur damit die Boulevardpresse wieder einen Skandal zum Ausbreiten hat. Ich hoffe, sie wird sich wehren und ihm einen Prozess machen und diesen gewinnen, so wie viele Prominente, die gegen Paparazzi geklagt und gewonnen haben. Doch eine Sache bleibt unmkehrbar: ihre Identität ist enthüllt worden, sie muss etwas damit anfangen.

Eigentlich dient ihr, der Schriftstellerin, der ganze Rummel auch sehr, die Bücher werden noch bekannter und jeder liest sie. Und das ist gut so, denn sie sind es wert und bereichern uns.

***

Für die, die nix wissen, wie ich, und vom Enthüllungsskandal nichts wussten:

Es geht um die “Enthüllungen” des italienischen Journalisten Claudio Gatti, der gestützt auf Honorarlisten und Grundbucheinträge zu beweisen versucht, dass die römische Übersetzerin Anita Raja die “große Unbekannte” sei. So nennt der Suhrkamp-Verlag die Autorin auf der eigens eingerichteten PR-Webseite. Veröffentlicht hat Gatti seine Rechercheergebnisse – übrigens nicht die ersten Enthüllungsversuche in diesem Fall – gleichzeitig in vier internationalen Medien, unter anderem in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und im New York Review of Books. Und zwar offensichtlich gegen den Willen der Autorin.

Frauenblick: L´Amica geniale

Monika Wrzosek-Müller

Elena Ferrante, „Meine geniale Freundin“

Wieder fuhr ich nach Italien und atmete meine Luft der unbegrenzten Toleranz und Neugier für alle und alles. Ich las viel Zeitung, schaute Nachrichten im Fernsehen und spürte, wie anders die Welt mit den Augen der Italiener aussah; obwohl es nicht weniger Probleme gab. Sie wurden nur anders angegangen und obwohl die Zahlen und die politische Ereignisse für Pessimismus sorgten, konnte ich auf der menschlichen Ebene alles andere als Kälte, Abweisung und Unverständnis erleben und ich wünschte mir, Europa würde Italien helfen. Dem Land, das inzwischen zum Hotspot der Flüchtlinge geworden ist, das von Erdbeben immer wieder erschüttert wird und doch wirklich menschlich und hilfsbereit bleibt.

Auf diesem Hintergrund stoße ich auf eine Schriftstellerin, von der ich in Berlin schon gehört habe. Im Flugzeug, im „Spiegel“, las ich ein Interview mit einer italienischen Schriftstellerin, die sich hinter einem Pseudonym versteckt und mit ihren letzten Büchern über das Leben in Neapel für Begeisterung sorgte. Hier angekommen besorgte ich mir das erste Buch aus der Reihe L´Amica geniale, das in diesen Tagen auch in deutscher Übersetzung erscheinen soll. Es sind vier Bände mit über 1500 Seiten, in Italien schon alle vier Bestseller, in Deutschland hoffentlich bald auch. „Meine geniale Freundin“ erscheint im Herbst in Suhrkamp Verlag mit 422 Seiten, weitere Bände sollen bald folgen.

Schon im Interview spürte ich, dass mir die Schreibart und das Thema gefallen würden. Dazu kam die Tatsache, dass die Schriftstellerin ihre Identität hinter dem oben angegebenen Namen versteckt, also existiert sie nach außen nur in ihren Büchern und den schriftlichen Interviews, die sie sporadisch und dann aber sehr ausführlich gibt. In Italien erscheinen ständig Bücher von ihr; das letzte gerade eine neue Ausgabe von Frantumaglia: eine Sammlung von Aufsätzen, Interviews, Essays. Das Paradoxe bei Ferrante ist, man weiß fast alles, was sie denkt, doch wer sie als reale Person ist, bleibt immer noch geheim. Aus kleinen Fetzten in Interviews baute man inzwischen einige Fakten der Biografie zusammen; dass sie in Neapel und Turin gewohnt hat, dass sie eine Frau ist (war lange umstritten), dass sie einen anderen Beruf auch noch ausübt, dass sie Familie mit Kindern hat… Das sorgt natürlich für mehr Aufmerksamkeit und Interesse, doch die Schriftstellerin beharrt auf ihrem Inkognito auch als Programm, ihr Schreiben sei wichtig, da teilt sie alles mit, sie selbst wolle im Schatten bleiben. In der Zeit, in der alles allen mitgeteilt, fotografiert und zugänglich gemacht wird, eine scheinbar seltsame Verhaltensweise.

Ich stürzte mich auf das Buch, meine Kenntnisse des Italienischen reichen gerade so, dass ich den Text und Kontext verstehe, doch nicht alle Nuancen und Redewendungen, besonders die aus dem Neapolitanischen Dialekt. Das Buch liest sich wie ein Fluss, die Sätze und die darin enthaltenen Gedanken folgen einer Strömung, die man nicht anhalten kann und die einen in den Zustand des Entzückens und fast der Hypnose versetzen; man will unbedingt weiter. Die beiden Protagonistinnen Lena, von allen Lenù genannt, und Lila (Greco und Cerullo mit Familiennamen) treffen und lernen sich kennen in einem verfallenen barocken Bürgerhaus (Pallazo) in einem heruntergekommenen Stadtteil von Neapel und suchen nach ihren Puppen Tina und Nu, die sie im Streit, während einer Mutprobe, in den Keller geworfen haben. So beginnt ihre Freundschaft und Rivalität und ihr Leben, das die Schriftstellerin uns vorführt. Wir verfolgen die Jahre mit den Augen von Lenù, der ruhigeren und ausgewogeneren, die sich immer wieder mit ihrer Freundin messen und sie überholen will und doch eine zarte Zuneigung und Hochachtung für die andere hegt. Die Erzählerin ist auch diejenige, die dann schreiben wird. Wieviel Klugheit und Wissen über das Leben in den engen Straßen wir dabei erfahren, verdanken wir der Beobachtungsgabe und Empfindsamkeit der Schriftstellerin. Manchmal kommen mir die beiden Mädchen mit ihren zwölf oder dreizehn Jahren unheimlich erwachsen und klug vor, weit erwachsener als die heutigen 25-jährigen, die keine wirklichen Mutproben zu bestehen haben. Wir erfahren das Leben mit allen seinen Facetten: es ist grausam und brutal, bis aufs Blut wird geschlagen, mit Hass und Liebe, die zärtliche und unschuldige aber auch die zerstörende und schmutzige Liebe; und vor allem sehen wir, wie unheimlich kompliziert die Entscheidungen waren, wer was im Leben geworden war; trotz der markanten Charaktere, trotz des starken Willens. Wir bemerken erstaunt, wie wichtig die Lehrer damals waren, wie weit sie das Leben der Schüler bestimmen konnten, weit mehr als ihre eigenen Eltern. Die Eltern kommen immer wieder auch vor und da treffen wir auf Leute, die fast nie aus ihrem Stadtteil herausgekommen sind, geschweige denn sich ans Meer (in Neapel!) nach Ischia, Capri oder die Costa Amalfi hinaus gewagt haben. Vor allem aber sind wir gespannt, wie ich schon seit langem nicht mehr, auf die weiteren Ereignisse. Dieses Panorama des Lebens entführt uns und zeigt, dass alles möglich, alles erlebbar ist. Und dabei ist es kein bisschen kitschig, die beiden Mädchen sorgen dafür.

Es ist auch ein Buch über Freundschaft, die da in Neapel unheimlich viel bedeutet hat und vielleicht auch noch bedeutet, denn hier geht es gar nicht um die ferne Vergangenheit; es sind die sechziger Jahre. Die Freunde, amici, helfen einem, können aber auch vernichten. Der wirtschaftliche Aufbruch im rione (dem Stadtteil) wird an den vielen Unternehmen, die dort entstehen, sichtbar; das Geld, wie man reich wird, ist auch ein Thema. Die eine will es mit Bildung versuchen, die andere träumt von einer Manufaktur für exzellente Schuhe, braucht aber Startkapital, das sie durch eine Heirat zu bekommen hofft. Doch was das Leben weiter gehen lässt, sind die Emotionen: Freundschaft, nicht nur zwischen den Mädchen, sondern auch ihre männlichen Freunde, die sie beschützen und umgarnen, Liebe, Hass und Unmut, die Gegensätze. Das Buch ist bunt von Stimmungen, von den Erwartungen und Kämpfen der jungen Mädchen, die zum Schluss des Romans als erwachsene Frauen angesehen werden und sich selbst so empfinden und eine von ihnen heiratet mit ihren gerade vollendeten 18 Jahren. Vor allem erfahren wir glaubhaft nah und nachvollziehbar, wie das Leben in Neapel in der Zeit ausgesehen hat, wie die Menschen arbeiteten, wie sie untereinander Konflikte ausgetragen haben, wie sie ihre Freizeit verbrachten (immer in der Bar und mit ausgedehntem Promenieren an der Hauptstraße).

Für mich, die Neapel und Ischia sehr gut kennt und die Straßen und Viertel, die im Buch beschrieben werden, auch selbst abgelaufen hat, fühlt es sich an, wie ein langer, ein sehr dichter, emotionaler Spaziergang zurück in die so schöne und aber leider sehr vernachlässigte, an vielen Ecken fast zerstörte italienische Stadt.

Von ganzem Herzen empfehle ich das Buch zu lesen.

Frauenblick auf Italien und Film

Monika Wrzosek-Müller

In grazia di Dio; Ein neues Leben

Regie: Edoardo Winspeare
Darsteller: Celeste Casciano, Laura Lichetta, Gustavo Caputo, Anna Boccadamo, Barbara de Matteis
Italien 2014

Denjenigen, die tüchtige Leser beim Blog sind/waren, konnte nicht entfallen, dass ich öfters über Italien schrieb, dabei einige Texte über Apulien. Diese Region in Italien bleibt für mich uritalienisch, magisch, geheimnisvoll und wunderschön; vielleicht durch die vielen uralten Olivenbäume oder den Wind, der in Salento von einer Seite des Meeres zur anderen weht aber auch durch die antiken Kirchen, Burgen und Tore, die überall anzutreffen sind; auch durch Armut, die immer wieder zu sehen ist und die man sorgfältig versucht zu verbergen, denn die Armut lehrt Demut – und die wiederum beeinflusst den Charakter positiv, aber darüber später…

Desto erfreulicher war für mich der letzte Gang in mein Geheimtipp-Kino Bali in Zehlendorf. Es gibt hier oft Filme in Originalsprache und eben oft italienische. In grazia di Dio führte mich nach Salento, in eine Gegend, die ich sehr gut kenne, nicht weit von Tricase, wo wir einen Urlaub verbracht haben. Auf der einen Seite zur Adria hin ist die Küste steil, zerklüftet mit vielen Felsen und kleinen Bassins, die in die Felsen eingeritzt sind; auf der anderen Seite, am Ionischen Meer, erstrecken sich feine, fast rosafarbene Sandstrände, ein Paradies für Sonnenanbeter.

Hier spielt die Handlung des Films, in einem Kaff, der noch kleiner als klein ist, aber kein Dorf, wo niemand und nichts von Bedeutung ist. Es ist die Zeit der tiefen Krise in Italien und besonders aus dieser Gegend emigrieren viele in die Schweiz oder in den goldenen Norden des Landes. Der kleine Textilbetrieb kann nicht mehr überleben, wegen der Verschuldung und des Mangels an Aufträgen muss der Betrieb schließen und die die Besitzer ihr Wohnhaus verkaufen. Und doch kämpfen die vier Frauen, die Hauptheldinnen des Filmes um ihr Überleben und ihre Unabhängigkeit – ganz tapfer und eben typisch italienisch. Die beiden ganz verschiedenen Schwestern, die Tochter der einen und die Großmutter, sie alle ziehen in eine Ruine von einer Masseria, die am Anfang unbewohnbar erscheint, aber mit Geschick und Aufwand verwandelt sie sich in eine schöne Behausung, umgeben von einem großen Orto (Gemüsegarten), der schließlich die Grundlage ihrer Existenz wird. Sie betreiben Landwirtschaft, haben Olivenbäume und eben das Gemüse, das sie anbauen; die älteste Schwester erarbeitet sich schnell ein Netz von Tauschpartnern, bei denen sie für ihr Gemüse Brot, Butter, Pasta etc…bekommen. So kehren sie zu der ältesten Form des Handels zurück, dem Tauschgeschäft mit Naturalien, um überleben zu können.

Das ist der äußere Rahmen der Handlung, die inneren sind komplizierter und implizieren das Leben der anderen. Natürlich spielt sich alles unter den vier Hauptheldinnen nicht immer harmonisch und ohne Konflikte ab. Am ruhigsten und ausgeglichensten scheint die Oma, die alle Schicksalsschläge gelassen, mit Liebe zu Allen und zur Natur hinnimmt, sie findet ihren Trost im starken Glauben und in frommen Routinehandlungen, wie dem Rosenkranzbeten; sie ist die Säule für die anderen. Die heftigsten Auseinandersetzung gibt es zwischen der Mutter (eine sehr schöne Schauspielerin, fast zu schön um glaubhaft zu sein) und der Tochter im Teenageralter, die immer wieder ausbricht, die Schule hinschmeißt, nicht lernen will, viele männliche Freunde hat und letztendlich schwanger wird.  Dann die andere Schwester, die unabhängig von der materiellen Notlage und den Sorgen der Familie nur an ihre hoffnungslose Karriere als Schauspielerin denkt. Es sind heitere Momente, fast komische oder solche, die man mit zugedrücktem Auge verfolgt, wenn sie ihre Probetexte rezitiert und alle damit belästigt, ihr zuzuhören, und sich lange nicht entmutigen lässt.

Die kleinen Liebesgeschichten sind sehr geschickt eingeflochten und erzählen von dem späten Glück der Oma, die auf die alten Tage ihren Liebsten findet und ihn sogar, zur Empörung der Enkelin, heiratet. Die ungeschickten Annäherungsversuche des Verehrers der ältesten Tochter enden im Nichts, doch es sind schöne einfühlsame Szenen, die das Leben dieser Frauen erträglicher machen.

Für mich zeigt der Film vor allem eines: dass die materielle Armut nicht ausschlaggebend ist, wenn die Menschen zusammenhalten und sich gegenseitig helfen und unterstützen. So rücken die vier ganz eng zusammen und leben ihr einfaches, schweres Leben auf einem Plätzchen, das, wenigstens von außen gesehen, wie das Paradies auf Erden erscheint; malerisch, am Hang über dem Meer, mit dem vielen Grün und der guten roten Erde. Kein Wunder, dass sich bald Kaufinteressenten finden und ihnen die Masseria abkaufen wollen, doch die Frauen bleiben fest und lassen sich von den Angeboten nicht blenden.

Vielleiecht ist der Film zu positiv, zu gradlinig und einfach; doch für mich fühlt er sich authentisch an, erzeigt die salentinische oder apulische Wirklichkeit sehr gut.

Von dem Regisseur hörte ich in Tricase, bei dem Filmfestival, das „sotto le stelle“ (als Freiluftkino) in einem alten Schlosshof stattfand. Er selbst stammt aus einer alten aristokratischen anglo-neapolitanischen Familie, daher sein voller Name Winspeare-Guicciardi, die sich in einem malerischen Schloss nahe bei Tricase in Depressa niedergelassen hat, wo er auch aufgewachsen ist. Später studierte er in Florenz und in München an der Hochschule für Fernsehen und Film. Seine Filme, auch die Kurzfilme, spielen oft in Apulien und sein erster bekannter Film ‚Sangue vivo‘, wurde im apulischen Dialekt gedreht, alle berühren die Geschichte der Region und ihre Probleme.

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Nolde der Maler – Ausstellung im Brücke-Museum

Also gingen wir in die Nolde Ausstellung, zu dritt und hauptsächlich, weil es an einem Sonntag in diesem Sommer eine kostenlose Führung gab, und ich weil ich mich früher für seine Blumenbilder immer wieder begeistert hatte. Es warteten schon viele Leute da, für mich unerwartet viele.

Schon am Anfang der Ausstellung wunderten wir uns, dass es überhaupt keine Information über den Künstler gab. Dann bekamen wir ein Faltblatt, in dem Daten aus seiner Biografie aufgelistet wurden. Die Erklärungen und Führung durch die Ausstellung führten uns vom Künstler, von seiner Zeit weg zu ausschweifenden Bildbeschreibungen; Farben, Stimmungen, die Macht der Naturgewalten aber doch auch Verlauf des Lebens, verortet in der sehr prekären politischen Situation, spielten in seinem Malen eine wichtige Rolle; also dass er am Deich spazieren ging und Naturgewalten wahrnahm und diesen ausgesetzt war, genauso wie seine Zugehörigkeit, seit 1934, zur „Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig“ und seine Begeisterung für Rassegedanken, die nicht erwähnt wurden. Sein Schaffen wurde uns völlig losgelöst von der politischen Situation in Deutschland und in der Welt dargestellt, so als ob die kleinen Familien, die er manchmal abbildete, abgeschnitten von der Welt existiert hätten. Das spielte doch offensichtlich für Nolde, für sein politisches Engagement, eine große Rolle, denn schon 1937 wurden seine Bilder beschlagnahmt und 1941 wurde er auch aus der Reichskunstkammer ausgeschlossen, und seine Bilder waren in der Ausstellung über „Entartete Kunst“ stark vertreten. Das muss doch für sein Schaffen eine Bedeutung gehabt haben, genauso wie die Tatsache, dass er keine Kinder hatte.

Kann man also ein Werk so verstehen, und wichtiger noch, darf man auf diese Weise einen Künstler ausstellen?

Insgesamt hatte man den Eindruck, dass die Ausstellung schnell aufgehängt wurde; im Gegensatz dazu stand der aufwendig gemachte Katalog, so wie die vielen Leihgaben aus Seebühl. Auch der chronologische Durchgang durch das Schaffen des Künstlers berücksichtigte nicht immer seine besten Bilder. Natürlich ist man durch die Pracht der Farben und seine Malweise für vieles entschädigt und die Bilder sprechen meistens für sich, doch zu einer durchdachten Ausstellung gehört meiner Meinung nach auch die Verortung des Künstlers in der Gesellschaft, Informationen über die Zeit, in der er schuf – gerade bei diesem Künstler, der offensichtlich mit den Nazis liebäugelte und das zunächst auch nicht versteckte: “In diesem politisch unruhigen Winter sind so vielerlei Geschehnisse, die einen dauernd in Anspruch nehmen, weil wir doch sehr mitleben in der so stark durchgeführten und schönen Erhebung des deutschen Volkes.” So schreibt er selbst an seinen Bekannten, einen dänischen Kunsthistoriker 1937.

Gerade wegen seiner manchmal unverständlichen und für Ungereimtheiten sorgenden Biografie müsste man den Betrachtern seinen Lebenslauf präsentieren, denn sonst kommen auch manchmal abwegige Gedanken: Hat er die auffallend blauen Augen von Christus vielleicht wegen der Rassentheorie gemalt? Vielleicht denken nicht viele bei dem Besuch an die Ereignisse, die hinter den Bildern stehen, doch das Schaffen kann man nicht von der Zeit loslösen.

Was in den Bildern sichtbar ist, ist sein Kampf darum, sich von dem Einfluss seines Lehrers Liebermann und den Impressionisten wie den Expressionisten zu lösen, denen er kurze Zeit angehört hatte und sich auch nicht ganz unterordnen lassen wollte, obwohl seine Farben und seine Malweise, immer noch als typisch expressionistisch beurteilt werden. Er begeisterte sich und wurde inspiriert von den Werken von französischen Malern wie Van Gogh oder Gauguin, hat selbst mit Aquarellen experimentiert, die Bilder der unheimlichen Gesichter, mit Tusche nachgezogen, gehören neben den Kerzentänzerinnen meiner Meinung nach zu den besten in der Ausstellung.

Über Noldes unglückliches und sehr verwickeltes Verhältnis zur Nazi-Deutschland und seine Versuche später alles zu vertuschen lesen Sie unter http://www.zeit.de/2013/42/emil-nolde-nationalsozialismus/seite-3

Angesichts dieser Erkenntnisse und der Diskussionen der letzten Jahre über den Künstler wäre es seitens der Ausstellungsmacher wirklich geschickter gewesen, wenn sie Noldes Lebenszusammenhang deutlicher erklärt und den Epochenkontext unterstreichen hätten, anstatt – wie bei der Führung – das alles außen vor zu lassen.

Es bleibt eine leichte Irritation, und doch lohnt die Schau dieser farbenfrohen, vitalen Werke in der Ausstellung, die man ansonsten nicht zusammen zu sehen bekommt.

Frauenblick: Balthus

Monika Wrzosek-Müller

Balthasar Klossowski de Rola

In Wien scheinen sich für mich oft Kreise zu schließen, die ich im Leben lange um mich ziehe; manchmal dauert es ganz schön lang, bis sich so ein Kreis geschlossen hat. Doch wenn das geschieht, fühlt es sich meistens gut an, so als ob man etwas zu Ende gebracht hätte und etwas fertig geworden wäre oder auch als ob ein Zeitabschnitt zu Ende gehen würde.

Über den polnisch-jüdisch-deutsch-französischen Maler Balthus habe ich vor Jahren im Spiegel gelesen, er weckte gleich meine Neugier. In Wirklichkeit trug er doch den polnischen Namen Balthasar Klossowski, vieles deutet daraufhin, dass er sich das „de Rola“ selbst angedichtet hatte, um sich des Titels eines Grafen bedienen zu können. Jahrelang hörte ich nichts von ihm und dann, als ich in Venedig war, sah ich Plakate, die eine kleine Ausstellung seiner erotischen Werke ankündigten, die ich aber nicht gesehen habe. Er lebte auch längere Zeit in Rom als Direktor der Academie de France in der Villa Medici und dann ging er zurück in die Schweiz (wo er früher auch mal gewohnt hatte) nach Rossinière, wo er ein Riesenhaus (eigentlich ein Hotel), ein grand Chalet erstanden hatte, um dort zu leben, Gäste einzuladen und zu malen. Er umgab sich mit der creme de la creme der Gesellschaft, zu seinen Freunden gehörten: Pierre Matisse, Albert Camus, Federico Fellini, Pablo Picasso, Joan Miro, Tom Curtis, Mick Jagger, Bono, Henri Cartier-Bresson und viele andere mehr. Irgendwie war er aber nie darauf angewiesen von seiner Kunst leben zu müssen, ein großes Privileg. Seine Bilder gefielen mir sehr, ich vermutete viele innere Konflikte; wer Bilder so malte, musste Probleme haben. Die Werke waren ganz eigenartig, ohne sich an irgendwelche Kunst-, Stil- oder Moderichtungen zu orientieren, er wollte „immer etwas rätselhaftes in seinen Bildern belassen“; er malte fast obsessiv kleine Mädchen, manchmal in aufreizenden Posen, oft mit Katzen, meistens hölzerne Puppenwesen. Die Farbpallette war den alten Meistern entnommen, gedämpftes Ocker bis tief braune Töne, viel Beige, dunkle Farben mit cremeweisen Farbtupfern aufgehellt.

Natürlich kratzten einen vor allem die Motive an und man stand verwundert vor diesen puppenhaften Mädchen in diesen zweifelhaften Posen und wunderte sich: ist das jetzt das, was nicht sein darf, nur Fantasien und krankhafte Vorstellungen. Der Blick ist schon gezielt auf erotische Zonen konzentriert doch das ist auch eben gewollt und ganz kontrolliert; er geht bis dahin und nicht weiter, aber das weitere existiert irgendwie auch mit auf den Bildern. Die Gestalten wirken meistens wie leblos, unbeteiligt, fern; sie alle sind schön, unberührt durch ihre Jugend, die leuchtet und unschuldig sein könnte, wenn es nicht die Posen gäbe. Und doch wirken sie für mich wie Stillleben, arrangiert bis auf kleinste Detail. Man steht zuweilen mit fixiertem Blick und versucht sie zu beleben; das gelingt nur mühsam, sie sind erstarrt und wollen in diesem Eingefroren-Sein bleiben. Ich habe mir lange die Malweise der Körper angeschaut, es waren oft wie Porzellan oder holzbemalte Beine, Gesichter weniger puppenhaft, doch die Beine und Arme schon.

In Deutschland wurde Balthus viel ausgestellt: schon in einer frühen Dokumenta in Kassel, im Museum Ludwig mit vielen Porträts von Thérèse Blanchard; das Mädchen ist bezaubernd, frühreif. Die Ausstellung trägt den Titel „Die aufgehobene Zeit“; der Titel passt sehr gut zu Balthus sujet; alle Figuren und Gegenstände in seinen Werken wirken, als ob sie für ein Augenblick eingefroren wären. Dann kam die große Ausstellung in Metropolitan Museum of Modern Art, 2014, unter dem Titel „Cats and Girls“. Es sollte auch eine Ausstellung in Deutschland im Museum Folkwang in Essen geben, die Polaroids aus den letzten Lebensjahren des Künstlers ausstellen sollte und mit den Aufnahmen von einem Mädchen von 8 bis 16 Jahren bestückt war. Doch da sahen einige zu viel direkte Lüsternheit darin. Am Schluss ist das aber nicht klar, ich selbst kann für mich das auch nicht eindeutig beantworten; ist seine Kunst Ausdruck von pädophilen Gefühle und Regungen, oder macht sie diese extra sichtbar und spürt ihnen nach, sicher verrät sie doch die Meisterhand des Künstlers dabei. Diese Ausstellung wurde abgesagt.

Nun, jetzt in Wien, stehe ich vor einem Plakat, das über eine Ausstellung im Kunstforum Wien zu Balthus informiert. Während die anderen im Café Central ihren Kaiserschmarrn vertilgen, gehe ich rein. Noch ein Kunsttempel in Wien; so viele Orte, in die man reinschauen sollte und in denen man auf immer wieder gut geplante und durchdachte Ausstellungen trifft. In diesem Moment hat sich der Kreis endlich geschlossen.

Es ist eine sehr umfassende Ausstellung, von ganz frühen Werken, in denen er sich mit der italienischen Kunst der Renaissance auseinandersetzte, bis zu den besagten Polaroids. Der Focus liegt nicht auf den Bildnissen der Mädchen, sondern es werden sogar seine Arbeiten als Bühnenbildner und Kostümbildner gezeigt. Es entsteht ein Bild eines sehr regen und extremen Außenseiters, der sich an eigene Vorstellungen hielt und nur das machte, was ihm gefiel: „Ich habe immer das Bedürfnis das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen zu suchen“. Es entstehen Bilder, die eher der Neuen Sachlichkeit, manchmal dem Surrealismus nahe sind, mit einer manchmal düsteren oder gar grausamen Atmosphäre. Die Werke kommen von überall her und werden nach zeitlicher Abfolge ausgestellt, ohne besonderen Focus. Von den Polaroids gibt es nicht viele und sie sind geschickt ausgewählt, moralische Empörung verursachen sie nicht.

Doch auch nach dieser Ausstellung ist es schwierig zu entscheiden, wie es um ihn stand, und das macht ihn vielleicht auch so anziehend und so interessant.

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O Balthusie już TU kiedyś wspominałam, bo, jak pisze Autorka, malował również koty, te zaś, prezentowane przez różnych artystów, przez spory kęs czasu były tematem nieregularnie, ale często tu powracającym.
EMS

Vor der Morgenröte – Stefan Zweig

Auf Polnisch schrieb hier schon Dorota Cygan über den Film, und die Autorin (auf Deutsch) über Stefan Zweig

Monika Wrzosek-Müller

Irgendwie zieht es mich nach Wien, oder besser in die dekadente Wiener Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Stefan Zweig ist ein Paradebeispiel für diese Zeit; er wurde hier geboren, wuchs behütet auf, studierte hier und in Berlin und mit seinen ausgedehnten Reisen, mit seiner Übersensibilität, Emotionalität und künstlerischen aber vor allem menschlichen Unbeholfenheit schaffte er es doch auf den Olymp der Kunst. Seine zahlreichen Novellen und seine Biografien werden immer wieder gelesen, manchmal auch verfilmt; auf jeden Fall genießt er Ruhm auch nach seinem Tod. Was ihn in unserer Zeit so populär macht, ist die Aktualität seiner Gedanken über Europa in der Ausnahmesituation, über Menschen, die in der Ausnahmesituationen sind, die emigriert, geflüchtet, in der Fremde leben müssen. Und er leidet mit ihnen und leidet selbst daran, auch wenn er hätte gut leben können. Er ist ein Pazifist, bewundert Gandhi, das macht ihn bei jungen Menschen populär; in Wien heutzutage lese ich beim Vorbeigehen im Schaufenster des Cafés Central: „hier kam der Stefan auf den grünen Zweig…“, und ein Freund (25 Jahre alt) meines Sohnes erzählt mir, dass er gerade eine Gesamtausgabe von Zweigs Werken erstanden hat.

Ich glaube nicht an Zufälle und wenn ich an das Stück „Ungeduld des Herzens“ in der Schaubühne und jetzt an den Film „Vor der Morgenröte“ denke, so wird mir klar, dass seine Stimmung und seine Themen aktuell sind. Die Menschen suchen Parallelen und Beispiele, um sich die eigene Situation vor Augen zu führen – und was sie vor allem bei ihm finden, ist seine Menschlichkeit, Verletztheit und moralische Stärke und Entschlossenheit.

Zum Film habe ich mehrere Kritiken gelesen und sie fielen sehr unterschiedlich aus; manche lobten das Setting und die Kameraführung und kritisierten die Ausschnitte, die doch nicht das wahre Leben des Schriftstellers zeigten, andere hingegen wiesen darauf hin, dass gerade diese Ausschnitte essenziell seien und der Künstler sich in ihnen offenbare. Wie dem auch sei; es wurde von dem Film gesprochen und er traf den Nerv unserer Zeit, man schenkte ihm Aufmerksamkeit und beschäftigte sich damit.

Durch seine Tiefe und zugleich Oberflächlichkeit hat mich der Film fasziniert, denn einerseits bekommen wir ganz detailliert das Treffen der PEN-Club-Schriftsteller in Brasilien 1936 vorgeführt, doch wird das Leben in New York auf eine Wohnung, fast einen Raum reduziert, wo wir in einer wunderbaren Dialogszene zwischen Zweig und seiner Ex-Frau einen Einblick, ein Gefühl für sein früheres Leben, bekommen und zugleich seine Einstellung zum Exil und zur Rolle des Künstlers in seiner Zeit kennen lernen. Was mich für den Film so eingenommen hat, ist dass wir nicht endgültige Wahrheiten über den Menschen und Künstler Zweig serviert bekommen, sondern es wird vieles angedeutet, vieles denkt man sich und kann es sich vorstellen und weiterspinnen. Die Szenen enden nicht, wo der Kameraschnitt sie abbricht, und sie fangen auch nicht da an; das spürt man und fragt sich, wer schafft das; ist das der Regie von Maria Schrader, dem Kammermann Wolfgang Thaler oder dem Schauspieler Josef Hader zu verdanken; ich denke alle drei haben sich wunderbar in dem Film gefunden und haben das beste gegeben, um uns zu verführen und über das alte und neu gebeutelte Europa nachzudenken.

Schon die erste Szene, in der wir eigentlich nur eine riesige Tafel mit einem imposanten, exotischen Blumenschmuck sehen, während an dem letzten Schliff, an der Makellosigkeit des Empfangs gearbeitet wird, verführt uns. Der ganze Film verführt uns durch die Schönheit der Aufnahmen. Dann der Auftritt von Zweig – er wirkt beschämt und wird doch zugleich von den anderen gefeiert oder feierlich empfangen – der uns die Zerrissenheit des Menschen Zweig zeigt; er kann sich nicht eindeutig gegen Deutschland äußern, obwohl er schon da angekommen ist, im Exil, und darunter leidet. Er will nicht zu denjenigen gehören, die in der bequemen Position des Außenseiters leben und über die anderen lästert. Das wird ihm aber übel genommen und man verlangt von ihm eine Stellungnahme, die er nicht liefern kann. Er kann sie vor allem als Mensch nicht liefern, genauso wie es ihm peinlich ist, sich immer wieder für seine Kollegen einsetzen zu müssen und bei fremden Botschaften etc… hausieren zu gehen, was seine Ex-Frau von ihm verlangt. Ganz deutlich wird die Schwäche des Menschen Zweig gezeigt, der sich in sein Künstler-Sein flüchtet. Doch gerade diese Schwäche angesichts der vielen Entscheidungen und des Lebens außerhalb der gewohnten, sprich heimatlich verbundenen Situation, bringt uns den Film so nah.

Bei Zweig ist vieles seltsam, er ist eigentlich vorgestrig, von der Sprache und dem Pathos der Gefühle her, und doch erspüren wir bei ihm das feine, feinste Gefühl für die Schwankungen und Unvollkommenheiten des Menschen und das macht ihn liebenswürdig und wahrhaftig. Das verkörpert meisterhaft der Schauspieler Josef Hader, dem man jedes Hadern und Zweifeln ansieht.

Und doch ist der Film keineswegs todernst und traurig, es gibt sogar komische Momente. So wenn Zweig mit seiner zweiten Frau nach ihrem Ausflug in die brasilianische Dschungelwelt von einem Bürgermeister empfangen werden sollen – was ihnen nicht behagt, weil sie sich eigentlich auf den Flug nach New York, in den kalten Winter, hätten vorbereiten sollen; aber auch der Bürgermeister gerät in Stress, weil die Ehrengäste offensichtlich zu früh ankommen und er nicht ganz mit den Vorbereitungen fertig ist und die Blaskapelle trotzdem die ersten falsch gespielten Takte des Donauwalzers von Strauß zum Besten gibt; in der Hitze, fast mitten im Dschungel, stehen plötzlich alle ganz gerührt, betroffen still.

Schließlich der Epilog, der Tod der beiden wird nicht direkt gezeigt, wir erfahren ihn durch das Trauern der anderen, und wir bekommen die Toten bis zum Schluss nicht zu Gesicht, auch wenn der Spiegel fast das ganze Zimmer zeigt, in dem sie liegen.

Es ist auf jeden Fall ein Film für uns alle, die heimatlos und auf der Suche sind.

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

„Ungeduld des Herzens“

Und wir sind in ein Stück gegangen, das sich vom Titel her ganz vorgestrig anfühlte und dann im Theater modern und aktuell war und doch zugleich die Situation in Wien und in Österreich vor dem Ersten Weltkrieg wiedergab.

Es ist immer wieder faszinierend, wenn auf der Bühne etwas aus minimalen Mitteln groß wird; es sind nur fünf Schauspieler, ein paar Stühle, Tische, ein Glaskasten – und die Technik, die alte Fotos, Landschaften, den Himmel auf den Hintergrund projizieren lässt; dazu kommen noch Geräusche oder besser Geräuschkulisse. Wie wenig braucht man, um einen Zug darzustellen, durch einfache Bewegung des Körpers, das gewisse Schaukeln, dazu die Stühle hintereinander aufstellt und ein bestimmter Rhythmus gehalten. Natürlich, würde man sagen, so spielen auch Kinder Zug, das sind Urbewegungen, die etwas markieren, sichtbar machen, ohne großen Aufwand. Aber da sind noch die zwei Protagonisten: der Arzt und der Leutnant, die zusammen spazieren gehen und die Bewegung darstellen, ohne dass sie sich eigentlich vorwärts bewegen; so dass der Zuschauer mit ihnen mitgeht und im Gehen mithört. Oder: Mit einem Tisch und einem Stuhl wird eine Terrasse ganz oben im Turm des Schlosses improvisiert, und der Zuschauer ist ganz überzeugt, dass die Personen, Edith und ihr Vater, von der Terrasse herunterschauen, und er spürt die Weite und ihren Blick und dabei lässt er auch seinen eigenen in die Landschaft schweifen. Das alles muss man aber sehen und als Regisseur einzusetzen wissen.

Überhaupt ist in dem Stück alles in Bewegung, die Schauspieler übernehmen mehrere Rollen, tauschen sie aus, probieren sie an sich anzupassen, mit der Stimme und der Bewegung, und wählen jeweils die beste Option aus. Sie erproben immer wieder, wie aus der Stimme, dem Geräusch, der Ton, der Bewegung und dem Bild am besten ein Ganzes entsteht, in dem noch dazu die Emotionen und der Inhalt zusammenspielen. So kommt es, dass ein Buch, ein Roman in zwei Stunden so intensiv und klar vorgestellt wird, dass man meint es gelesen und sich tief mit den Problemen auseinandergesetzt zu haben.

Es muss ein Meisterstück sein, sowohl vom Stoff her als auch in der Bearbeitung. Die Bearbeitung des Textes stammt von Simon MacBarney, seinem Co-Regisseur James Yeatman und Maja Zade, für die szenische, bildhafte Umsetzung ist Simon MacBarney verantwortlich. Der Regisseur aus England beschreibt, wie sie proben, indem sie immer wieder ein Spiel, ein Ballspiel, als Aufwärmübung spielen, und das erlaubt allen, sich zu bewegen, ihre Positionen immer wieder zu wechseln, die bestmöglichen auszuwählen und diese Bewegung dann in das Stück zu übernehmen. Das Gleiche passiert mit dem Ton, er ist einen Moment vorher da, das Schlürfen, der Schrei, der Kanonendonner, der Donner des Gewitters, alle Töne signalisieren schon vor den Worten das Kommende oder unterstreichen es. Der Ton und die Bewegung können viel leichter Emotionen hervorrufen, das Wort kann sie dann korrigieren und richtigstellen; aber die Ungeduld des Herzens nachzuzeichnen, nachempfinden zulassen, das machen eben die Nebeneffekte. Mit dem Text wird so lange gearbeitet, bis er auch einen Rhythmus und einen genauen Ausdruck hat, der nicht austauschbar ist und genau zu dem Moment passt. Man spürt fast durch das ganze Stück hindurch, dass hier nichts austauschbar ist, dass die Harmonie des Wortes, der Bewegung, des Tons und des Bildes im Hintergrund immer ein Ganzes schaffen will.

Die Geschichte ist die eines Leutnants der K. und K.-Armee, der sich aus Mitleid aber auch aus falsch verstandenen Ambitionen mit der gelähmten Tochter eines reichen jüdischen Industriellen verlobt. Die Geschichte des Vaters von Edith spielt bei der Erfüllung des Schicksals mit; er ehelicht die Gouvernante des Hauses Kekesfalba, die zur Erbin wird und die bei der Geburt ihrer Tochter stirbt. Der Leutnant ist von Mitleid ergriffen und verlobt sich mit der in ihn verliebten, intelligenten Tochter, die aber eben Invalidin ist. Dem Leutnant selbst sind seine Beweggründe nicht klar, er schwankt zwischen Mitleid und echter Zuneigung. Der Autor unterscheidet zwischen zwei Arten von Mitleid und legt dem Arzt des Mädchens seine Interpretation des Begriffs Mitleid in den Mund: Den Leutnant bewege „das schwachmütige und sentimentale Mitleid, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist“ und das soll „durch das andere, das einzig zählt – das schöpferische Mitleid, ersetzt werden, das weiß, was es will und entschlossen ist alles durchzustehen bis zum Letzten“. Vor seinen Kameraden verleugnet er die Verlobung, denn er fürchtet, dafür ausgelacht und verachtet zu werden, dass er sich an einen Krüppel gebunden hat. Nachdem Edith davon erfährt, stürzt sie sich vom Turm des Schlosses in den Tod, der Leutnant versucht vor seinen Gewissensbissen in die Wirren des Weltkrieges zu flüchten.

Die Handlung ist einfach und immer aktuell, der Erzählfluss von Zweig sehr einfühlsam, mitreißend und bewundernswert. Der Ich-Erzähler spricht von entlegenen Zeiten, die aber, so stellt sich aber schnell heraus, mehr als aktuell sind. So ist das auch in der Aufführung: Anfangs spielt die Handlung in einem Museum und es wird im Ton des Geschichtenerzählens berichtet, sie endet aber mit aktuellsten Bildern aus der Gegenwart (nach der Videomontage von Aufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg kommt unerwartet das Foto eines Flüchtlingsboots).

Der britische Regisseur MacBarney wurde durch ein mit seiner Kompanie Complicite aufgeführtes Stück nach der Erzählung des polnisch-jüdischen Schriftstellers Bruno Schulz „Street of crocodiles“ weltberühmt, hier arbeitet er mit dem deutschen Ensemble der Schaubühne, benutzt aber seine erprobten Mittel: Bewegung, Ton und Videoinstallationen.

Der Text beruht auf dem Roman von Stefan Zweig, der 1939 veröffentlich wurde. Bald musste Zweig aus dem deutschen Sprachraum verschwinden, seine Bücher wurden von den Nazis verbrannt, wie übrigens auch die des anderen Zweig, Arnold; er selbst floh zuerst in die Schweiz, dann nach London und New York und endete in Brasilien, in Petropolis, wo er 1942 zusammen mit seiner Frau Selbstmord beging.

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Ungeduld des Herzens

Schaubühne am Lehniner Platz
Kurfürstendamm 153
10709 Berlin

Theaterkasse

Tel +49.30.890023
Fax +49.30.89002-295 300
ticket@schaubuehne.de

Eine Koproduktion mit Complicite.

Autor: Stefan Zweig
Regie: Simon McBurney
Co-Regie: James Yeatman
Bühne: Anna Fleischle
Kostüme: Holly Waddington
Licht: Paul Anderson
Sound Design: Pete Malkin
Mitarbeit Sound Design: Benjamin Grant
Video Design: Will Duke
Dramaturgie: Maja Zade

Dauer: ca. 120 Minuten

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Mach dich hübsch

Als ich 1984 aus Warschau in die Bundesrepublik kam, spürte ich sofort, wie total anders Weiblichkeit und Frau-Sein in Deutschland erlebt und verstanden wurde. Mit meinem fremden Blick kamen mir die Frauen so vor, als ob sie sich ihrer Weiblichkeit versagen würden; viele trugen irgendwelche sackförmigen, ziemlich undefinierbare Kleider, oder Jeans, und flache, breite Schuhe. Nur einige wenige gaben sich Mühe und spürten den Wert des „sich hübsch Machens“. Allgemein wurde signalisiert: Kleidung geht uns nichts an, überhaupt ist uns unser Aussehen egal, wir stehen über diesen Sachen, make up war eigentlich auch verboten. Das empfand ich damals mit Wehmut, denn ich dachte an die tausenden von Möglichkeiten, die sie hier doch hatten – mit den vollen Läden, den Farben und der Auswahl; wie viel Spaß es uns in Polen gemacht hätte, uns so herausputzen zu können und sich zu zeigen. Sogar die Studentinnen der Kunstgeschichte, bei der sich in Warschau immer die am besten gekleideten und oft auch die schönsten Mädchen tummelten, sahen in Berlin ziemlich grau und uninteressant aus. Ich wurde meistens belächelt mit meinen Anstrengungen, schick, in stimmigen Farben angezogen zu sein.

Es gab damals aber doch eine Frau, die mich faszinierte, sie hieß Veruschka Lehndorff und war in der italienische Modewelt als die große Blonde bekannt; sie war dort in den 60-er Jahren als Modell entdeckt worden, spielte auch in Antonionis Film „Blow Up“ mit und kehrte dann irgendwann in den 80-er Jahren nach Deutschland zurück; sie wollte auch nicht mehr als nur schön angesehen werden, das galt als anrüchig und unintellektuell, sogar dumm… Sie versuchte, sich selbst mit bodypainting zu einer Kunstfigur zu machen. Doch sie kämpfte mit dem Nachkriegsdeutschland, mit der BRD, sie kämpfte auch mit ihren Depressionen und dem Unangepasstsein, dem Nicht-dazu-gehören.

Auch Hannelore Elsner habe ich immer bewundert, besonders in „Mein letzter Film“; da spricht sie so offen über das Frausein, das Leben und die Lust und Last, schön zu sein, über ihre Männer; über gescheiterte Beziehungen und über die Spuren des Lebens und die Makel, und man nimmt ihr das alles ab, als ob sie über ihr Leben sprechen würde. Die große Diva des deutschen Kinos zog mich in allen ihren Filmen, besonders in „Alles auf Zucker“ oder „Die Spielerin“ magisch an, denn sie hat ein Geheimnis und eine Art von Vitalität, die mit Zerbrechlichkeit verbunden ist.

Die beiden kamen mir immer wieder in den Sinn bei der Ausstellung von Isa Genzken „Mach dich hübsch“, vielleicht nicht immer wegen der Werke, sondern mehr wegen des Titels. Es ist eine Retrospektive und als solche sehr vielschichtig, alle möglichen Phasen des Schaffens der Künstlerin werden gezeigt; es sind viele Werke aus den ganz jungen Jahren (die großflächigen abstrakten Ölgemälde und die schweren Betonklumpen) , aber auch ganz neue. Die Künstlerin thematisiert doch sehr das Frausein, immer wieder tauchen Anspielungen darauf auch da auf, wo man sie gar nicht vermutet; z.B. auf den Röntgenbildern sieht man immer wieder ganz deutlich einen Ohrring, oder die großen Ohrenfotografien sind nicht nur durch ihre überdimensionale Größe interessant, sie werden auch mal mit einem, mal mit mehreren Ohrringen verschönert, und es sind weibliche Ohren, das sieht und spürt man. Wieviel Hübsch-Sein darf man sich erlauben oder ist erlaubt? Ja, diese coole Künstlerin hat mich fasziniert, schon ganz am Anfang meines Kunstgeschichtsstudiums in Berlin; sie war Schülerin von Gerhard Richter, lange seine Frau und lange unter seinem Einfluss, und doch ging sie dann ihren Weg, und hat diese Coolness durchgehalten, mühsam und kämpfend ,aber doch. Und sie sorgt mit ihren Puppen und Mannequins, mit ihren Installationen zum Ground Zero, mit den „Weltempfängern“ aus Beton mit den herausragenden Antennen, tonnenschwer und leicht zugleich, als ob sie die Verbindung zwischen Schwere und Leichtigkeit zeigen wollten; sie ist immer wieder für eine Überraschung gut. Obwohl man oft vor den Installationen steht und lange grübelt, was denn nun hier das wichtige sei, worum es geht, doch irgendwo findet man die Ästhetik , die Anspielung und den Zusammenhang. Sie sei gerne mal frech, sagt sie, und das spürt und sieht man an den Kollisionen von Materialien und Themen, die sie behandelt und die sie zusammenbringt. Wie sie Flugzeugwrackteile verbindet und auf die Lebensumstände der Menschen, die in den Türmen des World Trade Center gearbeitet haben, aufmerksam macht.

Manchmal drängt sich dann doch die Frage auf, ist das hier unbedingt ausstellungswürdig. Und dann geht man in den nächsten Raum und wird durch die vielen Büsten von Nofretete mit Sonnenbrillen und fetzigen Schals entschädigt und es wird einem klar, dass die Künstlerin die Coolness aushält, sie zum Spiel macht und einem den Weg dahin weist. Es ist vieles leicht ironisch und mit einem zugedrückten Auge, so als würde sie kokettieren und alles leicht machen wollen und dann aber doch die ganz schwer beladenen Themen behandeln.

Ich sah manchmal die Ratlosigkeit in den Gesichtern der Besucher aber auch manchmal ein Lächeln, die Kommentare fielen spärlich aus, vieles müsste man sich wahrscheinlich ganz lang anschauen und dahinter kommen, doch wer will das in unserer Zeit, und dann bleiben die große ganz schräg angezogene Puppe und die Büsten der Nofretete in Erinnerung, und das ist vielleicht auch genug.

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Ausstellung Mach dich hübsch im Martin-Gropius-Haus

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Manifesto

Es fing damit an, dass mein Sohn über Cate Blanchett die Nase rümpfte. Das fand ich ungeheuerlich, denn für mich präsentierte sie sich in allen Filmen wunderbar. Ja eben, würde er sagen, zu wunderbar, zu wunderschön; für ihn verkörperte sie eine unnahbare, unumgängliche, langweilige Dame, immer eigentlich die gleiche; er warf mir vor, dass ich insgeheim wahrscheinlich auch davon träumte, so wie sie zu sein. Natürlich musste ich lachen, denn meine reality war weit von ihrer entfernt, doch vielleicht hatte er etwas Recht.

Desto mehr freute ich mich, als ich auf die Beschreibung der Ausstellung von Julian Rosefeldt im Hamburger Bahnhof stieß. Schon der Künstler versprach interessante Videoinstallationen, ich kannte seine Werke von Aufführungen in der Schaubühne. Auch wenn sie mich damals etwas genervt haben, denn ich teile die geteilte Aufmerksamkeit nicht und fühlte mich dann meistens von dem Hintergrund und der eigentlichen Handlung überfordert, doch es war eine Herausforderung für den Zuschauer und als solche nahm ich sie hin. Doch hier versprachen die Videoinstallationen im Vordergrund zu stehen und sie wurden von Cate Blanchett gespielt, die ich doch so faszinierend fand.

Ich ging also in die Ausstellung und verbrachte dort drei Stunden vor den Bildschirmen.

Eines Abends fand ich dann auf YouTube eine Diskussion über ein in Polen sehr heftig diskutiertes Buch „Świat sie chwieje“ [Die Welt wackelt], eine Sammlung von 20 Gesprächen, die Grzegorz Sroczyński, ein Journalist der Gazeta Wyborcza geführt hat. Es äußerten sich Historiker, Philosophen, Soziologen, Wirtschafts- und Politikwissenschaftler, die in Polen mehr oder weniger bekannt sind. Sie alle wurden nach dem Grund gefragt, warum wir das Gefühl hätten, dass „die Welt wackelt“ und dass wir mit dem, was passiert, nicht zurechtkommen. Nach Finanz-, Flüchtlings-, Moral-, Politik-, Religions- und Europakrisen, mit der Globalisierung und der rasanten Entwicklung der Medien, fühlen sich die meisten Menschen überfordert, auch wenn Krisen oft eine Möglichkeit des Aufbruchs und Neuanfangs bedeuten. Ein Rezept verspricht das Buch natürlich nicht, aber es nimmt all diese Erscheinungen unter die Lupe, die uns den Boden unter den Füßen wackeln lassen, bespricht sie und versucht, sie und die dahinter stehenden Mechanismen etwas verständlich zu machen.

Warum schreibe ich über das Buch im Zusammenhang mit der Ausstellung Manifesto? Obgleich sie diesen Titel trägt, verneint sie meiner Meinung nach all die Manifeste der Vergangenheit: von Dada, Futurismus, Expressionismus, Kreationismus, Suprematismus, Konstruktivismus, Surrealismus und all der anderen -ismen. Sie werden als Mantra vorgetragen, immer im gleichen Moment, gleichzeitig alle monoton und eintönig, ihre Inhalte eher nebensächlich, umso wichtiger, was auf dem Bildschirm passiert und wie die Personen, Landschaften, Innenräume, Außenräume dargestellt werden. Die alten Manifeste haben sich überlebt, neue sind nicht entstanden; wir haben alles da, alles ist möglich und erreichbar, im Hier und Jetzt und doch gibt es keinen Protest und keinen Aufschrei, denn wir kennen sie alle, die Formen des Protestes, es hat sich vieles, „alles?“ überlebt. Die Welt wackelt, auch die der Kunst.

Dabei, Hochachtung, chapeau bas vor der Schauspielerin, die all diese Individuen verkörpert, in all diese Rollen schlüpft: in einen Obdachlosen, eine Börsenmaklerin, eine Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage, wo sie lauter sinnlose Tätigkeit ausführt (die aber vielleicht in der globalisierten Welt einen Sinn haben). Sie ist genauso überzeugend als Lehrerin, die den Kindern Aufgaben stellt, an die sie sich nicht halten sollen, Nachrichtensprecherin, bei der die Nachricht überhaupt nicht wichtig ist, eine Choreografin, eine tätowierte Punkerin, die am Ende einer Party in dem verwüsteten Räumen um sich schlägt, sie spielt genauso überzeugend eine konservative Mutter in ihrer Familie wie eine Trauerrednerin bei einem Begräbnis. Besonders ist der Moment, in dem sie als Puppenspielerin und -bauerin mit einer sie selbst darstellenden Puppe spielt. Sie trägt die Texte auch in unterschiedlichen Sprechweisen vor, mit amerikanischem, englischem oder auch schottischem Akzent, auch mit dem Akzent einer russischen Tanzchoreographin. All diese kurzen Szenen, Filme, Epiloge haben etwas Beiläufiges und dann doch sehr Exaktes an sich. Der Künstler will kein Manifest aufstellen, entstehen lassen, und doch ist sein Werk ein Versuch die Welt in Szenen, die künstlich arrangiert sind, real darzustellen und sie zu einem Puzzel zu machen von Ausschnitten aus einer versteinerten und doch irgendwo auch lebendigen Welt, die auch hier wackelt, weil nicht ganz klar ist: Verneigt sich der Künstler vor diesen Kunstrichtungen oder verabschiedet er sich von ihnen?

Vielleicht spürte die Schauspielerin, Cate Blanchett, dass sie aus ihrer Rolle der dekadenten Dame ausbrechen sollte und dass sie so verschiedene Typen und Charaktere darstellen kann, dass sie sich dieses Können beweisen wollte. Es ist alles andere als einfach, für ein paar Stunden in Berlin ständig eine andere Person zu inkarnieren, bis zu vier Stunden in der Maske zu sitzen, sich mit einer Perfektion, Intensität und Aufmerksamkeit in jeder Szene auf jeweils neue Situationen zu konzentrieren; für mich schwebt aber doch über all den Szenen ein Hauch der Dekadenz, der sie und mit ihr ihre Umgebung nicht loslassen will. Das finde ich wunderbar und es soll sie nicht loslassen; es ist mit der Schönheit und Sehnsucht danach verknüpft und verbunden, und es wird immer so bleiben.

Ich höre fast schon den Aufschrei: und all die wichtigen Manifeste von all den wichtigen Personen, nicht umsonst gestaltet der Künstler die Szenen so und nicht anders. Den Vorwurf will ich so stehen lassen, für mich waren sie eben nebensächlich und ich konzentrierte mich auf die Bilder, die vor meinen Augen abliefen.

Auf jeden Fall ist die Ausstellung Wert gesehen zu werden, sich konzentriert auf die Szenen einzulassen und die Perfektion der Schauspielkunst zu erleben und zu bewundern.

Manifesto ist bis Juli im Hamburger Bahnhof zu sehen.

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Junge Flüchtlinge mit den Augen einer älteren Lehrerin gesehen

Ewa berichtet jetzt seltener über Flüchtlinge. Da sich aber die Situation im Lande und besonders in Berlin sehr verkompliziert hatte, wollte sie doch über ein paar positive Eindrücke von der Arbeit mit den jungen Flüchtlingen schreiben.

Sie unterrichtete Deutsch, zuerst in einer Jugendherberge, wo ungefähr 80 männliche Jugendliche untergebracht waren, die ohne Begleitung nach Deutschland gekommen waren. Die ärztlichen Untersuchungen hatten alle absolviert; man hatte sie weiterhin als Jugendliche eingestuft, obwohl sie einige von ihnen eindeutig für älter hielt. Sie wurden geimpft und in Willkommensklassen untergebracht. Manche waren wirklich extrem begabt und fleißig; sie wurden in einem Talentcampus gesammelt und einen Monat lang besonders gefördert; zu ihrer Überraschung waren das eher Jugendliche aus Afghanistan als solche aus Syrien, von denen alle behaupteten, sie wären so gebildet und kultiviert.

Leider musste die Gruppe die Herberge räumen und weit weg in die Stadt ziehen, doch soweit sie sah, kümmerte man sich wirklich gut um sie; nur dass der Weg zur Schule, also der Willkommensklasse so lang werden würde, hatte man nicht bedacht.

Es gab ein Abschlussfest mit persischem, afghanischem und deutschem Essen (Letzteres: Hähnchenschenkel mit Pommes). Wir – die Lehrer, die Sozialarbeiter und die Betreuer – stürzten uns auf Humus, die vielfältigen Salate und die Auberginen-Zubereitungen, die köstlich und bunt auf einem Buffet aufgebaut waren; die Jungs beluden ihr Teller mit Pommes, Hähnchen, Ketschup und Mayonnaise; jedem das seine, dachte sie. Selbstgebackener Kuchen und Süßes, auch Obst waren von den Lehrern mitgebracht worden. Die Jugendlichen halfen bei den Vorbereitungen, und sie hatten einen Film über ihren ersten Aufenthalt in Berlin gedreht. Das schöne dabei war, dass sich wirklich alle gegenseitig kenngelernt hatten. Die afghanische Gruppe wusste inzwischen, welche Städte es in Syrien, dem Irak gab und umgekehrt; sie wohnten immer noch in getrennten Zimmern unter sich, doch es waren auch Freundschaften quer zu den Nationalitäten geschlossen worden; auch die wenigen Schwarzen fühlten sich wohl in der Gruppe.

Nachdem die Aufgabe in der Jugendherberge zu Ende gebracht war, tat sie sich um, wo sie weiterhin Jugendliche unterrichten konnte. Sie fand in einem anderen Unterbringungsort Gruppen von Teenagern, die mit ihren Familien gekommen waren. Sie warteten länger auf die Aufnahme in die Wilkommensklassen. Ihr fiel auf, wie viel unbeschwerter und einfach netter sich in einer koedukativen Klasse mit Mädchen und Jungen unterrichten ließ. Sie waren alle auch ruhiger und „normaler“, unaufgeregt – wie viel doch die Anwesenheit von Angehörigen bedeutete, sah man hier ganz deutlich. Die Jungs räumten sogar den Klassenraum auf, fegten den Gang ohne Murren, und die Mädchen brachten Lächeln und Lockerheit, auch Schönheit in die Klasse.

Sie dachte, bei gut organisierter Hilfe würde man diese Jugendlichen leicht in die heutige deutsche Gesellschaft integrieren können. Man musste sich nur weiterhin sehr intensiv um sie kümmern, sie begleiten und fördern, auch persönlich, jeden Tag. Viele von ihnen schienen sowieso von der westlichen Kultur fasziniert zu sein, kleideten sich in Jeans und Nike-Sportschuhe, dazu kamen bei den Jungen die in ihren Augen besonders hässlichen modernen Frisuren. Die Mädchen trugen ihre Kopftücher sehr locker, es lugten immer Haare hervor, und ihre engen Pullover und Jeans beinahe gleich aus wie hier üblichen. Wichtig war, dass sie dieses „beinahe“ nicht als Demütigung empfanden, sich ihrer Vergangenheit nicht schämten und einen Weg für sich zu finden schienen.

Besonders für die Mädchen würde das viele Chancen eröffnen; sie würden dann ihr eigenes Leben leben können, entscheiden, was sie lernen und ob sie Familien gründen, arbeiten oder beides zusammen versuchen wollten. Sie dachte, dass man ihnen das kommunizieren müsse, immer wieder vor Augen führen, damit sie sich nicht in ihrer Vergangenheit gefangen und daran gebunden fühlten. Dazu würde man viele Lehrer, Begleiter brauchen; sie würden sich nicht so schnell auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen, aber mit genug Geduld und Offenheit würde man ihnen etwas Neues für sie entwickeln können. An jungen Psychologen, die nur darauf warteten, alle in jeder Lebenslage zu beraten, fehlte ihres Wissens nicht; man musste sich nur eben auf diese Situation wirklich einlassen und die Jugendlichen fördern, unterstützen und informieren.

Und dann das große, alles übergreifende Wort „Integration“. Dazu fiel ihr nur eine Anekdote ein, ein Witz: Ein Flüchtling begegnet eine gute Fee und klagt über sein schweres Schicksal und das Leben in der Fremde. Darauf sagt die gute Fee zu ihm: „Dann will ich dir helfen. Ich erfülle deine drei Wünsche sofort“. Der Flüchtling denkt nicht lange nach. Er sagt: „Ich will ein schönes Haus haben“. Und schwupp die wupp steht ein schönes Haus vor ihm. Dann sagt er: „Ich brauche natürlich auch ein schnelles, schickes Auto“. Auch dieser Wunsch wird sofort erfüllt. „Und was ist mit dem dritten Wunsch“, fragt ihn die gute Fee. Ja, sagt der Flüchtling, „ich will ein Deutscher werden, mich nicht mehr fremd fühlen“. Da verschwinden sowohl das Haus als auch das Auto; der Flüchtling schaut die gute Fee ganz erschrocken an: „wohin sind meine zwei Wünsche verschwunden?“. „Du willst ein Deutscher werden? Dann musst du dir das alles schwer erarbeiten, fang gleich an“, sagt die gute Fee ganz ruhig.