Groby / Gräber 2017 (1)

Heut’ ist Buss- und Bet-Tag. Anne hatte letztens zwei Gräber besucht, ich noch eins…

Jutro dla czytelników polskich Ela Kargol z wpisem na podobny temat. I przysięgam – nie umawiałyśmy się, temat wisiał w berlińskim powietrzu

Anne Schmidt

Es gibt Gräber, die muss man suchen, wenn man sie besuchen will.

Sie wurden anonym angelegt, weil die dort begrabenen Personen mit ihren Geschichten zur Zeit ihres Todes als Aufrührer oder gar Verbrecher galten, deren Gräber keinesfalls zu Pilgerstätten werden sollten.

Andere wiederum wünschten sich schon zu Lebzeiten ein idyllisches Plätzchen an einem weltfernen Ort für ein ewiges Ausruhen nach einem ruhmreichen, turbulenten, selbstzerstörerischen Leben.

Zu den anonymen Gräbern gehörte das von Ulrike Meinhof, das jedoch inzwischen ihren Namen trägt und anlässlich ihres Geburtstages am 7. Oktober reichlich geschmückt wurde.

Foto Anne Schmidt

Es befindet sich in Tempelhof auf dem Friedhof der Heiligkreuz-/ und Passionskirchengemeinde an der Eisenacherstraße.

Christa Päffgen, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen “Nico”, hatte sich schon in noch unbeschwerten Jugendjahren den Waldfriedhof am Schildhornweg im Grunewald als letzten Ruheort ausgesucht. Dort findet man auf einem Grab unter dem Stein mit ihrem und dem Namen ihrer Großmutter ein gerahmtes Foto von ihr, das in ihrer glücklichen Zeit als Sängerin und Muse von Jim Morrison gemacht sein dürfte.

Wie lange man sie dort noch besuchen kann, ist der Wilmersdorfer Gemeinde überlassen, die den Friedhof aus Kostengründen schließen will.

Die russichen Selbstmörder, nach denen der Friedhof benannt ist, die vielen Toten einer Bombennacht im Jahre 1945 würden dann genau wie Nico und Rolf von Zukowsky umgebettet werden müssen oder dem Verfall preisgegeben werden.

Die Wildschwein rotten um den Friedhof herum warten schon jetzt auf ein Offenlassen der Pforte.

Foto Elżbieta Kargol

Ewa Maria Slaska

Noch ein Selbstmörder-Grab. Walter Leistikow, Maler. Wikipedia weißt zu berichten, dass:

Walter Leistikow erschoss sich am 24. Juli 1908 während eines Aufenthalts im Sanatorium Hubertus in Berlin-Schlachtensee im Endstadium seiner langjährigen Syphilis-Erkrankung. Nach einer großen ehrenvollen Trauerfeier im Berliner Secessionsgebäude wurde er auf dem Friedhof Steglitz beigesetzt. Sein Grab ist ein Ehrengrab des Landes Berlin. Der Grabstein – ein Werk Franz Seecks von 1909 – wurde zum 100. Todestag erneuert. Die Grabstätte befindet sich in der Abt. Ih – Erbbegräbnis 251.

Was man nicht zu berichten weiss, ist, dass man ihm zuerst nirgendwo begraben möchte, und erst nach langer Suche hat sich die Friedhofsverwaltung des Friedhofs Steglitz, bereit erklärt, ihn zu begraben.

Foto Wikipedia

Als man in Steglitz den 100. Jahrestag des Leistikows Todes feierte, am 24. Juli 2008 weilte Barack Obama, damals noch USA-Präsidenten-Kandidat, in Berlin. Die Organisatoren der Leistikows Feierlichkeiten luden Obama ein, nicht nur zur Siegessäule sondern auch nach Steglitz zu kommen, aber so viel Sinn für den (schwarzen) Humor bewies sogar Obama nicht. Schade, eigentlich.

Barataria 40 Teneryfa / Teneriffa

Tekst / Text: +/- Wikipedia

Teneriffa (span. Tenerife) ist die größte der Kanarischen Inseln und gehört zu Spanien. Die Insel ist 83,3 Kilometer lang, bis zu 53,9 Kilometer (Ost-West-Ausdehnung) breit und hat eine Fläche von 2034,38 Quadratkilometern. Sie ist mit etwa 888.000 Einwohnern die bevölkerungsreichste Insel Spaniens. Die Hauptstadt ist Santa Cruz de Tenerife. Die Einheimischen werden Tinerfeños genannt.

Teneriffa ist eine Vulkaninsel. Sie gehört – wie alle Kanarischen Inseln – topografisch zu Afrika, liegt 288 Kilometer vor der Küste Marokkos und der Westsahara und ist 1.274 Kilometer von der Südküste des spanischen Mutterlandes entfernt. Teneriffa und die benachbarte Insel Gran Canaria werden aufgrund verschiedener Landschaftsformen und mehrerer dort auftretender Klimazonen oft als Miniatur-Kontinent bezeichnet (Schon vor ein paar Wochen behauptete ich, dass die Fantasy-Territorien eigentlich immer eine interessant gebaute Insel sind – Anm. d.Red. EMS).

Einer Legende nach, ist Teneriffa die Überreste der verlorenen Atlantis. Bei dem spanischen Schriftsteller Miguel de Unamuno ist sie die Barataria von Cervantes! Natürlich ist es metaphorisch gemeint, aber dies ist eben das, was mich fasziniert – das Leben der Metapher.

Teneryfa – należąca do Hiszpanii wyspa na Oceanie Atlantyckim, u północno-zachodnich wybrzeży Afryki, zaliczana do Makaronezji. Jest największą i najludniejszą wyspą w archipelagu Wysp Kanaryjskich i najludniejszą wyspą hiszpańską. Teneryfa, choć geograficznie leży w północnej Afryce, jest integralną częścią Hiszpanii i Unii Europejskiej. Obowiązującą na wyspie walutą jest euro, a językiem urzędowym język hiszpański.

Santa Cruz de Tenerife jest największym miastem na wyspie i zarazem jej stolicą oraz prowincji Santa Cruz de Tenerife. Jest też, wspólnie z Las Palmas de Gran Canaria, stolicą autonomii Wysp Kanaryjskich.

Teneryfa oraz sąsiednia wyspa Gran Canaria jest często nazywana kontynentem w miniaturze ze względu na kilka typów krajobrazu i kilka stref klimatycznych na nich występujących (Nie będę się przechwalać, ale już kilka tygodni temu twierdziłam, że to właśnie takie wyspy o interesującej budowie geograficznej są pierwowzorem wszystkich terenów z opowieści fantasy – EMS). Na Teneryfie znajdują się dwa obiekty wpisane na Listę Światowego Dziedzictwa Kulturowego i Przyrodniczego UNESCO: wulkan Teide, który jest parkiem narodowym, oraz zabytkowe miasto La Laguna.

Legenda głosi, że Teneryfa jest pozostałością zaginionej Atlantydy. Hiszpański pisarz Miguel de Unamuno widzi w niej i Atlantydę, i Baratarię!!! Oczywiście to metafora, ale w tym serialu to właśnie najbardziej mnie fascynuje – długie i szczęśliwe życie metafor!

Fotos/y: Anne Schmidt

Gül im Auto

Anne Schmidt

“Und jetzt habe ich Aids,”  flüstert Gül, ” dieser Junge hat mich angesteckt.”

Frau Schulz ist irritiert.

Wie weit hat Gül sich mit diesem Erol eingelassen? Es ist, als hätte Gül diese Frage gehört, denn sie beginnt, sich trotz ihrer offensichtlichen Scham zu einer Erklärung durchzuringen.

“Nach dem Abend in der Disco rief er mich täglich an. Er wollte sich unbedingt wieder mit mir treffen. Ich habe immer Ausreden erfunden, denn ich hatte Angst vor ihm; ich fühlte mich nicht stark genug, ihm zu widerstehen, sowohl psychisch als auch physisch.

Eines Tages stand er vor unserem Haus, als ich gerade zu meiner Friseurin gehen wollte. Er tat überrascht, war freundlich und zurückhaltend. Er erzählte mir, dass er jeden Tag in die Moschee gehe und darum bete, mich wiederzufinden. Dann machte er Witze über seine Freunde und brachte mich gegen meinen Willen  zum Lachen.

Er begleitete mich bis zum Frisiersalon und wartete in einem Cafe nebenan bis ich fetrig war. Dann brachte er mich wieder nach Hause und schenkte mir zum Abschied eine CD von Tarkan. Ich hätte sie nicht annehmen sollen, denn ab jetzt fühlte ich mich verpflichtet, seinen Bitten nachzugeben und ihn wieder zu treffen.

Bald trafen wir uns jeden Tag, gingen spazieren oder ins Café am Urbanhafen. Er war immer lustig und erzählte Geschichten, die mich aufheiterten. Ich kam nie auf die Idee, dass er kiffte oder drückte. Ich fand nur die Gestalten, denen wir manchmal begegneten und die er immer mit Handschlag oder sogar Umarmung begrüßte, etwas unappetitlich.

An einem kalten Regentag  kam er auf die Idee, dass es praktisch wäre, ein Auto zu haben, um damit ein bisschen herumzufahren oder auch warm und trocken einfach nur darinzusitzen. Ein Freund hätte ganz in der Nähe einen Autohandel, zu dem wir zu Fuß gehen könnten. Ich muss völlig verrückt gewesen sein, dass ich mit Erol zu diesem Freund gegangen bin. Die beiden schienen sich gut zu kennen und kicherten ständig, ohne dass ich den Grund erkennen konnte. Ich musste in mehreren Autos Platz nehmen, bekam die Vorteile jedes Typs erklärt und Preise zu hören, die völlig illusorisch waren.

Zum guten Schluss präsentierten sie mir einen knallroten Fiat mit Liegesitzen für nur 500,-Euro.  So ein Schnäppchen würde ich nie wieder angeboten bekommen, meinten sie und lachten verschwörerisch.

Ich hätte sofort gehen sollen, aber der Regen hatte sich zu einem Sturmregen entwickelt und ich hatte keinen Schirm dabei. Der Verkäufer meinte, ich bräuchte nicht alles sofort zu zahlen, ich könne den Preis in Monatsraten abstottern.

Erol hatte in der Hütte des Händlers Tee gemacht und brachte mir eine Tasse ins Auto. Der Tee war ekelhaft süß und heute weiss ich, dass der Zucker den Geschmack von einer Droge überdecken sollte.

Ich wurde schläfrig und kann mich nicht daran erinnern, dass ich einen Kaufvertrag unterschrieben habe.

Ich kann mich auch nicht erinnern, was Erol mit mir noch angestellt hat. Ich weiss nur, dass ich abends spät auf einem Liegesitz in einem roten Fiat halb ausgezogen aufwachte und mich an nichts erinnern konnte.”

Gül schlägt die Hände vor`s Gesicht.  “Ich habe Angst, dass ich jetzt Aids habe,” schluchzt sie.

Frau Schulz legt beruhigend ihre Hand auf ihren Arm.  “Hast Du gewusst, dass er HIV positiv ist?  Aber auch in dem Falle müsstest Du Dich nicht inbedingt angesteckt haben; Aids kann nur durch Blut übertragen werden. Hast Du an dem Abend geblutet?”

Gül schüttelt den Kopf. “Ich weiss nicht, was er alles mit mir gemacht hat. Ich weiss nur, dass er immer kaputt aussah und ich mich jetzt auch kaputt fühle. Was soll ich machen?”

Sie sieht Frau Schulz verzweifelt an. “Ich will nicht zu unserem Hausarzt gehen, weil ich mich schäme; ausserdem würde er vielleicht alles meiner Mutter erzählen und die würde wieder ein Riesentheater machen.”

Frau Schulz hält es für müßig, Gül an das Arztgeheimnis zu erinnern. Sie nimmt eine Serviette und schreibt Gül die Adresse von Pro Familia auf. Sie rät ihr, dort anzurufen und sich einen Termin geben zu lassen. Gül steckt die Serviette in ihre Tasche, wischt sich die Tränen ab und verabschiedet sich mit einem dankbaren Lächeln  von Frau Schulz.

Ein halbes Jahr später findet Frau Schulz einen Anruf auf ihrem Anrufbeantworter vor, den sie nicht sofort einordnen kann.

“Mir geht es gut. Was ich Ihnen wegen Aids erzählt habe, war alles Unsinn. Ich wohne jetzt bei Emine und arbeite in ihrem Laden. Ich melde mich später noch mal. Vielen Dank noch für Ihre Hilfe.”

Nach diesem Lebenszeichen hört Frau Schulz nie wieder etwas von Gül.

Gül und Erol

Anne Schmidt

Erol im Disc

“Wir fuhren mit der U-Bahn zum Kotti und liefen noch ein Stückchen die Reichenbergerstraße runter.

Das Jugendzentrum, in das Jenny mich zog, kannte ich von einem Schulfest. Die Musik dröhnte und die Jugendlichen in dem großen abgedunkelten Saal sangen den türkischen Text mit. Ich erkannte den Sänger Tarkan, dessen Lieder gerade überall, sogar in deutschen Sendern, zu hören waren. Das Lied, das gerade gespielt wurde, mochte ich besonders gern; ich ließ mich mitreißen und sang den Text leise mit, aber hochhüpfen, wie die anderen, konnte ich nicht. Ich stand wie eingewurzelt an der Tür und versuchte Jenny zu erkennen; sie war weg und als der Song zu Ende war, kam eine kitschige türkische Ballade, bei der mir sofort die Tränen in die Augen schossen.

Ich wollte mich gerade umdrehen und rausgehen, als mich ein junger Mann von der Seite ansprach. Er musste sehr laut schreien, um sich verständlich zu machen und zog mich an der Hand aus dem Saal. Draussen fragte er mich, ob ich nicht auch auf der Karagöz-Schule gewesen sei, er könne sich an mich erinnern. Ich sei immer mit vier anderen Mädchen zusammen gewesen, die so unterschiedlich ausgesehen hätten, wie Tag und Nacht. Mich hätte er immer am hübschesten gefunden. Ich konnte mich überhaupt nicht an ihn erinnern; erst, als er sagte, er habe die 10. Klasse wiederholt, um einen erweiterten mittleren Schaulabschluss zu machen, dämmerte es mir:

Er hatte immer mit ein paar Kiffern und Schulschwänzern herumgehangen, die Spaß daran hatten, Feueralarm auszulösen oder Buttersäure zu versprühen. In den abgelegenen Treppenhäusern fühlten sie sich sicher genug, um zu rauchen oder Stoff zu verkaufen.

Jetzt war er sehr charmant, machte Witze über einige Lehrer und brachte mich mit Parodien über besonders skurrile Typen zum Lachen. Wir setzten uns in das Café des Disc und weckten ununterbrochen Erinnerungen an die Schulzeit.

Als Jenny uns fand, hatte ich einen leichten Schwips von der Cola mit Rum, den er heimlich dazugegossen hatte. Jenny sah sofort, was los war und schnauzte Erol an, er solle mich in Ruhe lassen und mir keinen Alkohol einflößen. Sie nahm mir das Versprechen ab, auf sie im Café zu warten, denn sie wolle noch ein bisschen tanzen. Als sie verschwunden war, lachte Erol verschwörerisch und fragte, ob er mich im Taxi nach Hause bringen solle. Ich dachte an mein Versprechen, stand auf und schwankte. Erol stützte mich, bis ich einigermaßen sicher auf den Beinen stand. Ich setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und tastete mich zur Toilette.

Im Waschraum traf ich auf ein Mädchen aus meiner ehemaligen Schule, das auch Jenny kannte. Ich bat sie, Jenny zu sagen, dass mir schlecht sei und Erol mich im Taxi nach Hause bringen würde.

“Erol, der Freund von Deniz und Orhan?”, sie sah mich erschrocken an, aber ich war zu müde, um über ihre Reaktion nachzudenken. Ich wollte nur noch nach Hause. Als ich aus dem Waschraum kam, stand Erol  schon vor der Tür, hakte mich unter und bugsierte mich nach draussen. Passenderweise stand ein Taxi genau vor der Tür und Erol schob mich- ohne den Fahrer zu fragen – auf den Rücksitz und setzte sich neben mich. Der Fahrer schien seinen Auftrag schon zu kennen, denn er fuhr sofort los. Erol fingerte mein Handy aus meiner Tasche und rief sich selber an; ich bekam es nur im Halbschlaf mit und dachte mir nichts dabei. Erol, der meine Straße kannte, fragte nach der Hausnummer und wechselte ein paar Worte mit dem Taxifahrer, den er duzte.

Vor meiner Haustür gab ich ihm meine Schlüssel und war froh, dass er mich die Treppen bis zu unserer Wohnung hochschleppte. Er schloss für mich die Wohnungstür auf und ich kroch auf allen Vieren hinein, um keinen Lärm zu machen. Am nächsten Morgen wachte ich angezogen vor meinem Bett auf.”

Gül stöhnt, als spüre sie jetzt noch die Kopfschmerzen vom Morgen danach. Sie wirkt matt und erschöpft vom endlosen Reden.

Frau Schulz winkt die Bedienung herbei, um zu zaheln, aber Gül will noch nicht gehen. Sie möchte nur etwas Wasser für ihren ausgetrockneten Mund und schaut Frau Schulz bittend an. Der heimliche Blick auf die Uhr hat Frau Schulz gezeigt, dass sie schon seit zwei Stunden mit Gül in diesem Café sitzt. Zu Hause werden ihr Mann und ihre Kinder auf die eingekauften Zimtschnecken warten, aber sie kann sich von Gül auf keinen Fall lösen. Irgendetwas scheint sie noch zu quälen. Frau Schulz bestellt bei der Bedienung eine große Flasche Wasser und wartet, bis Gül sich erfrischt hat.

Was nun, Gül?

Anne Schmidt

Haushaltsgeld

Unsicher schaut Gül Frau Schulz an; diese nickt zornig.

“Hast du deinen Bruder angezeigt?” Sie ist ziemlich sicher, dass Gül es nicht getan hat. So ist es!

Gül, die  nach dem Aufenthalt im Krankenhaus und danach im Frauenhaus in die Wohnung ihrer Eltern zurückgekehrt war, hatte sich völlig in sich zurückgezogen. In ihrem Handy waren die Nummern ihrer Freundinnen gelöscht, sodass sie niemandem – ausser Emine – ihr Herz ausschütten konnte. Emine redete ihr immer gut zu und überzeugte sie davon, dass sie mal wieder ausgehen müsse, um andere Menschen kennen zu lernen. Aber Gül traute sich nicht, saß den ganzen Tag in ihrem Zimmer, hörte Musik und horchte auf die Schritte auf dem Korridor.

Ihr Bruder schlich nicht draussen herum, denn der wohnte inzwischen am Kottbusser Tor. Ihre Schwestern hatten inzwischen geheiratet und wohnten ein paar Straßen weiter; sie kamen nur selten zu Besuch. Ihr Vater hielt sich kaum zu Hause auf: Entweder war er im Teehaus oder in der Moschee am Columbiadamm.

Ihre Mutter ging einmal in der Woche in die Passionskirche, um sich von Laib und Seele Lebensmittel gegen einen kleinen Obulus einpacken zu lassen; der Vater gab ihr zu wenig Haushaltsgeld.

Gül litt darunter, sich von ihrer Mutter bekochen zu lassen, gespendeten Kuchen zu essen.

Eines Tages raffte sie sich auf und ging zur Bank. Sie hatte immer gespart, was sie in den Ferien und später als Putzfrau verdient hatte. Ihre Mutter wusste nichts von ihrem Konto, denn die hätte sonst alles Geld für sich reklamiert, für die vielen Ausgaben, die sie wegen ihrer Tochter gehabt hatte. In diesem Punkt war Gül hart geblieben: Ihr Konto war ihr einziger geheimer Besitz.

Der Gang zur Bank brachte für Gül die Wende, denn auf der Bank sprach sie eine junge, hübsche Frau an, die sie nicht sofort erkannte. Es war Nuren, ihre Freundin aus der Schulzeit. Nuren umarmte sie und sprudelte über vor Freude. Gül erinnert sich mit glänzenden Augen an das Wiedersehen. “Von da an war meine Einsamkeit weg. Nuren gab mir die Telefonnummern von Jenny und Betty und ab sofort konnte ich von meinem Zimmer aus täglich mit ihnen quatschen. Ich habe ihnen nichts von meinem Bruder erzählt, nur von meiner Zwangsheirat. Nuren kennt viele Frauen, denen dasselbe passiert ist. Meistens wurden sie in die Türkei gelockt unter dem Vorwand, eine sterbende Oma oder einen todkranken Opa zum letzten Mal besuchen zu müssen. Nuren selber hatte eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht und sich eine eigene Wohnung gesucht. Betty war inzwischen Lageristin geworden und Jenny Fachverkäuferin für Kosmetika.

“Jenny war – wie früher – die unternehmungslustigste von den Dreien und überredete mich eines Tages, am nächsten Abend mit mir in eine deutsch-türkische Disco zu gehen. Als Jenny mich am nächsten Abend abholen wollte, war ich fest entschlossen, nicht mitzukommen. Ich hatte den ganzen Tag gegrübelt und fühlte mich kraft- und lustlos. Meine Mutter hatte mehrmals an die Tür geklopft und mir Essen und Tee angeboten, aber ich hatte nicht reagiert. Plötzlich stand Jenny vor der Tür. Meine Mutter hatte ihr die Wohnungstür aufgemacht, obwohl sie sie nicht leiden kann. Sie ist für sie der Inbegriff der deutschen Schlampe. Als Jenny mich sah, reagierte sie sehr einfühlsam: Sie nahm mich an den Arm und redete mit mir, wie mit einem Kind. Ich hatte noch mein Nachthemd an und Jenny ahnte, dass ich nicht mitgehen wollte. Sie drückte mich auf einen Stuhl und fing an, ganz vorsichtig mein Haar zu bürsten. Während der Zeit summte sie einen der gängigen türkischen Popsongs und immer, wenn das Schmatzen vom Küssen kam, drückte sie mir ein Küsschen auf die Wange. Sie zog mich ins Badezimmer, damit ich mir den Schlaf aus dem Gesicht wusch und schob mich vor den Spiegel. Sie holte ihr Schminktäschchen aus ihrem Rucksack und zog meine Lippen nach. Mehr bräuchte ich nicht, meinte sie, ich sei schön genug, so wie ich sei. Nur die Mundwinkel müsse ich aus ihren Ecken heben, damit nicht jeder mich für eine übellaunige Tussi halte. Dann holte sie ihr Handy aus der Tasche, umarmte mich und machte ein Selfie von uns. Sie zeigte es mir und ich sah, dass meine Mundwinkel immer noch zu tief hingen.

>>Nun ist Schluss mit Trauer<<, sagte sie, holte ein Top aus dem Schrank, befahl mir, meine engsten Jeans und das Top anzuziehen und ließ mich vor dem Spiegel im Flur Maß nehmen. >>Turnschuhe genügen, du brachst keine High Heels<<, meinte sie und lachte bei der Vorstellung. Sie rief meiner Mutter einen frechen Abschiedsgruß zu, den die nicht verstand, aber freundlich erwiderte und zog mich auf die Straße.”

Gül. Im Frauenhaus.

Anne Schmidt

Gül schaut auf ihre Hände, runzelt die Stirn als dächte sie angestrengt nach und lächelt plötzlich kaum sichtbar.

“Damals, als ich am Ende war, kam meine Rettung. Meine Schwester, die mich leblos im Bett gefunden hatte, rief die Feuerwehr und ich wurde ins Urban-Krankenhaus gebracht. Dort hat man mir den Magen ausgepumpt und mich an den Tropf gehängt. Von all dem habe ich nichts bemerkt, aber Frau Weiss hat mir später den Ablauf seit meiner Einlieferung geschildert. Von meiner Familie hat sich keiner im Krankenhaus blicken lassen, was mir sehr recht war.

Frau Weiss, die Sozialarbeiterin in meiner Klinikabteilung, kam mich jeden Tag besuchen. Nach und nach hat sie alles aus mir herausgefragt. Sie hat dafür gesorgt, dass ich nicht nach drei Tagen nach Hause entlassen wurde, wie es sonst nach einem Selbstmordversuch üblich ist. Sie hat mir einen Platz in einem Frauenhaus besorgt, in dem normalerweise nur verheiratete Frauen mit Kindern Schutz finden.

Die türkische Frau, die mit ihren zwei Kindern im Nachbarzimmer wohnte, hat mir von ihrem Drama erzählt.

Sie war – genauso wie ich – gegen ihren Willen verheiratet worden, hatte ihren Mann nach der Zuzugssperre von einem Jahr nachkommen lassen und war mit ihm in eine kleine Wohnung gezogen, die ein lieber Onkel besorgt hatte.

Ihr Mann konnte kaum Deutsch, ging nicht arbeiten und verbrachte den Tag im Teehaus, während sie in einer Wäscherei arbeitete.  Wenn sie abends müde nach Hause kam, musste sie kochen und putzen, während er sich türkische Melodramen im Fernsehen anschaute.  Wenn ihm das Essen nicht schmeckte oder er einen Fleck irgendwo sah, schrie er sie an oder schlug sie. Wenn sie sich nicht mehr wehren konnte, vergewaltigte er sie brutal.

Mehrmals hat er ihren Kopf gegen die Wand geschlagen, so dass sie heute noch epileptische Anfälle bekommt. Nachdem sie zweimal ein Mädchen geboren hatte, wollte er nichts mehr von ihr wissen und kam nur noch nach Hause, um sich Geld zu erzwingen. Wenn sie ihm nicht so viel geben konnte, wie er haben wollte, schlug er sie und stieß wilde Drohungen aus. Sie fühlte sich ihres Lebens nicht mehr sicher und flehte ihre Familie an, sie aus ihrem Unglück zu befreien. Aber die Familie beharrte auf dem Ehebündnis und gab sogar ihr die Schuld für ihr Unglück.

Sie wandte sich in ihrer Not an eine Nachbarschaftsmutter in Neukölln und diese gab ihr die Adresse von dem Frauenhaus. Sie hat ihr geraten, versteckt zu bleiben bis sie den Mietvertrag gekündigt hätte.

Inzwischen hat Emine eine Wohnung gefunden und mich eingeladen, bei ihr vorübergehend zu wohnen.

Ohne sie und Frau Weiss hätte ich es nicht geschafft zu verhindern, dass Ömer nach einem Jahr mir nachreisen konnte.”

Gül seufzt, Frau Schulz bestellt neuen Kaffee und fragt leise nach der Reaktion von Güls Familie auf ihre Weigerung hin. Die Tatsache, dass Gül wieder bei ihrer Familie lebt, legt Frau Schulz den Schluss nahe, dass Güls Familie eingelenkt hat. Dennnoch kann sie sich nicht vorstellen, dass Güls Mutter die Verweigwerung von Gül gutheissen konnte, denn die Trennung von dem Gatten hatte wahrscheinlich das Zerwürfnis mit seiner und ihrer Familie in Anatolien zur Folge. Konnten sich die Eltern je wieder in ihrem Dorf sehen lassen, in dem die Ehre der Familie zum zweiten Mal “verspielt” worden war?

Gül löst sich aus ihren Gedanken, zieht zum ersten Mal während des Gespräches eine Zigarettenschachtel aus der Tasche, lässt sie aber gleich wieder zurückgleiten. Der bestellte Kaffee kommt und Gül nippt.

“Während ich im Frauenhaus war,  ist Frau Weiss zu meinen Eltern gegangen. Sie hat ihnen erklärt, dass Zwangsheirat illegal sei und ich meine Eltern anzeigen könne. Wenn ich es nicht täte, würde sie es tun, falls meine Eltern die Trennung von Ömer nicht tolerieren würden. Sie trat sehr entschieden auf, zeigte auf Formulare und Paragraphen, die meine Eltern einschüchterten. Mein Vater unterschrieb, dass er keine Wohnung für seine Tochter und ihren Mann gefunden habe und auch keine Absicht habe, das Paar finanziell zu unterstützen.

Meine Mutter, die nicht lesen und schreiben kann, unterzeichnete alles mit Xen; ihre größte Sorge war, dass irgendeine Behörde oder die Familie in der Türkei Geld von ihr verlangen könnten. Angeblich mussten sie einen kleinen Betrag an die Migrationsbehörde zahlen, den sie prompt von mir zurück verlangten.”

Gül lacht gequält auf. “Eigentlich hätte alles mein Bruder bezahlen müssen, denn der war an allem schuld, oder?”

Gül und die Geister

Anne Schmidt

Vorwürfe

Trotz all dieser Überlegungen ist Frau Schulz erschüttert. Zugleich stellt sie sich die Frage nach ihrer eigenen Hilfeleistung. Warum hat sie kein Gespräch mit Gül geführt, als diese – Daumen lutschend – den Bekenntnissen ihrer Freundinnen lauschte? Warum hat sie Gül nicht auf der Klassenreise nach den Gründen für nächtliches Einnässen gefragt? Sie hätte sich denken müssen, dass mit Gül etwas nicht stimmte, aber sie hatte nicht indiskret sein wollen, hatte geglaubt, Gül würde von sich aus das Gespräch suchen, wenn sie es brauchte.

Aber Gül hatte still zugehört  wenn Jenny und Nuren von den Jungs erzählten, die sie anhimmelten oder von denen sie angehimmelt wurden; meistens liefen die Sympathien nicht parallel, sodass sich öfter kleine Dramen anbahnten, die in letzter Minute abgewendet werden konnten. Gül erinnert sie daran, dass Nuren Stunden lang gesucht werden musste, bis sie jemand weinend am Straßenrand an einer Ausfallstraße fand, wo sie sich aus Liebeskummer vor einen Lastwagen hatte werfen wollen.

Gül erzählt von diesem Vorfall, als hätte er gestern stattgefunden.

“Verstehen Sie, Frau Schulz, dass ich meine eigenen Probleme hinter dem Stress, den die anderen Mädchen hatten, gut verstecken konnte? Ich wollte nicht an zu Hause denken. Sie und Herr Müller hatten so viel mit den Anderen zu tun, dass ich Sie nicht mit meiner Familiengeschichte belästigen wollte; sie sollte für zehn Tage nicht mehr vohanden sein.”

Frau Schulz fragt, ob sie etwas von dem Besuch der Anderen bei “Wildwasser” erfahren habe.

Gül lächelt: “Ich war selber mit Jenny dort.” Frau Schulz ist erstaunt, weil sie nur die drei anderen Mädchen dort angemeldet hatte. “Das stimmt,” pflichtet ihr Gül bei, “ich bin mit Jenny später noch einmal hingegangen, aber ich habe nichts gesagt. Jenny hat von ihrer Mutter erzählt, die von ihrem arabischen Liebhaber mehrere Tage in einem Keller gefangen worden sei. Ich konnte das, was mit der Mutter dort angeblich passiert war, kaum glauben. Ich habe nur zugehört und selber keinen Ton gesagt. Mein eigenes Problem kam mir plötzlich zu unwichtig vor, um Jenny zu unterbrechen.”

Gül kratzt mit dem Löffelchen den letzten Rest Zucker aus ihrer Kaffeetasse.

“Jetzt habe ich vielleicht aids,” platzt es aus ihr heraus. “Meinen Mann bin ich zwar losgeworden, aber selber muss ich vielleicht bald sterben.” Sie sieht Frau Schulz fast trotzig an. Frau Schulz legt ihre Hand auf Güls Arm.

“Wie bist du deinen Mann losgeworden?”, fragt sie möglichst unaufgeregt.

“Eine Sozialarbeiterin in der Klinik hat mir geholfen, die richtigen Schritte zu tun. Wie Sie vielleicht wissen, muss nach einer Heirat in der Türkei der türkische Ehepartner ein Jahr warten, bis er für Deutschland ein Visum bekommt. Und auch das nicht immer. Das war mein Glück. Als ich nach den schrecklichen Tagen in Anatolien wieder nach Berlin zurückkam, hatte meine älteste Schwester mich inzwischen von der Schule abgemeldet und mir einen Job bei einer Firma für Gebäudereinigung besorgt. Ich wohnte weiterhin bei meinen Eltern und musste mir jeden Tag anhören, wie teuer die Wiederherstellung meiner Ehre gewesen sei und dass ich alle Ausgaben natürlich zurückzahlen müsse. Jeden Tag, wenn ich von der Arbeit kam, zeigte mir meine Mutter auf dem Kalender, wie viele Monate und Tage es noch bis zum Eintreffen von Ömer dauern werde.  Ich konnte kaum noch essen, redete mit niemandem und hatte bald keine Kraft mehr, die schwere Bohnermaschine zu bedienen.  Ich ließ mir vom Arzt Schmerzmittel verschreiben und nahm noch am selben Abend zehn Pillen auf einmal.”

Krieg der Gül

Anne Schmidt

Nachtschatten

Frau Schulz kann sich erinnern, dass Gül ihr mal erzählte, dass ihr Bruder manchmal  Haschisch rauche und bekifft nach Hause komme.
“Haben deine Eltern denn gar nichts bemerkt?”
“Doch,”schluchzt Gül, “als er das erste Mal nachts zu mir ins Bett gekommen ist, war ich steif vor Schreck. Ich konnte nicht aufstehen und weglaufen. Ich war 10 Jahre alt und hatte noch keinen Ansatz von Busen; trotzdem hat er mich auch dort berührt. Er hat meine Brust geknetet und behauptet, davon würde sie schneller wachsen. Dann hat er sich auf mich gelegt und sich so lange hin- und herbewegt, bis es feucht und klebrig auf meinen Oberschenkeln wurde. Ich habe die ganze Zeit geweint vor Ekel, Angst und Scham. Aber ich habe mich nicht getraut, zu schreien.”

Gül bricht in Tränen aus. “Das Schlimmste,” schluchzt sie,” war, dass mir meine Mutter am nächsten Morgen nichts glauben wollte. Er habe geschworen, seinen Schwestern nie wieder etwas anzutun; ich hatte nie bemerkt, dass er nachts meine Schwestern, Aishe und Emine, in ihren Betten belästigt hatte, obwohl wir in einem Zimmer schliefen.
Meinen Schwestern hatte sie geglaubt und meinen Vater informiert; mir wollte sie nicht glauben.
Meinem Vater wollte ich nichts sagen, weil ich vor ihm Angst hatte. Obwohl er immer sehr lieb zu mir war, hatte ich Angst vor seinem seltsamen Lächeln, das anders war als früher. Als ich noch kleiner war, hat er mich immer auf den Schoß genommen und mir ins Ohr geflüstert, dass ich seine Lieblingstochter sei, seine Rose.”

Gül seufzt tief und schaut gedankenverloren zurück.

Frau Schulz überlegt, ob dieser liebevolle Vater seine Tochter zu sehr liebte und sie aus eigenem Schuldbewusstsein heraus nicht vor einer Zwangsheirat bewahren wollte.
Sie will Gül nicht fragen, denn die Erinnerungen scheinen Gül zu überspülen.

Schließlich kommt sie wieder in die Gegenwart zurück: “Sie können sich nicht vorstellen, wie das ist, wenn man nachts aufwacht von der zuschlagenden Wohnungstür und auf die Schritte horcht. Immer, wenn die Tür laut zufiel, wusste ich, Mehmed hat gekifft und wenn er gekifft hatte, kam er zu mir ins Bett gekrochen. Ich lag starr vor Angst unter meiner Decke und hatte die Zipfel fest in meinen Fäusten. Aber das nützte natürlich  nichts.

Ich rief leise die Namen meiner Schwestern, aber die schliefen fest oder taten so, als schliefen sie.

Mein Bruder riss mir die Decke aus den Fäusten und hielt mir den Mund zu, während er sich auf mich wälzte; er schob mein Nachthemd hoch, stopfte mir einen Zipfel in den Mund  und befingerte mich überall; irgendwann fing er an herumzuruckeln und  zu stöhnen. Ich versuchte immer, an die Schule zu denken oder an meine Freundinnen. Während seine rissigen Hände meinen Körper bearbeiteten, war ich ganz weit weg.”

Gül stockt, weitere Einzelheiten kann sie nicht aussprechen; die Scham ist zu groß. Sie weiss, dass sexueller Missbrauch in türkischen und arabischen Familien häufig vorkommt; dennnoch fühlt sie sich beschmutzt und mitschuldig. Ihr Mutter hat ihr immer wieder vorgeworfen, dass sie selber schuld sei, weil sie kein Kopftuch trage und sich westlich kleide. Ihren Schwestern machte sie diesen Vorwurf nicht, obwohl auch sie sich europäisch kleideten. Aber Aishe und Emine waren dicck und wirkten wesentlich unattraktiver als die schlanke, langbeinige Gül mit dem ebenmäßigen Gesicht.

“Immer, wenn er nachts bei mir gewesen war, war morgens mein Laken nass und meine Mutter beschimpfte mich als stinkende Hure.”

Frau Schulz kann ihre Empörung kaum zurückhalten. Wie muss eine Mutter konzipiert sein, wenn sie ihre Tochter für die Übergriffe des eigenen Sohne verantwortlich macht, obwohl sie sie hätte verhindern müssen?
Welche archaischen Vorstellungen oder Erfahrungen könnten diese Frau belasten, die ihre Kindheit in einem anatolischen Dorf verbracht hat und ohne kulturelle und sprachliche Vorbereitung in eine europäische Großstadt katapultiert wurde. Frau Schulz muss an den Film “60qm Deutschland” denken, in dem die junge Kurdin aus Ost-Anatolien sich von ihrem Mann in einer Hamburger Wohnung einsperren und wie eine Hündin behandeln lassen muss.
Güls Mutter kam nie in die Schule, weil sie kein Deutsch spricht, geht nie alleine einkaufen und kann weder lesen noch schreiben. War auch sie immer ihrem Mann ausgeliefert gewesen?

Gül, der Name der Rose

Anne Schmidt

Bekenntnis 5

Gül versinkt in Traurigkeit und Nachdenken. “Meine Mutter wollte unbedingt, dass ich von der Schule abgehe und heirate.”
Frau Schulz glaubt, nicht richtig gehört zu haben. Unvorstellbar, dass die  pummelige Frau, die in Pluderhosen und Kopftuch ihre Wohnung saugte, als Frau Schulz wegen einer Einverständniserklärung an der Tür klingelte, dass diese kleine anatolische Bäuerin ihrer großen, intelligenten Tochter die Zukunft verbauen wollte.
Frau Schulz ist entgeistert.
“Jetzt bin ich Putzfrau,” sagt Gül.
Frau Schulz hat Mühe ihre Empörung zu zügeln.
“Aber warum wollte sie, dass du heiratest?”
Gül flüstert:” Ich sollte einen Cousin aus dem Dorf meiner Mutter heiraten, dem dafür sogar Geld geboten wurde, dass er mich nimmt.” Gül fängt an zu schluchzen.
Frau Schulz hat von solchen Kuppeleien schon öfter gehört; ihre alevitischen Schülerinnen lehnten die Arrangements durch Eltern heftig ab, während die schiitischen behaupteten, Liebesheiraten seien totaler Schwachsinn, weil die sogenannte Liebe irgendwann vorbei sei und nicht mal mehr Respekt zwischen den ehemals Liebenden bestünde.
Die Eltern jedoch hätten den richtigen Weitblick und Durchblick; sie könnten in den Familien ihrer Bekannten und Verwandten besser nach dem richtigen Mann für ihre Tochter Ausschau halten. Meistens würden der Tochter ganz unauffällig und unverbindlich mehrere junge Männer vorgeführt, unter denen sie die Wahl hätte.
Aber so war es bei Gül nicht gewesen. Sie war unerwartet überrumpelt worden mit dem Befehl, unverzüglich in die Türkei zu fahren. Gül seufzt selbstvergessen. Sie habe gehofft, in der Türkei ihre Lieblingstante auf ihre Seite ziehen zu können. Ihre Schwestern und ihr Bruder zu Hause hätten sich nicht für sie eingesetzt und ihr Vater schon gar nicht.
Frau Schulz beschleicht ein böser Verdacht, als sie an die liebevolle Zuneigung dieses Klischeebildes eines stolzen Türken denkt, wie er sich bei den Elternversammlungen seiner Tochter zugeneigt hat. Sie traut sich nicht, Gül direkt nach dem Verhältnis zu ihrem Vater zu fragen, bzw. nach seinem Verhältnis zu ihr.

Gül hebt den Kopf, schaut in die Ferne und erzählt: “In der Türkei wollten mich alle, auch meine Lieblingstante davon überzeugen, dass es das Beste für mich sei, zu heiraten. Der Cousin, den ich zuletzt als Siebenjährige gesehen hatte, ist ein kleiner, unsicherer Mensch, der etwas Lauerndes in den Augen hat. Ich fand ihn sofort unsympathisch und primitiv. Ich fragte mich, warum er ausgerechnet mich heiraten wollte, obwohl er mich gar nicht kannte. Von dem Brautpreis, den er erhalten sollte, wusste ich damals noch nichts. Jeden Tag musste ich mir die Lobeshymnen anhören, die meine Großmutter auf ihn sang. Ich hatte aber erfahren, dass er nicht einmal die Dorfschule beendet hatte und den Tag damit zubrachte, den anderen beim Arbeiten zuzuschauen und im Teehaus zu sitzen. Seine Eltern hatten immer darauf gehofft, dass er eines Tages eine reiche Verwandte aus dem fernen Norden zur Frau bekommen würde, eine, die sonst keiner haben wollte, wie ich heute weiß.”
Gül fängt wieder an zu schluchzen.
Frau Schulz umfasst tröstend ihre Hände und schaut sie mitleidend an. Sie wartet, bis Gül sich gefasst hat.
“Nach einer Woche kam der Imam und vollzog das Ritual der Trauung. Er achtete nicht auf meine Tränen, die ich nicht zurückhalten konnte. Er hatte schon oft weinende Bräute gesehen; ihm war nur das Geld wichtig, das er für die Zeremonie bekam. Alle Verwandten waren von meiner Großmutter eingeladen worden und es gab ein langes Fest mit viel Raki. Meine deutsche Familie war nicht anwesend, denn sie hatte kein Geld für den Flug übrig, nachdem sie den Brautpreis und den Hochzeitsschmaus bezahlt hatte, wie ich später erfuhr.
Gül hört auf zu sprechen und Frau Schulz wagt nicht nach der Hochzeitsnacht und den weiteren Nächten im Dorf
zu fragen. Plötzlich rafft sich Gül auf: “Er wollte mich in der Hochzeitsnacht vergewaltigen und hat mich als Nutte und Hure beschimpft; ich solle mich nicht so anstellen, hat er geschrien, ich wäre doch früher nicht so zimperlich gewesen.” Jetzt bricht Gül in Tränen aus und senkt ihr Gesicht tief über den Tisch, damit die anderen Gäste im Lokal nicht aufmerksam werden. Frau Schulz lässt ihr Zeit, die Fassung wieder zu gewinnen, reicht ihr ein Taschentuch und fragt vorsichtig nach einer Pause: “War es dein Bruder?”

Gül heißt Rose (3)

Anne Schmidt

Fragen

Frau Schulz saß geschockt und völlig ratlos auf ihrem Stuhl. Wie sollte sie nach diesen Enthüllungen mit ihren Schülerinnen umgehen? Sollte sie sie alle umarmen und mit ihnen weinen?

Sie schaute auf Gül, die mit aufgerissenen Augen an ihren Haaren drehte und keinen Ton von sich gab.

War sie die Einzige, die bisher unbeschädigt geblieben war? Der Vater hatte bei Elternversammlungen bisher immer einen sehr bemühten Eindruck gemacht und sein “kleines” Mädchen zärtlich auf dem Schoß gehalten, was einen etwas absonderlichen Eindruck machte. Aber so war Gül nah an seinem Ohr und konnte ihm die Übersetzung der Lehrerinformationen zuflüstern.

Dennoch war bei Frau Schulz und ihrem Kollegen immer ein Gefühl der Befremdung zurückgelieben, wie sie sich später eingestanden.    Jetzt war Gül die Einzige, die sich nichts Belastendes von der Seele reden wollte.

Frau Schulz fragte die bedrückten Mädchen, ob sie bereit seien, mit ihr zu “Wildwasser” zu gehen, um mit professionellen Beraterinnen über das Erlebte zu reden. Jenny fand diesen Vorschlag gut und versuchte die Anderen zum  Mitgehen zu überreden. Marie klinkte sich aus mit der Begründung, dass sie keine Erinnerung an die alte Geschichte habe und mit ihrer Mutter genügend darüber geredet hätte.

Jenny akzeptierte Maries Entscheidung und wandte sich fragend an Nuren und Betty. Nuren zupfte nervös an ihrem Taschentuch und meinte, das Ganze sei eigentlich das Problem ihrer Eltern und sie wolle auf keinen Fall, dass die von ihrem “Verrat” etwas erführen.  Sie schaute unsicher zu Betty hoch, die aufgestanden war.

Betty  fing an zu stottern, wie sie es früher oft getan hatte, wenn sie unsicher war. Sie sah Jenny mit einem flehenden Gesichtsausdruck an, denn Jenny war cool und ihre Meinung war für sie maßgeblich.  Sie hatte Betty immer verteidigt, wenn einer der Jungs sie wegen ihrer plumpen Figur oder ihres Stotterns hänselte.

Jetzt nickte Jenny ihr zu und sagte: “Wir gehen nur zusammen zu der Psycho-Tante rein, keine Angst.”

Betty lächelte dankbar und versprach mitzukommen, wenn auch Nuren sich bereit erklärte; Nuren nickte.

Für alle war klar, dass Gül nicht zur Beratung mitkommen würde, denn sie hatte keine Probleme offenbart; sie war in den Augen ihrer Freundinnen das verträumte kleine Mädchen, das noch am Daumen lutschte und verschämt lächelte, wenn man es darauf ansprach.

Als Marie rief, dass die Schulstunde schon längst um sei, war klar, dass Frau Schulz bei “Wildwasser” einen Termin besorgen würde.

Glückliche Tage

Kurz vor der Klassenreise tauchte Güls Vater – nach langer Abwesenheit –  auf der Elternversammlung auf, die für die Teilnahme an der Reise wichtig war. Er hörte still den Informationen der Lehrer  und Fragen der Eltern zu und wartete zum Schluss als Letzter auf Frau Schulz. Als er sicher war, dass kein anderes Elternteil in Hörweite war, flüsterte er: “Probleme mit Gül. Gül macht manchmal Bett nachts nass. Darf sie trotzdem mitfahren?”

Auf der Klassenreise passierte nichts dergleichen. Gül war fröhlich, ging mit den anderen im Badeanzug schwimmen, machte sich abends schick für die Jungs der eigenen und der Nachbarklasse und hörte mit den anderen aus der Clique Jennys Lieblingsmusik, wenn die Nachtruhe beginnen sollte.

Alles war gut!!

Wiedersehen

Frau Schulz ist unterwegs auf der Bergmannstrasse und hat den Wochenendeinkauf gerade auf ihrem Fahrrad verstaut, als sie von einer hübschen jungen Frau angesprochen wird. Sie durchforstet ihr Gedächtnis, sieht noch einmal genau hin und freut sich: Gül steht vor ihr. Sie hatte über sie erfahren, dass sie auf ein OSZ gegangen war, das nicht weit von Kreuzberg seine SchülerInnen auf Berufe im Verkehrswesen vorbereitet.

Nun steht Gül unsicher lächelnd vor ihr und schaut auf sie herab; sie ist einige Zentimeter größer als Frau Schulz, trägt  ihre langen schwarzen Haare immer noch Schulter lang, ist kaum geschminkt und trotzdem sehr hübsch.

Frau Schulz umarmt sie impulsiv, was Gül zögernd zulässt. Sie wirkt erfreut, aber angespannt.

Frau Schulz schlägt vor, zusammen einen Kaffee in der Menagerie zu trinken, in die sie nur zu besonderen Anlässen geht. Gül zögert, was Frau Schulz auf einen schmalen Geldbeutel zurückführt. Sie wundert sich zwar, da Gül inzwischen mit ihrer Ausbildung fertig sein müsste, lädt sie aber selbstverständlich ein.

Kaum sitzen sie an einem Tisch in der hintersten Ecke, wohin gül zielstrebig gesteuert ist, als Frau Schulz nach ihrer beruflichen Karriere fragt. Gül senkt den Kopf und flüstert: ” Ich durfte meine Ausbildung nicht zu Ende machen.”  Frau Schulz wird klar, dass dieses Gespräch länger dauern wird, wenn sie die richtigen Fragen stellt und genügend Empathie zeigt.

“Wer hat Dich gehindert?”