Monika Wrzosek-Müller
Palazzo Butera, via Butera 8, Palermo
Nun sind wir in Palermo; die Stadt übertrifft sich und uns an Gegensätzen. Zwischen Schönheiten und ausgesuchten, wirklich fantastischen Kunstwerken türmen sich zwischen Ruinen Müll und Abfall. Neben Häusern und Kirchen mit wunderschönen Fassaden, sehr professionell restauriert in gepflegten, exotischen Gärten, gibt es Gegenden, wo das Vergammelt-Sein fast Programm zu sein scheint. Zum Glück schauen wir auf solch ein Viertel von oben, von unserer Dachterrasse aus, doch ab und zu müssen wir auch unten da hindurch. Einiges wird auch hier schon restauriert und bewohnbar gemacht, auch in gehobener Qualität; leider ziehen dann die Touristen in die schönsten Häuser, mit denen Airbnb und andere, vor allem ausländische Appartement-Vermittlungsfirmen ihr Geschäft machen. Straße für Straße wird gentrifiziert. Wo früher Renato Guttuso seine realistischen Monumentalwerke malte und die Künstler um sich scharte – in dem Viertel oder besser gesagt dem Markt Vucciria – sind jetzt vor allem Immobilienfirmen am Werk. Vielleicht wird auch dagegen protestiert, mit einer sehr einfachen, aber effektiven Methode, die ich auch schon in Syrakus beobachtet habe: am späten Abend wird Musik ganz laut aufgedreht, bis zwei oder drei Uhr morgens, ohne dass in der betreffenden Bar Leute wären; so kann man selbst im vierten Stock nur schwer schlafen. Das vertreibt vor allem die älteren Besucher sehr wirkungsvoll.
Doch andererseits, wie positiv sich Projekte eines breiten Mäzenatentums auf die Stadt auswirken können, zeigt die Sammlung von Francesca und Massimo Valsecchi im Palazzo Butera in Palermo. Dieses Mäzenatentum, sei es für Kunst oder für Wissenschaft, kennen wir durchaus auch aus Berlin/Potsdam, wo dank Hasso Plattner und seiner Stiftung Plattner Foundation so tolle Objekte entstanden sind wie das Museum Barberini; jetzt errichtet die Plattner-Stiftung für die Uni Potsdam einen Campus für Softwarensystemtechnik. Solche Beispiele gibt es überall in der Welt; aus Polen ist mir persönlich die Krystyna-Janda-Stiftung für Kultur mit zwei Theatern bekannt, dem Theater Polonia und dem OCH-Theater. In Italien hat inzwischen fast jedes große Modehaus eine Stiftung, ein Museum oder ähnliches: zu Max Mara zum Beispiel gehört die Collezione Maramotti, wo im Moment vor allem junge Künstlerinnen unterstützt und ihre Werke ausgestellt werden, Armani besitzt das Musem in Mailand Armani/Silos – ist vielleicht mehr ein Modemuseum und dem Hause Armani verpflichtet, aber immerhin. Auch Gucci unterhält ein Museum in Florenz, wo ältere Kreationen des Hauses gezeigt werden. Natürlich kennen wir alle die Museen von Peggy Guggenheim nicht nur in New York, sondern auch in Venedig und London, mit ausgesuchten wirklich fantastischen Kunstwerken. Das sind Beispiele, die mir sofort einfallen, wenn wir von Mäzenatentum sprechen und es gibt bestimmt unendlich viele mehr.
Jetzt aber zu der hier in Palermo gesehenen Sammlung von Kunst-, Einrichtungsgegenständen und Gemälden in dem erwähnten barocken Palazzo Butera. Schon die Lage des Palazzo ist atemberaubend, an der Promenade am Meer, aber weit genug entfernt und erhöht gelegen, ähnlich den Brühlschen Terrassen in Dresden, nur dass die Terrasse davor mit Kacheln ausgelegt ist und auf das Meer hinausgeht und dass exotische Pflanzen alles umrahmen und an beiden Enden schmiedeeisernen Pergolen stehen, wo man sich hinsetzen und Kaffee trinken kann. Die Geschichte des Palastes ist lang und verwickelt; 1692 kaufte Girolamo Branciforti, Herzog von Martini die Häuser vor Ort auf, um einen Palast am Meer zu errichten. Ungefähr 40 Jahre später befand sich der Palazzo in den Händen von Michele Branciforti, Fürst von Butera. Das war die Zeit, in der Sizilien sich unter Herrschaft des Bourbonen Karls III., König beider Sizilien befand. Der Palazzo wurde jetzt erweitert und später noch mehrfach umgebaut, bis er in unseren Zeiten als Sitz des „Marco Polo“-Instituts für Tourismus wurde. Einige Jahre stand er aber auch leer, bis ein Paar von Galeristen aus Mailand es kaufte und mit Objekten aus ihrer Sammlung ausstattete, um wie sie selbst sagen: „die nächsten Generationen zu inspirieren“. Die Besitzer waren bei unserem Besuch gerade anwesend und man konnte sich sehr gut mit ihnen unterhalten; sie leben in dem Gebäude und versuchen ihren Alltag so normal wie möglich zu organisieren und zu gestalten.
Jetzt zum Gebäude und dem ganzen Komplex: den Valsecchis gelingt nicht nur eine fantastische Modernisierung und Renovierung des Ganzen, sie spielen auch bewusst mit den zeitgenössischen Objekten und Gemälden in den alten Räumen, mit alten Gegenständen, unheimlichen Fußböden und unheimlichen Farben der Wände. Es entsteht ein neues Kunstwerk, in dem alle Elemente zusammenspielen und sich befruchten und den Betrachter wirklich inspirieren. Man gleitet durch die Räume, mit Leichtigkeit und ohne den Ermüdungseffekt gewöhnlicher Museen. Von dem Gang durch die Räume fielen mir unter vielen anderen Gegenständen sehr schöne Jugendstilvasen und Gläser aus Frankreich und atemberaubende Schrankunikate aus ganz Europa auf. Es gibt aber auch ganze Serien von wunderschönen und besonderen Stühlen, Kommoden, Tischen, Beistelltischen, Kaminen, Uhren, Tassen, Vasen usw. … Natürlich fehlen auch nicht Gemälde und Grafiken aus allen Epochen. Mir fielen vor allem die zeitgenössischen Werke der beiden Engländer Gilbert & George ins Auge, meistens aus den 80er Jahren, auf denen sie noch jung und immer very british erscheinen. Ich habe ihre Werke einmal in Berlin und Potsdam gesehen, aber solche aus wesentlich späteren Jahren. Ein Element gefällt mir besonders, ich meine die controsoffitti [Abhängedecken, Zwischendecken]. Da, wo die alten Decken stark zerstört waren, bediente man sich einer beeindruckenden Technik mit sanften Lichtquellen, die zwischen den Decken montiert wurden. Viele der Zwischendecken selbst wurden von dem englischen Künstler David Tremlett entworfen und sie spiegeln meistens die Farben der Räume und ihre geometrischen Formen wider. Sie sind selbst moderne Kunstwerke und lassen alles in einem subtilen, harmonischen Licht und Farben erscheinen. Seine großen Pastellgemälde stehen im unteren Stockwerk und haben mich besonders angesprochen. Überhaupt die Art der Restaurierung z.B. der Fußböden, aber auch der Wände ist besonders, denn teilweise sind es ganz moderne Fußböden mit geschliffenem, poliertem Beton in verschiedenen Farbtönen, neben den alten Marmorböden, so bei der riesigen Treppe, aber auch Holzböden in den oberen Stockwerken. Diese Böden erlauben auch die Einführung einer modernen Art von Fußbodenheizung bzw. -kühlung. Auch die Wände wurden mit einer modernen Technik der Lehmwände verputzt, also in mehreren Schichten, wodurch die Farben eine besonders matte und glatte Oberfläche in sehr dezenten Farben erhalten. Wenn wir dazu noch einen besonderen Garten hinzufügen, der jahrzehntealte blühende Kletterpflanzen und Palmen besitzt, kann man sich vorstellen, dass das Ganze ein besonderes Objekt ist.
Noch nie habe ich eine so gelungene Symbiose von moderner und alter Kunst in alten Räumen, die irgendwie sehr zeitgenössisch wirken, gesehen. Es gelingt hier eine Umkehrung der zeitlichen Zuordnungen, denn für mich wirken viele der alten Objekte modern und wiederum die ganz neuen Werke strahlen eine Patina von Jahrhunderten aus.
