Monika Wrzosek-Müller
Engel der Geschichte und andere Engel – und weitere Kunst in Bode-Museum
Paul Klees Engelsbilder begleiten mich schon seit langem. Es gab 2013 eine wunderbare Ausstellung dazu in der Kunsthalle Hamburg: Engel von Paul Klee. Da waren sie fast alle versammelt, kleinformatig und ungeheuer poetisch, immerhin 80 Bilder der geflügelten Wesen, die mit dem Betrachter in Dialog traten. Manchmal mit gesenkten Augen, nur mit leichtem Lächeln bescheiden etwas andeutend, was in der Luft lag, oder auf dem Herzen, aber nicht direkt und offensichtlich gezeigt werden konnte. Die meisten der Engelbilder entstanden in Klees letzten Lebensjahren, zwischen 1938 und 1940. Sie waren schon Boten, Beschützer, Begleiter und Flüsterer; man spürt die Nähe zum Tod aber auch die Verbindung zum Leben, so als ob sie mit letzter Kraft gezeichnet, gemalt worden wären; mit leichtem Pinselstrich oder gar dem Bleistift, markierten sie die Verbindung zwischen der irdischen und überirdischen Existenz.
Jetzt wurde ein eigener Raum im Bode-Museum dem Angelus Novus gewidmet, das Bild eines Engels von 1920, mit dem Paul Klee ein Kupferstichporträt des (manchmal wohl antisemitisch denkenden) Martin Luther überklebt hat. 80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg steckt die Geschichte wieder einmal voller Kapriolen, vielleicht ähnlichen, wie damals, am Anfang des Krieges. Das Bild hängt normalerweise im Israel Museum Jerusalem und wurde für die Ausstellung ausgeliehen. Walter Benjamin hatte das Engelbild 1921 gekauft, musste es aber in Berlin zurücklassen, als er 1933 nach Paris floh. Freunde brachten es ihm 1935 dorthin nach, doch die Geschichte nahm weiter ihren Lauf und Benjamin versuchte, vor den Deutschen nach Spanien zu fliehen. Das Bild wurde daraufhin in der Bibliothek National de France versteckt und Theodor W. Adorno hat es, dem Willen des Verstorbenen entsprechend, seinem Freund Gershom Scholem geschenkt. Nach dessen Tod wiederum kam das Bild in das Jerusalemer Museum. Schon diese Geschichte zeigt wirklich die verwickelten Schicksale in Europa zwischen und im Krieg.
Der Engel schaut uns mit weit aufgerissenen Augen an, ist vielleicht erstaunt, erschrocken, auf jeden Fall überrascht, wie verrückt die Welt um ihn herum spielt. Es sind für mich eher Kinderaugen; der Mensch strebt immer nach Fortschritt, auch wenn der nicht immer ein Segen für die Menschheit bedeutet; der Gottesbote wundert sich, dass die Menschen nie aus ihrer Geschichte lernen, dass keine Lehren verinnerlicht werden. In dem kleinen Raum im Bode-Museum sind wenig Objekte versammelt: Ausschnitte aus Wim Wenders Film Der Himmel über Berlin, ein Foto der Zerstörung von Dresden von 1945, Blick vom Rathausturm nach Süden von R. Peter, ein Trümmerfeld, so weit das Auge reicht. Ein großes Foto von Caravaggios Der Evangelist Matthäus mit dem Engel, das 1945 im Krieg zerstört wurde, eine Engelsskulptur von G. Bregno, Kniender Engel, bei der die Flügel und die Arme fehlen, auch ein Kupferstich von Albrecht Dürer Melencolia I. In einer Glasvitrine liegen Ausschnitte des Manuskripts von Benjamins Text Über den Begriff der Geschichte, der nach dem Hitler-Stalin Pakt und dem Ausbruch des Kriegs entstanden sein soll.
Gerade in diesem Moment, denke ich, hat jeder seine eigenen Assoziationen zu diesen Bildern, sie gehören zwar der Vergangenheit an, doch strahlen sie weit in die Zukunft; mögen sie uns eine Mahnung sein. Besonders das Foto von Dresden, das ein zerstörtes Häusermeer zeigt, erinnert mich jetzt sehr an die Bilder aus Gaza und es verdeutlicht mir, wie schnell auch jetzt der Angelus novus erschrocken sein kann und dass der Begriff „Geschichte“ nicht nur auf die Vergangenheit zu beziehen ist.
Mich haben Engelsbilder seit langem fasziniert; schon in Florenz fand ich die Bilder von Fra Angelico (beato Angelico, eigentlich Guido di Pietro) in dem Konvent von San Marco in Florenz, aber auch in San Domenico in Fiesole wunderschön. Sie sind überirdisch schön, manchmal als Fresken, mal auf Holz, mal richtig auf Leinwand gemalt. In den Klosterzellen und Kreuzgängen des Klosters San Marco hat Fra Angelico Fresken gemalt, angeblich unter Einfluss von halluzinogenen Pilzen und Kräutern, doch im Auftrag von Cosimo de Medici. Sie sollten den Brüdern als Stütze in ihrem Klosterleben dienen. Seine Darstellungen der L´Annunciazione sind über ganz Europa verstreut. Die wohl bekannteste befindet sich im Prado-Museum in Madrid. Aber viele sind auf Altären in kleineren Ortschaften in Toskana zu finden: in Cortona, Orvieto, Fiesole, Florenz etc… Es sind die Farben, die Leichtigkeit, die Harmonie; die Engel schweben wirklich und entstammen einer anderen, guten Welt, verschlossen dem Bösen, öffnen unsere Herzen, bewirken positive Gefühle. Das hat auch Papst Johannes Paul II. dazu bewogen, ihn selig zu sprechen. In der Gemäldegalerie, in Berlin befindet sich ein wunderbares Triptychon von Fra Angelico: das Jüngste Gericht, auf der linken Seite des Altarbildes tanzen die Engel im Reigen, engelsgleich, selig, schön, nicht von dieser Welt.
Warum komme ich auf diese Engel in der italienischen Renaissance zu sprechen?
Natürlich bin ich länger im Bode-Museum geblieben und habe mir die Räume mit den italienischen Skulpturen noch einmal angeschaut. Es sind ungeheuer wertvolle, schöne Stücke, die man in Italien nicht so geballt an einem Ort findet. Man müsste von einer Kirche zur anderen laufen oder etliche Galerien und Museen besuchen. Hier ist alles in zwei, drei größeren Räumen versammelt und bringt uns Freude und Entspannung. In einem von diesen Räumen wurde auch ein Meditationsraum mit Sitzkissen eingerichtet. So kann man da verweilen und sich die wertvollen Stücke lange, kontemplativ anschauen. Werke von Desiderio da Settignano oder Mino da Fiesole strahlen die ewige, in Marmor gefasste Schönheit aus, aber auch Altäre aus der Werkstatt der Familie della Robbia, sowohl von Luca als auch von Andrea, gibt es in Fülle. Es handelte sich um eine Bildhauerfamilie, die durch ihre glasierten Terrakotta-Reliefs Weltruhm errungen hat, wobei die Figuren meistens in Weiß, der Hintergrund im Blau, manchmal aber auch die Ornamente in anderen Farben gehalten wurden. Es gab auch noch ein Marmorrelief von Donatello, das eine Innigkeit der Umarmung und des Gefühls vermittelt, die man selten in marmornen Skulpturen sieht. Ich ging durch die Räume erleichtert, ermutigt, gelassen und zufrieden; ja, dachte ich, das ist es, was mir die Kunst während der Jahre da in Florenz gegeben hat, Optimismus, Freude und Zuversicht, die wir jetzt so sehr brauchen.
