Monika Wrzosek-Müller
Syrakus, Begegnung mit S. Lucia
Diesmal hatten wir ein fürs Auge sehr schönes Appartement, wirklich einmalige Stuckdecken, dezent bemalt, dazu passende Kandelaber; leider waren die Wände wie aus Pappe, so dass man jede Bewegung, jeden Lärm von draußen direkt in der Wohnung zu hörten bekam, obwohl die Fenster neu waren. Jedes Gespräch unserer Nachbarn hörten wir mit, jede Putzkolonne und das Treppensteigen, den Hund sowieso; das alles wäre eigentlich nicht das Problem, problematisch war die Bar/Bistrot unten, die die ganze Nacht, bis vier Uhr morgens geöffnet war und sehr seltsame Geschäfte machte und oft ziemlich aggressive Kunden hatte. Oder werden wir einfach immer empfindlicher, sprich älter?
Der Palazzo (das ist aber in Italien einfach ein Bürgerhaus) war sehr schön, mit einmaligem Blick auf die beiden Brücken zur Insel Ortigia oder Ortygia (die Wachtelinsel), der Altstadt von Syrakus. So konnten wir jeden Morgen beim Frühstück die Kolonnen der Touristen, wirklich aus der ganzen Welt, und der italienischen Schulklassen beobachten; die Menschenmassen strömten so ab neun, spätestens zehn Uhr in die Altstadt. Am lustigsten sahen die kleinen Kinder mit ihren bunten Mützen aus: eine Klasse orange, dann die größeren violett und die noch größeren gelb; die ganz großen trugen dann grüne Mützen. Vier Klassen vorbeiziehen zu sehen, dauert echt lange. Auch die Lehrerinnen trugen entsprechende Mützen und Trillerpfeifen mit denen sie für Ordnung sorgten. Die Kinder gingen paarweise, sehr geordnet, hörten auf ihre Erzieherinnen. Es gab aber auch Gruppen von Teenagern, die waren meistens chaotisch, laut, streitend, singend, lachend und sehr lebendig; da herrschte keine Ordnung, meistens blockierten sie einfach den Weg und beachteten die Passanten gar nicht. Diese Menschenmassen kamen auch an grauen, gar regnerischen Tagen, dann sah man bunte Regenschirme marschieren, oder tief herunter gezogene Kapuzen. Auf allen Piazzas, auch den großen, lag ein Café neben dem anderen und überall saßen und tranken die Menschen ihren Cappuccino oder Espresso, manchmal auch Trinkschokolade oder gar schon am Morgen ein Drink, auch bei schlechtem Wetter, dann saß man unter den Sonnenschirmen, die als Regenschirme dienten. Das Leben spielt sich auch in den touristischen Gegenden auf der Straße ab; man aß auch gerne etwas von den hervorragenden Dolci; kleine Küchlein, große Cornetti oder gar Tortenstücke, manchmal zu süß, doch sehr lecker, mit Pistazien (denen aus Bronte am Fuß des Ätna) obendrauf oder Schokolade, die wiederum aus Modica (sehr berühmt!), auch sizilianische Mandeln waren überall präsent, nicht zu vergessen die Orangen und Zitronen, saftig, süß, herrlich, frisch gepresst. Auf dem Markt gab es sogar für kurze Zeit Walderdbeeren aus Noto. Alle Früchte, auch Avocados waren nicht riesig, aber frisch und schmackhaft. Sogar die Skelette der angeblich im Paläoarchaikum auf Sizilien lebenden Elefanten (Kuh und Bulle) und Flusspferde waren übrigens klein, jedenfalls viel kleiner als ihre Entsprechungen in Afrika. Die Skelette haben wir im archäologischen Museum Paulo Orsi in Syrakus gesehen, zusammen mit Tausenden von Steinen, die nach Erdzeitaltern geordnet waren und mir wenig Erkenntnisse lieferten. Nur die Wandervögel (Störche, Kraniche etc…) und die Flamingos waren gleich groß und überall in den Sumpfgebieten zwischen Syrakus und Catania, auch in den Industriegebieten zu sehen.
Sonst waren die Städte reich an barocken Fassaden und die Landschaften wunderschön, in saftigem grün; man kann sie perfekt in der neuen Verfilmung von Giuseppe Tomasi di Lampedusas „Il Gattopardo“ (Der Leopard) bei Netflix sehen.
Wie sehr sind wir doch von unseren eigenen Erinnerungen, Erlebnissen, Erziehung bestimmt und von dem, was wir in der Schule gelernt haben; dass Syrakus eine antike Stadt mit vielen antiken, später auch barocken Bauten war, wusste ich, auch dass Archimedes dort gewohnt und geforscht haben soll. Doch, wie wirklich wichtig und prächtig sie damals war, hatte ich nicht einmal geahnt. Die griechische Mythologie galt doch den Griechen und ihren Städten, Athen, Sparta, Troja…
Dass Syrakus sich während der Tyrannenherrschaft von Dionyssios und seinem Sohn zur mächtigsten Stadt des Abendlandes emporgearbeitet hat, mächtiger als alle griechischen Städte, haben wir in der Schule nie erfahren, wohl aber, dass Sizilien immer wieder von verschiedenen Völkern, Mächten beherrscht war – und bettelarm. Manche antiken Autoren beziffern die Einwohnerzahl von Syrakus auf 500 000 bis 1,2 Millionen Menschen. Die Mauern der Stadt, oder das Territorium das sie umfassten, waren wirklich enorm. Gelehrte der Antike wie Damokles, Platon, Philoxenos und Theokrit sollen in Syrakus gewohnt oder sich doch wenigstens dort aufgehalten haben. Auch lange nachdem schon ganz Sizilien von Römern besetzt war und als römische Provinz zur „Kornkammer Roms“ verkam, hielt sich in Syrakus die Herrschaft der griechischen Tyrannen. Der Reichtum der meist kriegerischen Geschichte der Stadt hat mich überrascht und stimmt einen nachdenklich. Dadurch, dass die Stadt immer belebt und sozusagen in Betrieb war, sieht man jetzt in der Gegenwart nur Reste, Überbleibsel der Geschichte. Das beste Beispiel für die lebendige Geschichte bietet der Dom von Syrakus (Santa Maria del Piliero o delle Colonne), der auf dem Grundriss des griechischen Athena-Tempels errichtet wurde; die riesigen dorischen Säulen des Tempels sind immer noch die tragenden Elemente der Kirche und wir können sie sowohl im Innenraum als auch außen sehen. Dass die Kirche inzwischen über völlig barocke Fassade verfügt, versteht sich von selbst.
Die erstaunlichste Begegnung hatte ich aber mit der Santa Lucia von Syrakus, in einer kleineren Kirche. Da meine Schwester in Uppsala, Schweden, wohnt und mir jedes Jahr über das „Luciafesten“ am 13. Dezember berichtet, wusste ich ungefähr, dass das Fest etwas mit Licht zu tun hat, dass in Schweden damit in der dunklen, winterlichen Zeit ein Brauch verbunden ist, nach dem kleine Mädchen immer Kränze mit Kerzen in den Haaren tragen. Ich nahm aber stark an, dass es sich um eine Figur oder eine Heilige aus den schwedischen Mythen und Sagen handelt; der Brauch schien mir sehr alt zu sein, denn er war auch in dem alten Freilichtmuseum in Uppsala zu sehen. Doch siehe da, ich begegnete der Heiligen auf den Bildern, ihrer Reliquien in zwei Kirchen in Syrakus. Es soll eine christliche Heilige und Märtyrerin sein, die um 300 n. Ch. in der Stadt gelebt hat. Für die frühen Christen war die große Stadt Syrakus ein wichtiger Ort. Sie gruben da weit verzweigte Katakomben und lebten und versteckten sich bei Gefahr darin. Die Hl. Lucia soll ihnen heimlich immer wieder Lebensmittel gebracht haben. Da es in den Katakomben dunkel ist und sie beide Hände frei haben musste, soll sie einen Kranz aus Kerzen auf dem Kopf getragen haben. Sie wird auf einer Inschrift in den Katakomben erwähnt. Laut Legenden soll sie die Tochter eines römischen Bürgers gewesen sein und nach dessen Tod habe ihre Mutter das junge Mädchen schnell verheiraten wollen. Doch das Mädchen wehrte sich, sie hätte Christus die Jungfräulichkeit gelobt. Die Mutter willigte irgendwann ein, doch der in seinem Stolz verletzte Bräutigam soll sie zuerst verklagt und, als die Strafe ihm unzureichend erschien, mit Hilfe anderer römischen Soldaten umgebracht haben. Sie sollen ihr die Augen ausgestochen haben. Es existiert ein sehr eindringliches Gemälde von einem während der Renaissance und des Manierismus wirkenden Maler Domenico di Giacomo Beccafumi aus der Toscana, das Lucia mit ihren Augen auf einem Tablet zeigt, das Bild ist in Syrakus zu sehen. Ein anderes Bild, das Begräbnis der heiligen Lucia, wurde für die Kirche Santa Lucia alla Borgata, jetzt als Santuario di Santa Lucia al Sepolcro bekannt, von Caravaggio gemalt und kann jetzt restauriert in der Kirche bewundert werden.
Interessant ist, dass Santa Lucia in allen Kirchen, eben auch den Protestantischen, als Patronin des Lichts gesehen und gefeiert wird. In den nordischen Ländern als Vorbotin des Lichts, aber auch in Kroatien steht sie als Symbol für das neue Leben und in Bayern wird sie dafür verehrt. In der katholischen Kirche gilt sie als Patronin aller Armen, der Blinden, der bereuenden Prostituierten, der kranken Kinder, außerdem von Syrakus, aber auch von Venedig. In Venedig, wo ihre wichtigste Reliquie lange aufbewahrt wurde, gilt sie als Patronin der Anwälte, Elektriker, Glaser, Kutscher, Messerschmiede, Näherinnen, Sattler, Schneider und Weber, also aller möglichen Handwerkerberufe.
Für mich war diese Begegnung auf den Bildern in den Kirchen und Erzählungen eine Offenbarung, da ich die Hl. Lucia eben mit ganz anderen Breitengraden assoziiert hatte. Die vielen Skandinavier*innen, die wir in Syrakus getroffen haben, wussten ebenso wenig wie ich darüber.
