Frauenblick auf Hunde

Monika Wrzosek-Müller

Hundeliebhaber: innen

Wie viel Mensch braucht ein Hund? Die Frage könnte man umkehren: Wie viel Hund braucht ein Mensch? Die erste Frage stellt Maike Maja Nowak in ihrem Buch, das von Begegnungen mit Hunden und ihren Menschen erzählt und sie schreibt: „Ich danke allen Hunden, die ich während meiner Arbeit kennenlernen durfte, obwohl ich ihnen nichts beibringen musste, weil sie ja selbst am besten wissen, wie es ist, ein Hund zu sein. Dafür konnte ich lernen, wie man ihnen stets dort begegnen kann, wo ihre Natur noch gesund ist – selbst dann, wenn diese vom Menschen völlig zerstört scheint. So gewann ich das Vertrauen darauf, dass in jedem Wesen etwas zu finden ist, das heil geblieben ist, wenn man nur seiner Natur folgt.“ Die zweite stelle ich mir immer wieder in unserem Park, wenn ich die Hundebesitzer beobachte, und ich würde sagen: das Problem sind eher wir, die menschlichen Wesen, und nicht die Hunde.

Wir zogen 2016 in unsere jetzige Wohnung ein; damals waren wir mit unserem kleinen Dackel die einzigen Hundebesitzer. Mit den Jahren kamen allein in unserem Treppenhaus sieben Hunde dazu. Von klein bis groß, von reinrassig bis gemischt, von ganz weiß bis gecheckt, alles ist dabei. Ich würde sagen, die Pandemie hat dabei kräftig mitgeholfen, jeder wollte seinen eignen Begleiter haben.

„Alle sprechen mit ihren Tieren. Hunde werden mit „braver Junge“ gelobt, Kühe geschlechtergerecht mit „vorwärts Mädels“ angetrieben und der Künstler Marcel Broodthaers interviewte bekanntlich eine Katze zu der Frage, was ein gutes Gemälde ausmacht. In diesem facettenreichen Netz von Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Tier sind die Tiere zu unentbehrlichen Begleitern und Vertrauten geworden, die insbesondere in Krisenzeiten, bei Einsamkeit und Konflikten unvoreingenommene und verlässliche emotionale Stützen sind. Inzwischen scheinen sie fast eine Art unfreiwillige Therapeut:innen geworden zu sein, die uns geduldig zuhören, wenn wir ihnen unsere Geheimnisse offenbaren und von wichtigen Ereignissen erzählen.“ Der Text Telling the Bees stammt aus der Beilage zu der Fotoausstellung bei C/O Berlin, in der Fotografien von Aladin Borioli der uralten Bienenstöcke, sog. Bannkörbe gezeigt werden. Natürlich sind Bienen in vielen Kulturen noch stärker spirituell besetzt, aber Hunde, unsere täglichen Begleiter agieren da vielleicht doch viel näher und direkter mit uns.


Mit unserem alten Dackel (14 Jahre) kann man inzwischen wirklich reden und wir haben nie versucht, ihn zu trainieren oder zu dressieren. Ich beobachte in unserem Hauspark, in dem eigentlich jede zweite Person einen Hund an der Leine führt, die unterschiedlichsten Arten der Hund-Mensch-, Mensch-Hund-Annäherung oder Beziehung; von strikter Dressur mit Befehlston bis zum laissez-faire-Verhalten. Was mich aber vielfach geärgert und gewundert hat, sind die wiederkehrenden Belehrungen durch Leute aller möglicher Altersgruppen, wie ich denn mit unseren Hund umzugehen hätte. Erstaunlich viele Leute glauben besser als wir zu wissen, was unserem Hund guttut. Es kommen Empfehlungen in der Art, ich müsste den Hund tragen, denn er hätte viel kürzere Beine als ich. Am absurdesten fand ich eine Situation, in der eine Frau mich fachmännisch darauf aufmerksam machte, dass „der Hund die Witterung verloren hat“, während mein alter Dackel einfach etwas verträumt und langsam seinen gewohnten Weg, ungefähr 50 m hinter mir, lief. Abgesehen davon, dass ich oft nur für den Hund einen Spaziergang mache – wie kommt jemand ganz fremder darauf, dass er es besser als der tatsächliche Hundebesitzer wisse, was der Hund so braucht. Natürlich nehme ich einen gut gemeinten Ratschlag von anderen Hundebesitzern oder vom Tierarzt an. Wir haben länger in Italien, Polen, Tschechien und der Türkei gelebt und nie Belehrungen dieser Art über uns ergehen lassen müssen. Dabei ist unser Hund wirklich alt und es geht ihm gut und man würde meinen, dass das natürlich unser Anliegen ist und wir um sein Wohl bemüht sind. Inzwischen ärgert mich diese aufgesetzte Besserwisserei, denn die erlebe ich in vielen Bereichen des täglichen Lebens – zusammen mit der strikten Forderung nach mehr Freiheit und mehr Demokratie – oft als kategorischen Imperativ, und das lässt sich nicht erzwingen.


Sonst sieht man im Park viele harmonische, positive Paare, bei denen sowohl das Tier als auch der Mensch auf seine Kosten kommen, und nach meiner Beobachtung wird die Beziehung immer enger und intensiver. Viele Menschen besitzen Hunde stellvertretend für eine feste menschliche Beziehung.

Interessanterweise kann man beobachten, dass in einigen Ländern die Neigung mehr zum Hund geht, in anderen zur Katze. So war in meiner Wahrnehmung Großbritannien immer ein Katzenland, während Deutschland eher zu den Hunden neigte, siehe nicht zuletzt die berüchtigten Schäferhunde in der Nazizeit. Neulich habe ich entdeckt, dass die Türken, die Türkei total in Katzen verliebt zu sein scheinen. Natürlich gab es im ganzen Süden immer mehr Katzen, weil sie da draußen überleben können. Doch das typische Gassi-Gehen kenne ich wirklich nur aus Deutschland und noch während meiner Jugend in Polen ließ man die Hunde einfach nach draußen freilaufen, ohne Leine, ohne Begleitung, doch das hat sich heutzutage total geändert.

Trotzdem haben wir sowohl auf Polnisch als auch auf Deutsch mit vielen negativen Redewendungen und Sprichwörtern zu tun, in dem das Wort Hund vorkommt: „Auf den Hund gekommen“, „Hundeleben“, „vor die Hunde gehen“, „wecke keine schlafenden Hunde“, „da liegt der Hund begraben“ (nicht immer negativ aber oft doch in der Bedeutung: das ist die Ursache, der Grund für diese (unangenehme) Sache). Auch „bekannt wie ein bunter Hund“, „Schlafende Hunde soll man nicht wecken“ usw. Interessant ist auch der umgangssprachliche Gebrauch von eindeutig negativ besetzten Beschreibungen: „falscher, feiger, frecher Hund“ oder „Hundewetter“, „hundemüde“, „hundeelend“. Das alles ist umso erstaunlicher, als der Hund eigentlich als das anpassungsfähigste Tier gilt und den Menschen oft hilft (denken wir hier an die Rettungshunde, Suchhunde, Blindenhunde), irgendwie aber verbindet man historisch eher negative Eigenschaften mit dem Hund. Zum Schluss kommt noch der Ausdruck „Hundstage“ für die heißen Tage im Sommer zwischen 23. Juli und 23. August, doch diese Bezeichnung hat mit unserem gemeinen Hund dann doch nichts zu tun, sie bezieht sich auf die Konstellation der Sterne am Himmel.

One thought on “Frauenblick auf Hunde

  1. “Jacques fragte seinen Herrn, ob ihm nicht aufgefallen sei, daß, wie groß das Elend der kleinen Leute auch sein möge und obwohl ihnen an Brot mangele, sie doch samt und sonders Hunde hätten; ob ihm nicht aufgefallen sei, daß diese Hunde, die sämtlich abgerichtet worden seien, Kunststücke zu machen, auf zwei Pfoten zu gehen, zu tanzen, zu apportieren, für den König, für die Königin über einen Stock zu springen, sich tot zu stellen, durch solcherlei Erziehung zu den unglücklichsten Tieren der Welt geworden seien. Woraus er folgerte, daß jeder Mensch einen anderen befahlen wolle; und daß, da das Tier in der Gesellschaft unmittelbar nach der letzten Klasse der letzten, von allen übrigen Klassen kommandierten Bürger komme, diese sich ein Tier hielten, um ihrerseits über jemanden befehlen zu können. “Na schön”, sagte Jaques, “jeder hat seinen Hund. Der Minister ist der Hund des Königs, der oberste Staatssekräter ist der Hund des Ministers, die Frau ist der Hund des Ehemanns, oder der Ehemann ist der Hund der Frau; Favori der Hund dieser letzteren und Thibaud der hund des Eckenstehers[…] Schwache Menschen sind die Hunde entschlossener Menschen…”

    Denis Diderot, Jacques der Fatalist und sein Herr, S. 203 ff., geschrieben zwischen 1765 und 1784, schon da hat man sich mit dem Hund und seiner Bedeutung für Menschen beschäftigt. Der freie Wille und die Zwänge waren immer da…

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