Biste bescheuert…

Michael G. Müller

Biste bescheuert…“ – ein ganz normaler Tag in Berlin

Ich stehe (für meine Verhältnisse) früh auf, weil ich vor zehn Uhr nach Pankow kommen muss – zu einem wissenschaftlichen workshop. Gut, ich stehe also in unserer Charlottenburger Wohnung rechtzeitig auf, esse ein schnelles Frühstück, schaue dabei auf den netten kleinen Park vor unserem Wohnkomplex und mache mich dann auf den Weg zur S-Bahn. Ich begegne gleich um die Ecke einer älteren Frau – habe sie schon öfter gesehen – mit langen grauen Haaren, etwas gehbehindert, eigentlich freundlich; diesmal wird sie von einer jungen Betreuungskraft (?) begleitet. Heute hat die Frau riesig lange rote Krallen auf ihre Finger gesetzt und sie beschwert sich laut. Die Betreuerin redet „vernünftig“ mit ihr; es geht um irgendeine Beschwerde, wegen derer die Frau unbedingt die Verbraucherzentrale anrufen will. Die Betreuerin bugsiert sie freundlich in die S-Bahn…

An der Station Schönhauser Allee steige ich aus. Hier ist es auch nach 9 Uhr morgens belebt – und so schmutzig wie immer. Einen Cappuccino to go bekomme ich schnell, von zwei sehr freundlichen Pakistanis (Tamilen?) in einem Kettenladen. Draußen auf der Schönhauser ist es schon weniger freundlich: verbiesterte Leute, die auf die Tram 1 warten – oder auch auf gar nichts. Mit der Tram komme ich via Pankow Zentrum (S-Bahn Pankow, Pankow Kirche, Rathaus Pankow) in 15 Minuten in eine andere Welt: die friedliche, ziemlich stille Wohngegend um den Majakowski-Ring. Dahin will ich ja auch, zu einem dort gelegenen Forschungsinstitut.

Folgt ein intensiver Arbeitstag – Vorträge, Diskussionen, nette Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen aus Polen und Deutschland. Nur die Lunchpause wird schwierig. Von den verschiedenen Lokalen in der Umgebung, die ich von früher kannte, ist nur eine Eckkneipe übriggeblieben, jetzt von Vietnamesen betrieben – eher unlustig. Das immerhin essbare Mittagsmenü wird schnell serviert, noch schneller geht das mürrische Abkassieren. Man fühlt sich hier eigentlich nicht wie in Berlin, eher wie in Eberswalde oder Prenzlau.

Trotzdem beenden wir unseren Arbeitstag in Pankow zufrieden. Nach einem schnellen Glas Wein um 19 Uhr machen wir uns wieder auf den Heimweg. Die Tram fährt jetzt seltener, aber ich habe Glück und bin bald wieder an der Schönhauser. Dort ist jetzt quirlig: Die Straßen voll – mit Leuten, die, wie ich, auf dem Heimweg sind, aber auch mit solchen, die sich irgendwie amüsieren wollen (noch `ne Currywurst mit Pommes vor dem Kino, noch ein schnelles Bier, im Stehen oder im Sitzen), offenbar auch Touristen, die gehört haben, dass am Prenzlauer Berg „die Post abgeht“ (nur wo und wie eigentlich?)

Ich muss mich durch Menschenmengen drängeln, um auf den Bahnsteig der Ringbahn zu kommen. In der S-Bahn Richtung Westkreuz wird es dann ruhiger. Wenige deutsch aussehende Fahrgäste, alle, deutsch oder nicht-deutsch, vereint aber darin, dass sie auf die Bildschirme ihrer Smartphones starren. Einer hält sich grimmig an seiner Bierflasche fest und murmelt gelegentlich etwas Drohendes. Aber es gibt auch eine Gruppe junger Türken, die sich lebhaft unterhalten und mir freundlichen zulächeln – İyi akşamlar (obwohl sie wahrscheinlich noch besser deutsch sprechen als ich). Die Station Westend, an der ich aussteige, ist schon um diese Zeit wenig belebt. Auf der leeren Treppe von der Straße zum Bahnsteig kommt leicht schwankend ein vielleicht vierzigjähriger Mann herunter und schreit in Richtung des Fahrkartenautomaten: „Biste bescheuert oder was, ej?!“ Ich bin wohl nicht gemeint, da er mich gar nicht sehen kann. Aber warum der Automat…?

Von der S-Bahn gehe ich auf dem Spandauer Damm in Richtung meiner Wohnung. Vorbei an dem viel besuchten türkischen Imbiss – Döner, Lahmacun, Fritten – und dem immer, auch jetzt, leeren Lokal „Chinapfanne“. Um die Ecke die Bushaltestelle. Wenn gerade ein Bus käme, könnte ich für die letzten 500 m nach Hause einsteigen. Aber es ist kein Bus in Sicht und an der Haltestelle hat gerade ein lebhaft auf Arabisch in sein Smartphone sprechender Mensch große Tüten platziert, aus denen Körner (??) herausrieseln. Also lieber zu Fuß weiter. Ich begegne noch den Heimkehrern von einem Elternabend im spanischen Kindergarten „Girasoles“ und, wie jeden Abend, einigen Russisch sprechenden Leuten, von denen ich nie weiß, ob sie Russen oder Ukrainer sind.

Dann bin ich wieder zu Hause, setze mich in den bequemen Sessel, rede mit meiner Frau, streichele den Hund, nach einem ganz normalen Tag in Berlin. Hätte ich heute meine Wohnung gar nicht verlassen, stattdessen nur auf den Garten geschaut, meinen Kaffee getrunken, meinen Spaziergang im Schlosspark gemacht und mich in meinen Gedanken über die Nachbarn geärgert, die ebenso wohlstandsverwöhnt sind wie wir, dann hätte ich das wohl auch einen ganz normalen Tag in Berlin nennen können.

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