Monika Wrzosek-Müller
Leider haben meine Corona-Erkrankung und der Service von Lufthansa, bei dem buchstäblich nichts gestimmt und funktioniert hat und ich deswegen drei Tage ohne meinen Koffer in Turin saß, die Erlebnisse in Turin etwas verblassen lassen. Ich höre jetzt von den Ärzten rundherum, das Fliegen sei am schlimmsten; da schnappten die meisten das Virus auf. Während der Pandemie hieß es doch immer, das Flugzeug sei das sicherste Verkehrsmittel, weil da Filter und Düsen alles einsaugen würden… egal, exakt auf dem Rückflug (zum Glück) habe ich die Krankheit bekommen.
Doch der Aufenthalt, das Wiedersehen mit meinen Freunden und die Stadt haben mir sehr viel Freude bereitet. Turin ist eine sehr bürgerliche Stadt, obwohl sie auch mit vielen Palästen und Schlössern rundherum aufwarten kann. Die Herzöge und späteren Könige von Savoyen waren mächtig und reich und das zeigten sie auch gerne. Sie maßen sich bei ihrer Prunkentfaltung an keinem Geringerem als dem französischen Sonnenkönig. Davon zeugen zahlreiche Prachtbauten: Paläste und Schlösser auch rundherum um die Stadt: der Palazzo Reale, Reggia die Venaria mit dem kleineren Jagdschloss La Mandria. Für ihre großen Feste in dem riesigen Palast von Venaria bestellten sie sogar eine goldene Gondel in Venedig und ließen sie dann nach der Fertigstellung den Po hinauf nach Turin schleppen, was auf prächtigen Stichen verewigt und dokumentiert wurde. Im Süden thronten dann das prachtvolle Schloss Stupinigi, die Villa della Regina, das Castello del Valentino und das Castello di Rivoli, in dem heute ein beeindruckendes Museum für zeitgenössische Kunst untergebracht ist. Natürlich sind die Paläste mit riesigen, wunderschön angelegten Parkanlagen mit fantastischen Wasserläufen und Forsten umgeben. Dazu kommen kleinere Stadtpaläste, wie das von Accorsi-Ometto, der Palazzo Madama oder der Palazzo Carignano, der Amtssitz des Grafen Cavour direkt in der Stadtmitte; viele der Pachtbauten werden als Museen genutzt.
Turin wurde 1563 Residenzstadt der Savoyer, dorthin verlegt von Chambéry auf die andere Seite der Alpen; es folgte eine wechselvolle Geschichte der Auseinandersetzungen mit den Franzosen, aber auch mit den Habsburgern. Den Einfluss der französischen Kultur spürt man deutlich in der Stadt; die Generation meiner Freunde lernte Französisch noch sehr gründlich in der Schule. Das Dolce vita folgt hier viel restriktiveren und geordneten Regeln, auch wenn im Moment z.B. die öffentlichen Verkehrsmittel ähnlich schlecht wie in Berlin funktionieren; das Wort Ersatzbusverkehr kann man immer wieder verwenden. Die Savoyer unterhielten, nach der Militärmacht Preußen, die Armee mit den meisten Soldaten pro Einwohner in Europa. Sie hatten auch immer wieder zu kämpfen, vor allem mit den Franzosen; nach der Schlacht von Marengo im Juni 1800 annektierte Napoleon ganz Piemont. Erst die Bewegung des Risorgimento (Wiedererhebung) unter der Führung Camillo Benso Graf di Cavour brachte Piemont die Unabhängigkeit und führte später zur Gründung des italienischen Nationalstaats. Für kurze Zeit wurde Turin auch italienische Hauptstadt. Schon 1899 gründete Giovanni Agnelli die Automobilfabrik Turin: Fabbrica Italiana Automobili Torino (FIAT); es folgte noch die Autofabrik von Lancia und Turin wurde zu einer Industriestadt, die Tausende von Arbeitsmigranten aus dem Süden Italiens anzog. Damals wuchs auch die Einwohnerzahl der Stadt so schnell, dass sie zur viertgrößten Stadt Italiens wurde.
Und doch ist Turin eine sehr bürgerliche Stadt, in der Bourgeoise die Macht hatte, man spürt sehr deutlich diesen Reichtum der ersten Fabrikanten, der zukünftigen großbürgerlichen Kunstsammler, der Entdecker-Archäologen (die hier das erste Ägyptische Museum Europas gründeten), der Künstler, der Intellektuellen. In zahlreichen wunderschönen Cafés und Restaurants trafen sich alle, auch der Kreis um den Grafen Cavour, um ihn scharten sich die Vordenker des zukünftigen Italien. In ganz Italien, tief im Süden wie oben im Norden, gibt es in jeder Stadt eine Via Cavour, und doch wäre für mich Turin die vielleicht am wenigsten italienische Stadt. Sie lebt anders, hat einen anderen Puls; die Leute eilen, haben keine Zeit, achten weniger auf ihre Nachbarn, man lebt isolierter. Dennoch leben hier meine ältesten italienischen Freunde und dennoch entstanden eben hier die Ideen des Risorgimento, das so wichtig für Italien als Staat war.
Die Stadt wurde schon von den Römern nach einem Schachbrettmuster angelegt und das verfolgte man auch in späteren Zeiten, dadurch findet man sich relativ leicht zurecht. Es gibt prachtvolle Alleen mit riesigen alten Platanen, mit Straßenbahnen, auch den ganz alten mit hölzernen runden Einzelsitzen, die immer noch fahren und ihren Dienst auf beiden Seiten der Straßen tun, obwohl sie wie aus einer gänzlich vergangenen Zeiten aussehen. Für mich sind die Straßenbahnen das beste öffentliche Verkehrsmittel, sie befördern viele Menschen auf einmal, sind elektrisch und oberirdisch, so dass man viel sehen kann, darüber hinaus gehören die alten Straßenbahnen einfach zum Stadtbild. Es gibt auch eine Ubahn-Linie, die fahrerlos im Drei-Minuten-Takt fährt, und ganz viele Buslinien. Typisch für Turin sind die kilometerlangen Arkaden und Kolonnaden unter denen man regengeschützt während des schlechten Wetters und schattig im Sommer überall im Zentrum unterwegs sein kann. Sie sind prachtvoll angelegt, auf beiden Seiten der Straßen; man schreitet über schöne polierte Marmorplatten an bunten Läden vorbei, darunter auch den ganz teuren, hauptsächlich italienischen Modemarken wie: Gucci, Prada, Emporio Armani, Max Mara, Mariella, Max & Company, aber auch Dior, Chanel etc… doch auch junge Designer finden hier Platz und Absatz. Die Zahl der kleinen Läden ist schier unendlich; ich hatte leider zu wenig Zeit, um sie mir alle genauer anzusehen und auch etwas zu kaufen. Immer wieder stößt man dazwischen auf schöne Cafés, Bars, wo wirkliche Köstlichkeiten auf einen warten. Berühmt ist die nachmittägliche Aperitif-Stunde mit einer großen Auswahl von kleinen Häppchen, die einem für ein Abendbrot ausreichen könnten. Nicht vergessen darf man, dass die Herstellung von Wermuth (die bekannteste Marke Martini, Cinzano, Carpano etc…) auch aus Turin stammt, wo viele Destillerien ihre eigenen Marken produzieren und manche von diesen weinhaltigen Kräutergetränken hervorragend schmecken. Als Erfinder dieses Getränks gilt Alessio Piemontese, schon im frühen 16. Jh., aber nachgewiesen und bis heute vorhanden ist die Marke von Antonio Carpano aus Turin. Inzwischen ist alles genau geregelt – wieviel Prozent Wein, welchen Alkoholgehalt, welche Kräuter das Getränk enthalten darf. Wermuth wird durchaus als Aperitif getrunken, wobei man sagt, dass die französischen Wermuths eher trocken seien und die italienischen eher lieblich. Diese Aperitifstunde kenne ich allerdings auch sehr gut aus Mailand und aus Apulien, doch eine bestimmte Sitte, wenn es um ein Getränk geht, findet man nur in Turin – Bicerin. Es besteht aus Kaffee, Schokolade und geschäumter Milch, alles in Schichten aufgefüllt, ohne die Zutaten zu mischen wird es heiß getrunken. Serviert wird es seit 1763, dem Jahr der Gründung des winzigen, holzgetäfelten und wunderschönen Cafés al Bicerin, wo auch einst in der Ecke Graf Cavour gesessen haben soll. Gerade als wir, meine Freunde und ich, aus dem Café auf die sehr schöne Piazza della Consolata herauskamen, stießen wir auf eine sehr hübsche, lebendige und lachende junge Frau, die meine Freunde herzlich begrüßte; es stellt sich heraus, dass es sich um die Tochter ihrer Freunde handelt, mit denen wir vor 29 Jahren zusammen in den Alpen, im Gran Paradiso gewandert sind. Diese junge Person sagt zu mir, sie erinnere sich an ein ganz blondes Kind, denn es existiere ein Foto, wo sie zu viert abgebildet seien: die beiden Töchter meiner Freunde, sie selbst und mein Sohn Filip. Wir kehrten natürlich zurück in das Café, um zusammen einen Kaffee zu trinken. Am Abend, schon im Hotel, bekam ich das Foto auf mein Handy zugeschickt. Zu Hause in Berlin erzählte ich Filip davon und er wusste auch sofort, um welches Foto es sich handelt, und zeigte es mir in unserem Fotoalbum.
Aber auch die berühmten Chocolatiers mit ihrer Giandujaproduktion; il cioccolato hat in Turin eignen Platz in der Geschichte der Stadt. Die Schokolade wurde angeblich schon 1560 beim Umzug der Hauptstadt des Hauses Savoyen nach Turin den Menschen als heiße Trinkschokolade serviert. Die Schokopralinen mit Nüssen, Gianduja genannt, haben wiederum ihre eigene Geschichte und schmecken hervorragend. Nach der Schlacht von Marengo annektiert Frankreich ganz Piemont, Napoleon verhängte um 1806 Kontinentalsperre, die auch die Region betrifft; das führt unter anderem dazu, dass die Kakaobohnen sehr knapp und teuer werden. Die erfinderischen Turiner greifen zu einem Trick und verlängern sozusagen die Schokoladenmasse mit der Haselnusscreme oder -paste; allerdings achtet man darauf, dass nicht zu viel Nusscreme verwendet wird. Es dürfen der Schokolade bis zu 30 Prozent der Paste hinzugefügt werden. Der Name Gianduja stammt wiederum von einer Figur des Karnevals in Piemont, Gioan d´la douja, zusammengezogen zu Gianduja: ein trinkfester, vor allem weinbegeisterter Bourgeois in brauner Kleidung, auf dem Kopf einen Dreispitz. Die echten Turiner haben ihre ausgewählten Schokoladehersteller, genauso wie sie ihren eigenen Bäcker für ihr tägliches Brot haben und ihren Metzger für ihr Fleisch – Artikel, die sie oft zu Apothekerpreisen in einem ganz bestimmten und eben nur diesem einen Laden einkaufen. Gemüse, Obst und andere Produkte wie Käse kauft man frisch von den Bauern auf den zahlreichen Märkten; die Käseauswahl ist genauso riesig wie in Frankreich und umfasst auch oft die bekannten französischen Sorten, nur dass sie in Turin dann … di Piemonte heißen, wie der berühmte Tomme de Savoie, der hier Tomme di Piemonte genannt wird.
Es scheint, dass fast alles in Turin mit einer langen Tradition verbunden ist, und man genießt das offenbar. Doch fielen mir auch viele Gebäude auf, die auf der einen Seite eine traditionelle Fassade haben, auf der anderen aber entweder ganz modern, elegant und architektonisch sehr anspruchsvoll gestaltet sind oder aber eigentlich wesentlich jünger und in anderem Stil erbaut wurden. So als ob alles zwei Seiten hätte; nur beim Essen dominiert eher die kulinarische Union zwischen Italien und Frankreich und das bringt eine sehr schmackhafte und raffinierte Küche hervor.
