Blutbrüder (9)

Anne Schmidt

15. Jahnke und Tuncay

 Jahnke und Tuncay überlegen, wie sie Kai aus seiner Lethargie holen können. Kai soll einer der wichtigsten Belastungszeugen gegen den pädophilen Lehrer Krause sein, der nach einem Jahr Therapie wieder rückfällig geworden ist.

Einer seiner Schüler hat ihn angezeigt, aber Krause bestreitet natürlich alles.

Um die Folgen seines Missbrauchs und die Perfidie seiner Vorgehensweise deutlich zu machen, hat die Staatsanwaltschaft um die Aussage früherer Pflegekinder vor Gericht gebeten. Bei ihrer Recherche sind sie auf Kais Namen gestoßen, dessen Kölner Verbrechen in den juristischen Kreisen Berlins nicht bekannt war, bzw. nicht in Zusammenhang gebracht wurde mit dem früheren Prozess gegen Krause.

Jahnke und Tuncay wissen, dass das Kölner Urteil gegen Kai durch diesen Prozess zwar nicht revidiert werden kann, aber sie hoffen, dass die Aufdeckung der Ursachen für Kais Tat, ihm sein menschliches Gesicht wiedergeben wird. Sie hoffen, dass er von den Medien vom blutrünstigen Monster zum Opfer transformiert werden wird.

Jahnke ist sicher, dass Tuncay Kai zu einer Aussage überreden kann. Er beantragt eine Besuchserlaubnis für Tuncay und verabredet sich für den nächsten Tag mit ihm in Moabit.

Als die beiden Männer die Unterwelt des Archivs verlassen, empfängt sie draussen warmer Sonnenschein.

Die Luft ist schwanger von Frühling.

16. Kais Helden

Kai verdämmert den Tag in seiner Zelle. Ab und zu schaut er in das Taschenbuch von Ringelnatz, das Jahnke ihm mitgebracht hat. Bisher hat er nur die Gedichte gelesen, die in der Schule zur Pflichtlektüre gehörten. Am besten hat ihm die Ballade vom Ritter gefallen, der den Handschuh einer Hofdame aus einem Raubtierzwinger holt, ihn der hochnäsigen Dame hinwirft und stolz zu der empathiefreien Frau, die ihren Körper als Preis angeboten hat, sagt: “Den Dank, Dame, begehr ich nicht.”

Diese Haltung findet Kai stark und bewundernswert.  Er hat sich oft das Szenario vorgestellt, die Manege, in die die Tiger und Leoparden hineinschleichen, wie der Löwe drohend seinen Rachen öffnet und brüllt, um den Wildkatzen zu zeigen, wer das Sagen hat. Kai wäre gern so mutig wie dieser Ritter, der um seiner Ehre willen sein Leben aufs Spiel setzt.

Ringelnatz hat für Kai eine andere Bedeutung. Die meisten Gedichte von ihm  heitern ihn auf; sie handeln von Liebe, kleinen und großen Tragödien im Alltagsleben und skurrilen Figuren. Trotz aller Armut, allen Unglücks funkelt immer ein bisschen Humor durch, ein Schalk, der das ganze Elend erträglich macht.

Um sein Gehirn zu trainieren, versucht Kai die  Gedichte, die er besonders mag, auswendig zu lernen.

17. Besuch von Herrn Tuncay

Herr Tuncay sitzt allein mit Kai im Besucherzimmer. Er legt Kai eine Hand auf den Arm und versucht ihm in die Augen zu schauen. Kai rückt von ihm ab und fixiert einen Punkt auf dem Tisch.

“Kai, was Du getan hast, ist eine Folge von dem Missbrauch durch Deinen Lehrer. Er hat Dich kaputt gemacht und er macht weiterhin Jungs kaputt, wenn keiner gegen ihn aussagt; willst Du das? Du hast damals im Prozess geschwiegen, aber jetzt musst Du aussagen gegen ihn. Der Kerl muss aus dem Verkehr gezogen werden und zwar endgültig. Du bist nicht mehr abhängig von ihm und Du bist ihm zu nichts verpflichtet. Du bist durch ihn ins Unglück gestürzt worden und hast nicht nur Deine Ehre verloren, sondern auch jegliches Selbstwertgefühl. Durch Deine Aussage könntest Du Dein Image aufbessern, denn bisher denken die Menschen, Du hättest aus reiner Mordlust jemanden getötet, aber vor dem Hintergrund Deines Missbrauchs werden die Leute Deine Tat besser verstehen. Denk an die armen Jungs, die er nach Dir von sich abhängig gemacht hat und die er auch in Zukunft mit Versprechungen und großzügigen Angeboten in seine Wohnung oder sogar in seine Pflegschaft locken wird, wenn er nicht gestoppt wird.”

Kai, der seit einem Jahr nicht mehr in zusammenhängenden Sätzen geredet hat, seufzt laut und schaut Tuncay endlich an. Der spürt, dass er Kais Apathie durchbrochen hat und bietet ihm an, mit ihm in einer Art Rollenspiel die wahrscheinlichen Fragen vor Gericht vorwegzunehmen und die Antworten darauf einzuüben.

Kais Gesicht hellt sich auf. In seinem Kopf formt sich das Bild vom Ritter, der furchtlos die Arena mit den wilden Tieren betritt. Ja, er will der tapfere Ritter sein, der dem bösartigen Ungeheuer Krause die Stirn bietet und dem Richter alle Fragen beantwortet. Er wird seine Scham und seine Angst überwinden und durch seine Aussage das Schwein, das das Leben vieler Jungen zerstört hat, zur Strecke bringen.

Kai schaut Tuncay entschlossen in die Augen: “Ich werde alles sagen.”

18. Der Prozess

In den zwei Verhandlungstagen, die für den Prozess angesetzt sind, wird viel schmutzige Wäsche gewaschen.

Der Schüler, der Krause angezeigt hat, wirkt im Zeugenstand genauso verwirrt und verschüchtert wie Arne damals, aber er hält im Kreuzverhör stand. Das Gericht hat sich vorbehalten, noch weitere Zeugenaufzurufen, beschränkt sich auf Kai als Nebenkläger.

Als Kai in den Saal kommt, trägt er Handfesseln, denn er ist, wie alle Welt weiss, ein gefährlicher Mörder. Genau das soll Krause visuell wahrnehmen nach Meinung des Richters; deshalb beginnt er seine Befragung mit der Bluttat in Köln.

Krause soll vor Augen geführt werden, welche Konsequenzen seine Vergewaltigung eines jungen Lebens haben kann und tatsächlich gehabt hat. Er soll ausführlich damit konfrontiert werden, dass eines seiner Opfer zum Mörder wurde.

Kai antwortet laut und  klar auf die Fragen des Richters. Er sieht während der gesamten Vernehmung Krause nicht an, nicht aus Angst sondern aus Abscheu. Da Krause vor zwei Jahren nur wegen des Missbrauchs von Arne verurteilt wurde, aber nicht für den an Kai, bezieht sich das Urteil auf einen Fall, der zwar alt ist, aber noch nicht abgeurteilt wurde und ist dementsprechend hart.

Krause wird zu 12 Jahren Gefängnis und einer mehrjährigen Therapie verurteilt.

Kai empfindet keine Freude über dieses Urteil, aber eine gewisse Genugtuung und Erleichterung. Er hat noch die Chance, sich von seinen früheren Mitschülern und von Tuncay und Jahnke zu verabschieden, bevor er in den Gefangenentransporter steigen muss.

Seine Mutter ist zum Prozess nicht erschienen, obwohl sie benachrichtigt wurde. Wahrscheinlich wäre es für ihr armes kleines Herz zu belastend gewesen, ihrem Mörderkind gegenüberzustehen.

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