Frauenblick: Auf dem Weg

Monika Wrzosek-Müller

Fast hatte ich den Eindruck, wir wären in Berlin eingeschlossen; der angekündigte Radius von 15 Km für die Bewegungsfreiheit ist alles andere als angenehm. In so einer Situationen sucht man sofort nach Ausgleich; den fand ich in einem kleinen Artikel in der italienischen Zeitung La Repubblica: Ein Weg „Kalabria cost to cost“ ist geboren, 55 Km lang, zwischen Dörfern, Städtchen und Natur. Ein „Cammino“, obwohl nicht als Pilgerweg ausgewiesen und gemeint, aber doch mit einem Pass und Abzeichen für die einzelnen Wegabschnitte versehen. Zehn Gemeinden und zwei Provinzen werden auf dem Wanderweg von Soverato nach Pizzo durchquert. Es kann das ganze Jahr über begangen werden. Zwei Jahre lang wurde an den Markierungen gearbeitet.

Der Weg beginnt an den schönen, weißen Stränden der Costa degli Aranci am Ionischen Meer und führt bis zum malerischen Pizzo, der sich auf der anderen Seite über den goldenen Stränden der Costa degli Dei am Tyrrhenischen Meer erhebt. Man durchquert das bergige Gebiet Kalabriens, geht durch schöne antike Dörfer – Petrizzi, San Vito und Monterosso – an weiten Feldern und Weingärten entlang, durch Olivenheine und Wälder mit Kastanien oder uralten Buchen. Auf dem Weg liegt auch ein herrlicher See (Antigola-See) im Preserre-Gebirge, hoch über dem Meer. Es gibt Ausblicke auf die Küsten beider Meere; die Steigungen sind auch manchmal anspruchsvoll. Das alles weit weg von den Touristenrouten, an ursprünglichen Landschaften vorbei.

Das brauchte ich als Ziel, als Vorgabe, weg von der grauen und wirklich verhängnisvollen Wirklichkeit der Pandemie. Träumen von den Landschaften, die ich so sehr liebe und in denen ich immer aufgehe. Ein Weg als Ziel ist immer hilfreich und zukunftsweisend, man kann ihm auch im Traum folgen, in der Vorstellung, ohne zu gehen. Ein Weg führt immer weiter, deswegen ist vielleicht die Vorstellung von einer Mauer, von Eingrenzung so verstörend und einengend. Jede gebaute Mauer versperrt den Weg, grenzt aus, sie sagt: bis dahin und nicht weiter. Zum Glück sind einige Mauern und Absperrungen gescheitert, gefallen oder aufgebrochen worden; in Amerika wird unter dem neuen Präsidenten die Mauer an der amerikanisch-mexikanischen Grenze nicht weitergebaut und die Berliner Mauer ist schon vor Jahren gefallen. Doch den langen Weg, den die Menschen aus dem Osten gegangen sind, sollte man nicht vergessen.

„Man fährt nicht mit dem eigenen Wagen vor das Tor eines Flüchtlingslagers – es ziemt sich nicht, so hatte Carl seinen Vater verstanden. Das war sein Respekt vor dem Vorgang der Flucht, deren Umstände im Ungewissen lagen. Vor allem aber, so sah es Carl, entsprach es seiner Gutgläubigkeit – einem Vertrauen darauf, dass ein bestimmtes (gutes, richtiges) Verhalten eine bestimmte (gute, richtige) Reaktion hervorrufen würde. Und vielleicht hatte er recht damit. Vielleicht brauchte man diese Formen von Demut und Buße, wenn man ein Flüchtling aus dem Osten war. So ungewöhnlich ihr Schritt, so chaotisch und gewagt das Ganze auch aussah, sie wollten es anständig machen. Sie wollten gute Flüchtlinge sein, was Carl das Herz abschnürte. Arme Eltern. Sie würden es niemals schaffen. Sie waren nicht kaltschnäuzig genug, hatten nicht Ellbogen dafür. Sie waren mit schlimmeren Dingen nicht vertraut, waren zu alt, zerbrechlich, verletzlich und schleppten einen großen schwarzen Kasten durch die Gegend.“ (Lutz Seiler, Stern 111, S.40).

Das Buch kreist um die Zeit der Wiedervereinigung und die Probleme, die sie mit sich bringt. Der Held und seine Eltern gehen scheinbar gegensätzliche Wege und doch landen sie alle im vereinten Deutschland. Es gibt Wege, die man immer nach oben geht, wenn auch unter Mühe, und solche, die mehr gradlinig und horizontal verlaufen, dabei nicht so viel Kraft und Mut erfordern, es existieren auch lauter Abstiege, die brauchen auch viel Durchhaltevermögen. Nicht alle haben die Kraft und nötige Ausdauer, den einen, richtigen Weg zu finden, manchmal reicht schon die Suche danach aus. Meine liebste Tante war dadurch nie ansässig geworden. Sie wohnte mal hier, mal da; niemals lange und niemals kümmerte sie, wie die Wohnung denn aussah, in der sie zufällig lebte. Auf jeden Fall nicht nach dem Prinzip: „May home is my castle“.

Die Anzahl der verschiedenen Pilger-, Wanderwege steigt stetig an; etwas treibt die Menschen an, unterwegs zu sein, sich auf den Weg zu machen, vielleicht unterwegs ganz nebenbei sich selbst zu finden. Ich persönlich bin weiterhin auf dem Weg, auch wenn es häufig Baustellen unterwegs gibt.

1 thought on “Frauenblick: Auf dem Weg”

  1. W Kalabrii 55 kilometrów, a tymczasem na Facebooku pojawiła się zachęta, by przejść najdłuższą pieszą trasę na świecie – 22 tysiące kilometrów. Sprawnemu zajmie to podobno niecałe dwa lata, ja bym pewnie potrzebowała trzech.
    Chętnie bym poszła, nie przerażają mnie ani czas, ani kilometry, tylko – granice państw. Przechodzi się przez 22 kraje! Ale jakby się ktoś ze mną wybrał?

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