1917: Das unmögliche Jahr
19. Januar 2017
Als Harry Graf Kessler, der Kulturflaneur, Weltbürger und Offizier, am 31. Dezember 1917 im noblen Restaurant des Berliner Hotels Kaiserhof zu Abend aß, musste er nicht hungern. Nur die Preissteigerung fiel ihm unangenehm auf: “Sylvesteressen für 25 M.: Gänseleberpastete, Schildkrötensuppe, Karpfen blau, Junge Pute vom Spiess mit Salat, Eisbecher. Recht gut und reichlich, wenn auch 25 M. mehr als das Doppelte des Friedenspreises ist.”
Das vergangene Jahr, daran war für ihn nicht zu zweifeln, habe den “grössten Umschwung in der Weltlage gesehen”, mit dem in diesem Ausmaß weder er noch andere hatten rechnen können. Mit der “russischen Revolution, dem russischen Frieden und der Einmischung Amerikas in Europa” sei es “eines der denkwürdigen Jahre der Weltgeschichte”.
Jedes Jahr des Ersten Weltkrieges brachte seine eigenen Herausforderungen und Umbrüche mit sich. Und doch war den Zeitgenossen Ende 1917 klar, dass sich eine besondere Zäsur andeutete, dass der Krieg in ein neues Stadium eingetreten war. Man spürte eine nach außen wie nach innen gerichtete Dynamik, die neue Möglichkeiten eröffnete und zugleich Katastrophen andeutete. Etwas veränderte sich, aber die Richtung war noch unklar, der Ausgang offen.
Das année impossible, das “unmögliche Jahr”, hat der französische Historiker Jean-Jacques Becker 1917 achtzig Jahre später genannt. Unmöglich waren die Belastungen, unvorstellbar die Opfer an den Fronten und in den Kriegsgesellschaften. Unmöglich schien es aber auch, die Ereignisse zu ordnen und abzuschätzen, welche Folgen die sich abzeichnende Verschiebung der politischen Gewichte und der Zerfall der alten Imperien – des Zarenreichs, der Habsburgermonarchie und des Osmanischen Reichs – haben würden.
Hundert Jahre später kennen wir dieses Gefühl nur zu gut. Im Rückblick sehen wir umso klarer: 1917 war tatsächlich, wie Kessler es ahnte, ein Jahrhundertjahr – und es wirkt bis in unsere Gegenwart hinein, denn viele der großen Konflikte und Hoffnungen des 20. und des noch jungen 21. Jahrhunderts liegen in ihm wie in einem Kern verdichtet.
Am Anfang steht der Schrecken des Stellungskrieges mit seinen immer weiter steigenden Opferzahlen. Zwar gelingt im Osten der Übergang zum Bewegungskrieg, was zum faktischen Sieg der Mittelmächte über Russland führt, im Westen aber bleiben die Fronten starr. Die Materialschlachten von 1916, vor Verdun und an der Somme (und an der Ostfront in Galizien), erzwingen neue Antworten, militärische wie politische.
Eine dieser Antworten ist die weitere Hochrüstung und Dynamisierung des Krieges, der nun vollends zum modernen Krieg des 20. Jahrhunderts wird – mit Bombardements aus der Luft, die immer weniger mit einem “ritterlichen Kampf” zu tun haben; mit der Ausweitung der U-Boot-Angriffe auf Versorgungskonvois; mit modernen Panzern, die am Ende des Jahres zum ersten Mal massenhaft gegen die deutsche Front eingesetzt werden.
Im Innern entwickelt sich der Krieg zu einem Test für den Zusammenhalt von Nationen und Gesellschaften. Im Deutschen Reich nehmen im “Steckrübenwinter” 1916/17 Unruhe und Unzufriedenheit massiv zu. In Großstädten weiden die Menschen auf der Straße die Kadaver erfrorener Pferde aus. Auf den Schwarzmärkten explodieren die Preise, Kriminalität gehört mehr und mehr zum Alltag. Die Ordnung des Kaiserreichs bekommt tiefe Risse.
In Frankreich nährt die äußerste Anstrengung für einen letzten großen Vorstoß im Frühjahr 1917 die Hoffnung auf ein nahes Kriegsende. Doch als die Offensive unter hohen Verlusten scheitert, schlägt die Enttäuschung in Protest um. In mehr als sechzig Divisionen meutern im Mai und Juni die Soldaten, während in der Heimat Tausende von Arbeitern – und vor allem Arbeiterinnen – demonstrieren und streiken. Es ist nicht Pazifismus, was die Franzosen aufbegehren lässt: Sie fordern faire, würdige Bedingungen, um den Krieg gegen die deutschen Angreifer und Besatzer fortzusetzen.
Während sich die meuternden Soldaten in Frankreich auf die Werte der egalitären Republik berufen, stellen die erschöpften und enttäuschten städtischen Massen in Russland die Ordnung des Zarenreichs grundsätzlich infrage. Am 15. März zwingen sie in Petrograd Nikolaus II. zur Abdankung. Siebzehn Monate später wird er auf Befehl der führenden Bolschewiki mitsamt seiner Familie ermordet.
Auch im Westen gibt es Neues
Anfang 1917 ist hingegen noch nicht ausgemacht, dass die Bolschewiki die Macht an sich reißen werden. Die aus der Februarrevolution hervorgegangene provisorische Regierung setzt unter der Führung von Kriegsminister Alexander Kerenski den Kampf an der Seite der Alliierten zunächst fort. Doch genau das gibt den Bolschewiki Auftrieb – worauf auch die deutsche Regierung setzt. Um das Zarenreich zu schwächen, schmuggelt sie im April den Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin aus dem Schweizer Exil nach Russland.
Mit dem Versprechen von Frieden, Brot und Land appellieren die Bolschewiki dort an Soldaten und Arbeiter. Mit Erfolg: Nach dem Scheitern der Kerenski-Offensive im Sommer löst sich der Zusammenhalt des russischen Militärs auf. Die Soldaten desertieren zu Tausenden, auch weil sie bei der Klärung der Landfrage zu Hause sein wollen.
Im Oktober schließlich nutzen die Bolschewiki die fortschreitende Auflösung staatlicher Strukturen zur Machtübernahme. Wenig später ziehen sie sich unter enormen territorialen Verlusten aus der Allianz gegen die Mittelmächte zurück. Die Weltrevolution, von der Leo Trotzki träumt, ist zunächst verschoben. Russland scheidet aus dem Krieg aus, weil Lenin erkennt, dass die Bolschewiki sich auf den Bürgerkrieg im eigenen Land konzentrieren müssen, wenn sie ihre Ziele langfristig durchsetzen wollen.
Auch im Westen gibt es Neues: Im April, Lenin ist gerade in Petrograd angekommen, treten die Vereinigten Staaten in den Krieg ein.
Diese Entscheidung hat mehrere Ursachen. Sie ist eine Reaktion auf den deutschen Versuch, mit dem unbeschränkten U-Boot-Krieg den Sieg zu erzwingen und die britische Blockade zu durchbrechen, die bereits Hunderttausende deutsche Zivilisten das Leben gekostet hat. US-Präsident Woodrow Wilson bringt aber auch eine eigene Agenda mit: 1917 übernehmen die USA eine neue welt- und europapolitische Rolle.
Indirekt haben die Vereinigten Staaten schon zuvor auf den Krieg eingewirkt. Großbritannien und Frankreich sind längst von amerikanischem Kapital und amerikanischen Kriegsgütern abhängig – so sehr, dass man im Frühjahr, zumal in London, alles daransetzt, die USA wenn nötig in diesen Krieg zu zwingen, um ihre militärischen und ökonomischen Ressourcen zu mobilisieren. Das hat allerdings seinen Preis: Es macht die Regierungen der europäischen Entente unter David Lloyd George und Georges Clemenceau viel stärker als bisher abhängig von der Politik Wilsons. Und dessen weltpolitische Konzepte werden die europäischen Kolonialmächte mindestens so sehr herausfordern wie Lenins Revolution.
Genau darin liegt die wohl wichtigste Wirkung dieses “unmöglichen Jahres”: Mit dem Machtwechsel in Russland und dem Kriegseintritt der USA zeichnen sich gleich zwei neue Ordnungsmodelle mit globaler Strahlkraft ab.
Bereits im Januar 1917 entwickelt der amerikanische Präsident seine Vision einer neuen Weltordnung, gegründet auf das Ideal nationaler Selbstbestimmung. Die “kleinen Völker” sollen auf einer Stufe mit den etablierten Mächten stehen: “Keine Nation sollte danach streben, ihr politisches System auf eine andere Nation oder ein anderes Volk auszudehnen”, verkündet er. Stattdessen solle jedes Volk “frei über sein politisches System, seine eigene Entwicklung bestimmen können, ungehindert, frei von Bedrohungen, unerschrocken, die kleinen Nationen an der Seite der großen und mächtigen”. Wilson will damit ausräumen, was er für eine Hauptursache des Krieges hält: die “Missachtung der Rechte von kleinen Nationen und Völkern, denen die Verbindungen und die Macht fehlten, ihre Ansprüche geltend zu machen und so ihre eigenen Bündnisse und politisch-konstitutionellen Formen zu bestimmen”.
Sein Appell findet ein gewaltiges Echo. Zuerst in den Bevölkerungen der multiethnischen Großreiche, in der Habsburgermonarchie, im Osmanischen Reich. Doch die neuen Ideale sind nicht nur ein Versprechen für Tschechen, Polen, Slowaken oder Araber, sondern auch für Inder, Chinesen und Koreaner. Sie stimulieren antikoloniale Bewegungen in Indien genauso wie in Ostasien und Afrika. Wilson avanciert zu einer Heilsfigur, überladen mit widersprüchlichen Erwartungen, die spätestens 1919 bei den Friedensverhandlungen kollidieren werden.
In London und Paris beobachtet man seine Ideen schon 1917 argwöhnisch, weil man eine Destabilisierung der eigenen Kolonialherrschaft in Afrika und Asien fürchtet. Und das in einem Moment, in dem Großbritannien und Frankreich mehr denn je auf Ressourcen und Soldaten aus ihren überseeischen Gebieten angewiesen sind, um den Krieg in Europa fortsetzen zu können.
Im November des Jahres legen die Bolschewiki ihr Programm vor. Auch sie erteilen der alten imperialistischen Geheimdiplomatie der europäischen Großmächte eine Absage – alle vom Zarenreich abgeschlossenen Geheimverträge mit der Entente werden offengelegt. Und ähnlich wie der US-Präsident bekennen sich auch die Bolschewiki zum Prinzip der Selbstbestimmung der Völker. Einen Krieg fortzusetzen, in dem “die starken und reichen Nationen die von ihnen annektierten schwachen Völkerschaften unter sich aufteilen”, verkünden sie, sei “das größte Verbrechen an der Menschheit”. Den Nationalbewegungen innerhalb des erodierenden multiethnischen Zarenreiches gibt dies enormen Auftrieb; der Zerfall des alten Imperiums schreitet rasant voran.
Eine kurze Atempause
Augenfälliger als solche Gemeinsamkeiten sind freilich die Unterschiede zu Wilsons Ideen: Anstelle demokratischer Interventionen im Namen von Kapitalismus und liberalem Internationalismus propagiert Lenin die Weltrevolution und den internationalisierten Bürgerkrieg – am Horizont scheint die Möglichkeit eines antikolonialen Befreiungskampfes in der ganzen Welt auf. 1917 deutet sich damit bereits jene Konstellation an, die den Kalten Krieg prägen wird.
Wie sehr Wilson fürchtet, dass die Bolschewiki die Deutungshoheit in diesem Ringen erobern könnten, zeigt sich am Ende des Jahres. Seine berühmten 14 Punkte vom Januar 1918 sind eine ideologische Offensive, um die Weltöffentlichkeit auf das Programm Washingtons einzuschwören. Was auch weitgehend gelingt: Während die Bolschewiki ihre Macht erst noch in einem blutigen Bürgerkrieg behaupten müssen, der auf russischer Seite in den kommenden Jahren mehr Tote fordern wird als der Weltkrieg bis zum Oktober 1917, erblicken die Menschen im “Wilson-Frieden” weltweit ein Hoffnungszeichen.
Kein fragiles Gleichgewicht egoistischer Machtinteressen mehr, sondern eine internationale Ordnung auf Grundlage von Selbstbestimmung und Freiheit, im Zeichen einer neuen Moral – dieses verheißungsvolle Versprechen wirft indes auch damals schon Fragen auf. Als sich Ende 1917 in Umrissen abzeichnet, was Wilson in Aussicht stellt, schreibt Thomas Mann: “Wir Menschen sollten uns nicht allzu viel Moral einbilden. Wenn wir zum Weltfrieden […] gelangen – auf dem Wege der Moral werden wir nicht zu ihm gelangt sein. Scheidemann sagte neulich, die Demokratie werde auf Grund der allgemeinen Erschöpfung reißende Fortschritte machen. Das ist nicht sehr ehrenvoll für die Demokratie – und für die Menschheit auch nicht. Denn die Moral aus Erschöpfung ist keine so recht erbauliche Moral.”
Zunächst allerdings wirkt Wilsons Programm keineswegs befriedend, sondern treibt die globale Expansion des Krieges voran. 1917 bringt eine Welle neuer Kriegserklärungen. Denn für viele Staaten gibt es auf einmal etwas zu gewinnen – vor allem einen Platz an den Tischen der Friedenskonferenz und damit eine Mitwirkung an der künftigen Weltordnung. Den USA folgen aufseiten der Entente zwischen April und November 1917 unter anderem Kuba, Guatemala, Siam, Liberia, China, Brasilien und Panama.
Auch im Nahen Osten herrscht Aufbruchstimmung. Das Osmanische Reich, verbündet mit Deutschland, steht Ende 1917 vor dem Kollaps – nicht zuletzt, weil die von den Briten geförderte arabische Rebellion gegen die osmanische Herrschaft erfolgreich ist. Im Dezember erobern britische Truppen Jerusalem. Es bleibt ein kurzer Triumph: Willkürlich gezogene Grenzen und die unvereinbaren britischen Versprechen an die Araber, die zionistische Bewegung und die eigenen Verbündeten werden dazu beitragen, die Region in das Pulverfass zu verwandeln, das sie bis heute ist.
Ein Frieden, ein Weltfrieden gar, ist 1917 in weiter Ferne – trotz aller Friedenssondierungen dieses Jahres. Erst machen die Abgeordneten des deutschen Reichstags einen Vorstoß, dann Karl, der neue Kaiser in Wien, schließlich Papst Benedikt XV. Aber alle Bemühungen scheitern, weil die militärische Situation offenbleibt und keine Seite die eigene Position schwächen will. Die deutsche Militärführung hofft angesichts des Ausscheidens Russlands umso mehr auf einen Siegfrieden – wenn die Menschen nur bereit sind durchzuhalten. Auch in Großbritannien und Frankreich mobilisiert man noch einmal alle Kräfte. Gerade angesichts der immensen Opfer der vergangenen vier Jahre gilt ein Kompromissfrieden als undenkbar, was zu einer paradoxen Selbstverlängerung des Kriegs führt: Je mehr Tote er fordert, desto bedingungsloser konzentriert man sich auf einen Sieg, der alle zurückliegenden Schrecken und Anstrengungen rechtfertigen muss.
Mehr und mehr ähneln die Regime und Kriegsgesellschaften Häusern, von denen nur noch die äußeren Wände stehen und die beim nächsten Einschlag in sich zusammenfallen können. “Der Sieger ist derjenige, der es schafft, eine Viertelstunde länger als der Gegner zu glauben, dass er nicht besiegt wurde”, schreibt Anfang 1918 der französische Kriegspremier Georges Clemenceau. Wer das sein wird, bleibt bis in den Spätsommer 1918 offen.
Harry Graf Kessler beobachtet im Dezember 1917 das sich abzeichnende Ende des Krieges in Osteuropa: “Heute treten in Brest-Litowsk die russischen und deutschen Bevollmächtigten zu Waffenstillstands-Verhandlungen zusammen”, notiert er in Erwartung einer “in so vielen Beziehungen weltgeschichtlichen Verhandlung”.
Für die Bolschewiki ist das Treffen eine kurze Atempause auf dem Weg von der Revolution zur Gründung der Sowjetunion. Deren Geschichte endete vor 25 Jahren kaum vierzig Kilometer vom Ort der Friedensverhandlungen entfernt. Dort liegt im Wald von Belowesch eine alte sowjetische Regierungsdatscha, in der sich am 8. Dezember 1991 der russische Präsident Boris Jelzin, Weißrusslands Parlamentschef Stanislaw Schuschkewitsch und der ukrainische Präsident Leonid Krawtschuk treffen, um die Auflösung der Sowjetunion zu beschließen. 1917 bis 1991, das war das sowjetische 20. Jahrhundert.
Und die Vereinigten Staaten? 1917 begaben sie sich in eine neue historische Rolle, die weltweit Hoffnungen weckte. Heute, hundert Jahre später, scheint es denkbar, dass diese Politik, dass das lange amerikanische 20. Jahrhundert zu einem Ende kommt. Ermessen können werden es nur künftige Historiker: Erst im Rückblick bilden sich die Maßstäbe, die aus der bloßen Chronologie der Ereignisse historische Epochen hervortreten lassen.

Jörn Leonhard