Metropolinnen zwischen Hof und Küche

aska-renka-rfAśka & Reńka werden in ein paar Tage in der Regenbogenfabrik lesen. Und ich hoffe, ihr kommt alle hin, alle, vor allem aber die anderen Autoren dieses Blogs, weil ich somit so etwas wie einen Stammtisch oder ein Kaffekränzchen “meiner” Blogschreibern statuieren möchte.

Mehr über unsere Autorinnen HIER und darunter erste Folge vom osteuropäischen Irrwitz!

AŚKA & REŃKA

UNSER KICK

REŃKA: Na, zuerst müssen wir erklären, wie wir aussehen, weil das weiss doch noch niemand.

AŚKA: Reńka sieht aus wie ne Dame. Im Mantel, voll elegant, als würde sie am Sonntag spazieren gehen, und sie geht doch nur ins KIK und Aldi, und das wichtigste: sie raucht diese dünne weisse Kippe, den ganzen Weg lang. Und wenn sie ausgeht, zündet sie sich sofort die nächste an.

REŃKA: Und Aśka ist kleiner, und schwarz, weil ich bin blond, und so kann man uns auseinander halten. Und sie geht in dieser Bluse, die ich ihr gekauft habe, in der schwarzen, zum Joggen, wo sie die Nacht mit geschlafen hat, und jetzt geht sie damit. Scham. Einfach Scham.

AŚKA: Also, weil wir jeden Samstag zu KIK gehen. Und normal ist es so, dass wenn es dieses KIK nicht gäbe, wäre es ’n Schwanz und kein Samstag.

REŃKA: Weil in diesem KIK können sogar wir uns erlauben, uns was zu kaufen. Weil dort alles ein Euro kostet oder auch weniger.

AŚKA: Und alles das geschieht folgendermassen: Dass Reńka die Tasche auf die Schulter nimmt, und die Flaschen zum Abgeben,

REŃKA: und Aśka zieht hinter sich her diese Reisetasche auf Rädern. Wir sehen zusammen aus wie Weiber aus Russland, wenn wir durch die Damaschkestrasse zur Kreuzung gehen.

AŚKA: Na und auf dieser Kreuzung sind Autos wie Schwanz, aber wir hauen einfach durch,

REŃKA: und Aśka bleibt in der Mitte der Kreuzung stehen und streckt ihre Hand, und das soll uns vor diesen Autos bewahren, die auf uns zufahren.

AŚKA: Und Reńka denkt, dass einer von ihnen letztendlichst auf uns rauffährt, einfach so, aus Prinzip.

REŃKA: Na, wenn es uns schon nicht raufgefahren ist, gehen wir weiter und Aśka denkt darüber nach, laut natürlich, woher diese ganzen Autos kommen.

AŚKA: Weil wie ist es möglich, dass alle diese Menschen so ’n Auto haben und Kasse dafür. Und in Urlaub fahren sie auch noch. Aber Reńka winkt ab:

REŃKA: Ach was, weil das sind gar nicht ihre Autos, sondern auf Raten gekauft, und eigentlich sollten die Bankbesitzer damit fahren, und in Urlaub fahren sie schon – aber nach Polen – damit es billiger ist. Weißt du nicht mehr? Wir haben sie doch mit eigenen Augen gesehen als wir in der Heimat waren, da waren auf dem Zeltplatz nur Deutsche.

AŚKA: Und der einzige Pole, der sein Zelt neben uns aufgeschlagen hat,

REŃKA: wegen dem Patriotismus und damit er sich sicherer fühlt,

AŚKA: schrie morgens um 6 schon zu seiner Frau, wie hoch der Euro steht, und dass wenn es so weiter geht, kommen die Deutschen zu uns nach Polen Kartoffeln buddeln und nicht zum Baden.

REŃKA: Sein Wagen hat er extra an ein Baum gekettet,

AŚKA: mit einer Kette, dick, wie für ne Kuh.

REŃKA: Und dann ist keine Zeit mehr zum nachdenken, weil dann KIK schon vor uns auftaucht.

AŚKA: Und das ist ein Wunder, dieses KIK, ganz einfach, weil das Leben hätte absolut keinen Sinn ohne dieses KIK, an diesem Samstag. Aber es gibt Grundsätze: dass jede von uns nur eine Sache kaufen darf.

REŃKA: Und Aśka, natürlich, hält sich nie an diese Regeln, weil sie muss alles lagermässig haben, und so kauft sie zehn rosane Kerzen.

AŚKA: Und Reńka kauft Höschen. Weil sie hat ne Psychose auf Schlaf-Höschen, und muss viel davon haben, und am besten Boxer-Shorts, und aber männliche.

REŃKA: Wenn wir schon gehen aus diesem KIK, diese Strasse hoch, zum Aldi, träumen wir, was wir uns so kaufen würden, wenn wir verdienen würden.

AŚKA: Ein Vollidiot fährt vorbei und hupt. Und Reńka sagt:

REŃKA: ich werde nie einen Deutschen heiraten, die kaufen doch alles auf Raten. Weil früher da hat das polnische Mädel sich n Deutschen aufgerissen, und alle waren neidisch, weil sie ja reich war. Und jetzt können diese Polnischen Mädels sich voll schneiden. Weil sie lernt so n Deutschen kennen, und freut sich, dass sie bis zum Lebensende nichts mehr machen muss, nur die Nägel lackieren, und dann kommt sie hierher, guckt, und er Hartz IV.

AŚKA: Und jetzt, endlich, stehen wir in diesem Aldi. Und Reńka jammert, dass wir hier einkaufen,

REŃKA: und in Polen ist das Essen nicht nur billiger sondern auch noch viel besser, und während wir hier sind, kaufen die Deutschen uns in Polen alles aus.

AŚKA: Weil Reńka hat es selber gesehen, wie fünf so Deutsche, klassisch, kurze Haare und Brillen mit Goldrand, ganze Säcke voll aus Polen rausfuhren:

REŃKA: jede hatte an die zehn Stück Butter, Brote, Wurst, saure Gurken, und soviele Schmerztabletten, als hätten sie drei Apotheken aufgekauft.

REŃKA: Und Aśka sagt,

AŚKA: dass wir doch aber nicht so bekloppt sind, um zur Grenze zu fahren und zurück, am Samstag, zum Einkaufen. Das ist doch Quatsch.

REŃKA: Und dann ist keine Zeit mehr zum Nachdenken,

AŚKA: weil wir uns diesen Zeitschriften nähern, die wir natürlich nicht kaufen.

REŃKA: Aber wir müssen einen Moment vor ihnen stehen, weil Aśka mag es sich vorstellen, dass wenn sie morgens in die Küche kommt, und ich sitze am Tisch, dass ich so ne „TIMES“ lese, damit ich ihr erkläre, worum es nun geht, in dieser Welt. Und ich lese doch gar keine Zeitung, und schon gar nicht auf englisch.

AŚKA: Und Reńka sagt, sie kann unsere Lage auch ohne die Zeitung erklären, weil sie weiss genau, worum es geht.

REŃKA: Weil jetzt kaufen die Polen die ganze billige Erde auf, in diesem Mecklenburg-Vorpommern, weil dort sind alle sehr arm, und noch ärmer als in Polen, und habe ’n Haufen Skins. Na also kaufen die Polen das ganze Land auf, billig wie Borschtsch, und noch sagen sie, dass sie auf diese Weise unser altes slavisches Land zurück zu dem Mutterleib führen. Weil vor langer Zeit, waren dort überall Slaven und Schluss. Und Aśka will wissen, ob ich damit sagen will, dass Mecklenburg-Vorpommern früher Polen war,

AŚKA: und Reńka denkt nach und sagt:

REŃKA: Irgendwie schon.

AŚKA: Und wenn wir aus diesem Aldi rauskommen, dann müssen wir wieder an dem Kik vorbeigehen. Na und natürlich gehen wir wieder rein, weil wir können es uns nicht verwehren.

REŃKA: Und auf einmal gucke ich und Aśka hält mir ne Hose hin, aus Polyester, dass garantiert der Arsch drin schwitzt, und in der Farbe braun und in einer Farbnuance, die an Durchfall erinnert, und mit freudiger Miene verkündet sie mir,

AŚKA: dass diese Hose nur ein Euro kostet.

REŃKA: Also sag ich ihr sanft, dass die Hose ihr zu klein sein wird. Und sie mir daraufhin:

AŚKA: Na, das macht doch nix, das kann man doch heute kaufen und morgen wegschmeissen.

REŃKA: Und genau das ist es:

REŃKA
UND AŚKA: UNSER KICK.

aska_und_renka_rauchen_netzWeitere Folgen folgen 🙂

Unser Fest

Aśka & Renka

Auf der Flucht vor Weihnachten hat Aśka (to nie ja, Joasia, to TA KATASTROFA AŚKA!!!) das wichtigste vergessen…

…um doch noch zu erzählen, wie Aśka und Renka den 24. Dezember verbracht haben, schickt Joasia UNSER FEST, als email, als doc, als odt, als pdf, und mit Foto noch dazu… (aber erst am 26. Dezember, als alle Tage schon von anderen Autoren belegt sind – Anm. EMS)

…und im sinne dieser christianischen Vergebung, wo Jesus heute doch 2 Tage alt ist, vergeben wir auch dieser Aśka? (unter uns gesagt ist Jesus schon nicht nur 11 Tage alt, sondern auch schon beschnitten, was die Kirche am Neujahr gefeiert hatte. Aber die Geschichte ist auch mit Verspätung schön und amüsant. Mit ihr geht unser Christmas-Zyklus vorerst zu Ende, es sei denn auch Dorota noch etwas schreibt. – Anm. EMS)

UNSER FEST

RENKA:        Na weil das war so: Aśka kommt nach Hause und schreit:

AŚKA:           „Du, Renka, Rachela, meine alte Mutter, ist einfach abgehaun nach Israel, und hat uns n Hunderter dagelassen, und an der Klagemauer betet sie jetzt, und die denkt noch, dass du hier so n Weihnachten für alle machst, nicht nur für deine Familie, sondern für meine dazu, weil du doch immer alles machst.“

Und RENKA leuchten die Augen:

RENKA:        Jesus, ein ganzer Hunderter in einem Stück, das hab ich seit ich lebe in diesem deutschen Lande, auf Augen nicht gesehen. Das ist doch ein Wunder, das grösste Wunder der Welt. Guck, der Hunderter ist grün! Und das hab ich nicht gewusst.

AŚKA:            Auf einmal wird Renka weiss wie die Wand, weil jetzt muss sie doch machen diese 13 Gerichte, so wie normal man das in der Heimat macht, zu Weihnachten

RENKA:        das ist doch Gottes Geburt und nicht irgend ein Furz.

AŚKA:            Weil Renka, die ist vom Dorf, wo die noch haben heilige Bilder auf allen Wänden, sogar im Flur hinter der Tür

RENKA:        und nur weil wir hier leben entschuldigt nicht, dass es keine 13 Gerichte gibt. Das ist doch ein Muss, weil als ich 12 war, da hab ich den Papst getroffen, live, als er damals in Polen war, und er, normal, hat mich auf die Stirn geküsst. Und meine Mutter hat mir verboten, die ganze Woche, diese Stirn zu waschen und alle wollten mich anfassen.

AŚKA:            Ee, Renka, lass locker, wir sind doch hier in diesem deutschen Lande, hier glaubt doch niemand an Gott, und an diesen dein Papst, an den glaubt hier nicht mal der hinkende Hund.

RENKA:        Du Aśka, lieber lästerst du nicht, sonst wächst dir ein Herpes auf der Zunge, du weißt doch nicht mal, wie er hieß, unser Papst, der hieß nämlich doch Karol Wojtyła, und sogar Du Aśka, du bist doch Polin, und denkst, der hieß mit Vornamen Johannes und mit Nachnamen Paul.

AŚKA:            Und Renka denkt schwer nach:

RENKA:        Aber Aśka, irgendwie Recht hast du, hier glaubt doch niemand an Gott.

AŚKA:           Und Renka fällt ein, die hat sich mal verlaufen, auf eine deutsche Messe.

RENKA:        Und dort standen drei Leute, in dieser riesigen Kirche, und singen konnte keiner davon. Und wie die mich hier jeden Tag beschimpfen als Katholikin, ständig muss ich ihnen beglaubigen, dass ich normal bin. Und wenn ich mich hübsch anziehe, weil ich in die Kirche gehe, fragen sie mich, ob ich heute Geburtstag hab.

AŚKA:            Und Renka nervt sich maximal:

RENKA:        Die sollen mich doch küssen, du weißt schon wo, und wenn ich diese 13 Gerichte mache, lachen die mich noch aus. Und daraufhin trifft Aśka ein Blitz der Erleuchtung:

AŚKA:            Hör zu, machen wir doch einfach ein jüdisches Fest, weil meine jüdische Familie die kommt bestimmt, und wenn wir nicht befriedigen die koschere Fraktion, kommt noch so n Dibbuk in uns, oder schlimmer… nimmt uns Rachela diesen wunderschön grünen Hunderter zurück.

RENKA:        Du Aśka, das hau du dir mit einem Gummihammer aus deinem Kopf, das ist doch Jesus Geburt, und wer war für die Juden Jesus? Na, normal, ein Betrüger. Und ausserdem, Aśka, sieh die Sache rational: so n Hunderter, der reicht nur für n Aldi, und nicht für so n koscheres Geschäft. Und Aśka verschluckt sich fast:

AŚKA:            Die Rachela lässt uns hier mit diesem einsamen Hunderter zurück und selber fliegt sie nach Israel? Soll die sich doch selber machen ihr koscheres Fest! SIE hat doch den orthodoxen Menopausentick, dass ihr unbeschnitten kommt keiner ins Haus. Und sieht sie ein Doppel-s, und im Deutschen gibt’s viel davon, die ganze Zeit denkt sie an die SS.

RENKA:        Und wir werden ganz trübsinnig und unsere Köpfe lassen sich hängen, weil gleich kommen diese unsere Gäste,

AŚKA            und was, sollen sie diesen grünen Hunderter essen?

RENKA:        Und aufeinmal springt Aśka fast unter die Decke:

AŚKA:            Du, Renka, ich hab, normal, eine Idee, aber welche: machen wir es so wie in diesem deutschen Land, im Sinne dieser ihrer Integration!

RENKA:        Was? Kaufen, kaufen, sich vollfressen und sich verstreiten, und dann noch so tun, als wäre alles Wunderglück – oh nein, mit mir nicht.

AŚKA:            Du Renka, Recht hast du, aber leise, unsere Wände haben doch Löcher, und wenn die hier dich hören, geben die mir nie Hartz IV.

RENKA:        Und in der Damaschkestrasse 24, verliert das Leben seinen Sinn,

AŚKA:            und beide wollen wir sterben,

RENKA:        und zwar sofort.

AŚKA:           Komm Renka, wir machen kein Fest, wir gehen schlafen, und wenn sie an die Tür klingeln, machen wir nicht auf, als wären wir in Polen oder tot.

Und Renka wird noch untröstlicher:

RENKA:        Und was? Sollen wir Rachela geben diesen wunder-grünen Hunderter zurück?

AŚKA:            Oh nein, nur über unsere Leichen. Weil wann sehen wir wieder so n grünen Hunderter in einem Stück?

RENKA:        Und plötzlich klingelt es an der Tür und schon kommen die Gäste:

AŚKA:            unser Moslem aus Bosnien, aufgebrezelt wie zum Impfen,

RENKA:        im Anzügchen a la Broz Tito, diesem Parteibonzen von den Jugos.

AŚKA:            Und dann, zum Ausgleich, der israelische Soldat,

RENKA:        voll und so schwankend, als geben die in dieser israelischen Armee zu enge Schuhe aus.

AŚKA:            Gleich danach, die langweiligeren Gäste, fünf nicht praktizierende Katholiken,

RENKA:        fett eingeflogen, total high, direkt aus Amsterdam.

AŚKA:            Und zum Ausgleich, dank Rachela, der angenähte Onkel Abraham,

RENKA:        wo Aśka den nie auf Augen gesehen hat.

AŚKA:            Und in dieser unserer Bude in der Damaschke 24, wurden plötzlich fünf Sprachen gesprochen,

RENKA:        normal, der Babelturm,

AŚKA:            nur ist nichts schlimmes daraus erwachsen.

RENKA:        Weil  wir habens noch mit dem Hunderter ins Aldi geschafft, und Renka hat schnell noch 200 Pieroggis geklebt

AŚKA:         und niemand hatte so tolle Weihnachten,

RENKA:     die besten in der Welt 

weihnachten bei renka und askaUnd sogar hat sich herausgestellt, was koscher ist: die Giraffe, ja, aber das Zebra schon nicht mehr, weil es Hufen hat.

Persische Gattin

hochzeit5Renata Borowczak-Nasseri publizierte bei uns ihre Geschichten aus dem Leben einer persischen Gattin. Sie sammelte sie jetzt zusammen, bearbeitete sie. Aus den Lebenserfahrungen wird Literatur. So ist eine Radiosendung entstanden. Sie wurde am 14. November gestrahlt.

Anna heiratet in Deutschland schlicht und standesamtlich Ahmed, einen Iraner. Dann fährt sie mit ihm in sein Geburtsland, um die Verwandten kennen zulernen. Sie wird als Ahmeds Ehefrau mit Respekt und Zuneigung behandelt. Doch auf einer Erkundungsreise durch den Iran muss Anna feststellen, dass ihre deutsche Heiratsurkunde nicht zählt.

Nicht einmal ein gemeinsames Hotelzimmer darf sie mit Ahmed beziehen, ohne die Rezeptionistin zu gefährden. Anna und Ahmed müssten nach hiesiger Sitte heiraten – vor einem Mullah. Aber dann könnte Anna ohne das Einverständnis ihres Mannes nicht mal das Land wieder verlassen. Obwohl Ahmed seit über 40 Jahren in Deutschland lebt, wird Anna bei diesem Gedanken mulmig zumute.

Und überhaupt: Wie lebt es sich eigentlich als persische Gattin? Anna lässt sich von den Frauen ihrer neuen Familie erzählen – besonders ihre Schwiegermutter, eine lebendige Dame von 84 Jahren, erweist sich als wahre Scheherezade.

***

Liebe Leser(innen) – leider ist der Link zur Sendung nicht mehr aktuell. Schade.

Der glücklichste Tag

DER GLÜCKLICHSTE TAG

Drehbuch eines Kurzspielfilmes

Renata Borowczak-Nasseri

1.  AUSSEN. HINTERHOF EINES ZWEIFAMILIENHAUSES.  TAG

1. Mai, 1986. BURG. Sachsen-Anhalt

Monika (6), blondes, welliges Haar, saubere, weiße Bluse, dunkelblauer Rock, weiße Kniestrümpfe, rote Sandalen, um den Hals ein rotes Pionier-Tuch, sitzt auf einer Bank im Hof, neben ihr ein kleines Kätzchen mit zitternden Beinchen. Monika streichelt das Kätzchen und flüstert in sein Ohr.

MONIKA

Ich krieg heute ein Eis und Zuckerwatte, weißt du? Mama hat gesagt: ich darf dich nicht auf den Schoss  nehmen, sonst machst du mir die Bluse dreckig!

Plötzlich, durch ein  angelehntes Fenster des heruntergekommenen, winzigen Einfamilienhauses, hört man einen Streit. Monika setzt die Katze vorsichtig neben der Bank ab, ihre Gesichtszüge sind plötzlich angespannt. Sie geht zum Fenster, legt die Hände auf das Fensterbrett, zieht sich hoch, versucht durch das Fenster ins Innere des Zimmers zu schauen. Monika hört einen kurzen Aufschrei, hört jemandem weinen. Sie zieht sich mit aller Kraft hoch:

***

Monikas MUTTER (28), sehr hübsch und schwarzhaarig, in einer rosafarbenen Bluse und weißem Rock, steht in der Ecke des Zimmers, eine Hand auf der Wange, Augen und Gesicht vom Weinen nass und gerötet. Auf dem Tisch eine Wodka-Flasche, zwei leere Gläser. Monikas VATER (30),  in einem schmutzigen Unterhemd, sitzt am Tisch. Zwischen Mutter und Vater steht HERMANN (32) in Milizuniform, versucht zu schlichten. Der Vater trinkt ein Glas Wodka auf Ex.

VATER

(provozierend)

Ist mein Geld, das ich hier vertrinke! Was dagegen?! He!?

Der Vater gießt Wodka in Hermanns Glas.

VATER

Trink! Sind wir Kumpels, oder was?

Hermann zögert kurz, dann kippt er den Alkohol herunter. Die Mutter schaut den Vater herausfordernd an.

MUTTER

Du hättest nie heiraten sollen, nie ´ne  Familie haben! Du hast es versprochen!

Die Mutter stürzt nach vorne, greift zur Wodkaflasche, der Vater stellt sich ihr in den Weg, sie ringen miteinander, Hermann greift ein.

Monikas Augen weiten sich vor Entsetzen, sie atmet unruhig, die Finger rutschen vom Fensterbrett ab. Monika stürzt auf den trockenen Sandboden im Hof. Sofort steht sie auf und klopft den Sand vom Rock ab. Plötzlich greift jemand ihre Hand. Monika richtet sich auf, schaut hoch – es ist die Mutter, ihr Gesicht ist immer noch verweint, die Lippen zusammengepresst. Die Mutter zieht Monika hinter sich her, zum Gartentor, auf die Straße.

2. AUSSEN. 1. MAI FEST. MARKTPLATZ IN. TAG

Stände mit Zuckerwatte, Bier und Eis. Jugendliche in weißen Hemden, Pionieruniformen und roten Halstüchern spazieren, stehen Schlange, manche halten rote, manche DDR-Fahnen, rote Papiernelken, rote Luftballons in den Händen. Dazwischen ältere, festlich gekleidete Leute,  ein paar russische Soldaten, manche sichtbar angetrunken.

Hinter den Bäumen auf einer Anhöhe sieht man die Burg, von dort her hört man Marsch-Musik herüberklingen. Monika und ihre Mutter stehen vor einem Eisstand. Die Mutter ist in Gedanken versunken, das Gesicht traurig, sie hält Monikas Hand. Plötzlich wird sie von einem der russischen Soldaten geschubst. Der SOLDAT (20) betrachtet die Mutter von Kopf bis Fuß, ihre weibliche Figur, die langen, schwarzen, glänzenden Haare.

SOLDAT
(russisch)

Kakaja krasavica, ja bym tak s taboj, uh!
(Was für ne Puppe, ich würde mit dir, uh!)

Monika schaut den Soldaten neugierig an. Er trägt einen Bürstenschnitt, Soldatenstiefel, eine grüne Uniform, das Hemd ist auf der Brust aufgeknöpft. Er ist groß und kräftig gebaut. Der Soldat stellt sich neben die Mutter, zwei andere russische SOLDATEN lachen auf,  der Soldat lacht laut mit. Die Mutter hält krampfhaft Monikas Hand, zieht sie mit sich, sie entfernen sich schnell von dem Eisstand.

SOLDAT
(russisch)

Kakaja delikatnaja, poszla ty, poszutit nie moschna!
(Was für eine Mimose, geh doch, man kann nicht mal einen Witz machen!)

MONIKA
(kann kaum mit der Mutter Schritt halten)

Mutti, und mein Eis? Du hast es doch versprochen! Ich will mein Eis!

Die Mutter stellt sich in die Schlange vor dem Zuckerwattestand.

MUTTER

Willst du nicht eine Zuckerwatte? Die ist schön süß.

Monika klatscht in die Hände und springt vor Freude in die Luft. Plötzlich wird sie ernst.

MONIKA
(resolut)

Gut, dass Vater doch nicht mitgekommen ist.
Er hätte eh alles versoffen.

3. AUSSEN. AN DEM FLUSS. NACHMITTAG

Monikas Finger sind klebrig von der Zuckerwatte. Die Mutter steht am Fluss, beugt sich vor, nimmt zwei Hände voll Wasser und wäscht Monikas Hände.

Ein junges, verliebtes Paar geht Händchen haltend an ihnen vorbei, verschwindet in dem nahegelegenen Wäldchen.

Die Mutter nimmt Monikas Hand, geht in Richtung eines Waldpfades. Monika schlurft ihr hinterher. Einer ihrer weißen, vom Staub schmutzigen Kniestrümpfe ist heruntergerutscht.

MONIKA

Mama, meine Beine tun weh. Ist Vater schon… Dürfen wir schon nach Hause?

MUTTER
(leise, mehr zu sich selbst als zu Monika)

Ja, ich glaube, ich  hoffe… wir können.

MONIKA

Und singst du mir das Soldatenlied?

MUTTER

Das ist doch für Jungs, Moni, nicht schon wieder!

MONIKA

Bitte, Mama, bitte!

MUTTER
(singt)

Wenn ich groß bin, gehe ich zur Volksarmee,

MONIKA
(singt mit)

Ich fahre einen Panzer ratata, ratata. Ich fahre einen Panzer ratatata
Wenn ich groß bin, gehe ich zur Volksarmee, ich steige in ein Flugzeug…

Monika und die Mutter verschwinden hinter der Kurve.

4. AUSSEN. WALDPFAD, IN DER NÄHE DER LANDSTRASSE. ABENDDÄMMERUNG

Monika und die Mutter gehen den steilen Weg hinauf. Aus einiger Entfernung hört man Geräusche von fahrenden Autos.

MONIKA

Mama, ich kann nicht mehr.

MUTTER

Noch ein paar Schritte, du bist doch kein Baby mehr, ich trag dich bestimmt nicht Hucke Pack!

Plötzlich das Geräusch eines auf den Boden geschmissenen Fahrrades. Monikas Hand wird aus der Hand ihrer Mutter gerissen. Alles passiert sehr schnell.

In Großaufnahme Monikas verdutztes, erschrockenes Gesicht:

***

Das Hinterrad des Fahrrades dreht sich schnell, rattert. Ein kräftiger Rücken, umspannt von einem grünen Soldatenhemd, Bürstenschnitt. Die Mutter liegt rücklings auf dem Boden. Der entblößte, weiße Oberschenkel der Mutter. Der von Anstrengung gerötete, fleischige Nacken des Soldaten. Das entsetzte Gesicht der Mutter. Aus der aufgeplatzten Lippe der Mutter rinnt Blut. Die Hand des Soldaten zerrt den weißen Rock hoch. Ein Strumpfhaltergürtel kommt zum Vorschein. Der Mund der Mutter vom Schrei verzerrt. Die Hand des Soldaten presst sich auf ihren Mund, ihr Schrei verstummt.

Monika steht daneben, wie versteinert,  die Augen weit aufgerissen.

MONIKA

Mutti! Mutti!

Plötzlich stürzt  sich Monika auf den Soldaten, sie schlägt mit ihren kleinen Fäustchen auf seinen Rücken und auf seinen Kopf ein. Der Soldat verscheucht sie wie eine lästige Fliege. Monika erblickt sein Gesicht und erkennt ihn. Es ist der Soldat, den sie auf dem Markt gesehen haben. Der Soldat versucht die Mutter auf den Mund zu küssen, die Mutter tritt um sich, ringt mit ihm. Monika rennt in Panik um das auf dem sandigen Boden liegende Paar herum.

MONIKA

Mutti! Mutti!

Plötzlich hört Monika das Motorengeräusch eines auf der Landstraße fahrenden Autos, sie lauscht, schießt hoch, läuft in Richtung Landstraße.

Die kleinen Füße in den roten Sandalen und den weißen, staubigen Kniestrümpfen wirbeln Staub auf. Monika atmet schwer, läuft aber weiter. Sie läuft den Weg hoch in Richtung Landstraße. Man hört wieder den Motor und das Fahrgeräusch eines auf der asphaltierten Landstraße fahrenden Autos. Monika stolpert, stürzt auf die Knie, steht sofort wieder auf, läuft weiter, läuft schneller, läuft, läuft…

5. AUSSEN. AM STRASSENRAND. LANDSTRASSE. ABEND

Monika kommt auf der Landstraße angelaufen. Sie schaut nach links, nach rechts: die Straße ist leer. An der Landstraße entlang führen Gleise, ein Zug nähert sich, Monika springt hoch, winkt hektisch. Monika sieht im Fenster des Zuges eine Frau, ihre Blicke treffen sich, die Frau winkt zurück, lächelt, der Zug rauscht vorbei, verschwindet. Monika lässt die Arme sinken. Plötzlich hört sie das Geräusch eines Automotors, ein Wartburg kommt um die Kurve gefahren. Monika winkt hastig, aufgeregt.

MONIKA
(schreit)

Meine Mutti, meine Mutti!

Der Wartburg, mit einer vierköpfigen Familie an Bord, fährt vorbei ohne anzuhalten, verschwindet hinter der Kurve. Monika schaut prüfend in Richtung des Waldpfades, von hier aus kann sie die Mutter nicht sehen. Sie schaut wieder auf die Landstraße. Am Straßenrand fährt ein MANN (55) auf einem Fahrrad. Monika läuft auf die Straße, fast vor das Fahrrad.

MONIKA
(schreit aufgelöst)

Meine Mutti, meine Mutti, da ist ein Mann, da ist ein Mann, da!

Der Mann hält an. Monika zeigt Richtung Pfad.

MANN

Was ist los?! Was ist los meine Kleine?

MONIKA

Meine Mutti, da, auf dem Boden. Sie ist da! Und ein Mann! Er tut ihr weh!

Monika rennt los, zu dem Pfad. Nach ein paar Schritten hält sie inne, dreht sich zu dem Mann um. Der Mann folgt ihr, das Rad schiebend. Monika beruhigt sich, läuft weiter, der Mann steigt auf das Fahrrad, überholt Monika. Schnell fährt er den Pfad hinunter.

6. AUSSEN. PFAD. ABEND

Monika läuft auf die Mutter zu. Der Mann mit dem Fahrrad steht neben der Mutter. Die Mutter verschämt, die Lippe aufgeplatzt, das Gesicht blutverschmiert, schüttelt den Staub und das Gras vom Rock ab. Der Soldat ist verschwunden. Monika schmiegt sich mit dem ganzen Körper an die Mutter. Die Mutter umarmt Monika, greift  ihre Hand, streichelt ihr zärtlich das Haar, küsst sie auf beide Wangen.

MANN

Alles in Ordnung? Hat er Ihnen was angetan?

Die Mutter schüttelt heftig den Kopf, verneint.

MANN

Ich begleite sie bis zur Landstraße,
man muss die Miliz verständigen… eine Anzeige erstatten, oder so…

Die Mutter schüttelt heftig den Kopf. Die Mutter, Monika auf dem Arm, geht  den Pfad hinauf. Der Mann, den Kopf gesenkt, schiebt sein Fahrrad, läuft nebenher. Sie schweigen.

7. AUSSEN. STRASSE. ABEND

Der Mann steigt auf das Fahrrad, entfernt sich. Die Mutter schaut hinter ihm her, setzt Monika vorsichtig auf dem Gehweg ab.

DIE MUTTER

Monika, jetzt kannst du selber laufen…
komm her, ganz nah zu mir, verdeck mich ein bisschen,
damit man den schmutzigen Rock nicht so sieht.

Bluse und Rock der Mutter haben Grasflecken und sind staubig.

MUTTER
(leise zu Monika)

Komm dichter `ran, dichter `ran.

Monika gehorcht schweigend, versucht so dicht wie möglich an der Seite ihrer Mutter zu gehen.

MUTTER
(flüstert vor sich hin)

Die Nachbarn, die Nachbarn… wenn sie das sehen…

8. AUSSEN. HOF DES EINFAMILIENHAUSES. ABEND

Monika und die Mutter sitzen dicht nebeneinander auf der Holzbank im Hof. Die Mutter bewegungslos, leicht nach vorn gebeugt, mit stumpfem Gesichtsausdruck.

Der Vater, zerzaustes Haar, das Gesicht von Alkohol und Schlaf gerötet, läuft vor der Bank auf und ab, wie ein Tiger im Käfig. Plötzlich bleibt er stehen, beugt sich zur Mutter herunter.

VATER
(zu der Mutter)

Sagst du`s mir endlich, oder nicht?!

Monika schmiegt verschreckt die Wange an den Arm der Mutter, lugt ängstlich zum Vater hoch. Der Vater greift Monikas Arme, zieht sie an sich heran, schaut ihr prüfend in die Augen.

VATER
(gespielt zärtlich)

Monika, sag dem Papi, was ist mit Mutti passiert?…

(plötzlich wird seine Stimme ganz scharf)

Na los!

(er schüttelt Monika kräftig)

Rede endlich!

Monika schüttelt den Kopf, schweigt beharrlich, dreht den Kopf zur Seite. Die Mutter starrt apathisch ihre Hände an, die auf ihrem Schoss liegen. Der Vater hebt die Hand, wie zu einem Schlag. Monika folgt dieser Handbewegung mit erschrockenem Blick.

VATER
(schreit die Mutter an)

Wer hat das getan?! Wo?!

MONIKA
(hastig)

Er hatte ein Fahrrad, so ein Mann! Ein Soldat!
Und… er hat Mutti auf den Boden geschmissen.

Monika spielt die Situation nach, der Vater packt sie wieder an den Armen, schüttelt sie leicht.

VATER

Wo? Monika, wo ist das passiert, mein gutes Mädchen, wo war das?

MONIKA

Am Fluss, im Wald.

Die Mutter schluchzt leise.

MUTTER

Er hat mir nichts getan… wegen dem Strumpfhaltergürtel… er kam nicht ran. Frag den Schmidtke, der hinter der Kaserne wohnt. Monika hat ihn geholt… dann ist der abgehauen. Frag ihn, wenn du mir nicht glaubst…

VATER
(zu Monika)

Moni, war das ein Soldat?

MONIKA

Ja, ohne Haare und er hatte so ein Hemd und eine Uniform. Wie die in der Kaserne… So Stiefel…

Der Vater steht eine Weile unbeweglich da, die Hände auf Monikas Armen. Plötzlich schaut er sich um, sucht den Hof ab: er sieht den Baum, das Fass mit dem Regenwasser unter der Rinne, die Schaukel. Sein Blick fällt auf ein an die Hauswand angelehntes altes Fahrrad.

Der Vater geht energisch auf das Fass zu, taucht seinen blonden, lockigen Kopf in das Regenwasser, taucht auf, schüttelt sich, wie ein nasser Hund. Das Wasser rinnt seinen Hals herunter, auf das Unterhemd.  Der Vater schnappt sich das Fahrrad, springt auf, verschwindet hinter dem Tor. Das schwere Tor fällt krachend ins Schloss.

9. AUSSEN. HOF DES EINFAMILIENHAUSES. ABEND

Es ist dunkel geworden. Die Holzbank nur von einer Lampe vor der Haustür beleuchtet. Die Mutter sitzt immer noch bewegungslos da, den Kopf gesenkt, die Hände auf dem Schoss, Monika eng an sie geschmiegt, die Augenlieder fallen ihr zu.

MONIKA
(flüstert)

Mutti, gehen wir ins Haus, mir ist kalt.

Die Mutter reagiert nicht, starrt ihre Hände an, glättet mit einer nervösen Geste ihren Rock.

Plötzlich das Geräusch des auffliegenden Tores. Der Vater kommt mit dem Fahrrad angefahren. Die Mutter zuckt zusammen. Der Vater schmeißt das Fahrrad auf den Boden, in der Hand hält er ein Bündel. Der Vater wirft das Bündel auf den Boden,  der Mutter vor die Füße, setzt sich neben die Mutter auf die Bank, nimmt sie in die Arme.

VATER

Dieses Schwein greift keine Frau mehr an. Ich hab` ihm alle Zähne ausgeschlagen, mit ‘m Fußtritt!

Die Mutter schmiegt sich an den Vater, weint. Der Vater drückt sie an seine Brust, streichelt ihr Haar. Monika rutscht von der Bank, hockt sich neben das Bündel. Es ist das grüne Soldatenhemd, befleckt mit einer braunen Flüssigkeit. Monika greift das Hemd mit zwei Fingern, aus dem Hemd fallen blutige Zähne. Monika zuckt entsetzt zusammen, zieht die Hand zurück, setzt sich schnell zu der Mutter auf die Bank, drückt sich an ihren Rücken. Alle drei: Monika, die Mutter und der Vater verharren eine Weile in der zärtlichen Umarmung.

10. INNEN. MILIZWAGEN. VOR DEM HAUS. NACHT

Monika sitzt auf dem Schoss eines MILIZBEAMTEN (26), lacht. Ihre Hände halten das Lenkrad, sie spielt Autofahren.

MILIZBEAMTER

Und jetzt sanft in die Kurve. Los! Brrr und wir düsen!

Monika lacht vergnügt. Der Milizbeamte schaltet das Fernlicht an, die Straße wird hell.

MILIZBEAMTER

Und jetzt gib Gas und wir fliegen!!!

Der Vater sitzt auf dem Rücksitz. Neben ihm Hermann, der Milizbeamte, mit dem er vor paar Stunden Wodka getrunken hat. Hermann hält einen Notizblock in der Hand, klopft mit einem Stift darauf.

HERMANN

Die Russen sind total sauer.

Hermann nimmt das blutbefleckte Soldatenhemd in die Hand.

HERMANN
Das ist Körperverletzung mit bleibenden Schäden! Jetzt sag mir, ganz ernsthaft, was verdammte Scheiße,  hast du noch mit ihm gemacht?

MILIZBEAMTER

Schrei nicht so rum vor dem Kind!

Monika scheint es nicht zu hören, ihre ganze Aufmerksamkeit schenkt sie den Knöpfen auf dem Armaturenbrett des Milizwagens.

HERMANN
(zum Vater)

Spuck` s endlich aus!

Der Vater zuckt mit den Schultern, aus dem Augenwinkel schaut er zum Hemd.

VATER
(leise)

Ich habe ihn am Fluss erwischt. Ich hatte so eine Stinkwut. Nach dem er sie…. Der saß da, ganz ruhig, hat Bier getrunken, der Arsch! Ich bin auf ihn los, damit hat er nicht gerechnet, so ein Bulle, so ein Schwergewicht, um die 100 Kilo…

MONIKA
(ohne das Spiel zu unterbrechen)

Und mein Papa hat ihm alle Zähne ausgeschlagen, mit EINEM Fußtritt!

HERMANN
(zum Vater)

Stimmt das?

VATER

Meine Fresse, ich glaub, alle sind raus, der braucht ne neue Kauleiste!

MILIZBEAMTER

Wenn er mit meiner Uschi so… gut hast du das gemacht! Keine Frage! Ich hätte es nicht besser machen können!

HERMANN
(zu dem Milizbeamten)

Halt den Mund!

VATER

Die Zähne waren in dem Hemd, ich weiß nicht, wo die hin sind, hab ich irgendwie verloren. Vielleicht im Hof…

HERMANN

Scheiß auf die Zähne, jetzt im Dunkeln werden wir sie bestimmt nicht suchen.

MILIZBEAMTER

Wohl kaum!

HERMANN

Da hast du dir schön was eingebrockt.  Mann o Mann, Scheiße. Jetzt musst du die Fresse halten, als ob nichts passiert wäre. Wir warten mal ab. Die Russen haben auch Schiss. Mal ehrlich, wenn die Kleine nicht da gewesen wäre, hätte er sie vergewaltigt.

Hermann streckt seine Hand aus, der Vater ergreift sie, ein kräftiges Händeschütteln unter Männern.

HERMANN

Und deine Moni, Alter, frech und gescheit!  Besser als ein Junge! So eine hätt ich auch gern.

11. AUSSEN. AUF DER STRASSE VOR DEM HAUS. NACHT

Der Vater steigt aus dem Streifenwagen. Der Milizbeamte reicht ihm Monika. Der Vater hebt Monika hoch, wirft sie hoch in die Luft, fängt sie wieder auf. Monika gluckst vor Freunde.

VATER
(stolz)

Mein Blut!

Monika legt die Hände um den Hals des Vaters. Die Milizbeamten im Wagen lächeln und winken. Der Vater, Monika auf dem Arm,  geht auf das Haustor zu. Hermann kurbelt das Autofenster herunter.

HERMANN
(ruft)

Hej, kommst du später zum Goldenen Krug?

Hermann hebt die Hand wie zum Trinken.

Der Vater bleibt stehen, zögert, verneint dann aber mit einem entschiedenen Kopfschütteln.

VATER

Nein! Heute nicht!


Anmerkung der Autorin:

Die Gewalt, vor allem sexuelle Übergriffe, durch die in der DDR stationierten russischen Soldaten, waren nicht nur unmittelbar nach dem Krieg, sondern auch noch in den 80-er und 90-er Jahren an der Tagesordnung. Im Jahr 1989 wurden allein in Burg (Sachsen-Anhalt) drei Frauen vergewaltigt , vier weitere fielen einer versuchten Vergewaltigung zum Opfer, die allein dadurch verhindert werden konnte, dass  Passanten auf sie aufmerksam wurden und die Frauen fliehen konnten.

Die russische Kommandantur unternahm alles, um die Taten der Soldaten zu vertuschen: Die Opfer wurden eingeschüchtert, es gab sogar Bestechungsversuche.

Ein dunkles Kapitel der DDR-Geschichte, dem bisher nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde.

Anmerkung der Redakteurin:

Renata Nasseri fertigte im Sommer 2014 einen 14-minutigen-Spielfilm nach dieser Geschichte. Ich war dabei als eine Comparsin. Der Film ist sehr gut.

Gottes Schuh – Boży but

Po polsku i po niemiecku / Auf Deutsch und auf Polnisch

Kolejny film Renaty Borowczak, tym razem o naiwnym artyście, Stanisławie Zagajewskim z Włocławka. Nächster Film von Renata Borowczak – über einen naiven Künstler aus polnischen Włocławek.

Stanislaw Zagajewski habe ich im Winter 2004 besucht. Der unscheinbare Künstler, der damals in einem bescheidenen Häuschen in Wloclawek, Polen, lebte, wollte zuerst nicht erlauben, dass ich über ihn den Kurzfilm “Der Schuh Gottes” drehe. Als er erfahren hat, dass ich den langen Weg aus Berlin zurücklegte, stimmte er zu.

Ich habe einen Tag mit ihm, seinen Hunden und seiner Kunst verbracht. Schon damals, als er noch lebte (er starb 2008), hatte er ein eigenes Museum in Wloclawek. Die Skulpturen haben solch eine enorme Kraft, dass man am liebsten Eine mit nach Hause nehmen möchte.

Stanislaw Zagajewski war ein Autodidakt, und ein Genie. Obwohl er nicht mal genau sagen konnte, wann er geboren wurde (man schätzt sein Geburtsdatum auf das Jahr 1927), als Waisenkind von Nonnen großgezogen wurde und nicht mal eine elementare Ausbildung genoss, verzauberte mit seinen ausdrucksvollen, kompromisslosen Tonskulpturen. Seine Werke werden in Warszawa, Katowice, Torun und  Lausanne ausgestellt.

***

Odwiedziłam Stanisława Zagajewskiego zimą 2004 roku. Artysta mieszkał wówczas w małym domku we Włocławku. Początkowo nie chciał się zgodzić na propozycję, że nakręcę o nim film krótkometrażowy “Boży but”. Zgodził się,  gdy dowiedział się, że przyjechałam specjalnie do niego aż z Berlina.

Spędziłam cały dzień z nim, z jego psami i z jego sztuką. Już wtedy, gdy artysta wciąż jeszcze żył (zmarł w roku 2008), we Włocławku znajdowało się jego muzeum. Jego rzeźby mają siłę i najchętniej człowiek zabrałby jakąś do domu.

Stanisław Zagajewski był samoukiem. I geniuszem. Nie był w stanie powiedzieć, kiedy się urodził, ale ocenia się, że było to w roku 1927. Osierocony, wychowywał się u sióstr zakonnych i nie otrzymał nawet podstawowego wykształcenia. Był wspaniałym rzeźbiarzem, a jago gliniane dzieła są magiczne, mocne i bezkompromisowe. Jego prace znajdują się w zbiorach muzealnych w Warszawie, Katowicach, Toruniu i Lozannie.

Doru

Renata Borowczak-Nasseri: Doru (eine Radiosendung)

Musik

 Szene 1

Doru (erzählt):  Ich heiße Doru, bin 13 Jahre alt und komme aus Rumänien, deswegen nennten  mich alle  hier: “Dorumäne”. (Geräusche einer Großstadt-Straße, Autos fahren, hupen) Das hier ist meine Kreuzung.

(Geräusch- Autos bremsen)

Doru: Bitte, bitte, helfen bitte!

(eine Münze fällt klirrend in einen Plastikbecher, dann eine zweite und dritte)

Doru (erzählt): Am Anfang, als ich nach Deutschland gekommen bin, war ich sehr traurig, und habe meine Omi vermisst, aber jetzt finde ich es toll hier, weil ich jeden Tag bei Mc Donald esse!  Und immer, wenn ich ein bisschen traurig bin, schaue ich in meinen Taschenspiegel, welchen ich von meiner Omi bekommen habe, und gleich fühle ich mich besser. Da in dem Spiegel, wohnt mein Freund, er heißt auch Doru, so wie ich. Ich weiß, ihr denkt, dass ich doof bin, und in dem Spiegel mein eigenes Gesicht sehe. Aber ich weiß ganz genau, dass ich es nicht bin, weil immer wenn ich etwas klauen will im Supermarkt oder so, oder aber habe eine andere super coole Idee, schüttelt der Doru im Spiegel traurig den Kopf und verzieht sein Gesicht.

Erzähler:  Doru zückt aus seiner Hosentasche den Spiegel und produziert damit Lichtflecken auf einem aus Stahl und Glas gebauten Wolkenkratzer. Plötzlich blendet ihn die Sonne, die sich in der Glaswand des Hochhauses wiederspiegelt und Doru sieht vor seinen Augen sein Dorf in Rumänien, wie er auf einem gelben Fahrrad sitzend durch ein Kornfeld zu seiner Omi fährt. Die Ampel springt auf grün und die Autos fahren los. (Geräusche: Autos fahren, hupen)  Aber  Doru steht immer noch mitten auf der Kreuzung, sein Blick auf den Lichtfleck gerichtet. Wiktor, ein Geschäftsmann in Anzug und Krawatte, hat es heute sehr eilig. Sein Wagen fährt schnell auf die Kreuzung zu. Doru spielt mit seinem Taschenspiegel, ein Lichtfleck fällt auf Wiktors Gesicht und blendet ihn.

Geräusch: eine Bremsung, ein Reifenquietschen und ein Knall eines Körpers gegen die Karosserie eines Autos, 5 Sekunden Stille.

(laute Rufe)

Frau: Er ist überfahren worden, der Kleine oh, Gott! Hilfe! Polizei! Er hat den Jungen überfahren!

Mann: Ja, einer in Anzug und Krawatte. In einem grünen Nissan! Er hat den Jungen überfahren … und ist abgehauen!

Geräusch: die Sirene eines Krankenwagens.

Erzähler: Aus dem Krankenwagen kommt ein Arzt in weißem Kittel, bahnt sich den Weg durch die Menschenmenge. Doru liegt auf dem Asphalt, bewegt sich nicht.

Arzt: Gehen Sie zur Seite. Schwester, die Tragbahre! Schnell!

Erzähler: Doru wird vorsichtig auf die Bahre gehoben. Ein Polizist kommt, holt einen Notizblock heraus.

Polizist: Ich muss ein Protokoll aufsetzen. Wieder so ein kleiner Zigeuner, armes Ding!

Geräusch: die Bahre wird in einen Krankenwagen geschoben.

Arzt: Wir wissen nicht, ob er ein Roma ist.

Polizist: Wie alt mag er sein? Zehn?

Krankenschwester (kommt angerannt, keucht, aufgeregt): Herr Doktor, der Patient! Er ist nicht da, er lag gerade noch auf der Bahre und jetzt ist er verschwunden!

Arzt: Wie verschwunden?! Unmöglich! Er muss sofort ins Krankenhaus!

Musik wie oben (Ausblende)

Szene 2

Erzähler: Es ist vollkommen dunkel.

Geräusch: Tiefes Ein- und Ausatmen eines schlafenden Menschen, Schnarch -Geräusche, plötzlich ein Schmatzen, ein Rascheln

Wiktor: Oh mein Kopf, der tut höllisch weh.

Doru: Kein Wunder.

Wiktor: Ich fühle mich, als ob ich etwas gerammt hätte.

Doru: Ja, mich!

Wiktor (beunruhigt): Wer ist da?! Wo bin ich?

Doru: Bei dir zu Hause, im Schlafzimmer.

Geräusch: Rascheln, jemand versucht sich im Bett aufzurichten, vergeblich

Wiktor: Aber ich sehe nichts!

Doru: Dann, mach die Augen auf!

Erzähler: Wiktor macht langsam die Augen auf, zuerst das rechte Auge, dann das Linke, das Licht blendet ihn. Wiktor liegt auf einem Bett, in Schuhen, Krawatte und Anzug.  Doru sitzt auf Kopfhöhe hinter Wiktor, seine Beine sind fest um Wiktors Brust geklammert. Würde Wiktor aufstehen, würde Doru Huckepack auf seinen Schultern sitzen. Wiktor berührt Doru´ s Knie. (Geräusch: Doru kichert) Wiktor schreckt zurück.

Wiktor: Was ist das? Wer bist du?

Erzähler: Wiktor erhebt sich mühsam, auf seinem Rücken sitzt Doru. Wiktor streckt zögernd die Hand und berührt Doru´s Körper.

Doru: Hör auf, das kitzelt!

Erzähler: Wiktor schreckt wieder zusammen.

Wiktor (ängstlich, verwundert): Zum Teufel. Was geht hier ab!?

Doru (ruhig): Ich bin Doru, und werde auf deinen Schultern sitzen bist du meine Schwester gerettet hast! Sie ist in Ruslan´s Händen und er hat einen gefährlichen Hund und selber ist er auch ganz gefährlich. Du musst sie finden und zu Omi nach Rumänien bringen, (drohend) aber heil!… (traurig) Sie ist noch klein und jetzt… sie kommt alleine nicht zurecht!

FiveYearsGirlOnBeachInBlackSeaErzähler: Wiktor hüpft und reckt sich, versucht Doru abzuschütteln. Doru umklammert mit seinen Beinen fest Wiktors Brust.

Wiktor: Du, Kollege, runter mit dir! Verdammt! Was geht hier ab?!

Doru: Du musst Ouana retten, erst dann komme ich runter!

Wiktor (sauer): Das werden wir noch sehen! Warte mal! Ich werde dich abschütteln, wie… wie reife Pflaumen vom Baum!

Erzähler: Wiktor nimmt Anlauf und prallt mit dem Körper gegen die Wand.

(das Geräusch  des prallenden Körpers)

Wiktor: Au!

Doru: Du musst Ouana retten!

Wiktor:  Ouana, was ist das überhaupt für ein Name?

Erzähler: Wiktor nimmt noch mal Anlauf, plötzlich sieht er sein Spiegelbild in einem großen Spiegel an der Wand. Mit Erstaunen sieht er Doru auf seinem Rücken Huckepack sitzen, der Junge ist mager, schwarzhaarig, hat große abstehende Ohren und trägt sehr abgenutzte Tennisschuhe. Wiktor tritt verwundert an den Spiegel heran, seine Augen werden so groß wie Suppenteller.

Wiktor: Heiliger Strohsack!

Erzähler: Wiktor dreht sich schnell von seinem Spiegelbild ab.

Geräusch: Eine Tür fällt ins Schloss. Schritte – hochhackige Schuhe.

Anika: Hallo Liebling, bist du da? Beeile dich, sonst kommen wir zu spät zum Abendessen!

Wiktor (ängstlich): Das ist Anika, meine Freundin.

Erzähler: Wiktor versteckt sich hinter der Schlafzimmertür.

Doru: Keine Angst, sie kann mich nicht sehen. Außer Dir, können das nur sehr kleine Kinder, sonst niemand.

Musik wie oben (Ausblende)

 

Szene 3

Geräusche: Gespräche am Tisch, Geschirr klirrt.

Erzähler: Wiktor, seine Freundin Anika und ihre Freunde sitzen an einem festlich gedeckten Tisch, sie essen. Wiktor schafft es nicht gerade zu sitzen. Doru, der auf seinen Schultern sitzt, ist so schwer, dass Wiktor ab und zu von seinem Stuhl herunter gleitet.

Anika (zischt): Wiktor reiß dich zusammen, hast du zu viel getrunken?

Wiktor: Mir ist schlecht, ich muss auf die Toilette.

 

Szene 4

Geräusch: Toilette spülen.

Erzähler: Wiktor steht  im Bad. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtet er Doru im Spiegel. Doru ist müde.

Geräusch: Doru gähnt.

Wiktor: Das ist unmöglich, das ist nicht wahr.

Doru: Doch, doch.

Wiktor: Ich bin verrückt geworden oder ich träume.

Doru: Hör doch auf, du bist Puddel-Wach.

Wiktor: Wie ist das mit dir? (Pause) Lebst du, oder nicht?

Doru: Du hast mich überfahren, also bin ich tot.

Wiktor: Wie kannst du dir so sicher sein? Du redest doch mit mir.

Doru: Ich glaube, ich bin tot, weil Ruslan mich noch nicht gefunden hat.

Wiktor: Ruslan? Wer zum Kuckuck ist Ruslan?

Doru: Er findet immer einen. (Doru lacht auf) Ruslan ist doof, er dachte Stettin liegt in Deutschland, und jedes Schulkind weiß doch, dass es in Polen ist. Und außerdem esse ich jeden Tag mit Ouana bei Mc Donald und er merkt das nicht! Mein Vater hat Geld von ihm bekommen für mich und meine Schwester und ich sollte hier arbeiten, mir ein gelbes Fahrrad kaufen und einen Pulli mit Käseausschnitt und  neue Schuhe… Ich stehe auf Adidas, weißt du. Und da du mich überfahren hast, wird wohl nichts aus meiner Karriere.

Wiktor: Ich wollte dich nicht überfahren, das war ein Unfall. Hörst du? Das wollte ich nicht. Du hast mitten auf der Straße gestanden.

Doru:  Und du bist zu schnell gefahren. Na gut, vergessen wir das. Das wichtigste ist: du musst meine Schwester retten. Ruslan hat Ouana, er ist… Er wird sie schlagen, wie mich, und andere Kids. Ich bin erwachsen und mir macht es nichts aus, aber sie ist klein! Sie kommt alleine nicht zurecht. Du wirst sie zu Omi nach Rumänien bringen.

Wiktor:  Ich habe keine Zeit für so was. Ich habe einen Job, muss arbeiten! Außerdem was geht mich das Ganze an? Komm runter! Sonst schüttle ich dich selber ab.

Doru (ruhig): Versuch mal.

Geräusch: Ein Klopfen an der Tür.

Anita (durch die Tür): Wiktor, geht´s dir gut? Lass den Unsinn, komm da raus, sofort!

Doru-Fortsetzung


Die Trans und die Skins

Renata Borowczak-Nasseri

Die Trans und die Skins

Autobahn… Motorgeräusch eines alten Mercedes Cabrio, der über eine Autobahn rast. Der Trans-Mann, Claudio, lächelt, sein kurzes Haar flattert im Wind. Er schaut auf die platte branderburgische Landschaft.

CLAUDIO

Wie schön das ist.

TOBIAS (ebenfalls ein Trans-Mann)

Schön und öde gleichzeitig!

Tobias rutsch hin und her neben Claudio auf dem Hintersitz mit lächelnd strahlendem Gesicht, und singt mit zu “Sunny” von Boney M., der im Autoradio läuft. Tobias trägt ein Heavy Metall T-Shirt und weite im Schritt hängende Hip Hop Hose.

TOBIAS

(schreit glücklich) Wie ich diese Musik hasse!

Tobias schubst Claudio.

TOBIAS

Sing mit!

CLAUDIO

(mit krätzenden Stimme) Kann nicht!

Claudio beugt sich nach vorne zu Helga, einer Trans-Frau Mitte 50, die riesig, wie ein Holzfäller ist, und eine blonde Mähne trägt.

CLAUDIO

Hey Helga, alles Fit im Schritt!

HELGA

Was?!

Der Wind macht ein starkes Geräusch, man hört kaum was.

JASMIN, (eine Trans-Frau, Mitte 30-ig, stark geschminkt uns sehr schlank)

Bei dir vielleicht? Ich hab ja da nichts mehr!

Alle lachen in die Runde. Claudio klopft Helga auf die Schultern.

CLAUDIO

Lass mich die Karre fahren! Habe heut´ Geburtstag!

TOBIAS

Heute, echt?

Helga lacht auf.

HELGA

Du hast Geburtstag, so wie ich ne Jungfrau bin.

Helga hält an der Straßenseite. Steigt aus.

HELGA

(zu Claudio) Mach schon, du bist wieder geboren, zum neuen Leben.

Claudio springt aus dem Wagen, läuft zu dem Fahrersitz, setzt sich ans Steuer. Claudio startet abrupt los, fährt schnell, viel schneller als erlaubt. Jasmin veranstaltet vorne eine Art Bauchtanz.

TOBIAS

Das ist ja bescheuert!

Helga legt ihre Hand auf Tobias Oberschenkel, nimmt sie aber sofort weg.

HELGA

Die ist wieder 16! Mach die Pubertät Revue passieren! Weißte was ich da gemacht habe? Vor sechs Jahren? Als ich mit den Hormonen angefangen habe?

Claudio dreht sich im Fahren nach hinten, schreit:

CLAUDIO

Was denn?!

HELGA

Blaue Schrippen habe ich vom Bäcker geholt, so war das Leben bunt!

***

Wiese vor einem Schloss.

Wiesen_bei_Gramkow

Der Schloss wirkt geheimnisvoll in der Abenddämmerung: die Rissen auf den Wänden, das große Wappen, Rotlicht im unterstem Etage und Kellerfenster. Claudio schaut ins Feuer. Über dem Feuer werden Würstchen gebraten, der Speck fließt zischend in die Flammen.

Die Tür des Schlosses geht auf, eine DOMINA (30) in voller Montur geht raus, an dem Arm eines Mannes, KLAUS (55), gelehnt.

CHRISTIAN, ein magerer Mann (50) mit lockigem blondem Haar, der Besitzer des Schlosses, blickt in ihre Richtung.

CHRISTIAN

Nicht´s gegen Kunden, aber dieser ist echt eine versaute Sau.

DOMINA

(aus Entfernung) Feierabend! Klaus bringt mich nach Hause.

CHRISTIAN

(murmelt leise) War schon Zeit.

Christian steht auf und winkt zum Abschied. Er trägt eine weiße eng anliegende Bluse, ein Ballerina Kleidchen und weiße Strümpfe.

CHRISTIAN

Die Leute wissen nicht, was ihnen entgeht, wenn sie so rumficken. Jedem ist ein Mensch bestimmt, und man spürt das, wenn man auf ihn trifft.

Claudio starrt Christian an.

CLAUDIO

Das denke ich auch.

Christian streichelt den Rock glatt.

CHRISTIAN

Ich habe darüber das erste Mal auf einem Workshop über Prädestination in Indien gehört. Und ich glaube das. Niemand geht an den eigenen Schicksaal vorbei.

Helga, Jasmin, Tobias und Claudio sitzen still, lauschen dem Knistern des Feuers.

Plötzlich hört man Zweige knacken, Geräusche aus dem Wald, Rufe. An dem Waldrand erscheint in dem Licht des Feuers ein SKIN: glatzköpfig, mit Bombenjacke, Springerstiefel, in der Hand hält er einen dicken Zweig. Mit festen Schritten kommen hinter ihm her noch zwei andere Skins. Claudio unterdrückt einen Schrei, er versteckt sich hinter der riesigen Helga.

CLAUDIO

(flüstert)  Scheiße, Zähne sind teuer.

Er hört ein Lachen. Alle lachen um die Runde, die Skins auch. Der SKIN mit dem Zweig – JENS (23) schmeißt den Zweig ins Feuer. Er klopft Christian stark auf die Schulter.

JENS

Na, hat er euch schon mit seiner Prädistinationsgehirnwichserei zugelabbert?

Christian schaut seinen Sohn tadelnd an, er wendet sich an Claudio.

CHRISTIAN

Der mit der großen Klappe – das ist Jens, mein Sohn, und das sind seine Kumpels Günther und Vale.

Jens küsst Jasmin auf beide Wangen, dann geht er zu Helga, flüstert ihr etwas ins Ohr, Helga lächelt. Jens beugt sich  zu Claudio.

JENS

Oh Pardon, du bist andersrum. Männer küsse ich nicht.

Günter und Vale schmeißen die Zweige ins Feuer.

VALE

(zu Christian) Ist eine Wurst für uns übrig und ein Bierchen?

Christian holt zwei Flaschen aus einem Wassereimer, schmeißt eine nach der anderen zu Vale und Günther.

GÜNTHER

(zu Claudio) Hast du gedacht, wir hauen hier alles kurz und klein?

Jens nimmt einen ordentlichen Schluck aus seiner Bierflasche.

JENS

Das ist nicht unser Kampf.

Er beugt sich und kitzelt Jasmin, sie lacht laut auf.

GÜNTHER

Wir mögen die Mädchen hier!

Jens setzt sich zu Tobias. Schaut ihn von Kopf bis Fuß unverhohlen an.

JENS

Bist du auch andersrum?

TOBIAS

(zwinkert ihm zu) Rate mal…

Vale streckt seinen Finger, Claudio merkt auf der Handoberfläche einen tätowierten Hackenkreuz.

VALE

(herausfordernd zu Claudio) Alles was wir wollen ist Gerechtigkeit und Arbeit. Und hier gibt´s keine Arbeit, und keine Chancen, gegen keine Chancen kämpfen wir.

CLAUDIO

Schon gut, ich verstehe…

Jasmin sitzt am Feuer hält den Kopf von Günther auf ihrem Schoß, die Musik von Rammstein “ Mein Herz brennt” erklingt. Claudio schaut traurig ins Feuer, er hat gerötete Wangen, danebenliegen viele leere Bierflaschen. Claudio zieht an seiner Zigarette.

Jens und Tobias gehen leise an ihm vorbei. Er dreht nach ihnen den Kopf, sie verschwinden  im Schloss. Er nimmt hastig paar Züge, inhaliert den Rauch. Helga rutsch zu ihm. Claudio verschränkt die Arme von seiner Brust. Helga beugt sich zu ihm und flüstert.

HELGA

Du bist mein Beuteschema.

Claudio schaut erschrocken Helga ins Gesicht. Dann ins Feuer. Er richtet sich um aufzustehen. Helgas Hand zieht ihn runter. Claudio klappt auf den Po, verschränkt noch mal die Arme. Schaut zu Helga rüber. Helgas Kopf hängt traurig.

HELGA

(ohne Claudio anzuschauen) Schon gut, ich wollte dir keine Angst machen… Aber versuchen kann doch jeder, ok?

Claudio sitzt eine Weile starr da, dann nickt er. Sie sitzen beide still und schauen ins Feuer.

CLAUDIO

(seine Stimme zittert) Ich weiß nicht, wie ich das Ganze machen soll.

Helga nimmt einen Zweig, schmeißt ins Feuer. Der Zweig fängt schnell Flammen.

HELGA

Wir alle wissen es am Anfang nicht…. Wir helfen dir, du bist hier bei uns gut aufgehoben. Zuerst die Hormone, dann Antrag auf die Vornamensänderung, die Richterin kenne ich… dann die OP.

Claudio rutsch näher zu Helga.

CLAUDIO

Ich will nicht, dass mein…, meine Familie davon weiß.

HELGA

Wir werden es niemandem sagen. Es ist ein Tabu für uns. Jeder regelt das, wie er will.

CLAUDIO

Danke.

HELGA

Wofür?

Claudio steht auf.

CLAUDIO

(verlegen) Ich gehe mal, wegen Tobi, nachschauen.

Helga schaut zu Claudio hoch, sagt ernst:

HELGA

Danach gibt es keinen Weg zurück. Du wirst gehänselt, verprügelt, findest keinen Job, vielleicht keinen Partner, aber… es lohnt sich.

Claudio dreht sich von ihr weg, zuerst geht er langsam, dann rennt er die letzten Meter zum Schloss die Anhöhe hoch.

***
Aus Wikipedia – weißt jemand Besseres darüber, soll uns wissen lassen – Bitte!

Transmann (kurz „TM“) ist eine Bezeichnung für Transsexuelle und Transgender der Richtung Frau-zu-Mann
Transfrau (oder Kathoey) ist eine Bezeichnung für Transgender der Richtung Mann-zu-Frau.

Heute/Dziś
17 czerwca 1953 – pierwsze powstanie robotnicze w Bloku Wschodnim
Istniejąca niespełna cztery lata Niemiecka Republika Demokratyczna (NRD) przeżyła w czerwcu 1953 swój pierwszy wstrząs polityczny. Strajki, demonstracje i rozruchy w ponad 700 miejscowościach stłumiła Grupa Wojsk Radzieckich. Dzięki temu u władzy utrzymał się komunistyczny rząd Otto Grotewohla. Jednak Niemiecka Socjalistyczna Partia Jedności (SED) (…) poniosła ciężką porażkę polityczną. (Wikipedia: http://pl.wikipedia.org/wiki/Czerwiec_1953_-_powstanie_robotnicze)