Eine protestantische Pfarrfamilie in schwierigen Zeiten (3)

Brigitte von Ungern-Sternberg

München

Eines Tages 1951 brachte das Auto des Dekans, das nur ansprang wenn mehrere Leute es anschoben, die Pfarrersfamilie zum Kulmbacher Bahnhof. Die Fahrt mit der Dampflok, die mir endlos vorkam, ging nach München, wo mein Vater als Pfarrer an die Erlöserkirche nördlich des Siegestor im Herzen von Schwabing versetzt worden war.


Wieder bezogen wir eine D i e n s t w o h n u ng    in einem Haus, das irgendwie an eine Burg erinnerte. Ich sah beim Einzug eine Art Turm und mich schon als Bewohnerin eines Turmstübchens. Es war eine fake Turm, der ein sehr raumgreifendes Treppenhaus bekrönte. In der Wohnung gab es 6 geräumige Zimmer und im Dachbereich zwei kleinere Mansarden, einen Balkon, eine Dachterrasse angrenzend an    1907 eingeweihte Erlöserkirche,    auch einen großen Garten.    Die 3 Generationen-Familie mit Eltern, 3 Jungen, 3 Mädchen und 2 Großtanten fand ausreichend Platz in dieser Wohnung, die in dem beliebten Viertel Schwabing, auf dem freien Markt unbezahlbar gewesen wäre.


Nichts in der Einrichtung war allerdings modern oder gar luxuriös. Es gab eine mit Koks zu befeuernde Etagenheizung, kein warmes Wasser in Küche und Bad, kein Kühlschrank, keine Waschmaschine, geradezu ‚vormodern‘.

Das ‚Wirtschaftswunder‘ bewirkte, dass sich die Wohnzimmer vieler Familien mit Schrankwänden und Polstergarnituren füllten, mit dem Fernseher und einer Musikanlage im Zentrum. Im Wohnzimmer der Pfarrwohnung Ungererstraße 15 gab es einen langen Esstisch für 10 Personen – das war’s. Alle hatten einen Leserausweis für die öffentliche Bibliothek, es wurde also gelesen und nicht ferngeguckt und viel miteinander gespielt: Karten, Brettspiele, Monopoly… Im Garten gab es Federball, Tischtennis, Ballspiele und mit den Kindern des kirchlichen Umfelds Geländespiele, in die auch Ruinengrundstücke einbezogen wurden.

Die Familie war in Bereiche gegliedert: das ‚Amtszimmer‘ meines Vaters, in einer der Mansarden das ‚Tantenstübchen‘, in Zimmer, die von den Jungen bewohnt wurden, und solche für die Mädchen. Meine Mutter war irgendwie überall, sie hatte kein eigenes ‚Reich‘.

Die Brüder gingen in das renommierte humanistische Maxgymnasium, ausschließlich von Jungen besucht, und lernten Griechisch und Latein. Wir Schwestern gingen in ein Mädchen-Realgymnasium und lernten ‚nur‘ Latein. Koedukation wurde in den 50-er Jahren nicht gefördert, sie wurde lange Zeit auch nicht angefordert. Somit gab es in meiner Familie eine Sphäre der Brüder und eine solche der Schwestern.

Und das war natürlich prägend für die Selbsteinschätzung und auf lange Sicht für den beruflichen Werdegang. Für die Brüder ging es ziemlich eindeutig in eine akademische Laufbahn, meine Schwestern und ich haben nach dem Ende der Schulzeit lange gesucht und experimentiert, uns immer wieder neu erfunden. Nicht so einfach. Ein Rollenvorbild gab es nicht

Nur in einem Bereich ging es egalitär zu. Alle Kinder mussten im Haushalt mithelfen, Geschirrabwaschen, Putzen, Einkaufen, einen Wäschesack mit Leiterwagen zu einer Wäscherei befördern… da gab es to-do Listen und es wurde argumentiert, wenn man sich ungerecht behandelt fühlte.

So erlebte ich das Ende meiner Grundschulzeit, die neun Jahre Gymnasium, lernte Klavierspielen, wurde konfirmiert, und besuchte die Tanzstunden… Das Pfarrhaus war offen für Freunde, es war religiös geprägt aber nicht bigott, irgendwie sogar liberal. Man las was man wollte, sah im Kino die Filme, die in der Altersgruppe angesagt waren, hörte auch die einschlägige Musik, durchlitt die pubertären Jahre. In München gab es für jede Richtung ein Angebot und die sich wandelnde Gesellschaft von den Adenauerjahren der 50-er in die beginnenden 60-er Jahre war der Hintergrund der sich entwickelnden Interessen und Selbstfindung.


Dann kam das Jahr 1968 und mit dem Mai der erste Höhepunkt  der ‚Studentenbewegung‘, in München einige Jahre zuvor eingeleitet durch die ‚Schwabinger Krawalle‘. Mein Vater gab aus gesundheitlichen Gründen seine Stelle auf, bekam einen Tätigkeitsbereich in der kirchlichen Verwaltung…
Damit kam auch das Ende der D i e n s t w o h n u n g. Denn diese war ja an die Pfarrstelle einer Kirche gekoppelt. Mein Vater musste selbst eine Wohnung mieten, fand auch eine im Stadtteil Nymphenburg. Diese Wohnung reichte für meine Eltern, eine Großtante und meine zwei Schwestern also 5 Personen.

Meine Brüder und ich suchten und fanden Zimmer in Schwabing und wurden schlagartig selbständig. Ich war 24 Jahre alt – es war wirklich Zeit aus dem Elternhaus d.h. der D i e n s t w o h n u n g auszuziehen und ein eigenes Leben zu beginnen in untergemieteten Zimmern und in einer Wohngemeinschaft.

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